ThGl 87 (1997) 112 - 130
Kurzinhalt - Summary:
Chronisches Kranksein mit seinen innerpsychischen, somatischen, psychoökologischen, sozialen und lebenssinnbezogenen Auswirkungen
betrifft den Menschen in seiner existentiellen
Ganzheit. Bei der Aufgabe, solche I.eiderfahrung
seelisch gesund zu bewältigen, kann sich der
christliche Glaube als wirksame Heilkraft erweisen. Diese muß gegebenenfalls seelsorglich
erschlossen und erfahrbar gemacht werden. Im
Umfeld zunehmend holistisch orientierter humanwissenschaftlicher Therapie ist Krankenseelsorge zur Bestimmung ihres Propriums herausgefordert.
Chronic disease with its psychical, somatic, psycho-ecological and social effects, as well as those
relating to the meaning of life, concerns the
whole person in his or her totality. In view of
the task of overcoming such an experience of
sorrow, Christian faith may prove to be an
effective power of healing. If necessary, this
healing power ought to be developed pastorally
and with regard to actual experience. In the
context of methods of therapy that are increasingly marked by holistic views, pastoral care of
sick persons is challenged to describe its proprium.
Kranke zu heilen und das Reich Gottes anzukündigen sind die zentralen Aufgaben christlicher Sendung (Lk 10,9). In der Tat: Kaum irgendwo anders als an der Seite von Leidenden kann authentischer die kurative Nähe Gottes, dessen Name 'ICH BIN DA' (Ex 3,15) zugleich seine Botschaft ist, bezeugt werden. Worin diese Heilkraft konkret für den Glaubenden liegt, wozu diese im anwesenden und mitgehenden Seelsorger repräsentierte Treue den Kranken tatsächlich befähigt, wird in jüngst erhobenen empirisch-psychologischen Befunden gezeigt:(1) Patienten, die sich der Unterstützung Nahestehender sicher sind, genesen komplikationsloser und schneller, sie sind aktiver, erfolgreicher, realistischer und in Problemlöse-Situationen effektiver; sie sind identischer mit sich selbst, prosozialer und milder im Urteil über andere; sie sind offener in der Selbstmitteilung und für Hilfeleistungen. Kurz: Sie gewinnen auf mehrerlei Weise an "Kraft zum Menschsein".(2)
Seelsorge, die solchen heilmachenden Prozessen analytisch wie katalytisch beisteht, findet sich zunehmend in
Gesellschaft anderer humanwissenschaftlicher Disziplinen, die ihrerseits Beiträge zur Bewältigung schwergewordenen
Lebens liefern.(3) Im Kontext dieses Verbundes ist - wie hier gezeigt werden soll - Krankenseelsorge keine exzeptionell andere
Dienstleistung; ihr Proprium ist vielmehr die ihr eigene Perspektive: Lebenshilfe aus dem Glauben.
Zusammen mit anderen Helfern fragt sie z.B.:
- welche seelischen Erlebnisdimensionen beim Patienten vorherrschen, und was dies für seine Grundbefindlichkeit bedeutet;
- welche Verhaltensmodi dominieren und warum;
- welche günstigen und ungünstigen Bewältigungsstrategien Anwendung finden;
- welche Rolle bei der kognitiven Bedeutungsgebung ideeles und weltanschauliches Denken einnimmt;
- welche Qualität, wenn überhaupt gegeben, der flankierende soziale Rückhalt hat.
Den Lebensstil Jesu als spezifische Orientierung im Blick stellt sie dann auch eigene Fragen, wie z.B.
- ob und wie weit die Krise der Krankheit, weil sie den Menschen in seiner leib-seelischen Ganzheit betrifft, auch die Dimension des Glaubens, vor allem des Glaubens an den guten und gerechten Gott umfaßt;
- ob eine als Einschnitt in die Lebenslinie empfundene Erkrankung eventuell zur Bedrohung des Identitätsbewußtseins führt und sich die Sinnfrage für die eigene Existenz neu stellt;
- ob gerade jetzt in der Bewältigung der Krankheitskrise die Grundfähigkeiten zu glauben, zu hoffen und zu lieben spürbar helfend wirksam werden;
- ob und inwieweit die Solidarität der Gläubigen in dieser Ausnahmesituation trägt und die zugesicherte Stärkung aus den
Sakramenten der Kirche wirklich als kräftigend erfahren wird.
1. Ein Gesprächsprotokoll
Eine Seelsorgerin aus dem Besuchskreis der Gemeinde macht schon seit längerer Zeit Besuche bei einer alten Dame. Als
sie erfahren hat, daß ein Krankenhausaufenthalt und eine Operation hinter ihr liegen, möchte sie sich nach ihrem Befinden
erkundigen. Die Gesprächspartnerin ist erfreut über ihr Kommen. Insgesamt macht sie einen recht hinfälligen Eindruck.
Gedächtnisprotokoll:(4)
S 1: Ich wollte mal wieder schauen, wie es Ihnen geht.
G 1: Danke, es ist nicht besonders. Ich habe seit der Operation viel Schmerzen, immer, wenn ich mich bewege.
S 2: Das muß dann schwer für Sie sein, sich alleine noch zu versorgen. Haben Sie denn genügend Hilfe?
G 2: Nein, das ist es eben. Es ist zwar ein schrecklicher Gedanke, aber mir ist gerade ein Platz im Altenheim angeboten worden, und nun habe ich mich entschlossen hinzugehen. Sie sind also das letzte Mal hier. Na ja, mit 89 habe ich wohl auch das Recht dazu.
S 3: Ich höre daraus, daß Sie sich nun auch nicht mehr zwingen wollen, alles zu schaffen, was zu Ihrem Haushalt gehört.
G 3: Ja, wenn ich mich ausruhe, habe ich keine Schmerzen, dann geht es. Und nun werde ich das Essen vorgesetzt bekommen, nachts ist auch jemand da, das ist dann besser so. Meine Töchter helfen mir auch beim Umzug.
S 4: Ja, es ist schwer, wieder so einen weiteren Teil loszulassen, aufzugeben, aber es entlastet Sie auch, dort gut aufgehoben zu sein.
G 4: Ja, dieses Loslassen, das ist es, das müssen wir im Alter wohl lernen. Da ist auch noch das andere. Ich möchte nicht meine letzten Kräfte für so banale Dinge wie Kochen verbrauchen.
S 5: Sie haben einfach noch Wichtigeres zu tun, sich so vorzubreiten auf das weitere Loslassen, das auf Sie zukommt.
G 5: Es ist gut, daß Sie das verstehen. Ich denke schon, daß das der Vorbereitung bedarf. Ich habe so Angst, ob ich das Letzte wirklich bestehe.
S 6: Ist es so, daß sie fürchten, sich im Sterben nicht zu bewähren?
G 6: Ja genau. Es könnte doch sein...(Pause)
S 7: Sie meinen im Glauben?
G 7: Ja, ich weiß ja nicht, wie es sein wird.
