ThGl 22 (1930) 305 - 316
Die Stammesentwicklung nach dem
gegenwärtigen Stande
der Forschung
von Religionslehrer Dr. Joseph Peitzmeier in Warburg i. Westf.
Die Forschung über die Stammesentwicklung der Organismen (Phylogenese) hat
in den letzten Jahrzehnten in ruhigere Bahnen eingelenkt. Die Zeit, in der man
das Problem der Entwicklung für leicht durchsichtig und leicht lösbar
betrachtete, in der man auf Grund mangelhaften und falsch gedeuteten
Beweismaterials metaphysische Folgerungen ziehen zu können glaubte, sind
vorbei. Vor allem hat sich auch bei ungläubigen Forschern die Überzeugung Bahn
gebrochen, daß die Entwicklungslehre den Monismus in keiner Weise stützen
kann, wie Haeckel wollte. Es hat eine Zeit ruhigen, experimentellen Arbeitens
und sorgfältigen Vergleichens eingesetzt, und jetzt kann man auf Grund des
vorliegenden ungeheuren Materials schon ziemlich deutlich sehen, zu welchen
metaphysischen Folgerungen die Entwicklungslehre führen wird oder noch besser,
zu welchen sie nicht führen wird. Auf Grund unserer jetzigen Kenntnis
des Materials werden die Folgerungen anders sein müssen, als Haeckel sie sich
vorgestellt hatte. Nicht wenige Grundansichten Haeckels und seiner Schule sind
unhaltbar geworden. Diese Tatsache, die mit Recht von katholischer Seite gern
betont wurde und wird, hat in weiten Kreisen den Eindruck erweckt, als sei die
Entwicklungslehre als solche "erschüttert". Nichts ist
falscher als das, in Wirklichkeit steht die Entwicklungstheorie fester
begründet denn je da. Die gegenteilige Ansicht beruht mir auf einer
Verallgemeinerung von Forschungsresultaten, die nur Teilgebiete der
Phylogenese oder der Stammesentwicklung berühren.
Bei der Phylogenese haben wir nämlich drei verschiedene Fragenkomplexe zu
unterscheiden, die völlig selbständig nebeneinander stehen: Die Tatsachenfrage
(das "Daß" der Entwicklung), die Stammbaumfrage (das "Wie"
der Entwicklung) und die Faktorenfrage (das "Wodurch" der Entwicklung).
Umwälzungen der Anschauungen auf dem einen Gebiete führen nicht notwendig zu
solchen auf dem anderen Gebiete; selbst wenn unsere Ansichten auf dem Gebiete
der Stammbaumforschung und zugleich auf dem Gebiete der Faktorenfrage vollständig
zusammenbrechen würden, so würde dadurch die Frage nach der Tatsache der
Entwicklung überhaupt durchaus nicht in Mitleidenschaft gezogen. (Vgl.
Tschulok, S. 243 u. 252.) Das kann nicht stark genug betont werden. Nun haben
sich seit Darwin und Haeckel die Anschauungen hinsichtlich der Stammbaum‑
und der Faktorenfrage sehr geändert; sehr vieles, was man zu Haeckels Zeiten
für sicheres Ergebnis der Forschung hielt, hat sich als unhaltbar erwiesen.
Allgemein wird heute von den Forschern aller Richtungen zugegeben, daß die
Stammbaumfrage und erst recht die Faktorenfrage noch ganz im Fluß ist und auf
diesen Teilgebieten sehr wenige gesicherte Ergebnisse vorliegen, anderseits hat
die Forschung der letzten Jahrzehnte die Tatsache der Entwicklung immer
mehr erwiesen: Die Annahme einer Entwicklung der beiden Organismenreiche ist
Allgemeingut der biologischen Wissen‑ schaften. Da, wie gesagt, die
Anschauungen über die Entwicklung im Laufe der letzten Jahrzehnte sich sehr
geändert haben, anderseits auf katholischer Seite seit langem keine Darstellung
der Frage gleichzeitig nach der biologischen, philosophischen und theologischen
Seite unternommen ist, so soll in mehreren gelegentlichen Aufsätzen von diesen
Gesichtspunkten aus in aller Kürze nach den neuesten Ergebnissen der Forschung
der gesamte Fragenkomplex behandelt werden.
