1. Auf's Ganze gehen
Die Gefahr von Wünschen ist - und das haben sie mit den modisch gewordenen Träu men gemeinsam -, daß sie utopisch und uchronisch werden, nämlich das Blaue vom Him mel herunterwünschen oder - wie im "Fischer und sine Fru" - sich nur an der Katastrophe beruhigen. Nimmt man diese Warnung ernst, dann sollten Wünsche auf einen sachhaltigen Bezug abheben. Dieser heißt hier, weit und mutig ausgegriffen (allerdings mit Weite und Mut der ersten christlichen Generationen), kat'holon: der Bezug auf das Ganze.
Um welches Ganze handelt es sich? Die Frage ist offenbar naiv gefragt, denn mehrere Ganze gibt es nicht. Und in der Tat: Das eine Ganze ist der Inhalt des Christentums, dem großen und großgedachten Anspruch nach. Damit ergibt sich eine unausweichliche Span nung, denn da das Christentum auf das holon überhaupt zielt, es gegenwärtig halten will, kann es nicht einfach nur eine Religion neben anderen sein. Ja, es kann überhaupt nicht nur Religion im klassischen Sinne sein: Religion als Sachverwalterin jenseitiger Sicherheit und diesseitiger Götterhuld durch Kult und Opfer, Zauber und Beschwörung; eben darin sind ja die Religionen in ihrer Zielsetzung, der Bändigung des Unheimlichen, so tief verwandt. Das Christentum ist natürlich auch Religion, indem es Brücken von hier nach dort baut, pontifi kal. Aber in einem bestimmbaren Sinne ist es anders, und das ist der Grund, weswegen die allgemeine Beschreibung von Religion zur Beschreibung des christlichen Phänomens nicht genügt.
Denn in der jüdisch-christlichen Erfahrung wird die religiöse Sicherung nicht einfach verwaltet, gehandhabt. Sondern es gibt eine ungeheure Korrektur religiösen Bescheidwis sens: Gott selbst. Seine Epiphanien gehen einzig von ihm aus, sie werden weder durch Kult noch durch Opfer herbeigezwungen. Er ist wohl anwesend für den Menschen, ja für seine gesamte Schöpfung, aber in der Form der Verhüllung, oder deutlicher: in der Form, die er selbst wählt, und die in Theologie nicht aufgeht. Eine der Verhüllungen ist das Kreuz, das wesentlich ungöttliche Symbol, eine andere der "Jude und Zimmermannssohn" selbst (wie Jean Paul formuliert). Das heißt: Sofern die alten Götter Erweiterungen der eigenen Seele sind, oder mehr noch: Erfahrungen, die auf dem eigenen psychischen Resonanzboden ge deutet werden, sofern ihre Tempel Vorhallen der Ewigkeit waren, wo das Profane vor dem Sakralen schwand, so wissen Judentum und Christentum von der Souveranität und Entzo genheit Gottes, seine Ferne und Andersheit, die nur er selbst in Nähe wandeln kann. "Ich bin da, als der ich da sein werde" - dieser Gottesname, der keiner ist, hindert die Fixierung, die Tempel, ja den Kultus. Anbetung im Geist und in der Wahrheit ist das Ziel, das bleibt, oder auch: Geistliturgie, die ihre eigenen Zeichen übersteigt. Aber andererseits bindet Gott sich selbst freiwillig ins Endliche, eben in diesen einen Sohn, mit aller einschneidenden Nähe, auch mit der Fixierung in Brot und Wein, der Fixierung an das "Volk Gottes" (das freilich potentiell alle umfaßt). So ist die Botschaft dieser Religion paradox wie ihre ersten Dogmen: Gott ist Gott und Mensch, vor allem Anfang und doch zu Augustus' Zeiten von einer Frau geboren, immer und doch zeitlich, ganz anders und tief verwandt, innerlich als das eigene Herz und doch unbezwingbar, dem menschlichen Rufen offen und vom Men schen nicht zu erpressen, auch von der Kirche nicht.