S 8: Es ist ganz wichtig für Sie, die Geborgenheit in Gott bis zum Ende zu behalten.
G 8: Ja, und ich möchte dafür Zeit haben, mich darauf einstellen zu können - vorbereiten.
S 9: Und das ist für Sie jetzt das Wesentliche im Altersheim, Ruhe dafür zu haben und sich nicht mehr an äußeren Dingen zu verlieren.
G 9: Ja, das ist so. Sie besuchen mich doch dort auch, nicht wahr?
S 10: Ja, das tue ich gern. Ich werde Sie gern weiter begleiten. Wollen wir ein Gebet miteinander sprechen?
(Wird freudig bejaht)
2. Die Mehrdimensionalität seelischen Krankheitserlebens
Das Gesprächsprotokoll macht deutlich: Wer am Krankheitserleben seelsorglich an-teil-nimmt, braucht Charisma; er
bedarf außer wissenschaftlicher Bildung und menschlicher Reife für seine pastorale Befähigung auch eines auf
humanwissenschaftlichem Verstehens-horizont menschlicher Daseinsphänomene gründenden psychodiagnostischen
Rüstzeugs,(5) einer kompetenten und menschengerechten interdisziplinären Kooperationsbereitschaft, sowie einer
Spiritualität, die neben elementar-praktischer wie geistlicher Lebenshilfe für das Hier und Jetzt auch fundamentale
christliche Hoffnung für das "Leben danach" vermittelt, damit nicht auch noch diese Perspektive für den "Patienten"
leidensschaffend ist.
3. Weisen der Krankheitsverarbeitung
Krankheitsverarbeitung ist das Gesamt an Prozessen zur Meisterung bestehender oder erwarteter Belastungen im Zusammenhang mit Krankheit.(6) Ihr Ziel ist es, diese Vorgänge emotional, kognitiv oder aktional aufzufangen, auszugleichen oder zu bewältigen. Der klinische Alltag kennt hierfür zahllose Varianten:(7)
Fallbeispiel 1: Frau E., eine 44jährige Brustkrebspatientin, hat, wie sich später rekonstruieren läßt, die Entdeckung eines Knotens in der Brust zunächst ignoriert und nach eigenen Aussagen auch zum Teil über Monate völlig "vergessen" können. Als der Knoten schließlich größer wird und Schmerzen verursacht, nimmt sie eine Reihe "alternativer" Behandler in Anspruch und schließt sich dann einer Sekte an. Sie vertraut sich aber ansonsten niemandem an, was die wahrgenommenen Symptome und die Behandlungsanstrengungen betrifft. Nach einem über 2 Jahre gehenden Verlauf wird sie von den Angehörigen schließlich in hochgradig ausgezehrtem Zustand in die Klinik gebracht, wo ein fortgeschrittenes Stadium der Erkrankung mit zahlreichen Knochenmetastasen festgestellt wird. Das Angebot einer Chemotherapie verweigert sie und stirbt innerhalb von 5 Wochen.
Fallbeispiel 2: Herr C., ein jugendlicher MS-Patient, der nach dem letzten Schub wieder weitgehend beschwerdefrei geworden war, erhofft sich von Nachtkerzenöl, einem "biologischen Heilmittel", eine gute prophylaktische Wirkung. Sein behandelnder Neurologe sieht zur Zeit nicht die Notwendigkeit einer Behandlung und stellt ihm für den akuten Schub eine Cortison-Therapie in Aussicht. Der Patient glaubt fest daran, daß die Vermeidung von Streß und die regelmäßige Anwendung von Nachtkerzenöl die beste Methode zur Verhinderung des nächsten Schubs darstellt.
Fallbeispiel 3: Herr M., ein 24jähriger Bankangestellter, sucht nach mehrmaliger Feststellung von Blut im Urin einen Urologen auf, der ein Harnblasenkarzinom feststellt und zu einer baldigen Operation rät, die der Patient bereits eine Woche später durchführen läßt. Unter der anschließenden Chemotherapie leidet der Patient sehr, ist aber fest entschlossen, diese bis zum Ende durchzustehen. Als ein halbes Jahr später ein Lokalrezidiv festgestellt und ihm die völlige Entfernung der Blase nahegelegt wird, unterzieht er sich kurzfristig auch diesem Eingriff und läßt sich eine Ersatzblase aus Darm anlegen; die Schließmuskel-funktion kann glücklicherweise erhalten bleiben. Bereits zwei Wochen nach Entlassung aus der stationären Behandlung beginnt der früher sehr sportliche Patient bereits wieder mit Schwimmen und nimmt zunehmend auch wieder seine Waldläufe auf. Er sieht darin Möglichkeiten zur Erhöhung der Widerstandskraft und stellt auch seine Ernährung auf "biologische Krebsdiäten" um. Arbeitskollegen beschreiben ihn als "geradezu arbeitswütig".
Man kann die jeweilige Krankheitsverarbeitung in diesen 3 Fällen unterschiedlich zu erfassen versuchen:
- Im Fall 1 z.B.: Verleugnung, Verdrängung, Suche nach sozialer Unterstützung, Religiosität und Sinn, Behandlungsverweigerung, sozialer Rückzug, passive Verarbei-tungsprozesse...
- Im Fall 2 z.B.: Hoffnung auf Wunder, Hoffnung auf sogenannte unbewiesene Heilmethoden, stabilisierende Laientheorien, Aktivierung internaler Kontrollüberzeugungen...
- Im Fall 3 z.B.: Kampfgeist, Ablenkung durch Sport und Arbeit, Glaube an biologische bzw. sogenannte alternativ-medizinische Methoden, Entfaltung von Eigenverantwortlichkeit, aktives Handeln, Compliance-Haltung...
Welche Verarbeitungsmodi nun beim einzelnen Patienten zur Ausprägung kommen, hängt unter anderem von folgenden Parametern ab: Art der Erkrankung, Persönlichkeitsstruktur des Patienten, aktueller psychophysischer Zustand, Vertrauen in die physiologischen und medizinischen Heilkräfte, soziale Unterstützung.
