Nur eine Abteilung der Moraltheologie?
Überlegungen zum Selbstverständnis Katholischer
Soziallehre
und ihres Verhältnisses zur Moraltheologie
von Bernhard Laux
Die These ist, daß die Katholische Soziallehre und die
Moraltheologie je ein eigenes Material- und Formalobjekt haben. Die
Soziallehre behandelt Fragen nach der Gerechtigkeit, indem sie integrierte
Sozialbereiche analysiert und die individuellen Handlungsziele vom Gesamtergebnis abkoppelt. Die Moral der
Akteure steuert das System nicht. Zur christlichen Soziallehre und zur theologischen
Gesellschaftsethik wird sie, indem sie an christliche Lebensvorstellungen
anknüpft. Sie ist die Reflexion einer solchen Praxis.
This article deals with
the relations of Catholic social teaching and moral theology. The author wants
to show that they are basically disciplines each having its own material and
formal object. Social teaching is focused on questions relating to justice. It
is specifically concerned with the analysis of systemically integrated social
areas which separate individual objectives of action from the overall outcome
of the system, and therefore can not be controlled by the morals of the actors
within the system. It becomes Christian social teaching - theological
social ethics - by taking up Christian concepts of life. It is the reflecting
dimension of such practice.
Die Abgrenzung von Disziplinen ist beileibe nicht die
Hauptaufgabe, vor der wir theologisch stehen. Ganz im Gegenteil kommt es darauf
an, die zersplitterten und oft beziehungslosen theologischen Disziplinen aufeinander
zu beziehen und ins Gespräch zu bringen. Allerdings ist es dafür auch wichtig,
daß die verschiedenen Fächer ein Selbstverständnis ihrer selbst in Relation -
nicht in Abgrenzung - zu anderen theologischen Disziplinen gewinnen. So soll
im folgenden auch nicht die Grenze von Moraltheologie und Katholischer
Soziallehre bestimmt werden, sondern über den verschiedenen Kern der
jeweiligen Disziplin - insbesondere hier der Soziallehre - nachgedacht werden.
In der Reflexion der Spezifika katholischer Soziallehre gegenüber der
Moraltheologie soll ein Beitrag zur Bestimmung ihrer theologischen
Aufgabenstellung geleistet werden.
Angesichts der sich vollziehenden inhaltlichen Erneuerung
der universitären Soziallehre in Deutschland, die in theologischer, sozialphilosophischer
und sozialwissenschaftlicher Hinsicht den - lange Zeit verlorenen - Kontakt zum
gegenwärtigen Diskussionsstand und ihre interdisziplinäre Kommunikationsfähigkeit
wiederzugewinnen sucht, um ihre Reflexionsaufgabe für Kirche und Christen zu
erfüllen[1],
gewinnt eine Reflexion des Verhältnisses von Moraltheologie und Katholischer
Soziallehre eine besondere Aktualität: Wieweit kann und muß Katholische
Soziallehre in ihrem Erneuerungsprozeß als wissenschaftliche Disziplin an der
Moraltheologie Maß nehmen? Inwiefern kommt ihr eine eigenständige Aufgabe
gegenüber der Moraltheologie zu? Dieser Beitrag will zeigen, daß trotz vieler
Berührungspunkte, großer inhaltlicher Nähe und eines Lernprozesses der
Katholischen Soziallehre von der Moraltheologie[2]
- in Themenfeldern wie Autonomie/Theonomie, Propriumsfrage und der Hermeneutik
der Rückfrage nach jesuanischem und biblischen Ethos - Moraltheologie und
Soziallehre doch im Kern Disziplinen mit je eigenem Material- und Formalobjekt
sind.[3]
"Katholische Soziallehre ist nicht einfach ein Sektor der
Moraltheologie."[4]
Der Beitrag will zunächst die Unterscheidung von
Moraltheologie und Katholischer Soziallehre als Reaktion auf gesellschaftliche
Differenzierungsprozesse deutlich machen, die auch eine theologische
Differenzierung erzwingen. Dazu werden die wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen
skizziert. (I) Danach werden drei Spezifika Katholischer Soziallehre in
Unterscheidung zur Moraltheologie vorgestellt. (II) Hieraus ergibt sich die
Frage, was Katholische Soziallehre von einer sozialphilosophischen
Gerechtigkeitstheorie unterscheidet. Die Antwort wird in der Herausarbeitung
der Grenzen einer Theorie der Gerechtigkeit gegeben. (III) Schließlich wird
eine „Rechristianisierung“ der Katholischen Soziallehre in der Weise
vorgenommen, daß sie als Reflexionsdimension der auf Gerechtigkeit zielenden
Praxis von Christen bestimmt wird. (IV)
I. Der
gesellschaftliche Umbruch
1. Grundthese
Die Unterscheidung von Moraltheologie und Katholischer
Soziallehre beruht auf gesellschaftlichen Differenzierungsprozessen, die erst
die Moderne hervorbringt. Katholische Soziallehre als von der Moraltheologie
unterscheidbare Disziplin entstand, als die Kirche die Ausdifferenzierung
verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche aus einer umfassenden
christlichen Lebenswelt zur Kenntnis nahm und zumindest für einige gesellschaftliche
Teilbereiche im Grundsatz - zum Teil mit vielen Vorbehalten - anerkannte
und reflektierte.[5]
Eine historische Rückübertragung der Kategorie
"Soziallehre" in vormoderne Gesellschaftsverhältnisse und eine
rückblickende Unterscheidung von Moraltheologie und Katholischer Soziallehre
ist deshalb wenig sinnvoll. Natürlich soll damit weder eine die
Christentumsgeschichte durchziehende ethische Reflexion gesellschaftlicher
Tatbestände noch die Relevanz dieser Traditionsstränge für die Katholische
Soziallehre bestritten werden. Aber weder das gesellschaftliche
Handlungsgeflecht noch dessen theologische Reflexion bieten unter vormodernen
Bedingungen einer Trennung von Moraltheologie und Soziallehre eine Basis.
2. Der Blick zurück in die "Christenheit"
Das Christentum des "Abendlandes" bewegte sich
im weit überwiegenden Teil seiner Geschichte im Rahmen einer kulturell
integrierten Gesellschaft, und zwar genauer im Rahmen einer Kultur, die
christlich geprägt war, die jedenfalls vom Christentum als die seine verstanden
wurde. Es gab eine die Gesellschaft bestimmende christliche Kultur und damit
eine christliche Gesellschaft. Der christliche Glaube stellte eine relativ
geschlossene, gesellschaftsweit institutionalisierte symbolische Sinnwelt
dar. "Alle Ereignisse, Phänomene, Handlungen und Institutionen erhielten
letztlich ihren Sinn und ihre Legitimation im Rahmen der durch das Christentum
geprägten Sinnwelt. Gleichzeitig bildete umgekehrt die gesamte Gesellschaft
die 'Plausibilitätsstruktur' der Symbolsinnwelt, indem diese in allen
Interaktionsprozessen und institutionellen Handlungsabläufen eine implizite
oder explizite Bestätigung fand."[6]
Alle sozialen Handlungsfelder wurden vom christlichen Sinnsystem gedeutet,
getragen und legitimiert. Der Nomos der Gesellschaft war in den Kosmos christlichen
Weltverständnisses eingebunden. Die ganze Ordnung der Gesellschaft und alle
einzelnen Handlungsfeldern erhielten hier ihren Sinn und ihre Zuordnung.
