"Bis Anfang Applicatio".­

Mörikes 'Alter Turmhahn' und die Predigt

 

von Wolfgang Braungart

 

 

 

Kurzinhalt - Summary:

 


Der Germanist Wolfgang Braungart konstatiert in seinem Beitrag Bis Anfang Applicatio, ausgehend von einer Versidylle Eduard Mörikes, sowohl in der Litera­tur als auch in der Predigt seit dem 19. Jahrhundert ein Problematischwerden der Applicatio. Die Flucht vieler Pfarrerssöhne in die Literatur könnte mit diesem Phä­nomen zusammenhängen. Die Depotenzierung der Wirkung von Predigt erklärt Braungart mit einer The­se, die der Diskussion wert ist: er beobachtet eine En­tritualisierung der Liturgie und eine Ritualisierung der Predigt zu einem sprach­lichen Ritual. Gerade dadurch gerät sie unter permanente Kritik. Es wäre zu beden­ken, ob nicht eine Reritualisierung der Liturgie und eine Reliterarisierung der Predigt zu ihrer Entlastung beitragen könn­te.


Proceeding from an idyll by Eduard Mörike the Ger­man philologist Wolfgang Braungart detects a certain lack of applicatio in both literature and preaching since the 19th century. Perhaps the flight of so many sons of clergymen into the realms of literature may be seen in this context. In order to explain the increasing ineffec­tiveness of preaching Braungart puts forward a thesis that seems to be worth discussion: In the same measure as liturgy is de-ritualized, preaching is ritualized and therefore incurring permanent criticism. It should be taken into consideration if re-ritualization of liturgy as well as re-literarization of preaching might redress the balance.


 

 

I.

 

Der alte Turmhahn in Eduard  Mörikes gleichnamiger Versidylle von 1852 erzählt, daß er ausge­dient habe und nun von seinem angestammten Platz auf dem Kirchturm herunter müsse. Jetzt ge­hört er wirklich zum "alten Eisen",[1] unter dem er beim "Meister Hufschmied" liegt. Von diesem trostlosen Dasein erlöst ihn der Pfarrherr. Er nimmt ihn mit sich ins Pfarrhaus und verschafft ihm auf dem 'alten Ofen' eine neue, dauerhafte Bleibe. Vom weithin sichtbaren Symbol für die Ge­meinde wird der Turmhahn nun zum Schmuck für die neue, private 'Gemeinde' der großen Pfar­rersfamilie. Statt "Geläut und Orgel, Sang und Klang" nun der "siebenfache Stimmen Schall" der "Frau, Magd und Knecht, Mägdlein und Buben": so wird der Turmhahn wirklich verbürgerlicht und säkularisiert.

Im Haus empfängt ihn "Bücher- und Gelahrtenduft, / Gerani- und Resedaschmack, / Auch ein Rüchlein Rauch­tabak. / (Dies war mir all noch unbekannt."), jedenfalls keine übermä­ßig dichte religiöse Aura. Archaisches Zentrum dieser bürgerlichen Behaglichkeit ist der Ofen, in dem der Turmhahn nun sein neues, ganz privates "Münster", seine neue Kirche der bürgerlichen Familie sieht:

 

Mir deucht's ein ganzer Münsterbau;

Mit Schildereien wohl geziert,

Mit Reimen christlich ausstaffiert.


Davon vernahm ich manches Wort,

Dieweil der Ofen ein guter Hort

Für Kind und Kegel und alte Leut,

Zu plaudern, wann es wind't und schneit.

 

Aber religiöse Belehrung und moralische Unterweisung durch Bilder und erbauliche Spruchweis­heiten sind nur auf den ersten Blick der Sinn dieses "Münsterbaus". Viel wichtiger ist die Funk­tion des Ofens, einen Ort abzugeben für Geselligkeit und Gespräch der Familie. Geselligkeit und Gespräch: das, was die Menschen selbst leisten im freundlichen Umgang miteinander, verbindet diese neue Gemeinde, zu der auch die "Kegel", die unehelichen Kinder, zählen.

