Priester und Laien
von Dieter Hattrup
Kurzinhalt - Summary:
Eine Betrachtung anhand der römische Instruktion über
Laien und Priester.
Meditating the Roman
Instruction about laics and priests.
1. Öffentliche Reaktion
Mit dem Datum vom Hochfest der Aufnahme Mariens in den
Himmel 1997 und bekannt gemacht im November 1997 hat eine kleine Instruktion
zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester aus
Rom in den Ländern nördlich der Alpen für Bewegung in den Gemütern gesorgt.
Zwar treffen die in der Instruktion behandelten Zustände noch mehr auf die Niederlande,
die Schweiz oder auch östliche Länder zu, aber in Deutschland wurde vor allem
der betonte Unterschied zwischen Priester und Laien als schmerzlich empfunden.
Ändern in Richtung der Instruktion wollen die wenigsten, nur der Erzbischof von
Köln und der Erzbischof von Paderborn haben sich bereit erklärt, ihren kleinen
Mißstand abzustellen und die Seminaristen keine Probepredigten mehr vor der
Diakonen-Weihe halten zu lassen. Die meisten anderen Bischöfe
wollen abwarten. Von ihren Laiengremien und Synoden bedrängt, sind sie in
keiner angenehmen Lage. Entsprechend vorsichtig schauen sie das römische
Dokument an und sprechen vom aufmerksamen Studium in der nächsten Zeit. Es
sollen die Ansatzpunkte für die Praxis in Deutschland geprüft werden, um die
verschiedenen Ämter und Dienste in ihrem je eigenen Profil zu stärken und sie
in positiver Weise zu einem das kirchliche Leben bereichernden Miteinander
weiter zu entwickeln. Der Vorsitzende der Bischofskonferenz sieht hinter
vielen neueren Entwicklungen "wichtige pastorale und auch spirituelle
Erfahrungen und Ziele. Mißbräuche, die nicht so zahlreich sind, wie es
scheinen könnte, sind davon streng zu unterscheiden." So der bischöfliche
Ton. Die Laiengremien wie das ZdK nehmen dagegen kein Blatt vor den Mund und
wollen sich nichts sagen lassen. Der Generalsekretär Dr. Kronenberg hat
beschlossen, sich nicht auf die Instruktion und ihre Probleme fixieren zu
lassen. Er hofft, "daß der durch die Instruktion verursachte Schaden für
die Kirche in Deutschland begrenzt bleibe."
Das Echo in der nicht-kirchlichen Öffentlichkeit ist
dagegen gering. Wer eine solche Autorität wie Rom nicht will, wer meint, das
Leben müsse ohne verpflichtende Transzendenz gelebt werden, der hat sich längst
von der Kirche abgewandt und lebt sein selbstbestimmtes Leben. Auch die Gläubigen
in der Kirche, soweit sie ihr Leben in der Welt als Christen leben und nach
keinem hauptamtlichen Dienst in der Kirche streben, fühlen sich nicht berührt.
Um Küster und Haushälterinnen geht es dabei nicht, obwohl gerade sie von ihrer
Lebensführung für einen Leitungsdienst geeignet wären, die sie sich selbst
hinter ihren Dienst zurück genommen haben. Nur gerade wer einen sakramentalen
oder Leitungsdienst anstrebt oder wer in der Verantwortung für solche
Entscheidungen steht, ist durch die Instruktion verstört, dann aber oft um so
tiefer. Wie fast immer setzt Rom auf
die unbequeme Minderheitsmeinung und hält sie für die größere Wahrheit
Christi.
