Kleiner Beitrag ThGl 87 (1997) 438 - 445

Die Prüfsituation für den kritischen
Rationalismus und die Theologie
von Dieter Hattrup


Kurzinhalt - Summary:

Es scheint, daß die von Hans Albert geforderte Prüfsituation für die Theologie herbei geführt werden kann, indem wir eine Prüfsituation für den kritischen Rationalismus aufstellen. Die Situation wird erreicht durch die Beschreibung des Verhältnisses von Subjekt und Objekt. Wie das EPR-Paradoxon der Quantentheorie zeigt, ist die Trennung beider, wie sie Albert benötigt, unmöglich zu erreichen. Also scheint die vom kritischen Rationalismus erstrebte Wirklichkeit der Natur sekundär zu sein, ihr geht eine andere voraus.

The test situation for theology postulated by Hans Albert may be developed by setting up a test situation for critical rationalism. Such a situation requires the description of the interrelation between subject and object. The EPR-paradox of quantum theory illustrates that it is impossible to separate them, although it is exactly that what Albert needs. So the reality of nature aimed at by critical rationalism seems to be of secondary importance; it presupposes another reality.1. Die Prüfsituation



Die Darstellung und Kritik der Kritischen Theorie im vorangehenden Beitrag haben mich zu Überlegungen angeregt, die zu einem ähnlichen Ergebnis führen, wenn auch auf etwas anderen Wegen. Daher möchte ich zunächst dem Verfasser für seine Arbeit herzlich danken. Nur um einen einzigen, aber vielleicht nennenswerten Punkt möchte ich sie erweitern. Die Kenntnis der Kritik von Hans Albert an der Theologie und ihre Gegenkritik, wie oben vorgetragen, werden dabei vorausgesetzt. Die theologische Gegenkritik, die Ulrich Lüke anführt und die er selber mit zwei eigenen Überlegungen ergänzt, geht vor allem wissenschaftstheoretisch vor. Sie weist nach, daß der im Kritischen Rationalismus gebrauchte Wahrheitsbegriff durch seine eigenen Grundsätzen nicht gedeckt ist. Wenn dies erweislich ist, kann das System nicht letztlich gültig sein. Die Grundsätze sind: konsequenter Fallibilismus, methodischer Rationalismus und ein kritischer Realismus.

Meine Gegenkritik erweitert die methodologische Widerlegung durch den Inhalt dessen, was in der Wissenschaft erkannt werden soll. Denn die drei Grundsätze Alberts setzen eine Vorstellung vom Sein der Wirklichkeit voraus, die womöglich einer Prüfung unterzogen werden kann. Die Existenz einer solchen Wirklichkeit wird Albert wohl für selbstverständlich halten, deshalb auch für metaphysikfrei, aber das eben, scheint mir, steht in Frage. Kurz gesagt lautet meine These: Es gibt die von Albert vorausgesetzte Wirklichkeit nur in sekundärer Form; es geht ihr eine andere Wirklichkeit voraus; die Wissenschaft kann deshalb nicht die letzten Bausteine eines Weltbildes liefern.

Albert sagt, er wolle der Wahrheit näher kommen, ohne allerdings jemals Gewißheit zu erreichen. Aus dieser Grundvorstellung ergeben sich die oben genannten drei Grundsätze auf ungezwungene Weise. Der Realismus ist Ausdruck der Überzeugung, daß es eine für sich bestehende Wirklichkeit gibt, die unabhängig vom Bewußtsein des Beobachters existiert. Der Rationalismus drückt aus, daß der erkennende Beobachter die von ihm unabhängige Realität wirklich in sein Wissen bringen kann, und der Fallibilismus besagt, daß die Begrenztheit der Erkenntnis und ihrer Fehlerquellen nur im Beobachter liegt, der sein Wissen immer wieder der Wirklichkeit vorlegen muß, um sie als unfehlbare Richterin entscheiden zu lassen.