Diese so heiteren und scheinbar unverfänglichen Verse haben es in sich. Mörike formu­liert hier, was ihn ein Leben lang bedrängt und zugleich ästhetisch produktiv gemacht hat.2 Die dogmatischen Gewißheiten sind ihm auch selbst zerbrochen. Wer man ist, wie man sich versteht und wie man sein Leben gestalten soll: das ist eine nie abschließbare Aufgabe und definiert sich im viel­stimmigen, geselligen Gespräch stets neu und nicht aus den unverbrüchlich gültigen Wahrhei­ten heraus. Auch im Bücherregal des Pfarrherrn der Versidylle stehen keine dogmatischen Schrif­ten, sondern die heterodoxen Werke der "Schwabenväter" Andreae, Bengel und Oetinger.

"Betrachtet mir das Werk genau!", fordert der Turmhahn die Leser auf; und das meint das Kunstwerk des Ofens so gut wie das der Versidylle selbst. Der Ofen ist, wie ein Münster, ein emblematisch-allegorischer Bedeutungsraum. Die Geschichten auf den Ofenkacheln erzählen aber alle von Sünde und Schuld, nicht von Heil und Erlösung: vom hartherzigen und geizigen Bischof Hatto in seinem Binger Mäuseturm, von König Belsazar, von der neugierig lauschenden Sara. Sei­ne Herkunft aus dem schwäbischen Pietismus wird Mörike zeitlebens nicht los.

In dieser Umgebung muß der Pfarrer seine Predigt schreiben. Er hat sie aufgeschoben, so­lange es irgend ging:

 

Freitag zu Nacht, noch um die neune,

Bei seiner Lampen Trost alleine,

Mein Herr fangt an sein Predigtlein

Studieren; anderst mag's nicht sein;

Eine Weil am Ofen brütend steht,

Unruhig hin und dannen geht:

 

Aber er kommt mit dieser Aufgabe einfach nicht recht voran. Niemand außer der Lampe spendet ihm "Trost". Aus­gerechnet an diesem Ort der integrativen Geselligkeit bleibt er "alleine" mit sei­ner homiletischen Pflicht. Der 'sanfte' "Tage Fluß" im Pfarrhaus behagt ihm unter der Woche schon. Weniger jedoch die Pflichten des Amtes, die allsonntägliche Predigt:

 

Zu schreiben endlich er sich setzet,

Ein Blättlein nimmt, die Feder netzet,

Zeichnet sein Alpha und sein O

Über dem Exordio.

Und ich von meinem Postament

Kein Aug ab meinem Herrlein wend;

Seh, wie er, mit Blicken steif ins Licht,

Sinnt, prüfet jedes Worts Gewicht,

Einmal sacht eine Prise greifet,

Vom Docht den roten Butzen streifet;

Auch dann und wann zieht er vor sich

Ein Sprüchlein an vernehmentlich,

So ich mit vorgerecktem Kopf

Begierlich bringe gleich zu Kropf.


Gemachsam kämen wir also

Bis Anfang Applicatio.

 

Aber weiter eben nicht:

 

Indes der Wächter elfe schreit.

Mein Herrr denkt: es ist Schlafenszeit;

Ruckt seinen Stuhl und nimmt das Licht;

Gut Nacht, Herr Pfarr! - Er hört es nicht.

 

Die Applicatio fließt diesem Pfarrer nicht mehr leicht aus der Feder. Über das Exordium, die kunst­volle Einleitung, kommt er nicht hinaus. Der moralisch-lebenspraktischen Anwendung ver­weigert er sich, indem er zu Bett geht. So wird die Predigt zum modernen Kunstwerk. Die Appli­catio muß seine Gemeinde dann schon selbst leisten.

