Treffende Antworten auf gezielte Anfragen

von Michael Kunzler

 

 

Kurzinhalt - Summary:

 


Am Beispiel der Frage nach der gottesdienstlichen Gestal­tung der liturgischen Laiendienste soll grundsätzlich die Bedeutung der participatio actuosa für die erneuerte Litur­gie angefragt werden. Auch diese wertvolle Frucht der Li­turgiereform kann zur Ideologie erstarren, wenn die tä­tige Teilnahme aller zum einzigen liturgieprüfenden Kriterium erhoben wird. Daß der "epiphane Charakter" christ­lichen Gottesdienstes als sinnenhafte Annäherung an die gött­liche Herrlichkeit darunter leidet, macht nach Über­zeu­gung des Verf. einen Teil der gegenwärtigen Schwie­rig­keiten mit der Liturgie der Kirche aus.

 


How should he the appearence of liturgical actions of lay­men in catholic liturgy after Vatican II? It's not possible to answer to that without asking a fundamental question ahout the meaning of the participatio actuosa in the liturgy of today. The participatio actuosa as a most precious fruit of liturgical renewal can also degenerate to ideology when it is proclaimed as the only criterion for correctness of services: The loss of the "epiphanic caracter", the loss of the transparence of God's glory is one of the reasons for the crisis of many men in the contemporary church with it's liturgy.


 

  De quelle façon devrait‑être le service des laïques dans la liturgie de l'église après Vatican II? Personne ne peut répondre à cette question sans poser une nouvelle question concernant le vrai sens de la parti­cipatio actuosa, sans doute un grand succès présenté par le dernier concile et dominant tout le renou­vellement de la liturgie. Mais aussi l'idée de la participatio actuosa peut dégénérer en ideologie pure, quand elle est proclamée comme le critère unique pour la justesse de la liturgie: la perte de son carac­tère "epiphane", de son transparence pour la gloire de Dieu est une des raisons de la crise de la liturgie dans l'église de nos jours.

 

Mit Rezensionen ist das so eine Sache! Manche sind ernstzunehmen und einer Sache dienlich, andere nicht; manche sind nur bessere Anzeigen, die einem Rezensenten billig die Bibliothek erweitern; mit anderen soll nichts weiter als Politik gemacht werden. Wie gut oder wie schlecht Rezensionen sind, ob sie den Autor eines Buches treffen oder auf den Rezensenten selbst zurückfallen, das mag die verehrte Leserschaft einer Zeitschrift entscheiden; der rezensierte Autor selbst aber soll sich vornehm zurückhalten.

Reiner Kaczynski stellt - außerhalb der Rubrik „Rezensionen“ - eine ganze Reihe von „gezielten Anfragen“[1] an ein vom Verfasser dieser Antwort geschriebenes Buch.[2] Nun kann man auch „An­fragen“ stellen, ohne darauf Antworten zu erwarten, sie gleichsam im Doppelpack mit den Anfragen mitliefern; aber das sind schon Interpretationen, die den „gezielten Anfragen“ vielleicht gar nicht gerecht werden, weil sie womöglich echt gemeint sind. So nimmt sich denn der Autor des genannten Buches in diesem Beitrag den christlichen Freimut (vgl. 2 Kor 3, 12), auf Kaczynskis „gezielte Fragen“ „treffende Antworten“ zu geben. Nein, fürwahr: Seine Ehre ist wahrlich nicht angekratzt;[3] Anfragen, die jemand stellt, können das ja auch gar nicht wollen. Wenn er also einem geschätzten Kollegen antwortet, dann tut er es aus Sorge um sein Liebstes im Leben, eben um das „Lob Seiner Herrlich­keit“, den Gottesdienst, den er bedroht sieht, nicht zuletzt auch von seiner eigenen akademischen Disziplin, in der er sich dem Fragesteller in kollegialer Weise in der Suche nach dem Wahren und Guten verbunden weiß.


Wie soll vorgegangen werden? Eine ganze Anzahl „kleiner Anfragen“ führt hin zur großen In-Frage­-Stellung der in meinem Buch (besonders in den Lektionen 4 und 6) vorgestellten „dramaturgi­schen Gestaltung der liturgischen Laiendienste“. Einzig diese Anfrage in der Hauptsache ist mir die Mühe um treffende Antworten wert, denn hier stellt sich mir eine Grundsatzfrage über das zu­künf­tig geltende Verständnis von Liturgie, Amt und liturgischen Diensten und damit auch über die zu­künftige Gestalt des Gottesdienstes und dies in einer Zeit, da es mit dem immer dramatischer wer­denden Priestermangel immer mehr auf das liturgische Engagement von Laien ankommt, damit auch weiterhin Gottesdienst gefeiert werden kann.

