Einleitung: Natürlicher Tod und Gerichtstod
Die Vorstellung vom natürlichen Tod ist zu einem Grunddatum des modernen Bewußtseins geworden. Wenn heute vom natürlichen Tod die Rede ist, hat man allerdings zu berücksichtigen, daß dies in unterschiedlichen Kontexten geschieht. Im alltäglichen Leben meint die Vorstellung vom natürlichen Tod nicht einfach dasselbe wie im soziologischen oder philosophischen Zusammenhang, im medizinisch-naturwissenschaftlichen Bereich anderes als in der Theologie. So unterscheidet man den natürlichen Tod vom gewaltsamen oder verfrühten Tod. Die Rede vom natürlichen Tod kann aber auch grundsätzlich gemeint sein und besagt dann, daß der Tod ein natürliches Phänomen des Lebens ist und somit zur Natur des Menschen gehört. Wenn dem gegenüber im Bereich der Ethik vom Recht auf einen natürlichen Tod gesprochen wird, ist der Anspruch des Menschen auf ein humanes Sterben gemeint. Mit der Vorstellung vom natürlichen Tod ist also nicht notwendig ein reduziertes Todesverständnis verbunden.
Daß auch der personal verstandene Tod als natürlich bezeichnet werden kann, zeigt sich an der von der modernen Dogmatik vorgenommenen Unterscheidung zwischen natürlichem Tod und Gerichtstod. Der traditionellen Theologie mußte es, wegen der Herkunft des Todes aus der Sünde, als abwegig erscheinen, den menschlichen Tod natürlich zu nennen. Obschon man zwischen dem leiblichen und seelischen Tod des Menschen unterschied, betrachtete man, von Ausnahmen abgesehen (Klemens von Alexandrien, Origenes, Pelagius, Caelestius), selbst den leiblichen Tod nicht als natürlich. Mit dem "Tod" der Seele führte man auch ihn auf die Sünde zurück (Augustinus).(1.*) Noch das Konzil von Trient bezeichnete den leiblichen Tod als Folge der Sünde,(2.*) obwohl dieser schon seit Thomas von Aquin differenzierter gesehen werden konnte. Eine Auflösung des Zusammenhanges von Sünde und Tod vollzog erst die Kritik der Sozinianer. Später nannte Schleiermacher den menschlichen Tod ein natürliches, von der Sünde unabhängiges Übel.(3.*) In unserem Jahrhundert haben dann evangelische Theologen wie Karl Barth(4.*) und Eberhard Jün gel(5.*) zwischen natürlichem Tod und Gerichtstod unterschieden, wobei sie für die Natürlichkeit des Todes vor allem mit der Endlichkeit und Zeitlichkeit menschlichen Daseins argumentier ten.(6.*) Ähnlich unterscheiden und argumentieren katholische Theologen im Anschluß an Karl Rahners Theologie des Todes, etwa Herbert Vorgrimler und Franz Josef Nocke.(7.*) Eine Ausnahme bildet hier Hans Urs von Balthasar(8.*) auf evangelischer Seite vor allem Wolfhart Pannenberg (9.*).
Im Interesse einer Zurückweisung der Unterscheidung zwischen natürlichem Tod und Gerichtstod geht es mir im folgenden um eine philosophisch-theologische Kritik der Vorstellung vom natürlichen Tod. In den Mittelpunkt meiner Überlegungen stelle ich dabei die radikale Negativität des vom biologischen Sterben des Menschen zu unterscheidenden personalen Todes. Um mögliche Mißverständnisse von vornherein auszuräumen, sei darauf hingeweisen, daß ich nicht in Abrede stellen will, daß biologisches Leben, nach allem, was wir wissen, ein natürliches Ende hat. Doch wenn es stimmt, daß sich das Leben des Menschen nicht auf seinen biologischen Aspekt reduzieren läßt - wofür an erster Stelle philosophisch zu argumentieren wäre -, kann man den menschlichen Tod als solchen nicht einfach natürlich nennen. Dann dürfte aber auch die theologische Rede vom natürlichen Tod fragwürdig werden, so daß sich dagegen neben theologi schen auch philosophische Gründe vorbringen ließen.
Meine Kritik entfalte ich in fünf Schritten: Zunächst diskutiere ich die philosophisch- soziologische These vom natürlichen Tod im Blick auf die Verdrängung des Todes in der Moderne (1.). Im Anschluß daran mache ich auf Schwierigkeiten in Rahners Verständnis der schöpfungsmäßigen Natur des menschlichen Todes aufmerksam (2.). Zur Begründung der Negativität des Todes, die es m.E. unmöglich macht, theologisch zwischen natürlichem Tod und Gerichtstod zu unterscheiden, werde ich mich dann zum einen auf Aspekte des biblischen Todesverständnisses berufen (3.), zum anderen auf eine am Gedanken der "abschiedlichen Existenz" orientierte philosophische Thanatologie (4.). Schließlich versuche ich am Ende meiner Überlegungen, die Negativität des menschlichen Todes vom paradigmatischen Tod Jesu her weiter plausibel zu machen (5.). (weiter im Heft)
Fußnoten: (1.*) Vgl. De gen. ad litt. IX 3-10. (2.*) Vgl. DH 1511-1512. (3.*) Vgl. F.D.E. Schleiermacher: Der christliche Glaube (1821/22) (Studienausgabe). Bd. 1. Berlin-New York, § 98, 315-318. (4.*) Vgl. K. Barth: Die Kirchliche Dogmatik III/2: Die Lehre von der Schöpfung. Zürich, 1959, 761- 779. Vgl. auch P. Althaus: Die letzten Dinge. Gütersloh, (7)1957, 83-96; ders.: Die christliche Wahr heit. Bd. 2. Gütersloh, 1948, 179-192; ders.: Tod. In: RGG VI (31962) 914-919; E. Brunner: Dogmatik. Bd. II: Die christliche Lehre von der Schöpfung und Erlösung. Zürich, 1972, 141-145; P. Tillich: Systematische Theologie II. 1958, 77. (5.*) Vgl. E. Jüngel: Tod. Stuttgart, (5)1993, 75-120.160-171. (6.*) Vgl. die Überblicke bei A. Peters: Der Tod in der neueren theologischen Anthropologie. In: NZSThR 14 (1972) 24-67; E. Schmalenberg: Der Sinn des Todes. In: NZSThR 14 (1972) 233-245. (7.*) Vgl. die Überblicke bei A. Peters: Der Tod in der neueren theologischen Anthropologie. In: NZSThR 14 (1972) 24-67; E. Schmalenberg: Der Sinn des Todes. In: NZSThR 14 (1972) 233-245. (8.*) Vgl. H.U. von Balthasar: Theodramatik. Bd. III: Die Handlung. Einsiedeln, 1980, 88-124, bes. 111. Vgl. auch L. Scheffczyk: Das biblisch-christliche Verständnis des Zusammenhanges von Sünde und Tod. In: Tod - Preis des Lebens? Hrsg. von N.A. Luyte. Freiburg u.a., 1980, 147-167. (9.*) Vgl. W. Pannenberg: Tod und Auferstehung in der Sicht christlicher Dogmatik. In: ders.: Grundfragen systematischer Theologie. Bd. 2. Göttingen, 1980, 146-159; ders.: Anthropologie in theo logischer Perspektive. Göttingen, 1983, 135-139; ders.: Systematische Theologie. Bd. 2. Göttingen, 1991, 303-314.