ThGl 86 (1996) 453-457


Vom Kreuz mit dem Kreuz

Editorische Notizen

von Udo Zelinka


I.

Spätestens seit dem am 16. Mai 1995 ergangenen und am 10. August veröffentlichten Kruzifix-Beschluß des 1. Senats des Bundesverfassungsgerichtes ist es offensichtlich geworden: Das Kreuz mit dem Kreuz. Wohl kaum eine Entscheidung des höchsten deutschen Gerichtshofes hat "so ungeheures Aufsehen erregt, vergleichbare Breiten- und Tiefenwirkung in der Bevölkerung gezeitigt, so nachhaltig polarisiert, wie der Beschluß ..., daß die Anbringung eines Kreuzes im staatlichen Schulraum gegen die Religionsfreiheit verstoße, also verfassungswidrig sei"(1). Zwar zählt dieser Beschluß zunächst und zuerst zu den genuin juristischen Themen; gleichwohl aber hat er zugleich auch eine nicht nur in rein fachtheologischen Kreisen durchaus kontrovers geführte nachhaltige Diskussion über den Sinn und die Inhalte dessen ausgelöst, wofür das Symbol des Kreuzes steht. "Juristen und Nichtjuristen, Gelehrte und Ungelehrte, Christen und Nichtchristen, Bürger jedweder Herkunft und Richtung melden sich zu Wort"(2). Die Widersprüche und Paradoxien des Kreuzes, sein berühmtes Ärgernis (vgl. 1 Kor 1,23) berühren Komplexe, die zwar zu den zentralen Bestandteilen der christlichen Erlösungsbotschaft zählen, für den Zeitgenossen jedoch nur noch schwer verständlich, geschweige denn vermittelbar zu sein scheinen. Auch wenn das öffentliche kulturelle Bewußtsein an transzendenzverleugnender Eindimensionalität verloren hat und offener geworden ist "für den Sinn und die Möglichkeit eines religiösen Bewußtseins im Konzert einer Vielfalt von Bewußtseins- und Vernunftformen"(3), in einer Gesellschaft, deren Mitglieder zunehmend durch den Trend zur Individualisierung und Subjektivierung(4) mit all ihren Folgen geprägt sind, gelten Begriffe wie "Kreuz - Opfer - Leiden" zunächst als Fremdworte.

Daß die Konstitution des Wesens Mensch stets auch unter den Vorzeichen offenkundiger Kontingenz steht, ist selbst in einer (post-)modernen Gesellschaft unübersehbar. Daß diese Kontigenz aber ebenso Chancen und (Aufbau-)Elemente zur Realisierung umfassend gelungenen Lebens impliziert(5), läßt sich jedoch auch für den gläubigen Christen nicht mehr unbestritten plausibilisieren. Zwar hat uns die in neuerer Zeit stärkere Profilierung der verschiedenen Formen von Psychologie und Psychotherapie den Blick geöffnet für die inventive Kraft des Subjektes angesichts solcher Lebenssituationen, für die die Synonyme "Kreuz - Opfer - Leiden" herangezogenen werden können; dennoch aber scheint sich mit ihnen nicht eben selten auch der schale Nachgeschmack des Anstössigen zu verbinden.