Vorausgeschickt seien zunächst zwei theologische Tatsachen. Die Phylogenese
setzt die Tatsache des Lebens voraus, sie sagt also nichts aus über die
Frage: Schöpfung oder Selbstentstehung des Lebens, sondern sie beschäftigt sich
nur mit der Fortentwicklung, Entfaltung der "lebenden Substanz".
Es ist die übereinstimmende Lehre aller modernen Exegeten, daß eine
Entwicklung nicht mit dem biblischen Schöpfungsberichte in Widerspruch steht,
da dieser in bildlicher Weise über die Entstehung der Welt berichtet. Eine wie
auch immer geartete Entwicklung des Tier‑ und Pflanzenreiches steht auch
nicht mit einem Dogma in Widerspruch, weder mit der Definition des
Lateranense IV. noch mit der des Vaticanums: Die Entwicklungslehre setzt das
Leben voraus, entscheidet die Frage nach der Entstehung des ersten Lebewesens
nicht. Ist Gott aber der Schöpfer des ersten Lebewesens, so ist er auch
Schöpfer aller Arten, die später aus diesem durch Entwicklung entstanden, wie
er auch der Schöpfer aller Individuen ist, die aus natürlichen Ursachen, ohne
seinen Eingriff, durch Zeugung entstehen. Die Definition des Lateranense IV.
"creator omnium" bleibt hier also unberührt, auch wenn die natürliche
Entwicklung aller Lebewesen aus einer Urzelle bewiesen würde. Die
Annahme einer wie auch immer gearteten Entwicklung des Tier‑ und
Pflanzenreiches verstößt auch nicht gegen das Vaticanum, das definiert, Gott
könne aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden. Nichts zwingt
uns, die Gültigkeit des Vaticanums gerade aus der Entwicklung des Tier‑
und Pflanzenreiches zu erweisen. Selbst wenn in der Entwicklung dieser beiden
Reiche nur physikalische und chemische Ursachen und Umweltfaktoren am
Werke gewesen wären, so wäre das bei unserer vom katholischen Standpunkte
gemachten selbstverständlichen Voraussetzung einer ersten zweck‑ und
zielsetzenden intelligenten Ursache ebensowenig gegen die kath. Glaubenslehre
wie die allbekannten Ausführungen des hl. Augustinus über das Werden der
Organismen. Es dürfte doch in der göttlichen Schöpferfreiheit begründet sein,
daß Gott der Mittel sich bedient, die er in seiner Weisheit als
zweckdienlich erkennt. Ja, aus dem christlichen Gottesbegriff von der
absoluten Allmacht und Weisheit wird man folgern dürfen, daß der Schöpfer die
einfachsten und schon vorhandenen Ursachen zum Aufbau des Höheren benutzt,
soweit sie ihrer Natur nach dazu ausreichen. Mit dieser Annahme steht die
Tatsache im Einklang, daß die Gesetze der anorganischen Natur in der
organischen eine sehr bedeutende Rolle spielen. Wir können uns für diese
Ansicht auch auf Thomas berufen, dessen Stellung zu den Mittelursachen Mausbach
in seinem neuesten Werk (1929, S. 69 ff.) ausführlich behandelt.
Von seiten der Theologie liegen also bei Wahrung der oben gemachten
Voraussetzung keine Schwierigkeiten gegen die Entwicklungslehre vor. Mausbach
schreibt: "Schon vor fünfzig Jahren betonten katholische Naturphilosophen
und Theologen, daß grundsätzlich nur zu verwerfen sei 1. die Leugnung
einer göttlichen Weltleitung bezw. die rein mechanische Erklärung des
Lebensreichtums aus Ideen‑ und zielloser Zufallsentwicklung; 2. die
Herleitung der geistigen Seele des Menschen aus dem Stofflichen und
Animalischen. Andere Positionen der Abstammungslehre seien zwar unbewiesen und
höchst unwahrscheinlich, ließen sich aber immerhin mit dem Dogma vereinbaren"
(S. 222 Anm.). Diese Feststellung ist von größter Wichtigkeit. Denn immer noch
behauptet man, katholische Biologen könnten keine wissenschaftliche
Entwicklungsforschung betreiben, weil sie in diesem Punkte "dogmatisch
gebunden" seien. Es hat die Anerkennung der katholischen Forschung auf
dem Gebiete der Biologie nicht gefördert, daß man die Sache gelegentlich so
darstellte, als ob eine Entwicklung durch chemisch‑physikalische Faktoren
und Umwelteinflüsse mit der katholischen Glaubensüberzeugung im Widerspruch
stehe. Weil es sich so nicht verhält, so dürfen wir uns bei der Untersuchung
dieser Frage nur von naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen leiten
lassen. Eine solche vorurteilslose Prüfung der Tatsachen lehrt uns ‑ so
viel sei schon hier vorweggenommen ‑, daß eine Entwicklung stattgefunden
hat und daß diese Entwicklung, so wie wir sie verwirklicht finden, ohne eine
intelligente Ursache nicht erklärt werden kann.
