Magnificat
Gebet aus Gottes Wort
von Josef Schreiner
Kurzinhalt - Summary:
In Erzählgefügen des AT ist an wichtiger Stelle verschiedentlich ein
Gebet oder Hymnus eingefügt, die den Gott preisen, der hier handelt. Marias
Lobgesang verkündet, aus alttestamentlichen Texten gestaltet, den Gott des Alten
Bundes, der als der Mächtige und der Barmherzige der Retter seines Volkes und
der Völker in Erfüllung des Davids- und Abrahamsbundes sein wird. Das geschieht
in Jesus, dem Sohn Marias. Die Mutter des Messias zeichnet für das folgende
Evangelium dieses Gottesbild aus der im AT bezeugten Frömmigkeit der
"Armen". Sie schließt mit dem Blick in die Zukunft, der sich für die
eschatologische Erfüllung der Verheißungen Gottes öffnet. Wer den Hymnus
betet, bekennt sich zu dem rettenden Gott des Alten und Neuen Bundes.
In Old Testament narrative structure sometimes a
prayer or hymn is inserted into an important passage praising, the very God who
is acting here. Composed from Old Testament texts Mary's hymn of praise
announces the God of the Old Covenant, who is going to be the mighty and
merciful saviour of his people and the peoples, so fulfilling the covenants of
David and Abraham. It is Jesus, the son of Mary, in whom this takes place. Preparing
the gospel that follows the mother of the Messiah outlines an image of God
based on the Old Testament spirituality of the poor. She concludes by taking a
view into the future in order to realize the eschatological fulfilment of
God's promises. Whoever recites this hymn affirms his faith in the saving God
of the Old and New Covenants.
Die Heilige Schrift bietet dem Menschen, der ihrer Botschaft traut und an
den Gott glaubt, den sie bezeugt, einen reichen Schatz an Gebeten an. Das Alte
Testament vereinigt sie, abgesehen von jenen, die in die Erzählgefüge eingebaut
sind und dort ihren Platz wie auch ihre Funktion haben,[1]
im Buch der Psalmen. Die Christen haben dieses Buch der Gebete vom Volk des
Alten Bundes übernommen. Bereits die ersten christlichen Gemeinden sangen in
Psalmen das Lob Gottes.[2]
Aber auch in ihren eigenen Schriften, im Neuen Testament, finden sich Gebete,
die in das tägliche Beten der Kirche und des einzelnen eingegangen sind. Das
nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil erneuerte Stundengebet hat hier noch
einmal zusätzlich aus dem neutestamentlichen Gebetsschatz geschöpft.
Vor allem aber sind es seit jeher die drei großen Gebete aus dem
Evangelium, die ihren festen Platz im Gebetsleben der Gläubigen haben: das
Gebet des Herrn, wie es Matthäus überliefert (Mt 6, 9 ‑ 13), das Gebet
Marias (Lk 1,46‑55), das des Zacharias (Lk 1,68‑79), die im Lk‑Ev.
stehen. Hinzurechnen darf man wohl ebenfalls, wenn auch mehr am Rand, den
Lobgesang des Simeon (Lk 2,29‑32), den ebenso Lukas bietet. Er hat seinen
Platz in der Komplet eines jeden Tages, die auch an das Zeitende menschlicher
Existenz erinnert. Das Vaterunser ist bekanntlich das Tischgebet beim
eucharistischen Mahl, aber auch die große Fürbitte im Morgen‑ und
Abendlob der Kirche. Benedictus und Magnificat sind die herausgehobenen Hymnen
in diesen beiden Gebetszeiten, in den Laudes und in der Vesper. Ihnen
nachzudenken, ihrer Zielrichtung und Theologie nachzuspüren, dürfte für einen
sinnvollen Mitvollzug im Gebet wichtig sein. Das soll nun für das Magnificat
versucht werden.
1. Sitz im Leben und Gestalt
In der Kindheitsgeschichte des Lk‑Ev. steht das Loblied Marias vor
dem Hymnus des Zacharias, der die Erfüllung der Verheißung preist, die den
Vorläufer des Herrn ankündigte. Die Stelle ist bewußt gewählt. Zuerst sollte
Maria aussprechen, was Gott nun im Werk und durch das Wort ihres Sohnes tun
wird. Das Lob des Zacharias ordnet sich dem ein und unter. Dies ist auch der
Fall beim Lobspruch der Elisabeth (1,42‑45). Sie ist dazu berufen, die
schon begonnene Erfüllung dessen anzusagen, was der Engel der Jungfrau Maria
angekündigt hatte. Von Gott gegebenes Zeichen dafür ist, daß das Kind, der
künftige Vorläufer, im Schoß Elisabeths vor Freude tanzt.[3]
„Die Hymnen der Vorgeschichte haben eine das Geschehen pneumatisch
erhellende Aufgabe, Maria ist die berufene Deuterin des eschatologischen
Geschehens, das nun das Volk Gottes erlebt; sie spricht nicht für sich
allein: Hier kommt alles Psalmodieren des altbundlichen Gottesvolkes auf
seinen Höhepunkt und übersteigt sich. Wer solches liest, ist dazu aufgerufen
mitzujubeln: Erst die mitfeiernde Gemeinde der Christusgläubigen wird solchen
Texten gerecht“.[4]
Ist nicht auch die Gemeinde die Verfasserin dieses großen Hymnus? Man hat
die Entstehung des Magnificat in verschiedenen Kreisen des frühen Christentums
zu orten versucht, kann aber wohl nur sagen, daß Lukas, der den Traditionen
sorgfältig nachging (1,1-3), es bereits übernommen hat. Es spricht nichts
dagegen, daß Maria in den religiösen Traditionen und Gedanken gelebt hat, die
sich im Magnificat aussprechen. Zu sehr äußert sich hier die Frömmigkeit der
„Gemeinde der Armen“, die insbesondere in den Psalmen zu Wort kommt und diese
als Zeugnis ihres Glaubens im Alten Testament hinterlassen hat. So ist Maria
mit Recht die Sprecherin des Lobgesangs[5],
der ihr hier in den Mund gelegt wird. Er redet vom Gott des Alten Bundes, der
jetzt daran geht, sein Heil seinem Volk
und allen Menschen zuzuwenden. Dieses Gottesbild, das die Offenbarung des Alten
Bundes bereitstellt, steht im Magnificat über dem Neuen Bund. Ihm wendet sich
nun unsere Aufmerksamkeit zu.
