Ein Aspekt des praktischen Charakters­

der Theologie bei Albert dem Großen

 

von Katsuhiko Eguchi

 

 

 

 


Nach Albert dem Großen muß die Theologie alles unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß alle Dinge dem Menschen das zeigen, was er genießen soll, Gott, und daß sie ihm als Vorbereitung darauf nützlich sind. Folg­lich ist das Endziel desjenigen, der die Theologie betreibt, weniger ein Vollenden der Wissenschaft als das Beziehen des durch sie gewonnenen Wissens auf Gott, und zwar auf Gott als einen zu Genießenden. Albert sagt, daß das theologische Wissen eine Art Vor­geschmack des Genusses Gottes vermittelt. Er sieht die Theologie als glückliches Streben nach ewigem Glück an.


According to Albert the Great the purpose of theology is to evaluate all things with respect to their potential usefulness in helping the individual to find what is to be enjoyed, i. e. God. Therefore, people who study theology are less concerned with completing their theo­logical knowledge than with relating this knowledge to God. In Albert's view, this also gives them a taste of how God himself is to be enjoyed. Hence we may say that Albert regards theology as a joyful striving for eternal happiness.


 

 

In diesem Aufsatz soll ein Aspekt des praktischen Charakters der Theologie bei Albert dem Gro­ßen erwiesen werden.[1] Wir meinen mit dem 'praktischen Charakter der Theologie bei Albert dem Großen' nicht, daß seine Theologie eine sogenannte ethische Theologie gewesen ist, sondern daß er sie als eine von der Erkenntnis Gottes abhängige, aber unmittelbar mit einer Form des Willens (oder Strebens) verbundene angesehen hat.

Wie im folgenden beschrieben, steht er auf dem grundsätzlichen Standpunkt, daß die Theologie die Wissenschaft "um die Frömmigkeit" (scientia secundum pietatem) und ihr Ziel das Erreichen der Seligkeit ist. So betrachtet er am Anfang seiner Summa theologiae sive de mirabili scientia dei, d. h. im ersten und zweiten Tractatus ihres ersten Bandes, die Bildung des Menschen zum "Gott Genie­ßen" (deo frui) . Wir denken, daß die Bedeutung des Studiums der Theologie für Albert in der Vor­bereitung (dispositio) auf das "Gott Genießen" besteht. So wollen wir im folgenden klären, wie Albert die Theologie als Weg zur Seligkeit charakterisiert: Daher werden wir im ersten Abschnitt einen Überblick darüber geben, wie Albert die mannigfaltigen Gegenstände in dem Gesichtspunkt des für das "Gott Genießen" Nützlichen vereinigt, um danach im zweiten Abschnitt zu betrachten, wie das für das "Gott Genießen" Nützliche bestimmt wird; schließlich soll im dritten Abschnitt die Bedeutung des "Gott Genießens" erläutert wer­den. Gegenstand unserer Betrachtung sind dabei der erste und zweite Tractatus aus dem ersten Band der Summa theologiae sive de mirabili scientia dei, d. h. Tractatus 1. De theologia, inquantum est scientia und Tractatus 2. De frui et uti et utentibus et fruenti­bus.

 

1. Der Gegenstand (subiectum) der Theologie

 

Jede Wissenschaft hat im Allgemeinen, nach Albert, drei Gegenstände. Erstens: das, was man in erster Linie anstrebt, worin der vornehmste Teil der Wissenschaft besteht. Hierin liegt ein  Argu­mentationsprinzip der Wissenschaft. Zweitens: das, von dem und von dessen Teilen man die Eigen­schaften untersucht. Drittens: das, mit dessen Hilfe man die Bedeutung der ersten beiden Gegen­stände erklärt und versteht. Indem man nun diesen Gegenstand betrachtet, ist man in der Lage, den Inhalt der Wissenschaft besser zu verstehen.[2]


