ThGl 87 (1997) 131 - 139

Das Omophorion - auch eine abendländische Bischofsstola?

von Michael Kunzler



Kurzinhalt - Summary

Zur Diskussion gestellt wird die Übernahme des Omophorion, der typischsten Amtsinsignie der Bischöfe des byzantinischen Ritus, durch das Abendland. Dem abendländischen Pallium der Erzbischöfe nicht unähnlich, doch wesentlich größer als dieses, bildet es das charakteristischste Amtsabzeichen ostkirchlicher Bischöfe. Nicht die Schaffung einer bisher im Westen neben den Pontifikalien fehlenden eigenen bischöflichen Amtsinsignie allein bildet das Motiv, sondern die Übernahme der mit dem Omophorion verbundenen Christussymbolik (besonders die des guten Hirten, der dem verlorenen Schaf nachgeht und es freudig nach Hause trägt, Lk 15), die sich wohltuend auf das Verständnis und die konkrete Gestalt des bischöfliche Amtes auswirken könnte.

This contribution puts up for discussion to adopt the omophorion in the Roman Catholic Church. The omophorion is the most caracteristic badge of the special insignia of a Byzantine bishop; its size is that of a larger stole similar to occidental archiepiscopal pallium. The first motive for such an adoption is not to create a new badge for epicopal ministers in the west, but to take over a special symbolism concerning Christ, which the Oriental Churches link to the omophorion: Christ the good shepherd goes after the lost sheep, and when he has found it, he lays it rejoicing on his shoulders (Luke 15). The introduction of the omophorion for western bishops can - because if ist symbolism - have good effects on the theological understanding and the concrete form of epicopal ministry.

L'auteur propose l'adoption de l'omophorion oriental par l'Église catholique occidentale. Parmi tous les insignes d'un eveque du rite byzantin, l'omophorion - une sorte d'une grande etole evoquant le pallium archiepiscopal - est le plus caracteristique. Son adoption par l'Église occidentale n'est pas en premier lieu motivée par l'idée de creer un nouveau insigne épiscopal, mais par la réception d'un symbolisme spécial, liè á l'omophorion en Orient chrétien: Le Christ c'est le bon pasteur, qui laisse les autres sur les montagnes pour aller chercher la brebis égarée; lorsqu'il l'a trouvée il la met avec joie sur ses epaules (Le 15). Par l'adoption de l'omophorion, la réception de ce symbolisme pourrait produire tout son effet sur la theologie et la réalisition pastorale du ministere épiscopale.

1. Ein bereits gemachter Vorschlag wird neu zur Diskussion gestellt.

Ganz neu ist das hier Vorzuschlagende nicht: Bereits 1972 sprach sich H. Reifenberg für die Übernahme des ostkirchlichen Omophorion auch als kennzeichnende Amtsinsignie für abendländische Bischöfe aus.(1) Reifenberg unterbreitete seinen Vorschlag vor nahezu einem Vierteljahrhundert; damals richtete die nach Abschluß des Konzils herrschende unselige Entsakralisierungsdebatte viele Flurschäden an, und man wußte auch mit liturgischen Gewändern und Insignien herzlich wenig anzufangen. Um vielleicht ein Minimum an liturgischer Gewandung zu wahren, schien damals alles darauf hinauszulaufen, die helle Manteltunika mit farbiger Überstola als das Normale an gottesdienstlicher Kleidung für alle Weihegrade zu betrachten. In der Tat fehlte so gesehen ein entscheidendes Distinktivum für den bischöflichen Weihegrad, da ja Priester und Bischöfe die Stola in gleicher Weise anlegen.(2)

Neben der Hervorhebung des festlichen Charakters der liturgischen Feier haben die unterschiedlichen Formen der liturgischen Kleidung den Sinn, "die Vielzahl der Dienste im Gottesdienst zu verdeutlichen."(3) Lengeling spricht in diesem Zusammenhang von "Rangabzeichen", die - schon aus soziologischen Gründen - so notwendig seien, daß auch die evangelischen Liturgien und das profane Leben ohne sie nicht auskommen.(4) Es mag hier nicht weiter diskutiert werden, inwieweit dem zuzustimmen ist; soviel sei hier unterschieden, daß das Ensemble von Unter- und Obergewand (Albe und Kasel, bzw. Dalmatik) eher der Hervorhebung liturgischer Festlichkeit dient, während die Stola als die eigentlichste der Amtsinsignien die auf dem Weihesakrament gründenden liturgischen Dienste kennzeichnet.

