ThGl 22 (1930) 728 - 739                                                                                                                 

 

 

Der Buddhismus und die Kulturkrise des Abendlandes

 

von Redakteur Joseph Peters, Aachen

 

 

 

 

 

Ende Juli 1930 fand zu Honolulu auf den Hawai‑Inseln der erste Weltkongreß der buddhistischen Jugend statt, der die Ideen des großen buddhistischen Weltkongresses zu Tokio vom Jahre 1925 weiterführte und organisatorisch zu unterbauen suchte. Diese Ideen gipfelten in der Formulierung: Der Buddhismus ist eine Weltreligion. Deshalb ist seine Pflicht, Weltmission zu treiben. So schloß der Kongreß mit einem Aufruf zur Missionierung der Welt.

Man hat im Jahre 1925 den Aufruf zur Weltmission des Buddhismus im Westen nicht ernst ge­nommen. Wird man ihn im Jahre 1930 ernster nehmen? Wir wollen einmal bewußt den geistigen Einfluß des Buddhismus auf den Westen nur für die letzten 5 Jahre untersuchen und werden zu dem Ergebnis kommen, daß die buddhistische Propaganda schon erhebliche Erfolge im Abendland aufzuweisen hat.

Es hat eine Zeit gegeben, wo der Buddhismus durch die drei Medien der Philosophie, der Kunst und der Wissenschaft ins Abendland einzuströmen begann. Es war damals, als Schopenhauer nach langem Bemühen vor Geheimrat Krüger einen tibetanischen Buddha zum Geschenke erhielt, ihn vergolden ließ und als Symbol seiner eigenen Anschauung der Welt statt des Kruzifixes im Wohn­zimmer aufstellte. Vor dem Kriege gab es in Westeuropa buddhistische Gesellschaften und Zeit­schriften, und die Kunsthistoriker werden stets Richard Wagner als weitgehend buddhistisch beein­flußt bezeichnen müssen. Der Steyler Missionswissenschaftler P. Thauren hat in verschiedenen Aufsätzen in deutschen und holländischen Zeitschriften im Anschluß an Berthelots Veröffentli­chungen über "den Buddhismus im Abendlande der Gegenwart" Wesen und Umfang des buddhisti­schen Einflusses der Vorkriegszeit aufgezeigt. Wir wollen hier nicht darauf zurückkommen und nur noch auf die Propaganda hinweisen, die durch die theosophische Bewegung für einen Buddhis­mus gemacht wurde, den der im Westen um Gefolgschaft werbende Neubuddhismus unter Beru­fung auf Buddhas Feindschaft gegen das Okkultistisch-Magische selbst energisch ablehnte.

Der Krieg brachte einen deutlich sichtbaren Bruch in die buddhistische Propaganda des Abend­landes hinein. Nie war sie von durchgreifendem Erfolg gekrönt gewesen. Denn die christlichen Kirchen standen noch fest und beeinflußten sehr stark das Kulturleben. Der Krieg war ein gewalti­ger Aufruf zur Völkeraktivität und ließ mit seinen furchtbaren Realitäten zur Flucht vor dem Leiden keine Zeit. Man konnte nicht durch kontemplative "Erkenntnis" und "Auslöschen der Begierde" sich auf die Beseligung des Nirwana vorbereiten, wie immer dieser Endzustand des Men­schendaseins auch von den buddhistischen Schulen aufgefaßt werden mag.

Die nachkriegszeitliche buddhistische Propaganda fand im Westen besseren Boden für ihre Ideen: bis zum Weißbluten erschöpfte Völker, deren Seelenleben pathologische Grenzzustände zeitigte, eine seelische Lähmung und Untergangsstimmung unter den Intellektuellen, den Zerfall des christ­lichen Kultureinflusses und das Entstehen eines Neuheidentums in Gestalt des Atheismus und des Säkularismus, der bewußten Gottesleugnung und der bewußten Gottignorierung. Das im christli­chen Kulturboden entstehende religiöse Vakuum zog gleichsam das buddhistische Kraftfeld an, wie überhaupt die verschiedenen neuheidnischen bezw. neureligiösen Strömungen des Abendlandes, die den unruhigen Seelen Ersatz für das Christentum anbieten, östliche Religionsgebilde herbeiloc­ken. Die Geschichte des Synkretismus im Römerreiche zur Zeit der ersten christlichen Jahrhunder­te wiederholt sich. Spengler hat hier trotz allem wiederum nicht schlecht gesehen. Als Kulturpsy­chologen wird ihn auch anerkennen, wer seine konstruktive Geschichtsphilosophie ablehnt. Völ­ker, die im Kulturzerfall sich befinden, wenden sich in ihren Intelligenzschichten gerne intellektua­listischen Lösungen des Erlösungsproblems zu. Nachdem sie die göttliche Lebenskraft, die sie um­flutete und ihrem Sein Lebensenergien gab, verschmähten, nachdem sie die Erlösung durch die außerweltliche persönliche Gottheit ablehnten, müssen sie die Erlösung in sich selbst suchen. Und da sie ihre physische Ohnmacht fühlen, bleibt ihnen nichts übrig, als im freien Spiel des Geistes sich eine dialektische Lösung der Lebensrätsel zurechtzulegen.