Will man dieses große Spektrum möglicher Wege und Weisen von Krankheitsverarbeitung systematisch darstellen, ergibt
sich - ohne Anspruch auf Vollständigkeit - folgende Zusammenschau der empirisch am häufigsten auftretenden
Verarbeitungsmodi:(8)
1. Informationssuche
2. Wahrnehmungsabwehr/Vermeidung
3. Wunschdenken
4. Selbstanschuldigung (vs.Schuldabwehr)
5. Problemanalyse und Bewertung
6. Planvolles Handeln
7. Gefühle ausleben
8. Kontrolle der Gefühle und des Ausdrucks
9. Spannungsreduktion
10. Ersatzbefriedigung
11. Carpe-diem-Haltung
12. Auflehnung und Selbstmitleid
13. Optimismus-Strategien
14. Selbstaufwertung
15. Ablenkung
16. Akzeptieren
17. Depressive Verarbeitung/Resignation
18. Sinngebung
19. Religiosität
20. Compliance-bezogene Strategien
21. Mißtrauen gegenüber den Ärzten
22. Altruismus
23. Zweckpessimismus/Galgenhumor
24. Relativierung durch Vergleich
25. Regressive Wünsche
26. Inanspruchnahme sozialer Unterstützung
27. Sozialer Rückzug
Es ist faszinierend, wie verschieden sich ein und dasselbe Krankheitsbild bei verschiedenen Menschen auswirken kann. Nicht jeder, der eine Krankheit oder eine Verletzung davonträgt, leidet in gleicher Weise darunter.(9) Auch wenn wir unser Leiden normalerweise lieber heute als morgen wieder loswerden möchten: Wir ergreifen psychisch Besitz davon. Wir besetzen das, wovon wir da betroffen sind, mit allen möglichen Vorstellungen über das Warum und Wieso, mit Ängsten und Hoffnungen. Wir machen die Krankheiten zu unseren Krankheiten. Und indem wir das tun, gestalten wir sie mit. Das, was in unserer Psyche vor sich geht, wenn wir eine Krankheit zu der unseren machen, die Frage, welche Bedeutung wir ihr zumessen, schlägt sich ganz zweifelsohne darin nieder, auf welche Weise wir sie bewältigen. Sie spielt eine wichtige Rolle dafür, wie gut wir fertig werden mit dem Leiden, und letztlich wohl auch dafür, wie es faktisch verläuft.(10)
In einer multizentrischen Querschnittuntersuchung 1986/1987 der Universität Freiburg bei 108 Dialyse-Patienten, 79
Herzinfarkt-Patienten, 207 Patienten mit multipler Sklerose und 66 gynäkologischen Carcinom-Patientinnen in der
Nachsorgephase der Erkrankung fanden sich neben einzelnen diagnosespezifischen Verhaltensmodi vier ausgeprägte und
über alle Krankheiten gleichermaßen verteilte Verhaltensweisen:(11)
1. Vertrauenssetzung in die Ärzte,
2. Compliance-bezogene Strategien, d.h. solche, die auf gutem Zusammenwirken von Arzt und Patient beruhen,
3. Kampfgeist
4. Informationssuche.
Als wesentliche Einflußgrößen für den weiteren Verlauf der Erkrankung bzw. für die voraussichtliche Lebensqualität
gaben die Erkrankten an:
1. Fortschritte der Medizin,
2. Internale Faktoren der Einstellung und des Verhaltens,
3. soziale Unterstützung in der Familie.
Auf die Frage: "Was hat ihnen am meisten geholfen, um damit fertig zu werden?" (Coping-Effektivität), nannten die
Patienten der Häufigkeit nach:
1. Kampfgeist,
2. Trost in der Religion,
3. Selbstermutigung,
4. Vertrauenssetzung in die Ärzte,
5. Carpe-diem-Haltung,
6. Informationssuche,
7. Problemlöseanstrengungen.
Das heißt: Die religiösen Ressourcen erweisen sich als zweithilfreichstes Element der Krankheitsverarbeitung!
Dabei läßt sich - soweit dies contentanalytisch meßbar ist - auf der Basis von Gesprächsprotokollen am Krankenbett
zeigen, daß das Grundthema 'Liebe' die vor 'Glaube' und 'Hoffnung' am häufigsten erwähnte Kraftquelle für gelingende
Krankheitsverarbeitung ist.(12) Sie wird wie auch die beiden anderen religiösen Grundthemen überwiegend in der
allgemein-menschlich vermittelten Weise als hilfreich erfahren, wesentlich weniger auf der religiös-kirchlichen Ebene. Die
existentiell-theologische Vertiefung auf die religiös-transzendente Ebene erfolgt gar nur selten - eine Ursache dafür, daß
den Kranken häufig Fragen beschäftigen, die vorher so niemals bestanden. Seelsorgliche Begleitung hat hier neben
menschlicher Begleitung gedanklich viel nachzubereiten.
4. Krankheitsverarbeitung als adaptiver Prozess aus Abwehr und Coping
Ziel jeglicher Adaptation an ein Leben mit Krankheit ist die Sicherstellung der Fähigkeit zur möglichst umfassenden Selbstbestimmung und Selbsterfüllung grundlegender Lebensbedürfnisse, ein möglichst weitgehendes Wachsen und Reifen der Persönlichkeit sowie die Gewährleistung einer möglichst seinsgemäßen Erfahrung von Sinn. Leiderfahrung als mehr oder weniger existentiell erlebter Verlust libidinöser Bezüge wird daher - psycho-logisch evident - beantwortet mit Abwehr.(13) Sie ist ein natürlicher innerseelischer Mechanismus zur Aufrechterhaltung elementarer Funktionen des Ich; sie dient dem Schutz vor Überlastung infolge (noch) nicht vorhandenen Instrumentariums zur suffizienten Anpassung an die neue Situation. Mit zunehmender Ausprägung eines schließlich doch zielführenden mentalen und praktischen Repertoires verliert die in der Regel unbewußte Abwehrhaltung schließlich an Rigidität und gewinnen die eher bewußt initiierten Coping-Strategien(14) an Effizienz.
Diese der menschlichen Psyche offenbar nur so mögliche sukzessive Annäherung an Krankheit, Tod und Leid verdeutlicht etwa das Phasenmodell nach Kübler-Ross(15), wonach sich der Adaptationsprozess über die Schrittfolge Verleugnung, Auflehnung, Verhandeln, Depression und Annahme vollzieht. Und die der menschlichen Psyche offenbar ebenfalls nur stufenweise mögliche Reifung an kritischen Lebensereignissen wird z.B. künstlerisch symbolisiert durch spiralenförmige Darstellungen aller Art als Sinnbilder der Seelenreise.(16)
Dysfunktionale pathologische Krankheitsverarbeitung liegt vor, wenn sie durch Verharren in Abwehr bzw. Abwehrmechanismen charakterisiert ist. Zu diesen zählen etwa Regression, Somatisierung, Wendung gegen die eigene Person, Flucht in Phantasie- und Wunschdenken. Dagegen gilt - wie Ergebnisse aus 15 kontrollierten Carcinom-Studien zeigen - als ausgesprochen günstiges Copingverhalten: sich auf eigene Fähigkeiten besinnen, einen Neuanfang wagen, aktives Zupacken, kognitive Neubewertung, soziale Unterstützung suchen, eine gemäß dem geänderten Anspruchsniveau modifizierte Sinn- und Wertorientierung.(17)
Gerade hier ist wieder die Rolle des Glaubens zu erkennen, sofern er befreiende Horizonte aufzutun vermag.
5. Die Heilkraft des Glaubens
Daß er heilen kann, ist dem Glauben ins Wesen geschrieben. Denn der Heilswille Jesu ist auf eine tiefere als die vom Begriff der Sünde umschriebene Not des Menschen gerichtet.(18) Es ist die Not des unter seiner Lebenslast gebeugten, von den ihm gestellten Aufgaben überforderten, durch die Lebensverhältnisse ins gesellschaftliche Abseits geratenen oder durch Ereignisse wie Krankheit geprüften Menschen.
