ThGl 87 (1997) 192 - 205
Zur Entwicklung der Caritas in Deutschland und Polen
von Weihbischof Paul Nordhues(1)
Kurzinhalt - Summary:
Die Caritas in Polen kann nach dem Ende des Kommunismus wieder an
den Aufbau denken. Der Autor war lange Jahre als Bischofsvikar für die
Caritas im Erzbistum Paderborn tätig und vergleicht die Lage in beiden
Ländern. Besonderen Wert legt er auf die geistliche Dimension der
Caritas, auf die Barmherzigkeit, die den ganzen Menschen in den Blick
nimmt, wodurch sich die kirchliche Caritas von nicht-kirchlichen
Sozialdiensten und bloßem Effektivitätsdenken unterscheidet.
After the Communist system has ended in Poland the re-establishment of
the Polish Caritas organization may be taken into view. As a Vicarius
episcopalisthe author of this article has been responsible for the Caritas
organization in the Archdiocese of Paderborn for many years.
Comparing the situation in both countries he sets great store by the
spiritual dimension of Caritas. It is charity involving the whole human
being that gives the church organization Caritasits special identity
differing from both non-denominational social services and mere
pragmatism.
1. Wort des Dankes
Die Akademie für katholische Theologie - Warschau hat mir eine große Ehre angetan. Dafür
danke ich ganz herzlich. Ich fürchte, die Ehrung führt zu einer Überbewertung meines Tuns.
Bin ich doch kein Caritaswissenschaftler und kein ausgewiesener Pastoraltheologe! Ich habe
nur, auf dem Fundament des Glaubens und in der Verpflichtung des Amtes stehend,(2) als
Bischofsvikar für Caritas die Heilige Schrift mit dem Auftrag des Liebesgebotes und die
Theologie mit ihren pastoralen Wegweisungen ernst zu nehmen versucht,(3) um dann mit dem
Diözesan-Caritasverband Paderborn, dessen Vorsitzer ich war, mit Priestern und Laien, mit
Caritasgruppen und Diözesan-Caritas-Verbänden, mit ehren- und hauptamtlichen Kräften,
auch durch Wahrnehmung eines Lehrauftrags für Caritaswissenschaft an der Theologischen
Fakultät Paderborn, dem kirchlichen Auftrag und der kirchlichen Pflicht zur Erfüllung des
Caritasgebotes zu entsprechen.(4) Im Aufbau der Gemeindecaritas und der Caritasverbände der
Erzdiözese Paderborn konnte manches caritative Werk gedeihen zum Segen für Notleidende
und zum Erweis der Glaubwürdigkeit der Kirche, die von vielen infrage gestellt und von
diesen höchstens in ihrer caritativ-sozialen Arbeit positiv bewertet wird. Daß ich durch
persönliche Kontakte mit Laien, mit Professoren und Studenten, mit Bischöfen und Priestern
in der ehemaligen DDR, in den früheren Staaten Tschechoslowakei und Jugoslawien, auf
Malta und besonders in Polen Hilfen leisten und für die nötige und mögliche Caritasarbeit
werben konnte, war oft ein Risiko, zutiefst aber eine Freude.(5) Mit besonderer Freude denke
ich an die ersten Kontakte mit Bischof Domin, der vor ca. 20 Jahren Verbindungen mit
polnischen Seminaristen herstellte und jüngst in Köslin nach Aufbau ehrenamtlicher Gruppen
und eines Caritasverbandes mit dem Caritasverband der Erzdiözese Paderborn einen
Freundschaftsvertrag schloß. Wenn die Warschauer katholische Akademie diese bescheidene,
an sich selbstverständliche Tätigkeit so hoch bewertet, dann bleibt mir nur die Pflicht
aufrichtigen Dankes und der Ausdruck großer Freude.
2. Glückwunsch an die Akademie zur Errichtung eines Lehrstuhles
Mehr als über die Ehrung freue ich mich - sicherlich nicht zu Ihrer Verwunderung - über die Vergabe eines Lehrauftrags für Caritaswissenschaft in Warschau. Dazu sage ich der Akademie meine herzlichsten Glückwünsche. Ich wünsche dem Inhaber des Lehrstuhls viele Schüler und gute Studienerfolge. Nach Erlangung der Freiheit hat die Akademie, an der ich vor ca. 20 Jahren einige Caritas-Vorlesungen gehalten habe, schnell und zielstrebig gehandelt, um die dritte Wesensaufgabe der Kirche ins rechte Licht zu setzen. Möge das Beispiel der Akademie die anderen Priesterbildungsstätten anregen, ein gleiches zu tun! Für die deutschen Ausbildungsstätten könnte die hiesige Maßnahme beispielhaft sein. Wir haben nur in Freiburg einen Lehrstuhl für Caritaswissenschaft, allerdings hier und anderswo mehrere Lehrstühle für Sozialwissenschaft und Lehraufträge für Caritaswissenschaft. Bei Neugründung verschiedener katholischer Fakultäten und Fachhochschulen nach 1945 und bei der vor Jahren geschehenen Reform des theologischen Studiums wurde die Caritaswissenschaft zwar angemahnt, aber leider nicht berücksichtigt. Folge ist, daß heute viele Sozialarbeiter und Theologen in caritative Dienste drängen, aber von Theologie und Praxis der Caritas keine Ahnung haben.