In der transzendenten Verankerung wird gesellschaftliche
Ordnung objektiviert. Der Charakter institutioneller Ordnungen als Produkte
menschlichen Schaffens bleibt verborgen. Sie werden natürlicher
Zwangsläufigkeit, Objektivität und Unveränderlichkeit angeglichen.
So wie die Ordnung der Gesellschaft in die göttliche
Ordnung der Welt eingegliedert ist, so ist die Reflexion der Ordnung der Gesellschaft
in die Theologie eingebunden. Thomas von Aquin zum Beispiel ist auch maßgeblicher
Ökonom des Mittelalters.
In den abstrahierenden Termini gegenwärtiger
Gesellschaftstheorie lassen sich vormoderne Gesellschaften folgendermaßen auf
den knappsten Begriff bringen: Sie sind Gesellschaften, die sich noch
weitgehend als Lebenswelt[7]
verstehen lassen oder, was damit weitgehend synonym zu verwenden ist, die auf
dem Typus der Sozialintegration beruhen. In ihnen ist das Handeln durch eine
gemeinsam geteilte Kultur angeleitet, geregelt und sinngefüllt. Die
Koordination des Handelns beruht auf einem breiten Fundus an gemeinsamen
Vorstellungen, Orientierungen, Werten und Motiven. Der kulturell definierte erwünschte
Zustand eines Gesellschaftsbereichs wird in Normen institutionalisiert und in
Handlungsmotiven internalisiert und ist in den Vorstellungen und
Antriebsstrukturen der Handelnden präsent. Die abendländische Christenheit,
als das Beispiel einer vormodernen Gesellschaft, um das es uns geht, ist Lebenswelt
auf der Basis eines umfassenden christlichen Weltbildes.
3. Der Umbruch zur Moderne
Moderne Gesellschaft ist weder getragen von einem
christlichen Sinnsystem, das fraglose Konsensbasis aller
Gesellschaftsmitglieder wäre, noch ist sie überhaupt mit dem Lebensweltkonzept
hinreichend zu verstehen.
Das Christentum verliert seine gesellschaftsfundierende
Funktion. Die Kultur in der Moderne hat sich vom christlichen Weltbild gelöst.
Darüber hinaus hat Kultur überhaupt aufgehört, "Weltbild" zu sein
- jedenfalls in ihrem sozialstrukturell institutionalisierten und damit
gesamtgesellschaftlich verbindlichen Teil.[8]
Sie ist kein übergreifender Sinnzusammenhang, in dem Konzeptionen der Natur,
der Gesellschaft, des Menschen und des Verhältnisses von Mensch, Natur und
Übernatürlichem formuliert und systematisch miteinander verbunden werden. Die
alte, einheitliche Weltsicht ist zerbrochen.
Gesellschaft verliert ihre metaphysisch-natürliche
Fundierung, Legitimation und Selbstverständlichkeit und wird als Produkt menschlichen
Schaffens erkannt. Soziologie entsteht als Wissenschaft, die den Menschen über
sein Werk Gesellschaft aufklärt, das er bisher gar nicht als das seine erkannt
hat, und die in ihren Anfängen auch mit dem Anspruch auftritt, Gesellschaftskonstruktion
vernünftig anleiten zu können. Jedenfalls verliert Gesellschaft ihre
traditionelle Legitimation und muß sie neu gewinnen.
Moderne Gesellschaft, die nicht mehr weltbildhaft,
sondern durch abstraktere Prinzipien fundiert und durch formale Organisation
integriert ist, kann die Weltbilder freigeben und verträgt ihre Pluralität
sowie eine Vielfalt von Lebenskonzepten. Weltbilder haben durchaus ihren
Platz, ja ihre Notwendigkeit, weil nur in ihrem Kontext umfassende Fragen menschlichen
Lebens beantwortet werden können. Aber ihre Gültigkeit ist gruppen- bzw.
milieuspezifisch begrenzt und letztlich auf persönliche Entscheidung für sie
gegründet. Gesellschaft selbst ist bescheidener geworden; sie gibt auf viele
Fragen keine für alle ihre Mitglieder verbindliche Antwort. Moderne Gesellschaft
ist also durch eine Pluralität von Weltbildern und von Konzepten guten Lebens
gekennzeichnet, die nicht aufeinander zurückgeführt werden können, zwischen
denen sich nicht mit Gründen, die allgemeinverbindliche Gültigkeit
beanspruchen, entscheiden läßt. Hierauf insistieren zurecht
Postmoderne-Theorien.[9]
II. Unterscheidungen
Wenn die Unterscheidung von Moraltheologie und
Katholischer Soziallehre auf neuzeitlichen Differenzierungen beruht, so ist zu
prüfen, wie diese je für Moraltheologie und katholische Soziallehre konstitutiv
sind. Ausgangspunkt dieses Abschnitts sind also gesellschaftliche und
kulturelle Differenzierungen, die die Moderne mit sich bringt. Von da aus wird
gefragt, ob diese Differenzierungen konstituierend oder akzentuierend zu einer
Unterscheidung des Aufgabenfeldes von Moraltheologie und Christliche Soziallehre
beitragen können.
1. Die Fragen "guten Lebens" als Gegenstand der Moraltheologie -
die Frage der Gerechtigkeit als Gegenstand Katholischer Soziallehre
Moderne Gesellschaft unterscheidet das Rechte vom Guten,
unterscheidet Fragen der Gerechtigkeit von Fragen des guten Lebens und betont
den Vorrang des Rechten gegenüber dem Guten. "Die Betonung dieser
Priorität impliziert zweierlei. Zum einen stellt sie die Mittel bereit, um mit
der Pluralität der Begriffe umzugehen. Sie konzediert, daß es verschiedene
Begriffe des guten Lebens geben kann, vertritt jedoch, daß Gerechtigkeitsbegriffe
unabhängig davon definiert werden können. Folglich haben sich entsprechende
Theorien der Gerechtigkeit bemüht, Gerechtigkeitsbegriffe unabhängig von
umfassenden Theorien des Guten zu entwickeln. Letztere, so wird argumentiert,
enthalten religiöse Präferenzen und werden damit an die Privatsphäre verwiesen
... Zweitens impliziert der Vorgang des Rechten gegenüber dem Guten, daß
Gerechtigkeitsbegriffe fundamentaler als solche des Guten sind - in dem Sinne,
daß Gerechtigkeitsbegriffe das eingrenzen, was legitimer- und in zu
rechtfertigender Weise als ein Begriff des guten Lebens in Anspruch genommen
werden kann."[10]
Mit Gerechtigkeit ist der Anspruch verbunden, daß sie
rein vernünftig begründet werden kann, ohne auf partikulare Traditionen und
Lebensformen zurückgreifen zu müssen. Sie erhebt also einen
universalistischen, kontextunabhängigen Anspruch.[11]
Andererseits sind ihre Prinzipien so formal und prozedural, daß sie keine
Lebensform generieren können, sondern sie voraussetzen müssen.