Um was geht es in der von mir vorgeschlagenen Gestaltung der liturgischen Laiendienste? Wie auch schon in den beiden Auflagen des Vorgängerbuches[4] geht es mir darum, daß Erwachsene vieler­lei liturgischer Dienste übernehmen. Im Gegensatz zu der in den meisten Gemeinden verbreiteten Praxis wird aber nachhaltig dafür plädiert, daß Lektor/inn/en, Kantor/inn/en und Kommunionhel­fer/inn/en nicht von ihrem Platz aus dem Kirchenschiff zum Altarraum kommen, um dort ihren Dienst zu versehen und nach dessen Beendigung wieder zu ihrem Platz zurückkehren, sondern daß sie sich, mit einer liturgischen Kleidung angetan, an der Einzugsprozession beteiligen, im Altarraum ihre Plätze einnehmen und von dort ihren Dienst versehen. Dadurch erhält der liturgische Dienst von erwachsenen Laien das, was im angefragten Buch unter dem Begriff der „dramaturgischen Di­mension“ verstanden wird. Diese war und ist dem Dienst der kindlichen und jugendlichen Meßdie­ner immer gegeben; sie wird auch heute fraglos anerkannt, ohne den Laienstatus der Meßdiener in irgendeiner Weise in Frage zu stellen und mit Verdächtigungen über ungehörige Klerikalisierungen deren Dienst an einer schönen Liturgie zu diskreditieren.

Es geht mir also um Grundsätzliches. Und darum soll auch grundsätzlich nach dem Gottesdienst gefragt werden; die meisten anderen Anfragen erscheinen unter dem grundsätzlich zu Sagenden in einem anderen Licht. Kaczynski bezweifelt, ob es zulässig ist, „bei aller notwendigen Betonung, daß es im Gottesdienst zuerst um ‘Gottes Dienst’ an uns geht, apodiktisch zu behaupten: ‘Der Gottes­dienst kann kein Dienst des Menschen Gott gegenüber sein’.“ Was könnte er denn sonst sein, ohne die gesamte von Kahlefeld, Lengeling und anderen immer wieder geführte Diskussion über den so problematischen Begriff des Kultes mitsamt dem ganzen Rattenschwanz von Schwierigkeiten, ja theologischen Ausweglosigkeiten, was denn der Mensch Gott gegenüber zu leisten vermag oder gar zu leisten verpflichtet ist, endlos und ebenso fruchtlos fortzusetzen? Wenn der Primat Gottes in der Liturgie nicht absolut gewahrt wird, dann sind Mißdeutungen des Gottesdienstes von den archai­schen Versuchen magischer Beeinflußung des Unverfügbaren durch den Menschen bis hin zu fast ausschließlich anthropologisch bleibenden Begründungen gottesdienstlich-kultischen Handelns Tür und Tor geöffnet. Daß ich mich mit diesen Fragen eingehend auseinandergesetzt habe, dürfte Kac­zynski bekannt sein.[5]

So ist der Gottesdienst also Gottes Dienst an Mensch und Welt, die heilende und heiligende Be­gegnung zwischen dem dreieinen Gott und seiner Schöpfung in seiner „Liturgie“, seinem „Werk für die Vielen“. Der Mensch braucht, ja kann nichts anderes tun, als sich dieser Begegnung zu stellen, Gottes Dienst an sich und der Welt zuzulassen, sich selbst und seine Welt bereitzustellen für die Durchdringung mit Gottes Gnade und Lebensfülle, für das, was das östliche Christentum mit der „Vergöttlichung“ meint. Nichts anderes kann der Mensch im Gottes-Dienst tun als den Dienst der „Anaphora“, der Emporhebung der Schöpfung in die Gnadengegenwart Gottes hinein zu leisten. Daß dieser Dienst, der dem Wirken Gottes Raum und Möglichkeit gibt, ästhetische Konsequenzen für alles haben muß, was im Gottes-Dienst den menschlichen Sinnen zugänglich ist, liegt dann auf der Hand: Es gilt das Paradigma der Verklärung.

