Anthropologie­ als Maschinenkunde

Künstliche Intelligenz - Ebenbild des Menschen?

von Ferdinand Rohrhirsch

 

 

Kurzinhalt - Summary:

 


Die philosophische Anthropologie wird gegenwärtig durch die Gleichsetzung des Menschen mit einer symbol­verarbeitenden Maschine herausgefordert. Exemplarisch wird dieser Sachverhalt an der Objektivierung des Intelli­genzbegriffes erläutert. In der Folge wird Gott selbst als Com­­puter gedacht und der Physik zugeordnet. Martin Hei­degger sieht den Ursprung dieser Ent­wicklung in ei­ner bestimmten Form antiker Philosophie, in der Meta­physik Pla­tons.


Philosophical anthropology today finds itself challenged by the identification of man with an apparatus for proces­sing symbols. This fact is illustrated by explaining the objectivation of the notion of intelligence. As a conse­quence God is considered a computer and ascribed to the field of physics. Martin Heidegger takes the view that this development originates from a certain sort of ancient philosophy, i. e. Plato’s metaphysics.


 

 

1. Das Ende des Menschen ist Programm - zum Wohle des Menschen

 

Daß es mit uns zu Ende geht, ist eine inzwischen ja schon fast als üblich zu bezeichnen­de Perspekti­ve, die uns eröffnet wird, wenn in Büchern über die Zu­kunftsaussichten der Menschheit geschrie­ben wird und dabei auch die Rolle von Naturwissenschaft und Technik zur Sprache kommt. Ganz auf der Höhe der Zeit also verkünden auch Wissen­schaftler, die sich mit Künstlicher Intelligenz be­schäftigen das Ende des Menschen. Aber anders, als wir es gewohnt sind.

Das Ende des Menschen ist nah - doch nicht als definitiver Triumph des Bösen und der Unver­nunft, sondern als glorioser Aufgang eines neuen, goldenen Zeit­alters der Selbst­überbietung mensch­licher Vernunft.[1] An 3 Beispielen kann diese These verdeutlicht werden.

 

 

a) Künstliche Intelligenz - befreit von den Mühseligkeiten des Alltäglichen

 

Der Begründer der Computer-Firma Apple, Steve Jobs, hat sich über ein neues, besseres Leben Gedanken gemacht. „Er [der Computer] wird in dem Sinne arbei­ten, daß er vorab errät, was wir wollen, und es für uns erledi­gen. Er wird Ver­bindungen und Muster in unserem Handeln feststel­len, wird uns fragen, ob es etwas ist, das wir regel­mäßig tun möchten, so daß uns nur noch ... die Rolle eines Auslösers zufällt. Wir werden unsere Computer bitten können, Dinge für uns zu über­wachen, und wenn bestimmte Bedingun­gen ein­treten, dann werden die Computer bestimmte Ak­tionen durch­führen und uns im nachhinein davon unterrichten.”[2] In der Zeitschrift ‘The Futurist’ wurde über das ‘Haus der Zukunft’ nachgedacht. Das Haus der Zukunft ist dort ein Gebilde, des­sen Compu­terhirn - mit Sensoren ausge­stattet und durch Fern­verbin­dungsnetze mit Compu­terdaten­banken und den Gehir­nen anderer Häuser verbunden - „ein Bewußtsein von seiner eigenen Existenz und eine intime Kenntnis seiner Bewohner entwickelt hat. ... Diese Entwicklung wird erheblich dazu beitragen, daß wir an den Computer als ein bewußtes Wesen ‘glauben’ kön­nen. Wenn Ihr Haus erst einmal mit Ihnen spre­chen kann, brauchen Sie sich nie mehr einsam zu füh­len.”[3]

Nicht nur individuelles Heil wird der intelligente Computer ermöglichen auch gesell­schaftliche Probleme wie „Armut, Hunger, Krankheit und politischer Zwist”[4] werden durch ihn gebändigt werden.

 


 

b) Künstliche Intelligenz - befreit von den Problemen des Alterns

 

Eine Schraubendrehung radikaler als Jobs hofft Pamela McCor­duck, das Heim der Zukunft mit einem ‘Altenroboter’ ausgestattet zu sehen, der die ‘Pro­bleme des Alterns’ lösen soll: „Der Altenrobo­ter ist eine wunder­bare Sache. ... Er badet sie nicht nur, füttert sie und rollt sie hinaus in die Sonne, wenn sie Sehn­sucht nach frischer Luft haben und einmal etwas anderes sehen wollen, obwohl er dies natür­lich auch alles kann. Das Allerbeste am Altenroboter ist, daß er zuhört. ‘Erzäh­len Sie mir noch einmal’, sagt er, ‘wie wundervoll/schrecklich Ihre Kinder sind. Erzählen Sie mir noch einmal, wie Sie '63 den tollen Erfolg hatten ...’ Und er meint es ernst. Er wird nie müde, die Geschichte zu hören, so, wie sie nie müde werden, sie zu erzählen. Er kennt Ihre Lieblings­geschichten, und es sind auch die seinen.”[5]

