“Kostbar ist mir jeder Tropfen Zeit...”
Einführung zum elften Buch
von Augustins Confessiones
von Norbert Fischer
Kurzinhalt - Summary:
Die Zeit vergeht, aber sie hinterläßt Spuren. Was läßt sie zurück? Was
bewahrt sie auf? Was enthält die Ewigkeit als kostbare Frucht der Zeit? Die
Vernunft kann kein objektives Sein der Zeit feststellen (foris), aber in der
Wendung nach innen (intus) zur Wahrnehmung der Zeit zeigt sich die Möglichkeit,
eine Unterscheidung zu treffen. Dazu muß der endliche Menschengeist sich anschicken,
sein Unvermögen einzugestehen und die Wahrheit über sich hinaus zu suchen
(intimum).
Time goes by - leaving trails. What will remain? What
does time preserve? Which precious fruit of time may eternity hold? Reason
cannot perceive any objective being of time (foris); but turning to the
inner life (intus) in order to realize time we find ourselves prepared
to make a difference. Admitting its incapacity, therefore, the finite mind of
man must search for truth beyond itself (intimum).
Die folgenden Überlegungen betreffen das elfte Buch der Confessiones,
das wegen der Untersuchung der Frage, was Zeit ist (17: quid est enim
tempus?), große Bekanntheit erlangt hat und das Thema zahlreicher
Untersuchungen ist.[1] In der
Kompositionsstruktur des Gesamtwerkes der Confessiones nimmt das elfte
Buch eine Sonderstellung ein. Augustinus sagt in den Retractationes, daß
die ersten zehn Bücher von ihm selbst handeln, die drei übrigen aber von der
Heiligen Schrift, und zwar von der Stelle an: Am Anfang schuf Gott Himmel
und Erde bis zu der Ruhe des Sabbats (retr. 2,6,1: a primo usque ad decimum de me scripti sunt, in tribus ceteris de
scripturis sanctis, ab eo quod scriptum est: «in principio fecit deus caelum et
terram», usque ad sabbati requiem).
Obwohl dieser Hinweis zum Aufbau der Confessiones einigermaßen
dürftig ist, da er nur eine äußerlich feststellbare Tatsache zum Inhalt hat und
nichts über den inneren Zusammenhang zwischen den Ausführungen über ihn selbst
und über die Heilige Schrift verrät, läßt sich aus ihm immerhin entnehmen, daß
mit dem elften Buch ein neuer Teil des Werkes beginnt. In den Retractationes
äußert sich Augustinus zu den Confessiones aber vielleicht auch deshalb
so knapp, weil er dieses Werk für besonders gelungen hält und annimmt, daß es
für sich selbst sprechen kann. Einem aufmerksamen Leser des Anfangs des elften
Buches wird in der Tat sofort einleuchten, daß Augustinus hier keine
Kommentierung der Bibel beabsichtigt, die mit den vorausgegangenen Büchern
nichts zu tun hätte.
Das Thema des mit dem elften Buch beginnenden Teils der Confessiones
klingt schon in den beiden ersten Sätzen dieses Buches an. Sie lauten (1):
“Herr, Dein ist die Ewigkeit. Nimmst Du deshalb etwa nicht zur Kenntnis, was
ich Dir sage. Oder siehst Du nur auf Zeit hin (als Flüchtiges, Nichtiges), was
in der Zeit geschieht? Warum also breite ich vor Dir die Erzählungen all dieser
Geschichten aus?” (numquid, domine, cum tua sit aeternitas, ignoras, quae
tibi dico, aut ad tempus uides quod fit in tempore? cur ergo tibi tot rerum
narrationes digero?). Das Thema ist also zunächst nicht die Bibelexegese,
sondern die Frage nach dem Verhältnis des ewigen Gottes zu dem, was in der
Zeit geschieht. Im Zuge dieser Frage kommt die Exegese jedoch ins Spiel.
Im Hintergrund steht die Befürchtung, daß Zeitliches nur auf Zeit hin
Bedeutung hat (ad tempus), daß es in der Ewigkeit sein Sein und seinen
Sinn verliert.[2] Aus
diesem Kontext gewinnt Augustins nebenbei gemachte Bemerkung tiefere
Bedeutung, daß ihm jeder Tropfen Zeit kostbar sei (2: caro mihi ualent
stillae temporum). Die Frage nach Sein und Sinn des Zeitlichen findet sich
auch in folgendem Gedicht von Rainer Maria Rilke, der sich mit Augustins Confessiones
gründlich befaßt hat.[3]
Dieses Gedicht soll zu Beginn der Interpretation in einer knappen Skizze
interpretiert werden. Sein Text lautet:
WUNDERLICHES Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigsts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? -
Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt -
Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.
Dieses dreistrophige Gedicht, das Rilke im November 1920 geschrieben hat,
beginnt in scheinbar alltagsmäßig parlierendem Ton, in der Verwunderung über
einen Sprachgebrauch, der - wörtlich aufgefaßt - die Intention des Sprechenden
in ihr Gegenteil verkehrt. Wer Zeitvertreib sucht, will nach geläufiger
Auffassung nicht die Zeit vertreiben, sondern die innere Leere
des Zeiterlebens abschütteln. Das implizite Ziel der sich hinter dem
Zeitvertreib verbergenden Suche ist eine erfüllte Zeit, eine Zeit, die ihren Sinn
fraglos in sich trägt, deren Erfahrung dem, der sie durchlebt, kostbar
ist. Wer sich die Zeit mit Beliebigem vertreibt, sich Divertissements hingibt,
die - sobald sie vergangen sind - sogleich in die Bedeutungslosigkeit
versinken, gibt sich mit Surrogaten erfüllter Zeit zufrieden und vertreibt
damit tatsächlich die Zeit, treibt sie also ins Bedeutungslose und
Nichtige. Insofern bezeichnet der wörtliche Sinn des Wortes, das Rilke
wunderlich nennt, ganz deutlich die Sache. Sobald dem Zeitvertreib Suchenden
klar wird, was er mit der Zeit anrichtet, wird ihm das Verfehlte seiner Suche
offenbar, wird ihm deutlich, daß er im bloßen Zeitvertreib seiner innersten
Intention zuwiderhandelt. Indem ihm der wörtliche Sinn des Wortes Zeitvertreib
klar wird, stemmt der Suchende sich dagegen, die Zeit zu vertreiben, und
hält es vielmehr für das Problem, sie zu halten.[4]
Weil uns die Flüchtigkeit des Zeitlichen ängstigt, provoziert sie die
Frage nach einem Bleiben, einem endlichen Sein, das dem Werden
und Vergehen entrückt ist, dabei aber doch seine Endlichkeit behält, so daß
sich die Besonderheit des Endlichen nicht im Meer des Unendlichen verliert.
Nach diesem Einstieg mit einer alltäglichen Erfahrung, die das wahrnehmbare
Geschehen der Zeit in Frage stellt und auf eine nicht flüchtige Zeit verweist,
bringt die zweite Strophe die konkrete Zeiterfahrung des Subjekts im Überblick
zur Sprache. In der dritten Strophe wird die Zeiterfahrung des Subjekts
überstiegen und auf eine unvergängliche Bedeutung der Zeit verwiesen, von der
es heißt sagt, daß sie obdachlos im menschlichen Herzen nächtige.[5]
Indem das lyrische Subjekt sich in der zweiten Strophe auf die Struktur seiner
Zeiterfahrung im Blick auf das ganze Leben besinnt, bemerkt es, daß sein Leben
- ebenso wie ein Tag - Anfang und Ende hat. Das Bild des Tages tritt in dem
Zustand vor das Auge, in dem der Tag sich auf den Raum zubewegt, der ihn
nach Abend nimmt. Das Bild setzt voraus, daß es vorher etwas gab, aus dem der
Tag des menschlichen Lebens hervorgegangen ist, und weist unbestimmt darauf
hin, daß es nachher etwas geben wird, in das er hineingenommen wird, also auf
ein Entstehen und Vergehen, ein Ankommen aus der Nacht und ein Hineingehen in
die Nacht. Beidem ist das Subjekt ausgeliefert - ohne sein Zutun und ohne
Möglichkeit, ihr Dunkel zu durchdringen.[6]
Diesem unerbittlich eintretenden Geschehen ist gleichwohl eine fremdartig
wirkende Ingredienz, indem das Gedicht sagt, daß der Tag sich verlangsame.
Damit kommt ein Moment ins Spiel, das aus der subjektiven Erfahrung des
Zeitablaufs resultiert. In den beiden letzten Zeilen der zweiten Strophe wird
diese subjektiv gefärbte Zeiterfahrung zudem in ein scheinbar objektives Bild
eingebunden, das den menschlichen Lebenslauf von seinem Anfang bis zu seinem
Ende zusammenfaßt. Es heißt im Gedicht: “Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird
Legen, / und das willig Liegende verschwimmt -”.