Freilich, das klingt sehr ostkirchlich, und für einen, der in ostkirchlicher Theologie beheimatet ist, ist das auch nichts Neues - neu wird es nur, wenn man das Wagnis eingeht, es auch den Christen des Abendlandes zu sagen und ihnen dadurch möglicherweise ganz neue spirituelle und erlebnismäßige Dimensionen des Gottesdienstes zu erschließen. 


Oder was soll der Gottesdienst sonst noch sein? Etwas, worin nach der vollzogenen „anthropologi­schen Wende“ in der Theologie der Mensch im Zentrum steht? Gewiß, dann ist der Gottesdienst auch, wenn nicht sogar primär eine menschliche Leistung. Dann ist er eine amtliche Bezeugung von Wahrheiten; dann werden darin pädagogisch geschickt mit den Medien aus dem Vorrat der liturgi­schen Zeichenwelt Lehrinhalte vermittelt und zu ethischem Handeln motiviert. Oder es begegnen sich Menschen im Gottesdienst zu gegenseitigem Austausch ihrer (Glau­bens)Er­­fah­­run­gen; dann muß jeder und jede darin zu Sprache kommen und sich darin wiederfinden können. Daß unter diesen Vorgaben alle Versammelten tätig, fruchtbar und fromm teilzunehmen haben, versteht sich von selbst; eine differenzierte, abgestufte oder gar distanzierte Teilnahme könn­te zum Vergleich mit dem bevorzugten Streber in der ersten Bank oder dem distanzierten Dösen des Hinterbänklers im Klas­senzimmer animieren: Bevorzugung bzw. Leistungsverweigerung! Dagegen lebe die participatio actuosa aller, das heiligste aller heiligen Gestaltungsprinzipien der erneuerten Liturgie!

Man erspare es dem Autor wie der geneigten Leserschaft, allen möglichen Lobeshymnen auf die participatio actuosa als entscheidende Weichenstellung in der neueren Liturgiegeschichte eine weitere hinzuzufügen.[6] Daß die Liturgie alle Teilnehmer betrifft und angeht, folgt daraus, daß darin der dreieine Gott den Menschen begegnen will.[7] Aber wie das auch sonst so ist: Auch das Beste und Sinnvollste verkommt zu einer zerstörerischen Ideologie, wenn es entgegen seiner ursprünglichen Absicht und gegen den Sinn seiner Erfinder zu einem alles bestimmenden Prinzip erhoben wird.[8] Dies gilt auch für das Prinzip der tätigen Teilnahme aller an der liturgischen Feier.

Versteht sich denn jeder Teilnehmer eines Gottesdienstes selbst als „Liturge“ mit der ganzen Bedeu­tungsbreite dieses Begriffs? Wohl kaum. Ist in SC 28 unter „Liturge“ (original: „minister“, abgehoben vom „Gläubigen“, „fidelis“) an alle Teilnehmer am Gottesdienst gedacht? Es darf bezweifelt werden. Werden Teilnehmer vielleicht nur von professionell mit dem Gottesdienst beschäftigten Theologen allesamt zu „Liturgen“ hochstilisiert? Geschieht dies womöglich deshalb, um die participatio actuosa zum liturgieprüfenden Kriterium für die Sachgerechtheit von Liturgie schlechthin und als Norm der Liturgiegestalt proklamieren zu können, wie Häußling es getan hat?[9]

Weiter: Soll die tätige Teilnahme von Menschen, deren Lebensumfeld de facto atheistisch ist, die Ge­stalt des Gottesdienstes und damit auch seinen Inhalt bestimmen?[10] Soll das Mitmachenkönnen von Menschen, die nach einem so behaupteten „Erfahrungswandel“ angeblich keinen Zugang mehr zu verlorengegangenen kosmischen Dimensionen haben und daher nur noch gesellschaftliche Wirk­lichkeiten zur Sprache bringen können,[11] also sich selbst, die Gestalt der Liturgie bestimmen? Wenn ja: Kann dann noch die Gottferne verwundern, der die Proklamation der gottfernen Leere zum „gewichtigen Sakralzeichen“ konsequenterweise folgt?[12] Geht vielleicht deshalb viel Schönes und Erhabenes verloren, weil unter dem ganzen Haufen von theologischen Sachgerechtheiten, Paradig­men, Mitmachen, Mitreden, Gestalten, Problematisieren und Zursprachebringen vergessen wurde, daß Gottesdienst als Gottes Dienst überhaupt kein Menschenwerk ist, daß über allem Tun der Men­schen die Begegnung mit dem lebendige Gott aus dem Blick geraten ist?


