Gottes Bund mit seinem Volk ist wieder zu einem zentralen Thema der christlichen Theologie geworden. Gleichwohl herrscht exegetisch weithin die Ansicht vor, die zentrale Gestalt des Christentums, Jesus von Nazaret, habe sich zum Gottesbund gar nicht geäußert und nehme daher teil am urchristlichen "Bundesschweigen".
Diese Forschungsposition soll im folgenden an der Textbasis überprüft werden. Zweifellos ist diese Textbasis schmal: sie beschränkt sich auf das Kelchwort der Herrenmahl-Paradosis (1Kor 11,25//Lk 22,20; Mk 14,24/Mt 26,28). Deshalb wird man a priori feststellen können, daß "Gottesbund" jedenfalls kein Leitbegriff der jesuanischen Predigt gewesen ist. Im Ausgang von der eschatologischen Gerichts- und Umkehrbotschaft des Täufers Johannes hat Jesus vielmehr mit Hilfe des Grundmotivs der Gottesherrschaft seiner Überzeugung Ausdruck gegeben, die Treue des Abba setze sich gerade angesichts der anthropologischen Unheilssituation Israels in einem neuen Erwählungshandeln durch(1.*). Jesus knüpft mit der eschatologischen Negation aller menschlich begründeten Heilsgewißheit an die Predigt des Täufers an: Israel kann sich auf keine göttliche Prärogative berufen, auch nicht auf eine bundestheologische Garantie. Er interpretiert diese Botschaft aber im Licht seiner Abba-Erfahrung neu und radikalisiert sie gewissermaßen theozentrisch, indem er sie noch einmal dem Primat des göttlichen Heilswillens unterwirft: Nicht das vom Täufer angesagte, verdiente Gericht ist die Reaktion Gottes auf die Unheilssituation Israels, sondern unverdient und gnadenhaft die Heilswirklichkeit der ß ileì to\ ueo\. Sosehr Jesus also die anthropologische Prämisse des Täufers teilt, so deutlich unterscheidet er sich von ihm in der theo-logischen Konsequenz.
Diese paradoxal-dramatische Dynamik ist zweifellos charakteristisch für Jesus, sie ist aber keineswegs "spezifisch" oder "singulär" jesuanisch. Vielmehr gehört es zu den Charakteristika prophetischer Eschatologie (344) überhaupt, daß sie zwar den Erwählungsoptimismus gerichtstheologisch erschüttert und auf diese Weise eine Art eschatologischer "Nullpunktsituation" schafft, "auf die Israel mit all seinem religiösen Besitzstand zurückgeworfen wird". Aber gerade in dieses heilsgeschichtliche Vakuum wird dann - menschlich unvermittelt, ausschließlich theozentrisch begründet - die Ansage von JHWHs neuer Zuwendung gestellt. Diese Heilsinitiative beschreiben die klassischen Schriftpropheten regelmäßig mit dem Motiv des (neuen) Gottesbundes: Wenn Israel seit jeher auch den Bund nicht hält, so wird doch JHWH in seiner Bundestreue je von neuem Israel halten (vgl. Jer 11,1-17; Ez 16; 37,15-28; ferner Jes 54,1-10; 61,1-11). Die ganze Dramatik dieser neuen Heilszuwendung in ihrer göttlich-paradoxalen "Logik" findet etwa bei Ezechiel beredten Ausdruck:
"Denn so spricht Gott, der Herr: Ich habe mit dir gemacht, was du gemacht hast; du hast den Eid mißachtet und den Bund gebrochen. Aber ich will meines Bundes gedenken, den ich mit dir in deiner Jugend geschlossen habe, und will einen ewigen Bund mit dir eingehen. Du sollst dich an dein Verhalten erinnern und dich schämen, wenn ich deine älteren und jüngeren Schwestern nehme und sie dir zu Töchtern gebe, aber nicht deshalb, weil du den Bund gehalten hättest. Ich selbst gehe einen Bund mit dir ein, damit du erkennst, daß ich der Herr bin. Dann sollst du dich erinnern, sollst dich schämen und vor Scham nicht mehr wagen, den Mund zu öffnen, weil ich dir alles vergeben habe, was du getan hast - Spruch Gottes des Herrn" (Ez 16,59-63).