Die Stola und die übrigen Amtsinsignien haben ihren Ursprung in Rangabzeichen römischer Beamter und Richter; die Frage, wie sie dem Klerus zugewachsen sind, ist nicht endgültig geklärt.(5) "Ohne auf die komplizierte und vielfach noch undurchsichtige Entwicklung" einzugehen, hält Berger fest: "Bei Pallium, Orarium, Stola und deren byzantinischen Gegenstücken... handelt es sich um ein Ende des 4. Jahrhunderts mit kaiserlicher Genehmigung oder zumindest Duldung in den kirchlichen Brauch übernommenes Würdezeichen analog dem pallium discolorum der theodosianischen Kleiderordnung."(6)Anderes postuliert Braun für das byzantinische Omophorion, das er von einem profanen Ziertuch gleicher Anlegeweise herleitet und sich so langsam zu einer bischöflichen Insignie hat entwickeln können.(7)

Neben den bischöflichen Amtsinsignien (Pontifikalien) ist die Stola heute die am meisten ins Auge fallende Amtsinsignie, die in der liturgischen Feier Verwendung findet. Abendländische Bischöfe und Priester bedienen sich ihrer heute in der gleichen Anlegeweise, während sie die Diakone schärpenartig über der linken Schulter tragen. Gibt es demnach ein besonderes "ästhetisches Bedürfnis"(8) für die Herausstellung des Bischofsamtes durch eine eigene Insignie, die im Abendland bis heute nicht vorhanden ist?

Hält man sich das Bild eines zur liturgischen Feier einziehenden Bischofs vor Augen, dann mag man argumentieren, daß Mitra, Stab, Brustkreuz, Ring und ev. Pallium oder gar Rationale(9) das Amt des Trägers doch wohl mehr als ausreichend kennzeichnen. Andererseits aber ist es fraglich, ob diesen Dingen wirklich die Qualität einer liturgischen Insignie zukommen kann, die derjenigen der Stola entspricht. Gerade für den Fall, daß der Bischof eine Manteltunika trägt, empfiehlt Lengeling das Brustkreuz(10) als unterscheidende bischöfliche Insignie(11) und gibt ihm dadurch eine Qualität, die es ansonsten offensichtlich nicht hat. Und gerade dann, wenn sich der Bischof im Kreise der priesterlichen Konzelebranten - etwa beim Eucharistischen Hochgebet - der Pontifikalien nicht bedient, ist der "Pileolus", das violette Tonsurkäppchen, die einzige episkopale Insignie und erhält dadurch eine sehr fragwürdige, ästhetisch wohl kaum befriedigende Bedeutung: Das Kennzeichen des Bischofsamtes ist eine tellergroße, fast nie richtig sitzende, an jüdische Gebetsgepflogenheiten erinnernde und eben doch in umfassendem Sinn "billig" wirkende Kappe für in der Regel mit nur schütternem Haar gesegnete Männerköpfe.(12) Angesichts dessen empfahl schon Reifenberg die Übernahme des byzantinischen Omophorion als bischöfliche Amtsinsignie durch das Abendland, und wir stellen diesen Vorschlag auch aus diesen Gründen erneut zur Diskussion.