Für das Erzbistum Paderborn ist es tröstlich, neben dem Dozenten für Gesellschaftslehre seit
1904 einen Lehrbeauftragten (1910 zeitweise sogar einen Professor) für Caritaswissenschaft
zu haben.(6) Seit gut 20 Jahren wird in diesem Fach auch eine Prüfung der Studenten verlangt.
Folge ist, daß es in der Erzdiözese viele Priester gibt, welche überzeugt und engagiert sich
dem Caritaswerk verpflichtet fühlen, vor allem dem ehrenamtlichen in Vinzenz- und Caritas-
bzw. Elisabethkonferenzen, in verschiedenen Fachverbänden und in Gruppen des
Malteser-Hilfsdienstes, der Mädchensozialarbeit, des Sozialdienstes katholischer Frauen und
des Sozialdienstes katholischer Männer.(7) Die Zahl der Caritaskonferenzen der Frauen z.B.
stieg deshalb in den letzten 20 Jahren von ca. 200 auf ca. 850, so daß heute davon auszugehen
ist, daß in fast jeder Gemeinde der Diözese eine Helfergruppe besteht, die Hausbesuche macht,
um Not zu suchen und zu lindern, um im Krankenhaus, Altenheim oder Hospiz zu trösten, um
auch Helfer, Zahler und Beter für den Caritasdienst zu gewinnen.(8) In der unruhigen und
kritischen, oft kirchenfeindlichen Zeit sind diese ehrenamtlichen Kräfte ein stabilisierender
Faktor in der Gemeinde und im Caritasverband, vor allem deshalb, weil sie immer wieder aus
dem Glauben motiviert werden und ihren Dienst verstehen als Heilsdienst, eigens geprägt
durch die Werke geistlicher Barmherzigkeit, die in Nöten tröstet und gar Sünder ermahnt.
3. Einordnung des Ehrenamtes
Wenn ich hier konkret das caritative Ehrenamt in der Gemeinde hervorhebe, dann lege ich
jedem Dozenten auf einem Lehrstuhl für Caritaswissenschaft eine der wichtigsten Aufgaben
nahe: Weckung der Laien zum Caritasdienst und der Theologen zur geistlichen Begleitung des
Heilsdienstes mit dem Angebot spiritueller Hilfen, mit dem Hinweis auf die Werke leiblicher
und geistlicher Barmherzigkeit, mit der Betonung der unaufgebbaren Pflicht zum Dienst und
des unbestreitbaren Rechts auf den Dienst, mit Hilfen zur Befähigung zu Hausbesuch und
Gespräch, durch Vermittlung einer gewissen fachlichen Bildung und Weiterbildung zum
Ansatz richtiger Hilfen, mit Hinweisen auf neue Nöte und entsprechende Hilfen, mit Anregung
zur Zusammenarbeit der ehrenamtlichen Mitarbeiter mit Caritasverband, caritativen
Institutionen oder staatlichen, kommunalen und anderen Wohlfahrtsdiensten usw. Diese
Aufgabe kann einen Lehrstuhlinhaber schon weit in Anspruch nehmen, mit dem Blick auf das
Leben in der Kirche, ebenso mit dem Blick auf die politischen-gesellschaftlichen Verhältnisse.
4. Einige Caritaserfahrungen
Anschaulich und konkret und mit guten Wünschen darf ich aus der deutschen und der Paderborner Erfahrung mit dem Blick auf die heutige polnische Caritas dem Dozenten für Caritaswissenschaft einige Erfahrungen mitteilen, die mir wichtig erscheinen. Die wichtigste liegt in der theologischen Begründung durch die Heilige Schrift. Ohne diese und ohne Motivation aus dem Glauben verliert die Caritas ihren Charakter als Heilsdienst für Zeit und Ewigkeit.(9) Sie muß deshalb der Pastoraltheologie verbunden bleiben.
