ThGl 87 (1997) 97 - 111
Der Mut zur Metaphysik.
Zum Verhältnis von Philosophie und Theologie
von Dariusz Oko
Kurzinhalt - Summary:
Angeblich leben wir in einem nach-metaphysischen Zeitalter. Ist es wirklich so? Setzt nicht jeder Erkenntnisprozeß eine bestimmte Metaphysik voraus - sei sie noch so unthematisch? Wird nicht jede verworfene Metaphysik sofort durch eine andere ersetzt? Wenn wir übertrieben betonen, daß Gott der "ganz andere" ist, übersehen wir dabei, daß wirklich so absolut "ganz anders" nur das Sein und das Nichts sind. Fehlt uns einfach nur der Mut zur Metaphysik? Dieser Artikel ist ein Versuch, auf diese Fragen zu antworten.
We are said to live in a post-metaphysical age. Is this really true? Does not any process of cognition, at least implicitly, presuppose a certain metaphysics? Is not any metaphysics that is rejected immediately replaced by another one? Overstating God's being "totally different" we fail to take into consideration that only Being and Nothingness are really absolutely "different". Are we lacking in courage to pursue metaphysics? The present paper tries to answer these questions.
Zur katholischen Tradition des ablaufenden Jahrtausends gehörte die Überzeugung, daß die Philosophie der Ort ist, auf dem die Kultur zu sich selbst kommt und sich selbst begreift, daß sie deshalb eine unverzichtbare Weggefährtin und Schwester der Theologie ist. Denn die Theologie hat neben ihren Wurzeln im Worte Gottes auch Teil an der Kultur und verbleibt innerhalb des Horizonts der jeweiligen Kultur, selbst wenn sie ihn erweitert. Sie setzt das Vorverständnis der Welt, des Menschen und Gottes, die in dieser Kultur entstanden sind, voraus. Auch die Offenbarung selbst ist von Anfang an mehr als nur reine Offenbarung", sie geschieht in konkreter Kultur mitsamt ihrer Philosophie und aktualisiert diese. Selbst wenn die Theologie reiner Biblizismus sein wollte, braucht und benutzt sie mehr, als in der Offenbarung selbst zu finden ist. Sie benutzt eigentlich alles, was der Mensch sonst noch wissen kann, gerade um die Offenbarung zu verstehen und den Blick auf sie zu erweitern. Jede Erkenntnis, die in den Human- und Geisteswissenschaften, die überhaupt in der Kultur errungen wurde, kann positiv das Verständnis der Offenbarung beeinflussen, kann etwas mehr vom Geheimnis Gottes begreifen lassen oder dieses Begreifen korrigieren. Sowohl das Nachdenken über das Wesen der Theologie als auch die geschichtliche Erfahrung sagen uns: Je weiter die Kultur in der Umwelt eines Theologen entwickelt ist, je mehr er selbst von ihr weiß und versteht, desto besser ist es für seine Theologie. Deshalb braucht jeder Theologe einen Überblick und eine Synthese seiner Kultur, er muß vom Stand ihrer Erkenntnisse wissen, von den Methoden der Forschung und des Denkens. Und nirgendwo besser kann er diese Synthese finden als in der Philosophie, weshalb ein ständiger Bezug zu ihr vonnöten ist.
Anderseits kann es vom christlichen Standpunkt aus keine Philosophie geben, die von der Theologie ganz unabhängig wäre, der die Theologie nichts zu sagen hätte, denn es gibt keinen Philosophen, der von der Gnade unberührt wäre. Gnade wird von Gott keinem Menschen versagt, wenn sie ihm vielleicht auch nur auf anonyme Weise zukommt. Wenn der Mensch die Gnade annimmt, wird er durch sie zum unbewußten oder anonymen Christ; wenn er sie ablehnt, bestimmt sie dennoch seine Existenz, dann in der Form der Ablehnung. Gnade umgreift und durchdringt alles Menschentum zumindest als Angebot, so daß wir hoffen können, daß sie trotz allem von jedem irgendwann einmal angenommen wird. Die Beziehung von Philosophie und Theologie ist nur ein Sonderfall der allgemeineren Beziehung von Natur und Gnade. Karl Rahner sagt aus der Sicht seiner Theorie des anonymen Christentums:
Wie und in dem Sinn die konkrete Wirklichkeit der Gnade die Natur als inneres Moment in sich beschließt, so ist es auch in unserer Frage: die Philosophie ist ein inneres Moment der Theologie."(1)
Auch der Philosoph, der sich um Voraussetzungslosigkeit und Neutralität seines Denkens bemüht, der vielleicht um das Licht der Gnade gar nicht weiß, auch dieser denkt von Anfang an über etwas nach, was zugleich Frucht der Gnade ist.(2) Daher kann es keine Philosophie geben und keine Religion, der alles spezifisch Christliche ganz fremd und unzugänglich wäre.