Der christlichen Botschaft geht es zentral um die Aufrichtung des unter das Joch seiner Todesverfallenheit gebeugten Menschen, weswegen ihre wissenschaftliche Reflexion als "therapeutische Theologie" zu gelten hat. Was sie heilt, ist die aus der menschlichen Kontingenz herrührende Angst, verursacht durch den ungelösten innerseelischen Konflikt zwischen verzweifeltem Willen zum Selbstsein einerseits und dem nicht minder verzweifelten Widerwillen dazu, der elementaren Selbstverweigerung.(19) Nirgendwo wird klarer als hier, worin sich die Liebestat Jesu in seiner Einladung an die "Bedrückten und Bedrängten" (Mt 11,28) bekundet: In einem Akt der Daseinsverwandlung durch innere Versöhnung, durch Annahme seiner selbst; konkret: seiner Grenzen - leidvoll z.B. erfahren in seinen infolge Krankheit nicht wahrnehmbaren Möglichkeiten ebenso wie in der Notwendigkeit der Übernahme von Unabänderlichem als Auf-gabe:(20) Nicht mein, sondern dein Wille geschehe (Mt 26,39).
Die Verwandlungskraft des Glaubens ist es, Destruktives in Konstruktives, Resignation in Hoffnung überführen zu können - über den Weg der spirituellen und praktischen Metanoia. Patienten, die diesen Weg gehen zu lernen haben, empfinden die Glaubensgeschichte der alttestamentlichen Nomaden nach: Ihre Erfahrung von Gott als dem Mitgehenden, der Menschen in Grenzsituationen zu einem ganz neuen Anfang befähigt; durch die Erfahrung des Loslassens entwicklungshemmender irdischer Fixierungen und des Sichanvertrauens an das Fremde und Unbekannte. Festhalten und Loslassen sind ja einander ergänzende Grundformen menschlichen Daseins. Dabei ist das Loslassen die reifere und vollendetere Form des Glaubens gegenüber dem Festhalten. Gerade sie hat darum auch eine besondere Bedeutung für das, was der Glaube in den großen Krisen des Lebens zu bewirken vermag.(21)
Indem der begleitende Beistand des Seelsorgers die Absicht dessen vermittelt, von dem er sich gesandt weiß(22), wird
deutlich, was 'therapeuein' ursprünglich heißt: Dienen, Helfen, Nahesein. Dort, wo Jesus heilt, geschieht dies im Zeichen
der Begegnung mit dem mit-gehenden, gegenwärtigen Gott. Die "heilende Begegnung" ist also eine Ermutigung für alle,
die auf dem Weg sind, über sich hinaus zu wachsen(23) und im Vertrauen auf Gott den Lebensstil Jesu zu wagen.(24)
6. Flankierende psycho-physische Hilfen
a) Ordnungstherapie als Lebenskunstlehre
Die klassischen Aufgaben der Heilkunde waren zu allen Zeiten gleich, wenn auch die Schwerpunkte unterschiedlich gesetzt wurden: Heilen, Lindern, Vorbeugen.
Während mit der naturwissenschaftlich betonten Medizin der Neuzeit stark die "Restitutio ad integrum" mit ihren Möglichkeiten in den Mittelpunkt rückte, war zuvor die Medizin in erster Linie an der Erhaltung von Gesundheit orientiert. In Mesopotamien und Ägypten, im alten Indien wie in China war - als Voraussetzung für Lebensqualität, soziale Organisation und kultivierten Lebensstil - die präventiv zu stabilisierende Gesundheit der Schwerpunkt ärztlichen Handelns. Folglich richtet sich der hippokratische Eid nicht nur an Apollon "den Arzt" und seinen Sohn Asklepios, den Heilgott - beide als "Übelabwehrer" verehrt - sondern gleichermaßen an Asklepios' Töchter Panakeia (die Allheilende) und Hygieia (die Gesundheit).
Die wissenschaftlichen Grundlagen für eine solche gesunde Lebensführung hat Galen, der bedeutende griechische Arzt der römischen Kaiserzeit (129-199), gelegt. Auch für ihn ist das Ziel der Heilkunde die Gesundheit des Leibes und ihr vornehmster Zweck, dieses Gesundsein zu bilden und zu erhalten, ihr Schwinden mit Mitteln der Heilkunde zu verhindern. Galen glaubte nachgewiesen zu haben, daß wir in den gleichen Verhältnissen, die unser Leben schädigen können, auch wieder die heilsamen Ursachen zu suchen haben: in der uns umgebenden Atmosphäre nämlich, in der Nahrung, Bewegung und Ruhe, im Wechsel von Schlafen und Wachen, durch die Ausscheidungen und Absonderungen wie auch in den Leidenschaften. Diese Erkenntnis des Zusammenhangs zwischen Krankheits-disposition und Lebensstil charakterisiert die Heilkunst über Jahrtausende hinweg als eine Naturheilkunde, die sich in ihrer Theorie auf die Lehre von der gesunden Lebensweise (Diätetik) stützt und in ihrer Praxis die Selbstheilungskräfte stärkt und aktiviert. Sie bedient sich jener "Heilkraft der Natur", die in den physiologischen Gegebenheiten (res naturales) liegen, die dann aber jeweils besonderer Prinzipien (res non naturales) bedürfen, um therapeutisch wirksam zu werden.(25)
Während also die Gesundheit als Gegenstandsbereich der Physiologie gilt, die Krankheit als Gegenstandsbereich der Pathologie (res contra naturam), wird die Lebensführung zum bevorzugten Gegenstand der Diätetik und Hygiene, konkretisiert in einem umfassenden Sechs-Punkte-Ordnungsschema.(26) Es geht - für Gesunde wie Kranke - um
- die zuträgliche Gestaltung des Lebensraumes
Wetter und Klima, Luft, Licht, Wasser, Wohnen und Kleidung bilden die ökologischen Rahmen-bedingungen, für deren sinnvolle Nutzbarmachung
der Einzelne und die Gemeinschaft im Interesse leib-seelischer Gesundheit zu sorgen haben.
- die Kultivierung der Lebensmittel
Speise und Trank berühren in ihrer Eigenschaft als Nahrungsmittel, Genußmittel und Heilungsmittel alle Dimensionen menschlicher Existenz; Art und Weise ihres Gebrauchs ist daher Ausdruck und Folge unseres Lebensgefühls.
Als ein Therapeutikum ersten Ranges ist dabei das Fasten zu betrachten, das ja keineswegs nur mit einem zeitweiligen Entzug von Nahrung zu tun hat, sondern durch sein synergistisches Ineinandergreifen von Entgiftung, Entlastung und Neuorientierung eine beachtliche systemische Heilwirkung erzielt.