Das Bild bezeichnet offenbar den Lebensweg des Menschen, der von anfänglich
starker Aktivität am Ende zu zunehmender Passivität führt und schließlich in
die Auflösung zu münden scheint. Demnach ist hier gerade das Phänomen
konkretisiert, das am Schluß der ersten Strophe als ängstigend
bezeichnet worden war. Offenbar ängstigen sich alle, weil das Endliche nicht
bleibt, weil es kein Sein gewinnt, sondern im Dunkel verschwimmt und in
die Bedeutungslosigkeit versinkt.[7]
In dieser Angst sucht das Subjekt Halt über sich hinaus. Zunächst sucht es
Halt in Weltlichem, das die Vergänglichkeit des Subjekts zu überdauern scheint.
Es erscheint ein Bild zur Vergegenwärtigung des Raums, in den der Tag schon
nach Abend genommen ist, ein Bild, das den Blick mit seiner Pracht auf sich
zieht und die Hast des Lebens bannt: “Berge ruhn, von Sternen überprächtigt”.
Allerdings erfüllen diese Wirklichkeiten seine Sehnsucht dennoch nicht, weil
auch in ihnen Zeit flimmert, weil die Zeit auch in ihnen nicht zu einem Bleiben,
einem endlichen Sein gekommen ist. Das von der Angst des Irdischen
umgetriebene wilde Herz bleibt angesichts dieses Bildes ruhelos,
so grandios der Anblick des nächtlichen Sternenhimmels über ruhenden Bergen
auch sein mag.[8]
Gleichwohl macht das Bild Eindruck auf einen Betrachter, der von der Unruhe
und der Angst des Irdischen geplagt ist. Es macht Eindruck, weil es unbestimmt
auf etwas verweist, das der sich Ängstigende sucht, das er also sucht, ohne es
eigentlich zu kennen, ohne recht zu wissen, was und wo er suchen soll.[9]
Aus diesem Grunde stellt sich die Frage, wie etwas, das der Suchende nicht
wirklich kennt, überhaupt gefunden werden kann. Nach geläufiger Auffassung kann
man nur etwas finden, das man vorher
gekannt hat.[10] Es
könnte allerdings auch der Fall eintreten, daß dem Suchenden etwas aktiv
entgegentritt, daß sich ihm etwas von sich her zeigt, so daß die vorher unbestimmte
Suche in diesem ihm Entgegentretenden seine Erfüllung fände.[11]
Sofern der Betrachter also wahrnimmt, daß das Gesuchte zugleich verborgen
und gegenwärtig ist,[12]
muß die ersehnte Unvergänglichkeit seinem wilden Herzen jedenfalls in
irgendeiner Weise gegenwärtig sein, vielleicht auch nur im Modus der Defizienz,
wenn das wilde Herz nämlich in der Weise, wie es faktisch sucht, nach ihm
suchen können soll. Gerade diesen Gedanken der gleichzeitig erfahrenen Nähe
und Ferne vergegenwärtigt der Text, indem er davon spricht, daß die Unvergänglichkeit
zwar im wilden Herzen nächtigt, daß sie aber kein Obdach findet, das die Angst
besiegte und der Sehnsucht nach dem Bleiben eines endlichen Seins
Erfüllung böte. Diese Sehnsucht nach Entflüchtigung des Zeitlichen ist auch das
Thema des elften Buches der Confessiones.
1. Die Dialektik der Liebe zum Zeitlichen im elften Buch der Confessiones
Das elfte Buch der Confessiones beginnt mit einer Einleitung, in der
die Stellung der abschließenden Bücher im Gesamtwerk und ihre Thematik
erläutert werden. Laut der formalen Einteilung der Retractationes
besteht die Aufgabe der ersten zehn Bücher in Erzählungen (narrationes),
die Augustins Weg der Gottsuche zum Inhalt haben[13]
und dem Ziel dienen, Geist und Sinn auf Gott hin zu lenken (excitatio).[14]
Nach den narrationes will Augustinus sich der Besinnung auf das
Gotteswort (meditari in lege tua) widmen. Diese Besinnung, die vom
fünften Kapitel des elften Buches bis zu dessen Ende reicht, zielt auf den Sinn
der ersten Worte des Anfanges der Genesis. Augustinus verfolgt in ihr
die Absicht, zu hören und zu verstehen, wie Gott am Anfang Himmel und Erde erschaffen
hat. Ihr großes denkerisches Thema ist im elften Buch die Frage nach dem Sein
der Zeit. Es wird sich zeigen, daß Augustinus diese Frage mit dem Ziel der
Überwindung der Flüchtigkeit des Zeitlichen stellt, daß ihn also gerade die
Sehnsucht nach der Entflüchtigung des Zeitlichen treibt, die in einer Dialektik
der Liebe zum Zeitlichen gründet.
Die Einleitung (1 - 4) beginnt mit der für das ganze Buch signifikanten
Frage, ob Gott in seiner Ewigkeit überhaupt zur Kenntnis nehme, was Augustinus
ihm sagt, oder ob er nur auf Zeit hin sehe, was in der Zeit geschieht. Diese
Frage nach der wechselseitigen Beziehung von Ewigkeit und Zeit, Gott und Mensch,
ist laut Augustinus nicht vom Menschen her zu beantworten. Als Grundlage
seiner Ausarbeitung nennt Augustinus seine Liebe zur vorgängigen Liebe Gottes
(1: amore amoris tui facio istuc). Augustinus liebt das Zeitliche so,
daß er sogar hofft, daß Gott es liebe. Die Hoffnung zielt auf endgültige
Befreiung (1: ut liberes omnino), also auf das Ende des Elends und den
Anfang eines glückseligen Lebens in Gott. Zum Verständnis der Intention
Augustins sind zwei nebenbei gemachte Bemerkungen zum Sinn der Zeit aus der
Einleitung besonders zu beachten.
Die erste Bemerkung besagt, daß ihm jeder Tropfen Zeit kostbar sei (2: caro
mihi ualent stillae temporum). Laut der zweiten Bemerkung wehrt Augustinus
sich dagegen, daß ihm die von den Notwendigkeiten des Alltags freie Zeit
zerrinnt; vielmehr will er sie bewahren für die leibliche Erholung, die
gespannte Sammlung des Geistes und den Dienst am Nächsten (2: et nolo in
aliud horae diffluant, quas inuenio liberas a necessitatibus reficiendi
corporis et intentionis animi et seruitutis, quam debemus hominibus et quam non
debemus et tamen reddimus). Das Bewußtsein der Kostbarkeit der
Zeit resultiert auch aus der Annahme, daß Gott ihr Herr ist, daß die
Augenblicke der Zeit auf seinen Wink hin vorübereilen (3: ad nutum tuum
momenta transuolant).[15]
Nach der Einleitung beginnt Augustinus mit der Meditation des Gotteswortes
(meditari in lege tua) und der Anspannung des Geistes (intentio animi).
Stoff dazu bietet die Schrifterklärung, deren Ausgangspunkt der zur Anrede
umgeformte Beginn des Buches Genesis ist (5: in principio fecisti
caelum et terram). Auf der Grundlage des vernünftigen Glaubens, daß
(quia) Gott die Welt geschaffen habe, geht es nun um die vernünftige
Erkenntnis, wie (quomodo) er sie geschaffen hat. Die Vernünftigkeit
des Glaubens wird durch den Hinweis gestützt, daß die Veränderlichkeit der Welt
Index ihres Geschaffenseins sei (6: ecce sunt caelum et terra, clamant, quod
facta sint; mutantur enim atque uariantur). Trotz seiner Vernünftigkeit
zieht die Annahme des Glaubens für die Vernunft eine Reihe schwieriger Fragen
nach sich. Das Schaffen Gottes kann laut Augustinus nämlich nicht aus der
Analogie zu menschlichem Schaffen begriffen werden (7: non enim sicut homo
artifex).
Augustinus läßt sich durch ein Psalmwort sagen, daß Gott Himmel und Erde in
seinem Wort geschaffen habe (7: in uerbo tuo fecisti ea). Da dieses Wort
nichts mit zeitlich erklingenden Wörtern (8: uerba temporaliter sonantia)
zu tun haben kann, muß Gott ohne zeitlich vorübergehende Stimme geschaffen
haben (8: sine transitoria uoce feceras). Dieses negative Resultat ist
für die Vernunft unbefriedigend, weil unklar bleibt, wie Gott, sofern er als
immer stehende Ewigkeit gedacht wird (13: semper stans aeternitas),
etwas Anderes hat schaffen können. Das Resultat dient somit einerseits dazu,
den Geheimnischarakter von Gottes Schaffen herauszustellen (11: in ueritate
tua miro modo dicens et miro modo faciens), andererseits setzt es voraus,
daß das Zeitliche an sich selbst gut ist.
