ThGl 87 (1997) 173 - 176

Kirche in der Fremde

von Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt(1)

Vor einigen Jahren ist ein Buch des holländischen Studentenpfarrers Bernard Rootmensen erschienen mit dem Titel Vierzig Worte in der Wüste.(2) In diesem Buch wird der gegenwärtige Wandlungsprozeß der mitteleuropäischen katholischen Kirche verglichen mit dem Wüstenzug Israels. Die Kirche werde aus jahrhundertelang vertrauten Lebens- und Strukturformen herausgerissen. Sie müsse sich auf einen mühsamen Weg durch versteppte, verwehte und verwüstete Landstriche machen; verborgene Quellen des Glaubens und Oasen der Hoffnung neu entdecken und hoffen, daß Gott in all dem sein Volk nicht verläßt.

Wo befinden wir uns zur Zeit auf diesem Wege? Was können wir tun, um uns vor Wehleidigkeit, Überdruß, Bitterkeit, Kleinmut, zermürbenden Selbstvorwürfen oder Verteufelung anderer zu bewahren?

Was uns das Leben in der deutschen Kirche zur Zeit schwierig macht, sind nicht zuerst unsere innerkirchlich hausgemachten Schwierigkeiten. Die eigentliche Wurzel der gegenwärtigen Überlebenskrise steht vielmehr im engen Zusammenhang mit der gesamten modernen oder postmodernen Kultur und ihrer Lebens- und Überlebensfrage. Als Kirchen sind wir massiv in die gegenwärtigen Krisenphänomene unserer neuzeitlichen Kultur verstrickt.

Die heutige Moderne oder Postmoderne hat ihr Charakteristikum in der grundsätzlichen Veränderlichkeit aller Dinge und Zustände. Nicht mehr die Tradition gibt die Maßstäbe unserer Kultur, auch nicht mehr der Fortschritt, vielmehr wird der unaufhörliche Wandel zum jeweils Neuen als eigentlicher Wert in sich angesehen. Die Zukunft ist nur noch der Raum des Möglichen für alles, was einigermaßen der Steigerung einer ersehnten Lebensqualität für die Einzelnen und ihre kleinen Lebenswelten dienen kann.

Die katholische Grunderfahrung von der Menschwerdung, vom Leben, Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi - das alles als bleibend verbindlicher Grund des Volkes Gottes über alle Zeiten und Räume hinweg überliefert und stets neu vergegenwärtigt - steht zu dieser Grundauffassung der Moderne im Gegensatz. Daraus entsteht eine wachsende Fremdheit der Gläubigen mit anderen Zeitgenossen. Die früher selbstverständliche Erfahrung, daß das Volk Gottes Fremdling in dieser Welt ist, wird den Gläubigen heute wieder zugemutet.

Es hat keinen Sinn, nur gegen die Moderne zu schimpfen. Natürlich gibt es auch positive Aspekte und Brückenanknüpfungspunkte für die christliche Botschaft. Allerdings müssen all diese Anknüpfungspunkte vom Glauben her verstanden und deshalb unter Umständen auch differenziert in positive Aspekte und negativ zu beurteilende Tendenzen unterschieden werden.

Ich nenne nur die Betonung des eigenen Gewissens als letzte Entscheidungsinstanz in allen ethischen Fragen, das Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung in der persönlichen Lebensgestaltung, die hohe Wertschätzung von Mitverantwortung und Partizipation. Die Kehrseiten dieser modernen Werte müssen jedoch auch gesehen werden, z. B. Beliebigkeit und Oberflächlichkeit, Unverbindlichkeit und Individualismus, Gleichgültigkeit und Indifferenz, Kult von Selbstverwirklichung.