Wie verschieden sich nun die Menschen für die Gnade öffnen, die ihnen ausdrücklich oder
unausdrücklich angeboten wird, wie verschieden die Kulturen sind, so verschieden sind auch
die Philosophien. Innerhalb der Kulturen und der verschiedenen Christentümer gab es immer
eine Vielfalt sich kritisierender oder bekämpfender Philosophien, so daß der Theologe die
Qual der Wahl hatte, welche Philosophie und in welchem Ausmaß er sie zu seiner Führerin
nehmen sollte. Weil ihre inneren Widersprüche unvereinbar sind, weil sie in verschiedenem
Grad mit der Offenbarung vereinbar sind, kann der Theologe nicht allen gleichzeitig folgen.
1. Die moderne Kritik der katholischen Tradition
Für den katholischen Theologen, der im Feuer der antiprotestantischen Polemik zwischen dem Konzil von Trient und dem Vaticanum II stand, war die Sache eigentlich vorweg entschieden. Als das beste Vorverständnis für die Offenbarung galt der Thomismus, der von Thomas von Aquin christlich modifizierte Aristotelismus. Die kirchenpolitischen Maßnahmen sorgten dafür, daß der Thomismus den Platz eines Monopols erhielt. Im Vergleich mit der reformatorischen Tradition, die bis in die letzten Jahre der wichtigste Bezugspunkt für die katholische Theologie war, gehört die metaphysische Einstellung zum Wesen des Thomismus, die metaphysische Art zu denken und zu begreifen. Thomas wagte, in den letzten Gründen und Strukturen zu denken, wagte von der Höhe Gottes aus den Blick auf das Ganze von Mensch, Welt und Geschichte"(3) zu nehmen, er wagte also metaphysisch" zu denken. Dies bedeutete für ihn nicht menschliche Anmaßung, sondern die dankbare und fruchtbare Annahme der Erkenntnismöglichkeit, die Gott dem Menschen im Glauben und Denken geschenkt hat und die nicht bis zum Grunde durch menschliche Schuld zerstört ist. Zur wichtigsten Realisierung, zu Herz und Krönung dieser Möglichkeit, die das entscheidende Wissen bringt, gehörte die Metaphysik, also die theologia naturalis, die philosophische Erkenntnis Gottes und seine Beziehung zum Menschen. Daher das katholische, das begrenzte und bedingte Vertrauen zur menschlichen Vernunft und Kultur!
Wie bekannt, teilten die Reformatoren dieses Vertrauen zu den Möglichkeiten der menschlichen Vernunft nicht. In diesem wie in vielen anderen Punkten wollten sie unbegrenzt der augustinischen Auslegung des Apostels Paulus folgen (die jedoch ihre Grenze mehr und mehr gezeigt hat). Sola fide!Der scholastische Spruch: Nur mit Aristoteles kann man Theologe werden" wurde umgewandelt in: Nur ohne Aristoteles kann man Theologe werden".Neben der Renaissance mit ihrer Platonrezeption kamen aus der Reformation starke antirationalistische und antimetaphysische Impulse, die tief die Philosophie beeinflußt haben. Die Abhängigkeit der Philosophie von der Theologie ist in diesem Punkt deutlich, wenn auch wenig bewußt. Sie stellt damit einen interessanten Fall der Christanisierung des griechischen Denkens dar, ein Gegenstück zur oft betonten Hellenisierung des Christentums. Diese Einstellung der Reformatoren blieb im Protestantismus bis heute erhalten. Noch um die Wende des 19. und 20. Jahrhunderts fühlte sich die Schule des Göttinger evangelischen Dogmatikers Albrecht Ritschl, der die Vermischung von Religion und Metaphysik als Grundübel in der Geschichte der christlichen Theologie" betrachtete, berufen zur Vollendung der lutherischen Reformation in ihrem Kampf gegen den Einfluß der aristotelischen Philosophie auf die Theologie der Scholastik."(4)
Am besten sprechen die Worte des einflußreichsten evangelischen Theologen unseres Jahrhunderts diese Tendenz aus. Karl Barth, der in diesem Punkt stark von Ritschl abhängt, schreibt in seinem Hauptwerk Die Kirchliche Dogmatik:
Ich halte die analogia entis für die Erfindung des Antichrist und denke, daß man ihretwegen nicht katholisch werden kann. Wobei ich mir zugleich erlaube, alle anderen Gründe, die man haben kann, nicht katholisch zu werden, für kurzsichtig und unernsthaft zu halten."(5)
Wenn Bultmann sagt, daß wer den Gott der Vernunft ehrt, zugleich den Satan ehre, oder wenn Tillich behauptet, daß beides, die Existenz Gottes zu verneinen oder zu behaupten, dem Atheismus gleich komme,(6) so ergänzen sie das Bild. Dieser Standpunkt scheint nur schwer mit der Lehre der katholischen Kirche vereinbar zu sein, daß die Existenz Gottes, seine Eigenschaften und seine Schöpfungswerke auf natürlichem Wege mit Gewißheit erkannt werden können, ohne daß es dazu einer besonderen Offenbarung bedarf. Das besagen die Definitionen des Vaticanum I (DH 3004, 3005), die das Vaticanum II wiederholt (DH 4203, 4206), aber auch viele andere, zum Beispiel die Verurteilung des Jansenismus (DH 2441). In der Frage nach der Möglichkeit einer natürlichen Erkenntnis Gottes und der Möglichkeit der Metaphysik scheint ein klarer Widerspruch zwischen der protestantischen und katholischen Tradition zu bestehen. Mir scheint, daß die Frage nach der Möglichkeit der Metaphysik und mit ihr die Frage nach der Möglichkeit der Erkenntnis Gottes der wichtigste Schnittpunkt zwischen Theologie und Philosophie ist, denn damit wird die Frage gestellt, ob die menschliche und philosophische Vernunft etwas für die Theologie leisten können oder nicht. Damit verbunden ist das Problem der Seelsorge: Wie ist der Mensch durch die Frage nach Gott, die seine Vernunft ihm stellt, in seinem Leben beunruhigt? Deshalb will ich mich jetzt auf die Frage nach der Möglichkeit der Metaphysik konzentrieren, umso mehr, als die Kernfrage aller wichtigen Fragen immer metaphysisch bleibt.