Um über die Negativität des Resultats hinauszukommen, läßt Augustinus sich
durch die eristische Frage anregen, was Gott getan habe, bevor er Himmel und
Erde geschaffen hat (12: quid faciebat deus, antequam faceret caelum et
terram?). Er begnügt sich nicht mit der Scherzantwort, daß er Höllen für
solche geschaffen habe, die so hohe Geheimnisse ergrübeln wollen (14), sondern
gelangt durch diese Frage zu der Einsicht, daß das Ursprungsereignis der
Möglichkeit alles Schaffens die Erschaffung der Zeit war, die als Werk Gottes
also gut ist. Derart konnten keine zeitlichen Ereignisse vergehen, bevor Gott
die Zeiten geschaffen hat (15: id ipsum enim tempus tu feceras, nec
praeterire potuerunt tempora, antequam feceras tempora). Die Frage, was
Gott vor der Erschaffung der Welt getan hat, hebt sich selbst auf, sofern es
vor der Entstehung der Zeit kein zeitliches Geschehen geben kann. Gott geht
folglich nicht in der Zeit den Zeiten voraus (16: nec tu tempore tempora
praecedis), weil er die Zeit selbst geschaffen hat (17: quia ipsum
tempus tu feceras). Diese Einsicht führt Augustinus schließlich zu der
Frage, die das elfte Buch im weiteren Verlauf bestimmt, nämlich zu der Frage
nach dem Sein der Zeit (17: quid est enim tempus?).
Die Zeitabhandlung, die den größten Teil des elften Buches einnimmt (17 -
41), beginnt mit dem Hinweis auf die Phänomene des Vorübergehens und des
Ankommens zeitlicher Ereignisse (praeterire und aduenire). Vor
diesem Hintergrund stellt Augustinus die Frage nach dem Sein (esse) der
Zeit. Der Stachel, der diese Frage in Gang setzt, ist offenbar das Problem, die
Zeit zu halten, die Frage, ob es ein Bleiben, ein endlich Sein
gibt. Hier stellt sich die Frage, wie etwas geliebt werden kann, das nichtig zu
sein scheint und jedenfalls flüchtig ist. Ausgangspunkt ist damit ein Phänomen,
mit dem Augustinus sich nicht abfinden kann oder abfinden will, nämlich das
Phänomen der Wandelbarkeit und Vergänglichkeit des Zeitlichen, eben die
Tatsache, daß Zeit nur Zeit genannt wird, sofern sie zum Nichtsein strebt (17: non
uere dicamus tempus esse, nisi quia tendit non esse).[16]
Entgegen dieser Tendenz der Zeit zum Nichtsein hält Augustinus sich
zunächst am alltäglichen Zeiterleben fest, das sich zum Beispiel im Sprechen
von langer und kurzer Zeit dokumentiert (tempus longum, tempus breue).
Wenn immer dieses Sprechen nicht sinnlos ist, kann die Zeit nicht nichts sein.
Allerdings zerrinnen die Zeit und das Zeitliche in die Nichtigkeit, sobald
jemand den Versuch macht, sie wie Gegenstände zu bestimmen, die einem Subjekt
verfügbar sind. Gegen solche Versuche, die Zeit verfügbar zu machen, kann man
einwenden, daß das Vergangene nicht mehr und das Zukünftige noch nicht ist (18:
praeteritum iam non est et futurum nondum est). Der Einwand hätte zur
Folge, daß sich vom Sein der Zeit nur im Blick auf die gegenwärtige Zeit
sprechen läßt. Um einen Ausweg zu finden, verfolgt Augustinus die Frage, ob
eine gegenwärtige Zeit lang sein kann (1: uideamus ergo, o anima humana,
utrum praesens tempus possit esse longum). Da die Gegenwart sich aber stets
zwischen Vergangenheit und Zukunft erstreckt, teilt sich die Zeit so in
Vergangenes und Zukünftiges, daß die Gegenwart nur noch als punktueller,
ausdehnungsloser Übergang zwischen Vergangenheit und Zukunft erscheint (20: nam
si extenditur, diuiditur in praeteritum et futurum). Weil die gegenwärtige
Zeit demnach keine Ausdehnung besitzt (20: praesens autem nullum habet
spatium), kann die Frage nach dem Sein der Zeit auf diesem Wege keine
Antwort finden. Weil dieses Ergebnis, obwohl es im gegebenen Rahmen einsichtig
ist,[17]
im Widerspruch zur alltäglich erfahrbaren Wirklichkeit der Zeit steht, in der
wir offensichtlich längere und kürzere Zeiträume wahrnehmen (21: sentimus
interualla temporum), kann die Zeit nach unserer alltäglichen Erfahrung
nicht einfach nichts sein, so daß die Untersuchung in eine Sackgasse gerät.
Augustinus läßt sich durch diese Schwierigkeiten allerdings nicht entmutigen,
sondern wendet sich - um einen Gedanken zu finden, der das Sein der Zeit
rettet - mit einem Gebet an Gott, in dem er darum bittet, weiter forschen zu
dürfen (23: sine me, domine, amplius quaerere).
Obwohl auch die verschärfte Nachfrage keine gültige Antwort bringt, leitet
sie doch auf den Weg, auf dem die Untersuchungen des elften Buches bis zum Ende
weitergeführt werden. Dieser Richtungswechsel erlaubt nun einen Zugang zum Sein
der Zeit, bringt aber zugleich den Verzicht auf die Erkenntnis ihres vom
endlichen Subjekt unabhängigen Seins mit sich.[18]
Der Zugang wird erreicht mit der Wahrnehmung der Gegenwart des Zeitlichen in
der Erinnerung, der Anschauung und der Erwartung (memoria, contuitus,
praemeditatio). Durch die Ausdehnungslosigkeit der Gegenwart gerät
jedoch auch dieser Versuch einer ersten Lösung in die Aporie, weil er das
Zeitliche nur im Bewußtsein - nicht an sich selbst - zu erfassen erlaubt und
nicht die Möglichkeit der Zeitmessung
erklären kann (23-28). Immerhin gelangt Augustinus auf diesem Weg zu der
Einsicht, daß nur die von Liebe getragene Beziehung des ewigen Gottes zum
zeitlichen Menschen die gesuchte Lösung bringen könnte. Diese in die
Transzendenz weisende Lösung, die sich also der objektiven Erkenntnis entzieht,
auf die dementsprechend nur gehofft werden kann, hat die Bewahrung des
endlichen Seins des Zeitlichen und die Erlösung von der Not und den Nöten der
Zeitlichkeit zum Inhalt.
Nachdem sich Augustinus wiederum in Gebetsworten an Gott gewandt hat, weist
er die scheinbar gelehrte Interpretation der Zeit als Bewegung von Körpern
zurück (29 - 31). Da diese bloß negative Argumentation keinen sachlichen
Fortschritt bringt, endet die Untersuchung der Verweildauer der Zeit (mora
temporis) jedoch erneut mit dem Eingeständnis des Nichtwissens. Ein
weiteres Gebet (32) leitet die Passage ein, die den Kern der Zeitauslegung
Augustins darstellt. Hier trägt er die Hypothese vor, daß das Sein der Zeit
durch ihre Interpretation als Erstreckung des Geistes (distentio animi)
erfaßt werden könne.[19]
Diese Interpretation wird durch die Analyse von Phänomenen überprüft, wie sie
beim Singen eines Liedes als einer zeitlichen Aktion hervortreten (33).
Anschließend wird diese Analyse auf die Zeitlichkeit des Lebens übertragen,
indem das menschliche Leben als eine zwar endliche, aber nicht in ihre Momente
zersplitternde Tätigkeit (tota actio finita) ausgelegt wird.
Die Kraft dieser Antwort reicht indessen nicht aus, den Stachel der
Vergänglichkeit zu ziehen, der die Untersuchung ursprünglich in Gang gesetzt
hatte. Die Ausstreckung des Geistes, durch die er das Sein der Zeit sichert,
zerstreckt ihn nämlich selbst in die Zeiten. Aus dieser Zerstreckung heraus
ersehnt der Geist die Verwandlung der distentio in eine Hinwendung zur
erfüllten Zeit (extentio - intentio). Diese Verwandlung soll den
Geist vor seiner Zersplitterung in die Zeiten bewahren und Hoffnung auf
Entflüchtigung des Zeitlichen in der Ewigkeit ermöglichen. Das Buch schließt
mit einer Reflexion zum Verhältnis der Ewigkeit Gottes zur Zeit vor dem
Hintergrund des Gedankenexperiments des pollens animus (39-41).