Gerechtigkeitsprinzipien sind rational begründbar, aber ungeeignet,
Lebenspraxis zu begründen. Konzepte guten Lebens sind notwendig, aber nicht
in ihrer Gänze intersubjektiv so begründbar, daß jeder Vernünftige sie
akzeptieren können müßte. Sie können in einer Situation inkommensurabler
Pluralität nicht mehr die Grundinstitutionen der Gesellschaft fundieren -
jedenfalls nicht ohne den Preis des Fundamentalismus dafür zu bezahlen.
Moraltheologie ist nach diesem Verständnis konzentriert
auf die Frage guten Lebens im Kontext der Tradition christlichen Glaubens.
Er eröffnet einen "Sinn-Horizont", eine "Glaubens-Intensionalität",
er wirkt "kritisierend, stimulierend und integrierend", er begründet
eine kirchlich-gemeindliche Glaubensgemeinschaft, die zugleich Such- und
Reflexionsgemeinschaft im Hinblick auf verantwortliche Moral ist, er legt
Elemente einer Anthropologie grund - um nur einige der Bestimmungen des Zusammenhangs
von Glaube und Moral zu zitieren. Im Kontext dieser gemeinsamen
Glaubensüberzeugung, die "Zielgestalten umfassend gelungenen Lebens"[12]
mitumfaßt, sind Fragen der Moralität, also des guten Lebens, plausibel
bearbeitbar. Diese Plausibilität kann aber nicht ohne weiteres über den Binnenraum
der Glaubensgemeinschaft hinaus für jene gesellschaftlichen Gruppen
unterstellt werden, die den christlichen Glauben und seine sittlichen Prämissen
nicht teilen. Daß Moraltheologie vom umfassenden Konzept des guten, gelingenden
Lebens ausgeht, bedeutet nicht, daß Fragen der Gerechtigkeit in ihrem Kontext
keine Rolle spielen; Gerechtigkeit ist vielmehr ein unverzichtbares Kriterium
gelingenden Lebens. Moraltheologie weiß jedoch den in einer gemeinsamen
Glaubenstradition stehenden Menschen mehr zu sagen über die Formen, Haltungen
und Handlungsweisen, in denen ihr Leben gelingen kann.
Christliche Soziallehre ist konzentriert auf die
bescheidenere Frage der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist kritische
Prüfinstanz von Lebensformen und sichert zugleich als unbeliebige Basis der
Gesellschaft Pluralität von Weltanschauungen und Lebenskonzepten, indem sie -
in Verteidigung der grundlegenden Gleichheit und der damit verbundenen
gleichen Freiheit aller - normative Regelungen an deren Verallgemeinerbarkeit
bindet und damit - jedenfalls in diskursethischen Konzepten - an die Zustimmung
der Betroffenen.
2. Christliche Soziallehre reflektiert Strukturen, die Christen wie Nichtchristen
betreffen
In der modernen Gesellschaft gibt es eine hohe Pluralität
von Lebenswegen, Lebensstilen und Lebenszielen. Aber nicht alles ist plural.
Es gibt Regelungsmechanismen und Rahmenbedingungen des Handelns, die für alle
gültig sind, unter denen Menschen mit verschiedenen Weltanschauungen und
Konzepten guten Lebens, unter denen Christen und Nichtchristen gleichermaßen
leben müssen. Ich will es am Bereich der Wirtschaft (im Gegensatz zum Bereich
der Familie) ansprechen.
In einer pluralistischen Gesellschaft, mit
unterschiedlichen und nicht konsensfähigen Konzepten darüber, was "gutes
Leben" heißt, entstehen im Bereich der Wirtschaftsethik ganz spezifische
Fragen, die sich im Bereich der Familienethik so nicht stellen. Eine
Familienethik im theologischen Kontext kann sehr viel stärker von einer
Konzeption guten Lebens auf der Basis christlicher Botschaft gesättigt sein, da
eine Familie frei ist, in der Gestaltung ihrer innerfamilialen Lebensform. In
der Wirtschaft aber handeln Christen und Nichtchristen unter den gleichen
institutionellen Bedingungen. Christliche Wirtschaftsethik wird dementsprechend
bescheidener sein müssen. Es kann hier nur um Fragen der Gerechtigkeit gehen,
die diskursiv bearbeitbar sind. Kirche mag durchaus Konsumstile als zu
"materialistisch" kritisieren können, weil sie vor dem
Menschenverständnis des Christentums zu sehr am "Haben" statt am
"Sein" orientiert erscheinen.[13]
Ein Ausschluß von Konsumbedürfnissen durch verbindliche Verbote wird sich
allerdings erst dann rechtfertigen lassen, wenn ihre Befriedigung als
ungerecht zu qualifizieren ist, weil sie Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten
anderer beeinträchtigt.
Damit ist eine zweite Unterscheidung angesprochen - die
allerdings mit der ersten eng verbunden ist: Katholische Soziallehre beschäftigt
sich mit ethisch folgenreichen Rahmenbedingungen des Handelns, die
gesellschaftlich verbindlich sind und somit für Menschen unterschiedlichster
Weltanschauung und Lebenskonzeption Gültigkeit haben.[14]
Moraltheologie ist auf das rechte Handeln aus christlichem Glauben
konzentriert.
3. Spezifische Kompetenz der christlichen Soziallehre für systemisch
integrierte Sozialbereiche[15]
Auf der Ebene der Gesellschaft bringt die Moderne einen
neuen Modus der Handlungskoordination hervor: Systemintegration tritt neben
Sozialintegration. Ordnen wir letztere der Lebenswelt zu, können wir auch formulieren:
Systemisch integrierte Handlungsfelder gliedern sich aus der Lebenswelt aus.[16]
Ich will es anhand der Wirtschaft zeigen, die gewissermaßen das
Beispiel ist, weil hier die Entwicklung am reinsten zu sehen ist.[17]
Sozialbereiche, die auf dem Typus der Sozialintegration
beruhen, koordinieren Handeln durch gemeinsame, kulturell bestimmte
Orientierungen, Motive und Ziele, die sich in sozialen Normen niederschlagen
und das Handeln regeln. In systemisch integrierten Handlungsfeldern dagegen
wird Handlungskoordination gewissermaßen "moralfrei" über
unpersönliche Regelmechanismen erzeugt. Die erwünschten Ergebnisse werden von
den moralischen Handlungsmotiven abgekoppelt. In der Wirtschaft handeln die
Akteure nicht moralisch und normorientiert, sondern - allerdings innerhalb
einer Rahmenordnung - strategisch-interessenrational. Sie verfolgen ihre
eigenen Interessen. Die subjektiv unkoordinierten, am eigenen Vorteil
orientierten Handlungen werden durch den Steuerungsmechanismus Markt und das
"Kommunikations"medium Geld "hinter dem Rücken der Handelnden"
zu komplexen Netzen (Systemen) verflochten. Diese werden von den einzelnen
Handelnden in der Regel als Ganze nicht überschaut, verstanden, so gewollt
und können von ihnen entsprechend auch nicht als Ganze verantwortet werden.