Müssen nicht alle liturgietheologischen „Paradigmen“, die dem menschlichen Tun im Gottesdienst eine konstitutive Rolle zuschreiben (Liturgie als kultische Leistung des Menschen an Gott, als be­wußtseinsbildende oder zu christlicher Ethik motivierende Veranstaltung, als „anamnetische Rollen­übernahme“[13] oder was immer sonst noch) letztlich versagen, weil sie die heiligende und heilende und darum immer auch die Welt verwandelnd einbeziehende Begegnung zwischen Gott und Mensch im Gottes-Dienst nicht auch nur annähernd auszusagen vermögen und darum den liturgischen Zei­chen und Vollzügen eben nicht ihre eigene Würde und Bedeutung zuerkennen können?[14] Haben alle diese Entwürfe ihr Scheitern nicht durch die anödende Langeweile vieler Gottesdienste, die oft genug nichts anderes sind als theologisch aufgeheizte Wiederholungen des immer und überall stets Glei­chen? Sind es womöglich und in nicht geringem Maß die fehlende Faszination, die unsägliche Öde und der Eindruck purer Zeitverschwendung, die den „nordatlantischen Menschen“ aus der Kirche treiben?

Ich halte die Liturgie der Kirche für höchst gefährdet, wenn sie nicht mehr in aller („apodikti­schen“?) Eindeutigkeit als Versinnlichung des Heilshandelns Gottes an Mensch und Welt verstanden und wahrgenommen wird. Es gibt meiner Überzeugung nach nur ein einziges liturgietheologisches „Paradigma“, das über alle Anfragen und zeitgebundenen Problematisierungen hinaus trägt, weil es den liturgischen Vollzügen ohne jede Instrumentalisierung für etwas anderes ihren nicht delegier­baren Eigenwert anerkennt: Die Vermittlung des göttlichen Heils über die den Sinnen des Menschen zugängliche Welt als deren verklärende Hineinnahme in das sich im Gottesdienst ereignende Heilshandeln. Es ist das, was Meyer vor allem im Hinblick auf die östlichen Riten als „‘präsentische’ (vertikale) Eschatologie“ kennzeichnet: „In der Feier selbst ‘öffnet’ sich der Himmel.“[15]

Das muß man aber sehen, hören und riechen können - sonst ist auch das wieder einmal nichts an­deres als eine inhaltlose Theologenphrase! Daß „sehen“ nichts anderes bedeutet als „Anteil haben“, war in der Vätertheologie einmal theologisches Gemeingut; wenn diese ästhetische Grunddimension der Liturgie und ihrer theologischen Grundlegung nicht mehr gelten soll oder gilt - soll man es hin­nehmen oder verändern? Ich trete für das letztere ein.

Als Wahrgebung und Wahrnehmung der verklärenden Hineinnahme der Welt in die lebenschaf­fende Begegnung mit Gott ist der Gottes-Dienst fundamental eine ästhetische Angelegenheit, die stimmig sein muß, soll sie nicht kontraproduktiv sein! Es muß Menschen geben, die für ihre Brüder und Schwestern ihren Dienst an dieser Ästhetik leisten können und wollen.[16] Das kann und darf nicht nur der Priester allein sein. Ihn stellt seine Weihe in eine ganz andere Beziehungswirklichkeit zur gottesdienstlichen Versammlung, indem er keinesfalls Stellvertreter eines abwesenden Christus, sondern ihn als den in der Mitte der Seinen Anwesenden (vgl. Mt 18,20) und an seiner Gemeinde Handelnden den Sinnen der Menschen erschließt. Keinesfalls ist der Priester damit der erste „liturgi­sche Zeichenproduzent“, sondern er ist dazu nötig, um Christi Heilshandeln sakramental zu ver­gegenwärtigen. Die Frage, was der Priester „kann“ und der Laie nicht „kann“, geht darum ebenso am verbindlichen Amtsverständnis von Katholiken und Ostkirchen vorbei wie die Reduktion des Prie­sters zum amtlich bestellten „Bezeuger“ oder zu einem von unten delegierten Versammlungsleiter.[17]