Zuvor aber sei noch ein kurzes Wort zur Gestalt des Magnificat gestattet.
Es wurde bereits gesagt, daß wir in diesem Text einen Hymnus vor uns haben.[6]
Man hat in der Forschung, meist je nach der Zuordnung zu einem bestimmten angenommenen
Verfasserkreis auch gefragt, ob der Text einheitlich und was nachträglich
eingefügt sei. Diese Diskussion hat kaum weitergeführt.[7]
Es legt sich daher als sinnvoll nahe, bei der Interpretation dieses Lobgesangs
von der überlieferten Textgestalt auszugehen. Verschiedenartig wird ferner
der Text in Abschnitte eingeteilt.[8]
Ausrichtung und Inhalt dieses Textes sprechen dafür, ihn zu nehmen, wie er
steht. Er „beginnt mit dem Lobe Gottes um dessentwillen, was er Maria hat
zuteil werden lassen, gipfelt aber in der preisenden Erfassung der ganzen Fülle
des göttlichen Handelns zum Heile seines auserwählten Volkes“. Und darin
„bezeugt er sich selbst unübersehbar als der Heilige und der Barmherzige zugleich“.
Zunächst aber „bekennt sich Maria also wohl dazu, daß Gott ihr seine Gnade in
wahrhaft umfassender Weise zugewandt hat“.[9]
2. Danklied einer Geretteten (V. 46‑49)
Maria stimmt ein Lied an, wie es einst Hanna, die Mutter Samuels getan
hat, als sie ihren Sohn dem Herrn weihte (1 Sam 2,1‑10). Doch der
Unterschied in der Gebetshaltung ist nicht zu übersehen. Hanna wendet sich,
voll Freude über die ihr zuteil gewordene göttliche Hilfe, die ihr, der Unfruchtbaren,
einen Sohn geschenkt hat, gegen ihre Feinde (V. 1). Gemeint ist Peninna, die
andere Gemahlin Elkanas, die Hanna wohl zusammen mit weiteren Frauen geschmäht
hatte. Dem entspricht auch der Inhalt des Liedes, das Gott als den rühmt, der
sich der Bedrängten und Schwachen annimmt und die Starken und gut Situierten
in ihre Schranken weist. Diese Thematik füllt auch den zweiten Abschnitt des
Magnificat (V. 50-53). Aber der Ansatz ist beim Lobgesang Marias ein anderer.
Es ist zuerst ein Danklied, das alttestamentlichen Vorbildern folgt.
Zum Lob Gottes ruft in Hymnen Israels in der Regel der Sprecher die
Mitfeiernden, eine Gemeinde, die sich um ihn gesammelt hat, auf. Es kommt aber
auch vor, daß ein einzelner seine Absicht kundgibt, den Herrn zu preisen wie
jener, der aus Todesnot gerettet wurde, sein Lied beginnt: „Ich will dich
rühmen, Herr“ (Ps 30,2). Dann erzählt er, was Gott ihm Gutes getan hat und
schildert dabei seine damalige unheilvolle Situation. Maria war nicht in
solcher Not und Bedrängnis. Sie ruft sich auch nicht zum Lob Gottes auf. Sie
singt es. Dabei tritt ihr Ich nicht in den Vordergrund. Es steht gleichsam
hinter Seele und Geist, die Gott loben. In einer Bitte um Rettung vor falschen
Anklägern verspricht der Betende, wenn er die göttliche Hilfe erfahren hat:
„Meine Seele wird jubeln über den Herrn und sich über seine Hilfe freuen. Mit
Leib und Seele will ich sagen: Herr, wer ist wie du?“ (Ps 35,9.10a). Seine
ganze Person mit all ihren Lebensäußerungen preist Gott. Denn die Seele ist
nach alttestamentlicher Auffassung „der Ort und Untergrund, in dem alle diese
Kräfte und Fähigkeiten ihren Sitz im Leben haben“, nämlich alles Begehren und
Wünschen, aber auch das Verlangen, „das sich in Hunger und Sattsein, Trauer
und Freude, Liebe und Haß, Hoffen und Verzagtsein ausdrückt“.[10]
Wenn der Betende „meine Seele“ statt „ich“ sagt, lobt er zugleich Gott, der als
Schöpfer dem Menschen die Seele gegeben hat, die ihn zu einem lebenden Wesen
macht (Gen 2,7). „Meine Seele rühme sich des Herrn“, sagt einer, der erfahren
hat, daß er unter Gottes Schutz steht (Ps 34,3). Maria fügt hinzu: „Und mein
Geist jubelt über Gott“. „Geist“ meint, auf den Menschen bezogen, nach
alttestamentlicher Auffassung eine ihm auf Zeit verliehene Gabe, „die den
Menschen nicht nur von innen heraus, sondern auch von außen her zu bestimmen
vermag. Ihr eignet vor allem eine dynamische Komponente“, die sich im Wollen
und Tun auswirkt. „Sie verleiht dem Menschen die Vitalität, die dynamische
Lebenskraft, die er in verschiedener Weise einsetzen kann. Sie äußert sich in
den aus dem Inneren gespeisten Aktivitäten, in den Fähigkeiten, die entfaltet werden,
in den ethischen Einstellungen, die zum Tragen kommen, in den Leidenschaften,
Erregungen und Gemütszuständen, die einen Menschen beherrschen. Die Kraft, die
im Willen liegt, stammt von ihr“.[11]
So kann einer, der um Kraft und Hilfe gegen den Feind betet, sprechen: „Mein
Geist verzagt in mir“ (Ps 143,4). Der „Geist“ wird von Gott zur Erfüllung
bestimmter Aufgaben verliehen,[12]
wobei er immer der Geist des Herrn bleibt und wirkt, bis diese Aufgabe erfüllt
ist. Beides spielt sicherlich in dem Wort Marias zusammen: die dynamische
Lebenskraft, die Gott auf Lebenszeit geschenkt, und der Auftrag, den er ihr
zugewiesen und für den er ihr seinen „Geist“ verliehen hat. Sie kann seit dem
Wort des Engels (Lk 1,35) das Wort auf sich anwenden, das ein Prophet in
Jerusalem nach dem babylonischen Exil sprach: „Der Geist Gottes, des Herrn,
ruht auf mir“ (Jes 61,1). Ihr Sohn Jesus wird in seiner Antrittspredigt in der
Synagoge von Nazareth, wie sie Lukas überliefert (4,16‑30), dieses
Prophetenwort mitsamt dem darin umschriebenen Auftrag zitieren (Jes 61,1 f) und
sich so als den Verkünder der frohen Botschaft ausweisen. Wenn Maria die beiden
Begriffe „Seele“ und „Geist“ in ihrer Selbstermunterung zum Gotteslob
gebraucht, preist sie also Gott, ihren und den Schöpfer der Menschen und ihn
auch als den Lenker und Gestalter der Heilsgeschichte.