Ein Nichtgläubiger - so nennt sich Daniil Granin -, früher ein hoher kommunistischer Funktionär mit Verbindung zu den Spitzen um M. Gorbatschow und B. Jelzin, kennzeichnet treffend das sozialistische System und seine Ideologie, welche das Wort Barmherzigkeit in den jüngsten Lexika strich, weil Barmherzigkeit nicht in den Staat paßte, der die Versorgung aller vom Anfang bis zum Ende garantierte und Barmherzigkeit erübrigte, weil es bei dieser Versorgung keine Not geben konnte. In seinem Buch Verlorene Barmherzigkeit schreibt er,(10) nach dem Zusammenbruch des Systems und seiner sozialistischen Ideologie seien aber die Nöte offen zutage getreten und hätten die Tugend wieder geweckt, die es nicht geben durfte, die aber in jedem Menschen angelegt ist und infolge der politischen Verhältnisse im Untergrund bleiben mußte. Nach der Wende konnte sie auch in Rußland sich zu Wort melden und eine große Bewegung entfalten, die sich der Not entgegenstellte, die jedoch bald wieder zum Stillstand kam, weil die Helfer die Dienste wieder dem Staat zuweisen oder sich selbst zunächst in ihrer Not absichern wollten. Barmherzigkeit als humane Kraft braucht immer neue Motivation und Stärkung, um nicht zu erlahmen, sagt Granin. Er schreibt dann, als Nichtgläubiger sei er der Meinung, ohne Gott sei eine Barmherzigkeitsbewegung nicht durchzuhalten. Daß das aber mit Gott geht, beweist ihm zum Beispiel die seit Jahrhunderten bestehende Barmherzigkeitsbewegung in Florenz, die kirchlich gebunden ist. Eine beachtenswerte Aussage, die Glaube und Theologie für die Caritas anfordert!
Aus der Bundesrepublik der 60er Jahre könnte ich warnend folgendes berichten: Die
liberalistischen und sozialistischen Kräfte, die neue politische und kirchliche Strukturen
erzwingen wollten, wehrten sich z. B. auch gegen jede caritative Barmherzigkeit, welche die
Schwachen tröstet und die Revolution der Armen verhindert. Dieses Denken sollte uns
veranlassen, die Barmherzigkeit der Caritas zur Ermöglichung neuer Strukturen aufzugeben
und deshalb sogar im neuen Gesangbuch auf das Wort "Barmherzigkeit" zu verzichten. Kirche
und Caritas im Westen mußten aber durchhalten, um Barmherzigkeit zu rechtfertigen, denn
wohin eine unbarmherzige Gesellschaft wandert, das beweist die Brutalität in der sogenannten
freien Welt. Was wir in der freien Welt durchhalten mußten, kann sich jetzt im Osten frei
entfalten. Natürlich nur im Glauben und auf theologischen Fundamenten!
5. Gottes Geist im Werk der Barmherzigkeit
Gott erfüllt den Menschen mit seinem Geist, somit mit der Kraft zum barmherzigen Tun. Um das Tun zu bestärken und zu erhalten, gab er im Alten Testament das Gesetz der Gottes- und Nächstenliebe. Christus griff im Neuen Bund das Gebot auf(11) und vertiefte es im Bild des barmherzigen Vaters,(12) auch durch seine Menschwerdung, welche die Annahme der gesamten Menschheit und ihre Hinführung zum Vater bedeutet und bewirkt,(13) schließlich durch die Sendung des Heiligen Geistes,(14) der die Getauften in und mit Christus eint, so daß menschliche Werke und Dienste der liebenden Barmherzigkeit sowohl an Menschen wie auch an Christus geschehen,(15) wie Matthäus und Paulus uns verdeutlichen. Wo schließlich Eucharistie gefeiert wird, stehen Hilfebedürftige und Helfer, in Christus geeint, lobend und bittend vor dem barmherzigen Vater, der seine Barmherzigkeit allen zufließen läßt. Wo caritative Kräfte diesen Glauben leben und wirksam werden lassen, stellen sie ihren Heilsdienst in den vollendenden Heilsdienst Christi.(16) Diesen Dienst hat der Johanniterorden - der heutige Malteserorden -, als er im Heiligen Land ein Staatsgebilde schuf, zunächst in seiner Verfassung zum Ausdruck gebracht. In ihr heißt das Grundprinzip: Schutz des Glaubens und Heil der Kranken! Krankensäle und Herbergen des Ordens waren deshalb so eingerichtet: In der Mitte der Räume stand der Altar, von dem die Worte des Lebens und die heilenden Kräfte der Sakramente den Kranken, Obdachlosen und Sterbenden zukamen.
