ThGl 87 (1997) 81-96

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Grundfragen der Pragmatik und ihre Relevanz für die Interpretation biblischer Texte

von Rainer Dillmann


Der Beitrag fragt nach der Relevanz der Pragmatik für die Interpretation biblischer Texte. Er geht wichtigen in der Linguistik entwickelten Auffassungen von Pragmatik nach und zeigt auf, daß eine für die biblischen Texte relevante Pragmatik im Kontext einer umfassenden Texttheorie erarbeitet werden muß. Die Sprechakttheorie und die Frage nach dem impliziten Leser erweisen sich als weitere wichtige Komponenten. Pragmatik kann dann definiert werden als virtueller Veränderungsprozeß, der sich im Lesevorgang ereignet. Ein Verständnis biblischer Texte als fiktionale Rede erlaubt schließlich eine Umschreibung pragmatischer Exegese als Versuch, die biblischen Texte so auszulegen, daß neue Verkettungen zwischen den Texten der Vergangenheit und der gelebten Gegenwart entstehen.

This article investigates the relevance of pragmatics to the interpretation of biblical texts. Tracing important conceptions of pragmatics developed in linguistics, the paper points out that any pragmatics claiming to be relevant to biblical texts ought to be elaborated in the context of a comprehensive theory of texts. The speech-act theory as well as the question for the implied reader prove to be further important components. Pragmatics, then, may be defined as a virtual process of understanding that comes to pass in the act of reading. Furthermore, if we understand biblical texts as fictional speech we are enabled to describe the pragmatic approach as the effort to interpret biblical texts in order to concatenate the texts of the past anew with those of the very present we are living in.

1. Problemstellung

Texte wollen nicht nur über etwas informieren, Texte wollen bei ihren Hörern oder Lesern etwas bewirken"(1). Diese Grundthese der Pragmatik ist auch in der wissenschaftlichen Exegese rezipiert und hat diese in den letzten beiden Jahrzehnten beeinflußt. Dennoch ist eine pragmatische Theorie, die sowohl die hermeneutischen Implikationen aufzeigt wie auch ein entsprechendes methodisches Instrumentarium für die biblische Exegese bereitstellt, nicht in Sicht. Es finden sich allenfalls Ansätze, die jedoch noch nicht zu einer umfassenden Theoriebildung geführt haben(2).

Dies hat zum einen seinen Grund in der Komplexität des Problems. In der Linguistik ist die Vielfalt der Auffassungen von Pragmatik verwirrend"(3). Auch die Abgrenzung von Pragmatik und Semantik ist unklar(4). Sowohl die Festlegung von Inhalt und Umfang von Pragmatik wie auch die Bestimmung des Umfangs von Semantik wirft Probleme auf, denen hier aus Platzgründen nicht näher nachgegangen werden kann(5).

Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, daß die Sprechakttheorie sich fast ausnahmslos auf die gesprochene Sprache bezieht. Austins schon klassisch gewordene Formel: How to do things with words"(6) hat im Alltagsgebrauch der Sprache ihre Geltung. Schwieriger ist dies bzgl. literarischer Texte. Hier müssen entsprechende Modifikationen vorgenommen werden. Noch anders stellt sich die Frage, wenn diese Texte, wie die biblischen Texte, aus einer anderen Zeit und einem anderen kulturellen Kontext stammen. Sie sind von ihrem ursprünglichen sozio-kulturellen Kontext gelöst und ihre pragmatische Dimension droht mit dem Verlust dieses Kontextes ebenfalls verloren zu gehen.

Letztlich liegt ein wichtiger Grund in der Exegese selbst. Seit dem Siegeszug der historisch-kritischen Methode ist die diachrone Betrachtung der biblischen Texte die Basis jeder Exegese. Hier fordert die Pragmatik ein Umdenken. Sie geht vom vorliegenden Text aus und vernachlässigt zunächst die in ihm verarbeiteten Quellen und Überlieferungen. Der Streit um den Vorrang der Synchronie vor der Diachronie ist inzwischen in der Exegese voll entbrannt.

Das hier zu behandelnde Problem ist somit komplex und vielschichtig. Es geht letztlich um die Frage, wie der heutige Leser mit antiken Texten sinnvoll in Kommunikation treten kann. Eine Lösung kann nur gefunden werden, wenn sich die Exegese über ihre Auffassung von Pragmatik Klarheit verschafft und sich über die Relevanz der darin bezeichneten Sache für die Interpretation biblischer Texte Rechenschaft ablegt. Dazu wollen die folgenden Ausführungen beitragen.

2 Theorien von Pragmatik und ihre Relevanz für die Exegese

Die Notwendigkeit einer Pragmatik ergibt sich aus der Erkenntnis, daß Syntaktik und Semantik den Sprachgebrauch bzw. die Verwendung von Sprache nur unzureichend erklären können. Was ein Text ausmacht, kann nicht nur syntaktisch und semantisch bestimmt werden; dies muß auch pragmatisch fundiert werden. Der semantische Gehalt des Textes ist mit den kommunikativen Faktoren zwar eng verbunden, davon aber doch zu unterscheiden(7). Die Pragmatik ergibt sich somit aus der Tatsache, daß in sprachlichen Kommunikationsvorgängen Wirkungsfaktoren eine Rolle spielen, die nicht mehr mit syntaktischen und semantischen Begriffen allein erklärbar sind"(8). Insofern ist eine linguistische Theorie ohne Pragmatik nicht denkbar. Die Forderung nach einer Pragmatik markiert den Schritt von der (Sprach-)System Linguistik zu einer Texttheorie als Theorie der sprachlichen Kommunikation"(9).

Über die Notwendigkeit einer Pragmatik braucht somit nicht mehr gestritten zu werden. Schwieriger jedoch ist die Frage zu beantworten, in welcher wechselseitigen Beziehung Syntaktik, Semantik und Pragmatik miteinander stehen und wie sie von einander abhängen. Hier gibt es unterschiedliche Theorien, die jeweils bestimmte Aspekte einer Sprachtheorie betonen. Jede Beschreibung von Pragmatik muß sich diesem Problem stellen. Deshalb wird hier auf einige markante Modelle kurz eingegangen.