Sie verwendet dabei einen Begriff,
der zum Titel ihres Lobgesangs wurde: Magnificat. Sie sagt: „Groß macht meine
Seele den Herrn“, nimmt einen Ausdruck, der aufs erste verwundern kann und dem,
was dann folgt, zu widersprechen scheint: Die niedrige Magd macht Gott groß?
Gott ist groß, ein großer König über allen Göttern (Ps 95,3), und seiner
absoluten und unendlichen Größe kann nichts hinzugefügt werden, schon gar nicht
durch die Lobpreisung, die ein Mensch vornimmt. Gemeint ist vielmehr, „daß
Menschen ihrerseits die Größe Gottes, die sie in seinem Handeln erfahren haben,
anerkennen und preisend bekennen“.[13]
Indem seine Taten vor anderen Menschen gerühmt werden, wird seine Größe für sie
sichtbar, in ihrer Einschätzung erhöht. Dies ist auch die Meinung des bereits
zitierten Psalmisten, der sich unter Gottes Schutz weiß und sagt: „Des Herrn
rühmt sich meine Seele; die Armen sollen es hören und sich freuen. Macht groß
mit mir hinsichtlich des Herrn, und laßt uns zusammen seinen Namen erheben“ (Ps
34,3 f). Ein unschuldig Verfolgter betet: „Ich aber bin arm und voller Schmerzen,
doch deine Hilfe, o Gott, schützt mich.
Loben will ich den Namen des Herrn im Lied, ich will ihn groß machen im
Danklied“ (Ps 69,30 f).
Im Magnificat ist dem Namen Jahwe, der mit kyrios (Herr) übersetzt ist,[14]
die Prädikation „mein Retter“ beigefügt. Ein integrer Mensch mit reinen Händen
und lauterem Herzen empfängt Heil von Gott, seinem Retter (Ps 24,5). Der Herr
ist sein Licht, sein Heil; er braucht Menschen nicht zu fürchten (Ps 27,1).
Er muß nur dann Furcht haben, wenn Gott sein Angesicht vor ihm verbirgt, sich
von ihm abwendet (Ps 27,9); dann ist Rettung nicht mehr möglich. Beim Herrn
allein ist ein Mensch geborgen wie auf einem unzugänglichen Felsen, wie in
einer starken Burg (Ps 62,2.7). Man darf Gott bitten, daß er um der Ehre seines
Namens willen hilft und rettet (Ps 79,9). Denn sein Name ist Jahwe „ich bin da“
(Ex 3,14), den er selbst gegenüber Mose interpretiert: „Ich bin mit dir“ (Ex
3,12). Maria hat nach Lk 1,28 vom Engel gehört. „Der Herr ist mit dir“. Sie
wird sogleich von dem Namen des Herrn sprechen. In der Liturgie des Alten
Bundes werden die Verehrer Jahwes aufgefordert, zu jubeln vor dem Herrn, „dem
Fels unserer Rettung“ zuzujauchzen (Ps 95,1), wie Maria es tut. Denn das Volk
des Herrn hat seine Hilfe erfahren, in der großen Rettungstat der Befreiung aus
der ägyptischen Knechtschaft und ihn auch in seiner weiteren Geschichte als
den helfenden Gott erlebt. Der Exilsprophet (Deuterojesaja), der die Befreiung
aus der babylonischen Gefangenschaft ankündigen darf, sieht fremde Völker
kommen, sich vor Israel niederwerfen und bekennen: „Nur bei dir gibt es einen
Gott, und sonst keinen. Wahrhaftig du bist ein verborgener Gott, Israels Gott
ist der Retter“ (Jes 45,14 f). Und er hört Jahwe selber sagen: „Es gibt keinen
Gott außer mir; außer mir gibt es keinen gerechten und rettenden Gott“ (Jes
45,21). „Ich bin Jahwe, ich, und außer mir gibt es keinen Retter“ (Jes 43,11).