Die Dialektik der Liebe zum Zeitlichen in Augustins Denken wird durch
einseitige Betonung seiner kritischen Äußerungen zur Sinnlichkeit verdeckt.
Zunächst muß man nämlich sehen, daß er das Anziehende sinnlicher Schönheit
kannte und ihm anhing. Er bekennt selbst, daß es ihn freute, zu lieben und
geliebt zu werden (2,2: “et quid erat, quod me delectabat, nisi amare et
amari?”). Die Verlierbarkeit des Zeitlichen nötigt ihn aber, das Reich der
Sinnenlust, das ihm zunächst als höchste Schönheit erschien, am Ende für
niedere Schönheit zu halten (uera rel. 74: “hoc totum est uoluptatis
regnum et ima pulchritudo. subiacet enim corruptioni. quod si non esset, summa
putaretur”). Diese Schönheit leugnet Augustinus auch später nicht, betont nun
aber auch ihre Gefahr, die er sich - in teils rigider Enthaltsamkeitsethik -
vom Leibe zu halten sucht.[20]
Wenn es zutrifft, daß Gott es ist, der das menschliche Herz ruhelos macht,
könnte es aber sein, daß Anziehungskraft und Schwäche des Sinnlichen gemeinsam
ein Stück des Weges hin zum Lob Gottes bahnen.[21]
Augustins Kritik der Sinnlichkeit setzt so gesehen gerade seine Liebe zum
Zeitlichen voraus, die jedoch durch dessen Verlierbarkeit gebrochen ist.
Gleichwohl gibt er die Liebe zum Zeitlichen nicht preis. Er betreibt weder die
Minimierung der Hoffnung wie Epikur, noch erstrebt er eine Entzeitlichung in
der Art Plotins. Wer das elfte Buch aufmerksam liest, wird es vollgestopft mit
sinnlicher Erfahrung finden, wird sehen, daß er den Weg über das Sinnliche mit
großer Selbstverständlichkeit gegangen ist. Allerdings übt er auch eine Kritik
am Sinnlichen, sofern dessen flüchtiges Gegebensein die durch es gesuchte
Erfüllung nicht bietet und diese Erfüllung in ihm dennoch - und dann mit
unerlaubten Mitteln - gesucht wird. Aus diesen Motiven folgt jedenfalls, daß
eigentlich nicht die Sinnlichkeit selbst kritisch zu betrachten ist, sondern
der Geist, der von ihr beherrscht wird (4,11: “et miser est omnis animus
uinctus amicitia rerum mortalium et dilaniatur, cum eas amittit”).
2. Grundzüge der Augustinischen Interpretation des Seins der Zeit
Wer bei der Betrachtung der Zeitinterpretation des elften Buches der Confessiones
nur auf die Formel der distentio animi achtet, also nur darauf sieht,
daß Augustinus die Zeit als Erstreckung des Geistes interpretiert, könnte zu
der Auffassung neigen, er vertrete die These einer ursprünglichen, von nichts
Anderem abhängigen Konstitution der Zeit durch den Geist, der sich des
Vergangenen erinnert, das Gegenwärtige anschaut und das Zukünftige erwartet.
Eine solche absolut unabhängige Konstitution der Zeit übersteigt aber
offenkundig die Kraft eines endlichen Geistes. Die Annahme einer ursprünglichen
Konstitution der Zeit durch besondere Akte endlicher Geister hätte zudem zur
Folge, daß jeder Geist nur seine eigene Zeit konstituieren könnte, daß es keine
gemeinsame Zeit und kein gemeinsames Sein endlicher Geister in einer Zeit geben
könnte. Um nicht auf falsche Fährten zu geraten, ist der Hinweis nötig, daß die
Konstitution der Zeit laut Augustinus auch außersubjektive Voraussetzungen hat,
Voraussetzungen, die nicht als Leistung endlicher Geister verstanden werden
können. Beachtet man die Einschränkung, der die Leistung des Geistes bei der
Konstitution der Zeit offenbar unterliegt, wird es auch unnötig, den Geist, der
bei der Konstitution der Zeit tätig ist, im Sinne einer überindividuellen
Weltseele zu interpretieren.[22]
Im Sinne dieser Einschränkung spricht Augustinus zu Beginn des elften
Buches davon, daß die Augenblicke der Zeit auf den Wink Gottes hin vorübereilen
(3: ad nutum tuum momenta transuolant). Ebenso spricht er von der
Tatsache, daß Himmel und Erde sich verändern und wandeln (6: mutantur enim
atque uariantur), daß es Vergehen und Entstehen gibt (9: moritur et
oritur), daß das Anfangen und Enden des Zeitlichen (10: incipere uel
desinere) von der ewigen Vernunft her zu sehen ist.[23]
Die außersubjektive Konstitution des Materials der Zeit drückt sich auch in
seiner Überzeugung aus, daß es gar keine vergangene Zeit gäbe, wenn nichts
vorüberginge, keine künftige Zeit, wenn nichts herankäme, keine gegenwärtige
Zeit, wenn es nichts Seiendes gäbe (17: si nihil praeteriret, non esset
praeteritum tempus, et si nihil adueniret, non esset futurum tempus, et si
nihil esset, non esset praesens tempus).[24]
Daß etwas vorübergeht, etwas herankommt und etwas ist - also die Tatsächlichkeit
der Phänomene -, steht aber nicht in der Macht des Geistes, sofern seine
Leistung als distentio gedacht wird. Diese Phänomene sind gerade nicht
vom endlichen Geist abzuleiten, entspringen keiner Konstitutionsleistung des
Subjekts, sondern treiben umgekehrt das Subjekt gleichsam gegen seinen Willen
allererst an, die Frage nach dem Beständigen, nach dem Sein der Zeit zu
stellen.
Die subjektunabhängige Wirklichkeit von Wandel und Veränderung, Entstehen
und Vergehen setzt Augustinus im elften Buch der Confessiones als
gegebene Tatsachen voraus. Nicht die Konstitution dieser Phänomene versucht er
in der Zeituntersuchung zu ergründen; vielmehr geht es ihm um eine Antwort auf
die Frage, wie sich trotz der Flüchtigkeit der Zeit ein Sein des Zeitlichen
denken läßt. Das phänomenal gegebene Fundament, das über die auftretenden
Aporien hinwegträgt, ist das alltägliche Erleben zeitlicher Abläufe, das auch
in seiner Repräsentation durch die Alltagssprache untersucht wird. Nachdem in
einer ersten Reflexion klar geworden ist, daß Zeit gerade deshalb Zeit genannt
wird, weil sie zum Nichtsein strebt (17: quia tendit non esse), rettet
Augustinus die Frage nach dem Sein der Zeit mit einem Hinweis auf die
Alltagsprache, die uns gleichwohl von langer und kurzer Zeit sprechen läßt (18:
et tamen dicimus longum tempus et breue tempus).
Der Blick auf die Alltagssprache führt Augustinus zu der Frage, ob eine
gegenwärtige Zeit lang sein könne (19: utrum praesens tempus possit esse
longum). Ihre Möglichkeit beruht auf etwas Gegebenem, nämlich dem datum,
daß wir Verweildauern wahrnehmen und messen können (19: datum enim tibi est
sentire moras atque metiri). Nachdem das in der Alltagserfahrung intuitiv
Erfaßte scheinbar der rationalen Überprüfung zum Opfer gefallen ist, werden
die zugrundeliegenden Phänomene jedoch keineswegs in Zweifel gezogen. Die
Zweifel gelten eher den rationalen Bewältigungsversuchen, die gleichsam am
Phänomen zerschellen. Es bleibt folglich bei den Basisaussagen, daß wir
Zeiträume wahrnehmen, miteinander vergleichen und von längeren und kürzeren
Zeiten sprechen (21: et tamen, domine, sentimus interualla temporum et
conparamus sibimet et dicimus alia longiora et alia breuiora). Auf ähnliche
Beispiele kommt Augustinus öfters zurück (vgl. 28: quamdiu dixit hoc ille?,
quam fecit hoc ille!, quam longo tempore illud non uidi!, duplum
temporis habet haec syllaba ad illam simplam breuem). Selbst in der letzten
und schärfsten Aporie hält er an der Tragfähigkeit dieser Basis fest, auch
wenn er sich am Ende eingesteht, daß er nicht weiß, wie sie möglich ist (33: itane,
domine, deus meus, metior et quid metiar nescio).