 

 

c) Künstliche Intelligenz - befreit den Geist vom Körper

 

Was uns z. B. nach Ansicht des renommierten Robotik For­schers Hans Moravec blüht (der 1996 von Mercedes nach Deutschland eingeladen wurde), ist der Übergang von der biologischen zur ‘postbiologischen’ Kultur, nämlich vom mäßig intelligenten Menschen zum superintelligenten Computer. Früher oder später - so Moravec - werden unsere Maschinen so klug sein, daß sie sich ohne fremde Hilfe instandhalten, re­produzieren und vervollkommnen können. Sobald dies der Fall ist, wird seiner Meinung nach die neue genetische Wach­ablösung abgeschlossen sein. Unsere Kultur wird dann in der Lage sein, sich unabhängig von der men­schlichen Biolo­gie und ihren Grenzen zu entwickeln. Damit wird dem Geist endgültig die Fessel des biologischen Körpers abgestreift wer­den, der uns doch nur das Dasein eines „unglücklichen Zwitterwesens, halb Biologie, halb Kultur erlaubt.”[6] „Die Roboter speichern uns in ihrem Gedächtnis, und wir exi­stie­ren als eine Art Simula­tion weiter.”[7]

Diese Anwendungs-wünsche, -phantasien, gelegentlich wohl auch Alpträume was intel­ligente Maschinen alles leisten, lassen sich unter einer einzigen operativen Leitidee zu­sammenfassen, die der Computerwissen­schaftler Roger Shank gültig auf den Punkt ge­bracht hat: „Ich glaube, es wird eines Tages eine allwissende Maschine geben. Das ist es, was uns vorschwebt.”[8]

 

 

2. Künstliche Intelligenz - ist noch gar nicht da und wirkt doch

 

Das überaus Bedenkenswerte an der gegenwärtigen Situation ist nun folgender Sach­verhalt. Die genannten Beispiele, was Künstliche Intelligenz in Form von intel­ligenten Maschinen alles kann, bezeichnen:

 


a) „gar kein Forschungs- und Ent­wick­lungs­­ergebnis, sondern ein Pro­jekt.“[9]

b) Nichts von dem was anvi­siert wird ist vorhanden. Aber:

c) Das Projekt Künst­liche Intelligenz hat Erfolg. Es verändert unsere Welt.

 

An zwei Beispielen läßt sich die Veränderung zeigen.

 

- In den führenden Industrie-Nationen wird immer mehr Geld für die Forschung auf diesem Gebiet  - vor allem von staatlicher Seite - zur Verfügung gestellt.

So will Japan in den nächsten 20 Jahren insgesamt 10 Milliarden US-Dollar in die Gehirnfor­schung investieren.[10] „Das, was KI propagiert, die Übertragung intelligenter Handlungen auf Maschi­nen, trifft also auf Interesse.”[11] 

 

- In der Entwicklung und Anwendung der Information­stechnologie manifestiert sich eine „gew­isse gesellschaftliche Geltung der Grundannahmen des KI-Pro­jekts”.[12] Darunter fallen Effektivierung von Arbeitsvorgängen durch die Ablö­sung des Störfaktors Men­sch[13], Rationalisierung auch von geistiger Tätigkeit und Entsubjektivierung von Kon­trolle. Doch dies sind nur vordergründige Kon­sequen­zen:

Die entscheidende Grundannahme, die in der wiss­en­schaftlichen und populä­ren ­Diskussion große Resonanz findet, weil sie einem offen­sichtlich weitver­breiteten mensch­lichen Selbstver­ständ­nis ent­spricht, lautet: Der Mensch ist auch nur eine Maschi­ne. Wenn der Mensch aber eine Maschi­ne ist, dann ist er mitsamt seinen kognitiven Leistun­gen konstruierbar und diese auf Maschinen übertragbar bzw. in Maschi­nen reproduzier­bar.[14]

Nachdem also festgestellt werden kann, daß das Projekt Künstliche Intel­ligenz wirkt, wird jetzt prinzipiell nachgefragt:

 

 

3. Können Maschinen intelligent sein bzw. werden?

 

Zwei Gegenpositionen lassen sich bei der Frage nach der Intelligenz des Compu­ters unter­scheiden:

- Die erste besagt: Der Computer vermag - auf seine Chancen hin betrach­tet - ebenso gut wie der Mensch intelligente Leistungen zu liefern. Die Entwick­lung der Technik wird dies zeigen.