2.1 Pragmatik als Relation zwischen Zeichensystem und seinen Benutzern

In einem semiotischen Modell, das auf den Teilbereichen Syntaktik, Semantik und Pragmatik aufbaut, untersucht die Pragmatik die Relation zwischen dem Zeichensystem und seinen Benutzern. So definierte schon Stalnaker Pragmatik als the studie of language in relation to the users of language"(10). Damit kommen all jene Aspekte in den Bereich der Pragmatik, in die die sprachliche Äußerung eingebettet ist. Dies sind insbesondere: Zeitpunkt und Ort der Äußerung; die kontextuellen Bedingungen wie Situation, Wissen, Voraussetzungen, Motivationen u. ä. sowie das Verhältnis von Sprecher und Hörer/Empfänger.

Die genannten Aspekte beziehen sich überwiegend auf außersprachliche Realitäten. Unbestritten spielen diese in der Wirkung von Texten eine nicht zu unterschätzende Rolle. Ein solches Verständnis von Pragmatik nimmt jedoch lediglich die für die Entstehung des Textes konstitutiven äußeren Elemente in Blick. Die Wirkabsicht des Sprechers sowie die Wirkung, die Texte bei ihren Hörern hervorbringen, vermag sie nicht zu vermitteln. Und damit gibt sie auf die entscheidende Frage von Austin How to do things with words"(11) lediglich eine partielle Antwort.

Es ist jedoch zu fragen, ob nicht im Text selbst sprachliche Elemente enthalten sind, die bei den Hörern auch unter anderen kontextuellen Bedingungen eine bestimmte Wirkung hervorrufen. Für die biblischen Texte ist diese Frage von besonderer Bedeutung, da es sich hier um schriftliche Text aus einer vergangenen Zeit handelt, und wir die kontextuellen Bedingungen ihrer Entstehung nur unzureichend kennen. Ist eine pragmatische Auslegung biblischer Texte überwiegend oder gar ausschließlich abhängig von unserem Kenntnisstand über die historischen Entstehungsbedingungen der biblischen Texte? Über Ort und Zeit, den jeweiligen Autor und die historische Situation seiner Adressaten?(12) Ein solches Verständnis von Pragmatik widerspräche jedenfalls der Zielsetzung pragmatischer Exegese, die biblischen Texte dem heutigen Leser zu erschließen.

2.2 Pragmatik als kommunikative Kompetenz

Die Pragmatik steht in engem Zusammenhang mit der kommunikativen Situation. Sie behandelt die Beziehung eines sprachlichen Elements zu seinen Erzeugern, Verwendern und Empfängern in Kommunikationssituationen"(13). Auf dieser Erkenntnis aufbauend entwickelte Wunderlich seine Hypothese einer kommunikativen bzw. pragmatischen Kompetenz(14). Wunderlich scheint dabei insbesondere die kommunikativen Komponenten der sprachlichen Kompetenz der Pragmatik zuzuordnen. Demnach untersucht die Pragmatik insbesondere solche Elemente, die die Beherrschung der Redesituation ermöglichen und die kommunikative Kompetenz des Autors betreffen.

So verstanden ist die Pragmatik zwar eng textbezogen, aber der Hörer droht langsam aus dem Blick zu geraten. Pragmatik scheint dann reduziert auf die sprachlich kommunikative Kompetenz, die das Vermögen der Kommunikationspartner definiert, mit Hilfe sprachlicher Symbolverkettungstheorien sinnhaft / erfolgreich in konkreten Handlungsspielen zu agieren"(15). Das pragmatische Bemühen bestände dann darin, die sprachlichen Strukturen an die Erfordernisse der kommunikativen Situation anzupassen. Die Pragmatik wäre ein additiver Teil, der diese Anpassungsmechanismen beschreibt.

Ein solches Verständnis von Pragmatik ist überwiegend am Autor und seiner kommunikativen Kompetenz interessiert. Auch hier ergeben sich für die biblische Exegese erhebliche Probleme. Über die Autoren der meisten biblischen Texte, mit Ausnahme von Paulus, wissen wir so gut wie nichts. Sie sind für uns fast ausschließlich in ihren Texten greifbar(16). Zwar läßt sich daraus einiges über ihre Strategie erheben, insbesondere durch eine Analyse der literarischen Gattungen(17). Eine umfassende pragmatische Theorie, die auch den heutigen Hörer / Leser mit einbezieht, läßt sich daraus wohl kaum entwickeln. Deshalb ist auch dieser Ansatz einer Pragmatik in der biblischen Exegese nur bedingt anwendbar.

Die entscheidende Schwierigkeit der beiden genannten Modelle scheint die additive Aneinanderreihung von Syntaktik, Semantik und Pragmatik zu sein. Die Aufspaltung der Linguistik in die drei Teilbereiche Syntaktik, Semantik und Pragmatik ist zwar notwendig, aber die Verknüpfung aller drei Bereiche ist zu beachten. Jede pragmatische Theorie, die dies außer Acht läßt und die drei Bereiche als je eigenständige, von einander mehr oder weniger unabhängige Bereiche versteht, wirft eine Reihe von Problemen auf, die sie letztlich nicht zu lösen vermag. Für die Interpretation der biblischen Texte können solche Auffassungen von Pragmatik nur bedingt herangezogen werden.

2.3 Pragmatik im Kontext einer umfassenden Texttheorie

Jede pragmatische Analyse biblischer Texte sollte von der Erkenntis Ollers ausgehen, der den Gebrauch von Sprache als einen Vorgang versteht, in dem die syntaktische, die semantische und die pragmatische Dimension unlösbar miteinander verknüpft werden. In der pragmatischen Dimension werden die verschiedenen syntaktischen und semantischen Elemente zu außersprachlich wahrgenommener Information und außersprachlich gegebenem Wissen in Beziehung gesetzt. Dabei geht die Pragmatik der Syntaktik wie auch Semantik logisch voraus: It is the pragmatics of sentence generation that determines which choice will be made within each syntactic semantic state"(18). Dementsprechend definiert Oller Pragmatik folgendermaßen: Pragmatic is defined as the dynamic interaction betweeen the speakers knowledge of the world (including immediately perceived information) and the syntactic-semantic dimensions. These dimensions, however, are by no means independent"(19). Damit wird deutlich, daß eine Definition von Pragmatik nur im Rahmen einer umfassenden Texttheorie geleistet werden kann.

Eine solche umfassende Texttheorie hat S. Schmidt auf Oller aufbauend entwickelt. Seine texttheoretische Hypothese" geht davon aus, daß Sprache nur als Kommunikationsinstrument sozial vorkommt und relevant ist"(20). Ausgangspunkt seiner Methodologie sind deshalb komplexe sprachlich-soziale Handlungen. Auf diese Weise kommt Schmidt zu einem umfassenden Texterzeugungsmodell(21).