Diesem Verfahren, bei Gegebenem anzusetzen, um es zu verstehen,
korrespondiert leitmotivisch Augustins Aussage vom Beginn der Untersuchung, daß
die Schwierigkeiten, das Sein der Zeit zu fassen, erst beim Versuch der
Explikation des implizit Gewußten auftreten. Dort setzt er voraus, daß er zwar
intuitiv wisse, worin das Sein der Zeit besteht, daß er es einem Fragenden aber
dennoch nicht erklären könne (17: si nemo ex me quaerat, scio; si quaerenti
explicare uelim, nescio).
Wenn die Möglichkeit der Erfassung des Seins der Zeit mit einer Tätigkeit
des Geistes zusammenhängt, kann kein Geist, der in der Zeit steht und den
Wandel des Zeitlichen wahrnimmt, bezüglich des Seins der Zeit völlig unwissend
sein. Für die Annahme, daß der endliche Menschengeist eine Funktion für die
Konstitution der Zeit besitze, argumentiert Augustinus im ersten Schritt apagogisch,
indem er die verdinglichende Zeitauslegung des natürlichen Bewußtseins
destruiert. Wer demgegenüber die Zeit radikal von der Innerlichkeit des Geistes
ablösen wollte, gerät in die Aporie, weil die dinglich aufgefaßte vergangene
Zeit zu Nichtmehrseiendem, die zukünftige zu Nochnichtseiendem wird, die
gegenwärtige aber in die Ausdehnungslosigkeit des Übergangs zwischen Zukunft
und Vergangenheit zersplittert.
Diese Destruktion der verdinglichenden Zeitauslegung läßt sich durch ein
Gedankenexperiment bestätigen. Ein Seiendes ohne spezifische Innerlichkeit ist
nämlich gleichgültig gegen seine verschiedenen Zustände, seien diese
vergangen, gegenwärtig oder zukünftig. Ein solches Seiendes wäre nicht im
eigentlichen Sinne zeitlich und besäße über den Wandel seiner Zustände hinweg
keine Identität. Das Vergangene wäre dann tatsächlich nicht mehr, das
Zukünftige wäre dann tatsächlich noch nicht, das Gegenwärtige wäre dann tatsächlich
nur der ausdehnungslose Übergang von der Zukunft in die Vergangenheit. Wer
entgegen diesem Einwand dennoch die Wirklichkeit der Zeit denken will, muß also
annehmen, daß ihre Konstitution untrennbar mit der spezifischen Innerlichkeit
des Geistes verbunden ist, der Bedeutsamkeit sucht und auf sie angelegt ist.
Weil Augustinus gegen den Anschein, daß das Sein der Zeit und des
Zeitlichen zwischen den Fingern zerrinnt, doch versucht, deren Sein als
Bleibendes zu fassen, fragt er, wo sie sind (23: ubi sint). Schon diese
Form der Frage legt die Antwort nahe, daß nämlich das Vergangene im Gedächtnis
noch ist, das Zukünftige in der Erwartung schon ist und das
Gegenwärtige in der Anschauung da ist und nicht in die
Ausdehnungslosigkeit zersplittert. Das Sein der Zeit kann folglich gedacht
werden, wenn die Wirklichkeit des Geistes so einbezogen wird, daß die Zeiten
nicht eigentlich als Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sind (26: quod
autem nunc liquet et claret, nec futura sunt nec praeterita, nec proprie
dicitur: tempora sunt tria, praeteritum, praesens et futurum). Vielmehr ist
das Sein der Zeit in der Gegenwart des Vergangenen, der Gegenwart des
Gegenwärtigen und der Gegenwart des Zukünftigen zu finden (26: sed fortasse
proprie diceretur: tempora sunt tria, praesens de praeteritis, praesens de
praesentibus, praesens de futuris). Augustinus sieht das Sein der Zeit so
sehr mit der Seele verknüpft, daß er es außerhalb ihrer gar nicht mehr zu sehen
meint (26: sunt enim haec in anima tria quaedam et alibi ea non uideo).[25]
Er findet das gesuchte Sein der Zeit folglich im Gedächtnis als der Gegenwart
des Vergangenen, in der Anschauung als der Gegenwart des Gegenwärtigen und in
der Erwartung als der Gegenwart des Zukünftigen (26: praesens de praeteritis
memoria, praesens de praesentibus contuitus, praesens de futuris expectatio).[26]
Nicht nur das natürliche Zeitbewußtsein neigt allerdings zu einer
Verdinglichung der Zeit, sondern auch Wissenschaftler, die zeitliche Phänomene
objektiv zu bestimmen versuchen und sich dabei Meinungen zum Sein der Zeit
bilden. Als solche Meinung eines Gelehrten führt Augustinus die These an, die
Bewegungen von Sonne, Mond und Sternen seien selbst die Zeit (29: audiui a
quodam homine docto, quod solis et lunae ac siderum motus ipsa sint tempora).[27]
Diese These hält er aber schon deshalb für verfehlt, weil die Zeit auch dann
weiterginge, wenn sich die Gestirne nicht bewegten und sich nur eine
Töpferscheibe drehte (29: an uero, si cessarent caeli lumina et moueretur
rota figuli, non esset tempus).[28]
Da Augustinus zusätzlich annimmt, daß überhaupt keine Bewegung von Körpern die
Zeit ursprünglich zu konstituieren vermag, kehrt er die Fragerichtung um und begehrt nun, Kraft und
Wesen der Zeit zu wissen, durch die wir die Bewegungen von Körpern messen (29: ego
scire cupio uim naturamque temporis, quo metimur corporum motus).
Im Zuge der Nachfrage gewinnt Augustinus die Einsicht, daß die Zeit eine
Art Erstreckung sei (31: tempus quandam esse distentionem), die
Bewegungen und deren Messung ermöglicht. Unklar bleibt jedoch, wessen
Erstreckung die Zeit ist. Bevor Augustinus diese Frage beantwortet, überprüft
er die These am Beispiel der Messung von Silbenlängen. Was kurz und was lang
ist, kann nicht objektiv an äußerlichen Maßstäben fixiert, sondern nur durch
den Bezug auf das Erleben der Seele ausgesagt werden. Derart bestimmt
Augustinus die Zeit als distentio animi und erklärt die Seele gleichsam
zum Maß der Zeitmaßstäbe.[29]
Nur durch die allen Wandel übergreifende Erstreckung des Geistes in das
Gewesene, Gegenwärtige und Künftige wird die Formulierung von Maßstäben möglich,
so daß Augustinus sagen kann, er messe die Zeiten in seinem Geist (36: in
te, anime meus, tempora metior).
Dieses endliche Sein der Zeit wird durch ein Tun (agere) des
Geistes konstituiert, ohne das die Zeit ins Nichtssein zersplitterte und
folglich nicht faßbar wäre. Indem der Geist etwas erwartet, sich zu etwas
hinwendet, sich an etwas erinnert, kann das, was er erwartet, durch das, wozu
er sich hinwendet, übergehen in das, woran er sich erinnert (37: nam et
expectat et attendit et meminit, ut id quod expectat per id quod attendit
transeat in id quod meminerit). Ohne die Akte des Erwartens (expectare),
des Sichhinwendens (attendere) und des Erinnerns (meminisci) gäbe
es für endliche Geister keine Möglichkeit, das Sein der Zeit zu denken.[30]
3. Die Sehnsucht nach dem seligen Leben als Motiv von Augustins Frage nach
der Zeit
Mit der Auslegung der Zeit als übergreifender Erstreckung des Geistes in
die Zeiten, die als sie selbst kein Sein haben, gerät das Sein der Zeit und des
Zeitlichen durch die Kraft und Tätigkeit des Geistes in den Horizont des
Möglichen. Allerdings bleibt auch das Unzureichende an dieser Interpretation
der Zeit nicht verborgen. Zwar kann man mit Augustinus daran festhalten, daß es
ein Fehler wäre, hinter sie zurückzufallen, da sie allererst eine Beziehung
zwischen den verschiedenen, an sich selbst zusammenhanglosen Zuständen der Zeit
und des Zeitlichen schafft. Es bleiben gleichwohl Fragen bestehen, die über
die Interpretation der Zeit als distentio animi hinausweisen.