2. Was ist ein Omophorion?

Zusätzlich zum priesterlichen Epitrachelion (einer skapulierähnlich an den inneren Längsseiten zusammengenähten Stola) unter dem Sakkos, seinem liturgischen Obergewand, trägt der byzantinische Bischof sichtbar darüber das Omophorion. Es ähnelt auf den ersten Blick dem abendländischen Pallium des Papstes und der Erzbischöfe; es ist wie dieses aus weißer Wolle und mit Kreuzen verziert, bildet aber mehr als jenen schmalen Ring über die Brust seines Trägers, der das Pallium mit seinen beiden streifenförmigen Behängen ausmacht. Braun wie Papas würdigen die historischen wie gestalterischen Beziehungen zwischen Omophorion und Pallium, heben aber besonders hervor, daß das Omophorion im Gegensatz zum Pallium nicht eine den Erzbischöfen besonders gewährte Auszeichnung darstellt, sondern als spezifisch bischöfliche Amtsinsignie unterschiedslos allen Bischöfen zukommt.(13)

Das Omophorion ("das über die Schultern Getragene") ist ein ca. 3-4 m langer und 30 cm breiter Stoffstreifen von gewöhnlich weißer Farbe der mit fünf (aus Borte aufgenähten bzw. eingestickten, "Poloi" genanntgen) Kreuzen geschmückt ist. Auf seinen Enden befinden sich zwei bzw. drei waagerechte Streifen ("Potamoi"). Das vordere Ende des Omophorion reicht ungefähr bis zum linken Knie des Trägers. Von dort führt die Stoffbahn zur linken Schulter, dann wird das Omophorion um den Nacken über die rechte Schulter zur Brust geführt, bietet dort ein V-artiges Bild, indem es auf seiner Rückseite zurückgeschlagen wieder über die linke Schulter geführt wird und auf dem Rücken des Trägers wiederum bis zum Knie reicht.

Bild: Sakkos und darübergelegtes Omophorion(14)







Nach Braun ist das Omophorion schon seit dem Jahr 400 als eine allen Bischöfen zustehende Amtsinsignie sicher bezeugt. Dies wird auch durch den bereits von Isidor von Pelusion (+ca. 435) beschriebenen Brauch gestützt, daß die Bischöfe das Omophorion ablegten, wenn das Evangelium verkündigt wurde, da ja Christus selbst in seiner Verkündigung spricht und der Bischof selbst wie alle anderen ein Hörer des Herrn ist und demnach auf sein spezifisches Würdezeichen verzichtet. Erst nach der Erhebung der konsekrierten Gestalten legt der Bischof das Omophorion wieder an, weil er sich nach vollendetem Hochgebet zur Kommunion der Gläubigen bereitet und ihnen demnach als ihr Hirt und Abbild des wahren Hirten Christus entgegentritt.(15)

3. Die (nach)symbolische Bedeutung des Omophorions

Den Begriff der "Nachsymbolik" hat Kaczynski in Zusammenhang mit liturgischen Gewändern und Insignien gebracht und ihn vor dem liturgiegeschichtlichen Hintergrund der im Mittelalter weithin üblichen allegorischen Erklärung liturgischer Vollzüge und Gegenstände eher negativ gewertet.(16)Tatsächlich gibt es Beispiele für allegorische Willkür in der Sinnerklärung der Gewänder und Insignien seit der Karolingerzeit zuhauf; sie dauerten fort bis ins 20. Jahrhundert (z.B. der Amikt steht für die Stille beim hl. Opfer, die ärmellose Kasel symbolisiert den Verzicht des Priesters auf die Freiheit).(17) Die allegorische Erklärung der Gewänder sollte den stumm der Messe beiwohnenden Laien das Meßopfer veranschaulichen, wozu man sich auch einer manchmal weit hergeholten symbolischen Deutung der liturgischen Kleidung des Priesters bediente.(18)

Andererseits war die doch sehr zufällige (kontingente) Herkunft von Gewändern und Insignien aus der spätantiken Mode und aus den Rangabzeichen des römischen Beamtenwesens geistlich-mystagogisch kaum nutzbar.(19)

Darum gab und gibt es auch Beispiele für eine gelungene Nachsymbolik, Beispiele dafür, daß die ursprüngliche, also rein profane Bedeutung eines Gewandstücks oder einer Insignie im Gottesdienst wirklich keine geistlich-mystago-gische Bedeutung beanspruchen konnte und eine nachträglich "zugewanderte" Erklärung dem geistlichen Anspruch eines einmal eingebürgerten Kleiderbrauchs viel eher gerecht werden konnte als die ursprünglich geschichtlich richtige Bedeutung.