Das ist Caritas als Heilsdienst, im Bild geschildert. Professor Wilhelm Liese, der Paderborner
Caritas-Geschichtler, tat zeichenhaft entsprechendes: Nach Gründung des deutschen
Caritasverbandes 1897 in Freiburg fügte Liese dem Bürogebäude eine Kapelle ein zur Feier
der Eucharistie und zur Möglichkeit der Anbetung.(17) Er betonte Quelle, Kraft und Ziel der
barmherzigen Caritas. Die Theologie der Caritas ist reich und tiefgründig, kann bildhaft und
konkret argumentieren und Glaube und Kirche missionarisch und lebenswert darstellen.(18)
6. Bemerkungen zur Caritasgeschichte
Dem Inhaber des Lehrstuhls und seinen Schülern wächst gewiß auch die Aufgabe zu, die Geschichte der polnischen Caritas zu erarbeiten und darzustellen, um aus ihr zu lernen und zu planen.(19) In diesem Fall wird Caritas als Begriff bezogen auf jegliche persönliche und pfarrliche caritative Tätigkeit als Voraussetzung für jede verbandsmäßige Caritasarbeit. Das zweite Vatikanum verwendet Caritas in vielfältigem Sinn: Zur Benennung des Heiligen Geistes, der göttlichen und der menschlichen Liebe, der Tugend und des Aktes der Liebe und schließlich der caritativen Tätigkeit.(20) So auch der Katechismus der Katholischen Kirche in der deutschen Fassung.(21) Bei Aufarbeitung der Geschichte der Caritas wird das caritative Tun, die leib-seelische Hilfe zur Darstellung kommen. Ursprünglich war sie, über das Gesetz der Liebe hinausgehend, einfach an die Eucharistie gebunden, also Kirchen- oder Gemeindedienst. So ist es im Prinzip bis heute. Die Tatsache schloß und schließt aber nicht aus, daß sich in der Kraft des Gebetes und der Eucharistie Einzelne, Gruppen, Orden und Stiftungen um die caritativen Aufgaben bemühten. Schon aus der Kirchengeschichte wird deutlich, wie sich das caritative Werk entwickelte. Den Bischöfen und Diakonen war es ausdrücklich zur Pflicht gemacht, auch den Priestern, wie der neue Weiheritus jetzt vermerkt. Die beispielhafte Entwicklung in der Kraft des Glaubens weckte auch in Nichtchristen humanitäres Tun. In der Christenheit regten sich caritativ-soziale Kräfte, die sich in Bürgern und Fürsten aktivierten und sogar die Gesetzgebung beeinflußten. Caritas hat immer eine missionarisch-politische Funktion ausgeübt und will dies auch heute.(22)
Die vielfältigen Kräfte caritativer und sozialer Art traten, wenn auch unterschiedlich, vor allem
im 19. Jahrhundert wie in Polen so auch in Deutschland in Erscheinung. Die caritativ-sozialen
Werke katholischer und nichtkatholischer Herkunft und die staatlichen Sozialgesetze forderten
einerseits unter Wahrung der Eigenständigkeit die Zusammenfassung aller kirchlichen Werke
in Verbänden und andererseits ihre Vertretung und Aufgabenregelung gegenüber dem Staat,
der mehr und mehr durch die Sozialgesetzgebung und durch das Solidaritäts- und
Subsidiaritätsprinzip mit Caritaswerken in Verbindung geriet.
Die Caritasverbände (nach 1897) und caritativen Institutionen konnten in Deutschland nach nationalsozialistischer und kriegsbelasteter Zeit eine gute Entwicklung nehmen. Diese wird in Polen gewiß auch schon in Gang sein, nachdem Krieg und totalitäre Kommunistenzeit beendet sind, viel Freiheit erworben ist und ein Großteil verstaatlichter Caritas zurückgegeben wurde. Wenn die verbandliche Caritas sich entfaltet, dann kann sie Tätigkeiten entwickeln, die über die längst genutzten Möglichkeiten der Einzelnen, der Gruppen und der Pfarreien hinausgehen. Sie kann auf überörtliche und plötzliche Nöte eingehen, auch in Absprache und unter Mithilfe des Staates. Die Kooperation erfordert gewiß Regeln und Gesetze, darf aber nicht zur Abhängigkeit und Unfreiheit der Caritas und zum Verlust ihres Spezifikums führen. Wenn dabei rationelles und effektives Tun und infolge staatlicher Zuschüsse eine bestimmte Wirtschaftlichkeit verlangt werden, wenn deshalb Verband und hauptamtliche Kräfte unter Leistungsdruck stehen, dann muß das Spezifikum der Caritas, das im Heilsdienst besteht, durch Seelsorge, durch Priester, Diakone, Ordensleute und ehrenamtliche Kräfte in den Dienst eingebracht und in ihm realisiert werden.(23)
In Deutschland hat das Bundessozialhilfegesetz (1961) den Caritasverband - wie die anderen nichtkatholischen Wohlfahrtsverbände - als freien, öffentlichen Träger nachdrücklich und wirksam ideell und finanziell gefördert. Dieses Gesetz zu studieren lohnt sich. Ein ähnliches wäre auch für Polen zu wünschen. Das Gesetz ermöglichte einen rasanten Aufbau von Verbänden und Institutionen, wobei die Pastoral nur schwer folgen konnte. Besonders mit Hilfe der Ehrenamtlichen aus den Gemeinden müssen sich deshalb bei dieser Entwicklung Helfergruppen für Institutionen wie Krankenhäuser, Alten- und Kinderheime, für Hospizarbeit und Katastrophendienste bilden, die den Hauptamtlichen im Caritasverband zur Wahrung des Spezifikums behilflich sind. Es läßt sich nicht bestreiten, daß infolge des schnellen Wachstums der Caritas und ihrer Einrichtungen, der angestrebten Wirtschaftlichkeit und des Mangels an geeignetem Personal das Spezifikum in die Gefahr des Verblassens gelangt und daß es für tatkräftige gläubige ehrenamtliche Kräfte schwierig ist, den auftretenden Forderungen zur Wahrung des Heilsdienstes im begleitenden Helfen, in Gebet und Angebot des Sakramentes bis hin zum christlichen Begräbnis gerecht zu werden.
