1. Skizze des Problems
Theologen unterscheiden üblicherweise die creatio originalis, die als creatio ex nihilo gedacht wird, von der creatio continua. Wenn man nun die gängigen schöpfungstheologischen Entwürfe durchsieht, so kann man den Eindruck gewinnen, daß sich die Theologen mit der creatio originalis oder creatio ex nihilo eher leicht, mit der creatio continua aber recht schwer tun. Ersteres verstehen sie dabei eher als Erstellung von Ordnung und letzteres als Eingriff in eine schon vorhandene, auch naturwissenschaftlich beschreibbare Ordnung.
a) Problemlose creatio ex nihilo
Ein Hauptgrund für die relativ problemlose Behandelbarkeit der creatio ex nihilo liegt unter anderem in folgendem Sachverhalt: Die creatio ex nihilo kann man sozusagen `kollisionsfrei vor` das Grunddatum aller Physik und damit `vor` den Beginn aller naturwissenschaftlich möglichen Erhellung des Anfangs plazieren. Damit die Präposition `vor` nicht zu zeitlichen und räumlichen Mißverständnissen führt, - Zeit und Raum entstehen ja erst mit der Materie, - sollte man vielleicht besser sagen: Die creatio ex nihilo ist die Bedingung der Möglichkeit dafür, daß es überhaupt etwas, also auch naturwissenschaftlich relevante Phänomene (einschließlich der Naturwissenschaftler und Theologen sowie ihrer Fachdisziplinen) gibt. Die creatio originalis, verstanden als creatio ex nihilo, setzt den Anfang, den absoluten Anfang, aus dem sich alle sonstigen sekundären und relativen Anfänge erst herleiten.
Der theologische Begriff des Nichts ist dabei streng aufzufassen und nicht identisch mit der Quantenfluktuation oder dem, was physikalisch sonst dem Nichts am nächsten kommen mag. Es gibt also in diesem Punkt keine gemeinsame Schnittmenge zwischen Theologie und Naturwissenschaft. Bei der creatio continua sind die Verhältnisse insofern schwieriger, als hier Gottes schöpferisches Wirken und Kontinuität von Zeit zusammen(282)zudenken sind. Hier scheint eine derartige `Separierungstechnik` wie dort bei der creatio ex nihilo nicht möglich zu sein.
b) Problematische creatio continua
Die Singularität des Urknalls ist ein auch physikalisch nicht zureichend beschreibbares Grunddatum. Hinsichtlich des Grades der Annäherung an dieses Grunddatum gehen die Ansichten allerdings sehr auseinander; von Annäherungen bis zu 10-43 Sekunden ist bei den einen Physikern die Rede,(1.*) andere gehen davon aus, die Physik könne erst 10-12 Sekunden nach der Singularität beginnen.(2.*) Nur unzureichend beschreibbar ist dies Grunddatum (und bleibt es wohl auch) deshalb, weil die zu seiner Beschreibung erforderlichen Parameter (z. B. Naturkonstanten) erst aus dieser Singularität hervorgehen und sie somit in ihrem Entstehungsvorgang zugleich Beschreibungsobjekt und Beschreibungsparameter zu sein hätten. Die Lehre von der creatio continua hätte für jeden Zeitpunkt nach diesem Grunddatum eine gedankliche Zuständigkeit, sowohl für die physikalisch beschreibbare Entstehung der Elemente, als auch für die weitere chemische und biologische Evolution.
Die Lehre von der creatio continua erhielte also unter anderem eine interpretatorische Zuständigkeit für das Auftreten von lebendigen Strukturen und Systemen und das Auftreten des Menschen und hätte in all dem göttliches Wirken aufzuzeigen oder zumindest glaubwürdig zu behaupten. Zugleich würde sie aber auch vor die keineswegs neue, sondern altbekannte und kaum irgendwo zufriedenstellend angegangene Schwierigkeit gestellt, erklären zu müssen, wie das zeitlose Sein und Wirken Gottes des Schöpfers sich in das zeithafte Sein und Wirken seiner Schöpfung hinein entäußern kann. So kann es geschehen, daß ein Theologe zu der Ansicht gelangt: "Wo in der Evolution neue Seinsformen oder Arten auftreten, besonders etwa beim Entstehen des Lebendigen, bei der Hominisation oder beim Entstehen des Einzelmenschen muß der göttliche Schöpfungsakt berufen werden."(3.*) Gott müßte in diesem Fall in einen Bereich hineinwirken, den die Physik mit den einschlägigen Sätzen der Thermodynamik (1. und 2. Haupt(283)satz) und den die Biologie mit ihren Evolutionstheorien auf je ihre Weise für sich reklamieren.
Bedeutet creatio continua, daß der den Anfang setzende und damit alle Ordnung, auch die sich später entwickelnde Ordnung, erst grundlegende Gott immer wieder stabilisierend oder korrigierend in diese Ordnung eingreifen muß? Ist creatio continua sozusagen die Wahrnehmung eines Nachbesserungsauftrags, den der große Konstrukteur, der Schöpfer aus dem Nichts, sich selbst erteilt? Ist creatio continua sozusagen der Wartungsvertrag, der bei der Produktauslieferung, der creatio originalis, und im Wissen um deren Qualität gleich mitabgeschlossen werden mußte? Wenn es um die creatio continua wirklich so stünde, wie hier skizziert, dann müßte man feststellen:
a) Gottes creatio continua widerspricht auf dem Gebiet der Physik im Bereich der Thermodynamik der Ordnung, die sich im Energieerhaltungssatz niederschlägt.
b) Sie drängt sich auf dem Gebiet der Biologie in den Bereich des Evolutionstheorie genannten Ordnungssystems, wo man zwar manchen Erklärungsnotstand kennt, aber keinen, der nur mit dem Gedanken an Gott zu beheben wäre.
c) Ein solches Konzept von creatio continua lebt auf dem Gebiet der Theologie von einer defizitär konzipierten creatio ex nihilo und unterstellt dem unendlichen und ewigen Gott die Attribute der Endlichkeit und Zeitlichkeit. Der Einwand gilt auch dann, wenn ersteres als Erschaffung von und letzteres als Erhaltung im Sein verstanden wird. (weiter im Heft)
Fußnoten:
(1.*) Vgl. z. B. Steven Weinberg: Die ersten drei Minuten. Der Ursprung des Universums. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1991.- S. 154. (2.*) Vgl. z. B. Hans Schuh: Wie alles begann. In: `Die Zeit` Nr. 1, 30. XII. 1995.- S. 23. (3.*) Leo Scheffczyk: Evolution und Schöpfung. In: Robert Spaemann u.a. (Hrsg.): Evolutionismus und Christentum. Weinheim: VCH Verlagsgesellschaft, 1986. - S. 57 ff.