Dieses Texterzeugungsmodell berücksichtigt, daß ein kommunikatives Programm erst durch das Zusammenwirken verschiedener Faktoren entsteht. Der Sprecher selbst ist ein konkretes soziales Indviduum in einer bestimmten Situation. Seine Rede wird beeinflußt von den sozialen und intellektuellen Fähigkeiten seiner Zuhörer sowie dem Bild, das er sich von der kommunikativen Situation macht. Andererseits sind auch die zur Verfügung stehenden Rede- und Texttypen, die sozialen Interaktionsformen sowie die kommunikative Kompetenz des Sprechers zu berücksichtigen. All diese Faktoren fließen in jedes Programm eines Kommunikationsaktes ein; unter Einbeziehung der Mitteilungs- und Wirkabsicht entsteht dann der Text. Dieser ist somit das Ergebnis eines komplexen Entscheidungsprozesses.

Dieses Texterzeugungsmodell bewahrt den Vorrang der Pragmatik vor der

Syntaktik und der Semantik. Das Modell macht deutlich, daß der Erzeugung von Texten ein Entscheidungsprozeß zugrunde liegt, der vom Texterzeuger bewußt gesteuert wird. Damit trägt dieses linguistische Modell einer gewichtigen theologischen Erkenntnis bzgl. der Entstehung biblischer Texte Rechnung, die das Vaticanum II in Dei Verbum so formuliert hat: Auctores autem sacri quattuor Evangelia conscripserunt, quaedam e multis aut ore aut iam scripto traditis seligentes, quaedam in synthesim redigentes, vel statui ecclesiarum attendendo explanantes, formam denique praeconii retinentes, ita semper ut vera et sincera de Iesu nobiscum communicarent"(22).

Zur Erfassung der pragmatischen Dimension der biblischen Texte zur Zeit ihrer Entstehung dürfte dieses Modell gute Dienste leisten. Ein Problem liegt jedoch in der zeitlichen Distanz zwischen der Entstehung der biblischen Texte und dem heutigen Leser. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, daß die vom Autor beabsichtigte Wirkung zwar erzielt werden kann, aber nicht notwendiger Weise erzielt wird. Für eine umfassende biblische Pragmatik, die auch den heutigen Leser mit einbezieht, bedarf dieses Modell deshalb einer Ergänzung. Die Pragmatik setzt nicht nur einen Entscheidungsprozeß im Autor, sondern hinsichtlich der Wirkung von Texten auch im Hörer voraus.

3 Sprechakttheorie und impliziter Leser

Der für die Wirkung von Texten notwendige Entscheidungsprozeß im Hörer bzw. Leser läßt sich mit Hilfe der Sprechakttheorie näher differenzieren und mittels des impliziten Lesers im realen Leser aktivieren.

3.1 Die Sprechakttheorie und ihre Bedeutung für die Pragmatik

In seiner Sprechakttheorie unterscheidet Austin locutionary acts, illocutionary acts und perlocutionary acts(23). Für die Textpragmatik sind die lokutiven Akte nur von geringem Interesse; die illokutiven wie auch die perlokutiven Akte sind dagegen wichtig. Austin definiert illocutionary acts such as informing, ordering, warning, undertaking, etc., i. e. utterances which have a certain (conventional) force", und perlocutionary acts: what we bring about or achieve by saying something, such as convincing, persuading, deterring, and even, say, surprising or misleading."(24)

Texte sind also dann dem perlokutiven Akt zuzuordnen, wenn sie tatsächlich bewirken, was sie beabsichtigen. Ein perlokutiver Akt (= perlokutionärer) ist die erfolgreiche Beendigung eines illokutiven Aktes"(25). Perlokutive Akte sind Handlungen, die beim Hörer solche Effekte hervorbringen, die auch in gewisser Hinsicht intendiert und kalkuliert werden können"(26). Für die biblischen Texte dürfte dies weitgehend nicht zu treffen. Ihre Wirkung auf den Leser ist offen(27), und es ist nicht sicher, ob die Texte immer das bewirken bzw. im Laufe der Geschichte bewirkt haben, was sie auch bewirken wollten.

Biblische Texte sind deshalb aus Sicht der Sprechakttheorie als illokutive Akte zu betrachten. Ein illokutiver Akt bezeichnet die Redeabsicht oder Intention eines Sprechers, eine kommunikative Wirkung auf den Hörer auszuüben"(28). Der illokutive Akt ist nach Austin und Searle das Wesentliche des gesamten Sprechaktes, und für Searle sind die elementaren Einheiten menschlicher Kommunikation illokutive Handlungen(29).

Die biblischen Texte sind schriftliche Texte. Diese haben die Tendenz sich zu verselbständigen. In einer einmaligen bestimmten kommunikativen Situation entstanden, entfalten sie nicht nur Wirkung in dieser Situation; sie können vielmehr in neuen kommunikativen Situationen je neu Wirkung entfalten. Die Qualifizierung der biblischen Texte als kanonische Texte impliziert geradezu, sie in veränderten kommunikativen Situationen neu zur Wirkung zu bringen. Dabei ist die Kontinuität der Botschaft wesentlich. Soll diese gewahrt werden, muß die Wirkung der Texte damals wie heute zumindest in Teilen miteinander korrelieren.

3.2 Der implizite Leser als intentionale Lesestruktur

Die biblischen Texte enthalten also ein Wirkungspotential(30), das durch die

pragmatische Analyse aufzuzeigen ist. Um dieses Wirkungspotential auch in veränderten

kommunikativen Situationen zu aktivieren, ist die von Iser getroffene Unterscheidung

von realem und implizitem Leser hilfreich.

Der implizite Leser verdankt sich einer Textinterpretation". Iser definiert ihn als den im Text vorgezeichneten Aktcharakter des Lesens"(31). Er besitzt keinerlei reale Existenz"(32). Seine Beschreibung ist auch keine Typologie möglicher Leser"(33). Eine solche Typologisierung wäre der untaugliche Versuch, die Vielfalt der realen Leser zu klassifizieren, um daran letztlich die Beschaffenheit der realen Leser abzuleiten. Der implizite Leser ist vielmehr im Text selbst verankert und umfaßt das Subjekt, das erforderlich ist, um die Verfahrensweisen und Strategien des (abstrakten) Autors zu erfassen. Die Frage nach dem impliziten Leser ist somit die Frage nach einer intentionalen Lesestruktur"(34), die im Text selbst enthalten ist. Seine Beschreibung ist der Versuch, innerhalb des Textes die Lesefiguration als vielleicht wichtigstes Element im Zeichensystem des Mitteilungsvorgangs zu erkennen"(35).