Zunächst scheint klar zu sein, daß die protestantische Tradition, auch wenn sie nicht als solche kenntlich wird, in den letzten Jahrhunderten in dieser Sache die Oberhand gewonnen hat, besonders seit der Epoche Kants, der in der Kritik der reinen Vernunft seine Überzeugung bekundet hat, das Wissen aufheben zu müssen, um zum Glauben Platz zu bekommen."(7) Der Standpunkt Kants, daß Vernunft und Verstand des Menschen keine Möglichkeit zur Metaphysik und zur natürlichen Erkenntnis Gottes besitzen, daß aber die Metaphysik und Erkenntnis Gottes als Postulate des moralischen Glaubens wiederkehren, wurde zum eigentlichen Paradigma der neuen Zeit. Es besagt: Der Zugang zur Metaphysik und zu Gott ist im Rahmen der reinen, objektiven Erkenntnis, der ratio unmöglich, aber möglich ist er im Rahmen des moralischen Glaubens, des Offenbarungsglaubens, der Gnade, der Intuition, des Gefühls, des Vertrauens oder ähnlichem.
Dieses Paradigma, das gut in das protestantische Bild paßt, das man auch irrationaler
Theismus nennen kann, gewann immer mehr Anhänger unter Theologen und Philosophen,
auch bei Agnostikern, weil dadurch ihre Position unterstützt wurde, daß Gott unerreichbar für
die Vernunft sei. Der wichtigste unter den Agnostikern, Martin Heidegger, führte die strenge
Trennung zwischen Vernunft und Glauben von der Seite des Unglaubens aus noch weiter. Er
verlangte die 'ewigen Wahrheiten' aus der Philosophie auszutreiben, da sie zu den längst noch
nicht radikal ausgetriebenen Resten von christlicher Theologie innerhalb der philosophischen
Problematik"(8) gehören. Er riet den Theologen mit dem Wort des Apostels und ihm gemäß
mit der Philosophie als einer Torheit Ernst zu machen"(9), so wie es schon Luther verstanden
und gemacht hat.(10) Dieses kantische Paradigma hat in den letzten Jahrzehnten Zustimmung
auch auf der katholischen Seite gewonnen, so zum Beispiel in der Position von Hans Küng,
der die Existenz Gottes als Sache des menschlichen Grundvertrauens deutet.(11)
2. Nachteile der Einseitigkeit
Zunächst scheint also alles hoffnungsvoll zu sein. Auch auf diesem Gebiet wäre demnach ein Konsens zwischen Protestanten und Katholiken möglich oder sogar schon vollzogen, ähnlich wie auf manchen anderen, ähnlich wie vielleicht in der zentralen Frage der Rechtfertigung, wo die Einigung dank der Arbeiten von Karl Barth, Hans Urs von Balthasar, Hans Küng, Otto Herrman Pesch weit fortgeschritten ist.(12) Natürlich brauchen wir nicht in krampfhafter konfessioneller Engführung irgendein Gedankensystem festhalten, nur weil es lange Zeit als katholisch galt. Wahrheit über alles! Aber mit den großen Traditionen in Kirche und Theologie verhält es sich ähnlich wie mit den Strömen des Geisteslebens überhaupt: Nie verschwinden sie vollständig und spurlos, nie erlöschen sie ganz, weil sie, wenn sie wirklich bedeutend waren, nicht ohne guten Grund entstanden sind. In der Synthese bleibt nicht nur die Antithese, sondern auch immer etwas von der These aufbewahrt, auch in der Form der Aufhebung. Deshalb kann der offene, freie Dialog nie in der völligen Aufnahme der Position des Partners und im völligen Verzicht auf die eigene Position enden. In der Frage der Rechtfertigung kam die Verständigung auch nicht auf solche Weise zustande.
Aber in der Frage der Metaphysik scheinen viele Vorschläge darauf hinaus zu laufen, eine Tradition völlig auszulöschen. Die tiefgreifende Wende", von der man spricht, ist eher ein tiefgreifender Bruch. Man versucht von allen möglichen Quellen in Philosophie und Theologie zu profitieren, von evangelischen, orthodoxen, jüdischen, buddhistischen Quellen und so weiter, nur nicht von der eigenen Tradition. Das ist gewiß eine Bereicherung und gewiß auch praktisch, weil die Wiederholung einer anderen Tradition auf dem eigenen Grund leicht als Neuheit erscheinen kann.