Die Fremdheitserfahrung innerhalb der modernen Kultur kann für Gläubige, für Gruppen und Gemeinden zu einer befreienden Herausforderung werden, wenn sie uns an die Ursprünge heranführt, die uns neue Klarheit und neuen Lebenswillen schenken. Der moderne Mensch ist kritisch gegenüber Institutionen. Das trifft die Kirche als Institution. Sie wird weniger als Glaubensgemeinschaft gesehen, sondern mehr als Amtskirche, als öffentliche Organisation zur Angstbewältigung; Hilfe in Sinnkrisen, rituelle Integration individueller und familiärer Lebenssituationen und ähnlichem. Eine personale Bindung an ein göttliches Du ist vielfach auch bei aktiv im kirchlichen Leben tätigen Menschen kaum oder nicht mehr vorhanden. Der christliche Glaube etwa als Glaubensbekenntnis, als Dogma, als kirchliche Tradition ist vielfach dem modernen religiösen Empfinden völlig unverständlich. Religion gilt weithin als rein subjektive Gefühlssache, die nicht verbindlich formuliert werden kann.

Es kann sein, daß die Trauer über den verlorengegangenen Glauben an den christlichen Gott, über die eigene Unfähigkeit zu glauben, nicht spurlos an vielen Menschen vorübergegangen ist. Die Verarbeitung geschieht durch eine oft ungerechte Schuldzuweisung an die Kirche: Sie ist schuld daran, daß wir nicht mehr an Gott glauben können. Einer so unmenschlichen erstarrten Institution kann man nichts glauben. Deshalb taugt auch ihre Glaubensbotschaft nichts. Hinzu kommt im kirchlichen Leben eine Hilflosigkeit, den Glauben an Gott als personale Quelle allen Lebens zu verkünden, und zwar so, daß der Funke bei den Menschen überspringt, daß sie mit Herz und Kopf verstehen, so daß sie es als befreiend empfinden können, auf diesen Gott ihr Leben zu gründen, ihm mit Jesus Christus nachzufolgen und an seinem Reich mitzubauen. Dieser Kern der christlichen Botschaft kann immer schwieriger, sei es in Wort oder durch unser Leben, überzeugend vermittelt werden, denn Familie, Religionsunterricht, Katechese, Predigt, Jugendarbeit und ähnliches greifen nur noch vereinzelt. Fast allein wirken persönliche Beziehungen, Gespräche und Vorbilder. Die zentralen Realitäten unseres Glaubens - Gott, Schöpfung, Erlösung, Jesus Christus, Gnade, Sünde, Heil, Auferstehung - werden in vielen Herzen der mittleren und jüngeren Generation nicht verstanden. All das läßt diese Menschen kalt. Sie empfinden es als bedeutungslos, so daß man von einer Gottesfinsternis oder einem Verdunsten des Glaubens sprechen kann.

Das wird ein Grund sein für die religiöse Unwirksamkeit weiter Teile der kirchlichen Jugendarbeit und der geringen Zahlen der Priesterkandidaten, der massive Rückgang der Ordensberufe, die unklare Rolle der Kirche in der modernen Gesellschaft überhaupt. Man kann ja fragen, was ihre Sendung ist, wenn der persönliche Glaube an Gott so wenig gefragt ist. Wenn der Durst nach Gott anders gelöscht wird, warum braucht man dann noch die Verkündigung der Kirche? Auch im eigenen Familien-, Freundes- und Wirkungskreis stellt man Entfremdung vom kirchlichen Leben fest.

Was kann jeder persönlich tun, um in dieser Situation der Kirche und der Glaubenden nicht auszutrocknen und zu verdursten, müde und schlaff, zynisch oder bitter zu werden?

1. Zuerst wird es sicher darum gehen, sich ein realistisches Bild der Kirche zu machen. Durch die Kenntnis größerer Zusammenhänge läßt sich vieles besser verstehen und einordnen; da merken wir, daß wir als Kirche an vielen Entwicklungen nicht unmittelbar schuld sind und deswegen zunächst auch gar nicht sehr viel ändern können. Das bewahrt uns vor dem verbreiteten innerkirchlichen Kritizismus, dem Masochismus unter Engagierten, der durch seine unbarmherzige Kirchenkritik, durch sein ewiges unproduktives Kreisen um die gleichen ungelösten Probleme und durch ständige Forderungen an die Kirche und die Kirchenleitung jeden Keim der Freude in der Kirche und an der Kirche tötet.