Beim Blick in Geschichte und heutigen Zustand der deutschen Caritas scheint bei allen
Erfolgen und Problemen dieses Pastoralanliegen besonders wichtig zu sein: Verdeutlichung
des Ursprungs und der Grundprinzipien der Caritas in Christus. Eine Jesulogie, wie manche
Papiere in einer Caritasleitbilddiskussion vorgeben, genügt nicht, um den Heilsdienst der
Caritas zu leisten. "Arme" sind materiell, körperlich und seelisch belastet. Letzte Hilfe finden
sie in der Befreiung von Sünde und Tod, welche die einzelnen Gläubigen und die Haupt- und
Ehrenamtlichen bezeugen und die Christus schenkt.(24) - Mögen der Caritasarbeit Polens
Gefährdungen der genannten Art erspart bleiben!
7. Zur heutigen Theologie der Caritas
Geschichtliche und pastorale Entwicklung in Deutschland läßt sich gut in den großen Lexika und pastoralen Sammelbänden verfolgen. Das Kirchenlexikon(25) bringt noch nicht das Stichwort Caritasoder Caritas-Verband (dieser wurde erst 1897 gegründet), faßt aber unter Liebe und Barmherzigkeitvieles von Wesen und Einheit der Gottes- und Nächstenliebe, von der Caritasaufgabe der Einzelnen und der Gemeinde, von der Armenpflege und von vinzentinischen Vereinen zusammen. Wilhelm Liese veröffentlichte 1922 die bis heute nicht überbotene oder fortgesetzte Geschichte der Caritas (I und II), in der ausführlich die theologischen Fundamente der gesamten nichtorganisierten und organisierten Caritasarbeit behandelt werden.(26)
Die erste Ausgabe des Lexikons für Theologie und Kirche (1930 ff.) beschreibt Wort und Wesen der Caritas, ihren Heilsdienst als Wesensäußerung der Kirche, das Recht auf den Dienst und die Pflicht dazu für jeden Gläubigen (wie später das zweite Vatikanum im Laiendekret Nr. 8), die Methoden der Caritasarbeit und die Einzelaufgaben und schließlich die Verbandsstruktur sowie die Anfänge der Caritaswissenschaft (seit 1925 in einem Institut in Freiburg/Breisgau).(27)
Die Neuauflage und Neubearbeitung des Lexikons für Theologie und Kirche (1958 ff.) verfährt etwa wie die erste Ausgabe. Die theologische Grundlage ist deutlich, Wort und Wesen der Caritas sind beschrieben, die pastoralen Akzente sind gesetzt. Caritas ist persönlicher Dienst und Dienst von Gemeinden, Gruppen und Verbänden; die Caritaswissenschaft entfaltet sich; der Caritasverband hilft, koordiniert die Aktivitäten und steht in Kooperation mit nichtkirchlicher und staatlicher Wohlfahrtspflege. Elisabeth- und Vinzenz-Konferenzen werden als gewaltige Laieninitiativen behandelt.(28)
Das Konzil (1962-1965) hat Grundlegendes zu Sozialethik und Caritas gesagt, verwendet jedoch den Begriff Caritas in verschiedenster Weise, spricht aber im Laiendekret und in Gaudium et spesdeutlichst und verpflichtend die Caritasarbeit der Kirche an. Caritasdienst ist eigene Pflicht und unveräußerliches Recht der Kirche; er bezieht sich grundsätzlich auf alle Menschen und auf alle Nöte.