Auch die Theologie hat eben diese drei Gegenstände. Der erste Gegenstand der Theologie ist das, was man hauptsächlich in der Theologie anstrebt und durch dessen Erkenntnis man alles, was zu einem anderen Gegenstand gehört, verstehen kann: dies ist Gott. In diesem Sinne kann man sagen, daß die Theologie alles durch Gott betrachtet. Ihr zweiter Gegenstand sind Christus, Kirche, Fleischwerdung des Wortes und die Sakramente. Indem man diese betrachtet, offenbart sich Gott, den der Mensch auf vollkommene Weise genießt. Insofern ist der zweite Gegenstand der Theologie das Heilswerk. Ihr dritter, d. h. das Hilfsmittel (adminiculans) zum Verständnis ihres ersten und zweiten Gegenstandes, sind die Bibel und die Welt. Zum Beispiel ist die Stelle in der Bibel, an der das Gottesurteil gesprochen wird, das Hilfsmittel, mit dem der Mensch versteht, was das Gottes­urteil ist. Indem der Mensch nun diese Stelle betrachtet, wird er auf das Heilswerk gelenkt. Auch diese Welt, d. h. das Schöpfungswerk, ist der Gegenstand der Theologie in dem dritten Sinne. Denn die Theologie betrachtet das Schöpfungswerk als Zeichen für das Heilswerk, welches durch Chri­stus und Kirche erwiesen wird, oder als Hilfsmittel dazu, ihn zu zeigen.[3]

 Obgleich die Theologie diese drei Gegenstände hat, ist sie durchaus eine Wissenschaft, welche diese nicht als selbständige ansieht. Vielmehr betrachtet die Theologie, nach Albert, das, was zu diesen Gegenständen gehört, unter dem einen Gesichtspunkt, der die drei vereinigt. Dieser Ge­sichtspunkt ist aber nicht der, unter dem alles für das Geoffenbarte (revelatum) gehalten wird, wie ein quidam gesagt hat.[4]  Nach Albert muß die Theo­logie alles unter dem Gesichtspunkt betrachten, daß alles das dem Menschen zu Genießende zeigt und ihm als Vorbereitung darauf nützlich ist.[5] Zum Beispiel müssen die Bibel und die Welt, die man in der Theologie betrachtet, wie im nächsten Abschnitt gezeigt werden wird, als etwas Nützliches, mit dem der Mensch Gott genießt, verstanden werden.

Deshalb ist die Theologie keine allgemeine Wissenschaft, wie die Erste Philosophie, die die Wissenschaft über das Seiende als solches ist, obgleich sie diejenige ist, die das alles betrachtet. Al­bert sagt, die Theologie betrachte das Seiende, das durch die Analogie zu Gott als dem zu Genie­ßendem bestimmt ist, und sie betrachte die Teile des Seienden gemäß ihrem Analogiecharakter zu Gott.[6] Die Theologie ist also nicht diejenige Wissenschaft, die den anderen Wissenschaften Prinzi­pien liefert, wie die Erste Philosophie, und sie kann eigentlich eine solche auch nicht sein. Denn die Theologie betrachtet das allem einzelnen wesentlich Gemeinsame; das Gemeinsame aber, das die Theologie untersucht, ist kein wesentliches Prinzip, wie es die Erste Philosophie betrachtet, sondern das Gemeinsame, insofern man es in Bezug auf Gott als zu Genießendem versteht. Albert hält die Theologie für eine in diesem Sinne besondere Wissenschaft.[7]

Er zeigt aber gleichzeitig, daß es eine Ähnlichkeit zwischen der Theologie und der Ethik gibt. Sowohl die Theologie als auch die Ethik sind in gewisser Hinsicht Universal-, und in gewisser Hinsicht Einzelwissenschaften. So betrachtet die Ethik gewissermaßen alles Moralische und Zufäl­lige, zum Beispiel Macht und Reichtum. Denn diese bringen das bürgerliche Glück als Werkzeug oder Ornament (organice vel decorative). In gleicher Weise betrachtet die Theologie die verschiede­nen Einzelnen, insofern sie für das "Gott Genießen" nützlich sind.[8]