- Die zweite Position - der Gegenansatz - besagt: Der Mensch ist den Lei­stungen des Computers über­legen, diese Überlegenheit ist prinzipiell, sie gründet in der Refle­xion und dem Selbst­bewußt­sein und ist nicht vom Computer einzuholen.

Für das hier gestellte Problem interessiert primär der erste An­satz: Dieser wird als Arbeitshypo­these akzeptiert und zur Frage formuliert: Gesetzt, es gibt intel­ligente Computer, wie kann im konkreten Fall entschieden werden, daß wir es tatsächlich mit einem intelligenten Computer zu tun haben?

Zur Ent­scheidung dieser Frage benötigen wir einen ‘Intelligenztest für Compu­ter’. Diesen gibt es, und er heißt Turing-Test.


 

a) Der Turing-Test

 

Seit 1950 begann man, elektronische Rechenanlagen nicht nur zur Lösung ma­thematischer Auf­gaben zu benutzen, sondern es wurde versucht, auch geistige Funktionen zu program­mieren und dem Computer Aufgaben zuzuweisen, die weit außerhalb des bisherigen mathematischen Arbeits­bereichs lagen.

Der englische Mathematiker Alan Turing verfaßte 1950 einen Aufsatz mit dem Titel ‘Computing Machinery and Intelligence’[15], in dem er die Frage aufgriff, ob Computer intelligent sein können, und zur Entscheidung der Frage schlägt er eine Prüfung vor, die er Imitationsspiel nennt. Das Spiel wird von drei Personen gespielt, einem Mann, X genannt, einer Frau, Y genannt, und einem Frage­stel­ler. Der Fragesteller befindet sich in einem anderen Raum, es besteht keine Sicht- und Hörver­bindung. Die Kommunikation ge­schieht über den PC. Das Ziel des Frage­stellers besteht darin, herauszubekommen, wer von den beiden der Mann und wer die Frau ist. Die Sache hat einen Haken: Der Mann darf den Fragesteller anlügen. Die Mit­spiele­rin hat die Aufgabe, dem Fragesteller zu helfen.

Was geschieht, wenn eine Maschine die Rolle von X übernimmt, also der Person, die den Frage­steller täuschen soll? Wird der Fragesteller in diesem Falle densel­ben Prozentsatz an falschen Ent­scheidungen treffen, wie wenn er es bei X mit einem Menschen zu tun hat? Wenn die Ergebnisse ununterscheidbar sind, dann ist für Turing die Frage positiv entschieden, dann ist dieser Computer intel­ligent.[16]  

 

 

b) Auch Gott ist eine intelligente Maschine

 

Auch Frank J. Tipler stellt sich das Problem, ob Maschinen intelligent sein können. Tipler, Profes­sor für Physik in New Orleans, als Astrophysiker inter­national aner­kannt, der gelegentlich mit Stephen Hawking zusammengearbei­tet hat, erhebt in seinem 1994 erschienenen Buch ‘Die Physik der Unsterblichkeit’, Unter­titel ‘Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten’[17], den nicht gerade unbe­scheidenen Anspruch „Physiker könnten die Existenz Gottes und die Wahr­scheinlichkeit einer Auf­erstehung der Toten zum ewigen Leben auf genau die gleiche Weise be­rechnen wie die Eigen­schaften des Elektrons”[18].

Der Mann meint es ernst: „Nicht einmal in meinen kühnsten Träumen wäre mir eingefal­len, eines Tages ein Buch zu schreiben, in dem ich darlegen will, daß die wesentli­chen Glaubensvor­stellun­gen der jüdisch-christli­chen Theolo­gie in der Tat wahr, daß diese Behauptungen direkte Ableitungen aus den Gesetzen der Physik, wie wir sie heute verstehen, sind.”[19]

Berechenbarkeit von Welt und Gott verlangt Operatio­nalisier­barkeit von Welt und Gott. Tipler geht davon aus, daß alle Formen von Leben - ein­schließlich des mensch­lichen - denselben physika­lischen Gesetzen unterliegen wie Elektronen und Atome. Darum ist für ihn ein mensch­liches We­sen nichts weiter als eine besonde­re Art von biochemischer Maschine, ein rein physika­lisches Ob­jekt, das an­hand der bekannten physika­lischen Gesetze umfassend und erschöpfend beschrie­ben werden kann.[20] „In einem allgemeine­ren Sinne bedeutet dies, daß wir eine ‘Person’ als besonde­ren (und sehr komplizierten) Typ von Computerpro­gramm betrach­ten müssen: Die mensch­liche ‘See­le’ ist nichts anders als ein spezielles Programm, das in einer Gehirn genannten Rechenma­schine abläuft. Wie ich darlegen werde, erlaubt uns ein solcher Standpunkt, nicht nur den Nachweis zu führen, daß wir zum ewigen Leben auferstehen werden, son­dern auch, daß wir einen freien Willen haben - wir sind in der Tat Maschinen, aber im Gegensatz zu denen, die wir selbst gebaut haben, besitzen wir wirklich und wahrhaftig einen freien Willen.”[21]  


