Metarezension zu Erzbischof Jaeger im Dritten
Reich[1]
von Heribert Gruß
X. Die "Anfragen" des Historikers Hans‑Bodo
Thieme (Olpe in Geschichte und Gegenwart ‑ Jahrbuch des Heimatvereins
für Olpe und Umgebung e. V., 5/1997, S. 143‑163) bieten uns die
längste Kritik. In den Literaturangaben des Jahrbuches (5/1997, S. 343) gibt
Thieme nur die Rezension des Bonner Historikers Matthias Pape aus Olpe (Westf.
Forschungen 46 von 1996, S. 780 ff.) an. Er läßt also unerwähnt, daß in
seinem Umkreis weitere wichtige Besprechungen erschienen sind, die konträr zu
ihm stehen. Papes (s. u.) und Thiemes Arbeiten erschienen erst nach einer Reihe
von Besprechungen, die mit Redaktionsschluß vom 21. IX. 1996 in meiner
Metarezension, Teil 1, behandelt wurden.
Die Länge der Rezension (20 S.!) und ihre umfangreichen
Anmerkungen wecken die Hoffnung auf eine sachgerechte Arbeit. Die großenteils
stark emotionale Sprache (". . . theologisch unerträglich - . . .
erschreckend und makaber . . . - schmerzlich . . . 'lautere Gesinnung' wird
dann geradezu ins Blasphemische gewendet . . . - Gruß . . . hätte . . . müssen.
Und genau dies tut Gruß nicht . . .") dämpft diese Erwartung ein wenig ab.
Thieme hätte die "Anfragen" besser "Anklagen" genannt. Ihre
apodiktische Sprache läßt wenig Hoffnung auf dialogische Offenheit aufkommen.
Wer jetzt nach dem Verfasser fragt, kann erfahren, daß
Thieme ein evangelischer Theologe ist, der mit auffallend polemischer Feder
gegen einen katholischen Bischof von ökumenischem Rang auftritt. ‑ Daß
der Rezensent auch als entschiedener Pazifist bekannt wurde, ist zweitrangig,
könnte aber den offensiven Stil gegenüber einem "soldatischen"
Kirchenführer verständlich machen. Beide Informationen dienen hier der
Orientierung, weil Thieme sie verschweigt.
1. Wir beginnen mit der fundamentalen These Thiemes,
Jaeger habe in seinem Hirtenwort "den Angriffskrieg gegen die Sowjetunion
als Kampf gegen den 'gottlosen, christusfeindlichen Bolschewismus' salviert .
. ." (S. 156). In dem zitierten Satzausschnitt muß bereits das erste Wort
den ahnungslosen Normalleser in die Irre führen (vgl. z. B. Jaeger[2],
fortan mit J. zitiert, S. 108, Anm. 1): Im Verständnis fast aller Deutschen
erschien der "Ostfeldzug" von 1941 im Einklang mit der gelenkten
Mediensituation, die Stalins Überfälle auf Finnland, das Baltikum, Bessarabien
und die Nordbukowina vorgab, als Prävention gegenüber Stalins angeblich
unmittelbar bevorstehendem "Überfall" auf Deutschland.
Das Zusatzabkommen von 1939 zwischen Hitler und Stalin
zur Abgrenzung der Machtsphären blieb geheim. Der angeführte Vorwurf gegen
Jaeger steht undifferenziert hinter fast allen Anklagen Thiemes.
2. Ferner heißt es, ich hätte (irreführend?!) Jaegers
Fahneneid auf Hitler nicht erwähnt. Dieser Eid von 1940 steht mit dem
Beamteneid, der 1935 auf Hitler zu leisten war, im vollen Text auf S. 65, Anm.
30. Er ist im Register mit weiteren Belegstellen ausgewiesen. Ich kann bei
solcher Fehlleistung (Thieme, fortan zit. T., S. 149) eines Rezensenten, der
sein Objekt (T., S. 143) gelesen haben müßte, nur staunend konstatieren: Was
Hans‑Bodo Thieme mir zu Unrecht unterstellt, hat er sich selber
gestattet.
3. Als eine "Hauptleistung" Jaegers behandelt
das Buch die Denkschrift vom 18. Dezember 1942 an Hitler. Keine Eingabe der
Bischöfe ‑ auch nicht die des von mir hochgeschätzten evangelischen Landesbischofs
Th. Wurm ‑ hat solche Auswirkungen gehabt: vom Wutanfall J. Goebbels bis
zum Erscheinen in der Auslandspresse und in Flugblättern! Jaeger mußte sich bei
dem seit 1941 bekannten "Leck" in der Fuldaer Konferenz als
Todeskandidaten sehen. Die radikalste Denkschrift der katholischen Bischöfe,
im Buch als "Menetekel‑Denkschrift" bezeichnet, wird von Thieme
nur katalogisch angeführt, sonst aber ignoriert. Um solchen Preis kann Jaegers
Einsatz im Fazit der Rezension bequem minimiert werden (T., S. 163)!