Mörike konnte den Pfarrherrn seiner Versidylle wohl am besten verstehen. Kaum hatte er endlich seine feste Pfarrstelle und mußte nicht mehr als Vikar von Dorf zu Dorf ziehen, wollte er sie auch schon wieder loswerden: 1843 wird dem Gesuch des gerade 39 Jahre alten Dichters um Pensionierung stattgegeben. Nun konnte er sich ganz der Literatur widmen, und die Applicatio brauchte ihn nicht mehr zu beschäftigen.

 

 

II.

 

Weiter als "bis Anfang Applicatio" kommt die Literatur der Moderne tatsächlich nur ausnahms­weise. Das große Kunstwerk kann zwar den Leser oder Betrachter auffordern, sich radikal auf es konzentrieren. "Du mußt dein Leben ändern", verlangt Rilkes 'Archaischer Torso Apolls' unmiß­verständlich. Aber wie, warum, in welcher Hinsicht? Der Schlußvers dieses Gedichtes ist Essenz der ästhetischen Erfahrung und geht aus ihr allein hervor: "denn da ist keine Stelle / die dich nicht sieht".

Und dennoch gehört die Applikation unweigerlich zu jedem Verstehensakt. Der moderne literarische Text mag sich dagegen sperren wie er will. Die Leser holen sich aus ihm, was sie brau­chen. Jedes Verstehen vollzieht sich in lebensweltlichen und historischen Horizonten, die Sinn und Bedeutung sprach­licher Äußerungen konstituieren. Aus diesem Horizont können die Leser nicht einfach heraustreten. Jede sprachliche Äußerung (und insofern auch jeder literarische Text) impliziert und beansprucht als sprachlich verfaßte Applikation, weil Sprache notwendig den ande­ren mitsetzt, der die sprachliche Äußerung realisieren wird. Jedes - mehr oder weniger gelingende - Verstehen ist notwendig applikativ.3

Was Mörikes Pfarrer nicht mehr gelingt, haben seine Zuhörer selbst zu leisten. Vielleicht ziehen sie aus der Predigt eben dies, daß sie ihnen nichts mehr zu sagen hat. Vielleicht hat der Pfarr­herr aber doch noch einige freihändig formulierte Allgemeinheiten angehängt, die nieman­den wirklich betreffen, und damit der Pflicht der Applicatio Genüge getan. Mörikes Idylle erzählt davon freilich nichts.


Woche für Woche in der Predigt etwas sagen zu müssen, und das womöglich vierzig und mehr Dienst­jahre lang, das ist schon ein herbes Geschäft. Und wie oft in Situationen, wo es einem eigentlich die Sprache verschlagen müßte. Pfarrer Michael von Jung, Mörikes Kollege am Anfang des 19. Jahrhunderts, hat dann Selbstgereimtes auf der Laute intoniert.4 Seine applikative, aus dem Geist des 18. Jahrhunderts stammende Sinngebung wurde dadurch nicht überzeugender, war aber wenigstens unterhaltsam. Lessing schreibt am 6. September 1778 an Elise Reimarus von seiner Ar­beit am 'Nathan': "Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen."5 Jeremias Gotthelf war in seinen Erzählungen und Romanen ein wortgewaltiger Prediger. Auch für ihn war der literarische Text eine andere Kanzel. Es ist kein Zufall, daß so viele Pfarrer und Pfarrerssöhne die Literaturgeschichte bevöl­kern.6 Sie nützen damit die größeren Spielräume der Literatur und verschaffen sich Luft vor den Zwängen der Applicatio.

 

 

III.