Neben dem Priester braucht die erneuerte Liturgie Menschen, Träger des Gemeinsamen Priester­tums (welches andere ist denn überhaupt möglich?) der Getauften, Erwachsene ebenso wie Kinder und Jugendliche, die den Dienst an der Sichtbarmachung der Herrlichkeit Gottes im Gottes-Dienst leisten. Das ist mehr als ein Handlangerdienst für Kännchen und Weihrauch, mehr aber auch als Lesen, Vorsingen und Austeilen; gesucht wird eine „epiphane“ Qualität liturgischen Tuns, das sich von allen anderen ähnlichen oder gleichgearteten Vollzügen verklärend unterscheidet. Wichtiger als der Ausdruck von Gleichheit aller in ziviler Weltlichkeit ist das Vorführen des in der Tat allen zuste­henden Taufkleides durch einige wenige und damit ein wichtiges Element des Menschseins verklä­rend aufscheinen zu lassen und damit alle an die neue Wirklichkeit zu erinnern, in der sie leben (Röm 6,4).

Doch zurück zu den „Ausgrenzungen“: Ist in meinem Buch nicht in aller Klarheit und kaum zu verbessernder Deutlichkeit gesagt, daß die Gruppe der „aktiver gestaltend teilnehmenden“ Laiendien­ste offen sein muß für jeden und jede daran Interessierte/n (S. 24 f, 70, 94 f u. ö.)? Ist damit der ge­samten Diskussion über „aktivere“ und „passivere“ Teilnahme, über klerikale Überfrachtungen usw. nicht der Boden entzogen? Ist nicht schon durch den Wechsel derer, die diesen ästhetischen Dienst versehen, genügend sichergestellt, daß es um den Dienst der Wahrnehmung („Ästhetik“) als solchen geht und nicht um die persönliche Ehre der Diensttuenden? In den ebenfalls offenen Meßdiener­gruppen wurde dies eigenartigerweise immer verstanden.

Bis zur liturgischen Erneuerung kam es vor allem - besonders in festlichen Gottesdiensten - den kindlichen bzw. jugendlichen Meßdienern zu, zusammen mit den geweihten Amtsträgern diesen ästhetischen Dienst zu leisten. Der Laienstatus der Kinder und Jugendlichen war und ist doch über jeden Zweifel erhaben; wurde aber die Liturgie selbst nicht dadurch zu einer Sache von „bezahlten Funktionäre und Kindern“, letztlich eine kindische Sache?[18]

Ist es allein schon das offenkundige Kindsein bzw. das Jugendalter der Meßdiener/innen, das sie von jedem Klerikalismusverdacht befreit? Für Erwachsene in liturgischen Laiendiensten trifft dies offenbar nicht zu, denn eine der Anfragen zielt ja darauf ab, ob die von mir vorgeschlagene Gestal­tung der Laiendienste nicht klerikalisierende Mißverständnisse weckt und fördert, so, als wären Laien in liturgischen Diensten so etwas wie ein „niederer Klerus“. Dabei tun die Erwachsenen nach der in Frage gestellten Dramaturgie doch prinzipiell gar nichts anderes als die Kinder und Jugendli­chen in ihren liturgischen Diensten: Sie tragen wie diese ein liturgisches Kleid und versehen ihren Dienst vom Altarraum aus! Genügt das schon, um einen klerikalisierenden Eindruck zu erwecken?[19]

Es steht zu befürchten, daß Kaczynski in gefährlicher, die Identität des Weiheamtes berührender Weise Laien klerikalisiert, wenn er es in seinen „gezielten Anfragen“ selbst als einleuchtend betrach­tet, „daß der Leiter eines Gottesdienstes, ob er ordiniert ist oder nicht, ein liturgisches Gewand trägt, das seinen Rang und seine Funktion deutlich macht.“ Wenn diese/r Leiter/in eines prie­sterlosen Gottesdienstes allein sich des liturgischen Kleides bedient, dazu allein im Altarraum fungiert, wo­möglich den Priestersitz in Gebrauch nimmt, alle anderen Laien aber in der üblichen Zivilkleidung und aus ihrer Bank herauskommend ihren Dienst wahrnehmen, dann sind doch einer klerikalisie­renden Mißdeutungen von Laien in der Liturgie Tür und Tor geöffnet.[20] Wie anders, wenn Laien­dienste in priesterlich geleiteten Gottesdiensten zusammen mit dem geweihten Amtsträger diese liturgischen Zeichen gebrauchen!