2. Die Epiphanie des Ich
Ja, um die Tiefe und um die geheimnisvollen
Entscheidungen des Menschen vor Gott geht es. Aus dieser Quelle lebt die Kirche
in den Seelen. Was ist eine Entscheidung, was entscheidet die Entscheidung,
welche äußere Form braucht die Entscheidung? Die Instruktion fordert auf,
darüber nachzudenken, ob die Tätigkeit von hauptamtlichen Laien in die
Seelsorge die Berufungen zum Priestertum erschweren kann. Einige Praktiken,
sagt sie, die dem Mangel an geweihten Amtsträgern in der Gemeinde abhelfen
möchten, lassen ein Verständnis vom gemeinsamen Priestertum der Gläubigen
aufkommen, das den Sinn des besonderen Priestertums verwischt. "Dies führt
zu einem Rückgang der Kandidaten für das Priestertum und verdunkelt die
besondere Stellung des Seminars als typischen Ort für die Ausbildung des
geistlichen Amtsträgers. Es handelt sich um eng verflochtene Phänomene, über
deren gegenseitige Zusammenhänge noch nachzudenken sein wird, um überlegte
Schlußfolgerungen für die Praxis zu ziehen." (Nr. 2)
In der Tat kann dieses Phänomen jeder beobachten, der in
der Priesterausbildung tätig ist und mit jungen Theologen Umgang hat. Ich will
ein paar Beispiele anführen. Um 1990 habe ich in Tübingen einen jungen
Laientheologen, der dabei war seine Doktorarbeit zu schreiben, auf das
geistliche Amt angesprochen. "Wie du lebst und zum Glauben stehst,
könntest du doch eigentlich Priester der Kirche werden." "Ja,"
antwortete dieser in etwa, "das ginge schon. Aber dann könnte ich doch
nicht mehr so machen, was ich wollte. Gehorchen und so weiter. Es geht doch
auch so, ohne Priestersein. Ich beschäftige mich mit einem Theologen des 20.
Jahrhunderts, das macht mir Spaß, die Kirche läßt es ja zu und spendiert sogar
noch das Geld dafür." Dieses Gespräch ist mir noch fast wörtlich in
Erinnerung, andere verliefen ähnlich.
Viele junge Theologen wechseln ziemlich problemlos
zwischen Laienamt und Priesteramt, wie sie sagen, hin und her. Wie oft habe ich
das nicht schon gehört: "Jetzt studier' ich erst einmal auf Laie. Ich hab'
eine Freundin. Aber vielleicht wechsle ich, 'mal sehen." Oder: "Ja,
ich wohn' erst einmal im ***-Konvikt. Aber vielleicht mache ich auch auf
Referent. Hier im Bistum ist zwar nicht viel los, aber dann geh' ich eben
woanders hin." So kenne ich eine Reihe von Leuten, die kurz vor dem Eintritt in das Priesterseminar
doch auch noch das andere probieren wollten. Denn die Psychologen lehren, daß
sonst keine freie Entscheidung gefällt werden kann, und schon sucht der
Priesterkandidat, der jetzt eine Freundin hat, eine Pastoralreferentenstelle.
Bevor wir zum Nachdenken über diese Phänomene kommen und
ihren inneren Vorgang zu verstehen suchen, einige Beobachtungen auf der Seite
der Gläubigen. Als Subsidiar in einer kleinen Pfarrei kann ich diese Bewegung
in der katholischen Volksseele leicht mitbekommen. Die Teilnehmer an der hl.
Messe werden weniger, ihre Zahl sinkt immer noch in großen Sprüngen. Wunderlicherweise
aber lassen die Zahlen der Lektoren und anderer liturgischer Dienste nicht
nach. Im Gegenteil: Die Kommunionhelferzahlen explodieren, die
Meßbesucherzahlen implodieren. Ja, immer mehr dieser Helfer kommen ausdrücklich
nur dann zur hl. Messe, wenn sie etwas zu tun haben. Sollte es einmal einen
mutigen Pfarrer geben, der einen solchen Dienst ablehnt, dann trifft ihn der
verständnislose Widerspruch des abgewiesenen Helfers und im günstigen Fall die
Gleichgültigkeit seiner Pfarrgemeinde. Wie kann der Papst es wagen, mich
abzuweisen, hört man klagen! Ich fühle eine Berufung als Kommunionhelfer
in mir! Ähnlich ist es bei Meßdienern und Kindermessen. Nur wer etwas zu
tun hat, wer eine Fürbitte vorzulesen hat, kommt zur Messe. Ja, dann kommt es
vor, daß im Chorraum mehr Leute versammelt sind als im Kirchenschiff. "Wer
hat Lust Meßdiener zu werden, Lektor, Kommunionhelfer?" Wird es möglich
sein, daß bei solcherart von Berufungen Christus hindurch tritt oder wird das
Ich sich spreizen? Was ist da passiert? Ich nenne es die Epiphanie des Ich.
3. Die Epiphanie Gottes
Im Gottesdienst soll eigentlich der Durchbruch geschehen
zu Gott, die Epiphanie Gottes. Die Liturgiker bezeichnen es etwas blaß als den
Dialog Gottes mit den Menschen und des Menschen mit Gott, anabatisch und
katabatisch, das eine nicht ohne das andere und das eine im anderen. Durch eine
geheimnisvolle Verdunkelung, manche nennen es die Gottesverfinsterung, gelingt
dieser Durchbruch heute schlecht oder ist auch nie gut gelungen. Statt dessen
empfiehlt der Geist der Zeit den Durchbruch zu sich selbst: Epiphanie des Ich.
