Christlicher Glaube als Antwort des Menschen
auf die Selbstoffenbarung Gottes
Religionsphilosophisch-theologische
Überlegungen Romano Guardinis
von Josef Kreiml
Kurzinhalt - Summary:
Ausgehend vom ontologischen Doppelcharakter der Welt
untersucht Guardini die Voraussetzungen der religiösen Erfahrung des Menschen.
Dabei zeigt sich, daß das in der religiösen Erfahrung erscheinende
„Geheimnishafte“ noch zum Bereich der Welt gehört (= weltimmanente
Transzendenz). Die jüdisch-christliche Offenbarungsgeschichte bezeugt, daß der
wirklich transzendente Gott in absoluter Souveränität vor allem in Christus zum
Menschen gesprochen hat. Letztlich muß sich das Ergangensein der Offenbarung
eschatologisch bewähren. Christlicher Glaube ist die Antwort des Menschen auf
den ihn in die Pflicht nehmenden Anruf Gottes. In seiner Kritik der
dialektischen Theologie bestimmt Guardini das Verhältnis zwischen Glaube und
religiöser Erfahrung unter Zuhilfenahme des Prinzips „gratia praesupponit
naturam“.
Starting with the twofold ontological charakter of the
world Guardini examines the pre-conditions of religious experience. The
"mysteriousness" presenting itself in religious experience proves to
belong to the area of the world (= world-immanent transcendence). The
Jewish-Christian history of revelation bears witness to a God who is really
transcendent and who has spoken in absolute sovereignty to man, especially in
Christ. After all revelation will have to prove its truth eschatologically.
Christian faith is man's answer to God's claim. In his criticism of the
dialectical theology Guardini describes the relationship between faith and
religious experience by recoursing to the axiom "gratia praesupponit
naturam".
In seinem Aufsatz „Religiöse Erfahrung und Glaube“[1]
aus dem Jahre 1934 finden wir Guardinis Programm der Unterscheidung des
Christlichen in dichter und konzentrierter Weise ausgearbeitet.
1. Der Doppelcharakter der Welt: Profaneität und
Numinosität
Den systematischen Ausgangspunkt der Überlegungen
Guardinis über religiöse Erfahrung und Glaube bildet seine These vom
ontologischen Doppelcharakter der Welt. Gegen einen oberflächlichen Rationalismus
behauptet unser Autor, daß sich die Welt nicht nur durch den Charakter der
Profaneität, sondern zugleich auch durch den Charakter der Numinosität
auszeichnet. Neben der Qualität des „Irdischen“ ist der Welt gleichermaßen und
gleichursprünglich die Qualität des Geheimnishaften, Numinos-Heiligen bzw.
Überweltlich-Jenseitigen eigen. Auf diesen Doppelcharakter des Weltganzen
antwortet – so Guardinis These – der Mensch mit dem profanen und dem
religiösen Empfinden. „Ich denke, jenes Unmittelbar-Numinose, auf das die
religiöse Erfahrung anspricht, ist selbst noch eine Qualität der Welt. Ich
denke, die Welt ist nicht nur ‘so’, sondern auch ‘anders’; nicht nur ‘profan’,
sondern auch, in einem unmittelbaren Sinne, ‘heilig’; nicht nur ‘weltlich’, sondern
auch ‘numinos’. Die Welt ist etwas viel Mächtigeres, als der Rationalismus
sieht. In der Fülle und Spannungsganzheit ihres Sinnes ist sie ‘Natur-Kultur’
plus ‘das Andere’. Jene Qualität des ‘Un-Irdischen’ oder der ‘Über-Weltlichkeit’,
von der die Religionswissenschaft redet, bildet nur die andere Seite jener
gleichen Weltganzheit, deren erste Seite das ‘Irdische’ und ‘Weltliche’ ist.