Wer aufmerksam unser deutsches Kulturleben studiert, findet bestätigt, daß die Versuche einer intellektuellen Selbsterlösung immer mehr Anhänger finden. Wir haben vor einigen Jahren in der katholischen Presse auf die Neugeistbewegung aufmerksam gemacht, die ihre deutsche Zentrale in Pfullingen (Württemberg) hat, im übrigen aber unter dem Namen International New Thought Association schon eine Weltorganisation geworden ist. Diese in Deutschland weitverbreitete Bewe­gung leugnet zwar nicht den metaphysischen göttlichen Untergrund der Welt. Ja, sie will sogar die seelisch labile Menschheit von heute mit diesem göttlichen Welthintergrund wieder in Verbindung bringen. Aber als Weg zu diesem Ziele wird eine Technik der Gedankenlenkung angegeben, die gewissermaßen den Kontakt zwischen Gott und Seele herstellt. Nicht die religiöse Wesenshaltung der menschlichen Natur, nicht das gnadenhafte Herabsenken Gottes im religiösen Akt treten hier hieraus, sondern eine lernbare und durch Jogaübungen verbürgte Denktechnik. Hier sind schon die Wurzeln des buddhistischen Denkens, freilich in einer nur dem Kenner bemerklichen Verfeine­rung, sichtbar. ‑ Die in Amerika weitverbreitete Sekte der "Christian Science", der "Christlichen Wissenschaften", die auf der Pressa in Köln gegenüber dem Pavillon der Kölnischen Volkszeitung einen Propagandastand hatte, praktiziert auch eine gewisse Technik der Gedankenlenkung, die zu einem religiös‑metaphysischen Ergebnis führen soll. Auf der Pressa verteilte diese Sekte amerika­nische Zeitungen, die dadurch die Welt besser machen wollten, daß sie keine Notiz über die Schat­tenseiten des Menschenlebens und die Sünde aufnahmen. Wie gesagt, hier wird nur eine Denk­technik, nicht eine Selbsterlösung durch Denken gelehrt. Beim Buddhismus ist dagegen der christli­che Gott der Offenbarung oder der Schöpfergott der natürlichen Gotteslehre gänzlich ausgeschal­tet. Wer sieht aber nicht, daß seine Wege zum Nirwana die Denktechnik gewisser Sekten des Abendlandes schon stark beeinflussen?

Die liberale protestantische Theologie der fünfziger und sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts hatte sich eine wunderbare Theorie von der Aufgabe der christlichen Weltmission ausgedacht. Sie wollte in den heidnischen Religionen des Ostens innere Reinigungskrisen hervorrufen, die zu einer selbständigen Höherentwicklung dieser Religionen bis zur Höhe christlicher Kultur führen sollten. Beim Buddhismus ‑ den wir einmal dem Sprachgebrauch folgend Religion nennen wollen, obwohl er nur in seinen mythologischen Formen eines Götterkultes (Buddha‑ und Bodhisattvakult) als Religion angesprochen werden kann ‑ geschah tatsächlich das Wunder. Die Reinigungskrise trat unter dem Einfluß der christlichen Mission ein. Die Buddhisten haben selbst zugegeben, daß die Renaissance ihrer Erlösungslehre dem Christentum zu verdanken ist. Aber diese Reinigungskrise bedeutet nur eine religionssoziologische und sozialkaritative Entfaltung einer an sich weltabge­wandten Spekulation nach abendländischem Muster. Die Höherentwicklung und Aufartung zum Christentum hin blieb aus. Im Gegenteil, man beobachtete die Zersetzungserscheinungen des west­lichen Christentums und glaubte mehr denn je an die absolute Überlegenheit des Buddhismus; ja, man stieß sogar zur bewußten Gegenoffensive in das Lager der westlichen Christenheit vor. Das ist tragisch. Aber man muß dieser Tragik auch bei uns ruhig ins Auge sehen. Der Buddhismus kann auch bei uns für sein philosophisches Geistesgebäude, nicht allerdings für seine Entartungen, wie sie in den östlichen Volksreligionen bestehen, Anhänger gewinnen und hat sie schon gewonnen.