(29) Das Handbuch der Pastoraltheologie I-IV (1964) und das dazugehörige Lexikon (1972)(30)nehmen die Vorgabe des Konzils und die bisherige pastoraltheologische Linie der Caritas auf und verstärken sie. F. X. Arnold, F. Klostermann, K. Rahner, V. Schurr und L. M. Weber vertiefen die theologische Begründung. K. Rahner und R. Völkl umschreiben die Caritas nach Hinweis auf Verkündigung und Liturgie als dritte Wesensaufgabe und Grundfunktion der Kirche. Wenn Caritasarbeit in Verbindung mit Verkündigung und Liturgie zu sehen ist, so betont das Handbuch, dann auch in der Folge mit allen Seelsorgs- und Sozialbereichen und mit allen theologischen Disziplinen. Die Idee der Caritas muß sich durch das kirchliche Leben und durch die Theologie wie ein roter Faden ziehen.(31)
Die neueste noch nicht abgeschlossene Ausgabe des Lexikons für Theologie und Kirche (1993ff.) behandelt unter Caritas nur kurz und knapp Begriff und Theologie der Caritas, ausführlich jedoch die rechtliche Situation des Verbandes, die Organisation und die pädagogische und religionspädagogische Bedeutung der Caritas, die Caritasverbände in den Diözesen und die Caritaswissenschaft.(32) Einerseits wird hier deutlich, wie sich die Arbeit im Verband in verschiedensten Bereichen (bis zur Caritas Internationalis) erweitert hat, andererseits fragt man sich, ob das schmale theologische Fundament tragend für die Caritas bleibt und nicht durch Soziallehre, Sozialethik, Anthropologie, Soziologie, Psychologie usw. verdrängt wird. Frage ist auch, ob die Caritasdienste der Einzelnen und der Gruppen ohne besonderen Hinweis auf das Laienpriestertum noch recht bewertet und als Voraussetzung jeglicher Verbandsarbeit angesehen werden. Die Elisabethkonferenzen (heute Caritaskonferenzen der Frauen) als stärkste Caritasgruppen sind als vorhanden gemeldet, aber nicht in Tauf- oder Firmauftrag gesehen.
Man kann nun gespannt sein, wie in den nächsten Jahren die anderen Laien-Caritasgruppen in den nachfolgenden Bänden des Lexikons bedacht werden (z.B. Kreuzbund, Malteser-Hilfsdienst, Sozialdienst katholischer Frauen, Sozialdienst katholischer Männer, Vinzenzkonferenzen u.a.). Die Leitliniendiskussion in den deutschen Caritasverbänden(33) läßt befürchten, daß Caritasdienste auf Sozialdienste herab gestuft werden und daß das Spezifikum des Heilsdienstes in den Hintergrund gedrängt wird. Das wäre schlimm für die kirchliche Caritas. Sie bedarf dringend echter theologischer Grundlagen und der theologischen Bildung aller ihrer Kräfte, der Laien, Priester und Ordensleute, braucht geistliche Begleitung und die Motivierung in der eucharistischen Feier, um ihren Beitrag zur kirchlichen Communio zu leisten.
Die Deutsche Bischofskonferenz und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken(34) suchen seit Jahren der erkennbaren Entwicklung der kirchlichen Caritas auf die soziale Ebene hin entgegen zusteuern, auch durch die interne bischöfliche Kritik an den bisher vorliegenden Leitlinien für Caritasarbeit und Caritasverband, ohne bestreiten zu wollen, daß Caritas auch effektiv und wirtschaftlich arbeiten und auf politische und soziale Entwicklungen Rücksicht nehmen muß. Ursprung, Mitte und Ziel jeglicher Caritastätigkeit in Christus müssen aber in erster Linie deutlich bleiben. - Hoffentlich steuert die Caritas Polens nicht auf die gleichen Probleme zu!
