ThGl 87 (1997) ... - ... (4. Heft) Zeichen: 12.000



Verabschiedung Prof. Mühlen und Prof. Langemeyer


Begrüßung des Rektors


Verehrte Damen und geehrte Herren,

als Rektor ist es für mich eine Ehre und eine Freude, Sie alle am Anfang der Abschiedsvorlesungen unserer Professoren Dr. Heribert Mühlen und Dr. Leo Langemeyer herzlich begrüßen zu dürfen. Mein Willkommensgruß gilt zuerst dem Magnus Cancellarius unserer Theologischen Fakultät, Herrn Erzbischof Dr. Degenhardt; recht herzlich begrüße ich auch alle Verwandten und Freunde unserer lieben Kollegen, denen wir heute unseren aufrichtigen Dank für ihre langjährige Lehrtätigkeit bezeugen möchten.

In der akademischen Welt ist es üblich, Antritts- und Abschiedsvorlesungen zu halten: dies dient der notwendigen Demut eines Wissenschaftlers; seine Forschung und seine Lehrtätigkeit, so wichtig sie auch sein mögen, sind stets anfanghaft und begrenzt. An einer Theologischen Fakultät wird die Bedeutung dieser guten akademischen Tradition noch tiefer; sie hilft Studierenden und Dozierenden, die innere Einheit der gesamten theologischen Wissenschaft zu begreifen: Gott selbst und er allein ist der Anfang und das Ende, das Prinzip und das Ziel des theologischen Denkens. Thomas von Aquin, der brillante Denker des Hochmittelalters, zeigt diese Wahrheit bereits auf den ersten Seiten seiner Summa Theologiae" (Ia q. 1 a.4): Die Sacra doctrina ist ein einheitliches und einzigartiges Wissen (una scientia), denn in ihr wird alles vom Standpunkt Gottes her betrachtet, ob man sie nun als spekulative oder praktische Wissenschaft betreibt."(1)

Dies schließt natürlich nicht aus, daß auch andere Aspekte der Wirklichkeit Gegenstand des theologischen Studiums sein können und müssen. Dieses Studium erfüllt jedoch seine theologische Dimension nur dann, wenn man das Verhältnis von Ursprung und Ziel, von Antritt und Abschied, von Exitus" und Reditus" stets am Horizont aufscheinen läßt und dessen Folgen in Betracht zieht.

Von Gott als vom Prinzip und vom Ziel des theologischen Studiums zu sprechen, ist keine rein theoretische Option, sondern die Betonung einer Wahrheit, die das ganze akademische Leben einer theologischen Fakultät prägen sollte. An unserer Hochschule finden Forschung und Lehre, das Lernen und das Lehren letztlich im Gebet ihren Ursprung und ihre Vollendung.

Aus all dem geht hervor, daß es eigentlich unmöglich ist, ... ohne gelebten Glauben Theologie zu betreiben. Nur der Glaube macht es möglich, Gott zu empfangen, Gott, der sich verschenkt und offenbart."(2) Der Glaube aber bedroht nicht die Vernunft, ganz im Gegenteil. Sowohl Augustinus als auch Thomas von Aquin haben deutlich bewiesen, daß credere" nichts anderes als cum assensione cogitare" bedeutet.(3)

Deshalb muß man folgendes feststellen: Der Glaube handelt nicht gegen die richtig verstandene Vernunft, sondern bringt sogar ihre spezifische Rolle im geschichtlichen Entstehungs- und Entwicklungsprozeß der Theologie zur Geltung.(4) Der Glaube bedroht ja weder die Vernunft noch die Philosophie, sondern verteidigt beide gegen die absolutistische Anmaßung der Gnosis. Glaube und Theologie schützen also die Philosophie, denn zur Theologie gehört nicht nur das Glauben, sondern auch das Denken, und wenn das eine oder das andere fehlte, wäre dies letztlich das Ende der Theologie als Wissenschaft. Diesbezüglich betont Joseph Kardinal Ratzinger mit Recht: Theologie setzt einen neuen Anfang im Denken voraus, der nicht Produkt unserer eigenen Reflexion ist, sondern aus der Begegnung mit einem Wort kommt, das uns immer vorangeht."(5)

Dieses stets vorangehende Wort ist der Sohn Gottes selbst, Jesus Christus. Er selbst ist das Wort, von dem alles herkommt, und das eine, das alles verkündet: Ex uno Verbo omnia, et unum loquntur omnia",(6) weil er - und ausschließlich er - sagen kann: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben" (Joh 14,6).

