ThGl 22 (1930) 305 - 316                                                                                                                 

 

Die Stammesentwicklung nach dem gegenwärtigen Stande

der Forschung

 

von Religionslehrer Dr. Joseph Peitzmeier in Warburg i. Westf.

 

 

 

 

Die Forschung über die Stammesentwicklung der Organismen (Phylogenese) hat in den letzten Jahrzehnten in ruhigere Bahnen eingelenkt. Die Zeit, in der man das Problem der Entwicklung für leicht durchsichtig und leicht lösbar betrachtete, in der man auf Grund mangelhaften und falsch gedeuteten Beweismaterials metaphysische Folgerungen ziehen zu können glaubte, sind vorbei. Vor allem hat sich auch bei ungläubigen Forschern die Überzeugung Bahn gebrochen, daß die Entwick­lungslehre den Monismus in keiner Weise stützen kann, wie Haeckel wollte. Es hat eine Zeit ruhi­gen, experimentellen Arbeitens und sorgfältigen Vergleichens eingesetzt, und jetzt kann man auf Grund des vorliegenden ungeheuren Materials schon ziemlich deutlich sehen, zu welchen metaphy­sischen Folgerungen die Entwicklungslehre führen wird oder noch besser, zu welchen sie nicht führen wird. Auf Grund unserer jetzigen Kenntnis des Materials werden die Folgerungen anders sein müssen, als Haeckel sie sich vorgestellt hatte. Nicht wenige Grundansichten Haeckels und seiner Schule sind unhaltbar geworden. Diese Tatsache, die mit Recht von katholischer Seite gern betont wurde und wird, hat in weiten Kreisen den Eindruck erweckt, als sei die Entwicklungslehre als solche "erschüttert". Nichts ist falscher als das, in Wirklichkeit steht die Entwicklungstheorie fester begründet denn je da. Die gegenteilige Ansicht beruht mir auf einer Verallgemeinerung von Forschungsresultaten, die nur Teilgebiete der Phylogenese oder der Stammesentwicklung berühren.

Bei der Phylogenese haben wir nämlich drei verschiedene Fragenkomplexe zu unterscheiden, die völlig selbständig nebeneinander stehen: Die Tatsachenfrage (das "Daß" der Entwicklung), die Stammbaumfrage (das "Wie" der Entwicklung) und die Faktorenfrage (das "Wodurch" der Ent­wicklung). Umwälzungen der Anschauungen auf dem einen Gebiete führen nicht notwendig zu solchen auf dem anderen Gebiete; selbst wenn unsere Ansichten auf dem Gebiete der Stammbaum­forschung und zugleich auf dem Gebiete der Faktorenfrage vollständig zusammenbrechen würden, so würde dadurch die Frage nach der Tatsache der Entwicklung überhaupt durchaus nicht in Mit­leidenschaft gezogen. (Vgl. Tschulok, S. 243 u. 252.) Das kann nicht stark genug betont werden. Nun haben sich seit Darwin und Haeckel die Anschauungen hinsichtlich der Stammbaum‑ und der Faktorenfrage sehr geändert; sehr vieles, was man zu Haeckels Zeiten für sicheres Ergebnis der Forschung hielt, hat sich als unhaltbar erwiesen. Allgemein wird heute von den Forschern aller Richtungen zugegeben, daß die Stammbaumfrage und erst recht die Faktorenfrage noch ganz im Fluß ist und auf diesen Teilgebieten sehr wenige gesicherte Ergebnisse vorliegen, anderseits hat die Forschung der letzten Jahrzehnte die Tatsache der Entwicklung immer mehr erwiesen: Die An­nahme einer Entwicklung der beiden Organismenreiche ist Allgemeingut der biologischen Wissen‑ schaften. Da, wie gesagt, die Anschauungen über die Entwicklung im Laufe der letzten Jahrzehnte sich sehr geändert haben, anderseits auf katholischer Seite seit langem keine Darstellung der Frage gleichzeitig nach der biologischen, philosophischen und theologischen Seite unternommen ist, so soll in mehreren gelegentlichen Aufsätzen von diesen Gesichtspunkten aus in aller Kürze nach den neuesten Ergebnissen der Forschung der gesamte Fragenkomplex behandelt werden.