4. Eine ähnliche Tendenz verfolgt die Behauptung Thiemes,
das staatliche Plazet für Jaeger gehe trotz Bormanns und Heydrichs Einwendungen
nahezu sicher auf Hitler zurück. Wie verlockend der Gedanke für Thieme auch
sein muß, Jaeger auf solchem Wege zusätzlich zu belasten, so hat er doch keine
Grundlage in den Quellen. Der einzige "Hinweis" auf eine Beziehung
Hitler‑Jaeger, von mir nicht beachtet und von Thieme weder genannt noch
genutzt, ist ein SD‑Bericht (J., S. 362) von 1941: Danach hätte Jaeger
den "Führer" bei seiner Verabschiedung aus der Wehrmacht auf den
"Klostersturm" angesprochen, sei aber von ihm gleichsam
hinausgebrüllt worden. ‑ Ein namhafter leitender evangelischer Archivar ‑
unbefangener als Thieme! ‑ ist von dem dort Berichteten voll überzeugt.
Hier hätte Thieme endlich eine "Beziehung" Hitlers zu Jaeger
gefunden. Doch diente sie nicht seinen Zwecken. ‑ Der Plan, Jaeger mit
einem "Ja" Hitlers zur Paderborner Bischofswahl zu diskreditieren,
muß scheitern; denn der bedrängte Kirchenminister hätte es gegenüber seinen
übermächtigen Rivalen Heydrich und Bormann (beide lehnten Jaeger radikal ab!)
nicht verschweigen können. Es hätte ihm den größten Triumph über die
Konkurrenten verschafft und seine Beweislast entscheidend verringert. Kerrls
Antwort liegt vollständig vor. ‑ Mit welchen Absichten Thieme umgeht,
geht aus der in einer Fußnote geäußerten "Folgerung" hervor, Jaegers
Ehrenbürgerschaft hätte vom Rat der Stadt Olpe 1985 nicht bestätigt werden
dürfen (T., S. 161, Anm. 40). Als Grund nennt Thieme seine
"Nachforschungen"!
5. Daß Thieme es auch beim "guten Soldaten
Christi" (2 Tm 2,3) an historischer Tiefenschärfe fehlen läßt, zeigt die
Deutung des Bildes nur vom Ersten Weltkrieg her. Doch gab es da keine Verfolgung,
während nun das Lebensopfer der Nazi‑Verfolgten im Blick war. Man bedenke
die unvergleichbar (!) große Zahl der in Dachau gequälten und ermordeten
katholischen Priester, um Jaeger tiefer zu verstehen! Er hatte jetzt aller zu
gedenken, der wehrhaften und der wehrlosen "Soldaten". Den letzten
sollte er bald eigenhändig signierte Pakete zuschicken (J., S. 271, Anm. 66).
Seinen Worten den Bezug auf den biblischen "Soldaten Christi" als
Glaubenszeugen abzusprechen wäre reine Willkür! "Leide mit mir . . ."
lesen wir dort. Selbst der reale Soldat konnte den Glaubensschikanen des NS‑Regimes
"wehrlos" ausgesetzt sein, erst recht KZ‑Opfer und Verfolgte.
Kommen wir nun zum realen soldatischen
"Opfertod"! Obwohl Thieme den Eindruck erweckt, er kenne den
katholischen Opferbegriff, sehe ich diesen durch Reinhold Schneider tiefer vertreten:
"Ich weiß wohl, daß das Dasein der Soldaten im wesentlichen Opfer ist,
Warten und Leiden, Hungern und Dürsten in jedem Sinn, Tun des Ungewollten,
Widrigen. Ich achte einen jeden, der sich geopfert hat ‑ auch wenn es
unter dem verkehrten Zeichen geschah." (Verhüllter Tag) Das mag für
Thieme "unzulässig" sein! Doch markiert es ohne Zweifel auch in der
Folgerung einen großen Pazifisten, der als das "Gewissen
Deutschlands" in seiner dunkelsten Zeit gelten konnte: "Die
Verwerfung der Waffe wird in dem Augenblick schuldig, wo sie Gräber, Opfer,
Trauer schmäht." (Ebd.) Deshalb finde ich Jaegers Requiem von 1943 für
die Gefallenen von Stalingrad weniger problematisch als Thiemes Kommentar, der
es für fast blasphemisch hält. Mit welcher Kompetenz spricht Thieme hier? Jeder
moraltheologische Ansatz muß einen vorausgesetzten Inhalt umschreiben können.
Dann ist aber klar, daß man nur mit der fragwürdigen ersten These (s. o. unter
1.) zu Thiemes Konsequenz gelangen könnte.
Ich hatte mich bemüht, Werturteile ‑ weil
metahistorisch ‑ gesondert und ausführlich zu begründen (J., S. 291‑322),
während Thieme die entscheidende Voraussetzung seiner Vorwürfe ungesichert
läßt. Deshalb bescheinigte mir Hertha Sagebiel als Landeshistorikerin, daß ich
bei sorgfältigster Quellenbefragung nirgendwo dem Leser meine Ansicht
"übergestülpt" hätte (s. in dieser Metarezension).
6. Vollends bodenlos und historisch
"farbenblind" werden Thiemes Ausführungen aber dort, wo er Jaegers
Fastenpastorale von damals gehaltenen Feldpredigten her interpretieren will.