Analoger Weise ist auch der abstrakte Autor vom realen Autor zu unterscheiden. Der Leser eines Textes ist darum bemüht, alle einzelnen Befunde am Text als Zeichen einer einheitlichen und sinnvollen Kommunikationsabsicht zu lesen. Daß dies so ist, verdankt sich dem abstrakten Autor. Der abstrakte Autor ist die Instanz, über die jegliche Vermittlung zwischen dem textexternen und textinternen Bereich verläuft; er ist sozusagen die Umschaltstelle zwischen Text und Realität"(36). Auch er ist wie der implizite Leser eine Instanz im Text. Er steht in enger Beziehung zum realen Autor; auf ihn kann jedoch nicht verzichtet werden, denn er ist für jede Textinterpretation und jedes Textverständnis unerläßlich(37). Letztlich ist der abstrakte Autor für das verantwortlich, was als Aussageabsicht und Wirkabsicht eines Textes bezeichnet wird(38).

Jeder Text hält darüber hinaus ein bestimmtes Rollenangebot bereit. Diese Leserrolle wird jedoch je nach historischer, sozialer und kultureller Situation sowie der Individualität des realen Lesers unterschiedlich verwirklicht. Das Rollenangebot des Textes [wird] immer nur selektiv realisiert"(39). Austins illocutionary force wird so gesehen zur illokutiven Rolle(40). Mit ihr kann sich der reale Leser identifizieren und so mittels des Textes die Kommunikation mit dem abstrakten Autor aufnehmen. Jedes Lesen ist somit ein subjektiver Vorgang. Die Intersubjektivität wird dadurch hergestellt, daß sich die je individuelle Rezeption eines Textes auf die Struktur des impliziten Lesers bezieht(41).

Eine pragmatische Exegese wird der im impliziten Leser und abstrakten Autor enthaltene Lesefiguration nachspüren, sie analysieren und diese aufzeigen. In gleicher Weise wird sie das im biblischen Text enthaltene Rollenangbot für den realen Leser entfalten(42).

1. Biblische Texte als fiktionale Rede

Iser hat auf eine weitere wichtige Unterscheidung aufmerksam gemacht. Im Anschluß an die Sprechakttheorie unterscheidet er performative Äußerungen von fiktionaler Rede. Performative Äußerungen bewirken eine Veränderung innnerhalb der Situation, in der sie sich ereignen. Sie gewinnen ihren Sinn durch ihre situative Verwendung(43). Fiktionale Rede teilt dagegen den Habitus eines illokutiven Aktes, hat jedoch eine andersartige Funktion(44). Die Akzeptanz eines Sprechaktes ist abhängig von der Geltung bestimmter Konventionen. Diese Geltung wird in fiktionaler Rede problamatisiert. Sie durchbricht die in illokutiven Akten vorausgesetzte Konvention und beginnt diese neu zu organisieren. Sie wählt aus den in unserer Lebenswelt vorfindlichen Konventionen aus und ordnet sie neu. Auf diese Weise beginnt fiktionale Rede etwas zu bewirken. Aus der horizontalen Organisation unterschiedlicher Konventionsbestände und aus der von den Strategien bewirkten Erwartungsdurchbrechung gewinnt der fiktionale Text seine illocutionary force, die als Wirkungspotential die Aufmerksamkeit weckt, die Art des Zugangs lenkt und den Rezipienten zum reagieren veranlaßt"(45).

Gerade dies setzt eine Interaktion zwischen Text und Leser in Gang. Fiktionale Texte haben somit eine kommunikative Funktion, und das Lesen dieser Texte impliziert ein dialogisches Verhältnis zwischen Text und Leser. Beide sind in einer dynamischen Situation miteinander verspannt, die ihnen nicht vorgegeben ist, sondern im Lesevorgang als Bedingung der Verständigung mit dem Text entsteht"(46).

Diese Beschreibung fiktionaler Rede, wie sie Iser vorgenommen hat, trifft auf die biblischen Texte weitgehend zu. Auch sie durchbrechen in der Lebenswelt des Lesers - sowohl des Lesers der Antike wie auch des heutigen Lesers - vorhandene Konventionen, ordnen diese neu und beginnen so zu wirken. So beginnt Markus seine Darstellung des Wirkens Jesu von Nazaret mit arch tou euaggeliou Ihsou Cristou - Anfang und Grundlage des Evangeliums von Jesus Christus" und stellt dies überschriftartig über sein ganzes Werk. Der antike Leser mußte mit dem Begriff euaggelion die Erwartung verknüpfen, daß die so charakterisierte Persönlichkeit aus den Erschütterungen und Krisen, in die das römische Reich in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. gestürzt war, herausführen würde. In ähnlicher Weise hatte Flavius Josephus die bevorstehende Herrschaft des Vespasian als euaggelion gepriesen(47). Die seitens des Lesers erwartete Konvention - das Kommen einer politischen Herrschergestalt - wird von Markus jedoch nicht erfüllt. Statt dessen erzählt er vom Wirken des Jesus von Nazaret, der schmählich am Kreuz endet. Der Erwartungshorizont des Lesers wird durchbrochen und dessen Aufmerksamkeit auf etwas völlig neues gelenkt. Nicht die Konsolidierung der politischen Lage ... ist das 'Evangelium', sondern die Botschaft vom Leben und Sterben Jesu von Nazaret"(48). Die Interaktion zwischen Text und Leser wird geradezu provoziert. Eine neutrale Position ist dem Leser verwehrt. Er ist herausgefordert, Stellung zu beziehen und entsprechende Veränderungsprozesse in der eigenen Lebenswelt einzuleiten.

Biblische Texte sind somit fiktionaler Rede zuzuordnen; sie entfalten ihr Wirkungspotential im Lesevorgang selbst. Die Veränderung des Lesers und seiner Situation geschieht im Dialog mit dem Text. Die Erzeugung fiktionaler Rede setzt eine Situation des Ungleichgewichts voraus - jedenfalls aus der Perspektive des Sprechers(49). Ihr Ziel ist eine Veränderung zur Situation des Gleichgewichts. Pragmatik kann deshalb definiert werden als virtueller Veränderungsprozeß, der sich im Lesevorgang zwischen Text und Leser ereignet. Virtuell ist dieser Prozeß, weil eine Veränderung nicht notwendiger Weise erfolgt, aber im Text angelegt bzw. beabsichtigt ist. Pragmatik ist keine Nutzanwendung, sondern ein kommunikativer Akt.