Möge das weitere theologische und philosophische Wirken unserer lieben Kollegen Heribert Mühlen und Leo Langemeyer auch nach ihren Abschiedsvorlesungen immer noch zusammen mit uns dieses Wort verkündigen. Sie sollen nun selbst das Wort haben.

Libero Gerosa







Dankeswort des Magnus Cancellarius






Liebe Kommilitonen!

Verehrte Gäste!

Sehr geehrte Damen und Herren!



Als Magnus Cancellarius möchte auch ich den beiden heute in den Ruhestand gehenden Professoren zum Abschluß ein Wort des Dankes sagen.

Beide haben Jahrzehnte kräftig und segensreich gewirkt: Prof. Mühlen seit 1964 und Prof. Langemeyer seit 1977. Der erste als Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte und der zweite als Professor für Geschichte der Philosophie und Theologische Propädeutik, speziell für den Grundkurs als Einführung der Neu-Anfänger in die Theologie und in das Studium.

Zwanzig Jahre lang hat Prof. Langemeyer die nicht leichte Aufgabe, den Grundkurs in jedem Jahr zu geben, so erfüllt, daß die unterschiedlichen Jahrgänge ohne substantielle Kritik daran teilgenommen haben und sich später gern erinnert haben. Herzlichen Dank, Herr Professor!

Als Prof. Mühlen 1964 nach Paderborn kam, hat er zunächst im Leokonvikt gewohnt. Das ist 33 Jahre her. Damals war ich Präfekt im Leokonvikt, so daß wir uns kennenlernten und uns auch menschlich näher gekommen sind. Schon damals war sein besonderes Anliegen, die Bedeutung und Stellung des Heiligen Geistes stärker bewußt zu machen und die vom II. Vatikanischen Konzil gewollte Erneuerung des kirchlichen Lebens in der Kraft und mit den Gaben des Heiligen Geistes zu fördern. In verschiedenen Akzentsetzungen ist er diesem Ziel bis heute treu geblieben, und er wird es wohl auch im Ruhestand weiterhin tun.

Gestatten Sie mir bitte noch ein Wort zu den Themen der Abschiedsvorlesungen der beiden nun verabschiedeten Professoren: zur Tradierungskrise des Glaubens und zum alltäglichen Daseinsvollzug und zum Leben des Glaubensgeheimnisses in Dank und Eucharistie.

Tradierung des Glaubens ist ein zentrales Thema der nachkonziliaren Diskussion. Die Tradierungskrise betrifft sowohl die Tradierung des Glaubenswissens als vor allem auch den alltäglichen Daseinsvollzug und die Einübung christlich-katholischer Lebensform.

Wichtiger als dogmatische Inhalte erscheinen heute weithin das Ethos und die Praxis der Lebensführung. Hier ist das Bewährungsfeld für die Autonomie des modernen Menschen; und hier spitzen sich seine Schwierigkeiten mit Tradition und Autorität in besonderer Weise zu. Auch aus christlicher Sicht ist die Gestaltung des Lebens der Ernstfall des Glaubens. Deshalb werden Divergenzen und Spannungen zwischen der modernen Mentalität und dem Anspruch des Glaubens hier besonders augenfällig und schmerzlich empfunden.

Die Krise des Christentums wird an der nicht gelingenden Synthese von Glaube und Leben besonders sichtbar. Diese Trennung des religiösen Lebens von den übrigen Bereichen der individuellen und sozialen Lebenswelt stellt für die Weitergabe des Glaubens heute die entscheidende Schwierigkeit dar. Wenn die Bedeutung des Glaubens für das Leben nicht plausibel ist, gibt es wenig Verständnis und Anreiz, sich ernsthaft mit ihm auseinanderzusetzen, geschweige denn die persönliche Existenz hierauf zu gründen.