Israels Gott bestimmt hier seine Idendität als einzig existierender Gott
geradezu darin, daß er der Retter ist. Gewiß geschieht dies in der Situation
der Gefangenschaft des Volkes in Babel, wo eben alles darauf ankommt, daß
Israel die Freiheit wieder erlangt. Aber solche Aussagen bleiben stehen und
behalten ihr Gewicht. Sie tauchen dann wieder auf, wenn es erneut um Rettung
geht. Das war in der Zeit Jesu der Fall. Und er sollte die rettende Tat Gottes
verkünden und sein, allerdings nicht im politischen Sinn, wie das Volk es
weithin und in den maßgeblichen Schichten erwartete. Das Magnificat bezieht
allem Anschein nach auch zu dieser Erwartung durch seine Akzentsetzung
Stellung, in der Art nämlich, wie Maria die Taten des rettenden Gottes
beschreibt. Der Botenspruchformel „So hat Jahwe gesprochen“, mit der die
Propheten häufig das zu übermittelnde Gotteswort einleiten, fügt Deuterojesaja
oft Prädikationen Jahwes hinzu.[15]
Sie bezeichnen Israels Gott schwerpunktmäßig als Retter, Erlöser und Helfer.[16]
Gott, den der Lobgesang Marias preist, wird als der Erlöser vorgestellt und
gerühmt. Die Erlösung steht hier von Anfang an im Blick. Die Soteriologie hat
hier das Wort und setzt den bestimmenden Akzent für das Evangelium, dessen
Gottesbild das des erlösenden Gottes ist, ohne daß dabei der (in der Schöpfung)
Mächtige und der Richtende übersehen wird. So rühmt sich Maria, wie es in dem
Gebet, das dem Propheten Habakuk zugeschrieben ist, geschieht, dieses Gottes:
„Ich will jubeln über den Herrn, und mich freuen über Gott, meinen Retter“ (Hab
3,18).
Wie es in den Hymnen und Dankpsalmen Israels der Fall ist, folgt nun nach
der Aufforderung bzw. Selbstermunterung zum Gotteslob die Begründung, die der
Betende mit „denn“ einleitet. In ihr spricht er aus, was ihn veranlaßt, Gott zu
preisen. Er erzählt, was ihm geschah und wie Gott sich seiner angenommen, ihm
geholfen, ihn gerettet hat. Er zeichnet dabei in konkreten Angaben über seine
Situation und die göttliche Hilfe das Bild des rettenden Gottes, wie er ihn
erfahren hat. Er bezieht aber auch andere, gleichgesinnte Menschen, Leute mit
ähnlichen Erfahrungen in den Lobpreis Gottes mit ein, ruft sie auf
einzustimmen, formuliert dabei allgemeingültige Sentenzen, in denen er versucht
zu beschreiben, wie der rettende Gott handelt und wie er also ist, wie der
Mensch sich ihm gegenüber zu verhalten hat.[17]
Zuerst spricht Maria von ihrer besonderen Gotteserfahrung: „Auf die
Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut“. Niedrigkeit, Unterlegensein, Elend
kann in der Sicht des betenden Menschen in recht unterschiedlichen Situationen
gegeben sein: in der Bedrängnis der Armen (Ps 9,13), der Verfolgten (Ps 22,21;
31,8), der Schuldiggewordenen (Ps 25,18), der Kranken (Ps 88,10). Israel hat
Anlaß, von der Erniedrigung durch die Feinde zu sprechen (Ps 136,23; 44,23).
Der Fromme, dessen Freude die Weisung des Herrn ist, sieht sich ins Elend
gestoßen.[18] Die
Gefangenen, die in ihrem Elend zum Herrn schreien, führt er aus Dunkel und
Finsternis und zerbricht ihre Fesseln; die Armen hebt er aus ihrem Elend empor
(Ps 107,10.14.41). Nach dem Kontext bezieht sich Maria auf die Szene der
Verkündigung, in der sie dem Engel geantwortet hat: „Ich bin die Magd des
Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast“ (Lk 1,38). Elisabeth begrüßt sie
als „die Mutter meines Herrn“ (1,43), als die Mutter des kommenden Messias. Wenn
Kinderlosigkeit, wie Israel sie bewertete, als Elend eingeschätzt wird, dann
weist der Begriff Niedrigkeit, den Maria gebraucht, ebenfalls auf die
Verkündigung durch den Engel hin: Sie wird einen Sohn zur Welt bringen, der „Sohn
Gottes genannt wird“ (1,35). Im Wort Marias klingt noch die Äußerung Hannas,
der Mutter Samuels, nach: „Jahwe Zebaot, wenn du an mich denkst und deine Magd
nicht vergißt und deiner Magd einen männlichen Nachkommen schenkst, dann will
ich ihn für sein ganzes Leben dem Herrn überlassen“ (1 Sam 1,11). Samuel wurde
Prophet und im Auftrag des rettenden Gottes Retter für das Volk des Herrn.
Hanna vertraut auf den Herrn, der tot und lebendig macht (1 Sam 2,6). Maria
stimmt mit ihrem, ihr persönliches Lob begründenden Wort dem Plan und Auftrag
Gottes wiederum zu. Ihr Sohn Jesus wird der große Prophet und Retter sein. Daß
sie seine Mutter sein darf, ist der Grund dafür, daß sie alle Geschlechter
beglückwünschen, sie selig preisen. Glücklich gepriesen werden Menschen, die
das Heil Gottes erfahren haben.[19]
Lea empfand dies nach Gen 30,13 bei der Geburt ihres Sohnes Ascher (Glück).
Sie sagt: „Die Frauen werden mich beglückwünschen“. Marias Sohn aber ist das
Heil der Welt. So ist der Ausruf berechtigt: „Von nun an preisen mich selig
alle Geschlechter“ (Lk 1,48). In der Tat, das Volk des Herrn darf sich
glücklich preisen, daß er sein Gott ist (Ps 33,12; 144,15).