4 Pragmatische Exegese - Versuch einer Definition

Auf die eingangs gestellte Frage: Wie kann der heutige Leser sinnvoll mit antiken Texten in Kommunkation treten? deutet sich hiermit eine zweifache Antwort an. Der heutige Leser kann einmal die Position des impliziten Lesers einnehmen und das entsprechende Rollenangebot für sich realisieren, sodaß sich ihm das Wirkungspotential des Textes im Lesevorgang erschließt. Diesen methodischen Weg beschreitet die pragmatische Exegese. Der heutige Leser kann aber auch die ursprüngliche kommunikative Situation erarbeiten und nun seinerseits mit dieser kommunikativen Situation die Kommunikation aufnehmen. Auch dieses Vorgehen ist Teil einer pragmatischen Exegese. Dazu stellt ihm die historisch-kritische Exegese eine Fülle von Materialien und Ergebnisse bereit. Beide Möglichkeiten schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern ergänzen einander.

Eine pragmatische Exegese kann sich jedoch nicht damit begnügen, vom Autor beabsichtigte Veränderungen aufzuzeigen. Sie hat diesen Dialog mit dem Text selbst zu führen, den Prozeß der Veränderung einzuleiten und muß entsprechend Stellung beziehen. Pragmatische Exegese bedeutet deshalb linguistisch gesehen die Erzeugung neuer Performanztexte(50), mit deren Hilfe die biblische Botschaft in einer veränderten kommunikativen Situation gültig ausgesagt wird. Ihre Kompetenz erwächst aus dem Dialog mit dem biblischen Text als (heute einzig greifbarer) Teil des ursprünglichen kommunikativen Handlungsspiels. Diese Kompetenz ist nicht einfach Besitz; um sie muß in Auseinandersetzung mit dem biblischen Text immer neu gerungen werden. Da die kommunikative Situation in den verschiedenen Ländern und Erdteilen sowie im Laufe der Geschichte unterschiedlich ist, erfordert eine pragmatische Exegese - will sie nicht nur für einen eng begrenzten Raum und Zeit Gültigkeit beanspruchen - den interkulturellen Dialog.

Vom Standpunkt einer pragmatischen Exegese beansprucht Schriftauslegung deshalb nicht, absolute Wahrheiten zu verkünden. Dem Einwand, daß damit einer Relativierung des Glaubens Vorschub geleistet werde, muß entschieden widersprochen werden. Es gibt eine doppelte Kontrolle: die innere Kohärenz des Textes (= der abstrakte Autor und implizite Leser) sowie der Konsens der Glaubensgemeinschaft, der u. a. in der Wirkungsgeschichte greifbar ist(51). Pragmatischer Exegese geht es um eine Neuformulierung des Evangeliums in Krisen- und Umbruchssituationen mit dem Ziel, das Eigentliche der Botschaft Jesu zu bewahren. Sie leistet damit einen Beitrag zur Aktualisierung und Inkulturation des Evangeliums in einer veränderten Welt. Das Zweite Vatikanische Konzil hat deutlich gemacht, daß in dieser Hinsicht die Kirche des Anfangs keine Sondersituation innehat(52). Eine Neuformulierung war damals wie heute notwendig und ist eine bleibende Aufgabe der Kirche sowie der Interpretation der Schrift in der Kirche(53).

Pragmatische Exegese will das Gespräch mit dem Text in Gang bringen und beansprucht, Handlungsimpulse in konkreten Situationen des Glaubens zu geben. Sie ist der Versuch, die biblischen Texte als Texte des Glaubens so auzulegen, daß neue Verkettungen zwischen den Texten der Vergangenheit und der gelebten Gegenwart entstehen. Sie verzichtet darauf, endgültige Lösungen zu bieten. In der Anfechtung des Glaubens wie auch in seinen Krisen initiert sie einen Prozeß, der sowohl Trost, Hoffnung und Stärkung, wie auch Mahnung und Warnung sein kann.

5 Lk 5,1-11 - Skizze einer Konkretisierung

Die nun folgende Skizze bietet keine umfassende pragmatische Analyse von Lk 5,1-11. Sie greift in erster Linie die Frage des impliziten Lesers auf und dient dazu, das theoretisch erörterte an einem ausgewählten Beispiel zu veranschaulichen. Entsprechend der obigen Darlegungen ist die Pragmatik einerseits der Syntaktik und Semantik logisch vorgeordnet; andrerseits fließen sowohl die syntaktischen wie auch die semantischen Elemente in die Pragmatik ein. Deshalb wird auf solche Elemente in dieser Skizze zurückgegriffen.

In Lk 5,1-11, der Erzählung von der Berufung der ersten Jünger und vom reichen Fischfang, hält der Evangelist für den Leser zwei Rollen bereit, in denen dieser sich wiederfinden kann: Die Menge und Simon Petrus (und seine Gefährten). Beide stehen in Interaktion zu Jesus.

Die Volksmenge wird dahingehend charakterisiert, daß sie das Wort Gottes aus dem Munde Jesu hören will. Den Begriff Wort Gottes" gebraucht Lukas hier erstmals in seinem Evangelium. Er folgt damit urchristlicher Verkündigungsterminologie. Für die Menschen der Antike ist es selbstverständlich, daß das Wort Gottes für das Leben der Menschen bedeutungsvoll ist. Deshalb liegt das Hören-Wollen des Wortes Gottes im Erwartungshorizont antiker Leser (für den heutigen Leser westlicher Kultur dürfte dies weitgehen nicht mehr zutreffen). Neu und Aufmerksamkeit erregend ist jedoch die Identifizierung des Wortes Gottes mit dem Wort Jesu: sie drängte sich um ihn, um das Wort Gottes zu hören" (Lk 5,1). Für jüdische und auch heidnische Leser werden damit gewohnte Konventionen durchbrochen und neu organisiert, nicht jedoch für den christlichen Leser. Dieser wird in seiner Glaubensüberzeugung bestärkt: Im Wort Jesu begegnet ihm das Wort Gottes.

Diese Offenheit für das Wort Gottes ist eine wichtige Voraussetzung, das Lukasevangelium richtig zu lesen. Der implizite Leser besitzt diese Offenheit; vom realen Leser ist sie gefordert. So bleibt die Menge für den realen Leser immer eine mögliche Idendifikationsfigur.