- die Respektierung der Ordnung der Zeit
Das Auf und Ab der biologischen Funktionsabläufe in und um uns, erforscht von der Chronobiologie, durchwirkt zeitgeberhaft den Gang unseres Daseins. Allein 100 Funktionsgrößen steuern den Jahres-rhythmus des Menschen. Der Sinn solcher biologischer Rhythmen liegt in erster Linie in einer der Lebenserhaltung dienlichen Milieueinordnung zwecks optimaler Lebensentfaltung zu gemäßer Zeit. Die Gefahr für den Menschen besteht in seinen Fähigkeiten, sich von solchen Umwelteinflüssen unabhängig zu machen, mit der Folge von Befindensstörungen; denn die willkürliche Durchbrechung unserer zeitlichen Umweltordnung wird vom Organismus nicht ohne Folgen hingenommen.
- den Ausgleich des Kräftehaushaltes
Die im Alltag so wichtige Dialektik von Bewegung und Ruhe, von Leistung und Erholung, ist in der älteren Medizin immer als ausgewogen zu praktizierendes Wechselspiel betrachtet worden. Diese Grat-wanderung zwischen schädigender Überforderung und schwächender Unterbelastung wird jeden Tag von uns verlangt. Die Art und Weise, wie der Einzelne durch den angemessenen Einsatz und die notwendige Wiedergewinnung seiner Energie auf die Herausforderung des Alltags reagiert, bestimmt entscheidend seine Vitalität und Lebensqualität. Hilfreich ist auch hier die Beachtung der uns von der Natur vorgegebenen Gesetzmäßigkeiten, wie sie im antagonistischen Wirken des "aktivierenden" sympathischen und "regenerierenden" parasympathischen Schenkels des vegetativen Nervensystems grundgelegt ist. Dort, wo ein Übergewicht an Stressoren nicht zu vermeiden ist, kommt es darauf an, diesen etwa durch Änderung von Einstellung und Anspruchsniveau, Ausbau spezifischer Kompetenzen, Einbeziehung entlastender Hilfen etc. angemessen zu begegnen.
- die Pflege des Körpers
Eine Kultur des Leibes umfaßt die Ernährung ebenso wie Gymnastik und Sport, seine Reinigung und Pflege ebenso wie eine ausgeglichene
Gemütsverfassung: auch die Sexualität als personale Erlebensweise von Identität, Beziehung, Fruchtbarkeit und Lust. Was ansteht, ist die harmonische
und dynamische Anpassung des Leibes an seine Lebensbedürfnisse. "Wer nicht an seinen Körper denkt, der fällt ihm zum Opfer" mahnt uns ein altes
Diktum. Umgekehrt vermögen wir aber auch durch die Pflege des Leibes auf unserer mentales Wohlbefinden einzuwirken - eine uralte Erkenntnis,
aufgrund derer die Hygiene des Leibes in ihren Ursprüngen kultisch an alle Religionen gebunden war und auch einen eminent sozialen Stellenwert
hat, insofern etwa Sport und Tanz als Ausdruck von Lust und Freude, aber auch als Übung für Geschicklichkeit und zur Meisterung von Gefahren
dient.
- Förderung der Psychohygiene
In der Tradition der Diätetik kommt der Steuerung der inneren Gestimmtheit eine besondere Bedeutung im Sinne einer geistigen Lebensaufgabe zu. Von nicht zu unterschätzendem Stellenwert für das seelische Wohlbefinden hinsichtlich Ausmaß und Varianz psycho-vegetativer, psycho-nervöser, motivational-aktionaler und persönlichkeitsdynamischer Vorgänge sind die biologischen Neurotransmittersubstanzen Dopergin (als Überträgerstoff für die automatisierten, unwillkürlichen Bewegungen und die Körperhaltung), Noradrenalin (für den Antrieb bzw. die Aktivierung des Sympathicus, der körperlichen und seelischen Leistung) und Serotonin ( für die Entspannung und den Schlaf, die Rekreation, die Verdauungsförderung). Ihre unverantwortliche pharmakologische Beeinflussung durch "Tranquilizer" oder "Energizer" bergen aufgrund dadurch möglicher Erschöpfung biologischer Reserven sowie der konsekutiv einsetzenden Gewöhnung bzw. Sucht ernste Gefahren für die leib-seelische Gesundheit.(27)
Zu erlernen ist z.B. der Abbau "lebensuntüchtiger" Umgangsweisen mit der Wirklichkeit, wie Typ-A-Verhaltensmuster, "erlernte Hilfslosigkeit", negatives Selbstwertgefühl, inadäquater Umgang mit Gefühlen, Rückzugs- und Resignationstendenzen bei psychophysischen Belastungen.
Für den Umgang mit Emotionen, die uns aus dem seelischen Gleichgewicht bringen und in einen hohen Verschleiß psychischer Energie führen, empfiehlt die vorbeugende Psychohygiene Regulative, wie sie uns in reichhaltiger Überlieferung aus alten Kulturepochen schon bekannt sind: Das "einfache, naturverbundene, Gott und den Menschen gefällige Leben".
Eine im Alltag verankerte Religiosität als Regulans des Affektlebens und als Schutzfaktor gegenüber den seelischen Belastungen des Lebens trägt
ihrerseits zur Senkung gesundheitsschädigender Risiken und zur Förderung immunprotektiver Faktoren bei,(28) wie erste vorliegende Erkenntnisse der
Biopsychologie zu belegen scheinen. Nicht zu verkennen ist dabei auch die kathartische Funktion der Beichte einem spirituellen 'Ausleitungsverfahren'
par excellence.
Dieses Ensemble zeitloser Regeln ganzheitlichen Gesundseins kann - Einsichtsfähigkeit vorausgesetzt - von jedermann als erstrebenswerte Orientierung angesehen werden, da elementare Grundbedürfnisse in ihm Erfüllung finden. Wo die Eigenkräfte von Erkrankten dafür nicht mehr genügen, haben die Pflegenden sich darum zu bemühen. So geht es im pflegerischen Dienst nach heutigem Selbstverständnis vorwiegend um Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens (ATL's): Atmen, Bewegen, Kommunizieren, Ernähren, sich Kleiden, sich Pflegen, sich als Mann und Frau Erleben, Schlafen, Sinnfinden bzw. Sterben.(29)
Sowenig der Mensch vom Brot allein zu leben vermag, sowenig können weder die sechs Regelkreise noch die zwölf
lebenswichtigen Aktivitäten hinreichend Lebensqualität(30) sichern, wenn sie nicht ganzheitlich begriffen und auf die
menschliche Tiefendimension hin bezogen werden - auch und gerade dann, wenn jemand von chronischem Leiden
betroffen ist. Und chronisch Erkrankte repräsentieren heute 80% des Krankheitenspektrums, was zu einer generellen
Umorientierung in der ärztlichen, pflegerischen und seelsorglichen Bewältigungshilfe herausfordert.
b) Adjuvante Psychotherapie
Nachdem chronische Erkrankungen, insbesondere das Carcinom über viele Jahre hinweg wissenschaftlich vorwiegend unter ihrem somatischen Aspekt betrachtet wurden, traten in jüngster Zeit erfreulicherweise auch die psychischen und sozialen Aspekte von Langzeit-erkrankungen in den Vordergrund. So werden z.B. heute die Auswirkungen der Erkrankung auf Partnerschaft, Familie und Beruf, eventuelle Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Patienten und ihren Mitmenschen, das subjektive Erleben der Erkrankung sowie die Bedeutung von Strategien zur Verarbeitung der Erkrankung mit in den Blick genommen.