Sie bedürfen der kontra-intuitiven Analyse einer Wirtschaftswissenschaft, die
sich mit einem gewissen Recht quasi-naturwissenschaftlich versteht; denn die
doch aus dem Handeln von Menschen entspringende Wirtschaft tritt den Menschen
fremd wie die Natur entgegen, weil das sich am Ende einstellende gesamtwirtschaftliche
Ergebnis aus zahllosen Wirtschaftstransaktionen und die Gesetze, die zu ihm
führen, eben nicht in den Köpfen der Akteure abgebildet sind. Präsent sind
ihnen ihre Handlungsziele und das Know-how, mit denen sie ihre Pläne - vielleicht
- erfolgreich verfolgen können. Einzelwirtschaftliche und
gesamtwirtschaftliche Perspektive kommen bei weitem nicht zur Deckung.
Dieses Auseinanderfallen von erwünschten Ergebnissen
einerseits und Handlungsmotiven der Akteure andererseits ist bei Adam Smith
bereits deutlich formuliert u. a. im vielzitierten Satz: "Nicht vom
Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir das, was wir zum
Essen brauchen, sondern davon, daß sie ihre eigenen Interessen
wahrnehmen."[18]
Der Ort von Normativität verlagert sich so von der
individuellen Handlung und dem Motiv des Handelnden in die Rahmenordnung, in
die institutionellen Bedingungen. Diese Verlagerung und das damit verbundene
Auseinanderfallen von erwünschten Zuständen einerseits und Handlungsmotiven
andererseits sprengte den Rahmen der Moraltheologie und forderte zur
Entwicklung einer von - der Qualifizierung des individuellen Handelns
unabhängigen[19] -
ethischen Reflexion sozialer Strukturen heraus und damit zur Entwicklung der
neuen Disziplin "Katholische Soziallehre".
Damit ist der dritte Unterscheidungspunkt angesprochen:
Katholische Soziallehre hat als spezifischen Kompetenzbereich gegenüber der
Moraltheologie die systemisch integrierten Handlungsfelder, in denen -
idealtypisch gesprochen - Handeln "moralfrei" ist, Normativität in
den Rahmenbedingungen konzentriert ist und die sich einstellenden Strukturen
und Ergebnisse im Wollen der Handelnden nicht präsent sind. Weil das sich
einstellende Gesamtergebnis sowohl kontraintuitiv gegenüber den
Handlungsintentionen der innerhalb des Systems agierenden Subjekte als auch
unvorhersehbar und paradox gegenüber den in der Gestaltung der Rahmenbedingungen
verfolgten Zielen sein kann, reicht die richtige Intention nicht aus.
Erforderlich sind auf fachwissenschaftlicher Kenntnis beruhende, begründete
Prognosen über die unter bestimmten Bedingungen sich einstellenden
Systemzustände.
Hieraus entspringen spezifische Kompetenzanforderungen an
die Katholische Soziallehre. Andernfalls kann man den zwei Gräben entlang des
Weges sozialethischer Reflexion kaum entgehen:
- auf der einen
Seite der Gefahr bloß moralisierender Beurteilung und Gestaltung von Sozialstrukturen,
ohne den komplexen und teilweise kontra-intuitiven Charakter sozialer Zusammenhänge
zu berücksichtigen. Hieraus resultieren gutgemeinte, aber unqualifizierte Vorschläge,
die in der wissenschaftlichen und politischen Diskussion nicht bestehen können,
oder Konzepte, die zu unerwünschten und letztlich „unmoralischen“ Ergebnissen
führen können. In der Folge wird Moral verschlissen und Ethik in ihrer
gesellschaftlichen Relevanz diskreditiert;
- auf der
anderen Seite der Gefahr des Verlust der ethischen Argumentations- und Kritikfähigkeit
gegenüber komplexen Systemen, wodurch sie ethischer Begründungspflichtigkeit
faktisch entrinnen und von vornherein als legitim angesehen werden müssen. Mit
Aussagen, daß "Wettbewerb solidarischer als Teilen" ist oder
Marktwirtschaft der "vorrangigen Option für die Armen"[20]
entspricht - die ja nicht nur falsch sind -, kann dann nicht mehr ethisch
differenziert umgegangen werden.
Zusammenfassung
Katholische Soziallehre als wissenschaftliche Disziplin
läßt sich in ihrem Kern verstehen als Theorie der gerechten Gestaltung
gesellschaftlicher - insbesondere systemisch integrierter - Handlungsbereiche,
deren Strukturen Menschen mit unterschiedlichen Weltanschauungen und
Lebenskonzepten gleichermaßen betreffen. Deshalb müssen Normierungen auf den
Anspruch der Gerechtigkeit begrenzt bleiben und mit Vernunftgründen
argumentativ eingelöst werden. Diesen Anspruch hat Katholische Soziallehre in
ihrer sozialphilosophischen Grundausrichtung immer erhoben, nur konnte
ihre - sich letztlich als binnenkirchliches Theoriegebäude darstellende -
neoscholastische Naturrechtslehre diese Vermittlungsaufgabe nicht mehr
erfüllen.[21] Hier
wird sie mit neueren, insbesondere kommunikationstheoretischen Ansätzen
praktischer Philosophie ins Gespräch kommen müssen, die für eine theologische
Ethik durchaus anschlußfähig sind.[22]
Katholische Soziallehre als theologische Disziplin ist so Grenzwissenschaft
zur Sozialphilosophie, wenn sie im interdisziplinären Diskurs um Gerechtigkeit
das Rationalitätspotential sozialphilosophischer Reflexion aufarbeitet, und zu
den Sozialwissenschaften, wenn sie deren gesellschaftsanalytische Erkenntnisse
aufnimmt.
Aber in der Verdoppelung dieser Wissenschaft kann sie
sich kaum erschöpfen. Zu fragen ist, wo Katholische Soziallehre die Grenzen
einer sozialphilosophischen Theorie der Gerechtigkeit überschreitet.
III. Grenzen einer
Theorie der Gerechtigkeit
Das entscheidende Problem aller Gerechtigkeitstheorie
ist: Eine Theorie der Gerechtigkeit macht noch keine Gesellschaft gerecht.
Selbst wenn man substantiell bestimmt hat, wie eine gerechte Ordnung der
Gesellschaft oder ihrer Teilbereiche aussehen könnte, ist zwar viel und doch
noch wenig geleistet.
1. Der Begriff der Gerechtigkeit ist weitgehend abstrakt und prozedural.
Der Begriff der Gerechtigkeit reicht nicht hin, um
Lebensformen zu generieren, sondern nur, um Lebensformen zu prüfen. Er gibt
nur eine formale Bestimmung dessen, was gerecht ist.