Die wichtigste Frage, die über das vorgetragene Resultat hinausweist, läßt
sich an Augustins Vergegenwärtigung des Singens eines Liedes ablesen, mit der
er seine Zeitauslegung erläutert, wobei er das Singen zudem als Bild des
menschlichen Lebens nimmt (39: ecce distentio est uita mea). Diese
Kernfrage knüpft sich an den Umstand, daß das gesungene Lied zwar im Gedächtnis
als eine vollendete endliche Handlung gegenwärtig bleibt, daß es aber für die
vollendete endliche Handlung des menschlichen Lebens nichts gibt, wodurch sie
aus eigener Kraft gegenwärtig bleiben könnte, sofern sie nämlich zugleich mit
dem Ende des Lebens auch das Gedächtnis verliert. Der menschlichen Sehnsucht
nach dem Bleiben seines endlichen Seins tritt so die Gefahr entgegen, daß die
Erstreckung des menschlichen Lebens eben nicht wie ein Lied bewahrt wird,
sondern daß es sich mit dem Ende seines tätigen Vollzugs verflüchtigt, ins
Nichtige zersplittert wird.
Am Ende des Wegs wird also deutlich, daß sich eine Lösung der die Zeituntersuchung
initiierenden Aufgabe nur denken läßt, wenn der endliche Menschengeist sich
anschickt, sein Unvermögen einzugestehen und die Wahrheit über sich zu suchen.
Von diesem am Ende geforderten Selbstüberstieg her wird nun die
Argumentationsstruktur der Zeitabhandlung im elften Buch der Confessiones
transparent, die im übrigen mit der Grundstruktur der Augustinischen
Wahrheitssuche übereinstimmt.[31]
Auch in der Untersuchung der Zeit beginnt Augustinus mit dem, was sich der nach
außen gerichteten Suche als Wahrheit zeigt (foris). Nachdem sich das
Unzureichende an ihr herausgestellt hat, beginnt der Weg nach innen, in dessen
Verlauf tatsächlich Wahrheit gefunden wird (intus). Weil diese Wahrheit
aber nicht die Lösung der Aufgaben enthält, die ausgangsweise gesucht war,
sieht sich der Geist schließlich zum Transzendieren seiner selbst
herausgefordert (intimum).[32]
Wie der Geist es durch sein Tun möglich macht, vom Sein der Zeit und des Zeitlichen
zu sprechen, zeigt Augustinus noch einmal zusammenfassend am Beispiel des
Singens eines ihm bekannten Liedes (38: dicturus sum canticum, quod noui).
Vor Beginn erstreckt sich die Erwartung über das ganze Lied; während des
Singens nimmt die Menge dessen ab, was noch zu singen ist, und erstreckt sich
zunehmend in die Erinnerung (38: cum autem coepero, quantum ex illa in
praeteritum decerpsero, tenditur et memoria mea).[33]
Dem Geist ist beim Singen stets das ganze Lied gegenwärtig, anfangs ganz in der
Erwartung, im Vollzug immer mehr von der Erwartung in die Erinnerung
übergehend, am Ende ganz in der Erinnerung. Diese angespannte Erstreckung des
Geistes in die Zeiten rettet zwar das Lied vor der Zersplitterung in
ausdehnungslose Momente, das Leben dieser Handlung zerstreckt den Geist selbst
aber aus seiner Selbstgegenwart in die Erinnerung und die Erwartung (38: distenditur
uita huius actionis meae in memoriam propter quod dixi et in expectationem
propter quod dicturus sum). Das durch einen Akt des Geistes in die
Wirklichkeit gebrachte Lied ist, nachdem es zu Ende gekommen ist, vollendet
nur noch in der Erinnerung da.
Diesen zweiseitigen Befund überträgt Augustinus auf das ganze Geschehen des
menschlichen Lebens, dessen Teile alle Handlungen eines Menschen sind, und auf
die ganze Menschheitsgeschichte, deren Teile alle Leben der Menschen sind (38:
hoc in tota uita hominis, cuius partes sunt omnes actiones hominis, hoc in
toto saeculo «filiorum hominum», cuius partes sunt omnes uitae hominum).
Aus dem Befund und seiner Übertragung resultiert nun die Möglichkeit, die beim
Singen des Liedes hervortretenden Phänomene auf die Ausgangsfrage des elften
Buches zu beziehen, nämlich die Frage nach einer Beziehung zwischen der
Ewigkeit Gottes und der Zeitlichkeit des Menschen.
Die Übertragung beginnt mit einer überraschenden Wendung, die einen
gravierenden Bedeutungswandel des Sinnes von distentio dokumentiert.
Bisher diente dieser Ausdruck zur Bezeichnung der Erstreckung des Geistes, mit
der er die Tendenz des Zeitlichen zum Nichtsein aufzufangen vermochte. Jetzt
aber scheint die Tatsache, daß das Leben in der distentio steht,
beklagenswert zu sein (39: ecce distentio est uita mea). Nachdem
geleistet ist, was der Geist leisten konnte, wird ihm seine Erbärmlichkeit
offenbar. Indem sich der Geist in der distentio zerstreckt sieht, sieht
er die Notwendigkeit, auf etwas zu hoffen, das seine Kraft übersteigt.
Augustinus wendet sich deswegen an die göttliche Barmherzigkeit über allen
Leben der Menschen (39: quoniam melior est misericordia tua super uitas),
die ihn im Menschensohn als dem Mittler zwischen Gott als dem Einen und den
Menschen als den Vielen schon ergriffen habe (39: »et me suscepit dextera
tua« in domino meo, mediatore filio hominis inter te unum et nos multos, in
multis et per multa, ut per eum »adprehendam, in quo et adprehensus sum»).[34]
Aus dem Bekenntnis der Schwäche (confessio peccati), zu der ihn die distentio
trotz ihrer Konstitutionsleitung für das Sein der Zeit nötigt, und aus dem
Glauben an den Mittler (confessio laudis) schöpft Augustinus
abschließend die Hoffnung, daß er nicht in die Zeiten zerstreckt werde (distentus),
sondern ausgestreckt (extentus) in der Hinwendung (intentio) zum
höchsten Ziel seiner höheren Berufung folge, daß er die Stimme des Lobes höre
und Gottes Freude schaue, die weder kommt noch vergeht (39: non distentus,
sed «extentus», non secundum distentionem, sed «secundum intentionem sequor ad
palmam supernae uocationis», ubi «audiam uocem laudis» et «contempler
delectationem» tuam nec uenientem nec praetereuntem).
Nachdem Augustinus dieser Hoffnung ersten Ausdruck gegeben hat, besinnt er
sich auf seinen faktischen Zustand. Er findet sich in die Zeiten zersplittert,
deren Ordnung er nicht kennt, und sieht seine Gedanken, die innersten Fasern
seiner Seele, vom lärmenden Wechsel der Eindrücke zerrissen (39: at ego in
tempora dissilui, quorum ordinem nescio, et tumultuosis uarietatibus
dilaniantur cogitationes meae, intima uiscera animae meae). In diesem
Zustand richtet er seine Hoffnung darauf, in Gott Einheit zu erlangen,
gereinigt und flüssig durch das Feuer der Liebe Gottes (39: donec in te
confluam purgatus et liquidus igne amoris tui). Problembeladen ist der Ausdruck,
mit dem Augustinus seine Hoffnung bezeichnet: in te confluam. Er
verweist, übersetzt man ihn wörtlich als Zusammenfließen in Gott, auf das
neuplatonische Schema der Rückkehr zum Einen (vgl. Enneade VI 6, 1, 5
ff.). Aus der Weiterführung ergibt sich allerdings, daß es Augustinus - im
Unterschied zu Plotin - nicht um ein Ende des Endlichen im Einen, sondern um
die Bewahrung des Seins des Endlichen in der Ewigkeit geht. Wenn Plotin vom
Schauenden sagt, daß er nicht nur Gott geworden sei, sondern Gott seiend sei (jeo!n
geno1menon, ma5lllon de! o3nta), daß er nicht nur vom Licht erfüllt, sondern
das Licht selbst sei (fwto!_ plh1rh nohtou5, ma5llon de! fw5_ au2to1), will
er zwar nicht den Unterschied zwischen
Gott und Mensch aufheben (vgl. Enneade VI 9, 9, 54‑61). Obwohl
auch Plotin die Differenz zwischen dem ursprünglich Einen und dem Eins seiend
Gewordenen nicht verwischt, bedeutet das nur, daß Gott allein Gott geblieben
ist, der Mensch aber nicht mehr Mensch.[35]
Augustinus hingegen warnt den Menschen, zu glauben, er selber sei das Licht (en.
Ps. 25,2,11): “noli putare
teipsum esse lucem.” Plotins Deutung der menschlichen Sehnsucht, die
von der Augustins abweicht, scheint Goethe im folgenden Gedicht Ausdruck
verliehen zu haben:[36]
EINS UND ALLES
Im Grenzenlosen sich zu finden,
Wird gern der Einzelne verschwinden,
Da löst sich aller Überdruß;
Statt heißem Wünschen, wildem Wollen,
Statt läst'gem Fordern, strengem Sollen,
Sich aufzugeben ist Genuß.