In diesem ersten Aufsatz wollen wir uns mit der Tatsache der
Entwicklung beschäftigen. Wie schon gesagt wurde, wird die Entwicklung beider
Organismenreiche von nahezu allen Biologen angenommen. In Deutschland hat sie
der Erlanger Zoologe A. Fleischmann bestritten. Katholische Apologeten haben auf
diesen Gegner hingewiesen und durch diesen Hinweis die Entwicklungstheorie als
unsicher zu erweisen gesucht. Diese Berufung auf den Erlanger Forscher wäre
besser unterblieben. Denn Fleischmann ist nicht Gegner der Entwicklungslehre
aus sachlichen, sondern aus methodischen, erkenntnistheoretischen
Gründen, die kein katholischer Forscher anerkennen wird. Dem biologisch nicht
geschulten Laien wird das beim Studium seiner Werke vielleicht nicht so leicht
auffallen. Näher darauf einzugehen, verlohnt sich nicht. Gegner aus sachlichen
Gründen hat die Entwicklungslehre nicht. Denn ein erdrückendes
Tatsachenmaterial fordert die Annahme einer Entwicklung beider
Organismenreiche.
Wenn wir irgendeine beliebige Tier‑ oder Pflanzengruppe untersuchen,
so fällt uns eine eigenartige Erscheinung auf. Die Gruppe stellt eine Einheit
dar, in der eine "gradweise abgestufte Mannigfaltigkeit" herrscht.
Dies läßt sich am besten klarmachen an einem konkreten Beispiel, das wir
Tschulok entnehmen (S. 114 f.): "Lepus timidus hibernicus (der irische
Schneehase) und lepus timidus collinus (der skandinavische Schneehase), die
sich einwandfrei als zwei verschiedene Formenkreise unterscheiden lassen,
erscheinen uns sofort als Träger vieler gemeinsamer Merkmale, wenn wir ein
drittes Tier zum Vergleich heranziehen, eben einen Angehörigen der sehr nahe
stehenden Formengruppe Lepus europaeus. Die Unterschiede der zwei Formenkreise
Lepus timidus und Lepus europaeus erscheinen uns recht groß, wenn wir sie an
den Unterschieden der kleineren Formenkreise Lepus timidus hibernicus und Lepus
timidus collinus messen. Aber wenn wir ein weiteres Vergleichsobjekt, das
Kaninchen, zuziehen, da erweist sich sofort, wie nahe Lepus timidus und Lepus
europaeus vermöge ihrer zahlreichen gemeinsamen Eigenschaften einander stehen.
Und so geht es weiter. Lepus und Oryctolagus gehören enger zusammen als Lepus
und Ochotona, Lepus und Ochotona stehen aber einander näher als Lepus und Mus.
Lepus und Mus sind als "Nagetiere" doch einander viel näher als Lepus
und Simia. Die Kluft zwischen einem Hasen und einem Affen scheint ja
außerordentlich groß: und doch stehen sie sich in vielen Eigenschaften viel
näher als jeder von ihnen etwa dem eierlegenden Schnabeltier. Und doch steht
wieder das Schnabeltier als zweifelloses Säugetier allen bisher genannten
Tieren viel näher als ein Krokodil. Es gibt aber auch Eigenschaften, in denen
das Krokodil den Hasen, Affen, Schnabeltieren näher steht als dem Frosch; und
wenn die Kluft zwischen dem Frosch und allen früher genannten Tieren auch noch
so groß ist, als Tetrapode steht er vermöge seines Gliedmaßenbauplanes, seines
doppelten Blutkreislaufes, seines Mittelohrs und anderer Eigenschaften allen
vor ihm genannten näher als ein Hecht." Solche Verhältnisse, wie Tschulok
sie hier schildert, finden sich überall im Tier‑ und Pflanzenreich.