In dem Spannungsbogen zwischen Subjekt und Objekt steht die Wirklichkeit ganz auf Seiten des Objektes, während das Subjekt keinen Beitrag zu dieser Wirklichkeit leistet, sondern diese Wirklichkeit manchmal richtig, manchmal falsch erkennt, und immer nur zum Teil. Da die Wirklichkeit nicht vom Bewußtsein des Beobachters abhängig sein soll, ist sie unveränderlich gegeben. Zwar gibt es Bewegung in dieser Wirklichkeit, die aber aus unveränderlichen Bestandteilen aufgebaut ist und von unveränderlichen Naturgesetzen gelenkt wird. Zu der bei Albert voraus gesetzten Wirklichkeit gehören also eine Reihe von Eigenschaften. Die zwei wichtigsten sind: Trennbarkeit von Subjekt und Objekt, Unveränderlichkeit des Objektes. Das sind die Hypothesen, die wahr sein müssen, damit das System des Kritischen Rationalismus funktioniert.

Damit haben wir eine Prüfsituation aufgebaut, wie sie der Kritische Rationalismus für Wahrheitsansprüche fordert. Allerdings ist dies zunächst eine Prüfsituation für den Kritischen Rationalismus selbst, die aber auch für die Theologie zu einer solchen Prüfung ausgestaltet werden kann, wie unten zu sehen sein wird.
 
 

2. Die Prüfung

Wir können uns auf die Trennbarkeit von Subjekt und Objekt beschränken, denn wenn diese nicht sauber zu unterscheiden sind, so daß es ein vom Subjekt der Beobachtung unabhängiges Objekt gibt, daß ist dieses nicht mehr unveränderlich, da es dann auf eine nicht-kontrollierbare Weise von der Beobachtung des Subjekts abhängt.

Hier führt das EPR-Paradoxon zur Entscheidung. Diese 1935 von Einstein mit seinen beiden Mitarbeitern Podolsky und Rosen ersonnene Gedankenexperiment konnte mittlerweile schon mehrmals bestätigt werden, den Absichten Einsteins entgegen. Zwar gibt es noch immer Wissenschaftler, die am mechanischen Weltbild einer objektiven Natur mit einem davon getrennten Beobachter festhalten wollen, aber die Gründe für diese Weltsicht kommen nicht aus der Erfahrung mit einer Wirklichkeit, sondern aus einer philosophischen Vorentscheidung. Wer unbelastet die Situation ansieht, kommt zu der Überzeugung, wie sie die renommierte Zeitschrift Scientific American 1979 wohl für eine breite Auffassung unter Wissenschaftlern beschrieben hat: Die Welt kann letztlich nicht aus Objekten bestehen, deren Existenz unabhängig vom menschlichen Bewußtsein ist; das hat sich als unvereinbar erwiesen mit der Quantenmechanik und mit Fakten, die experimentell bestätigt sind.(1)

Das ist ein wissenschaftliches Ergebnis, das zugleich die Reichweite der Wissenschaft begrenzt. Denn mit Jacques Monod kann man gut sagen: Grundpfeiler der wissenschaftlichen Methode ist das Postulat der Objektivität der Natur.(2)

Die Prüfsituation, die Albert angibt, entspricht also strukturell derjenigen von Monod. Der Versuch, ihre Falsifizierung zu verhindern, steht auf wackligen Beinen und wird auch nur noch mit der vagen Hoffnung betrieben, es möchte sich doch noch ein überraschendes Ergebnis einstellen, das den Wissenschaften den letzten Entscheid über das, was wirklich ist, zusichert. Damit ist nicht gesagt, daß es nicht viel, sehr viel Objektivität in der Welt gibt, die vom Subjekt unabhängig ist. Man kann auf der Grundlage des mechanischen Weltbildes die Stellung der Monde und Planeten mit unvorstellbarer Genauigkeit berechnen. So konnte man die Sonnenfinsternis, die Thales vorausgesagt haben soll, auf den Tag genau, auf den 28. Mai 585 v. Chr. datieren, und das in einem Abstand von 2500 Jahren!(3) Dennoch ist die Subjekt-Objekt-Trennung sekundär gegenüber einer anderen Wirklichkeit.
 