 

2. Nützen (uti) in der Theologie

 


Wenn man sagt, daß die Theologie alles in der Welt unter dem Gesichtspunkt betrachtet, daß es dem Menschen dazu nützlich ist, das zu Genießende zu zeigen und darauf vorzubereiten, so ist der Genuß der eigentliche Genuß, d. h. der Genuß Gottes. Genießen heißt eigentlich die höchste, vollkommene und beste Lust. Man kann aber nicht genießen, außer wenn dieses Genießen vor­bereitet und vollendet ist in bezug darauf, daß man sich an der Anhaftung (inhaesio) am voll­kom­mensten und höchsten Guten weidet. Das intellektuelle Wesen des Menschen muß nämlich in bezug auf den Genuß des Vollkommenen und Besten vorbereitet sein, indem es sich durch Gnade und Ruhm im besten Zustand befindet.[9]

Das Nützliche für den Genuß Gottes ist, nach Albert, das, was sich auf das zu Genießende bezieht; es gibt dabei zwei Arten des in diesem Sinne Nützlichen: 1. Das Nützliche, mit dem man das zu Genießende bezeichnet. Dieses wird durch den Verstand erkannt und besessen. 2. Das Nütz­liche als Ursache, das dem Menschen den Besitz des zu Genießenden ermöglicht, zum Beispiel Tugenden, Gnade und Werke. Durch sie wird der Besitz des zu Genießenden wie durch die ver­dienstvollen Ursachen (per causas meritorias) ermöglicht.[10] Im strengsten Sinne sind das Nützliche aber die Zeichen, die das "Gott Genießen" ermöglichen, und vor allem die Ursachen, d. h. die Gnade und die Tugenden. Es gibt dabei zwei Arten von Zeichen: 1. Die Dinge in dieser Welt, in die Gott sein Siegel einprägt. 2. Das, was Sakramente der Alten und Neuen Gesetze genannt wird, die Zeichen der Gnade, die dem Menschen den Genuß des zu Genießenden ermöglichen. "Etwas zum Genuß Nützen" meint also, daß man diese Zeichen und die Ursachen auf das richtet, was zu besitzen, d. h. zu genießen ist.[11]

      Wie nützt man nun das Bibelstudium in der Theologie, die Tugenden und die intellektuelle Erkenntnis der Dinge, um Gott zu genießen?

Das Endziel der Theologie ist zwar, wie bereits erwähnt, der Genuß Gottes, man muß sie zunächst aber, nach Albert, als die Wissenschaft um Frömmigkeit verstehen. Denn sie muß die Wissenschaft sein, die den Menschen zum Glauben und zu guten Taten bildet. Die Vollkommen­heit der Theologie besteht nämlich in einzelnen Taten und einzelnen Tugenden.[12] Daher betrachtet die Theologie das, was in der Bibel erzählt wird, mit dem Ziel, den einzelnen Menschen zur Fröm­mig­­keit zu bilden. Das einzelne kann aber potentiell das Allgemeine sein, und das einzelne Erzählte in der Bibel ist potentiell das Allgemeine, das für alle Menschen gültig ist. Also kann die Theologie das einzelne aus der Bibel so wie aus dem Allgemeinen heraus erläutern. Damit sucht sie die all­gemeine Bedeutung des in der Bibel berichteten einzelnen und führt den Menschen durch sie zur Frömmigkeit.[13] Ferner schreitet der Student der Theologie voran, um das Zustimmen zur ersten Wahrheit zu erreichen. Denn es selbst ist der Glaube in actu über alles. Da "der Glaube allein aus dem Hören kommt", muß der Mensch das Werk und das Wunder Gottes in der Bibel und anderes betrachten.[14]

Selbstverständlich kann im eigentlichen Sinne nur Gott in den Menschen den Glauben und die Tugenden erzeugen, indem er ihm Gnade gewährt. Dennoch können einige Tugenden den Men­schen zu dem Glauben gleichsam durch Antreibung oder Lenkung führen. Der Mensch kann durch die Tugenden, die in seinem Innern sind, zu dem Glauben in actu geführt werden. Glaube entsteht nämlich aus äußerem und innerem Hören.[15]