2. Wichtig ist auch, sich ehrlich die eigene Ratlosigkeit einzugestehen, die uns befällt, wenn wir Ansätze für einen neuen Aufschwung der Kirche hier bei uns suchen. Man hat viele gute Ideen und Programme, man spricht von der Neu-Evangelisierung Europas, aber eigentlich weiß keiner, wie diese Ideen in die Realität umgesetzt werden können, damit sie auf breiter Ebene wirksam werden. Weder der langsam beginnende Dialog der Kirche mit der modernen Kultur noch die Konfrontation mit dem Evangelium im Sinne evangelikaler oder freikirchlicher Missionsmethoden, noch eine Abschottung gegen die Moderne im kirchlichen Binnenraum zeigen sich als erfolgreich. Vielmehr machen wir die Erfahrung einer zwar materiell reichen, aber doch spirituell armen und ratlosen Kirche. Können wir etwa im privaten Bereich Kinder, Enkel, Freunde oder Partner ihren eigenen von unserem Glauben wegführenden Weg gehen lassen, ohne sie mit Vorwürfen, mit Druckmitteln oder mit der Minderung unserer Zuneigung zu strafen?

3. Wir sollten ganz selbstverständlich das Gebotene tun, nämlich Treue, selbstverständliche Pflege unserer zentralen Glaubensvollzüge: Das persönliche und gemeinsame Beten, der ansprechend gestaltete Gottesdienst, das persönliche und gemeinsame Lesen in der Heiligen Schrift, das Gespräch über unseren Glauben, das absichtslose Tun der Nächstenliebe, die christliche Motivation im Alltag und in der beruflichen Arbeit und ähnliches. Dem Herrn gegenüber kann nicht kritisches Bewußtsein, sondern nur gläubige Annahme seines Anspruchs der Maßstab sein.

4. Schließlich sollten wir die größere Weite und Universalität unserer Kirche im Blick behalten. Gewiß ist es gut so, daß im Glauben und in der Kirche kleine überschaubare Gemeinschaften gesucht werden, die Heimat und Geborgenheit geben können, aber darüber dürfen wir die überörtliche, übernationale weltweite Gemeinschaft der Kirche nicht mißachten. Unsere Kirche umfaßt den Einzelnen, kleine Gemeinschaften, Gruppierungen, Gemeinden, Bistümer, Kontinentalkirchen und die Weltkirche. Das steht manchmal in Spannung, bewahrt aber auch davor, provinziell nur unsere eigene Kirchenperspektive zu sehen. Wir könnten lernen, den ungeheuren spirituellen und kulturellen Reichtum der Kirche in den verschiedenen Ländern und Kontinenten wahrzunehmen, uns daran zu freuen und uns beschenken zu lassen.

Mein Wunsch ist, daß wir Gelassenheit, Zuversicht und Freude wirksam werden lassen. Ich wünsche allen Mitgliedern und Angehörigen der Theologischen Fakultät im kommenden Studienjahr Vertiefung und Verlebendigung des Glaubens und ein theologisches Denken, das kritisch und bejahend, betend und reflektierend, aus dem katholischen Glauben kommend und diesen Glauben durchdenkend ist. Ich wünsche den Professoren und Studenten guten Erfolg dazu!

1. Ansprache des Magnus Cancellarius bei der Akademischen Feier der Theologischen Fakultät Paderborn zur Eröffnung des Studienjahres 1996/97.

2. Bernard Rootmensen: Vierzig Worte in der Wüste. Werkbuch für Gemeinden zur Krise von Kirche, Glaube und Kultur. Düsseldorf: Patmos, 1991. - 183 S. Zu den folgenden Ausführungen vgl. auch Medard Kehl: Wohin geht die Kirche? Eine Zeitdiagnose. Freiburg u.a.: Herder, 1996.- brosch., 173 S.