"Ähnlich, aber doch nicht gleich; verschieden, aber doch wieder mit
manchen gemeinsamen Eigenschaften behaftet. Das ist die Eigenart der gradweise
abgestuften Mannigfaltigkeit," sagt Tschulok (S. 113). Ihre befriedigende
Erklärung findet diese abgestufte Mannigfaltigkeit in der Annahme, daß die
Glieder einer solchen Gruppe aus gemeinsamen Vorfahren bezw. aus einander durch
partielle Umbildung hervorgegangen sind.
Zu derselben Folgerung führt eine andere "gradweise abgestufte
Mannigfaltigkeit", die nicht, wie die vorerwähnte, gleichzeitig zu
beobachten ist, sondern die nacheinander in der Erdgeschichte aufgetreten ist.
Von ausgestorbenen Tieren haben sich mitunter Reste in den Erdschichten erhalten.
Diese Reste zeigen uns, daß früher eine andere Tier‑ und Pflanzenwelt die
Erde bewohnt hat als die heutige. Viele der damaligen Formen haben mit den
jetzt lebenden bestimmte Ähnlichkeit, anderseits aber sind auch wieder
Unterschiede vorhanden, und wenn wir tiefer in die Erde eindringen, so finden
wir unter Umständen dort Formen, die sich von den heutigen sehr stark unter‑
scheiden, die aber mit den in übergelagerten Schichten gefundenen größere
Ähnlichkeiten aufweisen. Wir finden also hier hintereinander, was wir vorher
nebeneinander hatten, nämlich wieder eine "gradweise abgestufte
Mannigfaltigkeit". Die Verschiedenheit von den heute lebenden Formen ist
um so größer, je tiefer die ausgestorbenen Organismen liegen, um so kleiner, je
höher sie gefunden werden, d. h. je jünger sie sind. Hier möge ein besonders
instruktives Beispiel zur Veranschaulichung dienen, das Pferd und die ihm
ähnlichen Formen aus den früheren Erdperioden. Dürken schreibt (1924, S. 24
f.): "Die ausgestorbenen Vorfahren des Pferdes sind ziemlich gut bekannt.
Wir halten uns an ein Bruchstück der Stammreihe, wie sie in Amerika aufgedeckt
worden ist. In der Tertiärformation finden wir nicht mehr Reste des echten
Pferdes, sondern statt dessen im Pliozän ein recht pferdeähnliches Tier, das
man als Protohippus pernix zu bezeichnen pflegt. Statt der Griffbeine sind zwei
lange dünne Knochen vorhanden, welche der Hauptzehe, die den einzigen Huf
trägt, dicht anliegen. Wie die nähere Untersuchung ergibt, entsprechen diese
Knochen der zweiten und vierten, die Hufzehe der dritten Zehe eines fünfzehigen
Säugetierfußes. Im oberen Oligozän treffen wir auch diese Form nicht mehr an,
sondern statt deren den sogenannten Miohippus anceps, der deutlich drei Zehen
und die Andeutung einer vierten besaß. Eine Zehe jedoch übertrifft die anderen
bei weitem an Länge und Stärke ihres Hufknochens. In älteren Schichten ist
diese Form nicht mehr vorhanden. Das mittlere und untere Oligozän beherbergt
dafür den Mesohippus celer, der ebenfalls dreizehig war. Neben der Zehe,
welche den Haupthuf trug, sind zwei kleinere, mit Sicherheit auch huftragende
Zehen vorhanden; die Andeutung einer weiteren Zehe ist recht deutlich. Im
mittleren Eozän ist an Stelle des letztgenannten Tieres der Orohippus agilis
vorhanden, der am Vorderfuß vier huftragende Zehen aufwies, von denen
allerdings die eine die anderen an Mächtigkeit übertraf. Jedoch ist der
Größenunterschied nicht mehr so erheblich wie beim Miohippus. Endlich im
unteren Miozän begegnet uns dann der Eohippus pernix, der außer den vier
huftragenden Zehen noch die Andeutung einer fünften Zehe zeigt." Derartige
günstige "Stammreihen" finden sich nicht oft, der Grund liegt in der
naturgemäßen Lückenhaftigkeit des paläontologischen Materials. Aber wenn wir
auch nur eine Stammreihe wie die eben beschriebene kennten, so wäre
diese naturwissenschaftlich und philosophisch nur zu erklären durch Entwicklung.
Außerordentlich gestützt wird diese Erklärung durch die anatomischen
Verhältnisse bei den einzelnen jetzt lebenden Tier‑ und Pflanzenformen.