Noch einmal setzt Maria an, um mit Bezug auf ihre Person zu begründen,
warum sie Anlaß hat, Gott zu loben (Lk 1,49), um aber sofort, sozusagen in
einem Atemzug ins Grundsätzliche überzuwechseln. Es ist nicht eine neue Erfahrung,
die sie mit Gott gemacht hätte und nun ins Wort bringt. Sofern es ihre Person
betrifft, ist Weiteres nicht zu sagen. Was ihr geschehen ist, wird noch einmal
qualifiziert: „Der Mächtige hat Großes an mir getan“. Maria sieht sich in
einer Linie mit jenen stehen, die ihre Zuflucht zum Herrn nehmen und in ihrem
Vertrauen sprechen: „Ich will von deinem machtvollen Arm der Nachwelt künden,
den kommenden Geschlechtern von deiner Stärke und von deiner Gerechtigkeit,
Gott, die größer ist als alles. Du hast Großes vollbracht. Mein Gott, wer ist
wie du?“ (Ps 71,18 f). Die exemplarisch großen Taten Gottes sind seine Schöpfung
und vor allem die Großtat der Erlösung aus der Knechtschaft Ägyptens.[20]
Es sind „die großen das menschliche Planen und Begreifen übersteigenden Taten
Gottes in Natur und Geschichte“.[21]
Wenn das Volk sie, besonders die Erlösung aus der Gefangenschaft, sich vor
Augen hält, ist es voll Freude (Ps 126,1 f). Eine Großtat Gottes geschieht in
und durch Maria. Der Begriff weist auch darauf hin, daß der Herr eine neue
große Erlösungstat vollbringen wird. Er vollzieht sie durch Jesus, den Sohn
Marias. Darin zeigt er wie einst in Ägypten, daß er der Mächtige ist. So hat
er sich einen großen Namen gemacht. „Er gewährte seinem Volk Erlösung und
bestimmte seinen Bund für ewige Zeiten. Furchtgebietend ist sein Name und
heilig“ (Ps 111,9). So lobt Maria seinen heiligen Namen (Ps 103,1) und rühmt
sich seiner mit allen, die ihn anrufen dürfen (Ps 105,1.3) und über denen sein
Name ausgerufen ist. Wenn dann sein Volk aus den Völkern zusammengeführt ist,
werden sie seinen heiligen Namen loben (Ps 106,47)[22]
auf immer und ewig (Ps 145,21). Denn der Herr wird seinen großen Namen selbst
heiligen, wenn er sein Volk aus allen Völkern und Ländern zusammenführt.[23]
Jesus wird die entsprechende Bitte in das Vaterunser aufnehmen: „Geheiligt
werde dein Name“. Man darf also sicherlich sagen, daß im Magnificat verhalten
angedeutet wird, was Gott in neuer und unerwarteter Erfüllung alter
Verheißungen wirken wird: die große Tat, die seinen Namen über jeden anderen
erhaben macht.
3. Frömmigkeit der Armen (Lk 1,50‑53)
Die Gebetshaltung, aus der Maria ihr Loblied singt, ist bereits in den
Worten, die sie auf sich sowie auf Gottes Wirken an ihr und an seinem Volk
bezieht, angeklungen. Sie wird in diesen Versen ins Allgemeingültige
ausgefaltet. Dabei wird das Gottesbild des Mächtigen, Rettenden, große Taten
Vollbringenden mit weiteren Akzenten versehen. Dazu macht das Loblied wiederum
Anleihen beim Wort und Gebet des Alten Bundes, besonders auch bei 1 Sam 2,5‑8,
dem Danklied der Hanna.
Der bestimmende Akzent, der bereits im ersten Wort dieses Abschnitts
gesetzt wird, heißt Erbarmen. Es wird denen zuteil, die Gott fürchten. Als
Jahwe Fürchtende bezeichnen sich die Frommen, die Niedrigen, die ganz auf ihn
vertrauen und sich bemühen, nach seinem Gesetz zu leben (Ps 119,63.120). Sie
haben erfahren und sich davon überzeugt, daß nur Jahwe ihnen hilft. Sie wissen,
daß seine Huld fest über ihnen steht, so fest und so hoch aufgerichtet wie der
Himmel über der Erde (Ps 103,11). Gottes Huld währt immer und ewig über allen,
die ihn fürchten und ehren (V.17). So sprechen sie: „Wie ein Vater sich seiner
Kinder erbarmt, so erbarmt sich der Herr über alle, die ihn fürchten“ (V.13).
Es ist eine Gruppe von Menschen, die arm, bedrängt, fremd, benachteiligt, oft
auch verfolgt und unterdrückt sind und die, wenn sie schuldig geworden sein
sollten, darunter leiden.
Arme gab es in Israel besonders seit der Königszeit, die ein neues
Wirtschaftssystem mit sich brachte, in dem viele Schwache und wenig
Erfolgreiche, solche, die sich nicht zu wehren wußten und bei
Auseinandersetzungen mit den Mächtigen den kürzeren zogen, auf der Strecke
blieben.[24] Sie
kommen sicherlich in einer Reihe älterer Psalmen zu Wort.[25]
In der Zeit nach dem Exil aber wandelt sich ihr Bild mehr und mehr von der
sozialen Bestimmtheit in die religiöse. Dabei bleibt das Bewußtsein, auf Jahwe
angewiesen zu sein und wird zum bestimmenden und unterscheidenden Faktor des
Selbstverständnisses dieser Menschen. „Arm“ nennen sich jetzt die, welche auf
den Herrn, sein Erbarmen und seine Macht vertrauen, und kennzeichnen damit
ihre religiöse Grundeinstellung. „Dieser Begriff des Armen enthielt geradezu
einen Rechtsanspruch an Jahwe; und dies war es gerade, was ihn später zu einer
Selbstbezeichnung der Frommen vor Jahwe gemacht hat. Tatsächlich versteht eine
große Zahl von Belegen diese Armen ganz unbefangen und direkt als die
eigentlichen Anwärter des göttlichen Schutzes“.[26]
Diese „Armen“ haben in ihrem Sinn ältere Psalmen überarbeitet und neue gedichtet,[27]
so daß man nicht zu Unrecht den Psalter aufs Ganze gesehen als das Gebetbuch
dieser Armen bezeichnen kann. Aus seinem, aus ihrem Geist und Gebetsschatz
schöpft offensichtlich auch das Magnificat. Jesus wird später diese Armen
seligpreisen (Mt 5,3). Sie besitzen wahre Religiösität, hier und oft im Alten
Testament Gottesfurcht genannt, nach der Weisung[28]
und in der Ausrichtung des Alten Bundes.