Nur ist es manchmal eine reine Wiederholung, ohne daß eine Bemühung um Integration in die eigene Tradition erkennbar wäre, die stattdessen oft mit Geringschätzung behandelt wird. Dazu kommt, daß das, was als neue Metaphysik präsentiert wird, entweder aus der Geschichte bekannte Positionen wiederholt oder aber ein Bündel von losen Gedanken und Intuitionen vorstellt, die literarisch interessant klingen mögen, die aber weit von der Reife und inneren Widerspruchslosigkeit entfernt sind, die man von einer Metaphysik zu fordern gewohnt ist. Dieses Wort wird oft heutzutage mißbraucht. Ja, gelegentlich kommt es dahin, daß die Ökumene nach außen eine Ökumene nach innen notwendig macht, weil die Annährung an außerkirchliche Strömungen Spannungen oder gar Spaltungen innerhalb der Kirche entstehen lassen. Wenn man schon das Toleranzprinzip aufstellt, sollte man auch gegenüber der eigenen Tradition tolerant sein! Also sollte man Thomas nicht a priori geringer schätzen als Luther, Aristoteles nicht weniger als Nietzsche und Sartre. Diese innerkirchliche Ökumene vermag dann auch Toleranz, Geduld und Nachdenken gegenüber den Werten der eigenen Tradition aufzubringen.
Die gegenwärtige Bezug der katholischen Theologie zur Tradition scheint ein Gegenschlag zu ihrer eigenen Geschichte zu sein, weshalb man wohl so leicht zu den Positionen des Gegners übergeht. Weil früher Thomas alles war, muß er jetzt nichts sein, nach dem Motto: Wenn Thomas von Aquin oder der Papst etwas sagt, bin ich dagegen, auch wenn ich eigentlich nicht weiß, was er sagt." Es wäre an der Zeit, wieder etwas mehr Gleichgewicht zu finden. Diesem Gleichgewicht dienen kaum solche Aussagen, wie sie der polnische Philosoph Prof. Józef Tischner gemacht hat: Wir löschen im Glauben alle Überreste der aristotelischen Tradition aus und stellen seine biblische, dialogische Dimension wieder her."(13) Es scheint, als sei Aristoteles der Bösewicht der Theologie und der Philosophie, dagegen die Dialogphilosophie das einzig berechtigte philosophische Instrument der Bibelinterpretation. Prof. Tischner ist einer der führenden Vertreter der Dialogphilosophie, auch hat er unbestreitbare Verdienste in der Erweiterung der christlichen Philosophie, aber wenn solche Äußerungen mehr sein sollen als eine Provokation zum Denken, so sind sie schwer übertrieben.
Sollten Johannes von Kreuz, Edith Stein, Rahner, Balthasar, die die Sprache des hl. Thomas gesprochen haben, den Glauben völlig mißverstanden haben? Man braucht die anderen Traditionen nicht zu erniedrigen, um die eigene zu erheben, man braucht auch nicht unbedingt die thomistische Tradition zu schmähen, um von den Schätzen der Dialogphilosophie profitieren zu können, ähnlich, wie man die anderen Religionen nicht zu mißachten braucht, um die Perle des Christentums zu begreifen, desto mehr, wenn man oft das als neue Endeckung präsentiert, was in dieser verachteten Tradition schon bekannt war.
So auch bei einem anderen bekannten Wissenschaftler aus Krakau, dem Kosmologen Prof. Micha Heller, der immer wieder betont, wie für ihn jede, nicht nur die klassische Metaphysik längst überholt ist, der aber zugleich sagt, daß ihm die Position Rahners im Denken über Gott besonders nahe ist. Dabei übersieht er wahrscheinlich, wie sehr das Denken Rahners in diesem Punkt und in anderen Punkten auf Metaphysik gebaut ist.(14) Solche Geständnisse bekunden eine Einstellung zur Tradition, die zu einseitig ist, als daß sie wahr sein und man sich mit ihr identifizieren könnte, unbeschadet der sonstigen Verdienste dieser Wissenschaftler. Diese Pathos der Einseitigkeit" kann zwar für einen Augenblick begeistern, aber man kann in ihm gerade wegen seiner Durchsichtigkeit nicht allzu lange leben. Auf längere Sicht machen sich die Vereinfachungen, Einseitigkeiten, Einengungen allzu drückend bemerkbar. Die Wahrheit ist im Ganzen, in der möglichst großen Synthese zu suchen.