Die Doppeltheit dieses Eindrucks ist es gerade, was die Spannung des
Weltphänomens ausmacht, sein Erfahren und Denken in dialektische Bewegung
bringt. Die Eindrücke: ‘diese so beschaffene Welt’ und: ‘das in ihr begegnende
Andere’; ‘das zu dieser Welt Gehörige’ und: ‘das ihr Jenseitige’ – diese
Eindrücke samt den von ihnen ausgehenden Haltungen, Bewußtseinsstrukturen, Begriffsbildungen,
Theorien, Wertgestalten, Stellungnahmen usf. gehören beide in die Einheit
‘Welt’ hinein. In ihnen entfaltet sich das komplexe Etwas, welches ‘Welt’ oder
‘Dasein’ genannt wird und zwischen dem ‘So’ und dem ‘Anders’, dem
‘Irdisch-Sein’ und dem ‘Un-Irdisch-Sein’ gebaut ist. Zu seinem Wesen gehört,
daß es heimisch ist, zugekehrt – zugleich aber geheimnishaft, fremd, weggewendet.
Auf diesen Doppelcharakter des Daseins antwortet unser Bewußtsein mit
dem – das Wort ganz positiv genommen – ‘profanen’ und dem
‘religiösen’ Empfinden und Verhalten. Darin, daß Welt und Dasein so sind, liegt
ihre Mächtigkeit. Aber auch ¼ der Grund dafür, daß sie autonom gesetzt
werden können. Einer nur ‘weltlichen’ Welt gegenüber könnte der Versuch, sie
rein in sich selbst zu begründen, nie gemacht werden. Sie derart furchtbar
ernst zu nehmen, würde dem Menschen nie beikommen.“[2]
Wir sehen hier sehr deutlich, daß Guardini das
Transzendente der religiösen Erfahrung als weltimmanente Transzendenz, d. h.
als die „andere“ Seite der Welt selbst, interpretiert. Das wirklich
Welttranszendente bleibt nach Guardini – und hier nehme ich ein wichtiges
Ergebnis meiner Analyse vorweg – der religiösen Erfahrung im Sinne der
Religionswissenschaft verborgen.
2. Das Mißverständnis des Autonomismus
Wie im obigen Zitat schon angedeutet, sieht Guardini in
der durch ihren Doppelcharakter gegebenen besonderen „Mächtigkeit“ der Welt
den entscheidenden Grund dafür, daß der moderne Autonomismus eine gewisse
denkerische Plausibilität beanspruchen kann. In der Tatsache, daß der Welt
selbst ein Transzendenzcharakter eigen ist, liegt die Möglichkeit begründet,
den – sich letztlich als tiefes Mißverständnis entpuppenden –
modernen Autonomismus denkerisch zu konzipieren.
3. Der „überweltliche“ Gegenstand der religiösen
Erfahrung
Unter religiöser Erfahrung im Sinne der Religionen
versteht Guardini ein Erlebnis, dem eine besondere Art der Überzeugtheit
zugeordnet wird, „die durch Einwände oder Argumente vom Profanen her nicht zu
erschüttern ist, weil sie in einer numinosen, von anderswoher kommenden Erfahrung
fundiert ist“(61). Bei religiösen Erfahrungen geht es nicht nur um
„Natürliches“ im Sinne der rationalistischen Psychologie. Vielmehr vermitteln
sie „echte Sinngehalte“. Zum Wesen der religiösen Erfahrung „gehört der
Eindruck, daß ihr Gegenstand nicht zum einfachhin Gegebenen, zur Welt gehört;
daß er vielmehr geheimnishaft, unaussprechlich, anders, von anderswoher kommend
und anderswohin führend ist“(61 f.). Der Charakter des Über-Weltlichen, den die
religiöse Erfahrung vermittelt, ist so übermächtig, daß ihn
Religionswissenschaftler vielfach mit dem theologischen Begriff des
Übernatürlichen gleichsetzen. Das bedeutet aber eine „grundlegende Verwechslung“.
Denn in Wahrheit gehört die in der religiösen Erfahrung gegebene
Nicht-Natürlichkeit „doch zur Welt – nämlich zu ihrer religiösen
Wirklichkeit“(62)[3].