Es ist hochinteressant, einmal die Urteile des östlichen Buddhisten über das westliche Christen­tum und den westlichen Kulturzerfall darzustellen. Die Buddhisten beobachten die soziale Not in den christlichen Ländern, die sie als Folge des Kapitalismus, Materialismus und Militarismus anse­hen. Eine ihrer Zeitschriften brachte das Menschheitsproblem von heute auf die Alternative: Bajo­nett oder Buddhismus. Unter Hinweis auf die sittlichen und sozialen Zustände der Alten Welt nach dem großen Kriege meinte der Japaner Takakusu, er habe zehn Jahre in England christliche Predig­ten gehört und sei zu der Überzeugung gekommen, daß das Christentum der jungen Generation Europas nicht mehr entspreche. Die buddhistische Zeitung Young East (Der junge Osten) ver­spricht den gehetzten und geplagten Menschen der Weltvölker Ruhe und Frieden inmitten der Unrast des geschäftigen Lebens. Der Buddhismus sei Heilmittel für alle sozialen Schäden, Heil­mittel gegen den westlichen Materialismus und in seiner allgemeinen Menschenliebe Heilmittel auch gegen den Rassenstolz. Takakusu hält Europa für reif für den Buddhismus. Den pazifistischen Strömungen des Westens empfiehlt sich der Buddhismus besonders durch seine Friedensliebe. Zur Zeit der Genfer Seeabrüstungskonferenz besuchte in feierlicher Amtstracht ein buddhistischer Priester den englischen und amerikanischen Botschafter in Tokio und bat nach einem Gebet beide Botschafter, ihre Länder zu veranlassen, auf der Konferenz Opfer zu bringen, damit der Welt der Friede erhalten bleibe. Als primäres Propagandaobjekt im Westen betrachten die Buddhisten die wachsende Zahl der Atheisten. Denn der Buddhismus ist ja Atheismus, freilich ohne die kultur­kämpferischen Neigungen der westlichen Gottesleugner. Gibt es doch im Buddhismus kein Sein, sondern nur Werden, keine Individualität, sondern nur psychische Vorgänge ohne substantiellen Träger. Folglich auch keine göttliche Ursubstanz. Man weist hin auf die rapide Abnahme der Kir­chengläubigen in Amerika und Europa, auf die Tatsache, daß in Deutschland z. B. die Zahl der Konfessionslosen im Jahre 1910 nur 209000, im Jahre 1925 dagegen 1551000 betrug. "Spiritualismus (d. h. Spiritismus), 'Christliche Wissenschaft' und Neugeistbewegung haben Ersatz für das abgewirt­schaftete Christentum gebracht," heißt es in der Zeitschrift "Young East", die sich besonders mit der westlichen Kulturwelt auseinandersetzt. In der ersten Nummer dieser Zeitschrift vom Juli 1925 ist das Urteil der Neubuddhisten über Europa charakteristisch zusammengefaßt: "Welches ist nun unsere Mission gegenüber dem Westen? Es braucht kaum gesagt zu werden, daß die Zivilisation des Westens, indem sie zu viel Gewicht auf die materielle Seite legte, eine lahme Zivilisation ist. Fak­tisch befindet sie sich heute auf einem toten Punkt. Wenn sie ihrem Wesen nach das ist, was die heutige Zivilisation des Westens darstellt, dann ist sie ein Fluch statt ein Segen. Das beste Mittel, um ihre Schäden zu heilen und sie zu vervollkommnen, ist nach unserer Meinung dies, im Westen die Kultur, die Philosophie und den Glauben des Buddhismus zu verbreiten. Um das zu erreichen, müssen wir uns bemühen, viele Menschen des Westens zu bestimmen, die Vorurteile und den Stolz aufzugeben, die sie in bezug auf Rasse, Religion und Politik beherrschen. Wir fühlen, daß es unsere Pflicht ist, in ihre Herzen den Geist Buddhas einzupflanzen, dessen Liebe nicht nur den Menschen gilt, sondern allen Lebewesen auf der Welt. Das ist unsere Mission gegenüber dem Westen." Und im Chinese Recorder (Okt. 1929) wird mitgeteilt, der Führer des chinesischen Jungbuddhismus, der eben eine Reise durch Amerika und Europa beendigt habe (er war auch in Deutschland und wurde dort hochgeehrt. Verf.), habe begeistert erklärt: "Nun sind die Völker Europas endlich auf dem Punkt, zum Buddhismus überzutreten (!)."