Die anatomisch‑vergleichende Untersuchung zeigt in zahllosen Fällen, daß
wir auch bei den einzelnen Organen in einer größeren Systemgruppe die
gradweise abgestufte Mannigfaltigkeit vorfinden, d. h. die Organe stimmen in
den Grundelementen überein, unterscheiden sich aber wieder in anderen
Punkten. Weiter findet sich nicht selten ein Funktionswechsel des gleichen
Organs, verbunden mit entsprechender Umbildung: die Schwimmblase der Fische ist
dasselbe Organ wie die Lunge der systematisch höheren Tiere. Diese wird zur
Atmung immer besser ausgebildet, bis diese Ausbildung bei den Vögeln ihren
Höhepunkt erreicht. Beide Tatsachen finden ihre widerspruchslose Erklärung
durch Annahme der Abstammung. Die vergleichend‑anatomische Forschung
zeigt weiter in sehr vielen Fällen, daß sich an den jetzigen Lebewesen
"Andenken" an frühere Stadien erhalten haben. Es sind die sogenannten
Rudimentärorgane. Gegen ihre Deutung als Abstammungszeugnisse haben lange Zeit
die Gegner der Abstammungslehre in ihrem Kampf mit Haeckel Sturm gelaufen. Man
stützte sich besonders auf den freilich bequemen Grundsatz, daß man wegen der
unvollkommenen Kenntnis der Organismen und ihrer Physiologie einem Organ die
Bedeutung noch nicht absprechen könne, die es vielleicht habe, auch wenn wir
jetzt eine solche nicht feststellen könnten. Aber selbst wenn diese Organe alle
noch einen Zweck erfüllten, so müßte man doch aus ihrem Bau und ihrer Lage in
den allermeisten Fällen auf Abstammung schließen. Jeder, der einmal über
irgendeine Tiergruppe vergleichend‑anatomisch gearbeitet hat, muß sagen,
daß ihm der Organismus der Tiere ein Rätsel ist, wenn es keine
Abstammungsmöglichkeit gibt. In sehr vielen Fällen ist aber eine Bedeutung des
Organs für das jetzt lebende Tier sicher nicht mehr vorhanden. Es ist kleiner
geworden, funktionsunfähig, und doch zeigt es noch deutlich, daß es das Organ
eines Vorfahren ist und im Grunde für eine Funktion geschaffen ist, die es dort
noch leistet. Da verschlägt es nichts, wenn man im ersten Drang der
Begeisterung für die neue Entdeckung Organe zu rudimentären stempelte, deren
Funktion man später entdeckt hat. In Tausenden von Fällen haben solche Organe
tatsächlich heute keine Bedeutung mehr, sind nur noch "Andenken" an
frühere Organisationsstufen. Hier springt es besonders dem christlichen
Philosophen ins Auge, daß diese Verhältnisse nur durch Stammesentwicklung zu
erklären sind. Es ist kein Grund zu finden, weshalb der Schöpfer solch
eigenartige Bildungen, die keinen Wert haben, für die Entwicklung des
Individuums aber doch eine Belastung darstellen, direkt geschaffen haben
sollte. Nehmen wir aber eine Entwicklung nach eigenen, eingeschaffenen
Gesetzen an, so schwindet jede Dysteleologie.
Daß wir mit der Deutung der Rudimentärorgane wieder auf dem rechten Wege
sind, bestätigt uns die Embryologie. Was wir vorhin dauernd im
Organismus hatten: Bildungen, die nur aus der Vergangenheit des Organismus
verständlich gemacht werden können, dasselbe haben wir in der Ontogenese
vieler Organismen vorübergehend. Die Ontogenese macht sehr oft
eigenartige Umwege, um die Ausgestaltung des Individuums zu erreichen. Sehen
wir uns solche Umwege genauer an, so zeigt sich, daß diese Umwege wieder
frühere Stadien darstellen, d. h. es bilden sich Organe bezw. Gewebe, die wir
auf einer systematisch tieferen Stufe als Dauerzustand finden; hier in der
Embryo-Entwicklung werden sie wieder umgestaltet, und sie verschwinden oft im
Laufe der Ontogenese, der Entwicklung des Individuums, wieder ganz, wenn sie
nicht dauernd als Rudimentärorgane erhalten bleiben. Es gibt Tiere, deren
Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe man entdeckt hat durch das Studium der
Ontogenese, die die Gruppenmerkmale vorübergehend in voller Deutlichkeit zum
Vorschein brachte. Haeckel hat bekanntlich auf dieser Erscheinung sein
"biogenetisches Grundgesetz" aufgebaut, das auch in der Kampfperiode
des Darwinismus sehr stark umstritten wurde. Später konnte man in katholischen
Darstellungen immer häufiger lesen, daß dieses Gesetz einen
"Grundirrtum" darstelle. Daß das übertrieben ist, zeigt schon der
vorhin geschilderte Gang der embryonalen Entwicklung. Wenn sich freilich
Haeckel die Ontogenese so vorgestellt hatte, daß wirklich in ihr die
Phylogenese kurz "rekapituliert" werde, so war das ebenfalls
übertrieben. Tatsächlich verhält es sich so, daß gewisse Eigentümlichkeiten
der Organisation der Vorfahren sich mitunter hartnäckig erhalten, daß andere
aber wieder vollständig verschwunden sind. Von einem "Gesetz der
Rekapitulation" kann man also schwerlich reden, aber das, was sich in der
Ontogenese zeigt, ist doch sehr oft ein deutlicher Spiegel der einen oder
anderen phylogenetischen Vorstufe.