Sicherlich - die Wirklichkeit menschlicher Existenz mit all ihren möglichen und unmöglichen Unerträglichkeiten und ihren furchtbaren Auswüchsen verweigert sich dem allzu schnellen Zugriff. Auch hat die überkommene Rede von der Kreuzesübernahme in der Nachfolge Jesu (vgl. Mt 16,24) bis in die jüngere und jüngste Zeit hinein zu insbesondere individualgeschichtlich nachhaltigen Mißverständnissen oder gar Tragödien geführt. Spirituell-aszetische Verirrungen im Zuge falsch verstandener Kreuzesmystik waren und sind in auch im katholischen Raum nicht selten. Ohne ihre individual- oder auch kollektivgeschichtlichen Konsequenzen entschuldigen oder gar rechtfertigen zu wollen, sie lassen sich cum grano salis mit Albert Görres als die Kehrseite auch des katholischen Christentums(6) kennzeichnen. Denn die Bedeutung der christlichen Kreuzestheologie wäre unterschätzt, wollte man depravative Fehlinterpretationen zum letztgültigen Maßstab stilisieren. Mit anderen Worten: Leidens- oder Kreuzesspiritualität und -mystik kann zu äußerster Selbstlosigkeit und -hingabe als Ausfluß recht verstandener Gottes- und Nächstenliebe werden; sie kann aber auch Anlaß sein, das Ich und die Persönlichkeit, die eigenen Bedürfnisse und individuellen Gaben, das heißt, die Freiheit und Entfaltung des Ichs zu unterdrücken(7). Thomas Söding bilanziert mit Recht: "Das Kreuz steht in der Geschichte für sehr vieles, für ihre besten Möglichkeiten und ihre größten Hoffnungen, aber auch für ihre stärksten Versuchungen, ihre gravierendsten Sünden, ihr schwerstes Versagen. Nicht nur Dostojewskis Großinquisitor hat unter dem Kreuz gelernt, auch Mutter Theresa, nicht nur Martin Luther King, auch die Bombenleger der IRA"(8).



II.

Das Christentum begreift das Kreuz von seinen Anfängen an theo-logisch. Das Kreuz ist das Zeichen des in die Geschichte des Menschen eingreifenden Gottes. Es bildet die Mitte und den Kern der christlichen Heilsbotschaft und bündelt brennpunktartig die Frage nach dem Kreuz als die "Inkarnation einer Frage oder auch einer Sehnsucht Gottes nach dem Menschen und der Menschen nach Gott"(9). Der Kreuzestod Jesu vermittelt im Gegensatz zu den vielen Vorstellungen vor- und außerchristlicher Lehren und Weltanschauungen, in denen Gott oder die Götter unbetroffen bleiben vom Schicksal des Menschen, ein Bild jenes Gottes, der sich mit dem Menschen und seiner seit der Vertreibung aus Eden buchstäblich frag-würdigen Existenz solidarisch erklärt. Durch seine Identifikation mit dem Gekreuzigten stellt sich Gott auf die Seite der ohnmächtig Leidenden. Insbesondere die lateinamerikanische Befreiungstheologie verweist in neuerer Zeit immer wieder auf diesen Zusammenhang.

"Das ist die Grundlage aller weiteren christlichen Rede vom Kreuz. Sie sagt, daß in paradoxer Weise die äußerste Not selbst zum Ort der Erlösung wird"(10). Unter diesem Vorzeichen gewinnt auch das Schicksal des Menschen eine andere Konnotation. Zwar können und dürfen die Opfer und Leiden individueller und kollektiver Geschichte nicht ignoriert oder verklärend verkürzt werden; der Karfreitag in seiner gesamten Dramatik - jeder Karfreitag - bleibt für die jeweils Betroffenen trotz des nachfolgenden Ostermorgens ein reales Geschehen. Dennoch erhält er durch den Glauben an die Auferstehung einen anderen Sinngehalt. Denn die Paradoxie des Kreuzes impliziert stets auch die Hoffnung, "daß die Leiden der gegenwärtigen Zeit nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns offenbar werden soll" (Röm 8,18).