Welches Echo hat bisher das buddhistische Liebeswerben im Westen gefunden? Wir haben in den letzten Jahren so manche Äußerung westlicher Intellektuellen über den Buddhismus gesammelt. Der Blumenstrauß, den wir daraus zusammenstellen, kann ernste Geister im christlichen Lager nicht erfreuen. ‑ ‑


Der Vizepräsident des englischen Zweiges der buddhistischen Maha‑Bodhi‑Gesellschaft in Lon­don schrieb im Jahre 1928: "Ich fürchte diesen unsinnigen christlichen Aberglauben nicht. In Euro­pa wächst die Zahl der Buddhisten dauernd. Große Verantwortung ruht auf uns Buddhisten; denn ich fühle: wir sind die letzte Hoffnung der Welt!" In London werden zurzeit 500 weiße Buddhisten von 3 ceylonesischen Mönchen pastoriert! ‑ Anatole France schrieb 1927 im British Buddhist: "Es ist wundervoll, wenn man bedenkt, daß die Quelle der Moralität, die am Himalaya entsprang und bis zu dem Genius von Hellas strömte, ihre Reinheit und herrliche Frische bewahrt hat, und daß der Weise von Kapilavastu (Geburtsort Gotama Buddhas in Nepal. Verf.) der beste Berater und der süßeste Tröster der leidenden Menschheit ist." ‑ Der protestantische Theologieprofessor Althaus, zurzeit einer der einflußreichsten Lehrer der jungen protestantischen Theologengeneration, nannte neulich in einer verblüffenden Eilfertigkeit den Neu‑Buddhismus in Japan und China "die Höhe außerchristlicher Religion", ohne zu bedenken, daß der Monotheismus der Primitiven, wie ihn besonders Forscher der Steyler Missionsgesellschaft (Schmidt, Koppers, Gusinde, Schebesta) und andere Laienforscher und Missionare feststellten, doch höher steht als der modernisierte Mythus des Mahayana‑Buddhismus! ‑ Unser süddeutscher Dichter Hermann Hesse, eines der größten lyri­schen Talente, immer zwar ein Zerrissener, nie aber ein kulturell Entwurzelter, ist seit seiner In­dienreise zum Verehrer östlicher Religionen geworden, er, der einst eine ganz protestantische Er­ziehung genoß. Was er in seinem Buche "Aus Indien" erzählt, hat ihm in den letzten Jahren man­cher nachgesagt: Beim Anblick einer gewaltigen Buddhastatue auf Ceylon, so erzählt er, sei ihm plötzlich der Eindruck wieder gegenwärtig geworden, den ihm ein Kreuz in einer elsässischen Dorfkirche gemacht habe. Und er stellt nun diese beiden religiösen Symbole der Menschheit gegen­über: den erschütternden blutigen Kruzifixus und den milde lächelnden Buddha. Dann spricht er den Wunsch aus, daß unsere Kinder einmal wieder ebenso eindeutige Symbole ihrer Religion fin­den möchten; denn in der Gegenwart bedürften wir beider nicht mehr. Hesse geht hier über Scho­penhauer hinaus, der seinen "mit echtem Golde vergoldeten" Buddha als Symbol nicht entbehren konnte. Das Wort Hesses ist zwar vor 1925 (dem Stichjahr unserer Beobachtungen) geschrieben. Es ist aber charakteristisches Beispiel für viele ähnliche Äußerungen der letzten Jahre, die den relati­vierenden Einfluß der vergleichenden Religionswissenschaft dartun, die Christus und Buddha schließlich auf gleiche Wertstufe stellt. ‑ Professor Hans Driesch, Leipzig, in der Biologie als Bahn­brecher des Neo-Vitalismus geschätzt, ein führender Mann der deutschen Naturwissenschaften, schreibt in seinem Buche "Fern‑Ost" (Leipzig 1925): "Der Buddhismus steht als Religion und Meta­physik vollwertig neben dem Christentum." Das sei die Anschauung der jungen Chinesen. Und Prof. Driesch, der im Osten Gastvorlesungen hielt, besuchte selbst am Geburtstage Buddhas das älteste Buddhistenkloster Pekings, wo er der Menge "etwas Liebes über Buddha" sagte: "Hoffen wir, daß buddhistische Weisheit zu uns Westländern kommen möge! Wie sehr wünschen doch die Besten bei uns, herauszukommen aus der Unruhe des Lebens. Ruhe brauchen wir und innere Sammlung, d. h. in ganz kurzen Worten: Wir brauchen Buddhismus!" ‑ Prof. Bruno Petzold aus Berlin, Dozent für germanische Literatur an der Dai Ichi Koto Hakko in Tokio, der vor zwei Jahren als erster Europäer den fünfthöchsten Priesterrang in der buddhistischen Hierarchie erhielt, ist begeisterter Anhänger des Mahayana‑Buddhismus.[1] Beim ersten großen Weltmissionskongreß des Buddhismus (1925) sagte er in einer Rede: "Ich erscheine hier vor Ihnen als ein Ausländer, aber nicht als ein Fremder, als einer, der aus der Quelle des Buddhismus lange Jahre hindurch getrunken hat und zu der Erkenntnis gekommen ist, daß das reine Wasser des Mahayana noch imstande ist, die Menschheit zu kräftigen und zu erfrischen. Wenn christliche Scholastik, wie sie Thomas Aqui­no in ein System gebracht hat, noch als lebendige Kraft erfunden wird, dann wird sicherlich buddhistische Scholastik auch für fähig befunden werden, einen verjüngenden Einfluß auf das menschliche Gemüt auszuüben." ‑ Unser ehemaliger deutscher Botschafter in Tokio, Dr. Solf, meinte bei seiner Rede anläßlich der Eröffnung des deutschen Japan‑Instituts: "Sollte nicht der Einfluß einer Weltanschauung, die solche Eigenschaften (starke moralische Kraft dem japanischen Volke) ermöglicht, auf unser Leben ebenso fruchtbar wirken können wie das Christentum im fernen Osten?" Hier ist wiederum der religiöse Relativismus sichtbar wie oben bei Hermann Hesse. Die ethische Welt tritt indes hier stärker hervor. Die Religionen der Welt werden als Hilfsmittel zur Erreichung einer universalistisch gedachten Ethik betrachtet, die den Primat vor dem Religiö­sen besitzt, statt im Religiösen zu wurzeln.