Die Struktur-Identität hört bei Mensch und Maschine jedoch nicht auf. Auch Gott selbst wird an den Geltungskriterien der Physik gemessen. „Religion kann nur dann auf physikali­schen Grundla­gen ruhen, wenn die Physik zeigt, daß Gott ein persönlicher Gott sein muß, und weiter, daß das Leben nach dem Tod eine absolut unerschütterliche Folgerung aus der Physik ist.”[22] So wird es dann auch niemand mehr erstaunen, daß Tipler Theologie als einen Zweig der Physik betrachtet. „Die Wissenschaft kann nun angesichts des Todes exakt denselben Trost spenden wie einst die Religion. Die Religion ist nun Teil der Wissen­schaf­t.”[23]

Da sich Mensch und Gott prinzipiell von einer intelligenten Maschine nicht unter­schei­den, weil ‘Leben’, ‘Person’, und ‘Intelligenz’ sich grundsätzlich als Com­pu­ter­programm bzw. als Informa­tionsverarbeitungseinheit[24] darstellen und damit operationalisieren lassen, ist auch umge­kehrt die Frage ob Maschinen intelligent sein können, für Tipler längst positiv gelöst, d. h. er muß diese Frage positiv lösen, denn von der berechtigten Zu­schreib­barkeit von Intelligenz auf Maschinen hängt die Tragfähigkeit seiner Theorie ab.

Die von Tipler eingeführte Überlegung zur Verteidigung seiner These von intelligenten Maschi­nen führt wieder auf den ‘Intel­ligenz-Test für Computer’, auf den Turing Test zurück. Tipler fragt konsequent: Woher wissen wir bei Men­schen, daß sie denken bzw. intel­ligent sind? Im Normalfall, so Tipler, dann, wenn wir ihnen Fragen stellen und sie darauf sinnvoll reagie­ren. Im Idealfall so, daß sie mit einer Antwort die Frage beantwor­ten. Tipler sieht nun den Turing-Test positiv bestan­den, wenn nach Tagen und Wo­chen und Jahren, in deren Verlauf Botschaften eingetippt und Ant­worten ent­gegengenom­men werden und die Person außerhalb nicht sagen kann, in welchem Raum sich der Computer befindet und in welchem der Mensch. „[E]in Mensch hat jahrelang mit dem Computer am anderen Ende ‘geredet’, und da dieser sich wie eine Person ver­hält, ist er eine Per­son.”[25]

 

4. Intelligenz ist nicht nur das, was der Intelligenztest mißt

 

Doch das ist genau der grundlegende Denkfehler. Tipler, Moravec und die Befürworter des Turning-Tests gehen davon aus, daß sich Intelligenz bzw. Denken durch und über Objektivierun­gen defi­niert und nachweisen läßt. „Um intelligent zu sein, muß man ihrer Auffassung nach kein Mensch (oder Tier) sein. Man muß hierzu überhaupt nichts Bestimmbares sein, sondern nur etwas Be­stimmbares zeigen.”[26] Wer sich also wie eine Person verhält, ist eine Person.

Doch für die Berechtigung, sich mit anderen Menschen zu identifizieren und den Intel­ligenz­begriff auf ihn zu projizieren, ist mit Sesink zu sagen, daß es für die Berechti­gung dieser Zuschrei­bung von Intelligenz auf mein Ge­genüber keiner­lei Beweis im Sinne des Nach­weises objektiver Eigenschaften dafür gibt. „In dieser Unsi­cherheit findet mensch­liche Kommunikation immer statt. Die Sicherheit, die der Turing-Test zu geben ver­spricht, beseitigt diese Unsicherheit, indem sie das Unsicherheit stiftende Begriffsmoment der Subjektivität - die sich an Objekten zwar zeigen, nie aber erweisen kann - leugnet. Der Subjektbegriff Intelligenz wird zum Objektbegriff der intellektu­ellen Lei­stung, wobei das Adjektiv intel­lektuell nicht mehr zurückweist auf die Herkunft der Lei­stung aus einem Sub­jekt.”[27] 