4. Der absolut transzendente Gott der christlichen
Offenbarung
Neben der weltimmanenten Transzendenz, die sich als
„religiöse Wirklichkeit“ zeigt, kennt Guardini auch den absolut transzendenten
Gott, der sich in der jüdisch-christlichen Offenbarungsgeschichte kundgetan
hat. Der Gott der biblischen Offenbarung gehört „in keiner Weise zur Welt, auch
nicht zu ihrer religiösen Wirklichkeit. Sein Wesen stammt nicht aus der
Qualitätenfülle der Dinge des Lebens. Er ist nicht aus dem
Heiligkeits-Eindruck, den das Weltdasein macht, durch den
religiös-schöpferischen Akt eines seherisch Begabten ins Bewußtsein gehoben,
sondern tritt aus der absoluten Souveränität seiner heiligen Freiheit auf den
Menschen zu und redet ihn an. Der Mensch aber, dem so geschieht – der
Prophet zum Beispiel – weiß, daß etwas an ihn gelangt, was zu Allem, auch
allem Unmittelbar-Religiösen, quer steht.“ (62)[4]
Die Offenbarung im biblischen Sinne durchbricht den Zusammenhang von
religiöser Erfahrung und Weltdeutung. „Sie steht zu jedem Erfahrungsbereich,
auch und gerade dem religiösen, quer.“ (61)
In Abhebung gegen das weltimmanente „Andere“
charakterisiert Guardini die echte Transzendenz so: Das „Andere“ der
Offenbarung ist „ein Anderssein nicht nur stärkerer, sondern schlechthin
definitiver Art. Hier wird nicht nur das innerweltlich-dialektische, sondern
das richtende, die Welt als Ganzes in ihre Schranken weisende und in ihrer
Verfallenheit enthüllende ‘Eigentlich-Andere’ des lebendigen Gottes deutlich.
Der ‘gebende’ Vorgang dafür ist nicht die freie religiöse Erfahrung, sondern
die aus souveräner Initiative hervorgehende Selbst-Offenbarung Gottes in ihrem
geschichtlichen Fortgang, vor allem in Christus.“ (66)[5]
5. Christlicher Glaube als Beginn einer neuen Existenz
Die angemessene Antwort des Menschen auf diese
Selbstoffenbarung Gottes ist der Glaube im biblischen Sinne. Dieser Glaube kann
„nur aus ihm selbst, aus der glaubend entgegengenommenen Offenbarung bestimmt
werden. Das ist eine Zumutung, welche der nicht im Glauben Stehende ablehnen
wird. Er wird sagen, daß damit das zu Beweisende bereits vorausgesetzt sei.
Wenn er sich aber darauf besinnt, daß der Glaube nicht das Ergebnis einer
Erfahrenskette, oder das letzte ‘Also’ eines Schlusses, sondern den Beginn
einer neuen Existenz darstellt, wird er zugeben, daß dieser Glaube ¼ nicht
anders sprechen kann. Wirklicher Anfang, Daseinsanfang kann sein Wesen nicht
aus Vorhergehendem legitimieren. Es ist ‘aus sich selbst rollendes Rad’. Die
Ableitungen beginnen erst innerhalb dessen, was aus dem Anfang kommt.“ (67)
Das Ergangensein einer Offenbarung läßt sich letztlich
nicht beweisen. „Der Offenbarungsbefehl erfolgt. Hat der Hörende die
zugeordnete Haltung, die spezifische Bereitschaft, dann wird er inne, worum es
geht ¼ Dieses letzte Ineinsgehen von geschehener Offenbarung, rechter
Bereitschaft, Innewerdung und Bejahung – dieses Einvernehmen von
Offenbarung und Glaube kann weiter nicht aufgelöst werden, weil darin ebenjener
Anfang gesetzt wird, hinter den existentiell nicht mehr zurückgegriffen werden
kann, der sich vielmehr in einem Zirkelgefüge einander wechselseitig begründender
Begründungen ausdrücken muß. Im letzten beweist die Relation ‘Offenbarung –
Glaube’ sich nicht, sondern sie appelliert an die Bewährung, endgültigerweise
an das Gericht.“ (72, Anm. 12)
Mit dieser Bestimmung des Glaubens will Guardini den Wert
von Gottesbeweisen nicht generell in Frage stellen. Aber er betont, daß der
Glaube letztlich nicht aus Gottesbeweisen hervorgeht. „Er wird nicht von ihnen
erzeugt. Sie bereiten ihm nur den Weg, rechtfertigen ihn vor dem
intellektuellen und sittlichen Gewissen. Er selbst ‘entspringt’ aus dem
Anfangspunkt; jener Einheit, in welcher Gnade und freier Wille, Gotteswirken
und personaler Kern unscheidbar verbunden sind.“ (67, Anm. 10)[6]
Der Glaube ist die spezifische Antwort des Menschen auf die Offenbarung, die
als positives, in die Geschichte hinein erfolgendes Sprechen Gottes verstanden
werden muß.