Freilich - dieser Trost des Apostels Paulus steht unter Ideologieverdacht. Er wird nicht selten als Vertröstung, Wirklichkeitsverlust oder gar realitätsferne Jenseitsschau empfunden und gedeutet. Insbesondere dann, wenn er einer aktiven Überwindung konkreter Not im Wege steht oder gar einer masochistisch motivierten Flucht in das Leiden Vorschub leistet(11), ist dieser Vorwurf berechtigt. Nichts, schon gar nicht der Hinweis auf das Kreuz und seine Annahme rechtfertigt eine Haltung, die änderbare Notstände fatalistisch hinnimmt, statt sie engagiert anzugehen. Sofern jedoch der Mensch als ein Wesen der Selbsttranszendenz bezeichnet werden kann, darf auch der Aspekt des Trostes in der Hoffnungsstruktur des Glaubens Gestalt annehmen und zählt damit unlösbar zur handlungsinspirierenden und -leitenden Selbst- und Weltdeutung des Christen(12).

Das nimmt den großen und kleinen Rätselhaftigkeiten, ja Unsinngkeiten und Verhängnisstrukturen menschlicher Existenz nichts von ihrer Dramatik; Schmerz und Tränen, aufgezwungener Verzicht und Enttäuschung bleiben auch dem Gläubigen nicht erspart und fordern die konstruktive Auseinandersetzung. Der Blick auf das Kreuz und die damit verbundene Hoffnung kann ihm dabei heilsame Gegenkräfte geistlich-geistiger Leidensbewältigung an die Hand geben, welche die Basis, oftmals sogar die Voraussetzung eines gelungenen und sinnvollen Lebens bilden.



III.

Diese kursorischen, (vor-)läufig bleibenden Überlegungen deuten die Sperrigkeit der Materie an. Das Kreuz und der damit verbundene Fragehorizont entziehen sich vorschnellen Lösungsansätzen. Das Thema läßt sich nur dialektisch behandeln. Diese Feststellung wird bestätigt durch die vielen mal mehr, mal weniger gelungenen Erklärungsversuche der Ideengeschichte, die mit der Theodizeefrage verbundenen Problemkomplexe denkerisch umfassend und (end-?)gültig in den Griff zu bekommen. Damit stellt sich die Frage, ob einer der zentralsten Inhalte der christlichen Erlösungsbotschaft rational-denkerisch unerledigt bleibt. Soll man angesichts der Komplexität und Unauslotbarkeiten der Thematik Ludwig Wittgenstein folgend lieber schweigen, obwohl man eigentlich nicht schweigen kann und darf?

Schon die ideengeschichtliche Brisanz und Bedeutung, die dem Themenkomplex "Kreuz - Opfer - Leiden" per se zukommt(13), beantwort diese Frage. Wenn darüber hinaus Klaus Demmer etwa die Kreuzestheologie als den, so wörtlich: "Ernstfall des christlichen Gottesgedankens"(14) bezeichnet, verdichtet sich für die Theologie bei aller Problematik die denkerische wie existentielle Notwenigkeit eines Annäherungsversuches an die ebenso verflochtene wie widersprüchliche Problematik.

Die folgenden Beiträge dieses Heftes sind Professor Dr. Leo Langemeyer, dem langjährigen Ordinarius für Theologische Propädeutik und Geschichte der Philosophie an der Theologischen Fakultät Paderborn in herzlicher Verbundenheit zugedacht. Die Autoren ehren damit einen Freund, Kollegen und/oder Lehrer anläßlich seines 65. Geburtstages, der in seinem Denken und Lehren, mehr jedoch noch in und mit seinem Leben versucht hat, der oben angesprochenen Notwendigkeit nachzukommen. Sie nähern sich dem Thema "Kreuz - Opfer - Leiden" aus historischer, biblischer, systematischer und künstlerischer Perspektive. Diese Annäherung stellt nicht den Anspruch, eine umfassende Reflexion des Themenfeldes bieten zu wollen oder gar zu können. Sie ist vielmehr eher als Versuch zu begreifen, aus jeweils unterschiedlichen Fragerichtungen die vielfach schillernden Facetten einer Thematik lichtkegelartig auszuleuchten, welche zu den wertvollsten, gleichwohl aber auch schwierigsten Glaubensgeheimnissen der christlichen Heilsbotschaft zählt.