 

Wenn die Applikation ein strukturelles Moment des literarischen Textes ist - und das gilt für gro­ße Teile der vormodernen, zuweilen auch noch der modernen Literatur (Brecht ist das prominen­teste Beispiel) -, dann hat dies auch ästhetische Konsequenzen.7 In der Frühen Neuzeit war die Pre­digt ein bedeutender Teil der Literaturgeschichte. Sie hat die Möglichkeiten der Literatur einzuset­zen gewußt. Durch geschickt gewählte Predigtexempel ist die bittere Pille der religiösen und mo­ralischen Belehrung leichter zu schlucken,8 aber auch dem Predigtschlaf zu wehren. Und man ging durch­aus auch in den Gottesdienst und zur Predigt, um zu schlafen!9 Die Predigt hat das unterhalt­same Vergnügen nicht verschmäht; auch darin war sie An-Sprache, Rede an die Menschen. Dies war ein Aspekt ihres grundsätzlich rhetorischen Charakters.10 Die Geschichte der Predigt bildet einen kaum zu überschätzenden Fundus populären Erzählens.11 Mit den 'Predigtmärlein' zogen populäre Erzähltraditionen in die Kirche ein; und viele der in der Predigt erzählten Ge­schichten machten ihren Weg auch außerhalb der Kirche und religiöser Kontexte.12

Und heute? Um die Kunst des Erzählens ist es in der Predigt offenkundig nicht sehr glück­lich bestellt. Die Predigt ist radikal entliterarisiert worden. Die, wie mir scheint, offensichtliche Krise der Predigt ist die Krise der operativen, wirkungsorientierten Textgattungen in der Moderne über­haupt. Nein, von der wohl verbreiteten Art der Predigt, die mit dem Satz beginnt: 'Unvor­bereitet wie ich bin...' und sich dann in leutseliger Bonhomie eine halbe Stunde lang assoziativ weiterrankt, soll gar nicht die Rede sein. Eher schon von Saint-Exupérys bedauernswertem klei­nem Prin­zen und von In­dianerhäuptling Seattle, der uns schon so oft ins Gewissen geredet hat. Ich möch­te nicht wissen, wieviele Predigten sie schon retten sollten. Sie eignen sich wirklich für eine unverfängliche Didaktik, die angenehm betroffen macht und doch nicht trifft. Das sind ritua­lisierte Reste einer Predigt als Literatur. Was sollen wir denn aus Seattles Rede ziehen? Der Appell zu einem freundlicheren Umgang mit der Natur und zu größerem Maßhalten überfordert nieman­den. Die Predigt wird zum sanften kathartischen Erlebnis, weil sie nicht konkret und also poli­tisch werden möchte.


Die enge Verbindung von Literatur und Predigt, von Erzählen, Unterhalten und Belehren ist spätestens mit dem 19. Jahrhundert zu Ende gegangen.13 Geblieben ist die Predigt als 'popular­pädagogische Anstalt'. Gut erzählte didaktische Geschichten gibt es, in der Literatur wie in der Predigt, kaum mehr. Ihr Refugium ist die Kinder- und Jugendliteratur. Und auch dort sind, wie in der Predigt, der didaktische Jargon der Betroffenheit und des Sich-Einbringens oft nicht leicht zu ertragen. Mit der fortschreitenden Trennung von Staat und Kirche ziehen sich Predigten, die in der Applicatio nicht unverbindlich bleiben wollen, rasch den Vorwurf zu, politisch Partei zu er­greifen. Das ist kaum zu vermeiden. In ihrer ästhetischen Komplexität lösen literarische Texte als exegetische Grundlage der Predigt dieses Problem nicht; eher helfen sie, es zu umgehen.14

 

 

IV.

 

Predigen bedeutete schon immer, in einem ganz wörtlichen Sinn, aus dem rituellen Vollzug der Liturgie herauszutreten, ihn zu unterbrechen. Die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kir­chen haben den Ort der Predigt, die Kanzel, besonders künstlerisch gestaltet und so herausgeho­ben.15 Die katholische Kirche hat von dieser Bedeutung der Kanzel wenig übriggelassen. Seit dem II. Vatikanischen Konzil ist der Prediger von der Kanzel herabgestiegen. Er wechselt nur noch zum Ambo und tritt damit näher an die Gemeinde heran.16 So sollen die unterschiedlichen Rollen weniger stark markiert wer­den. Aus dem Prediger wird der Bruder Pfarrer. Der, der der Gemein­de etwas zu sagen haben sollte, verwechselt Auslegung und Verkündigung allzu häufig mit freund­licher und nichtssagender didaktischer Onkelhaftigkeit. Ausgerüstet mit einem Mikrophon geht er vor der Gemeinde auf und ab und versucht, sie zum Mitmachen zu animieren: Fortsetzung der Samstagabend-Show mit gleichen Mitteln in anderer Umgebung.