Die wichtigste Tugend aber hinsichtlich der Vorbereitung auf das "Gott Genießen" ist, nach Albert, die Liebe (caritas). Das Genießen gehört insofern zur Liebe, als es die Wirkung des Willens ist, der am zu Genießendem festhalten will. Natürlich bereiten auch die Hoffnung und der Glaube den Menschen auf das "Gott Genießen" vor. Dabei dienen sowohl die Erfassung, die der Hoffnung folgt, als auch das klare Schauen, das dem Glauben folgt, als Mittel dem Genießen.[16] Auch die Kardinaltugenden gehören zu den nützlichen Dingen, die den Menschen auf seine Vollkommen­heit als Voraussetzung des Genießens vorbereiten.[17]


Wie kann man nun das übrige Nützliche, d. h. die Erkenntnis dieser Welt als Zeichen, nützen, um Gott zu genießen? Der Mensch bezieht die aus dieser Welt gewonnene Erkenntnis auf Gott, indem er das durch den Verstand Erkannte als Mittel nützt. So bezieht er die Erkenntnis Gottes auf den Glauben, den Glauben auf das Schauen durch das Erkenntnisbild, das Schauen auf das "Gott Genießen".[18] Weder die Erkenntnis der Welt selbst noch die aus ihr gewonnene Erkenntnis Gottes selbst sind das Ziel der Theologie, sondern sie sind die Mittel dazu, Gott zu genießen. So bezieht die Theologie die aus der Welt gewonnene Erkenntnis auf ihr Endziel, d. h. das Schauen Gottes und das "Gott Genießen".

Wir müssen hier beachten, daß der Verstand und der Wille bei diesem Prozeß des Beziehens mitwirken. Der eigene Gegenstand des Verstandes ist das erste Wahre und das erste Gute, welche auch Gegenstand des Willens sind, d. h. das, an dem der Wille anhaften will.[19] Daher wird das Beziehen auf das zu Genießende nicht nur durch den Verstand vollzogen, sondern auch durch den Willen. Nach Albert ist das Genießen das Leiden (passio) in dem ersten zu Erfreuenden. Dieses erste zu Erfreuende wird durch den Verstand erfaßt und wird damit zum Gegenstand des Willens.[20] Das Genießen ist nämlich das Leiden des Willens, der durch eine Tätigkeit des Verstandes gebildet wird.[21]  Deshalb ist das Beziehen auf das zu Genießende - für Albert - nicht die bloße Operation des Begriffs durch den Verstand, sondern auch die Wirkung des Willens. In der Theologie wirken der Verstand und der Wille mit, deren Wirkung durch die Tugenden, besonders durch die Liebe, ausge­richtet sind. Denn das Genießen ist die Wirkung der die Verzückung (exstasis) bewirkenden Liebe, die das Geliebte, d. h. das zu Genießende besitzen will - so Dionysios in De divinis nominibus. Zudem will, wie Augustinus sagt, der Liebende an dem Geliebten um seiner selbst willen anhaften, weshalb der Verstand die aus der Welt gewonnene Erkenntnis auf Gott als zu Genießenden be­zieht.[22] Aus diesem Grund wird die Liebe die in bezug auf das "Gott Genießen" wichtigste Tugend genannt.