Die Intention der Psychoonkologie(31) ist es, Patienten aufzuzeigen, daß ihre Erkrankung zu einer Art Lehrmeisterin für
das weitere Leben wird. Neben der Erforschung der Wechsel-wirkungen (nicht Ursachen!) zwischen seelischer Verfaßtheit
und Entstehungsbedingungen von Carcinomen, der qualitativen Verbesserung von Vorsorge, Akutbegleitung und
Nachsorge im Zusammenhang mit Krebs, den möglichen Einflüssen von Familieninter-aktionen und sozialer
Unterstützung, der Reflexion von Bedingungen erhöhter Lebens-qualität bei Erkrankten sowie der Optimierung
psycho-physischer Rehabilitationsmaß-nahmen befaßt sich die Psychoonkologie auch mit der Entwicklung
gesundheitspolitischer und volkshygienischer Impulse. Zu den herausragenden Konzepten effektiver psychologischer
Krebstheorien im deutschsprachigen Raum zählt das von M. Hartmann 1991 beschriebene 'Centering-Modell'
psychosozialer Selbsthilfe.(32) Kernstück ist die Hypothese: Auch erkrankte Menschen haben gesunde Anteile, körperlich
und seelisch. Diese zu reflektieren und dabei zur existentiellen "Mitte" der Person vorzudringen ist das therapeutische
Konzept des Modells. Es ist so aufgebaut, daß der Einzelne auf die im Zusammenhang mit der Krankheit stehenden
wichtigsten sieben Bereiche hingewiesen wird, in und mit denen er erlebnisorientiert an der eigenen Person arbeiten kann:
1. Sich bewegen (im Sinne einer ganzheitlichen psycho-physischen und mentalen Mobilität),
2. Sich nähren (im Sinne einer immer neuen Bewußtwerdung, wovon man lebt, auch seelisch),
3. Sich ausdrücken (im Sinne auch zweckfreien Genusses von Spiel und Kreativität),
4. Sich klären (im Sinne einer kognitiven Umbewertung und damit einer Erweiterung der Lebenswirklichkeit in Richtung einer Lebensordnung, die besser zur jetztigen Lage der Person paßt),
5. Sich austauschen (über verschiedenste primäre und sekundäre Sozialkontakte, wozu auch Beziehungsklärung zu den eigenen Angehörigen zählt - etwa bezüglich der Frage, wie weit Erkrankung/Hilfsbedürftigkeit/Pflege als Belastung für andere empfunden wird),
6. Sich finden (im Sinne von Wahrnehmung der Wurzeln der eigenen Existenz, auch mit Hilfe philosophischer, religiöser, spiritueller Reflexion. Es müsse - so Le Shan(33) - von der Mentalität abgekommen werden, den erkrankten Organismus mit den Augen eines "Mechanikers" zu reparieren, vielmehr gehe es mit der Einstellung eines "Gärtners" um Pflege von Entwicklung und Erhalt dessen, was ist),
7. Sich entspannen (im Sinne von sich Lösen von unguten Fixierungen und "Loslassenlernen" hin auf Wesentliches).
Ziel der Bemühungen ist es, daß der Erkrankte sein Befinden positiv beeinflussen und sich als aktiv und bewußt handelnd
erleben kann. Es werden die tatsächlich vorhandenen objektiven Gegebenheiten respektiert und es wird keinerlei
Wunschdenken benutzt, um über diese Realitäten hinweg zu täuschen.
c) Nachsorge und Rehablilitation
Nachsorge(34) ist bemüht um Durchführung von Zusatzbehandlungen zur Stützung des Therapieerfolges, um Diagnose und Therapie von Behandlungsnebenwirkungen, um Vorbeugung gegen Befundverschlechterung, um Erkennung und Therapie von Rezidiven oder Metastasen, um Einleitung von Rehabilitationsmaßnahmen, um menschlich helfende Zuwendung, Stützung und Beratung.
Vorwiegend am somatischen Geschehen orientiert sind die teilweise schon standardisierten Nachsorgeprogramme bei Carcinomerkrankungen (Ca-Nachsorgepass).
Vorwiegend am seelischen Geschehen orientiert sind z.B. die von der Psychoonkologie initiierten Bewältigungshilfen. Hierzu zählen auch die Angebote der Selbsthilfegruppen für Betroffene und Angehörige sowie seelsorgliche Hilfen.
Vorwiegend an der sozialen Reintegration orientiert sind die rehabilitativen Maßnahmen von Versicherungsträgern, Arbeitgebern und sozialcaritativen Einrichtungen. Sie haben als Ziel die Wiedereingliederung körperlich, geistig-seelisch oder sozial stigmatisierter Personen in das Berufs- und Privatleben, und damit negative Auswirkungen der Erkrankung auf das gesellschaftliche Leben der Betroffenen möglichst zu vermeiden.(35)
Sämtliche präventiven, diagnostischen, therapeutischen, adjuvanten und konsekutiven medizinischen Maßnahmen
unterliegen heute dem Leitbegriff Lebensqualität. Er dient, auch wenn er nicht leicht zu definieren ist, als
- Bewertungskriterium in der Nutzen-Lasten-Abwägung etwa bei der rezidivprophylak-tischen Langzeitmedikation (Psychosen, Rheuma etc.),
- Indikationskriterium akuter, besonders aber langfristiger medikamentöser Symptomsup-pression im Hinblick auf verschiedene Krankheiten (Methadon-Substitution, Tranquilizierung etc.),
- Evaluationskriterium der Langzeitversorgung chronisch Kranker (Beendigung lebenser-haltender Behandlung,
Sterilisation nicht einwilligungsfähiger geistig Behinderter etc.).