Gegenwärtig wird von vielen die jetzt noch vor sich gehende Umbildung der
Organismen als Beweis für die Phylogenese angesehen. In der Tat, wenn wir jetzt
noch eine Entwicklung beobachten können, dann ist das der klarste Beweis für
die Möglichkeit und Tatsächlichkeit derselben. Weil diese Frage in den letzten
Jahrzehnten eifrig studiert und ein reiches Forschungsmaterial zusammengebracht
ist, diese Frage heute auch im Vordergrunde des Interesses steht, so sei sie
hier ausführlicher besprochen. Ein flüchtiger Blick in die Natur belehrt
jeden, daß die Individuen einer Pflanzen‑ oder Tierart nicht alle ganz in
allen Einzelheiten einander gleichen, sondern daß sie oft voneinander
abweichen, daß sie "variieren". Diese Beobachtung zeigt, daß die
Formen nicht ganz starr sind. Für eine Stammesentwicklung können solche
Variationen aber nur dann Bedeutung gewinnen, wenn sie erblich sind. Nur die
wenigsten Variationen sind erblich. Erbliche Variationen nennt man seit De
Vries' grundlegenden Untersuchungen (1901, 1903) "Mutationen". Um
ihre Erforschung haben sich besonders De Vries, Baur und Morgan und seine
Schule verdient gemacht. Drei Objekte erwiesen sich als besonders geeignet für
das Mutationsstudium: De Vries arbeitet mit einer Nachtkerzenart (Oenothera
lamarckiana), Baur mit dem bekannten Löwenmaul (Antir‑ rhinum majus),
Morgan und seine Schule mit der kleinen Taufliege (Drosophila melanogaster).
Alle drei Forscher konnten an ihren Objekten Mutationen, d. h. erblich fixierte
Abänderungen, feststellen, und zwar nicht sehr selten. De Vries berechnet den
Mutationskoeffizienten für seine Nachtkerze mit 1 bis 2 Prozent, der sich aber
bis zu 10 Prozent steigern kann. Baur fand bis 1924 beim Löwenmaul über 100
Mutanten, in der Morganschule wurden in zirka 20 Jahren ungefähr 20 Millionen
selbstgezüchtete Taufliegen‑Exemplare auf Mutationen untersucht. Man fand
unter ihnen über 400 Mutanten (Hertwig, S. 133). Über den Umfang der Mutationen
sei kurz folgendes gesagt. Morgan hat 1925 eine Zusammenstellung der an der
Taufliege beobachteten Mutanten gegeben. R. Hertwig schreibt darüber:
"Unter den variierenden Merkmalen finden wir in derselben am häufigsten
angeführt: Farbe und Beschaffenheit der Augen, Gestalt, Äderung und
Rudimentierung der Flügel, Zahl, Struktur und Verteilungsweise der Borsten,
Färbung und Zeichnung des Körpers, Abnormitäten in seiner Gliederung. Dazu
kommen Faktoren, welche Einfluß auf andere Charaktere haben, indem sie sie
verstärken, abschwächen oder die Realisierung ihrer Anlagen ganz verhindern,
Zellwucherungen, die an menschliche Geschwülste erinnern und wie diese teils
gutartiger, teils bösartiger Natur sind und demnach die Lebensfähigkeit
beeinflussen. In der von Morgan aufgestellten Serie von Mutanten findet man
alle Grade der Veränderung: Abweichungen vom Normalen, die so geringfügig
sind, daß es eines geübten Auges bedarf, um sie wahrzunehmen, bis zu auffallenden
Monstrositäten. Auch rücksichtlich der Lebenswichtigkeit ergeben sich allerlei
Abstufungen von Merkmalen, die auf das Gedeihen des Merkmalsträgers keinen
Einfluß ausüben oder unter besonderen Fällen sogar von Vorteil sein können, bis
zu Merkmalen, die die Existenz des Tieres bedrohen." Für Drosophila
melanogaster sind. über 60 derartiger "Letalfaktoren" festgestellt
(Hertwig, S. 133 f.). Gleiche Resultate erhielt Baur beim Löwenmaul:
"Auch hier werden fast alle Organe der Pflanze in Mitleidenschaft gezogen,
besonders alle Teile der Blüte und der Blätter, sowohl ihre Gestalt und
Struktur als auch ihre Farbe. Was den Grad der Unterschiede anlangt, vermöge
deren sich die neu auftretenden Mutanten von den Ausgangsformen unterscheiden,
so ergeben sich alle nur denkbaren Abstufungen" (Hertwig, S. 134). Auch