Vorausgeschickt seien zunächst zwei theologische Tatsachen. Die Phylogenese setzt die Tatsache des Lebens voraus, sie sagt also nichts aus über die Frage: Schöpfung oder Selbstentstehung des Lebens, sondern sie beschäftigt sich nur mit der Fortentwicklung, Entfaltung der "lebenden Sub­stanz". Es ist die übereinstimmende Lehre aller modernen Exegeten, daß eine Entwicklung nicht mit dem biblischen Schöpfungsberichte in Widerspruch steht, da dieser in bildlicher Weise über die Entstehung der Welt berichtet. Eine wie auch immer geartete Entwicklung des Tier‑ und Pflanzen­reiches steht auch nicht mit einem Dogma in Widerspruch, weder mit der Definition des Lateranen­se IV. noch mit der des Vaticanums: Die Entwicklungslehre setzt das Leben voraus, entscheidet die Frage nach der Entstehung des ersten Lebewesens nicht. Ist Gott aber der Schöpfer des ersten Lebe­wesens, so ist er auch Schöpfer aller Arten, die später aus diesem durch Entwicklung entstanden, wie er auch der Schöpfer aller Individuen ist, die aus natürlichen Ursachen, ohne seinen Eingriff, durch Zeugung entstehen. Die Definition des Lateranense IV. "creator omnium" bleibt hier also unberührt, auch wenn die natürliche Entwicklung aller Lebewesen aus einer Urzelle bewiesen würde. Die Annahme einer wie auch immer gearteten Entwicklung des Tier‑ und Pflanzenreiches verstößt auch nicht gegen das Vaticanum, das definiert, Gott könne aus den geschaffenen Dingen mit Sicherheit erkannt werden. Nichts zwingt uns, die Gültigkeit des Vaticanums gerade aus der Entwicklung des Tier‑ und Pflanzenreiches zu erweisen. Selbst wenn in der Entwicklung dieser beiden Reiche nur physikalische und chemische Ursachen und Umweltfaktoren am Werke gewe­sen wären, so wäre das bei unserer vom katholischen Standpunkte gemachten selbstverständlichen Voraussetzung einer ersten zweck‑ und zielsetzenden intelligenten Ursache ebensowenig gegen die kath. Glaubenslehre wie die allbekannten Ausführungen des hl. Augustinus über das Werden der Organismen. Es dürfte doch in der göttlichen Schöpferfreiheit begründet sein, daß Gott der Mittel sich bedient, die er in seiner Weisheit als zweckdienlich erkennt. Ja, aus dem christlichen Gottes­begriff von der absoluten Allmacht und Weisheit wird man folgern dürfen, daß der Schöpfer die einfachsten und schon vorhandenen Ursachen zum Aufbau des Höheren benutzt, soweit sie ihrer Natur nach dazu ausreichen. Mit dieser Annahme steht die Tatsache im Einklang, daß die Gesetze der anorganischen Natur in der organischen eine sehr bedeutende Rolle spielen. Wir können uns für diese Ansicht auch auf Thomas berufen, dessen Stellung zu den Mittelursachen Mausbach in seinem neuesten Werk (1929, S. 69 ff.) ausführlich behandelt.

Von seiten der Theologie liegen also bei Wahrung der oben gemachten Voraussetzung keine Schwierigkeiten gegen die Entwicklungslehre vor. Mausbach schreibt: "Schon vor fünfzig Jahren betonten katholische Naturphilosophen und Theologen, daß grundsätzlich nur zu verwerfen sei 1. die Leugnung einer göttlichen Weltleitung bezw. die rein mechanische Erklärung des Lebensreich­tums aus Ideen‑ und zielloser Zufallsentwicklung; 2. die Herleitung der geistigen Seele des Menschen aus dem Stofflichen und Animalischen. Andere Positionen der Abstammungslehre seien zwar unbewiesen und höchst unwahrscheinlich, ließen sich aber immerhin mit dem Dogma vereinba­ren" (S. 222 Anm.). Diese Feststellung ist von größter Wichtigkeit. Denn immer noch behauptet man, katholische Biologen könnten keine wissenschaftliche Entwicklungsforschung betreiben, weil sie in diesem Punkte "dogmatisch gebunden" seien. Es hat die Anerkennung der katholischen For­schung auf dem Gebiete der Biologie nicht gefördert, daß man die Sache gelegentlich so darstellte, als ob eine Entwicklung durch chemisch‑physikalische Faktoren und Umwelteinflüsse mit der katholischen Glaubensüberzeugung im Widerspruch stehe. Weil es sich so nicht verhält, so dürfen wir uns bei der Untersuchung dieser Frage nur von naturwissenschaftlichen Forschungsergebnissen leiten lassen. Eine solche vorurteilslose Prüfung der Tatsachen lehrt uns ‑ so viel sei schon hier vorweggenommen ‑, daß eine Entwicklung stattgefunden hat und daß diese Entwicklung, so wie wir sie verwirklicht finden, ohne eine intelligente Ursache nicht erklärt werden kann.