Ein Beispiel für eine von der Anlegeweise her nachvollziehbare, ja gelungene Nachsymbolik ist die Deutung der Stola als "Joch des Dienstes Christi". Die Begleitgebete der Meßbücher vor dem Missale von 1570 geben diese von der Anlegeweise her naheliegende Deutung, wie es A. Heinz am Beispiel von Texten aus dem Umfeld des benediktinischen Reformmönchtums des 15. Jahrhunderts vorstellt. Ein Begleitgebet zum Anlegen der Stola lautet: "Sacerdotes tui induantur iustitiam et sancti tui exultent. Dirumpe domine vincula peccatorum meorum, ut, iugo tuae servitutis innixus, valeam tibi timore et reverentia semper famulari per christum dominum nostrum." Diesem Begleitgebet entspricht noch eine "Meditatio de cathena, quae de collo dominico in eius captione fertur imposita, petens ut iugum servitutis tuae, cui colla submisisti, leve tibi efficiat et ad finem usque tibi perseverare concedat."(20) In den Begleitgebeten des Meßbuchs von 1570 jedoch wird das "Joch im Dienste Christi" auf die Kasel bezogen und zum Anlegen derselben gebetet.(21) Das sich auf seinen Träger "auflegende" und ihn ganz verhüllende Kleid steht für die völlige Indienstnahme eines Menschen durch den Herrn und das daraus folgende Zurücktreten der menschlichen Individualität des Amtsträgers.(22)

Passender freilich bezieht sich diese Nachsymbolik auf die priesterliche Stola. Von ihrem Charakter als Insignie des Amtsträgers her deutet sie auf die Indienstnahme eines Menschen durch Christus hin und damit auf die übernommenen Amtspflichten, unter die er sich um seines Amtes willen beugt. Die Schnittart der Stola und ihre Anlegeweise um den Nacken erinnern sozusagen von selbst an das Bildwort Christi vom Joch seines Dienstes (Mt 11,29f). Dabei darf vermerkt werden, daß sich die Stola mittlerweile in erstaunlicher ökumenischer Übereinstimmung(23) als Insignie für das priesterliche/geistliche Vorsteheramt und die daraus erwachsenden Pflichten wachsender Akzeptanz erfreuen kann.

Das bischöfliche Omophorion der Byzantiner steht der abendländischen Stola - nicht zuletzt aufgrund seines Materials und seiner Anlegeweise - an einer leicht eingängigen Symbolik nicht nach.

Nach Symeon von Thessaloniki symbolisiert das Omophorion die Inkarnation des Logos und damit auch die in der Menschwerdung gründende Vergöttlichung des Menschen.(24) Diese Interpretation macht eine der Verständnismöglichkeiten des Omophorion aus und wurde in den verschiedenen Liturgieerklärungen immer wieder vorgetragen.(25) Verbreiteter ist die Deutung, wonach das Omophorion das verirrte Schaf symbolisiert, dem der gute Hirt nachgeht, bis er es findet und auf seinen Schultern heimträgt. Nach Braun geht diese Deutung auf Isidor von Pelusium zurück,(26) und nach Symeon von Thessaloniki ist das bischöfliche Würdezeichen gerade wegen dieser Symbolik auch aus Wolle gefertigt.(27) Vornehmlich diese Deutung ging in die Tradition der Liturgiererklärungen ein.(28)