der Oenothera‑Forscher De Vries spricht sich für "eine allseitige
Mutabilität der Organismen" schon in seiner Mutationstheorie aus (1901, S.
144).
Fassen wir die Ergebnisse der bisherigen Mutationsforschungen zusammen, die
schon eine unübersehbare Literatur füllen, so ergibt sich folgendes:
Mutationen kommen nicht sehr selten vor. Es können sowohl kleine, kaum
wahrnehmbare Abweichungen von der Ausgangsform sein wie solche, die sich sehr
stark von dieser unterscheiden. Sie stellen also alle durchaus nicht "nur
eben wahrnehmbare Abweichungen" dar. Das müssen wir für eine spätere
Untersuchung festhalten. Im übrigen können sie alle Teile des Organismus betreffen.
Es ist meist keine bestimmte Richtung in den aufeinanderfolgenden Mutationen
festzustellen. Sie können für das Individuum sowohl nützlich wie schädlich, ja
tödlich sein. So stellen sich die Mutationen so dar, wie sie sich der alte
Darwinismus dachte, und manche Forscher, wie Hertwig, Baur, sind der Meinung,
daß durch die neueren Mutationsforschungen die Selektionstheorie bestätigt
werde.
Was beweisen diese Mutationen? Sie beweisen zunächst, daß der Organismus
der heute noch lebenden Pflanzen und Tiere sich erheblich verändern kann. Für
die Tatsache einer Stammesentwicklung werden sie nicht als
Beweise herangezogen werden dürfen, und zwar aus einem doppelten Grunde:
Mutationen können entstehen sowohl durch Neuerwerb von Eigenschaftsanlagen
(Genen) als auch durch Verlust solcher Anlagen in der "Erbgarnitur".
In der Stammesentwicklung können nur neuerworbene Gene, die eine Bereicherung
des erblichen Schatzes an Anlagen darstellen, eine Rolle spielen, nicht der
Verlust von Anlagen. Haben wir nun in den geschilderten Mutationen solche
Bereicherungen, Additionsmutanten, oder Verlustmutanten vor uns? Vieles spricht
dafür, daß es sich ausschließlich um Verlustmutanten handelt, die also für die
Stammesentwicklung keine Bedeutung haben können und daher auch nicht als
Beweismomente für diese herangezogen werden können. Doch herrscht über diese
so wichtige Frage naturgemäß noch Meinungsverschiedenheit. Daß es
Verlustmutanten gibt, darüber sind sich alle einig. De Vries nennt schon in
seiner Mutationstheorie die Verlustmutanten "eine ganz gewöhnliche
Erscheinung", doch soll "der Verlust in der überaus großen Mehrzahl
der Fälle nur ein äußerer" sein; die Eigenschaft geht aus dem aktiven in
den latenten Zustand über (1903, S. 637 f.). Es ist klar, daß im letzten Falle
ebenfalls kein Neuerwerb von Anlagen vorliegt. Nach De Vries ist das
Verhältnis von Verlust‑ und Additionsmutanten bei den einzelnen Objekten
nicht das gleiche: Bei der Taufliege überwiegen Verlustmutanten, bei der
Nachtkerze sind "etwas mehr als die Hälfte aller Mutationen
artbildend" (1925, S. 149). Dürken ist mit Recht vorsichtiger. Er kann
"sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die bisher in der rezenten Fauna
beobachteten Mutanten lediglich durch den Verlust eines Erbfaktors zustande
gekommen sind". Phänotypisch kann zwar bei einer Verlustmutation ein
Neuerwerb vorliegen; wenn z. B. in der Erbmasse ein Hemmungsfaktor, der eine
Anlage in der Entwicklung hemmt, sie nicht zur Entwicklung kommen läßt,
fortfällt, so kann diese gehemmte Eigenschaft plötzlich durch den Verlust des
Hemmungsfaktors in die Erscheinung treten, ohne daß es sich um einen Neuerwerb
einer Anlage handelt. Dürken will aber nicht behaupten, daß es keine
Additionsmutanten gibt, nur sind sichere Additionsmutanten nach ihm in
der Literatur noch nicht beschrieben, wohl dagegen Mutanten, "bei denen
eine Beschaffenheitsänderung von Genen vorliegen dürfte" (1921, S. 11 f.,
ähnlich neuerdings Broman). Diese Meinung Dürkens kann nicht widerlegt werden.