Dies gibt dem Christentum seine eigentümliche paradoxale Spannweite, die das bloße heidnische Bannen und Verwalten des göttlichen Bereichs verwehrt.
2. Wofür steht ein Priester? Versuch einer Beschreibung
Um das "Ganze" zu ergreifen, oder genauer: von ihm ergriffen zu werden, wird nun auch der christliche Priester in das Maß und Unmaß des Paradoxen eingespannt. Denn was tut ein Priester? (Wie ja im Rahmen dieses Nachdenkens nach dem "Ist-Bestand" zu fragen ist, damit das Wünschen helfen kann - denn es hilft nur dort, wo man das wünscht, was auch sein soll.) Also: was tut ein Priester? Die ebenso wundervolle wie überforderte Formulie rung lautet: agit in persona Christi. Und eben damit ist er in Maß und Unmaß sozusagen rettungslos eingespannt, denn er muß auf das Ganze Christi gehen, und es liegt auf der Hand, daß er das ebensowenig kann wie er andererseits darauf verpflichtet ist. Sicherheit und Unsicherheit der Aufgabe überschneiden sich hier: Sicherheit in Bezug auf seine Voll macht, Unsicherheit in Bezug auf sich selbst. So als würde ein Haus - wie im Gleichnis - auf Treibsand gebaut, in der undeutlichen Hoffnung, unter dem Sand finde sich doch noch Felsen...
In dieser prekären Doppellage - Amtsinhaber und Versager in einem - findet sich der Priester als Verwalter des Heiligen, als Binde- und Lösegewaltiger, auf den nach der Aus sage des Auferstandenen der Himmel hört, als operator der Sakramente, als Spender des Blutes (wie Caterina von Siena sagt), als Schacht zum Grundwasser - jedenfalls als plus ultra, über alles hinaus, was er selbst zustande brächte. Objektive Heiligkeit sozusagen, die ihren Träger überkleidet, und es ist nicht erstrangig, ob er Lumpen darunter anhat oder einigermaßen Anständiges.
Von diesem objektiven Auftrag her, an Stelle Christi zu handeln, folgen fast notwendig die bekannten und vorschnellen Einordungen, die zur schweren Last werden können: Es handle sich dabei um die religiöse Bestleistung, um die Elite neben dem Fußvolk, um die Vollmilchchristen neben den teilentrahmten Frischchristen (wie ein protestantischer Predi ger sagte), in jedem Fall: um ein sichtbares Gefälle des religiösen Eros von diesen "Ein zelkämpfern" zu den Mitläufern. Und hier liegt zweifellos eine (Selbst)Überforderung be drohlich nahe. Da sie in vielen Fällen den großgezeichneten Entwurf nicht erreicht, scheint es dann um so schöner, wenn dieser Elite-Stand nicht steht, sondern fällt - wie heute dar über mancherlei teils gnadenlos von den "normalen Beobachtern", teils voller Selbstmitleid der Betroffenen, jedenfalls zur Gaudi des Publikums veröffentlicht wird.
Ist der großgezeichnete Entwurf damit erledigt? Keineswegs. Denn diese Doppeltheit - simul iustus et peccator - läßt sich nicht vermeiden, genauso wenig wie die Verächtlichkeit und Heiligkeit der gesamten Kirche, jener merkwürdigen Gemeinschaft, die hinkend und stolpernd unterwegs ist. Allerdings im Vertrauen darauf, daß sie auf dem Weg hinkt und stolpert, der Christus ist, und auf keinem anderen.
3. Wünsche
Und so komme ich, die selbst in dieser divina ed umana commedia mithinkend unter wegs ist, zum Wünschen. Wenn das Wünschen helfen soll, so wurde schon gesagt, muß es auf dem Boden halten in hypomene, im geduldigen Druntenbleiben, und nicht in eine Sankt Nimmerleinskirche der Idealitäten abheben. Zu träumen ist also nicht von "einer ganz ande ren", sondern diese selbe alltägliche Kirche ist zu bewünschen.