Sie ist sogar im slawischen Archieratikon(29) - dem byzantinischen Gegenstück zum abendländischen Pontificale - selbst enthalten. Beim feierlichen Bekleiden des Bischofs - das einen eigenen Teil der pontifikalen Liturgie ausmacht - spricht der (Proto-) Diakon beim Überreichen und Anlegen des Omophorion: "Dies ist das Zeichen des Sohnes Gottes, der die neunundneunzig Schafe in den Bergen zurückläßt und dem einen verirrten Schaf nachgeht bis er es findet, der es auf seine Schultern nimmt und es zu seinem Vater und in seinen Heilswillen hinein trägt."(30)

Was empfiehlt die Übernahme des Omophorion durch das Abendland? Grundsätzlich wird es als sinnvoll angesehen, daß die verschiedenen Amtsträger im Gottesdienst auch durch unterschiedliche Insignien gekennzeichnet werden. Diese Insignien völlig neu zu schaffen, erscheint nicht nur wenig sinnvoll, sondern nahezu unmöglich. Neue Insignien wären entweder reine Phantasieprodukte und müßten ihren Sinn und Zweck durch Erklärungen erst erhalten, oder sie müßten unmittelbar Vorbildern aus dem profanen Leben entnommen werden. Ob auf diese Weise gelungene, weil von der Sache her überzeugende Insignien für die unterschiedlichen Ämter und Dienste gewonnen werden könnten, ist höchst zweifelhaft. Sollten sich die drei Stufen des Weiheamtes etwa nach Marinevorbild durch Streifen auf den Ärmeln der Albe oder der Tunika kundtun? Könnten militärische Schulterklappen, Spangen oder Ausweisplaketten mit entsprechenden Symbolen, Name und Photo des Trägers nach Art großer Kongresse den Amtsträger verdeutlichen? Wohl kaum.

Nach wie vor ist im christlichen Volk ein Verständnis für die liturgische Amtsinsignie schlechthin, für die Stola vorhanden. Auch der Unterschied zwischen der Weihestufe des Diakons und des Priesters wird durch die Stola jedermann ersichtlich. Eine solche klare Insignie fehlt für das Bischofsamt. Sie könnte im Omophorion bestehen.

Zum einen wird die hinter diesem Zeichen stehende Symbolik dem bischöflichen Träger selbst und den Gläubigen - wenn man es ihnen mystagogisch erklärt - die Hirtenaufgabe des Bischofs vor Augen führen. Dies erscheint um so wichtiger, als das Bischofsamt unter den heutigen Gegebenheiten(31) und Erwartungen an die Kirche zu verderben droht, wenn es die nun einmal gegebenen Strukturen mancher Ortskirchen und vereinzelte Repräsentanten des Amtes nicht schon verdorben haben: die Wandlung vom eigentlichen Hirtenamt an der Herde Christi, das wirkliche Hirtensorge für lebendige Menschen und persönliches Kennen und Mittragen von vielerlei Schicksalen voraussetzt, zum mehr oder weniger anonymen Managment einer größeren Körperschaft des öffentlichen Rechts mit all seiner soziologischen Eigengesetzlichkeit.(32)

Das Omophorion als Zeichen des von seinem göttlichen Hirten gesuchten, auf die Schultern genommenen und nach Hause getragenen verirrten Schafes könnte seinem menschlichen Träger im bischöflichen Amt immer wieder in Erinnerung rufen, was er vom Herrn her eigentlich sein sollte. Das Omophorion auf seinen Schultern könnte dem Bischof zu denken geben, wo seine eigentlichen Prioritäten und Präferenzen liegen sollten und ihn dazu ermutigen, sie auch zu suchen.