In diesem ersten Aufsatz wollen wir uns mit der Tatsache der Entwicklung beschäftigen. Wie schon gesagt wurde, wird die Entwicklung beider Organismenreiche von nahezu allen Biologen angenommen. In Deutschland hat sie der Erlanger Zoologe A. Fleischmann bestritten. Katholische Apologeten haben auf diesen Gegner hingewiesen und durch diesen Hinweis die Entwicklungs­theorie als unsicher zu erweisen gesucht. Diese Berufung auf den Erlanger Forscher wäre besser unterblieben. Denn Fleischmann ist nicht Gegner der Entwicklungslehre aus sachlichen, sondern aus methodischen, erkenntnistheoretischen Gründen, die kein katholischer Forscher anerkennen wird. Dem biologisch nicht geschulten Laien wird das beim Studium seiner Werke vielleicht nicht so leicht auffallen. Näher darauf einzugehen, verlohnt sich nicht. Gegner aus sachlichen Gründen hat die Entwicklungslehre nicht. Denn ein erdrückendes Tatsachenmaterial fordert die Annahme einer Entwicklung beider Organismenreiche.


Wenn wir irgendeine beliebige Tier‑ oder Pflanzengruppe untersuchen, so fällt uns eine eigen­artige Erscheinung auf. Die Gruppe stellt eine Einheit dar, in der eine "gradweise abgestufte Man­nigfaltigkeit" herrscht. Dies läßt sich am besten klarmachen an einem konkreten Beispiel, das wir Tschulok entnehmen (S. 114 f.): "Lepus timidus hibernicus (der irische Schneehase) und lepus timidus collinus (der skandinavische Schneehase), die sich einwandfrei als zwei verschiedene For­menkreise unterscheiden lassen, erscheinen uns sofort als Träger vieler gemeinsamer Merkmale, wenn wir ein drittes Tier zum Vergleich heranziehen, eben einen Angehörigen der sehr nahe ste­henden Formengruppe Lepus europaeus. Die Unterschiede der zwei Formenkreise Lepus timidus und Lepus europaeus erscheinen uns recht groß, wenn wir sie an den Unterschieden der kleineren Formenkreise Lepus timidus hibernicus und Lepus timidus collinus messen. Aber wenn wir ein weiteres Vergleichsobjekt, das Kaninchen, zuziehen, da erweist sich sofort, wie nahe Lepus timidus und Lepus europaeus vermöge ihrer zahlreichen gemeinsamen Eigenschaften einander stehen. Und so geht es weiter. Lepus und Oryctolagus gehören enger zusammen als Lepus und Ochotona, Lepus und Ochotona stehen aber einander näher als Lepus und Mus. Lepus und Mus sind als "Nagetiere" doch einander viel näher als Lepus und Simia. Die Kluft zwischen einem Hasen und einem Affen scheint ja außerordentlich groß: und doch stehen sie sich in vielen Eigenschaften viel näher als jeder von ihnen etwa dem eierlegenden Schnabeltier. Und doch steht wieder das Schnabeltier als zweifelloses Säugetier allen bisher genannten Tieren viel näher als ein Krokodil. Es gibt aber auch Eigenschaften, in denen das Krokodil den Hasen, Affen, Schnabeltieren näher steht als dem Frosch; und wenn die Kluft zwischen dem Frosch und allen früher genannten Tieren auch noch so groß ist, als Tetrapode steht er vermöge seines Gliedmaßenbauplanes, seines doppelten Blutkreislaufes, seines Mittelohrs und anderer Eigenschaften allen vor ihm genannten näher als ein Hecht." Solche Verhältnisse, wie Tschulok sie hier schildert, finden sich überall im Tier‑ und Pflanzenreich. "Ähnlich, aber doch nicht gleich; verschieden, aber doch wieder mit manchen gemeinsamen Eigen­schaften behaftet. Das ist die Eigenart der gradweise abgestuften Mannigfaltigkeit," sagt Tschulok (S. 113). Ihre befriedigende Erklärung findet diese abgestufte Mannigfaltigkeit in der Annahme, daß die Glieder einer solchen Gruppe aus gemeinsamen Vorfahren bezw. aus einander durch partielle Umbildung hervorgegangen sind.