Die zweite und zugleich wichtigste Identifikationsfigur ist Simon Petrus. Er realisiert für seine konkrete Situation das Wort Gottes, das ihm im Wort Jesu begegnet, und darin erfährt er göttliches Wirken und göttliche Kraft(54). Diese Erfahrung des Petrus wird für den Leser u. a. deutlich in der Art und Weise, wie dieser Jesus anredet. Bevor er auf Jesu Wort hin auf den See hinausfährt, spricht Petrus ihn an mit 'epistata' (= Meister)(55); nach dem reichen Fischfang mit 'kurie' - für Lukas eindeutig ein christologischer Titel. Als den Retter und Kyrios hatte ihn der Engel bei der Geburt verkündet (vgl. Lk 2,11). Der reale Leser ist mit diesem Titel bereits vertraut. Der antike Leser verband mit dieser Anrede eine Person mit Autorität und Entscheidungsvollmacht, im religiösen Kontext kann sie auch auf Gott bezogen werden(56). Indem Petrus Jesus nach dem Fischfang mit kurios anredet, will Lukas den Leser aufhorchen lassen. Dem heutigen christlichen Leser ist diese Anrde Jesu allerdings so selbstverständlich geworden, daß diese für ihn seine Aufmerksamkeit erregende Funktion verloren hat.

Das Bekenntnis zu Jesus als dem Christus und Kyrios wird bei Petrus nicht schon durch die Heilung der Schwiegermutter bewirkt (Lk 4,38-39). Der übliche Hinweis auf unterschiedliche Traditionen, die Lukas hier verarbeitet, löst nicht die Spannung, die durch die Textanordnung entsteht. Simon wird in 4,38-39 zwar genannt. Jede Reaktion des Simon auf diese Heilung oder seine Betroffenheit bleiben jedoch unerwähnt. Erst die eigene persönliche Begegnung mit Jesus von Nazaret führt ihn zum Bekenntnis.

Diese Begegnung mit dem Göttlichen verändert Petrus wie auch seine Gefährten, Jakobus und Johannes. Sie befähigt ihn zu einer neuen Aufgabe: Er wird andere vor dem sicheren Untergang retten(57). Petrus wird damit zum Prototyp christlicher Existenz.

In der Gestalt des Simon Petrus skizziert Lukas zwei entscheidende Aspekte des impliziten Lesers: er hat Vertrauen in das Wort Jesu als Wort Gottes - auf dein Wort hin" erinnert den Leser an Jesu wirkmächtiges Wort bei der Austreibung des Dämons in der Synagoge von Kapharnaum (Lk 4,31-37) sowie bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus (Lk 4,38-39); und er bekennt sich zu Jesus als dem Kyrios(58). Beides mündet in die Nachfolge. Dazu ist der reale Leser aufgefordert.

Erstmals nennt Lukas hier den terminus technicus für die Nachfolge. Mit dem Begriff verbindet sich die persönliche Bindung an Jesus im Sinne einer bedingungslosen Schicksalsgemeinschaft. Wie die weiteren Ausführungen in seinem Evangelium zeigen, versteht Lukas Nachfolge konkret. Jesus nachfolgen heißt, den Weg mit Jesus gehen, und dies ist der Weg nach Jerusalem, der für Jesus am Kreuz endet.

Damit konfrontiert Lukas auch den heutigen christlichen Leser mit einem Sachverhalt, der dessen Erwartungshorizont sprengt: Christliche Existenz ereignet sich in der Schicksalsgemeinschaft mit Jesus. Es ist ein Leben, das Andere zum Widerspruch reizt; deshalb ist es nicht verwunderlich, daß Christen von diesen verachtet, belächelt oder auch bedrängt werden. Der reale Leser des Evangeliums wird sich mit Blick auf seine je eigene persönliche Situation mit dieser Sicht auseinandersetzen und sich fragen müssen, welche Konsequenzen daraus für sein Leben als Christ zu ziehen sind.

1. Hubert Frankemölle: Biblische Handlungsanweisungen. Beispiele pragmatischer Exegese, Mainz: Matthias-Grünewald, 1983, 11.

2. Einen ersten Entwurf pragmatischer Exegese bietet Hubert Frankemölle: Biblische Handlungsanweisungen (s. Anm. 1); ein methodischer Zugang findet sich bei Wilhelm Egger: Methodenlehre zum Neuen Testament. Einführung in linguistische und historisch-kritische Methoden. Freiburg: Herder, 1987. Die hermeneutische Reflexion einer pragmatischen Exegese hat Detlev Dormeyer vorangetrieben: Ders.: Handlungstheoretische Hermeneutik biblischer Texte. In: Edmund Arens (Hrsg.): Gottesrede - Glaubenspraxis. Perspektiven theologischer Handlungstheorie. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1994, 6-28. Fragen der Pragmatik bzw. Pragmalinguistik hat in den letzten Jahren Fritzleo Lentzen-Deis in verschiedenen Publikationen aufgegriffen und vorangetrieben. Vgl. Ders.: Esegesi della Bibbia oggi. In: RivScRel 2 (1987) 347-359; Ders.: Passionsbericht als Handlungsmodell? Überlegungen zu Anstößen aus der pragmatischen" Sprachwissenschaft für die exegetischen Methoden, in: Karl Kertelge (Hrsg.): Der Prozeß gegen Jesus. Historische Rückfrage und theologische Deutung. QD 112, Freiburg: Herder, 1988, 191-232. Ders.: La ciencia de la exégesis y la hermenéutica pastoral. Jesús en la reflexión exegética y commentaria. Bogota: Editiones Paulinas, 1990, 13-45. Ders.: La Biblia en las diversas culturas. In: R. Latourelle (Hrsg.): Vaticano II. Balance y perspectivas. Salamanca: Ediciones Sígueme, 1991, 1071-1085. Ders.: Handlungorientierte Exegese der Wachstums-Gleichnisse" in Mk 4,1-34. Pragmalinguistische Aspekte bei der Auslegung fiktionaler Texte. In: Johannes Joachim Degenhardt (Hrsg.): Die Freude an Gott - unsere Kraft. FS Otto Knoch. Stuttgart: Kath. Bibelwerk, 1992, 117-134; Ders.: Metodi dell´ esegesi tra mito, storicità e communicazione. Prospettiva pragmalinguistiche" e consequenze per la teologia e la pastorale. In: Greg 73 (1992) 731-737. Die Frucht seines Mühens ist in seinem Kommentar zum Markus-Evangelium zusammengeflossen. Vgl. Ders.: El Evangelio de San Marcos. Modelo de Nueva Evangelización. Santafé de Bogota: Consejo Episcopal Latinoamericano - CELAM, 1994. Unter seiner Leitung bzw. von ihm angeregt entstanden in den letzten Jahren am Päpstlichen Bibelinstitut in Rom sowie an der Gregoriana einige Dissertationen, die sich der Frage einer pragmatischen Exegese angenommen haben. Aus einem eher systematischen Interesse hat Edmund Arens die Problematik in Bezug auf die Gleichnisse Jesu aufgegriffen. Vgl. Ders.: Kommunikative Handlungen. Die paradigmatische Bedeutung der Gleichnisse Jesu für eine Handlungstheorie. Düsseldorf: Patmos, 1982. Die Einbeziehung der Erzählanalyse sowie der Leserperspektive findet sich bei Detlev Dormeyer. Vgl. Ders.: Der Sinn des Leidens Jesu. Historisch-kritische und textpragmatische Analysen zur Markuspassion. SBS 96. Stuttgart: Kath. Bibelwerk, 1979. Das Problem der Kommunikation in der Exegese hat Massimo GRILLI untersucht. Vgl. Ders.: Autore e lettore: il problema della communicazione nell´ambito dell´esegesi biblica. In: Greg 74 (1993) 447-459.

3. Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 2. UTB 201. Heidelberg: Quelle & Meyer, 4. neu bearb. Aufl. 1985, 801.

4. Von Fragen der Abgrenzung sind die wechselseitigen Beziehungen zwischen Semantik und Pragmatik zu unterscheiden.

5. Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 3. UTB 300. Heidelberg: Quelle & Meyer, 4. neu bearb. Aufl. 1985, 903f. Dort findet sich auch eine erste Problemskizze mit den wichtigsten Lösungsansätzen sowie weiterführende Literaturhinweise.

6. John L. Austin: How to do Things with Words. London: Oxford University Press, 1971.

7. Vgl. Teun A. van Dijk: Some Aspects of Text Grammers. A study in theoretical linguistics and poetics. Amsterdam 1971, 32f.

8. Wolfdietrich Hartung: Die Wirkung der Sprache als Teil des pragmatischen Aspekts. In: Wissenschaftl. Zeitschrift der PH Potsdam, 13 (1969) 487-497, hier: 493.

9. Siegfried J. Schmidt: Texttheorie. Probleme einer Linguistik der sprachlichen Kommunikation. UTB 202. München: W. Fink, 2. Verb. und erg. Aufl. 1976, 10; Hervorhebung dort.

10. Robert C. Stalnaker: Pragmatics". In: Synthese 22 (1970) 272-289, hier: 272; vgl. auch Fritzleo Lentzen-Dies: Passionsbericht als Handlungsmodell (s. Anm. 2), 210.

11. John L. Austin: How to do Things with Words (s. Anm. 6).

12. Damit soll nicht bestritten werden, daß dies wichtige Fragen der Exegese sind.

13. Wolfgang Dressler: Einführung in die Textlinguistik. Tübingen: Max Niemeyer Verlag, zweite durchges. Aufl. 1973, 94.

14. Dieter Wunderlich: Die Rolle der Pragmatik in der Linguistik. In: Der Deutschunterricht 22 (1970), 5-41.

15. Siegfried J. Schmidt: Texttheorie (s. Anm. 9).

16. Man vergleiche nur, was die verschiedenen Einleitungswerke zu den Autoren der synoptischen Evangelien schreiben; z. B.: A. Robert; A. Feuillet: Einleitung in die Heilige Schrift. II.Neues Testament. Wien: Herder, 1964, 165-171, 199-203, 228-231. Werner Georg Kümmel: Einleitung in das Neue Testament. Heidelberg: Quelle & Meyer, 19. Aufl. 1978, 67-69,91-92,11-119. Josef Schmidt; Alfred Wikenhauser: Einleitung in das Neue Testament. Freiburg: Herder, 6. völlig neu bearb. Aufl. 1973, 210-216, 229-234, 252-256.

17. Die historisch-kritische Exegese kann hier beachtliche Ergebnisse vorweisen, auf die eine pragmatische Exegese nicht verzichten kann. Pragmatische Exegese versteht sich als Ergänzung historisch-kritischer Forschung, nicht las Alternative. Das Verhältnis beider methodischer Ansätze zueinander bedarf noch einer näheren Klärung.

18. John W. Oller: On the relation between syntax, semantics, and pragmatics. In: Linguistics: an international review, Heft 83, (1970) 43-55, 52.

19. John W. Oller: On the relation between syntax, semantics, and pragmatics (s. Anm. 18), 53.

20. Siegfried J. Schmidt: Texttheorie (s. Anm. 9), 39.

21. Vgl. Siegfried J. Schmidt: Texttheorie (s. Anm. 9), 162-164.

22. Vaticanum II, Dei Verbum, Nr. 19.

23. Vgl. John L. Austin: How to do Things with Words (s. Anm. 6), 101ff.

24. John L. Austin: How to do Things with Words (s. Anm. 6), 108.

25. Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 2 (s. Anm. 3), 760.

26. Brigitte Schlieben-Lange: Lingiustische Pragmatik. Stuttgart: W. Kohlhammer, (UrbanTB 198), 1975, 87. Vgl. auch Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 2 (s. Anm. 3), 761.

27. Dies bedarf wohl kaum einer weiteren Begründung. Ein Blick in die Wirkungsgeschichte biblischer Texte - etwa des Vater unser - macht dies offenbar.

28. Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 2 (s. Anm. 3), 406.

29. Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 2 (s. Anm. 3), 407.

30. Austin bezeichnet dieses Wirkungspotential als illocutionary force; vgl. John L. Austin: How to do Things with Words (s. Anm. 6), 120.

31. Wolfgang Iser: Der implizite Leser. UTB 163. München: W. Fink, 2. Aufl. 1979, 8f.

32. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens. Theorie ästhetischer Wirkung. UTB 636. München: W. Fink, 3. Aufl. 1990, 60.

33. Wolfgang Iser: Der implizite Leser (s. Anm. 31), 9.

34. Hannelore Link: Rezeptionsforschung. Eine Einführung in Methoden und Probleme. Stuttgart u.a.: W. Kohlhammer, 2. Aufl. 1980, 23.