Das Zeugnis des Lebens, dessen vorrangige Bedeutung für die Evangelisierung Papst Paul VI. eindrucksvoll betont und das heute zunehmend als Aufgabe erkannt wird, ist ein Zeugnis des persönlichen Glaubens. Es ist nur dann wirksam, wenn der Glaube wirklich die Lebensmitte ist; wenn das Bemühen, ihn immer besser kennen und verstehen zu lernen, nicht erlahmt; wenn er in Gebet und Sakrament in der Gemeinschaft mit allen Gläubigen gefeiert wird; und wenn das Leben insgesamt aus einem Geist gestaltet wird. Die Bemühung um eine Glaubenserneuerung entscheidet sich daran, wie ernst diese drei Aufgaben genommen werden. Sie lassen sich nicht gegeneinander aufwiegen oder relativieren, sondern bilden nur in ihrer wechselseitigen Verbundenheit das Fundament für eine neue Glaubwürdigkeit, die der Tradierungskrise Einhalt gebieten kann.

Was ich damit meine, möchte ich hier zum Abschluß kurz erläutern:

1. Die schwindende Kenntnis des Glaubensinhalts muß ernsthaft bedacht werden. Natürlich nicht mit der Vorstellung, als könne man allen Christen künftig ein differenziertes theologisches Wissen vermitteln. Dies gab es auch während der Blütezeiten des katholischen Lebens in der Vergangenheit nicht. Auch steht sub specie salutis die Frage des Glaubenswissens sicher nicht im Vordergrund. (Nach Auffassung das Thomas von Aquin genügt es zur Erlangung des Heils, daß jemand die Feste der Kirche einigermaßen mitfeiern kann; De veritate q. 14. a. 11.). Wenn sie jedoch so sehr relativiert wird, daß die zentralen Wahrheiten in den Bereich der Beliebigkeit geraten, steht der personale Glaube in Gefahr, zu einem verhältnismäßig unverbindlichen Deismus zu degenerieren.

2. Die eigene Glaubenspraxis, die in Gebet und Teilhabe an den Sakramenten ihren konkreten Ausdruck findet, schwindet weithin aus den Familien und auch aus dem persönlichen Leben mancher, die als Lehrer oder Erzieher in der Glaubensvermittlung stehen. Zugleich muß es darum gehen, wieder Verständnis dafür zu wecken, daß ein Glaube, der nicht immer wieder zu seinen eigenen Quellen zurückkommt, auf längere Sicht einfach zerrinnt. Wir können deshalb gar nicht genug tun, um diese Einsicht werbend und durch das eigene Vorbild ins Bewußtsein zu bringen. Wenn die Zeichen nicht trügen, wird dieses Austrocknen des geistlichen Lebens heute von einer zunehmenden Zahl von Menschen selbst als Problem empfunden.

3. Ziel der Bemühungen um Tradierung des Glaubens muß eine personal vollzogene Glaubensentscheidung sein, d. h. die persönliche Annahme des in der Taufe von Gott geschenkten Heils. Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen." Wir stellen ja fest, daß viele als Kinder Getaufte keine solche Grundentscheidung für den dreifaltigen Gott, für die Kirche Jesu Christi getroffen haben; sie haben nichts gegen den christlichen Glauben, aber auch nichts Entscheidendes dafür; oft wird ein bestimmter Sektor des Lebens - etwa Feste, Knotenpunkte im menschlichen Leben, caritative Hilfe - der Kirche überantwortet, aber eigentlich könnte diese Institution auch durch eine andere ersetzt werden, wenn diese besser arbeitet. Die Grundentscheidung führt zur Entschiedenheit für Gott in Vertrauen, Treue, Gehorsam; sie führt auch zur konkreten Kirche, also zur Gemeinschaft der Gläubigen, zum Ja zum kirchlichen Amt und zur missionarischen Sendung der Kirche.

Beiden Professoren wünsche ich weiterhin Schaffenskraft, Gesundheit und frohe Zuversicht und noch manche Jahre priesterlichen Lebens.