Mit diesem Offenbarungsverständnis hängt ein bestimmter
Gottesbegriff unmittelbar zusammen. Die Offenbarung erweist Gott nicht nur als
unendlich-absolutes Wesen. Vielmehr liegt die entscheidende Bedeutung des
Gottes der jüdisch-christlichen Offenbarung in seinem scheinbaren
Anthropomorphismus, dem skandalon der Philosophen. „Die damit als
unentwickelt oder unernsthaft charakterisierten Vorstellungen sind in Wahrheit
exakt. Sie meinen das entscheidende Moment, durch das die Gottesvorstellung der
Schrift sich von anderen unterscheidet: die absolute Personalität, den
Initiativ-Charakter, die Geschichtlichkeit Gottes. Diese Gotteswirklichkeit ist
mit den Kategorien der ‘Absolutheit’ allein nicht zu fassen; es müssen die der
‘Faktizität’ hinzugenommen werden. Der lebendige Gott ist wirklich so, daß er
sich entschließt, sich erhebt, kommt, spricht, handelt, ergrimmt, straft,
versöhnt wird, bereut, vergibt. Offenbarung nun ist die Weise, wie er in die
Zeit spricht; Glaube der spezifische menschliche Akt, der darauf antwortet.“
(68)
Das entscheidende Moment des Glaubens besteht darin, daß
er „Gehorsam“ ist. Diese Bestimmung des Glaubens „hat etwas Karges,
Unschöpferisches, Ungeniales. Dadurch wird er als etwas definiert, was anders
ist als alles, was mit Begabung zu tun hat, und sich mit unmittelbaren Werten
legitimieren kann. Der Gehorsamsbegriff hat etwas Formales, man möchte sagen
Asketisches, aber ebendarauf kommt es für die ‘kritische’ Bestimmung an. Der
Offenbarungsglaube legitimiert sich im letzten gerade nicht aus den Werten des
Weltdaseins. Er kommt von anderswoher und stellt das Weltdasein unter Kritik.
Aber wirklich von anderswoher; nicht nur im Sinne des numinosen Eindrucks.
Sobald Glaube vom numinosen Charakter des Daseins und der darauf ruhenden
religiösen Erfahrung her begründet wird, wird er zu einem Weltelement. Er hört
auf, Glaube im christlichen Sinne zu sein und wird zu einem Stück des
allgemeinen religiösen Lebens. Ebendagegen richtet sich jene Bestimmung des
Glaubens als Gehorsam.“ (68 f.)
Guardini weist darauf hin, daß nach Auskunft des Buches
Genesis die erste Gottesforderung an den Menschen eine Gehorsamsforderung war.