Zum anderen bestünde die ökumenische Relevanz einer Übernahme des byzantinischen Omophorion darin, daß dadurch das Selbstverständnis der katholischen Kirche auf der Grundlage des Bischofsamtes zum Ausdruck käme, das sie mit den Ostkirchen gemeinsam hat. Eine wesentliche Übereinstimmung zwischen Katholiken und Orthodoxen käme so zur Darstellung,(33) die auch für das orthodoxe Selbstverständnis von Kirche konstitutiv ist und die auch ohne Thematisierung der Divergenzen um den päpstlichen Primat gültig bleibt: Das bischöfliche Amt ist kirchenbegründend, insofern die Bischöfe "sichtbares Prinzip und Fundament der Einheit ihrer Teilkirchen" sind, "die nach dem Bild der Gesamtkirche gestaltet sind."(34) Wenn das Konzil den Bischof als "Verwalter der Gnade des höchsten Priestertums" ("Oeconomus gratiae supremi sacerdotii") bezeichnet,(35) dann zitiert es ein Gebet aus der byzantinischen Bischofsweihe.(36)

Die Verwaltung der Gnade des höchsten Priestertums durch den Bischof ist aber nach orthodoxer wie katholischer Theologie nichts anderes, als dem Wirken des in seiner Gemeinde anwesenden Christus, des eigentlichen Zelebranten aller liturgischer Vollzüge, durch seinen irdischen Diener sinnenhaften Ausdruck zu verleihen. Von daher ist nach Zizioulas eine solche Art von Identifizierung des Priestertums Christi mit dem Weiheamt "nicht nur unvermeidlich, da nur Gott diese Teilhabe an ihn selber gewähren kann, sondern sie hilft uns gleichzeitig auch, das Priestertum auf die einzig richtige Weise zu verstehen, d.h. weder in Termini oder Ontologie noch der Funktion, sondern nur in solchen der Soteriologie: Das kirchliche Priesteramt realisiert hier und jetzt das Erlösungswerk Christi selber. Und da, zum mindesten für den Osten, kein 'rettendes Werk', keine 'Gnade' unterschieden werden kann von dem persönlichen Leben und der Gegenwart des Einen selber, der erlöst, kann die Identifizierung des kirchlichen Priestertums mit dem Priestertum Christi ganz realistisch gedacht werden, ohne die Gefahr ontologischer Verwirrung."(37)

Dieser in seiner Gemeinde gegenwärtige Eine ist derjenige, der dem verlorenen Schaf nachgeht, es auf seine Schultern hebt und zum Vater heimträgt. Sein irdisches Werkzeug deutet dies an, indem es das Omophorion trägt, im byzantinischen Ritus - vielleicht auch einmal im Abendland?

1. H. Reifenberg: Zur Diskussion: Die Bischofsstola. In: HID 26 (1972) 86-87.

2. In diesem Zusammenhang verweist Reifenberg auf einen von Lengeling gemachten Vorschlag, etwa das bischöfliche Brustkreuz als Amtsinsignie zu betrachten.

3. Allgemeine Einführung ins Röm. Meßbuch (=AEM) 297.

4. Vgl. den Kommentar von J. E. Lengeling zu AEM 297: Die neue Ordnung der Eucharistiefeier (Lebendiger Gottesdienst 17/18). Münster: Regensberg, 21971, 405.

5. Vgl. die Darstellung der verschiedenen Positionen bei R. Berger: Liturgische Gewänder und Insignien. R. Berger; K. H. Bieritz u.a. : GdK 3: Gestalt des Gottesdienstes. Regensburg, ²1990, 322f.

6. Ebd. 325.

7. Vgl. J. Braun: Die liturgische Gewandung in Okzident und Orient nach Ursprung und Entwicklung, Verwendung und Symbolik. Freiburg i. Br., 1907, Nachdruck Darmstadt, 1964, 673f.

8. "Ästhetik" als Wahrnehmung im Sinne Baumgartens, vgl. Michael Kunzler: Porta Orientalis. Fünf Ost-West-Versuche über Theologie und Ästhetik der Liturgie. Paderborn: Bonifatius, 1993, 470f.

9. Zum Rationale vgl. Klemens Honselmann: Das Rationale der Bischöfe. Paderborn: Selbstverlag des Vereins für Geschichte und Altertumskunde Westfalens, Abteilung Paderborn, 1975.

10. Zum bischöflichen Brustkreuz und seiner Geschichte vgl. Otto Nußbaum: Das Brustkreuz des Bischofs. Zur Geschichte seiner Entstehung und Gestaltung. Mainz: Grünewald, 1964.