Und ich beginne mit dem Wunsch, keine Angst vor der eigenen Kleinheit, ja vielleicht Lächerlichkeit zu haben. Das ist leicht gesagt, schwer getan. Wir lieben die eigenen Blama gen nicht. Aber es gehört zu den Zumutungen unseres Glaubens und des größten Theoreti kers der jungen Kirche, Paulus, daß in unseren Blamagen die Kraft Gottes aufleuchtet. Ja soweit, daß ohne Blamage diese Kraft leicht mit der eigenen verwechselt werden könnte. Man möchte einwenden, es sei von Gott nicht fair, unsere Schwäche als Folie seiner Stärke zu nutzen. Ähnliches bemängelte Teresa von Avila, als ihr Maultier sie mitten im Fluß abwarf und der Herr ihr tröstend sagte: "So etwas halte ich nur für meine Freunde bereit", worauf sie versetzte: "Deswegen hast Du auch nur so wenige." Aber ein tröstlicher Strukturzusammenhang scheint doch zu bestehen zwischen der eigenen Unzulänglichkeit und der Erfahrung, daß gerade unsere Niederlagen von dem Souverän umgemünzt werden. Sich ins Bockshorn jagen lassen, ist immer eine Leistung des Widersachers oder des eige nen Stolzes. Der erste Wunsch geht also auf eine Bescheidung. Der Priester ist kein Quasi- Allrounder. In "König Lear" läßt Shakespeare sagen: "Yes and No together is a good an thropology." Wir sind und bleiben "Mischlinge" aus Können und Versagen.
Daraus folgt zweitens eine schwierige Balance. Seit den zwanziger Jahren, auch bei Guardini, galt der Wunsch, der Priester möge das Brüderliche leben, sich nicht nur vor der Gemeinde aufbauen, sondern mit ihr Zweifel und Anfechtungen teilen, durchtragen - da mals gegen die allzu ungebrochene Väterlichkeit gerichtet.
Heute ist im Menschlichen das Brüderliche, in der Aufgabe aber das Väterliche zu leben. Autorität kommt von augere, welches heißt "wachsen lassen". Es geht nicht darum, Ratlosigkeit nur zu teilen, vielmehr sie zu heilen. Karl Valentin hielt auf dem Marienplatz einen Passanten an und fragte: "Können Sie mir bitte sagen, wo ich eigentlich hin will?" Wer brüderlich lebt, hat nichts dagegen, sich "väterlich" einer solch merkwürdigen Frage zu stellen. Die wenigsten finden heute allein ihren Weg, noch weniger wird ihnen das anzie hende Ziel in aller Suche klar. Wille läßt sich nur investieren, wo das Ziel deutlich wird. Es bleibt nachhaltig der Wunsch an den Priester, vom Ziel zu reden, gelegen oder ungelegen. Es mag menschlich sympathisch sein, wenn auch er beim Laum in der Arena staubbedeckt sich niedersetzt. Den Siegeskranz hat er trotzdem im Bewußtsein zu halten. Bei sich und bei den anderen.
Dazu gehört drittens der Wunsch nach Rückstellung persönlicher oder typischer Vorlie ben für bestimmte Richtungen, also nach einer Versachlichung in der Haltung. Pro omnibus lautet die Formel. Ein wundervoller Satz von Guardini unterstreicht diese Sachlichkeit: "Daß Gott aber dies vermag, für jeden als für ihn allein dazusein, ist ein sehr großer Erweis seiner Göttlichkeit." Natürlich ist die menschliche Fähigkeit zu solcher Universalität einge schränkt, doch sind wir auch hierin dem Urbild analog, daß wir die eigene Individualität transparent halten können auf das allgemein Geforderte. Die Sachlichkeit des Amtes meint eine Vollmacht für alle. Adorno sprach post Auschwitz von der Notwendigkeit, für die Op fer dazusein. Die Herausforderung des priesterlichen Amtes geht darüber weit hinaus: Es hat für die Gehenkten und die Henker dazusein.