Mit Sesink ist zu unterstreichen, daß Subjektbegriffe aus der Selbsterfahrung stammen, nicht aber aus einer Selbst­beobachtung. Maschi­nen, die denken ‘wie ich’ heißt ja, wie sich mir mein eigenes Denken darstellt. Damit wird aber nur das Subjekt - in diesem Falle eben ich - objektiviert. Intel­ligenz ist aber nicht das, was ich finde, wenn ich mein eigenes Denken beobach­te, sondern ist not­wendige Bedingung einer transzenden­tal­philoso­phische Refle­xion auf die Bedingungen der Mög­lichkeit dieses Selbstbeob­ach­tungsver­mögens. Die Reflexion auf das, was ich immer schon habe und in Anspruch nehme und neh­men muß, wenn ich mich selbst oder sonst etwas beob­achte.[28]

Subjektbegriffe wie Intel­ligenz enthalten immer einen nicht objektivierbaren und damit nicht-operationalisierbaren Kern, der die Selbst­erfahrung von Subjektivi­tät ausdrückt, darin aber nur dem verständlich ist, der über sie selbst verfügt. Das heißt: Obwohl der Turing-Test offensichtlich nicht geeignet ist, den Sub­jektbegriff Intelligenz festzustellen, da er aus­schließ­lich verobjekti­vierba­re Lei­stungen regi­strieren kann, ent­spricht er voll­ständig dem Intelligenzbegriff ­unserer Gesell­schaft, der auf Leistung hin orientiert ist.

 

 

5. Die Maschinen-Metapher verdankt sich der Philosophie

 

Die Zuschreibung der Maschinen-Metapher auf Mensch und Gottesbild wird weder in ihrer Gene­se noch in ihrer Geltung deutlich, wenn die Maschinen-Meta­pher als Ausge­burt pervertierter Ge­hirne interpretiert wird, noch ist sie die Konsequenz einer selbstver­schuldeten Transzendenzlosig­keit des Subjekts oder das Produkt anonymer gesellschaftlicher Prozesse. Die Maschinen-Metapher verdankt sich der Philosophie.

Einer Form von Philosophie, die damit ihren Höhepunkt und ihr Ende erreicht hat: Das Ende dieser Philosophie zeigt sich - so Martin Heidegger in seinem Vortrag ‘Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Denkens’ - als der Triumph der steuer­baren Einrich­tung einer wissen­schaft­lich-technischen Welt und der dieser Welt gemäßen Gesell­schaftsordnung.[29] Welche Philosophie geht hier zu Ende und ist doch zugleich ver­antwortlich für die Herrschaft der Wissen­schaften? „Die schrankenlose Herrschaft der modernen Technik in jeder Ecke dieses Plane­ten ist nur die späte Folge einer sehr alten technischen Auslegung der Welt, welche Auslegung sonst Metaphysik heißt. Der We­sensursprung der neuzeitli­chen Technik liegt im Beginn der Metaphysik bei Platon.”[30]

Mit der Ausbildung der Wissenschaften, die sich der Philosophie verdanken, ist für Heidegger zu­gleich der Prozeß ihrer Loslösung von der Philosophie in Gang gebracht. „Der Grundzug dieser Wissenschaftlichkeit aber ist ihr kybernetischer, d. h. techni­scher Charakter.”[31] Verantwortlich dafür ist der Umschlag der früh­griechischen τέχvη (tech­ne) von einem zunächst so gegen das Seien­de Vorgehen „‘daß dieses selbst gerade zum Erscheinen kommt’, zur nut­zen­den Ausbeutung dessel­ben Seienden erfolgt über die Umbildung der aletheia in die homoiosis”[32].

D. h. das Wahrheitsverständnis bildet sich um: aus ‘Unverborgenheit’ wird ‘Richtig­keit’. Diese Mög­lich­keit der Umdeutung von _ύσις (physis) und τέχvη liegt nach Heidegger in ihrem Verhält­nis begründet. „Denn im Wesen der von der _ύσις selbst geforderten τέχvη als des vorgehenden und einrichtenden Wal­tenlassens der Unverborgenheit des Seienden liegt die Möglichkeit des Eigen­mächti­gen, der losge­bundenen Zweckset­zung”[33].


Zu diesem Umschlag der ursprünglichen Wahrheit (als Offenbarkeit des Seins) in die Richtigkeit des Vorstellens kommt es nach der bekannten Heideggerdeutung dadurch, daß die Wahrheit unter das Joch der Idee gerät. Wenn dies aber ge­schieht, wenn also die τέχvη diese Möglichkeit ergreift, dann tritt eben an die Stelle der Grund­stimmung des Erstaunens die Gier und der Zwang des Berech­nenkönnens.[34] Der so geprägte zweck­rationale Blick stellt alles und jedes als berechenbares, manipulierbares Objekt vor, gleichgültig was oder wen er vor sich hat - ob Maschine, Mensch oder eine Vorstellung von Gott.