Zu derselben Folgerung führt eine andere "gradweise abgestufte Mannigfaltigkeit", die nicht, wie die vorerwähnte, gleichzeitig zu beobachten ist, sondern die nacheinander in der Erdgeschichte aufgetreten ist. Von ausgestorbenen Tieren haben sich mitunter Reste in den Erdschichten erhal­ten. Diese Reste zeigen uns, daß früher eine andere Tier‑ und Pflanzenwelt die Erde bewohnt hat als die heutige. Viele der damaligen Formen haben mit den jetzt lebenden bestimmte Ähnlichkeit, anderseits aber sind auch wieder Unterschiede vorhanden, und wenn wir tiefer in die Erde ein­dringen, so finden wir unter Umständen dort Formen, die sich von den heutigen sehr stark unter‑ scheiden, die aber mit den in übergelagerten Schichten gefundenen größere Ähnlichkeiten auf­weisen. Wir finden also hier hintereinander, was wir vorher nebeneinander hatten, nämlich wieder eine "gradweise abgestufte Mannigfaltigkeit". Die Verschiedenheit von den heute lebenden Formen ist um so größer, je tiefer die ausgestorbenen Organismen liegen, um so kleiner, je höher sie gefun­den werden, d. h. je jünger sie sind. Hier möge ein besonders instruktives Beispiel zur Veranschauli­chung dienen, das Pferd und die ihm ähnlichen Formen aus den früheren Erdperioden. Dürken schreibt (1924, S. 24 f.): "Die ausgestorbenen Vorfahren des Pferdes sind ziemlich gut bekannt. Wir halten uns an ein Bruchstück der Stammreihe, wie sie in Amerika aufgedeckt worden ist. In der Tertiärformation finden wir nicht mehr Reste des echten Pferdes, sondern statt dessen im Pliozän ein recht pferdeähnliches Tier, das man als Protohippus pernix zu bezeichnen pflegt. Statt der Griffbeine sind zwei lange dünne Knochen vorhanden, welche der Hauptzehe, die den einzigen Huf trägt, dicht anliegen. Wie die nähere Untersuchung ergibt, entsprechen diese Knochen der zweiten und vierten, die Hufzehe der dritten Zehe eines fünfzehigen Säugetierfußes. Im oberen Oligozän treffen wir auch diese Form nicht mehr an, sondern statt deren den sogenannten Miohip­pus anceps, der deutlich drei Zehen und die Andeutung einer vierten besaß. Eine Zehe jedoch übertrifft die anderen bei weitem an Länge und Stärke ihres Hufknochens. In älteren Schichten ist diese Form nicht mehr vorhanden. Das mittlere und untere Oligozän beherbergt dafür den Meso­hippus celer, der ebenfalls dreizehig war. Neben der Zehe, welche den Haupthuf trug, sind zwei kleinere, mit Sicherheit auch huftragende Zehen vorhanden; die Andeutung einer weiteren Zehe ist recht deutlich. Im mittleren Eozän ist an Stelle des letztgenannten Tieres der Orohippus agilis vorhanden, der am Vorderfuß vier huftragende Zehen aufwies, von denen allerdings die eine die anderen an Mächtigkeit übertraf. Jedoch ist der Größenunterschied nicht mehr so erheblich wie beim Miohippus. Endlich im unteren Miozän begegnet uns dann der Eohippus pernix, der außer den vier huftragenden Zehen noch die Andeutung einer fünften Zehe zeigt." Derartige günstige "Stammreihen" finden sich nicht oft, der Grund liegt in der naturgemäßen Lückenhaftigkeit des paläontologischen Materials. Aber wenn wir auch nur eine Stammreihe wie die eben beschriebene kennten, so wäre diese naturwissenschaftlich und philosophisch nur zu erklären durch Entwick­lung.