Diese Sachlichkeit, unabhängig von den persönlich gewachsenen Vorlieben, hat vier tens ihre normale Anwendung bereits im Gottesdienst. Der Wunsch lautet: Liturgie sei objektive Dramaturgie ohne Gefühlsstau. Sie diene nicht der Erweckung emotionaler Ek stasen, wie überhaupt bereits seit dem biblischen Judentum die Verehrung des einen Gottes anti-ekstatisch ist. "Esset das Lamm schnell, die Schuhe an den Füßen, die Hüften gegür tet..." Diese Haltung meint Aufbruch, Konzentration, Dynamik, wesentlich auch Bewußt seit. Wenn schon Ekstase, dann die Ekstase der Klarheit, was heißen will, das Eintreten in eine immer umfassendere Genauigkeit der Zuordnung, nicht das Verschwimmen im Ge staltlos - Anonymen.
Im Zuge solcher "Versachlichung pro omnibus" kommt es zu einer Absonderung, die sich kaum vermeiden läßt, die aber - als fünfter Wunsch - notwendig und mit Haltung er tragen gehört. Das läßt sich in einer Festrede freilich locker formulieren, aber nur mit Mühe leben. Trotzdem ist sie eine Folge des aufgetragenen Amtes. Nicht als ob der Priester nicht einen persönlichen Freundeskreis haben dürfte, er muß ihn sogar haben. Aber im Rahmen seiner Aufgaben wird er eben auch mit dieser Aufgabe identifiziert und damit in eine Be sonderheit gerückt, die er durchzustehen hat. Zu diesem Durchstehen gehört allerdings nicht nur der Gestus des Zähnezusammenbeißens. Absonderung läßt sich nur ertragen in einer Kultur des Alleinseins und der Freundschaft. Netzwerke sind nötig (etwa in der Art des Oratoriums), um aus dem bloß beschränkten Single-Dasein, in dem Kühlschrank und Fern seher die Partner für die leiblichen und seelischen Ansprüche sind, zu einem kultivierten Alleinsein zu kommen.
Weiterhin, da ich schon Wünsche äußern darf, schlage ich sechstens eine zwar selbst verständliche, aber mittlerweile bedrohte Haltung vor, die der unbeirrten Hingabe an die Aufgabe. "Viele Thyrsosträger, wenig Begeisterte", sagt das altgriechische Sprichwort ebenso bedauernd wie ironisch über die Diener des Gottes Dionysos, die den Efeu bekränz ten Stab (Thyrsos) vor den Prozessionen schwangen. Es gibt die glühende Mitte in der Kirche, die nicht einfach nur zu verwalten, sondern mit Sehnsucht aufzusuchen ist. Die fast ungehemmte Kirchenkritik dieser Tage irritiert das Festhalten an dieser glühenden Mitte und läßt die Begeisterung ersterben. Trotzdem gilt das Wort von Bernanos über die Kirche: "Wer nur einen Augenblick sich von ihrem Prunk abwendet [heute wäre zu sagen: "von ihren Mißlichkeiten abwendet"], hört sie mit uns in der Finsternis beten und schluchzen." Um dieser Reue willen und wegen der Wahrung ihres glühenden Kerns sei dem Priester jene Sehnsucht anzumerken, die das vordergründig Ungute an der Kirche nicht als will kommenes Hemmnis der eigenen Liebe und als Ausflucht für die verweigerte Übergabe nimmt.