Sicher ist der Gedanke richtig, wie es in meinem Buch steht und von Kaczynski auch richtig aufge­griffen wird, daß unter Bezugnahme auf ihr Taufkleid eigentlich allen Teilnehmern am Gottesdienst ein liturgisches Kleid zukommt. Ist aber das für einen üblichen Gemeindegottesdienst Utopische an dieser Vorstellung schon Grund genug, alle Stellvertretung durch wenige, die einer immer größer bleibenden Mehrheit einen ästhetischen (wenn man es zuläßt, auch: „epiphanen“) Dienst leisten, von vornherein auszuschließen?


Vielleicht kann auch nur einfach nicht sein, was nicht sein darf, denn tief in die Seelen der Men­schen eingedrungen sind möglicherweise jene in den unseligen 68er-Jahren grundgelegten Denkmu­ster, die Ungleichheiten und „Ausgrenzungen“ jeder Art mehr fürchten als der Teufel das Weih­wasser.[21] Der Lektor im Trenchcoat und die Kommunionhelferin im Jeansrock, beide aus der Bank kommend und dahin zurückgehend, betreiben sie wirklich Stellvertretung für die anderen, die diesen Dienst nicht wahrnehmen können oder wollen, oder wird damit nicht immer auch - so subtil das auch sein mag - doch auch so etwas wie Laienemanzipation betrieben, die der Würde der Liturgie nicht guttut: Jetzt zeigen die Laien Flagge an heiliger Stätte neben Klerus und klerusspielenden Halb­wüchsigen: „Wir sind das Volk“, die Liturgie ist volkseigen; irgendwann also wieder auf zu Ent­sakralisierung[22] und Bildersturm auf klerikale Herrschaftssymbole?[23]

Soviel zu meinen Antworten auf die gezielten Fragen von Reiner Kaczynski, die ich gerne gegeben habe. Möglicherweise hätten sich viele Anfragen von selber beantwortet, wären andere Kapitel des Buches (etwa das dritte, das erst die liturgietheologischen Grundlagen legt für alles Folgende) mehr gewürdigt worden. Vielleicht hätte sich die eine oder andere Anfrage aus der Feder eines Fachkolle­gen auch von vornherein erledigt, weil man die entsprechende Antwort in meinen anderen Publika­tionen hätte nachlesen können oder dort auch manchen Beleg für eine Behauptung hätte finden können, weil in einem für Laien geschriebenen Buch nun einmal auf einen den Leser eher abschrec­kenden kritischen Apparat verzichtet wurde. Für berechtigte Kritiken und Anmahnungen von Korrekturen begangener Fehler in einer weiteren Auflage meines Buches bin ich dankbar. Allerdings hat sich gezeigt, daß in einer kommenden Neuauflage von „Zum Lob Deiner Herrlichkeit“ die litur­gietheologische Grundlegung, warum nach meiner Überzeugung die Gestalt der liturgischen Laien­dienste so und nicht anders sein soll, noch eingehender und noch eindeutiger erklärt werden muß. Aber bis dahin ist ja noch genügend Zeit zum Nachdenken und auch zur Sorge um den Gottes­dienst.

 



[1] Reiner Kaczynski: Gezielte Anfragen. In: Anzeiger für die Seelsorge 106 (1997) Heft 9, S. 470.

[2] Michael Kunzler: Zum Lob deiner Herrlichkeit. Zwanzig neue Lektionen für Männer und Frauen in liturgischen Laiendien­sten. Paderborn: Bonifatius, 1996.

[3] Wenn auch um der Ehre unserer Institution und der werten Kollegenschaft festgehalten werden muß, daß der Autor dieser Zeilen Professor an der Theologischen Fakultät Paderborn ist, die über das volle akademische Recht verfügt, Promotions- und Habilitationsverfahren durchzuführen und damit nicht nur im vollen Universitätsrang steht, sondern mit dem Gründungsjahr 1614 als die älteste universitäre Einrichtung Westfalens gelten kann. Daher ist die Behauptung Kaczynskis, der Verfasser sei Professor an der „Theologischen Hochschule Paderborn“, irrig und im genannten Sinne richtigzustellen.

[4] Michael Kunzler: Berufen, dir zu dienen. 15 „Lektionen“ Liturgik für Laienhelfer im Gottesdienst. Paderborn: Bonifatius, (11989) 21992.

[5] Vgl. Michael Kunzler: Zweiter Versuch: Über einen tieferen Zugang zum Begriff des „Kultes“. In: Ders.: Porta Orientalis. Fünf Ost-West-Versuche über Theologie und Ästhetik der Liturgie. Paderborn: Bonifatius, 1993, 145-294. Ders.: Die Liturgie der Kirche. Paderborn: Bonifatius, 1995 (AMATECA: Lehrbücher zur katholischen Theologie; 10), 26-34. Ders.: La Liturgia della Chiesa. Milano, 1996 (AMATECA; Vol. 10), 44-48. Ders.: La liturgie de l’église. Luxembourg, 1998 (AMA­TECA; Vol.10), 31-37.