So lautet bekanntlich I. Kants kategorischer Imperativ:
"Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst,
daß sie allgemeines Gesetz werde."[23]
Und J. Habermas reformuliert in kommunikationstheoretischer Perspektive,
"daß nur die Normen Geltung beanspruchen dürfen, die die Zustimmung aller
Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses finden (oder finden
könnten)."[24]
Dahinter steht allerdings ein inhaltlicher Kern: die gleiche Würde, das gleiche
Recht, die gleiche Entfaltungsmöglichkeit eines jeden Menschen und die Unverfügbarkeit
des anderen. Gerechtigkeit aber reicht nicht hin, um Lebensformen zu schaffen.
2. Der Begriff der Gerechtigkeit ist "energielos".
Kognitivistische Gerechtigkeitstheorien in der Tradition
Kants stehen vor der Kluft zwischen Rechtfertigung sittlicher Normen (die sie
leisten können) und Fragen der Anwendung und Motivierung, die sie nicht lösen
können. Die Kluft bleibt unvermittelt. Sie können den Schritt zur Praxis nicht
ableiten. "Die Diskursethik unterstellt nicht, daß sie durch argumentative
Begründung der einsehbaren Gültigkeit des Prinzips auch den guten Willen zur
Befolgung des einsehbaren Handelns in der konkreten Situation des Handelns
andemonstrieren könnte. Hier - wo es um die willentliche Bekräftigung der
Einsicht in die Gültigkeit geht - muß die Diskursethik, wie schon Kant, das
irrationale 'Mysterium' des freien Willensentschlusses (auch zum Bösen!) als
ihre Grenze (wenn man das so nennen will) anerkennen."[25]
Die Praxis der Gerechtigkeit kann nicht von Gerechtigkeitstheorien
aus in Gang kommen, sondern ist angewiesen auf Lebenswelten, die den Gerechtigkeitsforderungen
entgegenkommen und einem Handeln auf Gerechtigkeit hin die motivationale Basis
geben können.
Darüber hinaus ist deutlich, daß die Prinzipien moderner
Kultur, kritische und nicht konstruktive Verfahren sind, so daß in
praktischen Diskursen nicht Lebensformen generiert werden können, sondern vorausgesetzt
werden und lediglich im Rahmen einer insgesamt geltenden Lebenswelt auftretende
Fragen der Gerechtigkeit - und eben nicht des "guten Lebens" -
erörtert werden können. "Universalistische Moralen sind auf Lebensformen
angewiesen, die ihrerseits soweit 'rationalisiert' sind, daß sie die kluge
Applikation allgemeiner moralischer Einsichten ermöglichen und Motivationen
für die Umsetzung von Einsichten in moralisches Handeln fördern. Allein Lebensformen,
die in diesem Sinne universalistischen Moralen 'entgegenkommen', erfüllen
notwendige Bedingungen dafür, daß die Abstraktionsleistungen der Dekontextualisierung
und der Demotivierung auch wieder rückgängig gemacht werden können."[26]
3. Der Begriff der Gerechtigkeit ist von Sinnlosigkeit bedroht.
Es ist nicht a priori ausgeschlossen, daß Recht und
Unrecht, Gut und Schlecht, Sein und Nicht-Sein „gleichgültig“ sind, nämlich von
letzter Sinnlosigkeit entwertet werden. Die Erfahrung der Vergeblichkeit gerechten
Handelns, ja die Vernichtung der Gerechten ist sehr reale Erfahrung auch
unseres Jahrhunderts. Damit "bricht für kommunikatives Handeln, das
angesichts der vernichteten Opfer dennoch auf die kommunikative Realisierung
möglicher Freiheit praktisch vorgreift und sich dabei dem Risiko des
Scheiterns aussetzt, die Frage nach der Rettung der vernichteten Opfer, nach
einer absoluten im Tode rettenden Freiheit auf."[27]
Diese religiöse Frage klingt auch bei Th. Adorno
an: "Was von Entmythologisierung nicht getroffen würde ... wäre ... die
Erfahrung, daß der Gedanke, der sich nicht enthauptet, in Transzendenz mündet,
bis zur Idee einer Verfassung der Welt, in der nicht nur bestehendes Leid
abgeschafft, sondern noch das unwiderruflich vergangene widerrufen wäre."[28]
Christlicher Glaube ist nicht nur Motivationsbasis,
sondern eröffnet einen Sinn- und Hoffnungshorizont, der dem Bemühen um
Gerechtigkeit voraus- und zugrundeliegt.[29]
"So gesehen, eignet der bewußt gestalteten Moral eine Transzendenz-Ausrichtung,
auch einer sich als nur-human oder nicht religiös verstehenden Moral."[30]
Christliche Soziallehre ist damit Theorie der
Gerechtigkeit im Kontext des Motivations-, Sinn- und Hoffnungshorizonts
christlichen Glaubens.
4. Gerechtigkeit ist zu erkämpfen.
Gerechtigkeit ist vielfach nicht einfach da oder läßt
sich in zwangloser Einigung herstellen. Sie ist unter ungerechten Bedingungen
erst noch zu erkämpfen. Dies erfordert den Einsatz von Gruppen, die
Lernprozesse, Veränderungen des Bewußtseins und Verhaltens und Verschiebungen
in den Machtverhältnissen in Gang bringen. Das Mühen um eine Gerechtigkeit,
die erst noch zu erkämpfen ist, erfordert im Vergleich zur Achtung und
Befolgung bereits vorhandener gerechter Gesellschaftsstrukturen, ein Mehrfaches
an Einsatz, da es gilt, gegen die bestehende Realität im Vorausgriff auf
Gerechtigkeit, diese in versuchs- und modellhaften Lebensweisen, in Zeichenhandlungen
und Symbolen - möglicherweise bis hin zu zivilem Ungehorsam - zur Geltung zu
bringen.
IV. Christliche
Soziallehre als Reflexionsdimension der auf Gerechtigkeit zielenden Praxis von
Christen
Christliche Soziallehre wird dadurch zur christlichen
Soziallehre, daß sie für und mit Christen im Vollzug der diakonischen Grunddimension
des Glaubens Reflexionsarbeit auf dem Weg zu gerechteren gesellschaftlichen
Strukturen leistet.
Die gesellschaftliche Gestaltungs- und Veränderungspraxis
von Christen als Teil des diakonischen Grundvollzugs von Kirche verdankt sich
der heilenden Zuwendung Gottes, die die Zuwendung zum Nächsten trägt. Diese
existenzielle Entschiedenheit, der Anspruch und Zuspruch der
Reich-Gottes-Botschaft, die im Handeln und Sprechen Jesu zum Ausdruck kommende
ethische Perspektive sind für die soziale Praxis von Christen fundamental.