Ein kritisch angemerkter siebter Wunsch: Der Priester soll nicht in socialibus aufgehen. Die Kirche ist kein Unterinstitut der Vereinten Nationen (als das sie in der Dritten Welt nicht selten erscheint). An diese Stelle gehört die wahre Geschichte eines westdeutschen Pfarrers, dessen Aktivitäten bewundernswert waren: Organisation von Alleinerziehenden treffs, Altennachmittagen, Kolpingausflügen, Arbeitslosenhilfe... nur der Gottesdienst wur de immer leerer. Er ließ sich von einem unabhängigen Manager beraten, wie die Leute "bei der Stange zu halten wären". Nach der Analyse schlug ihm der Manager vor, wörtlich: "Versuchen Sie's doch einmal mit der Religion, Herr Pfarrer." Dies ist nicht gesagt, um auf die ohnehin Prügel beziehenden Priester noch weiter einzuprügeln. Vielmehr sei darauf auf merksam gemacht, daß Anbetung im Mittelpunkt einer Gemeinde steht und sich erst daraus das Caritative ableitet. Simone Weil nannte das Soziale die subtile Versuchung des Chri stentums.
Ein letztes und achtes Wort noch, weil ich eine Frau bin, zugleich freilich "zur Sache" und nicht einfach parteilich wünschen möchte: Es ist eine Signatur der Zeit, daß Frauen in sichtbar verantwortlicher Weise im Raum des Glaubens mitarbeiten wollen. Hier möchte ich eine Unterscheidung anempfehlen. Es geht bei diesem Wunsch nicht um ein zeitgeisti ges Nachholen von unklaren religiösen Emanzipationsbestrebungen. Ganz umgekehrt: Es ist die erstrangige Botschaft des Christentums im Unterschied zu fast allen anderen Religio nen mit Ausnahme des Judentums, daß Frau wie Mann eine Ebengeburt aufweisen und beide das Antlitz Gottes tragen. Paulus hat diese unerhörte Botschaft zu einer Theologie der Gleichen und Freien weitergeschrieben (Gal 3,28). Caterina von Siena sprach von der Taufe als dem Geburtsort jener Gleichen und Freien, mitten im "Brunnenraum" der Kirche, wo keine nach Liebe und Ansehen unterschiedenen Kinder geboren würden. Erst in anderen Räumen scheiden sich Hirten und Herde. Auf die Frage, wie sie als Illitteratin es wagen konnte, den Papst zur Rückkehr aus Avignon aufzufordern, antwortete sie, sie habe nicht als Schaf den Hirten belehrt, sondern sie habe als Schaf das Schaf belehrt. Das ist keineswegs anmaßend gemeint, sondern bezieht sich auf jenen Ursprungsraum der Taufe, in welchem dieselbe Geistbegabung unterschiedloser Kindschaft zugesagt ist. Von daher gibt es nicht die ertrotzte, auch nicht die arrogante, sondern die genuine Mitsprache der Frau in der Kir che. Sie ist vom Priester mit der gebührenden Selbstverständlichkeit, ja Offenheit anzuneh men, da sie dem elementar-christlichen Grundverständnis entstammt und - noch einmal sei es gesagt - nirgendwo sonst in der Religionsgeschichte so anzutreffen ist.
Umgekehrt formuliere ich am Ende meiner Liste einen Wunsch auch an die Laien: die Priester weder zum Sündenbock zu mißbrauchen noch auch zum "Tugendbock". Das will heißen, daß die Laien in der immerwährenden Versuchung stehen, das eigene Ungelebte auf die Priester auszulagern. Es werden Ansprüche erhoben, denen man sich wohlweislich selbst nicht stellt, die aber der "Berufschrist" - Gnade ihm Gott und das Gemeindemitglied - lückenlos zu erfüllen hat. Beide, Amtsträger wie Laien, berühren sich in der gemeinsamen Menschlichkeit, genauerhin in dem Fragezeichen, das allen und insbesondere den ideal Gesinnten anhaftet. Schadenfreude, Enttäuschung, Überstilisierung, Verherrlichung und Verdammung entspringen dem einen und selten redlichen Blick, der am andern fordert, was selbst nicht eingelöst wird.