So wirft man sich von hüben und drüben die Bälle zu. Sind in den letzten fünf Jahren den Wor­ten auch Taten gefolgt? So fragt man weiter. Symbolisch wirkt die Tatsache, daß bei Erlaß der buddhistischen Weltmissionsbotschaft (November 1925) nicht nur der chinesische Botschafter, dessen Anwesenheit man als des Vertreters eines teilweise buddhistischen Landes verstehen kann, sondern auch der englische und deutsche Botschafter offizielle Zeugen waren. Dr. Solf, der damalige deutsche Botschafter, hat in den folgenden Jahren sich 1. eingesetzt für Errichtung von Lehrstühlen für Buddhismus an deutschen Universitäten und eine dahingehende Eingabe Prof. Petzolds an das preußische Kultusministerium vermittelt. Er hat 2. Tsai Hsü, den Wiedererwecker des chinesischen Buddhismus und ausgesprochenen Feind des Christentums, eingeladen, eine Reise nach Deutschland zu machen und ihm die Stellung eines "Kurators" am China‑Institut in Frankfurt am Main vermittelt, wo er eine vorläufige Geschäftsstelle seines geplanten buddhistischen Weltinstituts einrichtete. Im Vorjahr kehrte er selbst indessen nach China zurück, wo seine Freunde in bomba­stischen Worten seine Erfolge im Westen feierten. Dr. Solf hat 3. nach Angabe der Zeitschrift "Young East", die sich als Propagandaorgan für den Westen betätigt, einen namhaften Beitrag zur Gründung dieser buddhistischen Zeitschrift gespendet. (Hat er dazu Mittel aus den Geheimfonds des Auswärtigen Amtes gebraucht? Verf.) Er hat 4. als großer Freund des Mahayana‑Buddhismus Pate gestanden bei der im Oktober 1929 erfolgten Gründung der deutsch‑japanischen buddhisti­schen Vereinigung, deren Ehrenpräsident Prinz Tokugawa vor einigen Monaten Deutschland bereiste. Die von Petzold angeregte Gesellschaft will buddhistische Werke ins Deutsche übersetzen. Dabei haben wir schon verhältnismäßig viel deutschsprachige buddhistische Literatur auf dem Büchermarkt! Die Gesellschaft soll des weiteren eine Zeitschrift und Lehrstühle für Buddhismus in Deutschland schaffen. Ein Fonds ist zu diesem Zwecke in Sammlung begriffen. Am 15. Mai 1928 gründete Professor Walleser in Heidelberg eine Gesellschaft für Buddhismuskunde. Der Jahresbei­trag ist 12 Mark. Dafür erhält man das Jahrbuch gratis. Die Gesellschaft hat schon zu Heidelberg ein Institut gegründet, das durch eine Bibliothek Sammelpunkt der buddhistischen Forscherarbeit in Deutschland werden soll. Die deutsche Morgenländische Gesellschaft hat das Institut auf ihrer Tagung vom 25. August 1928 wärmstens empfohlen. Es ist auffällig, daß nicht nur religionswissen­schaftliche Interessen zur Gründung solcher Institute führen, sondern auch propagandistische. Der Buddhismus ist auf Weltmission innerlich angelegt. Seine Lehre soll ja für alle Menschen gelten. In Heidelberg sollen auch buddhistische Werke herauskommen, zu denen japanische Spenden schon vorliegen.