Sie wissen von Gottes mächtigem
Wirken. Sein Arm ist Zeichen und Bezeichnung hierfür, sichtbar geworden in
machtvollen Taten, wie insbesondere in der Herausführung aus Ägypten[29], und in der Überwindung der Feinde seines
Volkes, die er mit starkem Arm zerstreut hat (Ps 89,11). Es hilft den Mächtigen
nichts, wenn sie hochmütig prahlen und sich auf ihre angebliche Größe verlassen.
Der Herr wendet sich gegen die Stolzen, die ihn nicht anerkennen und sich vor
ihm nicht beugen wollen. Die Propheten sprechen davon. Sie verkünden, daß der
Herr sie, die sich aus eigener Kraft
für mächtig halten, vom Thron stoßen wird.[30]
Die Niedrigen hingegen kann und
will Gott erhöhen. Darum sollte jeder Herrscher weise sein und sich nicht
überheben, da er als Mensch doch nur „Staub und Asche“ ist (Sir 10,9). Er muß
bedenken, daß der eigentliche Herr über die ganze Erde Gott ist, der auch sein
Schöpfer ist (V.4.12). „Gott stürzt den Thron der Stolzen und setzt an ihre
Stelle die Demütigen“ (V.14). Er bringt auch alte Geschlechter zu Fall (Ijob
12,19). Wenn er in den Lauf der Geschichte richtend eingreift, bleibt nichts,
wie es war. Dann wird das Niedrige hoch und das Hohe niedrig (Ez 21,31). Wer
sich an ihn wendet und ihn als Retter anruft, darf sich darauf verlassen, daß
Gott den Gebeugten aufhilft, die Frevler aber erniedrigt (Ps 147,6). Die
bestehenden, durch Ungerechtigkeit und Hochmut hervorgebrachten Verhältnisse
umzukehren, steht in Gottes Macht. Daß er diese Umkehrung vornimmt, ist die
Überzeugung der Geschundenen. Diese Tatsache steht auch wie eine Drohung über
jenen, die sich gegen andere erheben oder nicht beachten, daß einer allein der
Erhabene ist: Gott, der Herr.
Eine andere große Bedrohung, die
besonders wieder die Armen traf, waren Hungersnöte. Die Reichen konnten sich
retten; denn sie hatten die nötigen Mittel, um sich zu beschaffen, was sie zum
Leben brauchten und vieles, je nach Vermögen, darüber hinaus. Wer jedoch auf
ein kleines Grundstück angewiesen war, das er zudem noch gepachtet hatte,
geriet in Not. Nicht selten waren solche kleinen Leute gezwungen, ihre Arbeitskraft
und die ihrer Familie in der sogenannten Schuldsklaverei[31]
auf Jahre hinaus zu verkaufen; sie büßten ihre Freiheit ein. Doch der Herr kann
ihr Geschick wenden. Darauf vertrauen die Armen und sprechen ihre Hoffnung,
wieder im Schema der Umkehrung, so aus: „Reiche müssen darben und hungern; wer
aber den Herrn sucht, braucht kein Gut zu entbehren“ (Ps 34,11). Auch im Lied
der Hanna wird die Erwartung ausgesprochen, daß der Herr in dieser Weise
einschreitet: „Die Satten verdingen sich um Brot, doch die Hungrigen können
feiern für immer“ (1 Sam 2,5). Ebenso real und nicht im übertragenen Sinn wie
in der Seligpreisung Jesu für die, welche „hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit“
(Mt 5,6), wie die Übersetzung von näfäsch mit „Seele“[32]
vermuten läßt, ist in Ps 107,9 die Aufforderung, Gott Dank zu sagen, an jene zu
verstehen, die bei ihrem Zug durch die Wüste nicht verhungert und verdurstet
sind. Sie sollen den Herrn loben, weil er sie mit seinen Gaben, mit Speise und
Trank, erfüllt hat. Wenn das Magnificat sich an diese Formulierung anschließt,
sollte nicht voreilig an geistliche Güter gedacht werden, wenn auch der Text
für ein derartiges Verständnis nicht verschlossen ist.
4. Eschatologische Perspektive (Lk 1,54.55)
Das Magnificat wendet sich zu einem Ausblick in die Zukunft. Es bleibt
nicht bei einer Beschreibung dessen stehen, was der mächtige und harmherzige
Gott für diejenigen tut, die ihn fürchten und ehren. Israel kommt als das Volk
Gottes in den Blick. Es geht um sein künftiges Geschick. Was mit der Zuwendung
an Maria begonnen hat, wird sich für Israel auswirken. Gott nimmt sich seines
Volkes an. Diese Zusage verweist auf Jes 41,8 f: „Du, mein Knecht Israel, du,
Jakob, den ich erwählte, Nachkomme meines Freundes Abraham: Ich habe dich von
den Enden der Erde geholt, aus ihrem äußersten Winkel habe ich dich gerufen“.
Dieses Wort spricht von der Rückkehr Jakobs aus Haran in Mesopotamien nach
Kanaan, die der Patriarch auf Befehl und unter dem Schutz Jahwes vollzog.[33]
Israel ist und bleibt der Knecht Jahwes. Das bedeutet von Gott her Zuwendung
und Auftrag, der zu erfüllen ist, nämlich sein Volk zu sein im Leben und Tun.