Es scheint, daß dieser Geist in den letzten Jahren stark in den Gottedienst und
in das kirchliche Amt hinein gewirkt hat. Und da die zum Überblick bestellten
Episkopen unter dem Druck stehen, Stellen besetzen zu müssen, so bleibt der
Geist der Unterscheidung leicht auf der Strecke. Nur daß trotz aller
Betriebsamkeit kein neues Leben in der Kirche von Westeuropa erwachen will,
sollte am Ende stutzig machen und hat es auch getan in der neuen Instruktion.
Die Theologie des Rotstiftes wegen sinkender Einnahmen tut ein übriges zum
Erwachen. Was ist geschehen?
Nein, es liegt nicht daran, daß ein hauptamtlicher Laie
seine Tarifstunden eher abzählt als ein Priester, nein, daran liegt es nicht.
Es gibt ja auch Gegenbeispiele. In der Tiefe wirkt das Commercium vitae, das
Gesetz des geistlichen Lebens. Wer ein Amt haben will, darf es nicht haben,
sagt Gregor der Große. Deshalb die von Natur aus harten, das heißt nur in der
Gnade lebbaren Bedingungen für die Zulassung zum Amt. Damit nicht mehr das Ich
hervor tritt, sondern der Andere, Gott! Einer egologischen Gesellschaft bleibt
das Gesetz des Commercium vitae unbekannt; nur merkt sie langsam verwundert,
daß ihr das Leben abhanden kommt, daß sie vergreist, daß die Renten nicht mehr
aufzubringen sind, daß die formale Bildung nachläßt, daß alles sich der Lust
überläßt (Jes 22, 13). Das Leerwerden der Kirchen als Meßlatte für die Egologie
der Gesellschaft?
Damit wird erkennbar, wie sehr die evangelischen Räte
Gehorsam, Ehelosigkeit, Armut zum kirchlichen Amt gehören. Deshalb betont das
Vaticanum II in noch nicht erhörter prophetischer Weise die Zugehörigkeit dieser
drei geistlichen Lebensformen zum Amt (PO 15 - 17). In den evangelischen Räten
stirbt das natürliche Ich und Gott kann erwachen, im Leben dieses Menschen und
im Gottesdienst, den dieser feiert. Im Leben des gläubigen Laien kann Gott auch
erwachen, im Leben in der Welt. Deshalb gibt es ja die beiden Sendungen des
Christen: des besonderen Priestertums in der Kirche, des allgemeinen
Priestertums in der Welt. In beiden Fällen wird auf das Ego des Christen
ein großer Druck ausgeübt, damit es sich verwandelt und der Christ am Ende mit
dem Apostel sagen kann: Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir.
(Gal 2, 20) Der Christ in der Welt wird von außen bedrängt, weil er in einer
von der Konsumwelt abweichenden Weise lebt. Der geistliche Amtsträger wird von
den evangelischen Räten innen bedrängt, die ihn auf einen anderen Weg als den
der bloßen Natur führen. Auf beiden Wegen ist Identität zu finden, nicht im
Ego, sondern im Anderen, in Gott. Und was ist mit den hauptamtlichen Laien in
der Kirche? Sie leben im innerkirchlichen Milieu und werden dort nicht bedrängt
oder in Frage gestellt. Aber die evangelischen Räte bedrängen sie auch nicht.
Wie also sollen sie Identität gewinnen? Ob nicht viel Unruhe in den Ländern
nördlich der Alpen aus diesem Mangel an Identität herkommt? Ein Ehe- und
Familienleben scheint mit einem Leitungsamt in der Kirche geistlich nicht
vereinbar zu sein. Wo es dennoch verbunden wird, schwindet das Leben.
Die Instruktion ist als Meisterstück geistlicher
Wahrnehmung zu begrüßen. Sie vermeidet den bloßen Formalismus, die Weihe der
Amtsträger nur im Blick auf die Gemeinden zu sehen und das persönliche Leben
der Träger des Amtes zu übersehen, womit es in die Gefahr käme, in das Private
und Funktionärshafte abzusinken. Warum kommt sie nur so spät, so daß viele
Priester und Laien sich lange Zeit trügerischen Hoffnungen hingegeben haben?
Aber besser spät als nie!
Dieter
Hattrup