 

3. Das Genießen (frui) in der Theologie

 

"Genießen" meint eigentlich und schlechthin, nach Albert, daß man mit Liebe und Lust am zu Genießenden anhaftet, und dies um seiner selbst willen und nicht akzidentell, und ohne dabei gehindert zu werden. Dieses eigentliche Genießen kann der Mensch im Diesseits niemals erleben. Spricht man aber in allgemeinerem Sinne von Genießen, so ist auch im Diesseits ein "Gott Genie­ßen" möglich. Dabei ist aber das am zu Genießenden Anhaften ein akzidentelles Anhaften. Akzi­dentelles Anhaften meint dabei ein Anhaften an etwas anderem als dem eigentlich zu Genießenden oder das Anhaften an einen Teil des eigentlich zu Genießenden, weshalb dieses Anhaften behindert werden kann.[23] Dies ist kein unmittelbares Erfassen Gottes. Der Mensch kann im Diesseits Gott nicht unmittelbar genießen; daher will er sich dem "Gott Genießen" so weit wie möglich nähern, wobei er Nützliches als Mittel zu diesem Ziel gebraucht. Er will durch den Verstand das Erste, das Beste, das Süßeste und die Absicht im Werk Gottes erfassen. Dabei will er dieses Erste genießen, indem er es in sich einsaugt, in sich repräsentiert und nährt.[24] Denn das übersinnlich Erkennbare wird dadurch zu einem mit dem Verstand Übereinstimmenden, daß es durch die Wirkung des Verstandes im Lichte der Intelligenz in die Wirklichkeit gebracht wird. Dadurch kann sodann der Mensch das übersinnlich Erkennbare erfassen und sich daran erfreuen, d. h. es genießen, nicht jedoch in der eigentlichen Weise. Denn die Lust ist, wie Dionysius sagt, die Verbindung des Über­einstimmenden mit dem Übereinstimmenden. Das Übereinstimmende breitet sich aus, ergießt sich über den ganzen Verstand, und wird, indem der Verstand es aufnimmt, im innersten Ort des Ver­stands aufgenommen. So wird der menschliche Verstand durch dieses Aufnehmen zur Ähnlichkeit mit dem Aufgenommenen, d. h. mit dem Ersten gebildet, und fängt an zu glänzen.[25]


Unserer Auffassung nach meint "das Erste in sich repräsentieren und in sich nähren" das Erste als Erkanntes auf das zu Genießende Beziehen. Daß man Gott als zu Genießendes erkennt, und ihn genießt, bedeutet für Albert, daß man die aus der Welt oder der Bibel gewonnene Erkenntnis auf Gott als zu Genießenden bezieht. Denn der Mensch kann durch dieses Beziehen Gott genießen.

Zudem kann der Mensch sogar den Prozeß genießen, in dessen Verlauf er das "Gott Genießen" erreicht. Genießen meint allgemein das mit Lust Nützen, d. h. das Sich Weiden an dem Guten der Sache. In dieser Weise kann der Mensch viele Dinge außer Gott genießen.[26] Daher kann er gewis­sermaßen dadurch selig werden, daß er das zu Genießende durch das Studium der Bibel und das Erkennen dieser Welt anstrebt. Eine solche Seligkeit ist zwar eine sozusagen geschaffene Seligkeit (beatitudo creata) und nur die Vorbereitung auf das wahre Genießen, der die Theologie Studierende kann aber doch den Prozeß, in dessen Verlauf er das wahre Genießen erreicht, wie ein Werk­zeug (instrumentaliter) genießen.[27] Der Mensch will das, was er in diesem werkzeuglichen Genuß genos­sen hat, auf das im eigentlichen Sinne zu Genießende beziehen. So, wie der, der etwas Süßes riecht, das Süßschmeckende sucht und schmecken will.

So schreitet der Mensch, indem er die aus der Bibel und der Welt gewonnene Erkenntnis ge­nießt, zu dem "Gott Genießen" voran. Man kann diesen Prozeß des Erkennens mit einer geduldi­gen Pilgerfahrt vergleichen. Der Mensch verlangt nach eigener Vollkommenheit und dem wahren Genießen, d. h. dem "Gott Genießen", wobei er diese "Pilgerfahrt" selbst genießt.[28] Selbstverständ­lich kann er ohne die Gnade Gottes diesen Prozeß nicht genießen. Das Gute, das Gott im Men­schen für den menschlichen Nutzen bewirkt, verweist von seinem Wesen und seiner wesentlichen Ordnung her auf die Gutheit und den Ruhm Gottes. Dabei will Gott, daß der Mensch dieses Gute auf den Ruhm Gottes bezieht.[29]