Die in jüngerer Zeit häufig erwogene Alternative zwischen "neuem Bund" und "erneuertem Bund" erscheint unfruchtbar. Der Neuheitsanspruch zielt nicht auf die heilsgeschichtliche Abrogation des Sinai- Bundes, dem eine Erneuerung dieses Sinai-Bundes entgegenzusetzen wäre, sondern auf ein radikal neues Handeln JHWHs angesichts der Verweigerung (und des Bundesbruchs) seines Volkes, das aber die "alte" Treue JHWHs nicht aufhebt, sondern bestätigt. (345)
In Jesu Basileia-Botschaft spiegelt sich diese prophetische Hoffnung auf Gottes "Umkehr", also auf die neue Geltung des - menschlich gesehen - verwirkten Heils wider. Deshalb ist es - wiederum: a priori - durchaus denkbar, daß auch Jesus im Sinne der prophetischen Hoffnung, gewiß in eschatologisch gesteigerter Form, von der neuen Geltung des Gottesbundes gesprochen hat. So schmal die Textbasis für eine solche Annahme ist, so wenig läßt sich doch auch übersehen, daß das einschlägige Logion eine äußerst gewichtige Position in der Jesus-Überlieferung einnimmt und der diachronen Rückfrage einen vorzüglichen Ausgangspunkt bietet. (weiter im Heft)
2. Mk 14,25* - das historische Becherwort?
3. Die Authentie des Bundesmotivs
4. These
Fußnoten:
(1.*) Es ist daher schwierig, Jesus dem frühjüdischen "covenantal nomism" zuzuordnen (so aber E.P. Sanders, Jesus and Judaism, London 1985, 336f); vgl. dazu grundsätzlich D.C. Allison. Jesus and the covenant: A response to E.P. Sanders, in: JSNT 29 (1987) 57-78. (2.*) Vgl. H. Merklein, Jesu Botschaft von der Gottesherrschaft. Eine Skizze, Stuttgart (1983) 31989 (SBS 111), bes. 27-36; ferner K. Backhaus, Die "Jüngerkreise" des Täufers Johannes. Eine Studie zu den religionsgeschichtlichen Ursprüngen des Christentums, Paderborn 1991 (PaThSt 19), 96-109. (3.*) Vgl. Merklein, Botschaft (Anm. 2), 44. (4.*) Von einer "eschatologischen Botschaft" ist hier die Rede, insofern "von den Propheten der bisherige geschichtliche Heilsgrund negiert wird"; vgl. näher G. von Rad, Theologie des Alten Testaments II: Die Theologie der prophetischen Überlieferungen Israels, München (1960) 91987, 121-129 (Zitat: 128). (5.*) Ebd., 125. (6.*) Vgl. allgemein Chr. Levin, Die Verheißung des neuen Bundes in ihrem theologiegeschichtlichen Zusammenhang ausgelegt, Göttingen 1985 (FRLANT 137). Zu Jer auch: L. Dequeker, Het nieuwe verbond bij Jeremia, bij Paulus en in de Brief aan de Hebreeën: Bijdr. 33 (1972) 234-261: 245f; W. Gross, Neuer oder Erneuerter Bund. Jer 31,31-34 in der jüngsten Diskussion, in: B.J. Hilberath/D. Sattler (Hg.), Vorgeschmack. Ökumenische Bemühungen um die Eucharistie. FS Th. Schneider, Mainz 1995, 89-114; A. Schenker, Der nie aufgehobene Bund. Exegetische Beobachtungen zu Jer 31,31-34, in: E. Zenger (Hg.), Der Neue Bund im Alten. Zur Bundestheologie der beiden Testamente, Freiburg i.Br. 1993 (QD 146), 85-112; zu Ez: H.-W. Jüngling, Eid und Bund in Ez 16-17, ebd., 113-148. (7.*) Der "gebrochene Bund" ist "kein christliches Klischee, sondern alttestamentliche Redeweise. Zum christlichen Klischee wird diese Formulierung erst, wenn ... der gebrochene Väterbund den Juden zugeordnet und zugleich der doch Israel verheißene neue Bund für die Christen reserviert wird" (Gross, Bund [Anm. 6], 104 Anm. 56). Dies geschieht erst frühnachneutestamentlich, und zwar im Barnabasbrief und bei Justin dem Märtyrer; vgl. näher K. Backhaus, Gottes nicht bereuter Bund. Alter und neuer Bund in der Sicht des Frühchristentums, in: R. Kampling/Th. Söding (Hg.), Ekklesiologie des Neuen Testaments. FS K. Kertelge, Freiburg i.Br. 1996, - : . (8.*) So gesehen gilt auch für Jesus, was Allison, Jesus (Anm. 1), 60, mit Blick auf den Täufer formuliert: er "does away not with covenant but with popular 'covenantal nomism'". (9.*) Die quasi-apokalyptische Radikalität der Gerichtsbotschaft des Täufers motiviert im Gegenzug die ebenso elementare Hoffnung Jesu auf die Durchsetzung des Heils in der Gottesherrschaft. Die apokalyptische Negation des Bestehenden muß den Rekurs auf den Gottesbund keineswegs ausschließen (vgl. z.B. AssMos 1,9.14; 2,7; 3,8f; 4,2.5; 10,15; 11,17; 12,13) (anders etwa E. Grässer, Der Alte Bund im Neuen. Eine exegetische Vorlesung, in: Ders., Der Alte Bund im Neuen. Exegetische Studien zur Israelfrage im Neuen Testament, Tübingen 1985, 1-134: 128f).