Christliche Soziallehre hat entsprechend die soziale Praxis von Christen
theoretisch zu begleiten, in der sie von einem Gott Zeugnis geben wollen, der
den Menschen heilend entgegen geht und den gerade die Benachteiligten auf
ihrer Seite wissen können. Sie hat für die Glaubenspraxis in ihrer gesellschaftlichen
Dimension
- die Impulse
jesuanischer Tradition,
- Ergebnisse
der Analyse moderner Gesellschaften - ihren Strukturen, Funktionsprinzipien
und ihren Auswirkungen auf die Lebenschancen von Menschen in verschiedenen
gesellschaftlichen Gruppen und Regionen der Erde -
- und die
Erkenntnisse sozialphilosophischer Gerechtigkeitstheorie
in Beziehung zu setzen.
Im Leben von Christen und Gemeinden, kann es nicht nur darum gehen, die
Prinzipien der Gerechtigkeit und die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu reflektieren
, sondern hier muß ja eine Lebenspraxis vorhanden sein, aus der heraus die
diakonische Dimension christlichen Glaubens verändernd in die soziale
Wirklichkeit eingreifen kann. Dabei handelt es sich nicht nur um eine Praxis unter
modernen Gesellschaftsverhältnissen, sondern partiell auch um eine gegen
sie, dort nämlich, wo moderne Gesellschaft die Würde des Menschen mißachtet.
Christliche Lebensform wird immer auch Elemente einer Gegenkultur aufweisen
müssen, in der die für die Veränderung der Gesellschaft notwendigen
Reflexions-, Diskussions- und Lernprozesse stattfinden, die entsprechenden
Motive und Motivationen entstehen und Schritte zu einer erneuerten und erneuernden
Praxis tastend gewagt werden können. Hier müssen aber auch die Strategien
einer gesellschaftlichen und politischen Durchsetzung entwickelt und mögliche
"Koalitionspartner" gesucht werden. Das Christentum als
"soziale Bewegung" entwickelt eine Lebensform, in der die Prinzipien
der Gerechtigkeit immer schon eingebunden sind in eine umfassende Konzeption
des guten Lebens, durch das sie eine mögliche inhaltliche Ausfüllung
erfahren. Gesellschaftlich kann diese konkrete, gefüllte Realisierung von
Gerechtigkeit Modellcharakter haben. Zugleich bildet diese Lebenswelt die notwendigen
sozialen und persönlichen Ressourcen aus, die für Veränderung gesellschaftlicher
Verhältnisse vorausgesetzt werden.
V. Folgerungen
Für die Katholischen Soziallehre sind daraus drei
Folgerungen zu ziehen:
1. Katholische
Soziallehre als Theorieinstanz einer sozialen Bewegung muß nicht nur um eine
Theorie der rechten Ordnung der Gesellschaft bemüht sein[31],
sondern auch um eine Theorie der Veränderung der Gesellschaft hin zu diesem
Ziel.[32]
Sie wird sich auch zu einer Theorie gesellschaftlicher Transformation und
entsprechenden politischen Strategien wandeln müssen, die bisher in der
statischen Konzeption Katholischer Soziallehre - im Gegensatz zur Theologie der
Befreiung - kaum eine Rolle spielten. Für diese notwendige Dynamisierung wird
sie sich mit dem sozialwissenschaftlichen Kenntnisstand über sozialen Wandel,
gesellschaftliche Evolution, soziale Bewegungen und Ansatzpunkte gezielter
gesellschaftlicher Veränderung befassen müssen.
2. Die
herausgearbeiteten Unterschiede zur Moraltheologie sind zu relativieren, aber
nicht aufzugeben. Als Theorie der sozialen Bewegung von Christen steht sie
innerhalb dieser Lebenswelt und damit im Kontext des Evangeliums. Sie
reflektiert offensichtlich nicht zuerst Handlungsstrukturen, die Christen und
Nichtchristen gleichermaßen betreffen, sondern Handlungskonsequenzen für
Christen. Die im Teil II getroffenen Unterscheidungen scheinen verloren zu
gehen. Jedoch reflektiert Katholische Soziallehre spezifisch das soziale
Handeln von Christen in Bezug auf die Gestaltung gesellschaftlicher
Strukturen, die für Christen und Nichtchristen gleichermaßen verbindlich sind
und die eine Unterscheidung von Fragen des guten Lebens und der Gerechtigkeit
erfordern. Gerade wegen des humanen Charakters christlicher Botschaft wird sie
hier die freiheitsverbürgende, antitotalitäre und antifundamentalistische
Intention der Trennung von Fragen des guten Lebens und der Gerechtigkeit
bewahren und verteidigen, auch wenn der Einsatz für Gerechtigkeit für sie aus
christlicher Motivation kommt und Christen versuchen, in ihrem Handeln die
Strukturen der Gerechtigkeit mit christlichem Geist und christlicher Praxis zu
füllen. Die Kirche, die diese Unterscheidung - und damit die
Unterscheidung von Katholischer Soziallehre und Moraltheologie akzeptiert -
tritt gesellschaftlich für Gerechtigkeit ein, die rational zu begründen ist
und zu der aus verschiedenen Sinnhorizonten motiviert werden kann, und nicht
für die Übernahme christlicher Lebensformen als allgemeinverbindliche Strukturen.
Selbst solche Lebensformen, die Christen aus ihrer Erfahrung und Überlieferung
heraus mit guten Gründen als zentrale Elemente für ein gelingendes Leben
ansehen, werden sie dann zwar für sich selber hochhalten und andere Menschen
dafür zu gewinnen suchen, sie jedoch nicht mit den Mitteln staatlicher Macht
und staatlichen Rechts anderen verbindlich vorschreiben wollen.
Aus der
Unterscheidung von Gerechtigkeit und Konzepten des guten Lebens, von Fragen der
Moraltheologie und der Gesellschaftsethik ergibt sich sogar die mögliche
Konsequenz, daß Christen gesellschaftlich für die Ermöglichung und
Nicht-Diskriminierung von Lebensformen eintreten müssen, die sie moralisch
ablehnen.[33]
3. Aufgabe
Katholischer Soziallehre ist nicht nur die Analyse der Gesellschaft, die oft
als der Kirche äußerlich oder ihr gegenüberstehend verstanden wird -
"Kirche und Gesellschaft" -, sondern auch der Kirche in ihren
sozialen Lebensformen selbst.[34]
Diese doppelte Aufgabe ist in ihrer Korrelation zu bearbeiten. Die
geschichtlich sich verändernde Gesellschaftlichkeit christlichen Glaubens in
ihrer Zielrichtung und Auswirkung auf die Gesellschaft wie in ihrer Geprägtheit
durch Gesellschaft ist Gegenstand der Soziallehre. Allerdings: "Die
wechselseitige Korrelation von Kirche und kirchlichen Lebensformen mit den
jeweiligen gesellschaftlichen und öffentlichen Figuren des Lebens wurde bislang
nicht thematisiert."[35]
Bislang hat Katholische Soziallehre nur den einen Pol wahrgenommen. Sie hat
die gesellschaftliche Ordnung unter dem Anspruch des Christentums reflektiert.