 

3. Die Deutung der Prüfung

Jedoch, kann man von einer Wirklichkeit jenseits von Subjekt und Objekt sprechen? Jedenfalls bekommen alle Aussagen einen anderen Sinn, da sie nicht mehr unmittelbar von der Alltagsvorstellung ausgehen, die in den Wissenschaften die gleiche ist, nur etwas mehr systematisiert: Hier stehe ich oder ein anderer Beobachter, ich schaue nach draußen oder höre oder fühle dorthin; ich bemerke Bewegung, die nach aller Erfahrung einiger Regelmäßigkeit unterliegt. Daß sie mir zum großen Teil unbekannt ist und auch sehr kompliziert scheint, muß meine Mutmaßung nicht stören, daß die Welt insgesamt so aufgebaut ist. Das wäre dann das Weltbild des Kritischen Rationalismus. Aber nicht nur zeigt die Erfahrung des Alltags, daß ich mich auf die Regelmäßigkeit der Welt nicht ganz verlassen kann, grundsätzlicher zeigt die oben angestellte Prüfung, daß meine Alltagsvorstellung nur eine sekundäre Wirklichkeit wahrnimmt.

Wie aber die Situation jetzt zu deuten? Was folgt aus der abgewiesenen Alltagsvermutung einer objektiven Natur? Ich meine, die Nicht-Trennbarkeit von Subjekt und Objekt führt auf ungezwungene Weise zur Theologie.

Zunächst ein Terminus! Ich nenne die Vorstellung einer vollständigen Trennbarkeit von Subjekt und Objekt den Atheismus. Es wird sich zeigen, daß er mit der üblichen Leugnung eines von der Welt getrennten Gottes, der in diese Welt gleichwohl einwirkt, gut übereinstimmt. Unsere Rede ist also immer atheistisch, wenn wir ihr einen letzten präzisen Sinn geben wollen. Denn dann muß sie die vollkommene Trennung voraussetzen. Theismus ist nun die Erkenntnis einer Wirklichkeit, die jenseits der Trennung steht. Diese ist Erkenntnis, die sich weder im Objekt, noch im Subjekt begründet. Sie ist aber nicht nichts, sie ist vielmehr mehr als alles, wenn mit alles der Inbegriff des Objektivierbaren gemeint ist.

Theologie ist also aus einem Scheitern geboren, das zu einer Offenbarung führt. Das ist dem bedürftigen Charakter des Glaubenden auch sonst gut bekannt. Auf der erfolgreichen Bahn bewegt sich nur der Atheismus, der allerdings periodisch scheitert. Angesichts dessen, daß Subjekt und Objekt aus einer ihnen vorausliegenden Wirklichkeit entstehen, spricht die Theologie von Schöpfung. Der Begriff Natur ist atheistisch, Schöpfung theistisch, aus einsichtigen Gründen. Die Natur mit ihrer das Subjekt selbst hervor bringenden oder es schlicht vergessenden Wirklichkeit soll auf keine von ihr fremde Wirklichkeit, die ja dann nicht objektivierbar ist, angewiesen sein. In dem Maße wie es Natur gibt, gibt es Atheismus. Die Schöpfung ist eine Vorstellung mit einem vom Schöpfer verschiedenen Welt, gewiß, und insofern unwissenschaftlich. Aber da die Wissenschaft selbst ihre Prüfsituation nicht besteht, besteht kein Anlaß, sich vor dem Atheismus zu ducken. Es kommt drauf an, sich mit ihm in ein Verhältnis zu setzen.

Die Rede von der Schöpfung, jenseits des Scheiterns, sieht also das Objekt und das Subjekt hervortreten, deshalb spricht sie einmal von der Schöpfung insgesamt, von der Schöpfung des Makrokosmos, dann auch von der Schöpfung des Mikrokosmos, vom Menschen. Die Transzendenz, die in Erscheinung tritt, ist nun gerade das Kennzeichen des Theismus oder des Panentheismus, den ich hier als alle Wirklichkeit beschreibe, die begriffliche und die unbegriffliche. Alles ist in Gott, weil daraus geboren, aber Gott ist nicht alles, weil ich mir das alles nur als Gesamtheit im objektiven Sinn vorstellen kann.
 
 

4. Die Vorstellung jenseits der Vorstellung

Die Theologie redet also von Inhalten, über die wissenschaftlich nicht zu reden ist. Feststellend und objektivierend kann nur die Wissenschaft reden. Bekannt ist das Diktum von Ludwig Wittgenstein am Schluß seines logisch - philosophischen Traktates: Wovon man nicht sprechen kann, davon muß man schweigen.(4) Er hat damit die Situation vor Augen, die auch wir in den Blick genommen haben: Was bedeutet die Objektivität der Wissenschaft? Beschreibt eine solche Wissenschaft alle echte Wirklichkeit?