Der paradiesische Sündenfall bestand darin, daß das erste Menschenpaar nicht
bereit war, der Majestät Gottes zu gehorchen. Im Beziehungsgefüge
„Offenbarungsbefehl – Glaubensgehorsam“ liegt „die einzige echte
Transzension von Welt. Sobald der Offenbarungsbefehl der Schrift in seinem
vollen Sinne aufgefaßt wird, wird auch klar, daß ein solcher Befehl aus der
Welt heraus nie erfolgen kann. Nichts in der Welt kann so befehlen; darf es
nicht und kann es nicht. Das Phänomen des biblischen Offenbarungsbefehls setzt
eine Jenseitigkeit und Unabhängigkeit Gottes voraus, die wesentlich anders ist
als jede bloß religiöse Überweltlichkeit.“ (70)
Nach Guardini unterscheidet sich der christliche Glaube
radikal von der allgemeinen religiösen Erfahrung. „Das im Sinne der
Offenbarung glaubende Bewußtsein ist seinem Wesen nach kein Sonderfall des
religiösen Bewußtseins überhaupt, sondern etwas anderes.“ (66) Diese radikale
Andersheit der Offenbarung als des Bezugspunktes des christlichen Bewußtseins
eröffnet die Möglichkeit einer Religionskritik „nach einem Maßstab, der von
jenseits der Erfahrung, aus dem Wort Gottes und der Existenz Christi
stammt“(67). Der wirkliche Glaube eröffnet somit die Möglichkeit, die
Religionen zu depotenzieren.
In Abgrenzung von der religiösen Erfahrung definiert
Guardini den Glauben als Gehorsamsbeziehung des Menschen zu dem ihn
anrufenden Gott.[7] Glaube ist
„nicht Erlebnis, Erschütterung, erfahrungsentsprungene Überzeugung, sondern
zunächst und wesentlich Gehorsam gegen diesen Anruf; Treuknüpfung an die von
dorther redende Person; Bewußtsein, von ihr bestimmt, gerichtet und zugleich in
einen neuen, anfangsetzenden Bezug des Heils aufgenommen zu sein.“ (63)
Das Verhältnis zwischen religiöser Erfahrung und christlichem
Glauben muß sehr differenziert betrachtet werden. Beide sind streng
voneinander zu unterscheiden. Der Unterschied zwischen beiden zeigt sich u. a.
darin, daß – als Grenzfall – ein Glaube ohne Erfahrung im Sinne persönlichen
Erschüttertseins möglich ist. Dies ist der nackte Gehorsamsglaube. Die
Unterscheidung des Glaubens von der religiösen Erfahrung gehört zum Wesen des
christlichen Bewußtseins. Diese Abgrenzung „ist mit dem Anspruch gegeben, den
die Offenbarung erhebt, absolute, für jeden verbindliche Wahrheit zu sein.
Nicht Ausdruck einer auf Grund besonderer Voraussetzungen erfolgenden
religiösen Sinnfindung; nicht abhängig von religiöser Struktur und Begabung,
sondern der jeden Menschen in Pflicht nehmende Anruf Gottes, des Herrn der
Welt.“ (63 f.)
Von diesem Glauben her erfolgt eine radikale, über alle
historische oder philosophische Urteilsmöglichkeit hinausgehende
Religionskritik. Die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen bedeutet auch, daß
„seine religiösen Kräfte selbst und die ganze Welt der religiösen Gebilde
erlöst werden müssen“(64, Anm. 9). Guardini hält es für wichtig darauf
hinzuweisen, daß sogar „in der tiefsten, erhabensten, innigsten religiösen
Erfahrung die Selbstsucht und der Trug der Sünde stecken – zuweilen so
verborgen, daß nur das Charisma der ‘Unterscheidung der Geister’ hier klar
sieht. Dieses Charisma aber stammt selbst aus der Erlösung.“ (64, Anm. 9)
Die Verwechslungsmöglichkeiten zwischen den Inhalten der
natürlichen religiösen Erfahrung und den Inhalten der christlichen Offenbarung
werden dadurch erhöht, daß eine Parallele besteht zwischen dem Huldcharakter
der religiösen Erfahrung und dem Gnadencharakter der christlichen Offenbarung.
Hier darf – so Guardinis zentrales Anliegen – die Unterscheidung des
Christlichen nicht außer acht gelassen werden. Die Unerzwingbarkeit der
religiösen Erfahrung ist „nur ein Fall der allgemeinen Spontaneität, welche
jedem Rein-Lebendigen eigen ist und hier nur durch die Eigenart des
Erfahrungsgebietes einen besonderen Nachdruck erhält. Es ist die Selbstherrlichkeit
des höheren Seinsbereiches und Sinngefüges gegenüber dem niederen.“ (62 f.)