 

Schluß

 

Das Ziel der Theologie Alberts des Großen ist das "Gott Genießen". Das Endziel desjenigen, der die Theologie betreibt, ist dabei weniger ein Vollenden der Wissenschaft als das Beziehen des ge­wonnenen Wissens auf Gott als zu Genießenden. Wenn wir dieses Beziehen theologische Erkennt­nis nennen dürfen, können wir sagen, daß das Bestreben der theologischen Erkenntnis selbst das Ziel desjenigen ist, der die Theologie betreibt. Man vollzieht dieses Bestreben auf das Endziel hin über drei Stufen. Es fängt damit an, daß man durch das Studium der Bibel und des Werkes Gottes Erkenntnis erlangt. Aber solche Erkenntnis selbst ist nicht das Ziel. Der Mensch soll sich vielmehr, die Erkenntnis als Mittel nützend, auf das Schauen der Wahrheit ausrichten. Er kann durch diese Schau sozusagen die geschaffene Seligkeit erlangen und so auf das "Gott Genießen" vorbereitet werden. Er kann nämlich durch eine solche Seligkeit das Endziel der theologischen Erkenntnis, d. h. die wahre Seligkeit in Gott als der ersten Wahrheit erreichen.[30] Überdies kann der Mensch auf jeder Stufe gewissermaßen Gott genießen.

Obgleich der Mensch im Diesseits nur in der Hoffnung Gott besitzen kann, so kann er ihn doch genießen, indem er die gewonnene Erkenntnis Gottes auf Gott als im eigentlichen Sinne zu Genießenden bezieht, wenngleich dieses Genießen nichts anderes als ein "Vorgeschmack" darstellt. An diesem Punkt erkennen wir die praktische Bedeutung der Theologie Alberts des Großen, da unseres Erachtens die Aufgabe der Theologie für Albert in dem Prozeß der Vorbereitung auf das wahre Genießen liegt, d. h. in dem Prozeß, in dem der Mensch auf das "Gott Genießen" hofft.[31]



[1]  Über den Grundcharakter der Theologie Alberts des Großen vgl. A. Lang: Die Bedeutung Alberts des Großen für die Aufrollung der fundamentaltheologischen Frage. In: Heinrich Ostlender (Hrsg.): Studia Albertina / Bernhard Geyer (Festschrift für). Münster, 1952 (Beiträge zur Geschichte der Philosophie und Theologie des Mittelalters; Supplement­band 4), 341-373. W. Senner: Zur Wissenschaftstheorie der Theologie im Sentenzenkommentar Alberts des Großen. In: Gerbert Meyer; A. Zimmermann (Hrsg.): Albertus Magnus, Doctor universalis 1280/1980. Mainz, 1980 (Walberberger Studien: Philosophische Reihe; 6), 323-343. R. McInerny: Albert and Thomas on Theology. In: Albert Zimmermann (Hrsg.): Albert der Große: seine Zeit, sein Werk, seine Wirkung. Berlin, 1981 (Miscellanea mediaevalia; 14), 50-60.

[2]  S.Th., I, t. 1, q. 1, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 10, v. 66-68, v.  73-74, v. 78-83.

[3]  Ebd., I, t. 1, q. 1, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 10, v. 90 - p. 11, v. 11, p. 11, v. 58-60, v. 31-36.

[4]  Ebd., I, t. 1, q. 3, c. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 11, v. 23-25. Nach den Herausgebern der Editio Coloniensis zeigt Albert Thomas von Aquin mit quidam. Thomas sagt in seiner Summa Theologiae folgend: "Quia igitur sacra doc­trina considerat aliqua secundum quod sunt divinitus revelata, secundum quod dictum est, omnia quaecumque sunt divinitus revelabilia, communicant in una ratione formali huius scientia."  Thomas von Aquin: Summa Theologiae, I, q. 1, a. 3.