Jetzt kann sich keiner mehr entziehen, schon gar nicht schlafen. Spätestens beim rhyth­mischen Klatschen wird das deutlich. Auch der Gottesdienst muß Spaß machen. Gottesdienst wird zum Erlebnis.17 Davon bleibt auch die Predigt nicht verschont. Alfred Lorenzer hat, wenn auch mit der Tendenz zur sentimentalischen Verklärung des alten lateinischen Ritus, nachdrück­lich auf den Verlust an präsentativ-symbolischen Artikulationsformen und damit auf die Entsinn­lichung des Gottesdienstes durch die Konzilsreformen hingewiesen.18

Solcher Entritualisierung der Liturgie korrespondiert eine Verfestigung der Predigt zum Predigtritual. Von der einst kunstvollen Predigtrhetorik ist ein leerlaufender Stil weniger rituali­sierter Stilfiguren geblieben: Wiederholungen und Parallelismen ("Christus ist der...; er ist der...; er ist der..."); amplificatio, enumeratio und gradatio; rhythmisches An- und Abschwellen der Stim­me. Vom Elend der Sym­bolik und Metaphorik ganz zu schweigen: In wievielen Wüsten regt sich jeden Sonntag neues Leben. Wie oft geht die herrliche Sonne auf. Zahllose Quellen entspringen Sonn­tag für Sonntag und wer­den zum munteren Bach, zum Fluß, zum Meer. Dürstende Pflan­zen blühen wieder auf, und dürre Bäume beginnen zu grünen. Es ist die allsonntägliche Wiederkehr des Immergleichen.19 So wird die Predigt wenigstens zu einer Ordnungserfahrung. Aber ist das ihr Sinn?


Es ist paradox: Die Predigt als sprachliches Ritual, das die Gemeinde zunächst sprach- und gedankenlos macht, setzt sich, wie alle vorwiegend oder gar ausschließlich sprachlich vollzogenen Rituale, viel stärker dem Anspruch auf Verstehen und damit der Kritik aus als körperlich agierend vollzogene, szenische Rituale wie das der liturgischen Feier. Die Verfestigung der Predigt zum lee­ren Predigtritual fordert die Kritik geradezu heraus. Die Gemeinden stimmen mit den Füßen ab. Entritualisierung der liturgischen Feier und Ritualisierung der Predigt gehören zusammen. Beide verfehlen so ihre Funktion im Gottesdienst.

 

V.

 

Also Reritualisierung der liturgischen Feier und Entritualisierung der Predigt? Vielleicht. Helfen könn­te bei solcher Entritualisierung die alte Einsicht: Variatio delectat. Warum muß eine Ge­meinde zehn Jahre lang den gleichen Prediger hören? - Aber das löst natürlich das Problem der Applicatio nicht. Es ist auch nicht mehr einfach zu lösen. Jedem ist sie selbst aufgegeben; jeder muß sie selbst leisten. Es hat keinen Sinn, sich darüber hinwegzuschwiemeln.

Dann müssen die Geschichten freilich gut erzählt und gut expliziert werden. Es geht mir keineswegs um eine Intellektualisierung der Predigt. (Wenngleich wohl keiner gerne den Kopf an der Kirchentüre abgibt.) Lessings 'Ringparabel' hat die Struktur einer Predigt: Erst wird eine Ge­schichte erzählt. Das Erzählen 'rettet' Nathan aus der Bedrängnis beim Sultan. ("Nicht die Kinder bloß, speist man / Mit Märchen ab." - Abspeisen meint hier: Wirklich etwas Handfestes zu essen geben!) Dann wird die Geschichte expliziert. Und schließlich wird die Applicatio jedem selbst zugemutet als fortdauernde Aufgabe.