Dabei ist hervorzuheben, daß der Kranke seine Lebensqualität oft anders erlebt als sie der Arzt einschätzt. Ein Grund
liegt darin, daß für den Patienten meist die aktuelle, für den Arzt jedoch nicht selten die zukünftige Lebensqualität im
Vordergrund steht, und schließlich daß neben der Lebensqualität des Kranken auch die Lebensqualität von Angehörigen
und Pflegepersonal von nicht zu unterschätzender Bedeutung für praktische Entscheidungen ist. Der historisch erste
Versuch, den Allgemeinzustand eines Patienten qualitativ zu charakterisieren, ist der sog. Karnofsky-Index:(36)
100 Normale Aktivität, keine Beschwerden, kein Hinweis für Tumorleiden
90 Geringfügig verminderte Aktivität und Belastbarkeit
80 Normale Aktivität nur mit Anstrengung, deutlich verringerte Aktivität
70 Unfähig zu normaler Aktivität, versorgt sich selbständig
60 Gelegentliche Hilfe, versorgt sich noch weitgehend selbst
50 Ständige Untersützung und Pflege, häufige ärztliche Hilfe erforderlich
40 Überwiegend bettlägerig, spezielle Hilfe erforderlich
30 Dauernd bettlägerig, geschulte Pflegekraftnotwendig
20 Schwerkrank, Hospitalisierung, aktive supportive Therapie
10 Moribund
7. Die Bedeutung sozialer Netzwerke
a) Der Benefit sozialen Rückhalts
56 verheiratete Männer, die sich einer coronaren Bypass-Operation unterziehen mußten, wurden aufgrund der Besuchshäufigkeit durch ihre Ehefrauen in zwei Gruppen aufgeteilt: Gut und schwach Unterstützte; bei den gut Unterstützten verlief der Genesungsprozeß günstiger, sie konnten im Durchschnitt früher aus dem Krankenhaus entlassen werden.(37)
Sozialer Rückhalt als Genesungfaktor äußert sich unter quantitativ-strukturellen Aspekten, d.h. dem Ausmaß und Vernetzungsmuster sozialer Integration, sowie qualitativ-funktionalen Aspekten (social support) d.h. der Intensität subjektiv wahrgenommener und realiter erhaltener Unterstützung. Interessant dabei ist die in ca. 80 empirischen Studien bei mehr als 60.000 Personen erhobene Beobachtung, daß auch in großem Umfang tatsächlich geleistete Hilfe vom Patienten nicht so wohltuend erlebt wird und daher weniger Symptommilderung zur Folge hat, wenn er sie nicht gleichzeitig auch als wirklich erfahrene Hilfeleistung begreift.(38) Und umgekehrt: Dort, wo helfendes Engagemant etwa wegen Wahrnehmungsseinschränkung vom Betroffenen nicht (mehr) erkannt werden kann, neigen Pflegende - insbesondere pflegende Angehörige, die keiner beruflich-sozialen Einbindung wie professionelles Pflegepersonal unterliegen, zu Überlastungssyndromen somatischer, psychischer oder psychosomatischer Art: 80% der pflegenden Angehörigen berichten über Rücken-, Nacken-, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Magenbeschwerden usw. Außerdem leiden, obwohl jede(r) Dritte der pflegenden Angehörigen 80% ihrer verfügbaren Zeit für die Pflege aufwendet, nicht wenige unter Schuldgefühlen infolge echter oder vermeintlicher Inkompetenz oder Aggressionstendenzen gegenüber dem Pflegling oder gar sich selbst. Ungelöst ist für viele der sogenannte "Lebensformkonflikt" - eine nicht gelungene Kompromißbildung zwischen dem, was man sich selbst zu gönnen und dem, was man dem Pflegling zu schulden glaubt.(39)
So ist es evident, daß Angehörigenarbeit als ergänzende Hilfe für pflegende Familien-mitglieder zu den elementaren
seelsorglichen Aufgaben diakonischer Hilfe zählt. Unter-stützung bei der Betreuungsarbeit geben seit vielen Jahren schon
die Caritas-Konferenzen Deutschlands.
b) sozio-therapeutische Ansätze
Sie umfassen alle Verfahren, mit denen eine Erkrankung durch Veränderung des sozialen Kontexts des Patienten günstig
beeinflußt werden sollen, etwa unter Einbeziehung von Angehörigen in den therapeutischen Prozeß (Angehörigengruppe),
die Schaffung eines Netzes sozialer Beziehungen (Resozialisation) sowie durch Wohnungs- und Arbeits-platzsicherung bzw.
-beschaffung (Rehabilitation). Der sozialisationstheoretische Ansatz betont die Interdependenz von personalen und sozialen
Faktoren bei der Gesundheits- und Krankheitsgenese(40)
8. Optionen für die seelsorgliche Gesprächsführung mit Kranken
1. Grundvorraussetzung: Hermeneutische Kompetenz
Im Zentrum des Krankenbesuchs sollte die Suche nach dem Zustand der Seele des Patienten stehen, ein echtes Interesse
an seinen jetzt ganz aktuellen Sehnsüchten, Wünschen und Hoffnungen in seiner Erkrankung, sowie seinen ganz konkreten
Enttäuschungen, Ängsten und Sorgen aufgrund seiner derzeitigen Lage. Die nach wie vor beste Anleitung zu den hierfür
erforderlichen elementaren Grundhaltungen sozialkommunikativen und praktischen Hilfehandelns sind die auf dem
Konzept der humanistischen Psychologie Carl Rogers' basierenden Variablen emotionale Wärme, Transparenz und
Empathie. In ihrem gedeihlichen Klima erfolgt nachgewiesenermaßen ein für die Neuorientierung Suchender reflexions-
und entwicklungsfördernder Prozess. Gleichwohl wird etwa die auf die Bedeutung für den Patienten bezogene
Verbalisierung emotionaler Erlebnisinhalte nur in dem Maße zutreffend und damit zielführend ausfallen können, in dem
auch Vorstellungen von den psycho-physischen, innerpsychischen und pathophysiologischen Mechanismen des durch
Krankheit getönten Erlebens, Verhaltens und Bewältigens bestehen. Sie sollten einem Krankenseelsorger geläufig sein,
wenn er den ihm immer wieder zugeschriebenen Platz innerhalb des therapeutischen Teams adäquat wahrnehmen will.
2. Grundvoraussetzung: intellektuelle Weite
Sich sorgend um seelisches Wohlbefinden von Leidenden zu kümmern ist ein komplexes Unterfangen, an dem
verschiedene helfende Disziplinen unter je eigener Perspektive beteiligt sind. Gegenseitiger Respekt und Kooperationswille
sind daher Grundbedingungen für die Effizienz gemeinsamen Engagements auch bei eventuell unterschiedlichen
diagnostischen und therapeutischen Ausgangshypothesen sowie bei der ethischen Bewertung bestimmter Forschungskonzepte. Der Stellenwert des Seelsorgers in dieser konzertierten Interaktion wird dabei umso klarer erkennbar sein, je
überzeugender das von seiner Botschaft geprägte menschliche Profil und theologisch-pastorale Ziel ist. Dazu gehört auch
ein auf sicherem Standort und gegenseitiger Kenntnis beruhender angst- und vorurteilsfreier Dialog mit konfessions- und
glaubensverschiedenen bzw. -losen Gesprächspartnern.
3. Grundvoraussetzung: spirituelle Identität
Die psychische Verfaßtheit Leidender ist charakterisiert durch das Bedürfnis nach Erlösung von lebensbeeinträchtigender und Befreiung zu lebenserfüllender Existenz. Häufig ist solches Heilwerden nicht anders zu erlangen als durch modifizierte Erwartungshaltung und sinngebende Einstellung gegenüber aktiv Unveränderlichem. Leidensfähigkeit indessen korreliert mit der Fähigkeit zur Askese, jener geistlichen Übung des freiwilligen Verzichts, die das Leben nicht ärmer, sondern reicher macht. Ein authentischer asketischer Lebensstil des Seelsorgers kann so zum Modell für den mit seinen begleitenden Gesprächen zu fördernden Mut zum 'Loslassenkönnen' werden.