In der biblischen Offenbarung hingegen kommt die Freiheit
Gottes, die Freiheit der „einfachhin heiligen Person“ zum Ausdruck. Diese
göttliche Freiheit ist nicht „die Eigenart einer Seins-Schicht; die
Unerzwingbarkeit einer Sinnregion; die nur aus eigenem Gesetz sich öffnende Vorbehaltenheit
einer Welttiefe, sondern jene heilig-personale Freiheit, die unter keiner
religionsphilosophischen Kategorie steht, nur in ihrer Selbstbezeugung
deutlich wird.“ (63)
6. Das positive Verhältnis zwischen Glaube und religiöser
Erfahrung. Oder: Gratia praesupponit
naturam
Neben dieser negativen, auf Abgrenzung bedachten
Verhältnisbestimmung sieht Guardini auch ein positives Verhältnis zwischen
religiöser Erfahrung und dem christlichen Glauben gegeben. Er versteht diese
positive Beziehung im Sinne des theologischen Prinzips „gratia praesupponit naturam“.
Offenbarung und Glaube bringen „alle echten, im Unmittelbar-Religiösen
enthaltenen Werte zur Klarheit und Freiheit. Der Glaube nimmt die Welt der
religiösen Erfahrung und der aus ihr hervorgegangenen Gebilde in Dienst ¼ –
freilich alles umwandelnd.“ (64 f.)
a) Guardinis Kritik der dialektischen Theologie
Von der dialektischen Theologie protestantischer
Provenienz grenzt Guardini seinen Glaubensbegriff dadurch ab, daß er am
Analogieprinzip festhält. Die dialektische Theologie bestimmt den Glauben als
„bloßen“ Gehorsam und löst ihn von jeder Kontinuität zum geschaffenen Dasein
ab. Nach dieser Theologie ist der Mensch nicht nur „in der Sünde“, sondern „ist
Sünde“. Aufgrund dieser theologischen Prämisse der protestantischen Rechtfertigungslehre
„muß jede religiöse Erfahrung ¼ nicht nur fragwürdig, sondern einfachhin
Abfall; jedes von der Welt ausgehende Denken nicht nur unsicher und abgleitend,
sondern einfachhin widergöttlich sein. Offenbarung aber ist dann zur Welt
schlechthin inkommensurabel. Sie steht zu allem Religiösen nicht nur ‘quer’,
sondern unbeziehbar; einfachhin widersprechend. Wie der Mensch das – von
der Welt her gesehen, unmögliche – Offenbarungsfaktum auffassen, auf sich
beziehen, und mit ihm in ein Einvernehmen treten kann, ist schlechterdings
nicht zu verstehen. Es ist etwas, zu dem der Einzelne sich mit sich selbst
entschließt; in einem Wagnis, das er mit nichts fundieren, und das er keinem
Anderen begründen kann. Er wagt es – auf die Möglichkeit hin, nicht nur
in Irrtum zu geraten, sondern metaphysisch zum Narren zu werden. Glaube ist
der absolute Sprung ins Inkommensurable.“ (70) Die dialektische Theologie
versteht also – so Guardinis Interpretation – den Glaubensgehorsam
als fideistischen und dezisionistischen „Sprung“. Wider seine eigene Absicht
treibt dieser Standpunkt die Reinheit des Christentums „ins Zerstörerische“.