35. Viktor Lange: Das Interesse am Leser. In: Walter Müller-Seide (Hrsg.): Historizität in Sprach- und Literaturwissenschaft. Vorträge und Berichte der Stuttgarter Germanistentagung 1972. München: Fink, 1974, 34f.

36. Hannelore Link: Rezeptionsforschung (s. Anm. 34), 22.

37. Nach W. Schmid ist er der Autor als Subjekt der das einzelne Werk hervorbringenden schöpferischen Akte und als Träger der das Werk im ganzen bestimmenden Intentionen". Vgl. W. Schmid: Der Textaufbau in den Erzählungen Dostojevskijs. München 1973, 23.

38. Vgl. Hannelore Link: Rezeptionsforschung (s. Anm. 34), 40.

39. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens (s. Anm. 32), 61.

40. Vgl. Eike von Savigny: Die Philosophie der normalen Sprache. Eine kritische Einführung in die ordinary language philosophy". Frankfurt: Suhrkamp, 1969, 144. In der Exegese hat Dormeyer auf die Rolle als Lesestruktur aufmerksam gemacht: vgl. Detlev Dormeyer: Die Rolle der Imagination im Leseprozeß bei unterschiedlichen Leseweisen von Lk 1,26-38. In: BZ 39 (1995), 161-180.

41. Vgl. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens (s. Anm. 32), 65.

42. In dieser Richtung gibt es bisher erst wenige Arbeiten, die sich vornehmlich mit der neutestamentlichen Briefliteratur beschäftigen. Z. B.: Detlev Dormeyer: The Implicit and Explicit Readers and the Genre of Philippians 3:2-4:3, 8-9. Response to the Commentary of Wolfgang Schenk. In: Semeia 48 (1989), 147-159. Rainer Dillmann: Ermutigung zum Glauben. Interaktionale Bibelauslegung am Beispiel des Hebräerbriefes. In: Hubert Frankemölle (Hrsg.): Die Bibel. Das bekannte Buch - das fremde Buch. Paderborn: Schöningh, 1994, 201-215. Jetzt hat Dormeyer diese Frage auch mit Blick auf die lukanische Kindheitsgeschichte aufgegriffen: vgl. Detlev Dormeyer: Die Rolle der Imagination (s. Anm. 40).

43. Vgl. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens (s. Anm. 32), 92; ebenso John L. Austin: How to do Things with Words (s. Anm. 6).

44. Vgl. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens (s. Anm. 32), 98.

45. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens (s. Anm. 32), 101.

46. Wolfgang Iser: Der Akt des Lesens (s. Anm. 32), 111.

47. Schneller als der Flug des Gedankens verkündigten die Gerüchte die Botschaft vom neuen Herrscher über den Osten, und jede Stadt feierte die gute Nachricht (= euaggelion) und brachte zu seinen Gunsten Opfer dar." (Flavius Josephus, Bell IV,618). Die traditionsgeschichtlichen Probleme einer Ableitung von euaggelion aus dem Kaiserkult sind viel diskutiert und sollen hier nicht neu aufgegriffen werden. Vgl. dazu: Hubert Frankemölle: Evangelium. Gattung und Begriff. Ein Forschungsbericht. SBB 15. Stuttgart: Kath. Bibelwerk, 1988, 58-93.

48. Gerd Theissen: Lokalkolorit und Zeitgeschichte in den Evangelien. Ein Beitrag zur Erforschung der synoptischen Tradition. Göttingen/Freiburg Schweiz: Vandenhoeck & Rupprecht/Universitätsverlag Freiburg Schweiz, 2. Aufl. 1992, 284.

49. Das heißt, der Autor ist davon überzeugt, daß das konkrete Verhalten bzw. der konkrete situative Kontext der christlichen Gemeinde zumindest teilweise mit dem geforderten Verhalten nicht übereinstimmt.

50. Die Linguistik unterscheidet zwischen Performanz und Kompetenz. Kompetenz bezeichnet die sprachlichen Fähigkeiten, Performanz den Gebrauch der Sprache in konkreten kommunikativen Situationen. Vgl. Theodor Lewandowski (Hrsg.): Linguistisches Wörterbuch 2 (s. Anm. 3), 549-552, 552-553, 757-758. Performanztexte sind somit Texte, die in konkreten kommunikativen Situationen gesprochen bzw. geschrieben werden.

51. Allerdings hat die Wirkingsgeschichte nur bedingt eine Bedeutung für die Pragmatik. Dabei ist entscheidend, wieweit diese sich auf die Struktur des impliziten Lesers bezieht. Die Wirkungsgeschichte ist nicht nur eine Geschichte fortschreitenden Erkennens, sondern auch der Irrungen!

52. Vgl. Vaticanum II, Dei Verbum Nr. 19.

53. Das jüngste Dokument der Päpstlichen Bibelkommission hat diesen Aspekt ausdrücklich betont und fordert sowohl eine Aktualisierung wie auch eine Inkulturation in einen veränderten kulturellen Kontext. Vgl. Päpstliche Bibelkommission: Die Interpretation der Bibel in der Kirche, Abschnitt IV. Die Interpretion der Bibel im Leben der Kirche.

54. Daß Petrus dem Göttlichen begegnet, zeigt seine Reaktion auf das Geschehen: Qambos gar periescen auton - Furcht ergriff ihn. Qambeiomai meint das Erschrecken, das den Menschen im Bannkreis der Begegnung mit Gott trifft. Mit dem gleichen Wort hatte Lukas die Reaktion der Menschen bei der ersten Dämonenaustreibung in der Synagoge von Kapharnaum beschrieben (vgl. Lk 4,36).

55. Diese Anrede ist Ausdruck von Hochachtung, beläßt Jesus jedoch ganz im Bereich des Menschlichen.

56. Vgl. Joseph A. Fitzmyer: kurios. In: Exegetisches Wörterbuch zum NT. Band II. Hrsg. Von Horst Balz; Gerhard Schneider. Stuttgart u. a.: W. Kohlhammer, zweite, verb. Aufl. 1992, 813.

57. Die Wendung apo tou nun anqrwpous esh zwrgwn (Lk 5,10) hat metphorische Bedeutung und bedeutet soviel wie Menschen vor dem sicheren Untergang zu retten. Vgl. Francois Deltombe: Désormais tu rendra la vie à des hommes (Luc V,10). In: RB 89 (1982), 492-497.

58. Das Niederfallen (prospiptw) ist von der Wortbedeutung her noch keine Proskynese und somit auch keine Anbetung; diese ist bei Lukas Gott und dem erhöhten Jesus vorbehalten.