Augustinus spricht demgegenüber von seiner Hoffnung, einst beständig zu
sein und in Gott Festigkeit zu gewinnen, zwar durch die unendliche Wahrheit
Gottes, aber doch in seiner endlichen Form (40: et stabo atque solidabor in
te, in forma mea, ueritate tua). Er spricht offenbar als sich ängstendes
Subjekt, das zunächst in der Wendung nach außen, dann in der Rückkehr zu sich
selbst und schließlich über sich hinaus Halt sucht. Sein Herz ist indessen
ruhelos geblieben, weil ihm die ersehnte Unvergänglichkeit nur im Modus der
Defizienz gegenwärtig ist. Sofern die Unvergänglichkeit obdachlos im wilden
Herzen nächtigt, ist ihre unsichere Präsenz gleichwohl der Anknüpfungspunkt
für den Glauben an einen ewigen Gott, dem das Zeitliche nicht gleichgültig ist,
auf den der zeitliche Mensch seine Hoffnung setzen kann.
[1] In den letzten Jahren z. B. von
Friedrich-Wilhelm von Herrmann: Augustinus
und die phänomenologische Frage nach der Zeit. Frankfurt am Main:
Klostermann, 1992; außerdem Kurt Flasch:
Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. Historisch‑philosophische
Studie. Frankfurt am Main: Klostermann, 1993; Flaschs Buch ist zwar sehr lehrreich,
insinuiert aber, es sei heute besser, sich den Einflüssen Augustins zu
entziehen; die wichtigen Autoren - ob Husserl, Heidegger oder Wittgenstein, die
sich von Augustinus angeregt wissen - sprechen eine andere Sprache. Man darf es
für unwahrscheinlich halten, daß sie alle einem Mißverständnis erlegen sind.
Zum Kontext vgl. Norbert Fischer:
Sein und Sinn der Zeitlichkeit im philosophischen Denken Augustins. In:
REAug 33 (1987) 205-234; außerdem: Confessiones 11: ‹Distentio animi›. Ein
Symbol der Sehnsucht nach Entflüchtigung des Zeitlichen. In: Norbert Fischer; Cornelius Mayer (Hrsg.): Die Confessiones des
Augustinus von Hippo. Einführung und Interpretationen zu den dreizehn Büchern.
Freiburg u. a.: Herder, 1998, 489-552. Zitate aus dem elften Buch werden im
folgenden nur durch die Zahl der Paragraphen belegt; Zitate aus anderen Büchern
der Confessiones werden nur mit der Nummer des Buches und des
Paragraphen angegeben. Text nach dem CAG (vgl. Besprechung in diesem
Heft). Zitationsregeln ansonsten nach dem Augustinus-Lexikon. Hrsg. von
Cornelius Mayer, Basel: Schwabe, 1986 ff.
[2] Hans Urs von Balthasars Übersetzung raubt dem
Anfang des 11. Buches den ihm eigenen Fragecharakter, so daß die Untersuchung
der Zeit gar nicht nötig wäre; vgl. Aurelius
Augustinus: Die Bekenntnisse. Übertragung, Einleitung und
Anmerkungen von Hans Urs von Balthasar. Einsiedeln: Johannes, 1985, 288: “Herr,
Dein ist die Ewigkeit; so kann es nicht sein, daß Dir unbekannt ist, was ich
Dir sage, oder daß Du das zeitliche Geschehen auch bloß zeitlich siehst.”
[3] Werke II.1, Gedichte und Übertragungen.
Hrsg. vom Insel-Verlag. Frankfurt/Main, 1980, 123: Aus dem Nachlaß des
Grafen C.W <X>. Zu Rilkes intensiver Beschäftigung mit den Confessiones
vgl. Jaime Ferreiro: Rilke y
San Agustín. Madrid: Taurus, 1966; vor allem 7-17 und 62-72; vgl. auch
Ernst Zinn: Rainer Maria Rilke
und die Antike. In: Antike und Abendland. Bd. 3. Hrsg. von Bruno
Snell. Berlin: de Gruyter, 1966 (unveränderter Nachdruck der Erstauflage von
1948), 201-250, bes. 209, 220-223 (bei beiden auch weiterführende Literatur).
[4] Was Rilke als Problem bezeichnet, kann man
durchaus als notwendige, aber theoretisch unlösbare Aufgabe begreifen, wie das
für Kant gilt. Zum Kantischen Hintergrund dieser Auslegung des Ausdrucks
'Problem' vgl. z. B. Kritik der reinen Vernunft A VII und B XXX.
[5] Damit vollzieht Rilkes Gedicht gerade die drei
Stufen von Augustins Weg der Wahrheitssuche: foris - intus - intimum.
Vgl. dazu Norbert Fischer: Augustins
Weg der Gottessuche (foris, intus, intimum). In: TThZ 100 (1991) 91-113.
[6] Das betont auch Augustinus in den Confessiones.
Vgl. 9: oriri, moriri, und 17: aduenire, praeterire.
Vgl. auch 3: “«tuus est dies et tua est nox»: ad nutum tuum momenta
transuolant.” Insofern sollte man nicht zu schnell von der subjektiven
Konstitution der Zeit als These des elften Buches sprechen. Vgl. Ulrich Duchrow: Der sogenannte psychologische
Zeitbegriff Augustins im Verhältnis zur physikalischen und geschichtlichen
Zeit. In: ZThK 63 (1966) 267-288.
[7] Vgl. Martin Heidegger:
Sein und Zeit (1928), Gesamtausgabe Band 2, Frankfurt am Main:
Klostermann, 1977, 454: “Die in der Angst erschlossene Unbedeutsamkeit der Welt
enthüllt die Nichtigkeit des Besorgbaren, das heißt die Unmöglichkeit des
Sichentwerfens auf ein primär im Besorgten fundiertes Seinkönnen der Existenz.”
[8] Zur Angst des Irdischen vgl. Franz Rosenzweig: Der Stern der Erlösung.
Heidelberg: Lambert Schneider (1921), 31954, bes. 7.
[9] Es geht um “ein Suchen ohne jede Vorwegnahme,
ein Suchen, dem ein reines Finden zugehört”; vgl. Martin Heidegger: Was ist Metaphysik?,
109. Jetzt in: Gesamtausgabe Band 9, Frankfurt am Main: Klostermann, 1976.
[10] Vgl. die Suche der Drachme 10,27, die nur
gefunden werden konnte, weil die Frau vorher wußte, was sie sucht.
[11] Zum Ort des Gottfindens vgl. 10,37: “ubi ergo
te inueni, ut discerem te? neque enim iam eras in memoria mea, priusquam te
discerem. ubi ergo te inueni, ut discerem te, nisi in te supra me? et nusquam
locus, et recedimus et accedimus, et nusquam locus.”
[12] Vgl. an. quant. 77: “quo
nihil sit secretius, nihil praesentius, qui difficile inuenitur, ubi sit,
difficilius, ubi non sit”.
[13] Dem zehnten Buch kommt allerdings insofern
eine Sonderstellung zu, als es keinen zurückliegenden Weg erzählend darstellt;
vielmehr fragt Augustinus hier, wer er selbst in seinem Inneren sei; dazu vgl.
Norbert Fischer: Unsicherheit
und Zweideutigkeit der Selbsterkenntnis. Augustins Antwort auf die Frage 'quid
ipse intus sim' im zehnten Buch der 'Confessiones. In: Geschichte und
Vorgeschichte der modernen Subjektivität. Hrsg. von Roland Hagenbüchle,
Reto Luzius Fetz und Peter Schulz. Berlin: de Gruyter, 1998, Bd. 1, 340-367.
[14] Vgl. retr.
2,6,1: “confessionum mearum libri tredecim et de malis et de bonis meis deum
laudant iustum et bonum, atque in eum excitant humanum intellectum et affectum
interim quod ad me attinet, hoc in me egerunt cum scriberentur et agunt cum
leguntur.”
[15] Z. B. auch 28: “posuisti dies meos” (Psalm 38,
6). In diesem Sinne ergibt sich schon aus dem elften Buch: “Nicht der Mensch,
sondern Gott macht die Zeit.” Flasch (s. Anm. 1), 104 sieht in De Genesi ad
litteram einen Kommentar zur Zeitinterpretation der Confessiones,
“der umdeutet und wegläßt”. Festzuhalten bleibt, daß auch laut den Confessiones
nicht der Mensch die Zeit macht.