Jaeger war niemals Kriegspfarrer, im Osten. Sein erstes Fastenpastorale, ein
ernster Mahnruf zur Selbsterkennntis und Buße ‑ keine Feldpredigt! -,
muß von den Ansprachen der Ostfront her verfehlt werden. Kann ein Theologe bei
literarischen Formproblemen so ahnungslos sein? Hier geht es allerdings um eine
Interpretation, die keine rassistische Diskriminierung voraussetzt (s. u.). Der
Streitwert ist geringer. Zum Detail: Im ersten Fastenpastorale sieht Jaeger das
"arme, unglückliche" Rußland unter der Bedrängnis seiner
atheistischen Verfolger leiden, nicht aber als im Atheismus verkommen an! Die
letzte Deutung verfehlt gänzlich die Aussage Jaegers, wenngleich sie keinen
rassistischen Hintergrund beinhaltet. Denn sie stellt nur einen Topos
katholischer Theodizee dar, der die sittlichen Folgen des Atheismus betrifft, ‑
hier nur auf die Verfolger zu beziehen.[3]
Weshalb fragt Thieme hier nicht nach dem viel näher liegenden bischöflichen
Kontext des Wortes? Am 23./24. Februar 1942 verabschiedeten die westdeutschen
Bischöfe in Kevelaer den Menschenrechtsprotest, mit dem sie Monate befaßt
waren. Sie wiesen auf 95% eingetragener Christen in Deutschland hin (J., S.
410), um die Absurdität der Kirchenverfolgung durch Nazi‑Minorität zu
brandmarken. Jaegers Fastenpastorale mit dem gern zitierten Wort über den
Bolschewismus ist vom 11. Februar 1942 datiert, also 12 Tage davor. Diesen
nächsten Kontext bietet schon das Buch (J., S. 410, Z. 9)!
Ferner: Auch in Rußland, dem "armen, unglücklichen
Land", verfolgte eine fanatische Minorität ein ganzes Volk! ‑ Noch
1937, 20 Jahre nach der Oktoberrevolution, wurden die registrierten Theisten
der (unveröffentlichten) offiziellen Volksbefragung auf weit über 70%
geschätzt, wie der westlichen Presse nicht verborgen blieb. ‑ Die Chiffre
"Bolschewismus" im Sinne Jaegers ist nach allen Richtungen historisch
fundiert und bestätigt unsere Textdeutung, die ein religiös‑gläubiges
Land unter der Geißel einer Parteiclique sieht. Jaeger beteuerte noch 1972 den
Bezug auf diese "Tyrannen"! Hinzugefügt sei noch: Der Gestapobericht
mit diesem Hauptargument erreichte noch am Verlesungstag, dem 22. März 1942,
Hitler selbst (s. J., S. 213). Der "Führer" verbot sofort jede
Polemik dagegen (ebd.)! Das Regime war in einem zentralen Nerv getroffen.
Thieme irrt auch, wenn er Jaegers Bewältigung des Ersten Weltkrieges im Modell
Ernst Jüngers sieht! Wo bleiben Marc Sangnier, Franz Stock und die Friedensethik
des A. Augustinus (J., S. 109 ff.)?
7. Thieme verkennt, daß ich nur eine thematisch begrenzte
"Monographie" zum Ziel hatte, keine "Biographie". Wie
notwendig sie gewesen ist, sieht man jetzt an der verbreiteten Distanzierung
von den Unterstellungen G. Lewys, z. B. auch bei Thieme (T., S. 153 f.)!
8. Welches Gewicht hat es, ob Jaeger als Doktor oder
Ehrendoktor firmierte? Die Bischofsakten setzen es seit 1943 voraus, und Franz
Hüpper bezeugte es als zeitgleicher sehr naher Dortmunder Kollege Jaegers. Nach
Recherchen zum Arbeitsfeld der Promotion verlor die Frage für mich an
Interesse; denn Oswald Külpe (1863‑1915) ist als Mitbegründer des
"kritischen Realismus", einer rein erkenntnistheoretischen Position,
jedem politischen oder ideellen Bezug zum "Dritten Reich" enthoben.
Manuskript und Material fielen bei der Zerstörung des Bischofshauses 1945 den
Flammen zum Opfer (mdl. Mitteilung von Prof. Aloys Klein, dem früheren Sekretär
Jaegers).
9. Endlich eine Anfrage an Thieme: Wo hat Jaeger in
meinem Buch "aktiven Widerstand" geleistet? Mir ist nichts davon
bekannt geworden. Ich weiß nur, daß Jaeger mutmaßlich, doch ungefragt durch
Ferdinand von Lüninck zum Mitwisser des Umsturzversuches geworden ist, durch
Versäumen der Anzeigepflicht aber des Todes "schuldig" gewesen wäre.
Hier wird bestritten, was niemand behauptet hat!