Man begreift nicht recht, warum der jüngst verstorbene Professor Wilhelm, ein ehemaliger prote­stantischer Missionar, der schließlich seine Aufgabe in der Vermittlung chinesischer Kultur an den Westen sah und Leiter des China‑Instituts in Frankfurt wurde, gerade dort "ein Weltinstitut für buddhistische Forschung" errichtete, das wie Heidelberg den Mahayana‑Buddhismus bekannt machen soll. Uns kann diese Konkurrenz zweier Rivalen in diesem Falle nur recht sein. Die Gelder zu fester Organisierung zweier solcher Institute müssen schon aus dem Orient kommen. In Deutschland sind sie zurzeit nicht aufzutreiben. Wie die Köln Zeitung am 16. Juli 1929 mitteilte, reiste der berühmte Spion und frühere englische Parlamentarier Trebitsch über Colombo auf dem Lloyddampfer Trier nach Deutschland, um als Mitglied einer buddhistischen Mission dort für die Verbreitung der Lehre Buddhas zu wirken. Neben Frankfurt und Heidelberg, wo man mehr in der Wissenschaft des Buddhismus lebt, ist Frohnau bei Berlin ein Zentrum buddhistischer Lebensgestal­tung. An jedem Vollmondabend feiert man dort den Uposatha (Fasttag) mit öffentlicher Beichte (einer buddhistischen Funktion). Neben einem sogenannten "Buddhistischen Haus" befindet sich ein als Versammlungsort benutzter Tempel. In einem hinter dem Tempel liegenden Wildpark sind Einsiedeleien mit vergitterten Fensterchen angebracht. Im Vortragssaal sitzt in erhabener Ruhe ein in Stein gemeißelter Buddha. Man erklärt den Leuten dort sogenannte Sutren über die falsche Ein­stellung der Welt. Nicht Materialismus, nicht Spiritualismus, sondern Abstrahismus, d. h. ein Sich­freimachen vom Objekt, ist die Parole. Die Einsiedeleien sind oft besetzt. Die Mitglieder der Ge­meinschaft sollen wohltätig sein. Sie lehnen die Lebensresignation ab und wollen praktisch dartun, daß Buddhismus kein tatenloser Weltschmerz ist, sondern Durchschauung und Durchdringung des Lebens bis zur restlosen Erkenntnis, zur Erreichung des Unzerstörbaren, Leidlosen, Todlosen schon auf Erden. Im "Hause der Vollendung" (den Einsiedeleien) suchen die Anhänger des Buddhismus Berlins durch Übung der Erkenntnis zur leidlosen Beschauung zu kommen. Frohnau hegt den indischen Hinayana‑Buddhismus im Gegensatz zu den Forschungsinstituten in Heidelberg und Frankfurt, die mehr den nördlichen Buddhismus mit seiner konkreten, personifizierten, mysti­schen Frömmigkeit der Buddha‑ und Bodhisattvaverehrung[2] vorziehen. Leiter der Gemeinde in Frohnau war bis zu seinem kürzlich erfolgten Tode der homöopathische Arzt Dr. Rudolf Dahlke, der bei teuren Preisen viel Zulauf hatte. Er wollte den Buddhismus als wissenschaftliche " Arbeits­hypothese ins abendländische Denken einführen". Als er starb, wurde verkündet, man könne nicht sagen, er sei gestorben. Nur werde er in der bekannten menschlichen Gestalt nicht mehr nach Frohnau zurückkehren ‑ ‑. Versuche, buddhistische Heime zu errichten, wurden mit mehr oder weniger Erfolg in den letzten Jahren auch anderswo gemacht. Im Jahre 1929 geschah die letzte uns bekannte Gründung zu Marquartstein in Oberbayern.