4. Sich auf das Ganze verlassen
In aller Vorläufigkeit hat der Priester etwas "offenzuhalten", selbst wenn er ihm nicht gerecht wird: jenen Schacht zum "Grundwasser". Er sollte in der Lage sein, über die eigene Enge hinweg ein Heraustreten zu wagen, in welchem seine persönlichen Schranken nicht mehr zur Disposition stehen. Damit widerspricht er dem heutigen Gedanken der bloßen Selbstfindung, Selbstbewahrung als Zielbewegung aller Lebensvollzüge.
Vielmehr ist das lebendige Leben eine processio ad extra, wie Thomas von Aquin formuliert. Nicht die Freiheit, auf dem eigenen Standpunkt zu beharren, ist die letztgültige. Hier wäre die Warnung angebracht, die der Mathematiker Hilbert auf die Formel brachte: "Standpunkt ist eine Meinung mit dem Radius Null." Von dem gewonnenen Mittelpunkt aus ist vielmehr mit neuer Sicherheit eine neue Peripherie zu erschließen: Alles kommt darauf an, ob man die Arme nicht nur an den Körper gepreßt hält, um sich nicht mehr verwunden zu lassen, sondern ob man die Hand noch einmal ausstrecken kann. Freilich öffnet sich damit sofort wieder die Flanke: Beziehung macht in der Tat verwundbar. Trotzdem ist sie das Risiko, das zugleich Leben heißt. "Wer sich nicht in die Gefahr begibt, kommt darin um" (Wolf Biermann). Solches Heraustreten ist im schönen Doppelsinn des deutschen Wor tes "sich verlassen" enthalten: von sich weggehen und trauen. Trauen läßt sich freilich nur einem Antlitz.
Deswegen kann der Atheismus dieses Heraustreten aus sich selbst bestenfalls als Struk tur, nämlich als Dialektik buchstabieren; das Christentum spricht aber von Inhalt: von der wirklich lebendig machenden Begegnung mit dem Lebendigen. "Ich kann nicht sagen: die Brücke kann auf dem anderen Uhfer aufruhen oder auch nicht, und doch immer Brücke bleiben. Das wäre ein Unsinn, denn nur darin ist sie Brücke, daß sie sich von diesem Ufer erhebt und auf dem drüben aufruht. So etwa ist zu verstehen, worum es sich hier handelt. Der Mensch ist Mensch nur in der Beziehung zu Gott. Das 'Von-Gott-Her' und 'Auf-Gott- Hin' begründet sein Wesen", so Guardini.
Braucht die Kultur, auch die heutig-"säkulare", den Priester? Sie braucht ihn als Garant menschlicher Ganzheit, als Heilung (heil meint whole) von den Übeln der unmittelbaren Vergangenheit, welche das Denken immer noch besetzt halten. So braucht die heutige Kul tur nicht den einseitig angeglichenen Priester: welcher selbst in eine Wir-Ideologie ver strickt ist und die Anbetung verrät, weil Christen die besseren Sozialarbeiter seien (Stich wort Christentum und Sozialismus); sie braucht auch nicht jenen, welcher die Ich-Sucht des Einzelnen unerlöst zementiert (Stichwort Psychologisierung des Christentums, Erlösungs- Mythen-Mix von Bestseller-Autoren); sie braucht ebensowenig jenen, welcher nur auf ein Jenseits die Hoffnung wirft und alles Sonstige treiben läßt (Stichwort unpolitische Sakralität der Ostkirchen). Stattdessen ist die Benennung aller Elemente des Menschlichen erforder lich: bereits wirksame Erlöstheit trotz aller Schwäche, Kraft (nicht bloß Arroganz) zur Gestaltung der Erde und der gemeinsamen Geschichte, Konkretion der Politik durch Chri sten, auf jeden Fall aber Bewußthaltung der elementar menschlichen Spannung nach Oben, denn: Dominus Illuminatio Nostra, der Herr ist unsere Erleuchtung.