Und es bedeutet von Israel her alleinige Bindung an seinen Gott, Verehrung und
Dienst. Der Herr hat sich Israels, schon des Patriarchen Jakob und später des
Volkes im Exil, als sie in Not waren und unter fremder Herrschaft standen,
angenommen, sie in seinen Bereich gebracht, sie helfend fest an sich gezogen
und in Gemeinschaft mit sich aufgenommen. Diese Beziehung ist nicht vergangen,
sie besteht und wird auch in Zukunft wirksam sein. Denn der Herr denkt „an
seine Huld und Treue zum Hause Israel“ (Ps 98,3). Israel ist auch jetzt, da
Maria spricht, in Not und unter fremder Herrschaft. Die künftige Zuwendung
Gottes zu seinem Volk steht unter dem Stichwort Erbarmen. Wenn der Herr an
etwas denkt, dann steht der Inhalt seiner Gedanken schon konkret als
Wirklichkeit vor ihm. Sein Erbarmen wird sich verwirklichen. Näheres wird hier
nicht ausgeführt. Wer aber den Lobgesang der Mutter des Messias liest, soll im
Gedächtnis haben, was bei Lukas vorher gesagt worden ist und der Engel als
Programm für das kommende Heilshandeln Gottes verkündet hat. Noch ist es nur in
der Verheißung angedeutet. Das Evangelium wird dann sagen und ausführen, was
es beinhaltet.
Ein wichtiger Hinweis wird am Ende
des Lobgesangs noch gegeben. Er verweist auf Abraham und die an ihn ergangene
Verheißung Gottes. Das Gebet Jerusalems (Mi 7,14‑20) schließt mit
ähnlichen Worten wie der Lobgesang Marias: „Du wirst Jakob deine Treue beweisen
und Abraham deine Huld, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der
Vorzeit“. Offenbar nimmt das Magnificat Bezug auf Gen 17, wo dem Erzvater
Abraham zahlreiche Nachkommen verheißen werden, mit Isaak Israel in den Blick
rückt und die Völker nicht vergessen sind, wo der Herr aber auch einen ewigen
Bund mit dem Patriarchen schließt (V.7). Die Verheißung wird für Isaak und
Jakob von Gott wiederholt und somit bekräftigt.[34]
Daß es eine ewige Zusage ist, wird zur Zeit der babylonischen Gefangenschaft,
eben in Gen 17, betont.[35]
Im Magnificat soll man, wiederum mit der Verkündigung des Engels an Maria im
Gedächtnis, daran denken, daß der Bund Jahwes mit Israel sich in besonderer
Weise im Davidsbund konkretisiert, der nach dem sogenannten Dankgebet Davids (2
Sam 22) auch seinem Haus auf ewig gilt: „Seinem König verlieh er große Hilfe,
Huld erwies er seinem Gesalbten, David und seinem Stamm auf ewig“ (V.51). Die
Zukunft Israels und der Völker liegt im Erbarmen Gottes, der an seinem Bund
festhält und ihn im Messias, im Sohn Marias, verwirklichen wird.
„So, wie Gott sich Maria als Heiland (V. 47, s. Hab 3,18) erweist, erfüllt
er ja die den Vätern gege- benen Verheißungen (V.55), und eben darin wieder
bezeugt er sich selbst unübersehbar als der Heilige und der Barmherzige zugleich
(V.49 f.)“. Maria bekennt sich zu diesem Gott und dankt ihm, daß er ihr seine
Gnade geschenkt und sie mit einem so hohen Auftrag bedacht hat. „Sie tut es
aber so, daß sie selbst nur als das demütige Werkzeug dieser Gnade erscheint
und daß sie mit ihrer Person ganz hinter der Sache zurücktritt, für die Gott
sie braucht: seiner Offenbarung in seiner Macht und seiner Gerechtigkeit.
Insofern ist das Magnificat an seinem Orte“ gewiß „eine nähere Ausführung über
Marias Bekenntnis 'Siehe, ich bin die Magd des Herrn'(1,38) durch sie selbst,
und insofern ist es auch nur in ihrem Munde überhaupt möglich“.[36]
Sie ist die erste Sprecherin dieses Hymnus. Sie stellt im Danklied aber nicht
sich selbst in den Vordergrund. Sie schildert nicht, wie es sonst im Dank eines
Menschen geschieht, den Jahwe gerettet hat, die Situation, in der ihr geholfen
wurde. Sie spricht von Gott. Sie rühmt den Gott des Alten Bundes, der sich nun
als Retter barmherzig und mächtig seines Volkes, nicht nur im Vollzug des
Davidsbundes, sondern in der weiten Dimension des Abrahamsbundes annehmen wird.
Maria stimmt mit ihrem Lob auf die frohe Botschaft ein, die dann das sich
anschließende Evangelium vermitteln wird. Wer immer in ihr Lob miteinstimmt,
verkündet diesen Gott. Er tut es lobend und dankend, selbst gefordert und
bereit, sich dem einzigen, das Heil aller wirkenden Gott anzuvertrauen.
[1] Siehe Gen 32,10‑13; Ex 15,1‑21;
Dtn 32; Ri 5; 1 Sam 2,1‑10; 2 Sam 7,18‑29; 1 Kön 8,22‑53;
Jes 38,9‑20; Neh 9,8‑37; Est 4,17 k‑z; Dan 9,4‑19. Manche
sind so speziell person‑, situations‑ oder geschichtsbezogen, daß
sie sich nicht wohl zur Übernahme in das Beten anderer eignen.
[2] Vgl. die Hinweise in Eph 5,19; Jak 5,13; 1
Kor 14,26; Kol 3,16.
[3] Tanzen und Jubeln sind in den Psalmen
Antwort auf empfangenes Heil, vgl. Ps 9,15; 13,5; 14,7; 16,9; 21,2 u. ö. und
Ps 30,12; 118, 15.24.27.
[4] Heinz Schürmann:
Das Lukasevangelium. Erster Teil (HThKNT III/1). Freiburg u. a.:
Herder, 1969, 70.