Anders als Hans Albert hätte er die letzte Frage verneint, aber ebenso hätte er das Sprechen über eine andere Wirklichkeit verneint, was eben die Theologie tut. Deshalb hat sie sich dem Verbot Wittgensteins im 20. Jahrhundert oft gestellt. Die Befreiung aus dem Sprechverbot ergibt sich mit der Prüfsituation und der atheistischen Trennung wie von selbst: Als theoretische Aussage ist die Theologie immer negativ; sie stellt fest, daß das Feststellen der Wirklichkeit in eine objektive Natur immer wieder durchbrochen wird, also auf Dauer nicht gelingt. Sie kann damit an ihre große Tradition der Negativen Theologie anknüpfen, die, wie oben zitiert, 1215 selbst offiziellen kirchliche Bestätigung empfangen hat.(5) Wo die Trennung zusammenbricht und der Atheismus endet, kann man auf der einen Seite von Zufall, von unbehebbarem Indeterminismus und ähnlichem sprechen. Damit verbleibt man im Schweigegebot Wittgensteins und im Rahmen des wissenschaftlichen Begriffs. Man kann sich aber auch anders verhalten und den Zusammenbruch als schöpferischen Ursprung preisen. Ein solches Schöpfungslob ist einerseits eine hochwertige theoretische, rein negative Aussage; als Anleitung zum Handeln ist sie aber eine praktische Aussage und hat einen positiven Inhalt. Verhalte dich so, daß du dein Leben in der atheistisch getrennten Welt nur für vorläufig hältst! Hoffe nicht darauf, dich selbst oder die Gattung Mensch dort endgültig wie in einer ewigen Heimat nieder zu lassen! Lebe immer im Angesicht des Ursprungs, der dich und die ganze Welt erschaffen hat! Einmal durch dieses Tor gegangen, öffnet sich das ganze Feld der Theologie.

Über Mose heißt es im Hebräerbrief (11, 27): Er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren. Das ist eine gelungene Formulierung des Übergangs von der theoretisch äußerst erfüllten, aber für die Welt negativen Erkenntnis Gottes zum positiven Handeln. Dieses ist wesentlich bestimmt vom Widerstand gegen die naturhaften Zwänge, die sich in der atheistischen Macht zeigen, die von der Trennung in Subjekt und Objekt ausgeht.

Zum Schluß bleibt noch einmal der Dank an Ulrich Lüke für die unerwartete Anregung zu wiederholen, der aber ausgedehnt werden kann zu einem Dank an Hans Albert. Daß gerade er der Theologie eine so klare Selbstbesinnung ermöglicht hat, wird ihn nicht freuen. Aber so ist es nun einmal: Unsere Lebensrolle geht weit über unsere privaten Pläne hinaus. Glänzend formuliert dies schon vor langer Zeit der Psalm 8: Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge schaffst du dir Lob, deinen Gegnern zum Trotz. Und so singt auch Hans Albert durch sein Lebenswerk im Chor der Schöpfung das Lob des Schöpfergottes mit, weit jenseits seines trennenden Atheismus, der soviel Klarheit schafft.

1. B. de Espagnat: The Quantum Theory and Reality. In: Scientific American 241 (November 1979), 128-141; hier: 128.

2. Jacques Monod: Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Fragen der modernen Biologie. Vorwort zur dt. Ausgabe von Manfred Eigen. München: Piper, (frz. 11970) 1971.- 238 S.; hier: 30.

3. Vgl. Michael Drieschner: Natur und Wirklichkeit in der modernen Physik. In: Lothar Schäfer; Elisabeth Ströker (Hrsg.): Naturauffassungen in Philosophie, Wissenschaft, Technik. Bd. IV. Gegenwart. Freiburg u.a.: Alber, 1996; 65 - 121; hier: 75.

4. Ludwig Wittgenstein: Tractatus logico-philosophicus. 1921; hier: (7).

5. Vgl. DH 806.