11. Vgl. den Kommentar von Lengeling zu AEM 299: Die neue Ordnung der Meßfeier 407.

12. Einführung und Sinn des Pileolus sind nicht ganz geklärt. Das Spektrum der Erklärungen reicht vom Schutz des schütteren Männerhaares, bes. der Tonsur, vor Zugluft, über den Schutz der wervollen Mitra vor dem Schweiß des Trägers bis hin zur Entlastung des Kopfes beim Tragen der schwer gewordenen pontifikalen Kopfbedeckungen. Jedenfalls war der Sinn des Pileolus rein praktischer Natur. Vgl. Braun (vgl. Anm.7) 509f.

13. Vgl. Braun (vgl. Anm.7) 664f; T. Papas: Studien zur Geschichte der Meßgewänder im byzantinischen Ritus. München, 1965 (Miscellanea Byzantina Monacensia 3), 212.

14. Aus: Jurij Fedoriv: Obrydi ukra6ns3ko6 zerkwi. %storixnij ro+witok 5 poysnenny. Rom-Toronto, 1970 (Opera Theologica Societatis Scientificae Ucrainorum, Vol. 18), 117.

15. Vgl. Braun (s. Anm.7) 666-668; Papas (s. Anm.12) 218f.

16. Vgl. Rainer Kaczynski: Über Sinn und Bedeutung liturgischer Gewänder. In: Mün. 32 (1979) 94-96. 94.

17. Vgl. A. Franz: Die Messe im deutschen Mittelalter. Freiburg i.B., 1902, Nachruck Darmstadt, 1963, 417, 586, 646, 680, 733-735. Vgl. Johannes Brinktrine: Die hl. Messe in ihrem Werden und Wesen. Paderborn, 1931, 44-48. A. Knauer: Unser Meßopfer. Mainz, 1905, 328.

18. Braun, Gewandung (s. Anm.7) 705.

19. Vgl. Erich Dassmann: Zur Entstehung von liturgischen Geräten und Gewändern. Vorbilder und Beweggründe. In: Schwarz auf Weiß 16,2 (1984) 16-30. 18f.

20. A. Heinz: Opus et Meditatio simul peragantur. Priesterliche Meßfrömmigkeit im benediktinischen Reformmönchtum des 15. Jhds. In: A. Rosenthal (Hrsg.): Itinera Domini(FS E.v.Severus). Münster: Aschendorff, 1988, 319-340. 328.

21. "Domine, qui dixisti: Iugum meum suave est et onus meum leve: fac, ut istud portare sic valem, quod consequar tuam gratiam. Amen." Bei der Stola hingegen, der doch ein eigentlicher Kleidcharakter abgeht, ist die Rede von der "stola immortalitatis" als "Kleid der Unsterblichkeit". Vgl. Jungmann MS I, 370-372. Zu der hinter dieser Symbolik stehenden Theologie des Kleides vgl. Erik Peterson: Theologie des Kleides. In: Benedikt. Monatsschrift 16 (1934) 347-356; E. Haulotte: Symbolique du vêtement selon la Bible. Paris, 1966.

22. Im Grunde wird Christus selbst "angezogen" (Gal 3,27). Paulus spricht von einem "Überkleidetwerden", das für den Träger dieses Kleides "Leben" bedeutet (2 Kor 5,14). Vgl. Haulotte 210-233: La formule paulinienne: "Revêtir le Christ".

23. Vgl. D. Stollberg: Stola statt Beffchen. Protestantismus und Sinnlichkeit - anhand eines Details. In: Deutsches Pfarrerblatt 90 (1990) 45-47.

24. Vgl. Dialogos 208 - PG 155, 421 C; Expos. de div. Templo 44 - PG 155, 716 B.

25. So in der ukrainischen Liturgieerklärung von Jurij Fedoriv: Obrydi ukra6ns3ko6 zerkwi. %storixnij ro+witok 5 poysnenny. Rom-Toronto, 1970 (Opera Theologica Societatis Scientificae Ucrainorum, Vol. 18).