Die Deutschen Bischöfe[35] erwarten von der Philosophie in ihrem Schreiben über das Studium der Philosophie in der Theologie u. a. die Erarbeitung von Orientie­rungswissen. Bei der Diskussion um die Künstliche Intelligenz bedeutet dies, die Implikationen dieser Bedeutungs­ver­schiebungen von Begriffen ­­­aufzuzei­gen und sie - weil sie oft auf unzulässi­gen fach­wissen­schaftlichen Verall­gemeine­rungen beruhen - in ihrer Geltung zu relativie­ren.[36]

Die Theologie muß auf der Grund­lage eines reflektierten, mit Hilfe der Offenba­rung gewonne­nen, Menschenbildes offensiv gegen diese Gleichsetzung des Menschen mit einer Maschine vorge­hen, weil die Konsequenzen dieser Gleichset­zung den Menschen weder in seiner Bedeu­tung und Ver­antwortung für sich und andere sehen, noch in seinem Streben nach Glück und Beständigkeit leiten, und schon gar nicht in seiner Angst vor der Nichtig­keit seines Lebens und seines unaus­weichlichen Todes trösten kann.

Sehen-Leiten-Trösten - sind ganz gewiß keine gängigen Aktivitäten moderner Philosophie - aber warum nicht ein Angebot christlich motivierter Philosophie im philosophischen Konzert der Postmoderne?



[1]      Vgl. zum Ganzen Werner Sesink: Menschliche und künstliche Intelligenz. Der kleine Unterschied. Stuttgart, 1993, bes. 7 ff.

[2]      Steve Jobs  in: Theodore Roszak: Der Verlust des Denkens. Über die Mythen des Computer-Zeitalters. München, 1986, 60.

[3]      Vgl. Jobs  (s. Anm. 2), 59.

[4]      D. Michie; R. Johnston: Der kreative Computer. Künstliche Intelligenz und mensch­liches Wissen. Hamburg, 1985, 11 f.

[5]      Pamela McCorduck; Edward Feigenbaum: Die Fünfte Computer-Generation. Basel, 1984, 112-113.

[6]      Hans Moravec: Mind Children. Der Wettlauf zwischen menschlicher und künst­licher Intelligenz. Ham­burg, 1990, 12 f. Vgl. auch Sesink (s. Anm. 1), 7 f.

[7]      Hans Moravec: Interview. In: Chip (­1996) 8, 50. Zu den Entwicklungsprogno­sen künstlicher Intelligenz im Zeit­raum von 2000 bis 2100 und danach vgl. Ders.: Körper, Roboter und Geist. In: Christa Maar; Ernst Pöppel; Thomas Christaller (Hrsg.): Die Technik auf dem Weg zur Seele. For­schun­gen an der Schnitt­stelle Gehirn/­Computer. Ham­burg, 1996, 162-196; Ders.: Geisteskin­der. Universelle Roboter. In: Computer­tech­nik (1996) 6, 98-104 und das Inter­view mit Moravec mit dem Titel: Auf lange Sicht sind wir natür­lich völlig obsolet. Ebd., 106-111.

Die Ausführungen von Moravec lassen sich mit den Überlegungen von Klaus Sachs-Hombach problemlos zur Dec­kung bringen. Sachs-Hombach interpretiert den Aufstieg des Compu­ters als Folge der Durchsetzung eines Rationa­lismus, der den Autonomiege­dan­ken zur Ausformung brachte. Die Autonomiethese benötigte, angesichts der Übel in der Welt schon bald eine Recht­fertigung des Menschen, eine Anthropodizee. „Wie die Autono­miethese ursprüng­lich zur höheren Ehre Gottes entstanden ist, so der Computer zur höheren Ehre des Menschen: als konsequenter Versuch seiner moralischen Recht­fertigung angesichts der von ihm zu ver­antwor­tenden Irrtümer. Und wie die zur Autono­miethese radikali­sierte Theodizee schließlich zum ‘Tod Gottes’ führt, so führt die im Computer radikali­sierte Anthropodi­zee schließlich zum ‘Ver­schwi­nden des Subjekts’.“ Klaus Sachs-Hom­bach: Theodizee und Compu­ter. In: Christoph Hubig; Hans Po­ser (Hrsg.): Co­gnitio Humana - Dynamik des Wissens und der Werte. XVII. Deut­scher Kongreß für Philoso­phie Leipzig 1996. Leipzig, 1996, 413-420, 418.