10. Thiemes Fazit, man müsse den Ratsbeschluß von Olpe
(1985) zur Ehrenbürgerschaft Jaegers "revidieren" (vgl. T., S. 161,
Anm. 40), hätte zuvor die Fakten dieser Erwiderung einzubeziehen. Danach meldet
Thieme als fehlend, was in dem rezensierten Buch vorhanden ist (Hitlereid!),
"entdeckt" Behauptungen, die es nicht enthält (aktiver Widerstand!),
läßt Jaegers zentralste Leistung unberücksichtigt (Denkschrift an Hitler!),
suggeriert Fehlurteile ("Salvierungsthese"!) und stellt
quellenwidrige Behauptungen auf (wie Hitlers angebliches Plazet für Jaeger)! ‑
Ich möchte aber nicht verkennen, daß eine
"Anfrage" Thiemes noch unerwidert blieb, der Vorwurf, Jaeger habe
"systemstabilisierend" und damit kriegsverlängernd gewirkt. Solche
Folgen werden aus der häufigen moralischen Unterstützung des soldatischen
Einsatzes abgeleitet. Sie werden auch von sehr kritischen katholischen
Theologen geltend gemacht. In Heinrich Missallas Erinnerung an
Feldbischof Rarkowski[4]
finden wir im Resümee den Satz: "Und wer als Bischof oder als Seelsorger
zu solcher Lebenshingabe aufgefordert oder ermutigt hat, hat ‑ wenngleich
wider Willen ‑ real zur Aufrechterhaltung des Systems beigetragen."
Missalla fügt hier zwei Erläuterungen hinzu, deren
Berücksichtigung bei Thieme ausfällt: Er habe "real", aber
"wider Willen" zur "Systemerhaltung" beigetragen. Nach
Thieme hingegen wird sogar der Überfall auf Rußland von Lorenz Jaeger
undifferenziert "salviert". Nach sorgfältigster Abwägung der
"Anfragen" und ihrer Gegeninstanzen kann ich dem Ansinnen von Hans‑Bodo
Thieme gegenüber dem Rat der Kreisstadt Olpe auch objektiv keine ernste Chance
zuerkennen. Thiemes aufwendige Mühe findet dennoch meine Anerkennung, zumal er
teilweise (Promotion Jaegers!) selbständig recherchiert hat.
XI. Matthias Pape, Historiker in Bonn und Olper Bürger,
setzt die Folge der Rezensionen mit einer Besprechung in Westfälische
Forschungen, Bd. 46/1996, S. 780 ff., fort.
Nach knappem Resümee zu den Äußerungen Jaegers über den
Krieg Hitler‑Deutschlands gegen Rußland, kommentiert im Medienexkurs des
Buches, kommt Pape zu einer summarischen Charakterisierung: "Gruß geht es
jedoch um mehr, um eine umfassende, auf reichem Aktenmaterial fußende
Darstellung von Jaegers Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus als
geistlicher Studienrat in Dortmund und als Erzbischof sowie um dessen
Bemühungen um eine geschlossene Haltung der Kölner und Paderborner
Kirchenprovinzen auf dem Höhepunkt des Kirchenkampfes nach den Protestpredigten
Bischof Galens Mitte 1941. Jaeger, der bisher nur eine Randfigur der
Zeitgeschichtsforschung war, gewinnt erstmals scharfes Profil." (S. 780)
Das "Grundproblem" sieht Pape in der unterlassenen Klärung der
"Voraussetzungen, unter denen Jaeger die Auseinandersetzung mit dem
Nationalsozialismus aufnahm: seine Prägung durch Herkunft und Erziehung, sein
Welt‑ und Geschichtsbild, sein Verhältnis zu Staat und Volk." (Ebd.)
Erkennbar werde Jaegers "Fixierung auf das 'Diktat von Versailles', in
dessen Kriegsschuldartikel Jaeger nach 1945 den Schlüssel zum Verständnis der
'deutschen Katastrophe' sehen wollte." (Ebd.) So seien aber auch nicht die
Loyalitätskonflikte analysiert worden, die Jaeger mit den älteren Bischöfen wie
Galen, Faulhaber und Bertram gemeinsam habe: als Anhänger der Monarchie mit der
liberalen Demokratie, als dezidiert Nationaler mit der Revision des Versailler
Vertrages durch Hitler, als Beamter mit dem Loyalitätseid auf den Führer usw.
Die nächste Frage an Jaeger und den Autor richtet sich
auf die seelische Komponente seines vierjährigen Fronteinsatzes in der
Auswirkung auf Charakter und Habitus, auf das 'Urerlebnis' des Ausharrens im
Schützengraben, das lebenslange (!) "Befangensein" des Bischofs in
den Kategorien des Soldatischen, in einer Moraltheologie, deren Begriffe (bonus
miles Christi, Kasernenhofgehorsam, Soldatendienst und sakramentaler
Opferbegriff) ungeprüft blieben. Hier ist zunächst innezuhalten. Viele dieser
Fragen empfindet der Autor fast ebenso drängend, nicht nur akademisch, sondern
darüber hinaus existentiell. Wieder ist an das Quellendefizit zu erinnern (vgl.
Jaeger, S. 276, ‑ zit. J.: "katastrophale Quellenlage")! Mit
der Vernichtung fast aller Aufzeichnungen Jaegers ‑ auch z. B. seiner
Dissertation über Oswald Külpe ‑ mit dem Bombenangriff vom 27. März 1945
stehen wir hier fast vor einem historischen Nichts. Pape geht von einem zu
hochgespannten Erwartungshorizont aus. Man darf froh sein, einige
Fehlbehauptungen ausschließen zu können. Jaeger blieb aber viel weniger seiner
militärischen Vergangenheit verhaftet als mancher seiner Zeitgenossen: Marc
Sangnier markiert z. B. den Rubikon seiner Besinnung über Krieg und Frieden.