[5]  S.Th., I, t. 1, q. 3, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 11, v. 23-26.

[6]  Ebd., I, t. 1, q. 3, c. 4; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 14, v. 29-34.

[7]  Ebd., I, t. 1, q. 3, c. 4; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 14, v. 41-48.

[8]  Ebd., I, t. 1, q. 3, c. 4; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 14, v. 34-41.

[9]  Ebd., I, t. 2, q. 7, c. 3; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 28, v. 1-5.

[10] Ebd., I, t. 2, q. 8, c. 3; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 30, v. 81 - p. 31, v. 3.

[11] Ebd., I, t. 2, q. 8, c. 3; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 31, v. 3-11. Vgl. Augustinus: De civ. dei. l. 11, c. 24 (PL 41, 337-338).

[12] S.Th., I, t. 1, q. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 6, v. 58-64.

[13] Ebd., I, t. 1, q. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 6, v. 68-71, v. 77-79, p. 7, v. 3-5.

[14] Ebd., I, t. 1, q. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 8, v. 54-64. "Fides ex auditu, auditus autem per verbum Christi." Rom., X, 17.

[15] S.Th., I, t. 1, q. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 9, v. 20-25.

[16] Ebd., I, t. 2, q. 7, c. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 26, v. 80-82.

[17] Ebd., I, t. 2, q. 7, c. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 26, v. 88-91.

[18] Ebd., I, t. 2, q. 8, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 28, v. 63-66.

[19] Ebd., I, t. 2, q. 7, c. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 27, v. 18-21. Über das Verhältnis zwischen Verstand und Wille vgl. Senner: Die Theologie als 'scientia affectiva'. (S. Anm. 1), 333-340.

[20] S.Th., I, t. 2, q. 7, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 25, v. 22-24.

[21] Ebd., I, t. 2, q. 7, c. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 26, v. 35-36.

[22] Ebd., I, t. 2, q. 7, c. 2; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 27, v. 1-11. Vgl. De div. nom. c. 4 (PG, 3, 712A). Ps.- Augusti­nus: De spir. et anima. c. 12 (PL 40, 788)

[23] S.Th., I, t. 2, q. 7, c. 3; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 27, v. 63-71.

[24] Ebd., I. t. 2, q. 7, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 25, v. 12-16.

[25] Ebd., I. t. 2, q. 7, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 25, v. 60-69. Über lux intelligentiae  sagt Albert folgend: "Si enim omne intelligibile per hoc applicabile est intellecti nostro quod intelligibile est, hoc est ad lumen intelligentiae dupuratum, illud quod maxime intelligibile est et in purissimo intelligentia lumine, maxime erit applicabile secundum naturam."  Ebd., I, prologus; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 3, v. 12-16. "Perfectissima enim lumen humani intellectus non perfecte intelliguntur, lumen autem superioris naturae vere possunt intelligi et perfecte perfectione virae et non patriae nisi paucis, ut Paulo in raputu hoc concessum fuit per privilegium speciale."  Ebd., I, t. 1, q. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 7, v. 76-81. Daher denken wir, daß lux innteligentiae nicht lumen connaturalis sondern lumen superior ist. Über der Erleuchtung bei Albert vgl. Leonard A. Kennedy: St. Albert the Great's Doctrine of Divine Illumi­nation. In: Modern Schoolman XL (Nov. 1962) 23-37. Ders.: The Nature of the Human Intellect according to St. Albert the Great. In: Modern Schoolman XXXVII (Jan. 1960) 121-137.

[26] S.Th., I, t. 2, q. 9; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 31, v. 67-70.

[27] Ebd., I, t. 9; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 31, v. 74- 76.

[28] Ebd., I, t. 2, q. 12, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 35, v. 80 - p. 36, v. 3.

[29] Ebd., I, t. 2, q. 12, c. 1; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 36, v. 10-13.

[30] Ebd., I, t. 1, q. 6; Ed. Colon. T.XXXIV, pars 1, p. 23, v. 84-90.

[31] Vgl. Anm. 28.