Erzbischof Johannes Joachim Degenhardt







Wort des ASTA-Vorsitzenden




Sehr geehrter Herr Magnus Cancellarius,

Magnifizenz,

verehrte Professoren,

liebe Studierende, liebe Gäste!



Das schwierigste Wort ist nicht Popocatépetl, sondern das schwierigste Wort ist Danke. Heute verabschieden wir zwei Professoren, die die Studierenden der Theologischen Fakultät über Jahrzehnte geprägt haben; jeder auf ganz unterschiedliche Weise.

Sie, Herr Prof. Mühlen, haben innerhalb der dreiunddreißig Jahre, die Sie hier in Forschung und Lehre verbracht haben, der Theologischen Fakultät zu einem Bekanntheitsgrad verholfen, der weit über die Grenzen von Paderborn hinaus geht.

"Kirche wächst von innen", "Segnungsgottesdienst" - um nur einige Schlagwörter zu nennen - sind Worte, die nicht nur in Deutschland aufhorchen lassen, sondern bis hin nach Amerika, wo man die Theologische Fakultät Paderborn und Ihren Namen in einem Atemzug nennt. Nicht zuletzt haben Sie durch Ihre zahlreichen Publikationen wie Una Mystica Persona, Der Hl. Geist als Person und Entsakralisierung der Fakultät einen Namen verliehen.

Durch Ihre persönliche und lebendige Gottesbeziehung, die immer wieder in Ihren geistlichen Seminaren zum Ausdruck kam, haben Sie den Studierenden ein vorbildhaftes Glaubenszeugnis gegeben. Ihr Anliegen war stets ein Ringen und Kämpfen für eine zukunftsfähige Kirche.

Eine mehr "innerlich" prägende Persönlichkeit dieses Hauses sind Sie, Herr Prof. Langemeyer.

Ganze Generationen von Studierenden haben Sie während Ihrer zwanzigjährigen Tätigkeit geprägt. Der Theologische Grundkurs und Ihr Name gehören untrennbar zueinander. Ein Beweis dafür ist der rege Gesprächsstoff unter den Studenten, aber auch unter den "Ehemaligen" erinnert man sich gerne an Ihren Grundkurs. Nicht zuletzt sind Sie vielen Studenten ein geistlicher Begleiter, der auch nach dem Erlangen des Diplomgrades nicht abbricht.

Am Anfang eines Jahres kaufe ich für 365 DM Briefmarken, dann hat man das ganze Jahr über genug und braucht nicht wegen jeder Marke zur Post zu gehen. Denn es gibt keinen Tag, an dem ich nicht wenigstens einen Brief schreibe." Dieses Zitat, was ich - eines von vielen - aus Ihrem Theologischen Grundkurs mitgenommen habe, zeigt nicht nur den starken Kontakt zu den Studierenden, sondern es sagt auch, wie beliebt Sie unter uns Lernenden sind.

Lieber Herr Prof. Mühlen, Lieber Herr Prof. Langemeyer, für uns Studierende waren Sie beide nicht nur Lehrende, sondern auch Vorbilder und Wegbegleiter. Dafür sage ich Ihnen im Namen der Studierenden ein herzliches Vergelt's Gott! oder etwas weltlicher und somit auch schwieriger gesprochen: Danke!

Jörg Klose

1. Jean-Pierre Torrell: Magister Thomas. Leben und Werk des Thomas von Aquin. Freiburg u. a.: Herder, 1995, 174.

2. Vgl. Torrell (s. Anm. 1), 175.

3. Vgl. hierzu Josef Pieper: Lieben, hoffen, glauben. München: Kösel, 1986 (Sonderausg.), 298-304.

4. Diese Behauptung hat ihre Folgen auch für die wissenschaftliche Methode der Kanonistik.

5. Joseph Ratzinger: Wesen und Auftrag der Theologie. Versuche zu ihrer Ortsbestimmung im Disput der Gegenwart. Einsiedeln u. a.: Johannes, 1993, 49. 25. 14.

6. Dieser Satz aus der Nachfolge Christi" des Thomas von Kempen ist zitiert nach: Luigi Giussani: Wem gleicht der Mensch? Beitrag zu einer christlichen Anthropologie. Einsiedeln: Johannes, 1987, 177.