ThGl 87 (1997) 260 - 265

Das Partizip in Eph 1,23(1)
von Georg Korting

Kurzinhalt - Summary:

Kann das Partizip pleroumenou in Eph 1,23 gleichzeitig aktivisch und passivisch sein? Ja, wenn wir es verstehen als einen grammatischen Semitismus, das heißt als Partizip Hophal, so daß zu übersetzen ist: "... (die Fülle) dessen, der (von Gott) dazu gemacht (eingesetzt) worden ist, alles in allen zu erfüllen."

The participle pleromenou in Ephesians 1.23 may be both active and passive voice at the same time, if we take it as a grammatical semitism, i.e. a participle hophal so that we should translate: "... (the fullness) of him who is made (installed) (by God) to fill the whole creation."


Stand der Diskussion und neue Hypothese

Ungeklärt ist, ob das Partizip pleroumenou in Eph 1,23 im Passiv oder im Medium (dann mit einem reflexiven oder aktivischen Sinn) steht. Für jede Annahme gibt es gute Argumente.(2)

Die folgende Hypothese versucht die Quadratur des Zirkels, indem sowohl die aktive als auch die passive Bedeutung verteidigt wird, dies aber nicht in der Koexistenz beider Annahmen, sondern in einer Synthese. Es ist sicher nicht falsch zu sagen, daß sowohl die eine Hypothese als auch die andere recht hat oder haben könnte - eben weil für beide gewichtige Argumente angeführt werden können. Dies ist jedoch nicht mein Ziel. Mir geht es darum zu zeigen, daß schon grammatisch gesehen die aktive Bedeutung mit der passiven eine Einheit bildet. Wie soll das möglich sein?

Grundvoraussetzung der folgenden Hypothese ist die Annahme, daß in der Sprech- und Schreibweise der Autoren des Neuen Testamentes nicht nur einzelne Hebraismen im lexikalischen Sinne auftauchen oder daß in dichterischen Kompositionen Gestaltungsmittel des ersten Testamentes (wie etwa der "Parallelismus membrorum") verwandt werden, sondern daß auch hier und da grammatische Eigentümlichkeiten des Hebräischen in griechischem Gewand erscheinen.(3) Für Paulus, den griechischsprechenden Hebräer, den Pharisäer und Sohn eines Pharisäers, von dem überliefert ist, daß er das Volk auch mal "hebräisch" anredete (Apg 21,40; 22,2; vgl. Phil 3,5; Röm 11,1; Apg 23,6), ist die theologische Beeinflussung durch das "alte" Testament unbestritten. Man wird aber nicht fehlgehen in der Annahme, daß weder er noch seine Nachfolger intendierten - sofern sie wie er zweisprachig waren -, eine gewisse unvermeidliche Beeinflussung des Griechischen durch das Hebräische vollständig und bewußt auszuschalten.

Das Part. pleroumenou - so die Hypothese - ist zwar griechisch geschrieben, aber hebräisch gedacht, und zwar als Partizip Hophal. Das Hophal ist das Passiv des Hiphil. Das Hiphil drückt die kausative Funktion aus. Aus "gerecht sein" wird so z.B. "gerecht machen" oder aus "beaufsichtigen" "jem. beaufsichtigen lassen, d.h. zum Aufseher machen oder jem. zur Aufsicht übergeben".(4)

So wäre also zu übersetzen: "... der Kirche, welche sein Leib ist, die Fülle dessen, der (von Gott) dazu gemacht (= ausersehen, erwählt) worden ist, alles in allen zu erfüllen."

Kausative o-Kontrakta und lexikalische Hebraismen

Da die o-Kontrakta im Griechischen - und pleroo gehört zu ihnen - eine kausative Bedeutung haben ("hineinführen in einen angegebenen Zustand"(5), vgl. axioo - würdig machen; dikaioo - Recht verschaffen, rechtfertigen, als gerecht hinstellen; koinoo - gemein machen; euodoo - gelingen lassen), liegt schon von daher prinzipiell das Hiphil bzw. - für die Passivformen - das Hophal als Vergleichsgröße nahe.