[6] Daß der Autor dieser Antworten vorbehaltlos zum Prinzip der participatio actuosa steht, beweisen seine Pub­li­kationen, vgl. etwa Kunzler (s. Anm. 5), Liturgie der Kirche, 157 f, 244-248; Liturgia della Chiesa, 156 ff,  234-238; Liturgie de l'église, 154 f, 236-240.

[7] So ist auch dem, was Kardinal Ratzinger zur participatio actuosa zu sagen hat, nichts hinzuzufügen: „Das Konzil hat hier einfach etwas mit seiner Autorität ausgesprochen, was an sich von der Sache her evident ist.“ Joseph Ratzinger: Das Fest des Glaubens. Versuche zur Theologie des Gottesdienstes. Einsiedeln: Johannes, 1981, 79 f.

[8] Die Definition der Häresie als Verlust der Einbindung einer theologischen Aussage in das Kat’holon bei Hans Urs v. Balthasar läßt grüßen. Vgl. Hans Urs von Balthasar: Herrlichkeit. Eine theologische Ästhetik. Bd.1: Schau der Gestalt. Einsiedeln: Johannes, ²1961, 494.

[9] Angelus A. Häußling: Liturgiereform. Materialien zu einem neuen Thema der Liturgiewissenschaft. In: ALw 31 (1989) 1-32. 27 f: „Für die Liturgiereform selbst wird folgerichtig das formale Kriterium aufgestellt, sie sei nur dann sachgerecht, wenn die Teilnahme der Laien gewährleistet sei. Das Konzil hat wahrscheinlich mit dem der Liturgiereform mitgegebenen Kriterium der ‘Teilnahme’ und der theologischen Bindung dieses Kriteriums an das Sakrament der Taufe die liturgie­geschichtlich folgenreichste Aussage getroffen.“

[10] Häußling (s. Anm.9), 29: „Wer aber Liturgie nach der ‘tätigen, vollen und bewußten Teilnahme’ beurteilt und, reformie­rend, in Form bringt, weiß nicht, wohin der Weg führen mag, weil er es mit Menschen zu tun hat, deren Sinn bekanntlich abgründig ist. ... Was geschieht mit der so traditionsreichen, an Formen und Texten so gesegneten Liturgie der Kirche, wenn die ‘tätige, volle und bewußte Teilnahme’ genau dieses Menschen zu einer Norm der Liturgiegestalt erhoben wird?"

[11] Vgl. Angelus A. Häußling: Kosmische Dimension und gesellschaftliche Wirklichkeit. Zu einem Erfahrungswandel in der Liturgie. In: ALw 25 (1983) 1 - 8.

[12] Angelus A. Häußling: Die Liturgie der monastischen Kirche. In:  Mönchtum - Ärgernis oder Botschaft? Maria Laach, 1968 (Liturgie und Mönchtum / Laacher Hefte; 43), 77-86. 84: „Der Mensch ist jetzt der, der Gott als den Fernen, Unbekann­ten, ja Bezweifelten erfährt; er wird dann Gott entsprechend antworten, er wird auch die Gottesferne ... als ein ‘auserwähl­tes Zeichen’ verstehen, weil sie ihn in die Situation des Herrn am Kreuz bringt, und darin seinen Gottesdienst finden. Dieser Gottesdienst verträgt dann nicht mehr aufwendige Formen. Er wird sehr einfach sein müssen. Viel Schönes, Ehr­würdiges, Erhabenes wird zurückbleiben. Die Leere wird zu einem gewichtigen Sakralzeichen.“

[13] Vgl. Angelus A. Häußling: Nachkonziliare Paradigmenwechsel und das Schicksal der Liturgiereform. In: ThG 32 (1989) 243-254. Ders.: Liturgie: Gedächtnis eines Vergangenen und doch Befreiung in der Gegenwart. In: Ders. (Hrsg.): Vom Sinn der Liturgie. Gedächtnis unserer Erlösung und Lobpreis Gottes. Düsseldorf: Patmos, 1991 (Schriften der Kath. Akademie in Bayern; 140), 118-130.