Außerordentlich gestützt wird diese Erklärung durch die anatomischen Verhältnisse bei den einzelnen jetzt lebenden Tier‑ und Pflanzenformen. Die anatomisch‑vergleichende Untersuchung zeigt in zahllosen Fällen, daß wir auch bei den einzelnen Organen in einer größeren Systemgruppe die gradweise abgestufte Mannigfaltigkeit vorfinden, d. h. die Organe stimmen in den Grundelemen­ten überein, unterscheiden sich aber wieder in anderen Punkten. Weiter findet sich nicht selten ein Funktionswechsel des gleichen Organs, verbunden mit entsprechender Umbildung: die Schwimmblase der Fische ist dasselbe Organ wie die Lunge der systematisch höheren Tiere. Diese wird zur Atmung immer besser ausgebildet, bis diese Ausbildung bei den Vögeln ihren Höhepunkt erreicht. Beide Tatsachen finden ihre widerspruchslose Erklärung durch Annahme der Abstam­mung. Die vergleichend‑anatomische Forschung zeigt weiter in sehr vielen Fällen, daß sich an den jetzigen Lebewesen "Andenken" an frühere Stadien erhalten haben. Es sind die sogenannten Rudi­mentärorgane. Gegen ihre Deutung als Abstammungszeugnisse haben lange Zeit die Gegner der Abstammungslehre in ihrem Kampf mit Haeckel Sturm gelaufen. Man stützte sich besonders auf den freilich bequemen Grundsatz, daß man wegen der unvollkommenen Kenntnis der Organismen und ihrer Physiologie einem Organ die Bedeutung noch nicht absprechen könne, die es vielleicht habe, auch wenn wir jetzt eine solche nicht feststellen könnten. Aber selbst wenn diese Organe alle noch einen Zweck erfüllten, so müßte man doch aus ihrem Bau und ihrer Lage in den allermeisten Fällen auf Abstammung schließen. Jeder, der einmal über irgendeine Tiergruppe vergleichend‑anatomisch gearbeitet hat, muß sagen, daß ihm der Organismus der Tiere ein Rätsel ist, wenn es keine Abstammungsmöglichkeit gibt. In sehr vielen Fällen ist aber eine Bedeutung des Organs für das jetzt lebende Tier sicher nicht mehr vorhanden. Es ist kleiner geworden, funktions­unfähig, und doch zeigt es noch deutlich, daß es das Organ eines Vorfahren ist und im Grunde für eine Funktion geschaffen ist, die es dort noch leistet. Da verschlägt es nichts, wenn man im ersten Drang der Begeisterung für die neue Entdeckung Organe zu rudimentären stempelte, deren Funk­tion man später entdeckt hat. In Tausenden von Fällen haben solche Organe tatsächlich heute keine Bedeutung mehr, sind nur noch "Andenken" an frühere Organisationsstufen. Hier springt es besonders dem christlichen Philosophen ins Auge, daß diese Verhältnisse nur durch Stammesent­wicklung zu erklären sind. Es ist kein Grund zu finden, weshalb der Schöpfer solch eigenartige Bildungen, die keinen Wert haben, für die Entwicklung des Individuums aber doch eine Belastung darstellen, direkt geschaffen haben sollte. Nehmen wir aber eine Entwicklung nach eigenen, einge­schaffenen Gesetzen an, so schwindet jede Dysteleologie.

Daß wir mit der Deutung der Rudimentärorgane wieder auf dem rechten Wege sind, bestätigt uns die Embryologie. Was wir vorhin dauernd im Organismus hatten: Bildungen, die nur aus der Ver­gangenheit des Organismus verständlich gemacht werden können, dasselbe haben wir in der Onto­genese vieler Organismen vorübergehend. Die Ontogenese macht sehr oft eigenartige Umwege, um die Ausgestaltung des Individuums zu erreichen. Sehen wir uns solche Umwege genauer an, so zeigt sich, daß diese Umwege wieder frühere Stadien darstellen, d. h. es bilden sich Organe bezw. Gewe­be, die wir auf einer systematisch tieferen Stufe als Dauerzustand finden; hier in der Embryo-Ent­wicklung werden sie wieder umgestaltet, und sie verschwinden oft im Laufe der Ontogenese, der Entwicklung des Individuums, wieder ganz, wenn sie nicht dauernd als Rudimentärorgane erhalten bleiben. Es gibt Tiere, deren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe man entdeckt hat durch das Studium der Ontogenese, die die Gruppenmerkmale vorübergehend in voller Deutlichkeit zum Vorschein brachte. Haeckel hat bekanntlich auf dieser Erscheinung sein "biogenetisches Grundge­setz" aufgebaut, das auch in der Kampfperiode des Darwinismus sehr stark umstritten wurde. Spä­ter konnte man in katholischen Darstellungen immer häufiger lesen, daß dieses Gesetz einen "Grundirrtum" darstelle. Daß das übertrieben ist, zeigt schon der vorhin geschilderte Gang der embryonalen Entwicklung. Wenn sich freilich Haeckel die Ontogenese so vorgestellt hatte, daß wirklich in ihr die Phylogenese kurz "rekapituliert" werde, so war das ebenfalls übertrieben. Tat­sächlich verhält es sich so, daß gewisse Eigentümlichkeiten der Organisation der Vorfahren sich mitunter hartnäckig erhalten, daß andere aber wieder vollständig verschwunden sind. Von einem "Gesetz der Rekapitulation" kann man also schwerlich reden, aber das, was sich in der Ontogenese zeigt, ist doch sehr oft ein deutlicher Spiegel der einen oder anderen phylogenetischen Vorstufe.