Für dieses Argument spricht auch die Tatsache, daß die Übersetzer der LXX einigen intransitiven griechischen Verben - meist solchen, die einen Zustand, ein Sein bezeichnen - eine kausative (faktitive) Bedeutung unterlegen und sie dadurch transitiv machen, und zwar nicht selten wegen des zugrundeliegenden im Hiphil oder Piel stehenden hebräischen Wortes. In den meisten Fällen ist diese kausative Bedeutung durchaus im Griechischen vorgesehen, möglich oder verständlich, wenn auch nicht immer weit verbreitet.(6) Es scheint aber auch Fälle zu geben, in denen die transitive Bedeutung des griechischen Verbs erst durch das übersetzte hebräische neu hinzukommt. Nur drei dieser "lexikalischen" Hebraismen will Helbing ausfindig gemacht haben: examartanein, das normalerweise "fehlen, sich vergehen" bedeute, bekommt nun - in Anlehnung an das Hiphil von chatha - mit dem Akkusativ die Bedeutung "verführen, zur Sünde verleiten" (1 Kön 15,26 en tais amartiais autou hais exemarten ton Israel, 15,30.34; 16,2.13.19.26; 20,22; 22,53; 14,16; 2 Kön 1,18c.3,3; 10,29.31; 13,2.6.11; 14,24; 15,9.18.24.28; 17,21; 21,16; 23,15; Koh 5,5; Jer 39(32),35), kataskenoun = wohnen, bewohnen, jetzt plötzlich "wohnen lassen" wegen des Piel von schachan (Num 14,30; Neh 1,9; Esra 6,12; Jer 7,12; Ps 77(78),55; 22(23),2; 7,6) sowie parazeloun - eifern, sich ereifern, das die Bedeutung annimmt "einen sich ereifern lassen, den Eifer, den Zorn erregen" (Deut 32,21; 1 Kön 14,22; Ps 77(78),58).(7) Nun ist klar, daß pleroo von sich aus schon eine transitive Bedeutung hat, die nicht erst durch einen hebräischen Hintergrund neu hinzutreten müßte. Wohl aber kann das Beispiel den Blick schärfen für den möglichen kausativen (Hophal-) Hintergrund des griechischen Partizips, das dann auch in der Lage ist - als eine Aktivform - einen Akkusativ (wie panta) nach sich zu ziehen.

Dieser Akkusativ nach einem Kausativ ist durchaus etwas anderes als ein Akkusativ nach einem Partizip Passiv(8) (wie in Kol 1,9 ina plerothete ten epignosin tou telematos autou oder Phil 1,11 pepleromenoi karpon dikaiosynes ton dia Iesou Christou), obwohl natürlich jetzt die Frage entsteht, warum wir nicht auch diese Partizipien kausativ übersetzen:

Phil 1,11 "auf daß ihr (von Gott "durch Jesus Christus") dazu gemacht/ bestimmt/ erwählt seid, die Frucht der Gerechtigkeit zu ihrer Fülle/zu ihrer vollen Bestimmung zu bringen" (man beachte vor allem den Akteur in 1,6);

Kol 1,9 "auf daß ihr dahin gelangt (durch [passives] Wachsen und Fruchtbringen, vgl. 1,6), seinen Willen ganz zu erkennen bzw. die Erkennntis seines Willens zur Vollendung zu bringen".(9)
 
 
 
 

Kausative Verben im unmittelbaren Kontext

Die postulierte kausative Bedeutung in Eph 1,23 kommt auch vom unmittelbaren Kontext her gesehen nicht von ungefähr. Sie ist in dem Stück 1,15-23 durchaus vorbereitet, das die Aktivität Gottes auch und vor allem in bezug auf Christus hervorhebt. Der Gesamtzusammenhang der Verse 20-23 kennt fast nur Prädikate, die mit Hilfe von Verben und Partizipien die Aktivität Gottes in bezug auf Christus herausstellen: V. 20 energesen, egeiras, V. 22 hypetaxen, edoken.