Die heutige Situation des christlichen Denkens kann man allgemein als Dominanz der platonischen über die aristotelische Tradition verstehen, was sich etwa in der Dominanz der phänomenologischen Einstellung über die metaphysische zeigt. In Polen steht Prof. Tischner für die platonische Richtung der Philosophie, während Prof. Albert Krpiec, neben Tischner der zweite, einflußreiche Philosoph in der polnischen Kirche, sich mit der aristotelisch-thomistischen Tradition identifiziert. Beide kritisieren sich gegenseitig bis zur völligen Verachtung des Gegners. Es fällt auf, wie sehr ihre Kontroverse eine Fortsetzung der alten Unterschiede ist, wie stark die Linie Platon-Augustinus bei Tischner und die von Aristoteles-Thomas bei Krpiec hervor tritt. Schon an der Sprache erkennt man es. Tischner ist ein Virtuose des Wortes, ein Literat, Krpiec dagegen eine Handwerker. Der spachliche Ausdruck entspringt der Natur ihres Denkens. Der Platonismus steht der Literatur nahe, weil er die Wirklichkeit in seiner individuellen Ganzheit, Konkretheit, auch mit Hilfe einer symbolischen und mystischen Sprache zu beschreiben sucht. Der Aristotelismus ist eher eine Ingenieurskunst, weil er die Wirklichkeit in ihrem Kern, in allgemeinen Wesenselementen, vor allem mit Hilfe von spezialisierten technischen und abstrakten Begriffen zu beschreiben sucht. Deshalb ist der Platonismus mit seiner Anthropologie wie der lebendige Körper des Menschen, der Aristotelismus eher wie die Knochen oder das Skelett. Obwohl diese Traditionen sich oft unversöhnlich widersprechen, haben wir beide nötig. Es mag sein, daß nach Jahrhunderten der Herrschaft der aristotelischen Richtung in der katholischen Kirche jetzt die Zeit der platonischen Richtung begonnen hat. Aber wie die aristotelische Richtung auch in ihren besten Jahrhunderten die platonische nie völlig ausgeschaltet hat, so darf es heutzutage nicht umgekehrt geschehen. Wenn wir zur Synthese der beiden philosophischen Traditionen Europas noch nicht fähig sind, sollten wir beide, auch in ihrer Gegensätzlichkeit, bewahren.
Trotz breiter Verkündigung des nach-metaphysischen Zeitalters" benötigen wir weiter die Reflexion der Metaphysik. Denn Metaphysik läßt sich nur durch Metaphysik kritisieren, nicht durch weniger. So kritisierte zum Beispiel Hegel, der sich selbst als Enkel Kants einschätzte, die alte Metaphysik:
Dasjenige, was vor diesem Zeitraum Metaphysik hieß, ist sozusagen mit Stumpf und Stiel ausgerottet worden und aus der Reihe der Wissenschaften verschwunden." So schien das sonderbare Schauspiel herbeigeführt zu werden, ein gebildetes Volk ohne Metaphysik zu sehen, - wie einen sonst mannigfaltig ausgeschmückten Tempel ohne Allerheiligstes."(15)
Deshalb baute Hegel eine Metaphysik auf, die zugleich eine Kritik und die Fortsetzung der kantischen Tradition war. Ähnlich konstruierte Whitehead im 20. Jahrhundert eine Prozeßmetaphysik gegen die eigene szientistische Tradition.
Wandlungen kann man selbst auf evangelischer Seite beobachten. Karl Barth etwa hat in
späteren Jahren unmerklich seine harte Position gegenüber der Analogia entis gemildert und
davon zu sprechen begonnen, daß die Geschöpfwelt ihre eigenen Lichter und Wahrheiten und
insofern ihre Sprache, ihre Worte hat."(16) Die Gleichsetzung von Natürlicher Theologie mit
Antichristentum und Atheismus ist wahrscheinlich nur als protestantische Selbstbehauptung zu
verstehen, als Versuch zur Bewahrung der eigenen Identität. Man kann gut nachfühlen, daß
die evangelischen Theologen ständig nach Gründen gesucht haben, um nicht katholisch
werden zu müssen", daß sie diese Gründe, wenn nötig, auch neu erfinden haben, aber man
kann bezweifeln, ob die Analogia entis wirklich ein ausreichender Grund zur Trennung sein
kann. Wolfhart Pannenberg, einer der führenden evangelischen Theologen der Gegenwart, der
sich viel um die ökumenische Verständigung bemüht hat, zeigt, daß es auch anders gehen
kann. In seinem Nachdenken über das, was in der vorkantischen Metaphysik, gerade auch im
Bereich der philosophischen Theologie, trotz Kants Kritik und über sie hinaus Gültigkeit
behalten" kann, in seinem Reden über das unthematische Wissen von Gott", über die
Notwendigkeit der Metaphysik für die Theologie",(17) nähert er sich der katholischen
Theologie an. Diese Beispiele bestätigen die alte Regel, daß man ohne Metaphysik nicht leben
kann. Wenn man die eine verwirft, sucht man nach einer anderen oder kehrt zu Elementen
einer noch älteren Metaphysik zurück.
3. Einige Argumente für die Metaphysik
Für die Metaphysik sprechen nicht nur die allgemeinen Gesetze der Entstehung und Entfaltung des Geisteslebens, sondern auch innere Gründe. Das gilt vor allem für die Metaphysik im klassisch aristotelisch-thomistischen Sinn, die das Seiende als Seiendes und in seinem Ursprung betrachtet. Diese Gründe sind zuerst die Schwierigkeiten eines Lebens ohne Metaphysik, zum Beispiel die, wie es scheint, letzen Endes unlösbaren Probleme des Denkens über das Gute und das Böse, die Probleme zur Begründung der Ethik. Kant konnte an eine solche Möglichkeit noch glauben, aber wir heute eigentlich nicht mehr, nach dem Auftreten von Nietzsche, Marx, Freud, Sartre, Derrida. Kann man sich darauf beschränken, die erste Hälfte von Kant anzunehmen und die zweite zu streichen? Kann man sich mit der Erkenntnistheorie der Kritik der reinen Vernunft begnügen und die ethischen und metaphysischen Postulate der Kritik der praktischen Vernunft verneinen? Als Ergebnis entsteht Nietzsche. Wenn man die Metaphysik konsequent ablehnen will, darf man auch ein solches Gottes- und Menschenbild, eine solche Ethik haben, wie Nietzsche sie hatte, dann darf man noch viel schlimmeres. Eine ethische Begründung, eine ethische Beweisführung ist, zumindest unthematisch, entweder metaphysisch oder sie ist keine.