Gegen diese radikale Position der dialektischen Theologie
führt Guardini zwei Argumente an: Erstens ist sie vom Neuen Testament nicht gedeckt,
und zweitens läßt sich zeigen, daß sie einem „nordischen Tragizismus“
entspringt, der – gleichsam als Kehrseite der Medaille – einer rückhaltlosen
Weltverwachsenheit gegenübersteht. Dieses radikale Entweder-Oder
Kierkegaardscher Prägung ist nicht christlich. „Die christliche Sicht ist viel
verwobener. Es ist nicht wahr, daß Mensch und Welt ‘Sünde’ sind, daher jede
religiöse Erfahrung Unwahrheit und Widerspruch gegen Gott. An jeder Stelle der
religiösen Erfahrung ist Wahrheit, auf Gott hin, und vor Gott; aber an jeder
Stelle ist sie auch zweideutig, und daher voll Gefahr der Unwahrheit und
Auflehnung. Das ist ja gerade das Schwere, daß Wahr und Unwahr, Hinweise auf
Gott und Wegführung von ihm ineinanderliegen. Zu sagen: alles Irdische ist
wider Gott; alles wegzulegen und den Sprung ins Radikal-Andere zu tun, wäre
viel leichter – falls es nicht sinnlos und unmöglich wäre. Was beim
Versuch herauskommt, ist ein verzweifelter Glaube, verbunden mit der
Unfähigkeit, Christliches und Unchristliches in der Welt zu sichten; die Welt
in das Christliche zu ziehen; sie zu überwinden und heimzuholen zugleich. Eine
Preisgabe also der Welt an die bloße Weltlichkeit, und das Heidentum rückt
gefährlich nahe.“ (71)
Das Wort Gottes muß sich „im Stoff der Welt ausdrücken“(71,
Anm. 12). Die Frage nach der wirklichen Transzendenz wird „in ihrem vollen Sinn
nur möglich, wenn Offenbarung tatsächlich erfolgen kann. In einem Dasein, in
dem Offenbarung nicht möglich wäre, würde jene Frage überhaupt nicht
auftauchen. Im Ganzen des geschichtlichen Bewußtseins gesehen, bedeutet sie gar
keine bloße ‘Frage’. Sie ist vielmehr schon ein Anzeichen tatsächlich
geschehener Offenbarung: Sie rückt, sobald sie recht verstanden wird, schon die
Glaubensentscheidung heran, und zwar in der Vorform einer Entscheidung zum
Offensein für die Möglichkeit.“ (72, Anm. 12)
Der Radikalismus der dialektischen Theologie, der den
Unterschied zwischen dem Christlich-Anderen und dem Religiös-Anderen „bis zur
Beziehungsunmöglichkeit steigert“(72), kann nach Guardini keine überzeugenden
Argumente beibringen.
b) Das Numinose als die natürliche Selbstbezeugung
Gottes in der Schöpfung
Doch wie sieht nun die Beziehung zwischen dem Numinosen
und dem heiligen Gott der Offenbarung tatsächlich aus? Aufgrund der
Geschöpflichkeit der Welt muß das Numinose als die „natürliche
Selbstbezeugung“ Gottes in seiner Schöpfung angesehen werden. Die Notwendigkeit,
zwischen natürlicher und positiver Offenbarung zu unterscheiden, ist ein Signum
unseres infralapsarischen Zustandes. Die Bestimmtheit durch Gott „ist der Welt
unablösbar eigen. Durch ihr ganzes Sein ist sie Bild Gottes, weil sie sein Werk
und die beständige Wirkung seines Willens ist. So muß die Abtrennung der Welt
auch das von Gott Kündende hereinnehmen. Das will auch der Autonomiewille,
denn diese Eigenschaft der Welt macht gerade ihre ‘Tiefe’ und ihre ‘unendliche’
Kostbarkeit aus. Darauf, daß sie die numinose Dimension, die Qualität des
‘Anderen’ hat, stützt sich ja im letzten der Versuch, die Welt autonom und
autark zu machen. Nur eine Welt, die so ist, reizt zur Usurpation und läßt
diese möglich erscheinen.“ (73)[8]
Der Autonomiewille des Menschen zieht eine folgenreiche
Grenze zwischen der Weltimmanenz Gottes und seiner heiligen Ganzheit. „So
läuft der Schnitt zwischen der an sich auf Gott hinweisenden Welt auf der einen
Seite, und Ihm-Selbst in seiner souveränen Majestät auf der anderen. Dieser
Schnitt versucht Gottes Welt-Immanenz von seiner heiligen Ganzheit abzutrennen,
zur Welt zu schlagen und das so entstandene Weltganze in sich zu stellen –
ohne ihn, ja wider ihn, der der Herr der Welt ist. Die Welterfahrung nimmt die
in Wahrheit von Gott her numinose Welt als in sich selbst numinos und
vergöttlicht sie.“ (73 f.)