Die Paderborner Diözesan-Caritas hat sich in den letzten Jahrzehnten bei Ausbau der Gemeindecaritas und der Verbandsarbeit immer um die Festigung theologischer und pastoraler Grundlagen in vielfacher Weise bemüht. Das Handbuch der Caritasarbeit beschreibt Theologie und Wesen der Caritasarbeit in Gemeinde, Gruppe und Verband in der Gegenwart mit Ausblick auf Ausweitung der Dienste bei besonderen Nöten; das Buch Der Caritasverband für das Erzbistum Paderborn in Geschichte und Gegenwart enthält Geschichte, Umschreibung heutiger Dienste Einzelner, der Gruppen, Fachverbände, des Diözesancaritasverbandes und der Gemeinden, schließlich die zugrunde liegenden theologischen Argumente. Geliebte Kirche - gelebte Caritas bringt die Darstellung bedeutender caritativer Initiatoren und Gründer und dient der Motivation der heutigen Mitarbeiter.(35)
In Polen wird die Entwicklung der Caritas von gleichen Fundamenten ausgehend in Zukunft
ähnlich verlaufen wie in Deutschland. Polens Geschichte weist eine gemeindliche,
institutionelle und organisierte Caritas aus, die gehemmt war, aber jetzt in Freiheit
entwicklungsfähig ist und sich auch tatsächlich aufwärts entwickelt. Wenn zur Zeit in
Deutschland viele Pastoraltheologen die Caritas in verbandlicher und ehrenamtlicher Tätigkeit
zu horizontalisieren versuchen, dann möge in Polen dieser Versuch unterbleiben und es möge
die Vertikale in Christus dominieren. Durch die Geschichte kann man sich anregen lassen,
nicht um zu imitieren, sicherlich aber, um Fehler zu vermeiden.
8. Diakonie oder Caritas?
Es möge nach diesem kurzen Rück- und Überblick deutlich sein, wie Caritas zu entfalten und daß sie eine Grundaufgabe der Kirche ist. Nun noch eine Überlegung, ob von Caritas oder Diakonie gesprochen werden sollte. Diesbezüglich gibt es viele begriffliche und sachliche Unklarheiten.
Man kann nicht von vier Grundaufgaben der Kirche sprechen. In ihr finden wir zur Erfüllung
ihres Dienstes das Lehr-, Priester-, Propheten- und Hirtenamt. Man spricht des weiteren vom
Königs- und Leitungsamt, vom missionarischen, liturgischen und caritativen Auftrag der
Kirche. Die geweihten Amtsträger haben im Amt und bei Erfüllung ihres Auftrags ihre recht
genau umschriebenen Dienste zu tun. Es läßt sich aber nicht bestreiten, daß auch die anderen
nichtgeweihten Glieder des Gottesvolkes, also die übrigen Getauften, am Amt in ihrem
Lebensbereich partizipieren und an Erfüllung des Auftrags der Kirche in Familie, Gesellschaft
und Beruf teilnehmen. Jedes Amt richtet sich auf die drei Grundaufgaben in Verkündigung,
Liturgie und caritativen Werken, wie der Katechismus der katholischen Kirche sagt. Wegen
dieser Feststellungen ist es besser, speziell von der diakonischen Kirche, von ihrer Diakonie zu
reden und die Werke der Nächstenliebe mit Caritaszu bezeichnen. Wo das Amt bzw. die
Ämter durch die Geweihten und alle übrigen Getauften in den Dienst treten und den Auftrag
der Diakonie in den drei Grundaufgaben erfüllen, wird die kirchliche Communio realisiert, die
reale und wachsende Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch. Communio bezeichnet also
nicht die vierte Grundaufgabe, wie manche Pastoraltheologen meinen. Sie ist Folge und
Ergebnis kirchlichen Lebens und kirchlicher Diakonie, wo alle Glieder ihren Dienst leisten,
freilich in unterschiedlicher Weise.(36) Der Begriff Christliche Diakonie kennzeichnet die
Kirche und jeden Gläubigen (auch die eigentlichen Amtsträger) fundamental, und zwar in dem
Sinn, daß alle Funktionen und Dienste der Kirche wie der einzelnen Christen diakonisch sind in
Weiterführung der Diakonie Christi.
9. Zukunftswünsche für die polnische und deutsche Caritas
Der künftige Inhaber dieses Lehrstuhls, von dessen Art es zu wenige gibt, hat eine große und
wachsende Aufgabe. Möge er viele Multiplikatoren ermuntern, um die Geschichte der
polnischen Caritas aufzuarbeiten, ihre theologischen Grundlagen zu verdeutlichen, Ehren- und
Hauptamt zu bestätigen, die Verbände spirituell und liturgisch zu begleiten und
weiterzubilden, den bestehenden leib-seelischen Nöten zu begegnen und neue Nöte im eigenen
Land und in der Welt wahrzunehmen. Fundamente für die Arbeit sind schon gelegt. Wachstum
ist in Gang und möglich. Der Blick auf die deutsche Caritas kann gewiß hilfreich sein, um zu
entwickeln oder um Fehlentwicklungen zu vermeiden. Die deutsche Caritas erhofft von der
polnischen hingegen das überzeugende Beispiel, wie nach Augustins Worten der Glaube zur
Caritas und die Caritas zum Glauben findet, und wie Geist-voller Dienst bestehende
organisierte und nichtorganisierte Caritas vor Erstarrung in Gewohnheit und Ermüdung
bewahrt. Caritas ist das liebenswürdige Zeichen der diakonischen Kirche.