Der Verzicht auf die Analyse der gesellschaftlichen Geprägtheit christlicher
Wissensbestände und Lebensformen in deskriptiver wie normativer Hinsicht führt
aber nicht nur zum Ausfall eines zentralen, kirchlich wichtigen Themenfeldes,
sondern auch zur Beschneidung des Reflexionsniveaus Katholischer Soziallehre
in dem Themenfeld, das sie wahrnimmt. Sie begibt sich damit der
selbstreflexiven und ideologiekritischen Potenz, die in der Analyse der
gesellschaftlichen Bedingtheit auch der eigenen Kategorien und Konzepte liegt.
Insofern ist die Einbeziehung der Religionssoziologie, die aus der Fremdperspektive
und mit empirischem Anspruch die wechselseitige Abhängigkeit und Prägung von
Religion und Gesellschaft thematisiert, nicht nur sinnvoll, sondern notwendig.
Damit ist deutlich: Katholische Soziallehre ist mehr als
Sozialphilosophie, die Maßstäbe liefert; auch mehr als kritische Theorie, die
über die Analyse von Herrschafts- und Unrechtsstrukturen hinaus "auch noch
die sozialen Ressourcen für ihre praktische Überwindung zu erfassen"[36]
anstrebt, für die aber das tragende Subjekt immer unbestimmbarer geworden ist.
Katholische Soziallehre ist wissenschaftliche Reflexionsdimension für Menschen,
die aus ihrem Glauben Perspektiven und Ressourcen für eine Praxis humaner
Gesellschaftsveränderung haben und sie in Zusammenarbeit mit anderen
gesellschaftlichen Gruppen zur Geltung bringen wollen.
[1] Man vergleiche die bei aller
Zurückhaltung in der Formulierung doch recht herbe Kritik des für
gesellschaftliche Fragen zuständigen Bischofs Josef Homeyer an der traditionellen Soziallehre und seine
Aufgabenbeschreibung für die Soziallehre: "Es bedarf einer zweiten
Bekehrung". Fragen an Bischof Josef Homeyer zur gesellschaftlichen Verantwortung
von Katholiken. In: Herder-Korrespondenz 44 (1990) 417-423.
[2] Vgl. Wilhelm Korff: Grundzüge einer künftigen Sozialethik. In:
Jahrbuch für christliche Sozialwissenschaften 24 (1983) 29-49, v. a. 31 f;
Bernhard Fraling: Desiderate
des Moraltheologen an die Sozialethik - auf der Suche nach konkretisierter
Verantwortung. In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 30 (1989)
11-34, 16.
[3] Die Frage nach der Eigenständigkeit
von Moraltheologie und Katholischer Soziallehre ist nicht eine rein wissenschaftstheoretische
Aufgabenstellung, sondern hat auch hochschulpolitische Konsequenzen. In der
Diskussion um die Verringerung der Aufwendungen für die theologischen Fakultäten
ist die Zusammenlegung von bisher eigenständigen Disziplinen eine der
möglichen Varianten. Weiterhin sind auch - wie es in
der Soziologie der Berufe formuliert wird (vgl. Ulrich Beck; Michael Brater;
Hansjürgen Daheim: Soziologie
der Arbeit und Berufe. Reinbek, 1980, 82 ff) - "berufsstrategische"
Interessen berührt. Die weiter unten formulierten Unterscheidungen zwischen
Moraltheologie und Katholischer Soziallehre lassen verschiedene
Kompetenzanforderungen erkennen. Für die Katholische Soziallehre sind
beispielsweise Qualifikationen in der Analyse systemisch strukturierter,
intuitiven Zugängen aus der Perspektive des Teilnehmers sich versperrender
und gegen normative Ansprüche resistenter Handlungsfelder von großer
Wichtigkeit. Die Besetzung von Lehrstühlen in
Katholischer Soziallehre durch "gelernte" Moraltheologen und die
spezifischen Kompetenzanforderungen an den Sozialethiker werden auch
angesprochen in Fraling (s. Anm. 2), 11-15. Diesen disziplin- und
professionspolitischen Fragestellungen gilt allerdings nicht das primäre
Interesse dieses Beitrags.
[4] Peter Hünermann: Kirche - Gesellschaft - Kultur. Zur Theorie
katholischer Soziallehre. In: Peter Hünermann;
Margit Eckholt (Hrsg.): Katholische
Soziallehre - Wirtschaft - Demokratie. Ein lateinamerikanisch-deutsches Dialogprogramm
I. Mainz; München, 1989, 9-48, 36.
[5] Auch Wilhelm Korff verbindet die
Entstehung einer eigenständigen sozialethischen Fragestellung an die spezifischen
Bedingungen moderner Gesellschaften; vgl. Korff (s. Anm. 2), 32-35.
[6] Karl Gabriel: Die neuzeitliche Gesellschaftsentwicklung und der
Katholizismus als Sozialform der Christentumsgeschichte. In: Karl Gabriel; Franz-Xaver Kaufmann (Hrsg.): Zur Soziologie des
Katholizismus. Mainz, 1980, 201-225, 208 f.
[7] Das Konzept der
"Lebenswelt" folgt in diesem Beitrag der Konzeption
J. Habermas', die es ermöglicht, Gesellschaft gleichzeitig als System und
Lebenswelt - in einem geschichtlich sich verändernden Verhältnis - zu verstehen
und hermeneutische Lebensweltanalyse und Systemtheorie in ihr je spezifisches
Recht zu setzen. Zum Konzept der Lebenswelt vgl. Jürgen Habermas: Theorie des kommunikativen Handelns. Bd. 2.
Frankfurt, 1981, 171-293 mit einer Diskussion verschiedener Ansätze und
weiterer Literatur.
[8]
Kultur als Gesamt der Ideen und
Werte einer Gesellschaft enthält sicher auch in der Moderne Weltbilder (im
Plural); derjenige Teil der kulturellen Ideen und Werte, der für die Ordnung
des gesellschaftlichen Zusammenlebens herangezogen wird und in den sozialen
Normen und Institutionen verbindlich wird, stellt jedoch kein umfassendes
Weltbild dar, auch wenn in unserer Gesellschaft weitreichende Vorstellungen
impliziert sind (z. B. Menschenrechte, naturwissenschaftliche und technische
Orientierung). Diese Vorstellungen sind mit verschiedenen - jedoch nicht mit
allen - Weltbildern und Lebenskonzepten vereinbar. Dies macht es möglich, daß
Menschen mit verschiedenen umfassenden Weltbildern und Vorstellungen eines
gelingenden Lebens in einer Gesellschaft zusammenleben können.
[9] Vgl. Wolfgang Welsch: Unsere postmoderne Moderne. 2. Aufl.,
Weilheim, 1988; die auf den Bereich der Kultur zentrierten Postmoderne-Theorien
scheinen mir allerdings erstens nicht genügend die notwendig unpluralen
Basisstrukturen und -werte der Gesellschaft zu reflektieren, die Pluralität
erst sichern, und zweitens Differenzierung und Pluralität, die
selbstverständlich miteinander zu tun haben, zu "undifferenziert"
gleichzusetzen, wodurch sie neue Formen der Standardisierung übersehen, die
allerdings nicht im Gewand kulturell-normativer Regelung, sondern als zu
berücksichtigende Handlungsbedingungen auftreten, z. B. in Form von Zwängen
des Arbeitsmarktes. Vgl. Ulrich Beck:
Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/Main,
1986, 210.