Gegenwärtig wird von vielen die jetzt noch vor sich gehende Umbildung der Organismen als Beweis für die Phylogenese angesehen. In der Tat, wenn wir jetzt noch eine Entwicklung beobach­ten können, dann ist das der klarste Beweis für die Möglichkeit und Tatsächlichkeit derselben. Weil diese Frage in den letzten Jahrzehnten eifrig studiert und ein reiches Forschungsmaterial zusam­mengebracht ist, diese Frage heute auch im Vordergrunde des Interesses steht, so sei sie hier aus­führlicher besprochen. Ein flüchtiger Blick in die Natur belehrt jeden, daß die Individuen einer Pflanzen‑ oder Tierart nicht alle ganz in allen Einzelheiten einander gleichen, sondern daß sie oft voneinander abweichen, daß sie "variieren". Diese Beobachtung zeigt, daß die Formen nicht ganz starr sind. Für eine Stammesentwicklung können solche Variationen aber nur dann Bedeutung gewinnen, wenn sie erblich sind. Nur die wenigsten Variationen sind erblich. Erbliche Variationen nennt man seit De Vries' grundlegenden Untersuchungen (1901, 1903) "Mutationen". Um ihre Erforschung haben sich besonders De Vries, Baur und Morgan und seine Schule verdient gemacht. Drei Objekte erwiesen sich als besonders geeignet für das Mutationsstudium: De Vries arbeitet mit einer Nachtkerzenart (Oenothera lamarckiana), Baur mit dem bekannten Löwenmaul (Antir‑ rhinum majus), Morgan und seine Schule mit der kleinen Taufliege (Drosophila melanogaster). Alle drei Forscher konnten an ihren Objekten Mutationen, d. h. erblich fixierte Abänderungen, fest­stellen, und zwar nicht sehr selten. De Vries berechnet den Mutationskoeffizienten für seine Nachtkerze mit 1 bis 2 Prozent, der sich aber bis zu 10 Prozent steigern kann. Baur fand bis 1924 beim Löwenmaul über 100 Mutanten, in der Morganschule wurden in zirka 20 Jahren ungefähr 20 Millionen selbstgezüchtete Taufliegen‑Exemplare auf Mutationen untersucht. Man fand unter ihnen über 400 Mutanten (Hertwig, S. 133). Über den Umfang der Mutationen sei kurz folgendes gesagt. Morgan hat 1925 eine Zusammenstellung der an der Taufliege beobachteten Mutanten gege­ben. R. Hertwig schreibt darüber: "Unter den variierenden Merkmalen finden wir in derselben am häufigsten angeführt: Farbe und Beschaffenheit der Augen, Gestalt, Äderung und Rudimentierung der Flügel, Zahl, Struktur und Verteilungsweise der Borsten, Färbung und Zeichnung des Körpers, Abnormitäten in seiner Gliederung. Dazu kommen Faktoren, welche Einfluß auf andere Charakte­re haben, indem sie sie verstärken, abschwächen oder die Realisierung ihrer Anlagen ganz verhin­dern, Zellwucherungen, die an menschliche Geschwülste erinnern und wie diese teils gutartiger, teils bösartiger Natur sind und demnach die Lebensfähigkeit beeinflussen. In der von Morgan aufge­stellten Serie von Mutanten findet man alle Grade der Veränderung: Abweichungen vom Norma­len, die so geringfügig sind, daß es eines geübten Auges bedarf, um sie wahrzunehmen, bis zu auf­fallenden Monstrositäten. Auch rücksichtlich der Lebenswichtigkeit ergeben sich allerlei Abstufun­gen von Merkmalen, die auf das Gedeihen des Merkmalsträgers keinen Einfluß ausüben oder unter besonderen Fällen sogar von Vorteil sein können, bis zu Merkmalen, die die Existenz des Tieres bedrohen." Für Drosophila melanogaster sind. über 60 derartiger "Letalfaktoren" festgestellt (Hert­wig, S. 133 f.). Gleiche Resultate erhielt Baur beim Löwenmaul: "Auch hier werden fast alle Organe der Pflanze in Mitleidenschaft gezogen, besonders alle Teile der Blüte und der Blätter, sowohl ihre Gestalt und Struktur als auch ihre Farbe. Was den Grad der Unterschiede anlangt, vermöge deren sich die neu auftretenden Mutanten von den Ausgangsformen unterscheiden, so ergeben sich alle nur denkbaren Abstufungen" (Hertwig, S. 134). Auch der Oenothera‑Forscher De Vries spricht sich für "eine allseitige Mutabilität der Organismen" schon in seiner Mutationstheorie aus (1901, S. 144).