10. Anhang: Caritas in Polen
Nach Fertigstellung des Referates fand ich den folgenden Beitrag wieder. Er sei in einem
Anhang gebracht. Welch ein Unterschied zwischen damaliger und heutiger Zeit!(37)
Bei einer Reise durch Polen habe ich mich gründlich nach der Caritas, nach ihrem Leben und Dienen umgesehen. Obschon die Kirche Polens stark ist und hohe Teilnehmerzahlen für Religionsunterricht und Gottesdienst aufweist, ist sie nicht frei, um Bildungs- und Caritasarbeit aufzubauen und zu entfalten. Der Wunsch der Bischöfe, wenigstens die Freiheit für den Kirchbau zu bekommen, macht die bedrängte Lage deutlich. Der Mangel an Kirchen stellt schließlich die Einrichtung und Fortführung der Gottesdienste in neuen Siedlungsgebieten und wachsenden Städten in Frage.
Polen - wenn man in diesem Zusammenhang einmal von den ehemals deutschen Ostgebieten absieht - hatte eine recht blühende Caritas. Sie war nicht in einem Zentralverband für ganz Polen organisiert, aber jedes Bistum besaß einen eigenen Verband, den der Staat als eingetragenen Verein anerkannte. In Krankenhäusern, Krankenschwesternschulen, Kindergärten, Alten- und Kinderheimen war die Caritas aktiv. Viele Mitarbeiter gehörten den religiösen Orden an. Manche Verbände begriffen sich als selbständige Vereine mit eigenen Satzungen. Während der Zeit der deutschen Besetzung Polens wurde die Caritas aufgelöst. Im sogenannten Generalgouvernement schufen die Besatzungsbehörden ein Hilfsorgan für die Notleidenden, dem auch Restgliederungen der Caritas angeschlossen waren. Auf solche Weise konnten einzelne Verbände manchmal einige Kinderheime, Altersheime und Volksküchen weiterführen. Das blieb aber mit großen Gefahren verbunden, und ohnedies war der größte Teil der Priester verhaftet.
Heute ist die Caritas als kirchliche Organisation nicht mehr vorhanden. Was sich in Polen Caritas" nennt, sind vom Staat übernommene Sozialeinrichtungen der Kirche. In dieser staatlichen Caritas", deren Krankenhäuser und Altersheime manchmal noch den alten Namen tragen, arbeiten auch Ordensschwestern und Barmherzige Brüder als Zivilangestellte, jedoch selten als Leiter. An die Neueinrichtung kirchlicher Institutionen der Caritas ist nicht zu denken. Auch die nun verstaatlichte Zeitschrift der Caritas wird unter dem alten Namen weitergeführt. Von den 14 katholischen Abgeordneten des polnischen Parlaments tritt ein Parlamentsmitglied als Vertreter der verstaatlichten Caritas" auf.
Wie geschieht nun in Polen Caritasarbeit der Kirche? Sie bleibt in der Öffentlichkeit weithin unsichtbar. Sie lebt und wirkt in Form der Pfarrcaritas, im Dienst von Mensch zu Mensch. Soweit ich erfahren konnte, bemühen sich die Pfarrer um das lebendige caritative Engagement der Pfarrei und um den hilfreichen Dienst, der ehrenamtlich von den Gläubigen geleistet wird. Diese Caritas, die zwar erschwert, aber nicht unterdrückt werden kann, wird von den polnischen Katholiken als Wesensausdruck der Kirche allen Schwierigkeiten zum Trotz gewollt und verwirklicht. Dabei ist die caritative Tätigkeit auf dem Lande noch stärker als in den Städten. Doch ist zu bedenken, daß unter Regierungschef Gierek immerhin eine Reihe von Pfarreien neu errichtet werden konnte.
Caritas konzentriert sich im heutigen Polen in den Pfarreien. In dieser Feststellung liegt für uns
eine beachtliche Erfahrung. So wichtig Caritasverband und caritative Einrichtungen sind, so
wichtig sind die persönlichen und pfarrlichen Caritaswerke, die unbestreitbar zum kirchlichen
Dienst und zur Grundaufgabe der Kirche gehören und die in Zeiten der Unfreiheit und
Bedrängnis möglich sind und bleiben. Sie bilden das Fundament für die Zukunft, wenn wieder
einmal neue Institutionen geschaffen werden können."
1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 18. 19. 20. 21. 22. 23. 24. 25. 26. 27. 28. 29. 30. 31. 32. 33. 34. 35. 36. 37.