Ein anderes Problem ist der merkwürdige Dualismus, der im Gefolge der Ablehnung der Metaphysik entsteht, der Dualismus zwischen Vernunft und Glauben. Ist es nicht erstaunlich, daß wir vom Glauben her gesehen so viel von Gott wissen, nämlich daß er der Schöpfer, Herr und Erlöser ist, daß er unser ganzes Sein ist, wir aber andererseits von der Vernunft her gar nichts Verbindliches vom ihm zu sagen vermögen? Von der Vernunft her gesehen stehen wir in einer Patt-Situation, bewegungslos eingeklemmt zwischen verschiedenen Konzeptionen der Metaphysik, in einem Horror Metaphysicus.(18) Ist diese Situation aber überhaupt möglich? Wenn alles aus der Hand des Schöpfers hervor kommt, ist es dann verwunderlich, daß in umgekehrter Richtung alles auf ihn hinweist, daß der metaphysische Rückweg, der Weg des Denkens auf den Linien der Schöpfung, möglich ist? Gerade vom Glauben her weiß man, daß es im Grunde nicht sehr viele metaphysische Konzeptionen geben kann und daß sie nicht alle gleichberechtigt sein können.
Ist aber der Dualismus der Vernunft und Glaube nicht ein Grund mehr für das Fortschreiten der negativen Säkularisation, das traditionell auf protestantischen Gebieten größer ist als auf katholischen? Wenn Glaube und Vernunft sich so wenig zu sagen haben, wenn es keine Praeambula fidei gibt, wenn der Glauben keinerlei äußere Begründung haben kann, wird solcher Glaube dann nicht fremd in der Welt? Die schnelle Erosion des offiziellen Christentums in Ostdeutschland in der Epoche des Kommunismus ist eine ernsthafte Warnung. Es scheint, daß ein Brückenschlag zwischen Glaube und Kultur, zwischen Glaube und anderen Religionen, im evangelischen Christentum nur schwer zu bewerkstelligen ist, und zwar seit der Zeit des Erasmus von Rotterdam bis zur heutigen Humanistik.(19) Das gilt um so mehr, als bis heute viele evangelische Theologen die These Karl Rahners vom anonymen Christentum" für eine typisch katholische Häresie" halten.
Das Übersehen der Wahrheit, der Verzicht auf das Wissen, das ich trotz allem haben kann, bleibt nicht ohne schmerzhafte Konsequenzen. Wenn ich an der Wirklichkeit vorbeigehe, werde ich irgendwie und irgendwann von neuem auf sie stoßen. Ich denke, daß die Postmoderne, die moderne Sophistik, ihre Wurzel auch in der Ablehnung der Metaphysik hat, ebenso wie manches Durcheinander in der Theologie. Hätte zum Beispiel Eugen Drewermann ein wenig mehr Gespür für Tradition und Metaphysik erlernt, für die nötige Konsistenz des Denkens, würde er nicht, im heroischen Einsatz für die Menschen, dieselben Menschen so freudianisch einzig auf ihre Sexualität reduzieren. Ähnliches gilt für John Hick mit seinem religiösen Indifferentismus. Ohne Metaphysik ist es schwierig, sich gegen den Psychologismus oder Relativismus zu wehren, es fehlt dann die Grundlage, die Orientierung, die als gesegnete, heilsame Barriere dienen kann. Dann ist alles möglich, vielleicht nicht so sehr jeder Unsinn, als vielmehr jede Illusion des Sinnes, jede Täuschung der Bedeutung. Ich denke, daß Drewermann und Hick ein Vorgeschmack dafür bieten, wie eine Theologie aussehen würde, die sich der Post-moderne als philosophischer Grundlage bedient. Aber gerade wir im ehemaligen Ostblock sind in diesem Punkt, nach Aufstieg und Fall des real-existierenden Sozialismus etwas vorsichtiger geworden. Die Erfahrung zeigt, wie sehr eine Theorie, die unter Massen und Intellektuellen begeisterte Aufnahme findet, trotzdem ein tragischer Irrweg sein kann, ein Irrweg und ein Mißbrauch menschlicher Hoffnung. Wer hat nicht alles an den Marxismus geglaubt, Sartre z. B. und viele andere, vielleicht weil sie keine religiöse Hoffnung hatten, aber doch ohne irgendeine Hoffnung in dieser Welt nicht leben konnten. Denn nach irgendeinem Stabe muß die Hand des Menschen greifen! Gerade die marxistische Katastrophe fordert auf neue Weise die Notwendigkeit der kritischen Funktion der Wissenschaft, der Universität, gegenüber allen, die allzuviel Neuigkeiten verkünden, einen allzu radikalen Bruch mit der Tradition wollen. Es ist kein Zufall, daß der größte Kritiker des Christentums, Nietzsche, zugleich der größte Feind der metaphysischen Tradition war.(20) Auch darin spiegelt sich die Verbindung von Metaphysik und Glauben.