Nicht zufällig wurden "Vita et Pax" zum bischöflichen Leitziel von
1941. Ich nehme zwei Selbstkorrekturen Jaegers an: eine in der Zeit von
Weimar, eine in der Konzilsära (ca. 1920‑1930 bzw. 1962‑1972). Im
ersten Schritt vertiefte Jaeger die Friedensthematik, im zweiten sein
Kirchenverständnis im Hinblick auf kollegiale Partizipation. Im ersten Schritt
ergriff Jaeger das Priesteramt, im zweiten eine Vielzahl von bischöflichen
Initiativen. Die ökumenische Fragestellung reichte weiter zurück. Ein zu
monolitisches Bild Jaegers wird leicht zur Gefahr (vgl. J., Abb. 49 ff. ‑
s. nach S. 80). Beide Stufen ‑ im Vorblick auch die zweite ‑ sind
in der Monographie zu greifen (vgl. z. B. zu 1 J., S. 46 ff.; zu 2 J., S. 266
f.) Auch bei den Loyalitätsproblemen sind die Hinweise zur "Epikie",
dem in der christlichen Moral gelehrten konstruktiven Ungehorsam (J., S. 259
ff., 267, 327 f.) und zur Lüninck‑Problematik (J., S. 271‑275)
bedeutsam: Paderborn folgte eben nicht der Anzeigepflicht, die Faulhaber
bejahte. Jaeger hatte illegalen Kontakt mit Treffen seiner verbotenen
bündischen Jugend. (J., S. 54‑57, bes. 55, Anm. 50). Ein eigenes Kapitel
über Staatsloyalität fiel dringenden Kürzungen zum Opfer. In seiner Ansprache
zum Konkordatseid vom 15. September 1941 ließ Jaeger den "Führer"
ungenannt! Zufall?
Daß Jaeger in militärischen und autoritativen
Vorstellungen zeitlebens befangen geblieben sei, wird Zeitzeugen fassungslos
machen. Wie sehr dieses Bild schon für die Zeit des "Dritten Reiches"
korrekturbedürftig ist, unterstreichen zwei jüngst gefundene Quellen: Ein in
Dortmund entstandenes Protokoll von vielen Ansprachen Jaegers vor
berufstätigen, jungen Frauen (1936/37 ‑ EA Paderborn) beinhaltet keine
soldatische Reminiszenz, während die Glückwünsche der Attendorner Jugend an
Erzbischof Klein von 1940 ‑ ein ganzes Jahr vor Jaeger ‑ recht
martialisch klingen: "Dafür haben wir uns ja nicht dem Kriegsdienst
verschrieben, um immer nur an den Frieden zu denken, um dem Dienst
auszuweichen und uns zu drücken. Der Herr ist uns als erster vorangegangen im
Kampf, er, der Waffenmeister voll Ausdauer."[5]
In diesem Zitat Cyprians sind die "Ambivalenzen" aus der
Weiheansprache Jaegers fast überboten. Sie dürften also für Jaeger weniger
charakteristisch sein als für die ganze Zeit. ‑
Papes problemreiche Rezension hat auch vor der
"Chiffre des Bolschewismus" nicht haltgemacht. Er sieht unter
Berufung auf Feldpredigten der Ostfront mit dem Wort Jaegers das ganze
russische Volk als von Jaeger verurteilte, atheistisch depravierte Masse charakterisiert.
Diese Interpretation verfehlt indes textlich, kontextlich und situativ Jaegers
Aussage über das russische Volk. Wir dürfen hier auf die einschlägige Auskunft
an Hans‑Bodo Thieme verweisen (s. o.), der weithin (!) mit Pape
übereinstimmt. Pape unterstellt, die von mir vertretene Deutung verfolge nur
das Ziel, Jaeger zu "entlasten". Ich gestehe, daß mich diese
Motivbehauptung verärgert und zu harscher Kritik gereizt hat. Pardon! Dazu sei
von der sachlichen Seite nun ergänzt: Papes Interpretation hätte, wäre sie
richtig, Jaeger wohl kaum belastet: Diese Feldpredigten verkörperten nur einen
bekannten Topos katholischer Theodizee über die Folgen des Atheismus im
privaten und öffentlichen Leben.[6]
Diese Deutung im Sinne der von Missalla referierten Feldpredigten hat nicht
notwendig einen rassistischen Hintergrund, obgleich auch sie Jaegers Worte
verfehlen würde.
Es fällt mir schwer, mit den Kritikern zu glauben, daß
Jaegers öffentliche Beteuerung von 1972, er habe mit dem Bolschewismus‑Wort
von 1942 nur die in Rußland herrschenden "Tyrannen" gemeint (vgl. J.,
S. 349), nicht schon aus sich vertrauenswürdig sein sollte.
XII. Thomas Breuer, Kirchengeschichtler an der
Universität‑Gesamthochschule in Ludwigsburg, rundet die umfangreicheren
Rezensionen zum ersten Dutzend ab (Theologische Revue Nr. 1, 1998, Sp. 77 ff.).
Nichts weist darauf hin, daß Breuer die Metarezension in Theologie
und Glaube kennt. Seine auf die zeithistorische Diplomarbeit (1986) von
Antonia Leugers bezogenen Fragen wurden in der Metarezension S. 275 f. (1997/2)
behandelt und am 8. IX. 1995 mit der Autorin besprochen. Im nämlichen Heft
wurde ihr Buch über Ordensausschuß und Episkopat[7]
rezensiert. Die von Ludwig Volk schon 1966 begonnene Thematik (Stimmen der
Zeit, 78/1966, z. B. S. 267) wurde von R. Bleistein und besonders von A.