[8]      Roger Shank in: Th. Roszak (s. Anm. 2), 61.

[9]      Sesink (s. Anm. 1), 10.

[10]     Vgl. Patrick Hamilton: Neuerschaffung des Gehirns. In: Chip (1997) 4, 132.

[11]     Sesink (s. Anm. 1), 14.

[12]     Ebd., 15.

[13]     Vgl. Michie; Johnston (s. Anm. 4), 68-92.

[14]     Die Anwendung dieser Grundannahme läßt sich ohne Zwang in den For­schungs­paradig­men der gegenwärtigen Neuropsychologie bzw. Philosophie des Geistes nachweisen. Begriffe wie ‘Bewußt­sein’ oder ‘Geist’ werden als sehr vor­der­gründi­ge Benen­nungen eines in seiner Komplexität doch zumindestens prinzi­piell neuro­physiolo­gisch zu ent­schlüsseln­den Hirnreaktionsgefüges begriffen. Begriffe wie ‘Geist’ und ‘Bewußtsein’ lassen sich demnach vollständig auf ihre neurobiologi­sche Basis zurück­zuführen. Vgl. dazu die entsprechenden Vorträge auf dem Deutschen Kongreß für Philo­so­phie (Leipzig 1996). Eine Außenseiterposition bilden Pop­per/Eccles, die für ein dualistisches Inter­aktions­modell von Gehirn und Geist argumentieren. Vgl. dazu auch Lothar Arends: Ansätze zur physikali­schen Untersu­chung des Leib-Seele-Pro­blems. In: Philoso­phia naturalis 33 (1996) 1, 55-81. Vgl. auch Michael Pauen: Wahr­nehmung und Mentale Repräsentation. In: Philoso­phische Rundschau 43 (1996) 3, 243-264; Eduard Kaeser: Gehirn und Ich. Zwei Hauptakteure des Geistes? In: Philoso­phia naturalis 33 (1996) 1, 83-117; Kai Voge­ley: Die Einheit des Bewußt­seins in der Neuroepiste­molo­gie. In: Hubig; Poser (s. Anm. 7), 956-963; Caspar Söhling: Neuere Literatur zum Gehirn-Seele-Problem. In: Theologische Revue 92 (1996) 5, 381-400. „Nur die Theolo­gie hält sich abseits, wie der Gehirn­forscher Gerhard Roth beklagt ... Schlimmer als dieser abgebrochene Dialog ist die Tatsache, daß die Theologie sich ihrer Verantwor­tung für die Gegenwart ent­zieht.” Ebd., 381.

[15]     Vgl. Alan M. Turing: Computing Machinery and Intelligence. In: Mind LIX (1950),  Nr. 236.

[16]     Vgl. dazu Karl Mauel: Künstliche Intelligenz. In: N. A. Luyten; L. Scheffczyk: Ver­änderungen im Menschenbild. Divergenzen der modernen Anthropo­logie. Frei­burg; ­München, 1987, 187-217.

[17]     Frank J. Tipler: Die Physik der Unsterblichkeit. Moderne Kosmologie, Gott und die Auferstehung der Toten. München, 1994.

[18]     Ebd., 13.

[19]     Ebd.

[20]     Vgl. ebd., 24.

[21]     Ebd., 24 f.

[22]     Ebd., 394.

[23]     Ebd., 407.

[24]     Vgl. ebd., 163.

[25]     Ebd., 46.

[26]     Sesink (s. Anm. 1), 19.

[27]     Ebd., 54. Bildung ist nicht Faktenkenntnis. Deshalb ist die An­eignung von Bildung nicht mit der problemlosen Konsumierung - wenn möglich noch mit Spaß und Spiel - von Fakten zu erreichen, wie es im Multimediabereich sog. Edutainment-CD-ROMs suggerie­ren. Clifford Stoll, einer der führenden Internet-Kritiker: „Der Großteil dessen, was wir zu lernen haben, macht keinen Spaß. Lernen ist unweigerlich mit Arbeit verbunden - mit sehr viel Arbeit, Disziplin und Verantwortung. ... Den Lernprogrammen liegt dieselbe Idee zugrunde, die uns auch das Bildungsfernsehen beschert hat: Ich präsentiere dir Fakten und du saugst sie auf - und schon bist du gebildet.” Clif­ford Stoll: Das Internet wird uns noch weiter verblöden. In: Computer­technik (1996) 12, 88-93, 91.