Damit entfällt aber auch ‑‑ wenigstens vorläufig ‑ die
Möglichkeit, die Mutationen in der rezenten Flora und Fauna als Beweise für
die Stammesentwicklung heranzuziehen. Es muß weiter darauf hingewiesen werden,
daß alle Taufliegen‑, Löwenmaul- und Nachtkerzen‑Mutationen bisher
"niemals die Gattungs-, kaum die Artgrenze überschritten haben" (v.
Wettstein, S. 378). Solche Mutationen können für eine Stammesentwicklung
keine Bedeutung haben.
Fassen wir das Gesagte zusammen. Die verschiedensten Disziplinen der
Biologie: Die Systematik, die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und
Physiologie, die Embryologie (auch die Tier‑ und Pflanzen‑Geographie
könnte noch herangezogen werden), führen alle ‑ unabhängig voneinander
‑ zu einer gemeinsamen Grundanschauung, zur Abstammungslehre. Die
"gradweise abgestufte Mannigfaltigkeit", die wir nebeneinander
in der rezenten Flora und Fauna in den Ergebnissen der Systematik und
vergleichenden Anatomie, die wir nacheinander in der Erdgeschichte
vorfinden, die Rudimentärorgane an den vollentwickelten Pflanzen und Tieren und
die Umwege in der Ent‑ wicklung der Embryonen finden ihre befriedigende
Erklärung nur in der Annahme einer Stammesentwicklung. Wir mögen ein
beliebiges Lebewesen herausgreifen, stets weist es uns zurück auf frühere Stufen,
ohne Annahme einer Entwicklung bleibt es uns ein ungelöstes Rätsel. Nur bei
Annahme einer Stammesentwicklung schwinden auch, wie später noch deutlicher
gemacht wird, alle Dysteleologien.
In späteren Aufsätzen sollen folgende Themen behandelt werden: 1. Der
Verlauf der Stammesentwicklung, 2. Die Entwicklungsfaktoren, 3. Die
Stammesentwicklung und der Mensch.
Literatur:
Broman, I., 1926, Der Atavismusbegriff und das Dollosche
Gesetz. Anat. Anzeiger, Bd. 61, Nr. 10/11, S. 248 ff.
De Vries, H., 1901, Die Mutationstheorie, I, Leipzig.
- 1903, Die Mutationstheorie, II, Leipzig.
- 1925, Die latente Mutabilität von Oenothera biennis L. Zeitschr. für
indukt Abstammungs- und Vererbungslehre, Bd. XXXVIII, Heft 3.
Dürken, B., und Salfeld, H., 1921, Die
Phylogenese, Berlin.
Dürken, B., 1924, Allgemeine Abstammungslehre, Berlin 2.
Fleischmann, A., 1901, Deszendenzvorlesungen über den Auf‑
und Niedergang einer naturwissenschaftlichen Hypothese, Leipzig.
Hertwig, R., 1927, Abstammungslehre und neuere Biologie,
Jena.
Mausbach, J., 1929, Dasein und Wesen Gottes, Münster.
Tschulok, S., 1922, Deszendenzlehre, Jena.
Wettstein, R. v., 1928, Das Problem der Evolution und die
moderne Vererbungslehre. Zeitschr. f. ind. Abstammungs‑ und
Vererbungslehre. Supplementband I.