Leugers fortgeführt.
1. Trotz vielfachen Dankes, den ich gerade auch Kritikern
zolle, ist doch ein Blick auf die Wiedergabe der Jaegermonographie, die Breuer
für sein Vorgehen wählte, vonnöten: Sie war keine "Biographie" über
Jaeger, wie Breuer angenommen hatte! Ein solches Vorhaben wäre bei der gegebenen
Quellenlage kaum zu leisten. Auch nach dieser Arbeit bleibt sie ein Desiderat.
Der Rezensent setzte hier einen weit überzogenen Anspruch voraus. Eine
Vielzahl von Besprechungen belegt indes das weite Interesse, das die
Monographie auch in ihrer Selbstbegrenzung gefunden hat. Behandelt werden
können nur die umfangreichsten und instruktivsten.
2. Ich hatte die Ausdrücke "tangential" und
"distantial" als beschreibende Kennzeichnungen vorgeschlagen, um
einen formalen, vorläufigen und möglichst wertungsfreien Vergleich
kirchlicher und anderer Äußerungen
unter totalitären Bedingungen zu erleichtern. Dann erst sollten weitere
Klassifizierungen vorgenommen werden, die ‑ wie "Anpassung"
oder "Protest" ‑ zur begründeten Kritik und Wertung überleiten
(J., S. 136 ff.). Breuer hat mich dahin mißverstanden, daß ich Jaeger überhaupt
gegen Kritik immunisieren wollte (vgl. Breuer, Sp. 79). Dieses Mißverständnis
ist das "proton pseudos" seiner Rezension und hat alle anderen
Ausführungen kontaminiert, wie schon das erste Beispiel (unter 3) bestätigt.
3. "Jaegers 'fast zu Tieren entartete' Russen haben
rein gar nichts mit NS‑Ideologie zu tun" ‑ so fragt er mit
skeptisch‑ironischem Unterton (Sp. 79). Hier tritt noch ein zweiter
Fehler hinzu: Diese saloppe Wiedergabe der Bolschewismus‑Chiffre ist für
Breuer offenbar die inhaltsgleiche Umschreibung von Jaegers Originalwort, das
er andernorts ohne Veränderungen zitiert (Sp. 77). Jaegers Original spricht
hier aber nicht von Russen, sondern von "Menschen", die durch Feindlichkeit
und Haß "fast" ihr Menschsein verlieren. Blicken wir von hier aus auf
Breuers Wiedergabe zurück, dann finden wir die "Menschen" durch
"Russen" ersetzt, also völkisch terminiert, und sehen diese als
"fast zu Tieren entartet". Der Grund wird fortgelassen: Er besteht
nach Jaeger in der Selbst‑ dehumanisierung dieser Menschen durch
"Gottfeindlichkeit" und "Christushaß", die sie an ihren
Mitmenschen austoben.
Schon in Breuers Paraphrasierung findet eine offenbare
Sinnverfälschung auf Lewy hin statt,
für die Jaeger keinen Grund bot. Sie zeigt an, daß er apriori den Text
gegen Jaeger instrumentalisiert. Warum verliert er die Objektivität an derart
pejorative Tendenzen? Übrigens: Gibt es einen besseren Beleg für meine von
Breuer mißverstandene und abgelehnte Forderung nach sauberer Trennung von
Beschreibung und Wertung als Breuers "Interpretation"? Nach Erscheinen
des Buches über Jaeger schrieb mir ein Exeget, daß ein schweizer, rassistisch
unverdächtiger Wissenschaftler im Vortrag über totalitäre Folgeerscheinungen
kurz nach dem Kriege von "bestialischer" oder "tierischer
Entartung" im Sinne einer Dehumanisierung gesprochen habe. Jaeger
gebraucht hier also eine "tangentiale", aber von NS‑Ideologie
freie Kennzeichnung für Verhältnisse in der früheren SU. Daß
"tangentiales" Reden vor Mißbrauch nicht geschützt ist, habe ich in
der Jaegermonographie nachdrücklich betont. Es ist aber in totalitären
Lebensverhältnissen nach H. Hürten kaum zu vermeiden. Die Abschnitte X. und XI.
könnten hier einer Orientierung dienen, wie auch die sprachkundige Analyse von
Anne‑Lene Fenger mit ihrem Aufweis wechselnder "Sprachspiele"
zeigt (Hinweise darauf in IX).
4. Breuer sieht Jaeger ‑ freilich stark vergröbert!
‑ in der Optik von A. Leugers. Er sieht ihn "wanken". Das bezog
sich auf ein situatives Problem vor der Fuldaer Plenarkonferenz von 1943,
hervorgerufen durch Bertram, was bei Leugers richtiger gesehen wird. Das
Dekalogwort trug Jaeger dann im kleinen Vorbereitungskomitee am Vorabend der
Konferenz mit. Soll für Breuer das "Wanken" den ganzen Jaeger
betreffen? Jaegers öffentliche Schlußansprache zur Bischofskonferenz im Dom von
Fulda, wohl im internen Schriftverkehr der Nazis als SD‑Gedächtnisprotokoll
ins Kirchenministerium gelangt, wird gesicherten acts and facts der Jaegervita
vorgezogen, obwohl sie im Blick auf das erwartete Dekaloghirtenwort eher
beruhigen sollte! So wirkt es dann sehr unausgewogen, wenn mir Breuer die nach
seiner Meinung zu positive Auswertung von SD‑Berichten zugunsten
Jaegers ‑ gemäß seinem Vorurteil und gegen den SD-Experten Heinz Boberach
‑ vorhält. Zählt im Falle Jaegers nur noch etwas "Belastendes"?