1. Vgl. Andrea Abele; Peter Becker (Hrsg.): Wohlbefinden. Theorie-Empirie-Diagnostik. München, 1991, 297- 325.
2. Vgl. Gilbert Schmid: Seelische Gesundheit - Kraft zum Menschsein. In: Josef Ernst; Stephan Leimgruber (Hrsg): Surrexit Dominus vere. Die Gegenwart des Auferstandenen in seiner Kirche. Festschrift für Erzbischof Dr. Johannes Joachim Degenhardt. Paderborn, 1995, 543-558.
3. Vgl. Gerhard Schüssler: Bewältigung chronischer Krankheiten. Göttingen, 1993.
4. Helga Lemke: Seelsorgerliche Gesprächsführung. Gespräche über Glauben, Schuld und Leiden. Stuttgart, 1992, 166f.
5. Vgl. Die Deutschen Bischöfe: Rahmenordnung für die Priesterbildung. Hrsg. vom Sekretariat der deutschen Bischöfe. Bonn, 1994.
6. Vgl. E. Heim: Krankheitsauslösung - Krankheitsverarbeitung. In: E. Heim; J. Willi (Hrsg.): Psychosoziale Medizin - Gesundheit und Krankheit aus bio-psycho-sozialer Sicht. Bd. 2, Berlin, 1986, 343-390.
7. Fritz A. Muthny: Forschung zur Krankheitsverarbeitung und psychosomatische Anwendungsmöglichkeiten. In: Deutsches Ärzteblatt 91 (1994) A 3090-3107.
8. Muthny (s. Anm. 7), 3093.
9. Vgl. Lynn Payer: Andere Länder, andere Leiden. Frankfurt, 1993.
10. Vgl. Ellen Fischer: Warum ist das gerade mir passiert? Freiburg, 1993.
11. FritzA. Muthny et al.: Laienätiologien und Krankheitsverarbeitung bei schweren körperlichen Erkrankungen. In: Psychother. Psychosom. med. Psychologie 42 (1992) 41-53.
12. Vgl. Karl-Josef Ludwig: Kraft und Ohnmacht des Glaubens. Mainz, 1988, 145 ff.
13. Vgl. Winfried Ehlers: Die Abwehrmechanismen. Definitionen und Beispiele. In: Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik 28 (1993) 55-66.
14. Vgl. Edgar Heim: Coping oder Anpassungsvorgänge in der psychosomatischen Medizin. In: Zeitschrift für Psychosomatik 25 (1979) 251-262.
15. Vgl. Elisabeth Kübler-Ross: Interviews mit Sterbenden. Gütersloh, 1980.
16. Vgl. Erika Schuchardt: Warum gerade ich? Göttingen, 1993.
17. Vgl. Schüssler (s. Anm. 3), 37-39.
18. Vgl. Helmut Jaschke: Der Heiler. Psychotherapie aus dem Neuen Testament. Freiburg, 1995.
19. Vgl. Eugen Biser: Kann Glaube heilen? Zur Frage nach Sinn und Wesen einer therapeutischen Theologie. In: Kurt Krenn et al (Hrsg.): Archiv für Religionspsychologie. Bd. 21, Göttingen, 1994, 19-36.
20. Vgl. Viktor Frankl: Der Mensch auf der Suche nach Sinn. Freiburg, 1973.
21. Vgl. Josef Mayer-Scheu; Rudol Kautzky (Hrsg.): Vom Behandeln zum Heilen. Freiburg/Göttingen, 1980.
22. Vgl. Viktor Gisbertz: Ist einer von euch krank... . Würzburg, 1991,43 f.
23. Vgl. Karl-Heinz Ladenhauf: Ihr werdet Aufatmen finden für euer Leben. In: Hubert Windisch (Hrsg.): Seel sorge neu gestalten. Graz, 1995, 35-58.
24. Vgl. Rolf Zerfass: Menschliche Seelsorge. Freiburg, 1988, 90.
25. Vgl. Hans-Dieter Hentschel (Hrsg.): Naturheilverfahren in der ärztlichen Praxis. Köln, 1991.
26. Vgl. Heinrich Schipperges et al.: Die Regelkreise der Lebensführung. Gesundheitsbildung in Theorie und Praxis. Köln, 1988.
27. Vgl. Sibylle u. Wolfgang Klosterhalfen: Psychoimmunologie. In: Thure von Uexküll: Psychosomatische Medizin. München, 1995, 145-160.
28. Vgl. Manfred Schedlowski: Streß, Hormone und zelluläre Immunfunktionen. Heidelberg, 1994, 53. Auch: Dieter Findeisen; Ludwig Pickenhain: Immunantwort und Psyche. Stuttgart, 1990, 63.
29. Vgl. Walter Maletzki; Angelika Stegmayer-Petry: Klinikleitfaden Krankenpflege. Neckarsulm, 1995.
30. Vgl. Jürgen Weber: Lebensqualität: Messung und Ergebnisbeurteilung. In: Deutsches Ärzteblatt 92 (1995) 1286.
31. Vgl. Rolf. Verres: Die Kunst zu leben. Krebsrisiko und Psyche. München, 3 1994.
32. Matthias Hartmann: Praktische Psycho-Onkologie. Therapiekonzepte und Anleitungen für Patienten zur psychosozialen Selbsthilfe bei Krebserkrankungen. München, 1991.
33. Lawrence Le Shan: Psychotherapie gegen den Krebs. Stuttgart, 1992, 54. Ähnlich: O.Carl Simonton et al.: Wieder gesund werden. Reinbek, 1989.
34. Vgl. D. v. Fournier; H. Junkermann: Grundlagen der Tumornachsorge. In: Heinrich Schmidt-Matthiessen (Hrsg.): Klinik der Frauenheilkunde und Geburtshilfe. Bd. 10: Allgemeine gynäkologische Onkologie. München, 3 1991, 319-339.
35. Vgl. H. Junkermann et al.: Rehabilitation und soziale Hilfe. In: Schmidt-Matthiesse (s. Anm. 34), 341- 350.
36. beschrieben in: Cancer 1 (1948) 634-650.
37. Vgl. Ralf Schwarzer; A. Lebbin : Sozialer Rückhalt, Krankheits- und Gesundheitsverhalten. In: Ralf Schwarzer: Gesundheitspsychologie. Berlin, 1990, 395-425.
38. Vgl. Ralf Schwarzer : Psychologie des Gesundheitsverhaltens. Göttingen, 1992.
39. Vgl. I. Lietz et al.: Zur Situation pflegender Angehöriger. In: Caritasjahrbuch 1993, 124.
40. Vgl. Klaus Hurrelmann: Sozialisation und Gesundheit. In: Ralf Schwarzer (Hrsg): Gesundheitspsychologie, Berlin, 1990, 93-101.