[16] Dem menschlichen Willen, der aus eigener Kraft
die Glückseligkeit erstrebt, kann stets ein Strich durch die Rechnung gemacht
werden, weil er alles Zeitliche stets wider Willen verlieren kann; vgl. dazu
den Tod des Jugendfreundes (4, 7 ff.) und die Reflexionen zu diesem Thema in lib.
arb., z. B. 1,10 ff. und 2,37. Dort heißt es: “nulla enim re fruitur
anima cum libertate nisi qua fruitur cum securitate. nemo autem securus est in
his bonis quae potest inuitus amittere”.
[17] Der gegebene Rahmen ist eben der Versuch des
Subjekts, die Zeit zu verdinglichen und verfügbar zu machen. Das subjektive Moment
an Augustins Zeitinterpretation offenbart folglich gerade die Schwäche des
Subjekts, sofern es die Zeit in seine Gewalt zu bringen versucht.
[18] Damit zeigt sich bei Augustinus eine Bewegung,
die sich - ausgehend von anderen Kontexten - in paralleler Weise bei Kant
finden läßt; vgl. z. B. Kritik der reinen Vernunft, B XXX: “Ich kann
also Gott, Freiheit und Unsterblichkeit ... nicht einmal annehmen,
wenn ich nicht der speculativen Vernunft zugleich ihre Anmaßung
überschwenglicher Einsichten benehme.” Nur der Verzicht auf das Wissen
des Gesuchten ermöglicht folglich dessen Annehmbarkeit, die also nicht im
Wissen, sondern im Glauben gegeben ist.
[19] Laut Paul Ricœur ist die ‹distentio animi› dazu
bestimmt, «das Rätsel der Ausdehnung eines Ausdehnungslosen aufzulösen»; vgl. Zeit
und Erzählung I. München: Fink, 1988, 32.
[20] Eine solche, an die drei Sigel der Manichäer
erinnernde Ethik entfaltet er in 10,41 ff. (vgl. 41: “iubes certe, ut contineam a
«concupiscentia carnis et concupiscentia oculorum et ambitione saeculi»”). In der
Auseinandersetzung mit den Pelagianern scheint Augustinus wieder in eine
materiale Differenzierung zwischen guten und schlechten Entitäten
zurückzufallen, wie er sie in anderer Konkretisierung bei den Manichäern selbst
zurückgewiesen hatte, so daß Iulian von Eclanum nicht ganz unbegründet sagen
konnte, Augustinus werde sich nie von den Mysterien Manis reinwaschen können.
Vgl. c. Iul. imp. 4,42; dort heißt es im Blick auf die `uoluptas´, die
nach den Pelagianern als `naturaliter sexibus indita´ zu gelten hat: “si
mutabit Aethiops pellem suam, aut pardus uarietatem (Ier 13,23); ita
et tu a Manichaeorum mysteriis elueris.”
[21] Laut uera rel. wird der Geist dadurch
ruhelos und voller Sorge, indem er vergeblich das zu besitzen wünscht, von dem
er besessen wird (65: “ita fit inquietus et aerumnosus animus frustra tenere a
quibus tenetur exoptans”).
[22] Vgl. die Hinweise zur Interpretation des
Geistes als Weltseele bei Flasch (s. Anm. 1), 362; 402-413. Beachtet man die
Begrenztheit der Konstitutionsleistung, ist die Einführung der Weltseele unnötig.
Womöglich ist Flaschs Suche nach einer die Kraft des Individuums übersteigenden
zeitlichen Instanz nur Ausdruck der Nichtbeachtung außersubjektiver
Konstitutionsprinzipien, die Augustinus nicht übersieht. So wäre weniger die
von Flasch gerügte deutsche Philosophenart deplaziert, sondern vielmehr
die historisch-gelehrte Interpolation durch die Weltseele, vgl. 409.
[23] So wird der Aufgang der Sonne als zeitliches
Geschehen betrachtet (vgl. 24), das einerseits durch außersubjektiv konstituierten
Wandel und andererseits durch die subjektive Konstitution des Zusammenhangs des
Ereignisses dargestellt wird.
[24] Im Kontext des Glaubens ausgedrückt sagt
Augustinus in diesem Sinne mit Psalm 38, daß der Mensch seine Zeit Gott
verdankt (vgl. 28: posuisti dies meos), daß Gott vor aller Zeit der
ewige Schöpfer aller Zeiten ist (41: intelligant te ante omnia tempora
aeternum creatorem omnium temporum).
[25] Der Ausspruch: et alibi ea non uideo
(26) kann bedeuten, daß Zeit nur in der anima zu finden sei. Er kann
aber auch erkenntniskritisch die Einschränkung der menschlichen Perspektive zum
Ausdruck bringen. Dann würde er besagen: was ich von der Zeit sehen kann, ist
nur das, was der Perspektive des Menschen zugehört. Diese Auslegung ist
vorzuziehen, weil Augustinus an den schon genannten, entscheidenden Stellen
immer wieder Gott als Herrn der Zeit anführt.
[26] Augustinus bringt die Differenz zwischen der
Zeit (tempus), deren drei Ekstasen (tempus praeteritum, futurum,
prasens) und dem Zeitlichen (temporale) nicht immer klar zur
Sprache, womit er womöglich absichtsvoll ihre Verwobenheit zum Ausdruck bringt.
[27] Kritische Hinweise zum
philosophiegeschichtlichen Hintergrund dieser Annahme bietet Flasch (s. Anm.
1), 370 ff. (vor allem zum Platonischen Timaios, zur Aristotelischen
Zeittheorie, zu Plotin und zur Stoa).
[28] Diese Art wissenschaftlicher Untersuchung zielt
nur auf die Frage der Zeitmessung, betrifft also nicht die Frage nach dem Sein
der Zeit, die auch in der Zeitmessung vorausgesetzt ist.
[29] Schon Aristoteles hat das Verhältnis der Zeit
zur Seele untersucht, vgl. Physik, 223 a 16 f: a3xion d 2
e2piske1qew_ kai! pw5_ pote o" cro1no_ pro!_ th!n qych1n. Da
die Zeit nicht ohne Seele sein kann (26: a2dy1naton ei4nai cro1non qych5_
mh! oy3sh_), ist die Seele so gesehen auch schon nach Aristoteles
gewissermaßen die Zeit der Zeit, ohne allerdings selbst zeitlich zu sein.
[30] Zur Bedeutung dieser aktiven Vollzüge vgl. auch
die memoria-Analyse des zehnten Buches der Confessiones, die auf
der Selbstreflexion des inneren Handelns basiert; z. B. 10, 14: intus haec
ago.
[31] Vgl. uera rel. 39: “noli foras ire, in
te ipsum redi. in interiore homine habitat ueritas. et si tuam naturam
mutabilem inueneris, transcende et te ipsum.”
[32] Vgl. auch 3,11: “tu autem eras interior intimo
meo, superior summo meo.” Nicht in historischer Anknüpfung, aber in sachlicher
Analogie, kann man im zweimaligen Anlauf ausgehend von der Wendung nach außen
einen Anklang an die Notwendigkeit der Anabasis und der Katabasis sehen, wie
sie laut Platon auf dem Weg zur höchsten Erkenntnis nötig ist; vgl. Siebenter
Brief 343 d/e: “H de! dia!
pa1ntwn ay2tw5n diagwgh1, a3nw kai! ka1tw metabai1noysa e2f 2 e_kaston, mo1gi_
e2pisth1mhn e2ne1teken ey4 pefyko1to_ ey4 pefyko1ti. Zudem
betont Platon, daß die Wahrheit nur plötzlich (341 d: e2xai1fnh_)
aufleuchtet.
[33] Dieser Gedanke wird noch einmal aufgegriffen
(38): “quod quanto magis agitur et agitur, tanto breuiata expectatione
prolongatur memoria, donec tota expectatio consumatur.”
[34] Augustinus verbindet hier neuplatonische (unum
- multi) mit biblischen Motiven (filius hominis).
[35] Plotin sagt (Enneade VI 9, 10, 15 ff.; Übersetzung
nach: Plotins Schriften Plotins Schriften. Griechisch/deutsch, übers.
von Richard Harder u. a., Hamburg: Meiner, 21956-1971; hier Band
Ia, 201): “er ist gleichsam ein anderer geworden, nicht mehr er selbst und
nicht sein eigen, ist einbezogen in die obere Welt und Jenem Wesen zugehörig,
und so ist er Eines indem er gleichsam Mittelpunkt mit Mittelpunkt berührt” (a2ll 2 oi4on
a3llo_ geno1meno_ kai! oy2k ay2to!_ oy2d ay"toy5 syntelei5 e2kei5,
ka2kei1noy geno1meno_ e_n e2stin w_sper ke1ntr9 ke1ntron syna1qa_).
[36] Vgl. Johann Wolfgang Goethe: Gedichte. Goethes Werke. Band I. Hrsg. von Erich Trunz, München: Beck, 121981,
368.