5. Im Blick auf Versehen und Fehler, die Breuer aufzählt,
hat Anne‑Lene Fenger (Nr. IX) genauer gearbeitet als der
"Historiker". Dennoch besten Dank! Es sind oft unkorrigierte Scan‑
und Druckfehler, die in einer kritischen Übergangsphase des Verlags liegen
blieben. Für Korrekturhinweise habe ich auch Hans‑Bodo Thieme zu danken.
Breuer arbeitet hier jedoch nach eigenen Maßstäben. Dafür diene als Beispiel
die angebliche Verwechselung von Friedrich und Hermann Muckermann! An vier
Stellen werden sie mit vollem Vornamen und in richtiger Zuordnung
aufgeführt: ‑ als Kulturphilosoph
(Friedrich, S. 60 u. 80) und Eugeniker (Hermann, S. 60 u. 105). An einer
fünften Stelle (S. 310) ist der abgekürzte Vorname nicht richtig wiedergegeben
(F. statt H.). Was Breuer hier sehr betont als "sachlichen" Fehler
verbuchen möchte, ist im Kontext der sorgsamer gelesenen Monographie nur ein
(Scan‑?)Versehen (Sp. 78). Seine Rezension wird u. a. mit Halbwahrheiten
bestritten.
6. Zur historischen Dimension der Jaegermonographie sei
erwähnt, was U. von Hehl[8]
von der zeitgeschichtlichen Forschung nach 1945 sagte: Niemals habe sie ihre
Zeit nachhaltig geprägt, sondern sei eher von ihr bestimmt worden. Hier wurde
durch eine Monographie ein Stück aktueller Zeitgeschichte in einem Erzbistum
mitgeprägt und eine verworrene Situation für weiteste Kreise geklärt. Die
Ehrenbürgerschaft Jaegers in Olpe war ein Thema, das die Medien und die
Menschen sehr bewegte. Im Olper Rat folgte eine Ehrung. Sofort moniert Breuer
den apologetischen Aspekt solcher Bemühungen! Wie sollte es bei diesem
vorgegebenen Anlaß wohl anders laufen? ‑
Nur irreale Einäugigkeit kann notwendige Apologetik für
schädlicher halten als "Spiegelhetze" und Lewy‑Invektive, wenn
ein Olper Bürgerantrag und ARD‑"Report" Jaeger in die Nähe der
schlimmsten NS‑Mörder gestellt hatten! Wenn Apologetik auch hier verpönt
ist, muß uns Breuer seinen Zielunterschied zu Karlheinz Deschner erklären!
Durch die Situation, die ein Gutachten zum Grundbestand eines Buches werden
ließ, war eine "apologetische" Linie vorgegeben. Wieviel Befangenheit
verrät Breuer, wenn er positive Ansätze Jaegers wie die Denkschrift an Hitler
von 1942 ungewürdigt läßt? Mit ihr aber hatte Jaeger das ". . .
entsetzlich geschwiegen . . ." der Bischöfe zu den Morden an Luxemburgern,
Slowenen, Polen, das der Ordensausschuß (!) bis nach Rom anklagte, beendet (A.
Rösch SJ an K. Brust SJ, S. 203). Sie fand in der ersten Jahreshälfte von 1943
den Weg in die Feindpresse und bis zu Inland‑Flugblättern.
Anderes wichtiges "Sondergut" ist Breuer
entgangen, z. B. die von Historikern wie Leugers und Recker benutzten
erstveröffentlichten Dokumente zum Menschenrechtsprotest von 1941/42.
Der Berliner Zeithistoriker Wolfgang Knauft hat
jüngst (29. März 1998) in einer
konstruktiveren Rezension gewürdigt, was Breuers Parforcejagd gar nicht erst
vor den Blick kommen ließ (vgl. XIII).
7. Zu den Hintergründen: Breuer vertritt offenbar Leugers
Modell der "Mauer bischöflichen Schweigens", das nur durch den
Ordensausschuß zu überwinden war. Die Jaegermonographie weist indes schon auf
eine innerepiskopale Entwicklung zu den Menschenrechten hin (ca. 1937), die den
Protest von 1941/42 vorbereitete (J., S. 154, Anm. 46). Geht es letztlich sogar
um einen Paradigmenstreit?
Der Osnabrücker Historiker Klemens‑August Recker[9]
zeigte jüngst an Bischof W. Berning auf, wie dieser schon vor 1937 zu den
natürlichen Grundrechten des Menschen als Protestgrundlage fand. Er sieht in
Berning eine Schlüsselfigur des Episkopats.
Am Schluß ist zu sagen, daß Breuer die von namhaften
Historikern der Bonner Kommission erarbeiteten Stufen "widerständigen
Verhaltens" (Hehl) relativiert. In der Form K. Repgens (Köln 1983, Verl.