Ich habe einmal in einem Universitätsseminar zu Brechts 'Kleinbürgerhochzeit' auf die Bedeutung der biblischen Geschichte der Hochzeit zu Kana als Subtext dieses Einakters hingewie­sen. Wir haben dann gut zwanzig Minuten gebraucht, um die Grundzüge der biblischen Geschich­te zu rekonstruieren. Niemand kannte sie wirklich. Mir scheint an der Einsicht kein Weg vorbei­zuführen, daß die biblischen Geschichten mehr und mehr zum Bildungsgut werden, über das nur noch wenige Privilegierte verfügen. Darin kann man die Bibel inzwischen mit Homers Epen ver­gleichen. Müßte die Predigt nicht der erste Ort sein, wo die Literatur der biblischen Geschichten in ihrer Komplexität wieder zugänglich gemacht, erschlossen wird? Insofern also Reliterarisierung der Predigt, die sich nicht scheut zu erläutern, was wir nicht mehr wissen, und die die historische Differenz nicht trivialdidaktisch über­spielt. Paulus muß nicht mit aller Gewalt zurechtgebogen werden. Was nicht zu retten ist, muß man auch nicht retten. Dann kann vielleicht auch die Ap­plicatio Glaubwürdigkeit zurückgewinnen, weil sie nicht erzwungen wird, sondern aus der litera­rischen Hermeneutik der biblischen Texte heraus sich für den abzeichnet, der sie annehmen will.

 

 



[1] Ich zitiere die Versidylle nach folgender Ausgabe: Eduard Mörike: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Nach dem Text der Ausgaben letzter Hand unter Berücksichtigung der Erstdrucke und Hand­schriften. Textredaktion Jost Perfahl. Mit einem Nachwort von Benno von Wiese sowie Anmerkungen, Zeittafel und Bibliographie von Helga Unger. Bd. I. München, 1976, 786-794.

2 Vgl. dazu etwa meine Interpretation: Ökonomie, Melancholie, Auslegung und Gespräch: Eduard Mörike, 'Mozart auf der Reise nach Prag'. In: Erzählungen und Novellen des 19. Jahrhunderts. Interpretationen. Band II. Stuttgart, 1990 (UB 8414), 133-202.

3 Vgl. Hans-Georg Gadamer: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. (= Gesammelte Werke. Bd. I u. II). Hier Bd. I. 6. Auflage Tübingen, 1990, 312 ff. Vgl. auch meinen Versuch: Ritual und Literatur. Tübin­gen, 1996 (Konzepte der Sprach- und Literaturwissenschaft;  53), bes. 119 ff.

4 Michael von Jung: Melpomene oder Grablieder. Zwei Bde. Ottobeuren, 1839. Eine Auswahl hat Helmut Thielicke neu ediert: Pfar­rer Michael von Jung: Fröhliche Grablieder zur Laute. Mit einem Essay von Helmut Thielicke. Illustriert von H. E. Köhler. Freiburg u. a., 1976 (Herder 599).

5 Briefe von und an Lessing. 1776-1781 / Helmuth Kiesel (Hrsg.) unter Mitwirkung von Markus Reppner u. a. (= Werke und Briefe in zwölf Bänden / Wilfried Barner [Hrsg.]. Bd. 12). Frankfurt a. M., 1994, 193.

6 Vgl. Albrecht Schöne: Säkularisation als sprachbildende Kraft. Studien zur Dichtung deutscher Pfarrersöhne. 2. Auflage  Göttingen, 1968.