pleroumenou ist als Genetiv abhängig vom Substantiv pleroma, das die gleiche Wurzel hat. Eine ähnliche Formulierung, in der das Verb gleichsam nur als Wiederholung des vorausgehenden Substantivs erscheint, ist kata ten energeian... hen energesen in V. 19f. Übersetzen wir: "gemäß der Wirkfülle seiner Kraft und Stärke, die er (Gott) in Christus (voll) zur Wirkung gebracht hat", wird auch die inhaltliche Ähnlichkeit zu V. 23 greifbar: "die Wirkfülle dessen, der (von Gott aus) die Erfüllung (von allem in allem) bewirken soll". Bezieht sich V. 19f eher auf die Ursprungskraft, die in Auferstehung und Erhöhung an Christus anfanghaft geschieht, dann betont V. 23 die Vollendung, die sich an allen oder in allen Dingen vollzieht, aber nicht ohne und außerhalb Christi.

Geht man - mehr oder weniger schematisch verfahrend - von 5 Unterabschnitten aus, kann man weitere Entsprechungen erkennen: Jeweils am Ende eines Unterabschnittes steht meistens eine Form des Part. Pass., so in V. 16 mneian poioumenos, in V. 18 pephotismenous, in V. 21 onomatos onomazomenou und in V. 23 eben to pleroma ... tou pleroumenou. Die schon genannte Konstruktion in V. 19f (ten energeian... hen energesen - hier liegt allerdings kein Partizip vor) scheint auch den Schluß eines Stückes zu markieren. Übrigens sind die meisten Anfänge der Stücke wahrscheinlich durch Bezüge auf die Herrschaft Jesu bzw. die Herrlichkeit des Vaters gekennzeichnet (V. 15 en to kyrio Iesou, V. 17 tou kyriou... Iesou und ho pater tes doxes, V. 18/3 ho ploutos tes doxes, V. 20/3 kathisas en dexia autou, V. 22 hypetaxen, kephalen).

Neben V. 19f und V. 21, die beide die erwähnte Abfolge von wurzelgleichem Substantiv und Verb aufweisen, ist pephotismenous in V. 18 die weitaus interessanteste Parallele: Gottes Aktion (an den Gläubigen) wird durch 'doe' ausgedrückt, von dem das Substantiv epignosei abhängt. Diese "substantivische" Erkenntnis wird nun durch das Partizip pephotismenous zunächst passivisch "verbalisiert", dann aber auch aktivisch durch den Infinitiv eidenai. Wir haben also auch hier die Folge von zumindest inhaltlich aufeinander bezogenem Substantiv und Partizip (es fehlt allerdings die gleiche Wurzel), klarer als in V. 23 wird dann der aktivische Aspekt (hier: der gläubigen Erkenntnis) herausgearbeitet. Im Grunde sagen epignosei, pephotismenous und eis to eidenai inhaltlich ein und dasselbe aus, die formalen Unterschiede betonen nur, daß alle gläubige Erkenntnis primär von Gott ausgeht und daß diese Erkenntnis zugleich passiv und aktiv ist - wie eben die (passive) Aufgabe des (aktiven) Erfüllens Christi in V. 23. Erleuchtete Augen strahlen ja auch von selbst. Und: (Passive) Erfüllung erlangt man durch (aktives) Erfüllen.

1. 1 Die Idee zu dieser Ausarbeitung kam mir vor 13 Jahren im Anschluß an eine Vorlesung von P. Aletti zum Epheserbrief am Biblicum in Rom im WS 1982/83.