26. Vgl. Braun (s. Anm.7), 667.

27. Vgl. Symeon v. Thessaloniki, Expos. de div Templo 44 - PG 155, 716 C.

28. Vgl. Konstantinos Kallinikos: &O cristianiko! na1o ka> ta! telou1mena e2n au2t95. Athen, 31969, 489; Konstantin Nikolskij: Posobie k4 i+uxeni2 ustawa bogosluöeniy prawoslawnoj zerkwi. Sankt Peterburg 61900. Nachdruck Graz, 1960, 61f.

29. Nicht jedoch im Archieratikon der Orthodoxen Kirche Griechenlands: 6ARCIERATIKON. Diorjwje1n, sumplhrwje!n kai! e2kdije!n ei2 crh5sin tw5n Sebasmiwta1twn 6Arciere1wn. 6Egkri1sei th5ß &Iera5 Suno1dou th5 6Ekklesi1a th5 &Ella1do. 7Ekdosiß th5 6Apostolikh5 Diakoni1a. Athen 1961.

30. Archieratikon ili sluöebnik* swytitel+skjI. Rom, 1973, 25. Zur eigenartig anmutenden Fortführung des Bibeltextes vgl. die kirchenslawische Originalfassung, die auch in verschiedene ukrainischen Textfassungen eingegangen ist: seI äest+ obra1* süna boöJy, iöe 3stawi dewyt+desyt+ dewyt+ owez* na gorah, i ide na w1iskanJe ädinoI pogibceI, i 3brqte 2, i w1yt* na ramo swoe k* otzu prinese i k* swoemu hotqnJ2, wsegda, nünq i prisn3, i wo wqki wqk3w*. amin+.

31. Vgl. Kurt Koch: Das Bischofsamt. Zur Rettung eines kirchlichen Dienstes. Fribourg: Paulusverlag, 1992.

32. Man halte sich die Aussagen des 2. Vatikanums über die Aufgaben des Bischofs in der "Dogmatischen Konstitution über die Kirche Lumen Gentium" Kap. 18-27 sowie im des "Dekrets über die Hirtenaufgabe der Bischöfe in der Kirche Christus Dominus" Kap. 11-17 vor Augen, wo von der "Vater- und Hirtenaufgabe" der Bischöfe (Kap. 16) die Rede ist, und vergleiche dies mit dem zumindest in der deutschen Kirche faktisch vorhandenen Erscheinungsbild des bischöflichen Dienstes!

33. Vgl. den Kommentar von Alois Grillmeier zu LG 15, LThK-Konzilsband I. Freiburg u.a.: Herder, 1966, 202, hinsichtlich der Unterscheidung zwischen "Kirchen" und "kirchlichen Gemeinschaften" und ihrer Verankerung im Bischofsamt, die auch im Ökumenismus-Dekret "Unitatis Redintegratio" eine wichtige Rolle spielt.

34. LG 23.

35. LG 26.

36. Vgl. das slawische Archieratikon, Rom 1973, 267 (s. Anm. 29): tü, gdi, i sego Awlennag3 stroitely arhJereIskJy blagodati... bzw. das griechische Archieratikon, Athen 1961, 94 (s. Anm. 28): to!n a2nadeicje1nta oi2kono1mon th5 a2rcieratikh5 ca1rito...

37. J.D. Zizioulas: Priesteramt und Priesterweihe im Licht der östlich-orthodoxen Theologie.In: Herbert Vorgrimler (Hrsg.): Der priesterliche Dienst V: Amt und Ordination in ökumenischer Sicht. Freiburg u.a.: Herder, 1973 (QD 50), 72-113. 75. Vgl. dazu auch Vgl. J.D. Zizioulas: Being as Communion. Studies in Personhood and the Church. Crestwood-New York 1985 (Contemporary Greek Theologians 4), 210-213.