7 Vgl. dazu etwa Günther Mahal: Auktoriales Theater - die Bühne als Kanzel. Autoritäts-Akzeptierung des Zuschauers als Folge dramatischer Persuasionsstrategie. Tübingen, 1982.

8 Das zentrale Argument zur Rechtfertigung der Literatur in der Frühen Neuzeit, vor allem des besonders welthaltigen und also womöglich zur Welt verführenden Romans: Mit der verzuckerten Pille des literarisch-ästhetischen Vergnügens sei die bittere Medizin der moralischen Belehrung leichter zu verabreichen.

9 Urs Herzog: Geistliche Wohlredenheit. Die katholische Barockpredigt. München, 1991, 22 ff.

10 Udo Nembach: Predigen heute - ein Handbuch. Stuttgart u. a., 80 ff., 120 ff. Das rhetorische Schema der Predigt wird ausführlich entwickelt bei Herzog­ (s. Anm. 9), 191 ff.

11 Zur Predigt im Barock neben der Arbeit Urs Herzogs (s. Anm. 9) vgl. auch Franz M. Eybl: Ge­brauchsfunktionen barocker Predigtliteratur. Wien, 1982; Werner Welzig (Hrsg.) in Zusammenarbeit mit Heinrich Kabas und Roswitha Woytek: Predigten der Barockzeit. Texte und Kommentar. Wien, 1995.

12 Vgl. dazu vor allem die grundlegenden Arbeiten von Elfriede Moser-Rath: Predigtmärlein der Barockzeit. Exempel, Sage, Schwank und Fabel. Berlin, 1964; Dies.: Dem Kirchenvolk die Leviten gelesen. Alltag im Spiegel süddeutscher Barock­predigten. Stuttgart, 1991. Außerdem Ernst Heinrich Rehermann: Das Pre­digtexempel bei protestantischen Theologen des 16. und 17. Jahr­hunderts. Göttingen, 1977 (Schriften zur niederdeutschen Volks­kunde; 8).

13 Einen knappen, aber instruktiven literaturwissenschaftlichen Überblick zur Geschichte der Predigt geben die Artikel von Franz M. Eybl und Wilhelm Gräb: 'Pre­digt, katholische' und 'Predigt, protestantische'. In: Walther Killy (Hrsg.): Literatur Lexikon. Bd. 14: Begriffe, Realien, Methoden / Volker Meid (Hrsg.). Güters­loh u. a., 1993, 229-232 u. 232-235.

14 Vgl. etwa Elisabeth Grözinger: Dichtung in der Predigtvorbereitung. Zur homiletischen Rezeption literarischer Texte - dar­gestellt am Beispiel der 'Predigtstudien' (1968-1984) unter besonderer Berücksichtigung von Bertolt Brecht, Max Frisch und Kurt Marti. Diss. (masch.). Mainz, 1990; Karl-Heinrich Bieritz: Zeichen setzen. Beiträge zu Gottesdienst und Predigt. Stuttgart u. a., 1995, 159 ff. ('Predigt-Kunst. Poesie als Predigt-Hilfe').

15 Vgl. einige großartige barocke Bildbeispiele bei Herzog (s. Anm. 9), nach  288; vgl. auch ebd.,  89 ff.

16 Vgl. Nembach (s. Anm. 10), 238 ff.

17 Zum soziologischen Kontext vgl. die wichtige, aber umstrittene Untersuchung Gerhard Schulzes: Die Erlebnisgesell­schaft. Kultursoziologie der Gegenwart. 2. Auflage Frankfurt a. M., 1992.

18 Alfred Lorenzer: Das Konzil der Buchhalter. Die Zerstörung der Sinnlichkeit. Eine Religionskritik. Frankfurt a. M., 1988 (Fischer TB Wissenschaft 7340).

19 Vgl. hierzu auch Erich Garhammer: Zehn Anmerkungen zur Predigtsprache. In: Anzeiger für die Seelsorge 106 (1997)  614-616.