[14] Nach wie vor ein Schlüsseltext ist der Aufsatz von A. Müller: Bleibt die Liturgie? Überlegungen zu einem tragfähigen Liturgieverständnis angesichts heutiger Infragestellungen. In: LJ 39 (1989) 156 - 167.

[15] Vgl. H. B. Meyer: Eucharistie. Geschichte, Theologie, Pastoral. Regensburg: Pustet, 1989 (Gottesdienst der Kirche, Hand­buch der Liturgiewissenschaft IV), 148 f.

[16] Auch Manfred Probst fragt die von mir vorgeschlagene Gestaltung der Laiendienste an, konkret festgemacht an der Frage der liturgischen Gewandung. Daß diese lediglich ein Symptom für die viel grundsätzlichere liturgietheologische Grundle­gung ist, hat Probst klar erkannt. Obwohl sie für Probst als „richtiger Ansatz“ gilt, bezweifelt er, „ob die Kurzformel von der ‘heiligen Schau’ trotz des richtigen Ansatzes katechetisch geeignet ist, das Wesen der Liturgie dem Verständnis des Gottesvolkes zu erschließen.“ Vgl. Manfred Probst in: Lebendiges Zeugnis 52 (1997) 239 f. Das Problem wird also nicht in der Sache selbst, sondern in der Vermittlung gesehen! Wenn aber die Sache klar ist, dürfte auch die Vermittlung nicht schwerfallen!

[17] Vgl. Michael Kunzler: Liturgischer Leitungsdienst zwischen Ordination und Beauftragung. Die ostkirchliche Sicht. In: LJ 46 (1996) 158 - 177.

 

[18] Vgl. E. Nagel in: Gd 23 (1989) 131. „Wenn bei einer sonntäglichen Gemeindemesse außer dem Priester, dem dafür bezahlten Organisten und zwei kleinen Meßdienern niemand in Erscheinung tritt, dann ist der Eindruck unvermeidlich, daß Kirche eine Sache von bezahlten Funktionären und Kindern ist.“

[19] Gegen jeden Klerikalismusvorwurf: Ich sage selbst (S.69 f), daß die Plazierung der Laiendienste im Altarraum nicht derjenigen der Konzelebranten entsprechen soll. Hat Kaczynski dies überlesen, wenn er „korrigie­rend“ das Raumpro­gramm der altchristlichen Basiliken, etwa von Ravenna, erwähnt? Grundsätzlich aber kann gefragt werden, was  denn nun gilt: Ist die „mittelalterliche Klerusliturgie“, ja jeder „zeitenthobene Kult“ beendet (Angelus A. Häußling: Liturgiereform. Materialien zu einem neuen Thema der Liturgiewissenschaft. In: ALw 31 (1989) 1-32. 27) oder sind Regeln immer noch normativ, denen man auch in der Liturgiewissenschaft in anderen Zusammenhängen einen durchaus musealen Charakter zuerkennt?

[20] Vgl. Art. 6 der Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester. Verlautbarungen des Apost. Stuhls 129. Bonn, 1997, 25 f.

[21] Zu den z. T. heftig geführten Auseinandersetzungen über das liturgische Gewand an sich in den späten 60er und frühen 70er Jahren vgl. Michael Kunzler: Indumentum Salutis. Überlegungen zum liturgischen Gewand. In: ThGl 81 (1991) 52-78.

[22] Vgl. Heinz Schürmann: Neutestamentliche Marginalien zur Frage der „Entsakralisierung“. In: Seels. 38 (1968) 38-48, 89-104. Heribert Mühlen: Entsakralisierung. Ein epochales Schlagwort in seiner Bedeutung für die Zukunft der christlichen Kirchen. Paderborn: Schöningh, ²1970.

[23] Vgl. als späten Nachklang jener Jahre Hahnes Aufruf zur Befreiung „von den letzten Relikten des längst zerbrochenen mittelalterlichen ordo-Denkens, feudaler Sozialstrukturen und deren Ausdrucksformen“, Befreiung vom Druck der Ru­briken, Abschied von der „irrenden Vorstellung, die christliche Liturgie mit Ritus oder Zeremonie zu verwechseln“, Widerstand zu leisten gegen die „Versuchung, den Glauben in post-modernen (theologischen oder ‘geistlichen’) Versatz­stücken bewahren zu wollen.“ W. Hahne: De Arte Celebrandi oder Von der Kunst, Gottesdienst zu feiern. Entwurf einer Fundamentalliturgik. Freiburg u. a.: Herder, 1990, 370.