Außerhalb Deutschlands ist die starke Ausbreitung des Buddhismus im Westen Amerikas zu erwähnen, wo die japanische Einwanderung ebenso wie auf Hawai ein entsprechendes Fundament der Propaganda gibt. Die japanischen Buddhisten unterhalten zurzeit im amerikanischen und japa­nischen Kulturkreis 839 Missionare! In Rußland (Leningrad) soll demnächst eine buddhistische Universität entstehen, zu der die Sowjetregierung Zuschüsse zahlt und deren Vorbereitung sie übernimmt. Man kann sicher sein, daß diese Hilfsbereitschaft der Sowjets sich nur zeigt, weil man durch den Buddhismus im Westen dem Christentum schaden zu können glaubt und einen gefügi­gen Buddhismus zur Lenkung der zentralasiatischen Völker auswerten will. ‑ Eine franko‑japanische buddhistische Vereinigung, die 1930 gegründet wurde, will ein großes buddhisti­sches Versammlungslokal in französischem Stil zu Kyoto bauen, während ein gleiches Lokal in japanischem Stil in Paris errichtet werden soll. Es würde sich zweifellos gut ausnehmen neben Sacré Coeur und der islamischen Moschee, die schon besteht! Gewisse Franzosen ‑ es soll nach dem "Journal des Débats" 30000 Buddhisten, darunter viele gedankenlose Anbeter der Exotischen ohne innere Überzeugung, geben ‑ preisen diesen Austausch buddhistischer Kathedralen als "kulturellen Austausch". Die "Japan Weekly Chronicle" (Nov. 1929) bemerkt dazu ironisch: "Das nennt man Kulturaustausch. Aber es ist ein solcher, der allein auf japanischer Seite besteht. Ein wirklicher Austausch würde besagen, daß die Franzosen eine katholische Kathedrale in Kyoto bauten! ‑ Denn der Buddhismus wird in Frankreich als ein exotisches Ding betrachtet." ‑ ‑ Die Mahayana-Buddhi­sten planen die Gründung eines starken Zentrums ihrer Ideen in Paris. In London ist die Buddhist Society of England neuerdings zu neuem Aktivismus erwacht. Bei jeder politischen und religiösen Straßenkundgebung im Hydepark soll sie für ihre Ideen werben. Der Bau eines Klosters und einer buddhistischen Lehrerakademie in London mit Hilfe einiger buddhistischer Herrscher Ostasiens wird von den englischen Buddhisten geplant. "Das Gebäude, das wir in London zu errichten hof­fen, wird ganz im klassischen Stil des Buddhismus gehalten sein. Gerade dies ist ganz nach dem Geschmack der Europäer." So die Londoner Zeitschrift "Maha‑Bodhi", die sich auch für Ausarbei­tung einer Methode für die Propaganda in Europa und Amerika einsetzt. Inzwischen gehen die Bemühungen der japanischen Buddhisten weiter, in Peking und Tokio Propagandazentren be­sonders für literarische Verbreitung des Buddhismus in allen Weltsprachen zu schaffen, damit "alle Völker sich an der unendlichen Gnade Buddhas sonnen".