Bachem) sind sie das beste, was bis heute geboten wird, zumal Repgen zugleich
Zeitzeuge, Profan‑ und Kirchenhistoriker ist. Gegenüber seinen Analysen,
denen das Buch folgt, verfehlt Breuers Simplifikation zum "geradlinigen
Widerstandskämpfer" (Sp. 79) Grundlagen und Inhalte der ganzen
Monographie. Die Rezension entwertet sich selbst durch ihre falschen Prämissen.
XIII. Wolfgang Knauft würdigt in einem großen,
illustrierten Artikel vom 29. März 1998, der Wilhelm Berning und Lorenz Jaeger
zusammen auf einem Bild des Mainzer Katholikentages von 1948 zeigt, im
Vergleich die Monographien von Klemens‑August Recker(1998) und dem
Verfasser (1995) in der Berliner Kirchenzeitung (Nr. 13, S. 3).
Der Berliner Zeithistoriker trat 1980 mit einer breit
angelegten Darstellung zum Thema Katholische Kirche in der DDR, Gemeinden
in der Bewährung 1945 ‑ 1980, Mainz 19823, an die
Öffentlichkeit. Während Reckers Arbeit noch einer eigenen Besprechung in Theologie
und Glaube vorbehalten bleiben soll, ist über Knaufts Jaegerrezension zu
referieren, vor allem über seine Vorschläge zum Forschungsprojekt
"katholische deutsche Bischöfe unter Hitler".
Das Fuldaer Bischofsgremium habe mit seiner kollegialen
Struktur nur Ergebnisse auf der Basis des kleinsten Nenners erreichen können. Über
den einzelnen Bischof und seine Resistenz sei damit wenig gesagt. Nur
Einzelforschung führe hier weiter. Recker hat das an Berning überzeugend demonstriert.
Dabei rückt, wie ich schon anzudeuten versuchte, Bischof Berning in größere
Nähe zu Galen. Auch das "Schweigen" anderer Bischöfe könnte sich eher
als ein "Schweigen" unserer Wissenslücken enthüllen. Sogar SD‑Berichte
gewinnen an Wert: Bischof Hilfrich von Limburg hat z. B. bei der Ausführung des
Bonner Entschlusses vom 20. März 1942 in Frankfurt eine Massendemonstration
katholischer Männer provoziert. Waren das nur Einzelfälle? Es fragt sich
freilich, ob schon alle bischöflichen Archive auf solche Programme vorbereitet
sind.
Knauft läßt hinsichtlich des "nicht gerade
glücklichen" Bolschewismuswortes Jaegers keinen Zweifel, daß ihm (s. o. X ‑
XII) keine Anleihe bei der NS‑Ideologie zu unterstellen ist, daß vielmehr
die "Auswüchse des Stalinismus" ihr erstes Objekt bilden.
Er hebt ferner die Nähe der Eingabe Jaegers vom 18.
Dezember 1942 zum Preysing‑Entwurf der Menschenrechtseingabe von 1941
hervor, der das Naturrecht für "Nichtarier" und
"Feindvölker" reklamierte, zwei Erstveröffentlichungen der
Jaegermonographie, die Knauft in ihrem Orientierungswert ‑ auch über
Jaeger ‑ hoch ansetzt. Über diese Detailangaben hinaus, die in den
meisten Rezensionen zur Jaegermonographie fehlen, ist der konstruktive
Forschungsimpuls der Rezension von Knauft in seiner Bedeutung kaum zu
überschätzen.
[1] Fortsetzung
des Beitrags ThGl 87 (1997) 266-278. Mit Zustimmung der Redaktion von Theologie
und Glaube wurde der Text auch im Jahrbuch des Heimatvereins für Olpe e.
V. 1998 publiziert.
[2] Heribert
Gruß: Erzbischof Lorenz Jaeger
als Kirchenführer im Dritten Reich. Tatsachen - Dokumente - Entwicklungen -
Kontext - Probleme. Paderborn: Bonifatius, 1995.
[3] Vgl.
z. B. Josef Donat: Theodicea.
Heidelberg, 1945, 73 f.
[4] Missalla, Heinrich: Wie der Krieg
zur Schule Gottes wurde. Hitlers Feldbischof Rarkowski. Eine notwendige
Erinnerung. Oberursel, 1997, 132.
[5] Vgl.
Werner F. Cordes in: Sauerland
(1997/3) 103.
[6] Vgl.
z. B. M. Rast: Welt und Gott.
Freiburg, 1952, 90 ff.
[7] Leugers, Antonia: Gegen eine Mauer
bischöflichen Schweigens. Der Ausschuß für Ordensangelegenheiten und seine
Widerstandskonzeption. Frankfurt, 1996.
[8] Hehl, Ulrich von: Kampf um die
Deutung. Der Nationalsozialismus zwischen
"Vergangenheitsbewältigung", Historisierungspostulat und neuer
Unbefangenheit. In: Historisches Jahrbuch der Görresgesellschaft.
Freiburg/München, 1997, 404‑436, hier 423 u. 435.
[9] Recker, Klemens‑August: "Wem
wollt ihr glauben?" Bischof Berning im Dritten Reich. Paderborn u. a.:
Schöningh, 1998, 122.