[28]     Vgl. Sesink (s. Anm. 1), 55. Nicht die Maschinen schreiben sich Menschen­ähn­lichkeit zu, sondern die Men­schen schreiben sich Maschinenähnlichkeit zu. Das mensch­liche Selbst­ver­ständnis ist bereit, sich mit diesem Maschinen­abbild seines Selbst­bildes zu identifizie­ren. Künst­liche Intelligenz ist der Anspruch auf eine solche Ver­änderung des mensch­lichen Selbst­ver­ständnisses im allgemeinen. Anders ausge­drückt: Große Teile unserer Gesell­schaft haben nichts dagegen, sich mit Maschi­nen vergleichen zu lassen, wundern sich dann aber, daß sie wie Maschi­nen behandelt werden.

[29]     Vgl. Martin Heideg­ger: Das Ende der Philosophie und die Aufgabe des Den­kens. In: Ders.: Zur Sache des Denkens. Tübingen, 31988, 61-80, 65.

[30]     Martin Heidegger: Hölderlins Hymne ‘Andenken’. Vorlesung WS 1941/42. Gesamt­ausgabe, Bd. 52. Tübingen, 1982, 91.

[31]     Heidegger (s. Anm. 29), 64.

[32]     Karl Leidlmaier: Künstliche Intelligenz und Heidegger. München, 1991, 212.

[33]     Martin Heidegger: Grundfragen der Philosophie. Ausgewähl­te ‘Probleme’ der ‘Logik’. WS 1937/­38, Gesamtausgabe, Bd. 45. Tübingen, 1984, 180. τέχvη meint ein Sich­ausken­nen im Vorgehen gegen das Seiende. Vgl. ebd., 179. Deutli­cher noch besagt τέχvη „das von sich her aufgehende Seiende in dem fassen, als was es sich zeigt ... um diesem gemäß das Seiende selbst zu pflegen und wachsen zu lassen”. Ebd.

Hans-Heinz Holz präzisiert die Übersetzung des Begriffes τέχvη seines Lehrers Franz Dirlmeier. τέχvη sollte übersetzt werden als „ein hervorbringendes Verhalten, das sich nach den wahren Strukturen der Dinge richtet.” Hans-Heinz Holz: Technische Welt­erzeugung - Herrschaft über die Natur? In: Hubig; Poser (s. Anm. 7), 342-349, 344.

[34]     Vgl. Leidlmaier (s. Anm. 32), 210 ff.

[35]     Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Das Studium der Philoso­phie in der Theologie. 22. 09. 1983. Nr. 36, Bonn, 1983.

[36]     ‘Person’, ‘Mensch’, ‘Bewußtsein’, ‘Seele’ etc. sind Wörter, die in verschiedenen wis­sen­schaftli­chen Disziplinen sehr unterschiedliche Bedeutungen haben können. Der erste Schritt jeder inter- oder transdisziplinären Zusammenarbeit von Fachwissenschaften ist es, diese unterschiedlichen Bedeutungen zu benennen. Damit wären auch solche Mißver­ständnisse nicht mehr möglich, daß ein Biologe und Gehirnforscher sich immer noch genötigt fühlt, die Rede von einer ‘Seele’ mittels neurobiologischem Untersuchungsfeld als vorwissenschaftlich darzustellen. „Ein moderner Neurobiologe braucht die religiöse Vorstellung einer Seele nicht, um das Verhalten von Menschen und anderen Lebewesen zu erklären”. Francis Crick: Was die Seele wirklich ist. Die natur­wissen­schaftliche Erforschung des Bewußt­seins. Hamburg, 1997. Er bräuchte sie tatsäch­lich nicht, wenn er seinen methodi­schen Prinzipien bzw. deren Leistungs­fähigkeit folgen würde. Wer aber behauptet: „‘Sie’, Ihre Freuden und Leiden, Ihre Erinnerungen, Ihre Ziele, Ihr Sinn für Ihre eigene Identität und Willens­freiheit - bei alldem handelt es sich in Wirklichkeit nur um das Verhalten einer riesigen Ansamm­lung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen” (Ebd., 17), der zeigt, daß die Grenzen fachwis­senschaftlicher Aussagen für ihn noch kein Problem sind. Zum Problem einer inter- und trans­disziplinären Zusammenarbeit von Fachwissenschaften vgl. Ferdinand Rohrhirsch: Martin Heideggers Bestimmung des Wesens der Wissenschaft und die Frage einer transdisziplinären Zusammenarbeit von Fachwissenschaften. In: Alexius J. Bucher; Dieter St. Peters (Hrsg.): Evolution im Diskurs. Grenzgespräche zwischen Naturwissenschaft, Philosophie und Theologie. Regensburg, 1998, 263-273.