Die Gründe für die Metaphysik sind auch von der Hl. Schrift her deutlich. In der Bibel wie im menschlichen Leben gibt es viele verschiedene Schichten und Blickwinkel. Folglich können sehr verschiedene Philosophien und Theologien sich je auf eine Schicht berufen und den Eindruck erwecken, daß sie mehr als nur ein Teilaspekt seien. Es kann hier im Denken einen Imperialismus" geben, einen Anspruch auf Alleinbesitz der Bibel von seiten einer Denkrichtung. Aber der biblische Gott hat nicht nur die sensiblen Eigenschaften der Person, wie etwa ein Poet, er hat auch die starken metaphysischen" Eigenschaften des Schöpfers, er hat absolute Macht über das Schicksal von Mensch und Welt. Das zu erkennen setzt eine im Grundriß klare Metaphysik voraus. Auch in der Bibel gibt es Metaphysik, auch dort ist metaphysisch nicht alles nebulos und flüssig. Wenn wir von Gott metaphysisch nichts wüßten, würden wir von ihm überhaupt nichts wissen können, da keine ursprüngliche, grundlegende Einheit zwischen ihm und uns bestehen würde, die eine Bedingung für jedes Wissen ist. Dann wäre das Wort Gott" eine Zusammensetzung von vier Buchstaben, ohne jeden Sinn, höchstens der Name für eine menschliche Projektion. Aber Gott ist nicht ganz unberechenbar. Letztlich ganz anders" ist nur das Sein und das Nichts. Nur hier besteht der absolute, unüberbrückbare Gegensatz, weil eben das Nichts nicht existiert; es ist kein Teil einer Relation, es ist die reine Verneinung der Existenz. Nur weil Gott, Mensch und Welt existieren, haben sie etwas gemeinsames und sind irgendwie verbunden, sind im Horizont des Seins, auch wenn sie sonst große Unterschiede aufweisen. Größer also ist der Unterschied zwischen Mensch und Nichts als der zwischen Mensch und Gott. Wenn es anders wäre, wenn keine ursprüngliche Gemeinsamkeit bestünde, wäre auch keine Offenbarung möglich, wären Mensch und Gott sich absolut fremd. Man soll auch die Theologia negativa nicht übertreiben, schließlich glauben wir, daß der Mensch das Abbild Gottes ist. Das Werk trägt in sich den Prägestempel des Autors, um so eher, als es das Selbstporträt des Meisters ist. Deshalb können wir etwas von Gott wissen.
Die lange Tradition der erkenntnistheoretischen Vorwürfe gegen die Möglichkeit der
Metaphysik und gegen die Erkenntnis Gottes scheint nicht einmal allzu extrem zu sein. Es gibt
ernsthafte Philosophen, die sich außer Stande sehen, die Existenz der Welt oder ihre eigene
Existenz auszusagen. Es gibt die Philosophen, welche die Existenz der Person für eine
Täuschung halten. Wie weit kann man einem solchen Kritizismus folgen? Ist es dann nicht
vielleicht besser, statt an allem zu verzweifeln, allem Glauben zu schenken, wie es im
Gegensatz zu Descartes der Kardinal Newman vorgeschlagen hat, um dann im Raum des
ursprünglichen Vertrauens unsere Erkenntnis zu korrigieren und zu reinigen. Der universelle
Zweifel muß nicht unbedingt neutral sein, er kann unwiderruflich auch berechtigte Wege der
Erkenntnis verschließen.(21) Man darf auch fragen, ob die Ansprüche an die Sicherheit der
menschlichen Erkenntnis nicht allzu hoch gesteckt sind, so hoch, daß sie nur von Gott selbst
erfüllbar sind. Wer absolute Sicherheit will, kann alles auf der Welt bezweifeln! Dann gibt es
nicht die geringste Sicherheit. Man kann fragen, ob für manche Denker Metaphysik nicht
deshalb unmöglich ist, weil sie einen Anspruch auf göttliches Wissen für den Menschen stellen.
Aber bedeutet eine solche Forderung dann nicht einfach den Versuch, sich Gott auf Distanz zu
halten, ein Versuch menschlicher Selbstrechtfertigung? Der Mensch kann sich Gott gegenüber
kaum schuldig machen, wenn er von ihm ganz ernsthaft meint, nichts sagen und wissen zu
können. Aber kann ein so unbemerkbarer Gott existieren, von dem man so schwache oder gar
keine Zeichen bekommt? Ist er dann noch Gott? Machen sich damit nicht die Theisten die
Schwierigkeiten der Atheisten und Agnostiker zu eigen?