2. 2Zur Einführung in die Problematik (auch des pleroma-Begriffs) vgl. u.a. Andrew T. Lincoln: Ephesians. Dallas (Texas) 1990 (World Biblical Commentary; 42), 76 - 78: Das Partizip ist ein Medium mit aktiver Bedeutung. Richard G. Fairman: An Exegesis of 'Filling' Texts which refer to the Doctrine of Filling. Diss. Grace Theological Seminar 1986 (DissAb 47 [1986f] 2198 - A). Koshi Usami: Somatic Comprehension of Unity. The Church in Ephesus. Rom 1983 (AnBib; 101) 129 - 136: bes. 129f. A. 220 (Lit.). Francis Grob: L'image du corps et de la tête dans l'épître aux Éphésiens. In: ETR 58 (1983) 491 - 500. Rudolf Schnackenburg: Der Brief an die Epheser. Zürich u.a. 1982 (EKK; 10) 68f, 79 - 85. Franz Mußner: Der Brief an die Epheser. Gütersloh u.a. 1982 (ÖTKNT; 10) 51f, 57. Hans Hübner: pleroo. In: EWNT 3, 1982, 256 - 64. P.D. Overfield: Pleroma: A Study in Content and Context. In: NTS 25 (1979) 384 - 396: hier 393f. Ignace de La Potterie: Le Christ, Plérôme de l'Eglise (Eph 1,22-23). In: Bib. 58 (1977) 500 - 524: Das Partizip kann nur passivisch aufgefaßt werden. George Howard: The Head/ Body Metaphors of Ephesians. In: NTS 20 (1974) 350 - 356. Josef Ernst: Die Briefe an die Philipper, an Philemon, an die Kolosser, an die Epheser (RNT). Regensburg 1974, 284. 290 - 292. Markus Barth: Ephesians. Bd. 1. Garden City (New York) 1974 (The Anchor Bible) 159, 200 - 220. Karl Martin Fischer: Tendenz und Absicht des Epheserbriefes. Göttingen 1973 (FRLANT; 111) 118 - 120. Roy Yates: A Re-examination of Ephesians 1,23. In: ET 83 (1971-72) 146 - 151 (= Kurzfassung der M.Litt. thesis mit demselben Titel, Cambridge 1969). Joachim Gnilka: Der Epheserbrief. Freiburg i. Br. 1971 (HThKNT; X/2) 87, 97 - 99. Josef Ernst: Pleroma und Pleroma Christi. Geschichte und Deutung eines Begriffs der paulinischen Antilegomena. Regensburg 1970, 105 - 120, 198 - 290 ("Geschichte der Pleromadeutung").

3. - - - - - - - À - - - - - - - - - - - - -

4. 4 Vgl. Wilhelm Hollenberg; Johannes Hollenberg; Karl Budde: Hebräisches Schulbuch. Hrsg. v. Walter Baumgartner. Basel u.a. 261971, § 16 e - f.

5. 5 Eduard Schwyzer: Griechische Grammatik auf der Grundlage von Karl Brugmanns Griechischer Grammatik. Bd. 2. Hrsg. v. Albert Debrunner (= HAW 2.1.2) München 1950, 222 erwähnt in diesem Sinne douloo - "mache zum Sklaven" und eleutheroo - "mache frei". Herbert Weir Smith: Greek Grammar. Cambridge (Massachusetts) 1920, Wiederabdruck 1984 der von Gordon M. Messing rev. Aufl. 1956, § 866, 3: "Verbs in -oo are usually factitive, denoting to cause or to make." Archibald T. Robertson: A Grammar of the Greek New Testament in the Light of Historical Research. Nashville (Tennessee) 1934, 149.

6. 6 Robert Helbing: Die Kasussyntax der Verba bei den Septuaginta. Ein Beitrag zur Hebraismenfrage und zur Syntax der Koine. Göttingen 1928, 75 - 80 untersucht etwa zwanzig Vokabeln dieser Art, die dem griechischen Sprachgeist nicht "Trotz bieten" (S. VI) und somit nicht als vollgültige Hebraismen anzusehen sind, da sich für die hebräische Fügung eben eine entsprechende griechische einsetzen lasse.

7. 7 Robert Helbing (s. Anm. 6) 79f.

8. 8 Vgl. auch Robert Helbing (s. Anm. 6) 148.

9. 9 Nach André Feuillet: L'Eglise plérôme du Christ d'après Ephés., I, 23. In: NRTh 78 (1956) 449 - 472, 593 - 610: hier 457 A. 25 war Pierre Bonnard (L'Epître aus Philippiens. Paris 1950, 20 A. 1) geneigt, in Phil 1,11 einen Hebraismus zu sehen wie in Ex 31,3 (LXX). Es fehlt noch eine Untersuchung aller paulinischen Partizipien im Hinblick auf die Hebraismusfrage. Vgl. ev. auch Amnon Gordon, The Development of the Participle in Biblical, Mishnaic and Modern Hebrew. Malibu 1982 (Monograph JNE Afroasiatic Linguistics; 8/3).