[5] Siehe dazu H. Schürmann (s. Anm. 4), 78.
[6] Der Inhalt ist Lob Gottes. Es sind auch
die Formmerkmale zu erkennen: a) Einleitung zum Gotteslob (V.46 f); b)
Hauptstück (V.48‑53); c) Als Abgesang darf man betrachten: V.54 f.
[7] Vgl. zu V. 48 und 49: H. Schürmann (s.
Anm. 4), 74.
[8] „Oft wird das Lied in 4 Strophen geteilt:
VV 44‑48. 49‑50. 51‑53.
54‑55. Aber die Zäsur zwischen VV 50/51 ist stärker als die nach VV 48
und 53, wo nur eine Untergliederung vorzuliegen scheint. Vom Inhalt her legt
sich eine Zweiteilung nahe, wobei V 50 mit dem Hinweis auf Gottes“ Erbarmen
„den persönlichen Dank abschließt wie VV 54 f mit dem gleichen Hinweis den
eschatologischen Lobpreis“, so H. Schürmann (s. Anm. 4), 70 f. Jacob Kremer: Lukasevangelium.
Würzburg, 1988 (NEB), 31, teilt in V. 46‑47; 48‑50; 51‑53; 54
f. Nach Karl Heinrich Rengstorf: Das Evangelium nach Lukas.
Göttingen, 1968 (NTD I), 30, kann man „über die Aufteilung in Strophen sowie
deren Zahl und Abgrenzung gegeneinander verschiedener Meinung sein“. Thomas Kaut: Befreier und befreites Volk.
Tradition‑ und redak-tionsgeschichtliche Untersuchung zu Magnifikat und
Benediktus im Kontext der vorlukanischen Kindheitsgeschichte. Frankfurt am
Main, 1990 (BBB 77), gewinnt in literarkritischer Analyse einen „Hymnus einer
Einzelperson (Lk 1,46b‑48a.49‑50a ‑ Magnifikat 1*)“ und das
„Fragment eines Hymnus' Israels (Lk 1,50b-55 ‑ Magnifikat II)“ sowie
eine „Interpolation V 48b“ (S. 321). „Erst vermittels der Interpolation von V
48b gelingt die Adaptation auf die Jesustra‑ dition“ (S. 321).
[9] K. H. Rengstorf (s. Anm. 8), 30 f.
[10] Josef Schreiner:
Theologie des Alten Testaments.
Würzburg, 1995 (NEBAT, Ergänzungsband 1), 168.
[11] J. Schreiner (s. Anm. 10), 170.
[12] So z. B. den Richtern Israels Ri 3,10;
6,34; 11,29; 13,25; 14,6.19; 15,14;
für den prophetischen Bereich siehe Jes 61,1.
[13] Mosis:
Art. gadal. In: ThWAT I, 927‑956, 941 f.
[14] Nach dem Vorgang der Septuaginta, siehe Foerster: Art. kyrios. In:
ThWNT III, 1038-1098, 1056 ff.
[15] Vgl. Josef Schreiner: Zum Stellenwert von Menschenreden im
prophetischen Gotteswort. In: FS Lothar Ruppert (im Druck).
[16] Jes 43,14; 44,2.6.24; 48,17.
[17] Vgl. Hermann Gunkel; Joachim Begrich:
Einleitung in die Psalmen. Göttingen, 1933, 272 f.
[18] Ps 119,50.92.153.
[19] So geschieht es nicht selten in den Psalmen
unter dem Wort „selig (glücklich), wer“. „Wohl dem“ ist eine zu blasse
Wiedergabe
des hebräischen Ausdrucks.
[20] Ps 136,4 nimmt beides in den Blick, Ps
106,21 Gott, „der einst Großes vollbrachte in Ägypten“, ebenso Jos 24,17, vgl.
Dtn 10,21.
[21] Mosis (s. Anm. 13), 939.
[22] Dieses Wort erhält in der Wirklichkeit des
Neuen Bundes eine neue Bedeutung in dem Volk Gottes, das aus Juden und Heiden
gesammelt ist.
[23] Eine Verheißung, die Israel gilt (Ez 36,16‑24),
aber in der Sicht des Neuen Testaments gedeutet wird.
[24] Siehe dazu den Überblick bei Rainer Albertz: Religionsgeschichte
Israels in alttestamentlicher Zeit 1. Göttingen, 1992 (ATD Ergänzungsreihe
8,1), 245‑261.
[25] Hans - Joachim Kraus: Theologie der Psalmen. Neukirchen, 1979 (BK.
AT XV/3), 188‑193: „Die Armen“, mahnt mit Recht, sie bei der Interpretation der Psalmen nicht zu
übersehen.
[26] Gerhard von Rad: Theologie des Alten Testaments I. München, 1958,
398 f.
[27] Vgl. zum 1. Teil des Psalmenbuchs Frank‑Lothar
Hossfeld; Erich Zenger: Die Psalmen. Psalm 1‑50.
Würzburg, 1993 (NEB), 14 f.
[28] Vgl. die Forderung, Gott bzw. Jahwe zu
fürchten im Dtn: 4,10; 5,29; 6,2.13.24 u. ö.
[29] Dtn 4,34; 5,15; 7,19; 9,29; 26,8; Ps 77,16;
136,12.
[30] Jes 14,15; Ez 28,16‑19; 29,4 f; 31,10
ff.
[31] Vgl. Ex 21,2‑11; Dtn 15,12‑18;
Jer 34,8‑11; R. Albertz (s. Anm. 24).
[32] So z. B. die Einheitsübersetzung bei den
Psalmen.
[33] Gen 31,3;
32,2; 35,1‑15, auch 32,30.
[34] Gen 26,4; 28,14, vgl. 28,2 f; 35,11 f.
[35] Gen 17
gehört zur sogenannten Priesterschrift im Pentateuch.
[36] K. H. Rengstorf (s. Anm. 8), 30 f.