Das Autonomiestreben des Menschen hat eine allgemeine
Verwirrung zur Folge und beginnt schon in der „ersten“ religiösen Erfahrung.
„Erst von der Offenbarung her kann die freie religiöse Erfahrung, samt dem auf
sie bezogenen Denken und Schaffen sowie den aus ihr entspringenden Gebilden
(Religionen), zu Gott heimgeholt werden, indem das alles in den Dienst des
Glaubens tritt. Dann wird die religiöse Erfahrung aus ihrer Zweideutigkeit
gelöst, und unter der Hut des Glaubens zu einem christlich bejahenden Element
des Daseins gemacht. Ja, durch sie gewinnt der Glaube erst jene schöpferischen
Kräfte, deren es zu seiner Entfaltung bedarf.“ (74)
Franz von Assisi hat gewußt, daß die numinosen Elemente
als Spuren Gottes in der Welt anzusehen sind. Er hat die numinosen Qualitäten
„nicht um ein autonomes Weltzentrum gesammelt, sondern sie auf den
geoffenbarten souveränen Schöpfer bezogen. Die Erfahrung des religiösen
Charakters der Natur ist von seinem Glauben an den Herrn der Schöpfung
übergriffen worden. So ist sie von dorther gereinigt und hat ihre Fülle in die
Glaubensvorstellung von Gott, dem Schöpfer, dem Vorsehenden, dem Reichen und
Gütigen hineingetragen.“ (75)
[1] In:
Romano Guardini: Unterscheidung
des Christlichen. Gesammelte Studien 1923-1963. Bd. 2: Aus dem Bereich der
Theologie. Mainz-Paderborn: Grünewald-Schöningh, 31994 (Romano
Guardini Werke), 41-75; vgl. auch Hansruedi Kleiber:
Glaube und religiöse Erfahrung bei Romano Guardini. Freiburg u. a.: Herder,
1985 (Freiburger Theol. Studien; 130) und Alfons Knoll: Glaube und Kultur bei Romano Guardini.
Paderborn u. a.: Schöningh, 1993.
[2] Vgl. Guardini (s. Anm. 1), 65 f. Künftig erscheint
die Seitenzahl im Text, wenn dieses Buch Guardinis gemeint ist.
[3] Vgl. auch Romano Guardini: Sprache - Dichtung -
Deutung / Gegenwart und Geheimnis. Eine Auslegung von fünf Gedichten Eduard
Mörikes. Mit einigen Bemerkungen über das Interpretieren.
Mainz-Paderborn: Grünewald-Schöningh, 2/31992 (Romano Guardini
Werke), 14-17.
[4]
Vgl. Romano Guardini: Der
Engel in Dantes Göttlicher Komödie. Dantestudien. Erster Band.
Mainz-Paderborn: Grünewald-Schöningh, 31995 (Romano Guardini Werke),
36. 40 f.
[5] Hier nimmt Guardini schon das neuere Offenbarungsverständnis
(Offenbarung als Selbstmitteilung Gottes), wie es in „Dei Verbum“ zum Ausdruck
kommt, vorweg (vgl. Harald Wagner:
Einführung in die Fundamentaltheologie. Darmstadt: Wissenschaftliche
Buchgesellschaft, 21996, 22).
[6] Zur Frage nach dem Zustandekommen des Glaubensaktes vgl.
auch Hansjürgen Verweyen: Gottes
letztes Wort. Grundriß der Fundamentaltheologie. Düsseldorf: Patmos, 21991,
386-391, wo Newmans Zustimmungslehre diskutiert wird.
[7] Zur
Frage des Glaubensgehorsams vgl. auch Verweyen (s. Anm. 6), 361 f.
[8] Vgl.
auch Romano Guardini: Nähe des
Herrn. Betrachtungen über Advent, Weihnachten, Jahreswende und Epiphanie.
Mainz: Grünewald, 1994 (Topos-TB 242), 92 und Ders.:
Briefe über Selbstbildung. Bearbeitet von Ingeborg Klimmer. Mainz: Grünewald,
41993 (Topos-TB 146), 63.