Fassen wir die Ergebnisse der bisherigen Mutationsforschungen zusammen, die schon eine un­übersehbare Literatur füllen, so ergibt sich folgendes: Mutationen kommen nicht sehr selten vor. Es können sowohl kleine, kaum wahrnehmbare Abweichungen von der Ausgangsform sein wie sol­che, die sich sehr stark von dieser unterscheiden. Sie stellen also alle durchaus nicht "nur eben wahrnehmbare Abweichungen" dar. Das müssen wir für eine spätere Untersuchung festhalten. Im übrigen können sie alle Teile des Organismus betreffen. Es ist meist keine bestimmte Richtung in den aufeinanderfolgenden Mutationen festzustellen. Sie können für das Individuum sowohl nütz­lich wie schädlich, ja tödlich sein. So stellen sich die Mutationen so dar, wie sie sich der alte Darwi­nismus dachte, und manche Forscher, wie Hertwig, Baur, sind der Meinung, daß durch die neueren Mutationsforschungen die Selektionstheorie bestätigt werde.

Was beweisen diese Mutationen? Sie beweisen zunächst, daß der Organismus der heute noch lebenden Pflanzen und Tiere sich erheblich verändern kann. Für die Tatsache einer Stammesent­wicklung werden sie nicht als Beweise herangezogen werden dürfen, und zwar aus einem doppelten Grunde:


Mutationen können entstehen sowohl durch Neuerwerb von Eigenschaftsanlagen (Genen) als auch durch Verlust solcher Anlagen in der "Erbgarnitur". In der Stammesentwicklung können nur neuerworbene Gene, die eine Bereicherung des erblichen Schatzes an Anlagen darstellen, eine Rolle spielen, nicht der Verlust von Anlagen. Haben wir nun in den geschilderten Mutationen solche Bereicherungen, Additionsmutanten, oder Verlustmutanten vor uns? Vieles spricht dafür, daß es sich ausschließlich um Verlustmutanten handelt, die also für die Stammesentwicklung keine Bedeu­tung haben können und daher auch nicht als Beweismomente für diese herangezogen werden kön­nen. Doch herrscht über diese so wichtige Frage naturgemäß noch Meinungsverschiedenheit. Daß es Verlustmutanten gibt, darüber sind sich alle einig. De Vries nennt schon in seiner Mutations­theorie die Verlustmutanten "eine ganz gewöhnliche Erscheinung", doch soll "der Verlust in der überaus großen Mehrzahl der Fälle nur ein äußerer" sein; die Eigenschaft geht aus dem aktiven in den latenten Zustand über (1903, S. 637 f.). Es ist klar, daß im letzten Falle ebenfalls kein Neuer­werb von Anlagen vorliegt. Nach De Vries ist das Verhältnis von Verlust‑ und Additionsmutanten bei den einzelnen Objekten nicht das gleiche: Bei der Taufliege überwiegen Verlustmutanten, bei der Nachtkerze sind "etwas mehr als die Hälfte aller Mutationen artbildend" (1925, S. 149). Dürken ist mit Recht vorsichtiger. Er kann "sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die bisher in der rezen­ten Fauna beobachteten Mutanten lediglich durch den Verlust eines Erbfaktors zustande gekom­men sind". Phänotypisch kann zwar bei einer Verlustmutation ein Neuerwerb vorliegen; wenn z. B. in der Erbmasse ein Hemmungsfaktor, der eine Anlage in der Entwicklung hemmt, sie nicht zur Entwicklung kommen läßt, fortfällt, so kann diese gehemmte Eigenschaft plötzlich durch den Verlust des Hemmungsfaktors in die Erscheinung treten, ohne daß es sich um einen Neuerwerb einer Anlage handelt. Dürken will aber nicht behaupten, daß es keine Additionsmutanten gibt, nur sind sichere Additionsmutanten nach ihm in der Literatur noch nicht beschrieben, wohl dagegen Mutanten, "bei denen eine Beschaffenheitsänderung von Genen vorliegen dürfte" (1921, S. 11 f., ähnlich neuerdings Broman). Diese Meinung Dürkens kann nicht widerlegt werden. Damit entfällt aber auch ‑‑ wenigstens vorläufig ‑ die Möglichkeit, die Mutationen in der rezenten Flora und Fau­na als Beweise für die Stammesentwicklung heranzuziehen. Es muß weiter darauf hingewiesen werden, daß alle Taufliegen‑, Löwenmaul- und Nachtkerzen‑Mutationen bisher "niemals die Gattungs-, kaum die Artgrenze überschritten haben" (v. Wettstein, S. 378). Solche Mutationen können für eine Stammesentwicklung keine Bedeutung haben.

Fassen wir das Gesagte zusammen. Die verschiedensten Disziplinen der Biologie: Die Systematik, die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und Physiologie, die Embryologie (auch die Tier‑ und Pflanzen‑Geographie könnte noch herangezogen werden), führen alle ‑ unabhängig vonein­ander ‑ zu einer gemeinsamen Grundanschauung, zur Abstammungslehre. Die "gradweise abgestuf­te Mannigfaltigkeit", die wir nebeneinander in der rezenten Flora und Fauna in den Ergebnissen der Systematik und vergleichenden Anatomie, die wir nacheinander in der Erdgeschichte vorfinden, die Rudimentärorgane an den vollentwickelten Pflanzen und Tieren und die Umwege in der Ent‑ wicklung der Embryonen finden ihre befriedigende Erklärung nur in der Annahme einer Stammes­entwicklung. Wir mögen ein beliebiges Lebewesen herausgreifen, stets weist es uns zurück auf frühere Stufen, ohne Annahme einer Entwicklung bleibt es uns ein ungelöstes Rätsel. Nur bei Annahme einer Stammesentwicklung schwinden auch, wie später noch deutlicher gemacht wird, alle Dysteleologien.

In späteren Aufsätzen sollen folgende Themen behandelt werden: 1. Der Verlauf der Stammes­entwicklung, 2. Die Entwicklungsfaktoren, 3. Die Stammesentwicklung und der Mensch.

 

Literatur:

 

Broman, I., 1926, Der Atavismusbegriff und das Dollosche Gesetz. Anat. Anzeiger, Bd. 61, Nr. 10/11, S. 248 ff.

De Vries, H., 1901, Die Mutationstheorie, I, Leipzig.

- 1903, Die Mutationstheorie, II, Leipzig.

- 1925, Die latente Mutabilität von Oenothera biennis L. Zeitschr. für indukt Abstammungs- und Vererbungslehre, Bd. XXXVIII, Heft 3.

Dürken, B., und Salfeld, H., 1921, Die Phylogenese, Berlin.

Dürken, B., 1924, Allgemeine Abstammungslehre, Berlin 2.

Fleischmann, A., 1901, Deszendenzvorlesungen über den Auf‑ und Niedergang einer naturwissen­schaftlichen Hypothese, Leipzig.

Hertwig, R., 1927, Abstammungslehre und neuere Biologie, Jena.

Mausbach, J., 1929, Dasein und Wesen Gottes, Münster.

Tschulok, S., 1922, Deszendenzlehre, Jena.

Wettstein, R. v., 1928, Das Problem der Evolution und die moderne Vererbungslehre. Zeitschr. f. ind. Abstammungs‑ und Vererbungslehre. Supplementband I.