[10] Francis Schüssler Fiorenza: Die Kirche als Interpretationsgemeinschaft.
Politische Theologie zwischen Diskursethik und hermeneutischer Rekonstruktion.
In: Edmund Arens (Hrsg.): Habermas
und die Theologie. Düsseldorf, 1989, 115-144, 121 f.
[11] Vgl. Otfried Höffe: Sittlich-politische Diskurse. Philosophische
Grundlagen - politische Ethik - biomedizinische Ethik. Frankfurt a. M.,
1981, Kap. 3.2.; zur Kontroverse um universalistische versus historische -
z. B. neoaristotelische - Ansätze in der Diskussion um Gerechtigkeit vgl. auch
knapp Schüssler Fiorenza (s. Anm. 10), 124 f und 133 ff.
[12] Klaus Demmer: Vernunftbegründung und biblische Begründung in der
Ethik. In: Zeitschrift für Evangelische Ethik 37 (1993) 10-21, 16.
[14] Vgl. Otfried Höffe: Erkenntnistheoretische Überlegungen zur kirchlichen
Soziallehre. In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 24 (1983)
9-28, 14 f.
[15]
Soziallehre ist wohl nicht auf
systemische Handlungsbereiche beschränkt, hat aber in ihnen ein genuines Materialobjekt
gegenüber der Moraltheologie.
[17]
Im Sinne einer korrekten
Terminologie ist zu betonen: Sozial- und Systemintegration bzw. Lebenswelt und
System können nicht je verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereichen exclusiv
zugewiesen werden, sie sind vielmehr als Dimensionen bzw. Aspekte zu begreifen,
die beide in gesellschaftlichen Bereichen präsent sind, allerdings mit
unterschiedlicher Gewichtung. Im wirtschaftlichen Handeln finden sich System-
und Sozialintegration, allerdings mit einer besonderen Dominanz der
Systemintegration. Die Formulierungen im Beitrag sind insofern vereinfachend.
[19]
Unstrittig ist natürlich, daß
auch die persönliche Moral eine wichtige Ressource des Wirtschaftssystems ist:
a) Verläßlichkeit, Ehrlichkeit, und Leistungsbereitschaft der Vertragspartner
halten die „Transaktionskosten“ niedrig. b) Die moralfreien
interessenstrategischen Handlungsmuster dürfen nur innerhalb eines moralischen
Rahmens praktiziert werden, der im individuellen Handeln berücksichtigt werden
muß.
[20] Karl Homann:
"Die kirchliche Botschaft muß mit ökonomischer Kompetenz gepaart
sein". Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsethiker Karl Homann. In:
Herder-Korrespondenz 45 (1991) 311-317, 314 f. Ausführlicher und differenzierter
Ders.: Wettbewerb und Moral.
In: Jahrbuch für Christliche Sozialwissenschaften 31 (1990) 34-56, v. a. 54 ff.
Zur kritischen Auseinandersetzung mit Karl Homann vgl. Bernhard Laux: Gerechtigkeit und Wirtschaftsordnung.
In: Wilhelm Ernst (Hrsg.): Gerechtigkeit
in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Freiburg i. Ue.; Freiburg i. Br.,
1992, 135-140.
[21] Zur Kritik der engen, dem
naturalistischen Fehlschluß verfallenden, neoscholastischen
Naturrechtskonzeption vgl. Höffe (s. Anm. 14), 12-16.
[22] Vgl. dazu Hans-Joachim Höhn: Vernunft - Glaube - Politik.
Reflexionsstufen einer christlichen Sozialethik. Paderborn, 1990 und Ders.: Sozialethik im Diskurs.
Skizzen zum Gespräch zwischen Diskursethik und Katholischer Soziallehre.
In: Arens (s. Anm. 10), 179-198; Helmut Peukert:
Kommunikatives Handeln, Systeme der Machtsteigerung und die unvollendeten
Projekte Aufklärung und Theologie. In: Arens (s. Anm. 10), 39-64; Helmut Peukert: Wissenschaftstheorie,
Handlungstheorie, Fundamentale Theologie. Analysen zu Ansatz und Status theologischer
Theoriebildung. Düsseldorf, 1976.
[23] Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. In: Werke
in sechs Bänden. Bd. IV: Schriften zur Ethik und Religionsphilosophie
/ Wilhelm Weischedel (Hrsg.).
Darmstadt, 3. Aufl. 1970, 51.
[24] Jürgen Habermas: Diskursethik - Notizen zu einem
Begründungsprogramm. In: Ders.:
Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln. Frankfurt/Main, 1983, 103.
[25] Karl-Otto Apel: Grenzen der Diskursethik? Versuch einer
Zwischenbilanz. In: Zeitschrift für Philosophische Forschung 40 (1986)
3-31, 4.
[29] Vgl. Hünermann: Kirche (s. Anm. 4),
43; Klaus Demmer: Deuten und
Handeln: Grundlagen und Grundfragen der Fundamentalmoral. Freiburg, 1985,
92 ff; Herwig Büchele: Christlicher
Glaube und politische Vernunft. Für eine Neukonzeption der katholischen
Soziallehre. Düsseldorf; Wien, 1987, 218-222.
[30] Volker Eid: Die sozialethische Relevanz des Autonomiekonzepts.
In: Concilium 20 (1984) 108-114, 114.
[31] Hierauf liegt ganz eindeutig der
Schwerpunkt der Art. Katholische Soziallehre von Gustav Gundlach ("... Erkenntnisse von
den Ordnungsstrukturen ...") und auch noch von Oswald von Nell-Breuning in: Staatslexikon.
Bd. IV, Freiburg, 61959 bzw. Bd. III, 71990.
[32] Ähnlich, aber schärfer Werner Kroh:
"Die Aufgabe katholischer Soziallehre [besteht] nicht darin, überhaupt
eine Theorie gesellschaftlicher Ordnung zu entwerfen." (Werner Kroh: Katholische Soziallehre am
Scheideweg. In: Josef Pfammatter;
Franz Furger (Hrsg.): Katholische
Soziallehre in neuen Zusammenhängen. Zürich; Einsiedeln; Köln, 1985,
139-163, 159 f. Ob zu Kroh hier überhaupt eine Differenz besteht, hängt vom
Verständnis und vom Konkretisierungsniveau des Begriffs "gesellschaftliche
Ordnung" ab.
[33]
Dies ist analog zur Verteidigung
der Religionsfreiheit durch die Kirche, die auch für Anschauungen gilt, die sie
selbst als Häresie ablehnt.
[34] Ähnlich mahnt Volker Eid die Befassung
mit den Kirchen- und Gemeindestrukturen durch die Moraltheologie an; vgl.
Volker Eid: Kirchenstruktur
und "christliche Moral". Die moralische Herausforderung im
christlichen Glauben und kommunikatives Handeln. In: Zeitschrift für
Evangelische Ethik 37 (1993) 59-69, 62 ff.