4. Die heutige Synthese und die weitere Entwicklung
Aus diesen und vielen anderen Gründen scheint es auch in heutigen Synthesen notwendig zu sein, die Kernelemente der Metaphysik zu bewahren. Auch heute darf man die alte katholisch-protestantische Auseinandersetzung, die in manchen Zügen so alt ist wie das Christentum selbst, deren zwei Archetypen man schon bei Justin und Tertullian finden kann, nicht so auflösen, daß man einfach die protestantische Lösung übernimmt. Das wäre ein dürftiger Fortschritt, im besten Falle wäre es eine Verarmung. In keiner Streitfrage geschah der echte Fortschritt auf solche Weise. Man sollte nicht vergessen, daß die größten Theologen unserer Zeit, die Väter der Kirche des 20. Jahrhunderts, Rahner und von Balthasar, ihre Theologie stark auf Metaphysik gegründet haben, daß ihre Theologie aus tieferen Gründen mit Metaphysik durchdrungen ist, nicht nur kraft einer trägen Tradition. Wo bleibt der Mut zum Protest gegen viele Tendenzen in der gegenwärtigen Kultur? Die große Philosophie von Sokrates, Platon, Aristoteles ist auch als Reaktion gegen den Relativismus und die Halbwahrheiten der Sophistik entstanden.
Für die heutige Theologie wäre es vielversprechend, eine Synthese zwischen der Dialog- und der zur Existenzialphilosophie gewandelteten transzendentalen Philosophie zu leisten, wie es zum Beispiel im Bereich der Gnadentheologie schon Heribert Mühlen gefordert hat.(22) Die transzendentale Tradition des deutschen Idealismus fand ihre Rezeption in der katholischen Welt vor allem in der Gestalt des transzendentalen Thomismus. In dieser Philosophie versucht man mit Hilfe der von Kant übernommen und noch radikaler angewandten transzendentalen Methode zu zeigen, daß der Gegensatz zwischen dem Ding-an-sich, den Noumena, und der Erscheinung, den Phänomena, nicht so unüberbrückbar ist, wie im kantischen System behauptet wird. Auch wenn die Daten, die vom Ding-an-sich herstammen, vom Subjekt geformt würden, bewahren sie etwas Grundlegendes von ihrem Ursprung. Wenn wir deshalb mit Kant den aktiven, schöpferischen Anteil des Menschen in jeder Erkenntnis anerkennen, ist trotzdem Metaphysik möglich, und zwar als kritisch begründete. Objektivität und Subjektivität sind keine unüberbrückbaren Gegensätze mehr, vielmehr ist die Objektivität die Frucht der authentischen Subjektivität, die desto reifer ist, je offener und sich selber treu die Subjektivität ist. Das kann das Resultat der Auseinandersetzung mit der kantischen Kritik sein.(23)
Auch nach der transzendentalen und anthropologischen Wende ist viel vom klassischen Denken aufbewahrt. Die transzendentale Strömung hat wie keine andere das katholische Denken nach dem Vaticanum II geformt. Sie ist auch in ihrer systematischen Durchbildung am weitesten entwickelt. Die Inspirationen von Maurice Blondel, die Begründung des Anfangs von Joseph Maréchal, die Metaphysik von Emerich Coreth, die Methodologie und Analyse des Seins von Johannes Lotz, die Erkenntnistheorie und Methodologie der Theologie von Bernard Lonergan, schließlich die Anthropologie und Theologie von Karl Rahner, sie bilden eine solide philosophische und theologische Grundlage.(24) Sie sind der Versuch, zwei große Geistesströmungen zu verbinden, die katholische Tradition und den deutschen Idealismus. Zugleich ermöglicht der Ansatz einen Brückenschlag zur dialogischen Philosophie, der einen Weg zur Ergänzung und Korrektur eröffnet. Diese Aufgabe ist noch nicht erfüllt, aber es scheint ein Weg eröffnet zu sein, auf dem man das Alte mit den Neuen verbinden kann. Besonders das Denken Bernard Lonergans, das in Europa, im Gegensatz zu Amerika, noch nicht ausreichend rezipiert wurde, kann hier hilfreich sein.
In dieser neuen, wie immer vorläufigen Synthese, die wir suchen, soll der Platz für die natürliche, wenn auch schon in der Ordnung der Gnade existierende Erkenntnis Gottes nicht fehlen. Karl Rahner sagt zurecht:
Der Mut zur Metaphysik. Es gibt keine Theologie, die nicht Metaphysik triebe, einfach weil auch in der Theologie
gedacht werden muß. Es wundert mich manchmal, daß Theologen eine solche Metaphysik darum schon als falsch
oder für die Theologie ungeeignet ansehen, weil ihr widersprochen wird. Müßten sie nicht daran denken, daß ja auch
ihrer Theologie als solcher widersprochen wird und sie dies doch noch nicht ohne weiteres und immer als Kriterium
dafür gelten lassen können, daß ihre Theologie falsch ist? Wer nicht den Mut zu einer Metaphysik hat (was nicht
heißt: zu einem geschlossenen System), zu einer Metaphysik, der widersprochen wird, kann kein guter Theologe sein.
Auch im Bewußtsein, eine stets unzulängliche Metaphysik zu haben, kann man darauf vertrauen, den wahren Gott mit
ihr anzurufen und den Menschen in seine Erfahrung einzuweisen, die er schon immer von Gott hat."(25)
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25.