Eine Schwäche der buddhistischen Weltmission ist der innere Zwiespalt der Lehren. Während Tai Hsü, der Schützling Dr. Solfs, den Brand in seiner Seele fühlte, "die helle Sonne des Mahaya­na‑Buddhismus" über England, Deutschland und der Schweiz "erstrahlen zu lassen", hütet man in Berlin und anderswo den ceylonesischen (Ur‑)Buddhismus mit seinem kalten Intellektualismus, den andere wieder als warme mystische Sonne auslegen, während eine dritte Gruppe nur das Wesen beider buddhistischer Kredos, des "Großen" und des "Unzulänglichen Schiffes", zum Westen brin­gen wollen. Die einen wollen den Buddhismus mit christlichen Ideen umgestalten, für die anderen steht Christus im Charakter tief unter Buddha. Die einen wollen Missionare, die anderen Gelehrte als Träger der buddhistischen Propaganda.

Das gebotene Material über den Buddhismus im Rahmen der abendländischen Geisteskrise wird zweifellos zum Nachdenken anregen. Die liberal‑protestantische "Zeitschrift für Religions- und Missionswissenschaft" meinte vor vier Jahren, nicht nur die Mission, auch die christlichen Kirchen des Westens müßten mehr die neuen Bewegungen im Buddhismus verfolgen und sich besser rüsten für das näher rückende Ringen zwischen Christentum und Buddhismus. In der Tat: wir sollten uns nicht nur, um mit dem Titel eines Buches des katholischen Missionswissenschaftlers Professor Dr. Aufhauser zu reden, interessieren für "Christentum und Buddhismus im Ringen um Fernasien", sondern auch "im Ringen um den Westen". Zwar sind erst Anfänge einer buddhistischen Propa­ganda da, aber die Bewegung ist im Wachsen, auch im Westen. Warum sollte sie in dieser Zeit geistig‑seelischer Dekadenz nicht Boden gewinnen?

Aber auch der Buddhismus wird dem gequälten Abendland kein Heil und keinen Frieden brin­gen, abgesehen davon, daß er typisch östlicher Seelenhaltung verhaftet ist und bleiben wird. Der protestantische norwegische Missionar Reichelt, der sein Leben der Mission des Buddhismus gewid­met hat, schreibt bezeichnend in seinem Buche "Der chinesische Buddhismus": "Ich kann aus eige­ner Anschauung von den schmerzlichen Seelenkonflikten bei den mehr ideal gerichteten und wahr­heitssuchenden Gliedern der Buddhistengemeinde berichten. Einmal ums andere habe ich inner­halb der Klostermauern Mönche und Laienbuddhisten getroffen, die in unsäglicher innerer Zerris­senheit und Wehmut im Begriffe waren, die Hoffnung, jemals zu Klarheit und Frieden zu kommen, für immer aufzugeben: 'Denn die Systeme widerstreiten sich, und wir wissen keinen Ausweg.'"

Auch über der buddhistischen Lösung des Lebensproblems, die in der Not der abendländischen Kulturkrise herbeigerufen wird, leuchtet das Kreuz Christi als Weg zur Taborverklärung eines persönlichen, unsterblichen Lebens des Geschöpfes mit dem persönlichen, unendlich glückseligen Gott der Gnade.

 



[1]  Mahayana‑Buddhismus oder nördlicher Buddhismus ist eine mythologische Entfaltung des ursprünglich rein intellektu­ellen südlichen Buddhismus. Während im südlichen Buddhismus Buddha nur Wegweiser zur Selbsterlösung ist, sind die Buddhas im Nord‑Buddhismus Fremderlöser (wie Christus). Der nördliche Buddhismus verspricht der Masse der Men­schen Erlösung, daher Mahayana = das große Fahrzeug. Der südliche Buddhismus kann unmittelbar nur einer mön­chischen Elite zum Nirwana verhelfen, deshalb Hinayana = das unzulängliche Fahrzeug. Petzold schwärmt für die "unentdeckten Schönheiten" des "Großen Fahrzeuges".

[2]  Bodhisattva = der künftige Buddha, ein noch als Gott lebender Buddha vor der Herabkunft auf die Erde.