Ein herzlicher Dank gilt dem Erzbistum Paderborn für die großzügige finanzielle Unterstützung der Drucklegung. Den Herausgebern, insbesondere der Schriftleitung, Herrn Prof. DDr. Dieter Hattrup sowie Herrn Prof. Dr. Stephan Leimgruber, sei gedankt für die Aufnahme der Beiträge in die Zeitschrift "Theologie und Glaube".


1. Josef Isensee: Bildersturm durch Grundrechtsinterpretation. Der Kruzifix-Beschluß des Bundesverfassungsgerichts. In: Hans Maier (Hrsg.): Das Kreuz im Widerspruch. Der Kruzifix-Beschluß des Bundesverfassungsgerichts in der Kontroverse. (QD 162), 9 - 27, hier: 9.

2. Josef Isensee (s. Anm. 1), 10.

3. Karl Gabriel: Religion und Gesellschaft auf dem Prüfstand. In: Hans Maier (Hrsg.): Das Kreuz im Widerspruch. Der Kruzifix-Beschluß des Bundesverfassungsgerichts in der Kontroverse. (QD 162), 60 - 76, hier: 67; vgl. auch Udo Zelinka: Pastoral nach der Wende. Folgen der deutschen Wiedervereinigung für die Seelsorge an Soldaten. In: Militärseelsorge 1 (1994) 65-92, hier: 69.

4. Vgl. dazu Peter Fonk: Die Annahme seiner selbst als Thema der Moraltheologie. In: GuL 3 (1995),179-195; ebenso Wilhelm Korff: Norm und Sittlichkeit. Untersuchungen zur Logik der normativen Vernunft. München, 21985, 18.

5. Vgl. dazu etwa Klaus Demmer: Gottes Anspruch denken. Die Gottesfrage in der Moraltheologie. (Studien zur theologischen Ethik 50) Freiburg i. Br./Freiburg i. Ue., 1993.

6. Vgl. Albert Görres: Pathologie des katholischen Christentums. In: Franz X. Arnold u.a. (Hrsg.): Handbuch der Pastoraltheologie. Praktische Theologie der Kirche in ihrer Gegenwart, Bd. II/1. Freiburg i. Br. u. a., 1966, 277 - 343, hier: 287.

7. Vgl. Stefan Kiechle: "Schmerz mit dem schmerzerfüllten Christus". Zur Kreuzesnachfolge in der ignatianischen Spiritualität. GuL 4 (1996) 243.

8. Thomas Söding: Lernen unter dem Kreuz. Neutestamentliche Lektionen. Zum markinischen Passionsbericht (Mk 15,20b-41). In: Hans Maier (Hrsg.): Das Kreuz im Widerspruch. Der Kruzifix-Beschluß des Bundesverfassungsgerichts in der Kontroverse. (QD 162), 77 - 108, hier: 78.

9. Sybille Fritsch-Oppermann: Das aufgeklärte Ich und die Postmoderne. Neue Religiosität und die Frage nach dem Sinn. In: Reinhard Kirste; Paul Schwarzenau; Udo Tworuschka (Hrsg.): Interreligiöser Dialog zwischen Tradition und Moderne. (Religionen im Gespräch 3) Balve, 1994, 217-228, hier: 227.

10. Bernhard Fraling: Art. Leiden. In: Hans Rotter; Günter Virt (Hrsg.): Lexikon der christlichen Moral. Innsbruck-Wien, 1990, 435-439, hier: 437.

11. Vgl. Bernhard Fraling (s. Anmerkung 10), 438f.

12. Vgl. Klaus Demmer: Die Wahrheit leben. Theorie des Handelns. Freiburg i.Br. u.a., 1991, 53ff.

13. Vgl. etwa die immer wieder in der Geschichte thematisierte Frage nach dem Zusammenhang von Gerechtigkeit und Leiden, so z.B. bei Platon, Politeia 361e-362a.

14. Klaus Demmer, (s. Anm. 5), 99.