­Fünfundzwanzig Jahre Paderborner Theologische Studien

 

von Josef Ernst

 

 

 

Als die Professoren der Theologischen Fakultät Paderborn sieben Jahre nach der Verleihung der Promotions‑ und Habilitationsrechte im Jahre 1973 die Reihe "Paderborner Theologische Studien" ins Leben riefen, dachten sie pragmatisch an ein geeignetes Publikationsorgan für die von ihnen angeregten und betreuten Dissertationen. Das war so in Ordnung. In der Rückschau sieht der Chronist aber hinter dieser eher beiläufigen Entscheidung eine tiefgreifende und grundsätzliche Neuorientierung des akademischen Selbstverständnisses. Die Theologie besann sich auf die wissen­schaftliche Forschung als ihren primären Auftrag. Es genügte nicht, die Lehre der Kirche schul­mäßig in Lehrbüchern verständlich zu vermitteln und zu rezipieren, gefragt war vielmehr die "quaestio disputata", welche die Quellen der Theologie untersucht, kritisch durchleuchtet, kontro­vers diskutiert und eigene Vorschläge einbringt, um auf diese Weise dem gemeinsamen Glauben zu dienen. Theologische Forschung versteht sich als reflektierte Offenbarung, die, geleitet vom sensus fidelium, in fachlicher Kompetenz zu aktuellen Zeit‑ und Streitfragen Stellung nimmt.

Die Theologische Fakultät war hier auf einen Bereich verwiesen, der ihren ureigenen Auftrag berührte. Das Projekt der Forschungsreihe, ein Kind der Moderne, ist im übrigen gar nicht so neu. Die alte Kirche bediente sich bei der Aufarbeitung der Glaubenslehre der antiken philosophischen Denk‑ und Argumentationsschemata, die großen mittelalterlichen Summen wußten um das Zu­sammenspiel von Glauben und Wissen, und in der modernen Welt der Kohabitation von Staat und Kirche im Bildungsbereich sicherte sich die Theologie einen respektablen Platz in den Universitä­ten. Das Zweite Vatikanische Konzil hat hier überzeugende Zeichen gesetzt[1], die nun im Falle der Theologie in Paderborn verifiziert werden mußten. Die Gründung der Forschungsreihe "Paderbor­ner Theologische Studien" stand so gesehen unter einem guten Stern.


Wegen der aktuellen kirchenamtlichen Auflagen und Verpflichtungen im Bereich der theologi­schen Forschung und Lehre verdienen allgemeine Überlegungen zu den Leitlinien der Wahrheits­findung im Kontext der hier zu behandelnden Forschungsreihe eine besondere Beachtung. Die Theologie weiß sich natürlich auf das kirchliche Lehramt verwiesen[2], aber sie bedenkt auch ihre ethische Pflicht, die "Glaubbarkeit des Glaubens" in der Öffentlichkeit zu vertreten. Nur in einem fruchtbaren und spannungsreichen Miteinander der kirchlichen und akademischen Lehre kann Wahrheitsfindung heute gelingen. Daß Forschungsarbeit, wenn sie denn ihrem Auftrag gerecht werden will, immer einer Gratwanderung mit dem Risiko eines Absturzes gleicht, liegt auf der Hand, wie an aktuellen Beispielen leicht zu belegen wäre. Um so wichtiger ist deshalb die dienende Hilfe von Instanzen, welche das wissenschaftliche Arbeiten der kompetenten Fachleute inspirie­rend stützen und positive Anstöße geben. Die Theologie braucht gerade heute die ihr zukommen­den Freiräume. Vertrauen, Kooperation und Dialog sind unverzichtbare Prinzipien. "'Wahrheit' ist stets eine Frage des Austauschs und des Disputs."[3] Es mag außergewöhnliche Situationen geben, die im Einzelfall Orientierungshilfen und Weisungen nach dem Modell von Mt 16,19 und 18,18 er­forderlich machen. Aber der im biblischen Kontext bedachte und durchreflektierte Instanzenzug: Unter vier Augen, vor zwei oder drei Zeugen, vor der Gemeinde (Mt 16,15‑17) hebt zunächst auf das Gespräch ab. Die Theologie ist heute in einer komplexen Umwelt auf den Austausch der Mei­nungen angewiesen. Die Paderborner Theologischen Studien haben hier Zeichen gesetzt. Es bleibt zu hoffen, daß sie auf diesem Wege weitergehen.

Bei der Bestellung des Herausgebergremiums haben sich die Professoren der Paderborner Fakul­tät im Jahre 1973 an die klassische Einteilung der Theologie in die Abteilungen Systematik, Histo­rie und biblische Exegese gehalten. Obwohl damit noch nicht alle Sparten abgedeckt waren, hat sich dieses Modell doch bewährt. Die fünfundzwanzig Veröffentlichungen sind ein Spiegelbild eines bedeutenden Ab­schnitts der Paderborner Theologiegeschichte. Es empfiehlt sich, die Reihe in der Abfolge des Erscheinens vorzustellen. In jeder Nummer werden der Autor, der Titel der Stu­die, die theologische Disziplin, gegebenenfalls die auswärtige Hochschule bzw. Universität und der Name des Mentors angegeben.

 

Nr. 1: Wilhelm Maas: Unveränderlichkeit Gottes. Zum Verhältnis von griechisch‑ philosophischer und christlicher Gotteslehre. 1974. - 210 Seiten. Dissertation im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr. 2: Karl Hengst: Kirchliche Reformen im Fürstbistum Paderborn unter Dietrich von Fürsten­berg (1585‑1618). Ein Beitrag zur Geschichte der Gegenreformation und katholischen Reform in Westfalen. 1974. - 326 Seiten und 8 Abbildungen. Dissertation im Fach Kirchen­geschichte. Clemens Honselmann.

 

Nr. 3: Hans‑Jürgen van der Minde: Schrift und Tradition bei Paulus. Ihre Bedeutung und Funk­tion im Römerbrief. 1976. - 221 Seiten. Bochumer Dissertation im Fach Exegese des Neuen Testaments. Gerhard Schneider.

 

Nr. 4: Eugen Drewermann: Strukturen des Bösen. Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer, psychoanalytischer und philosophischer Sicht. Teil 1: Die jahwistische Urgeschichte in exegeti­scher Sicht. 1976. 10. Auflage 1995. - 413 Seiten. Dissertation im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr. 5: Eugen Drewermann: Strukturen des Bösen. Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer, psychoanalytischer und philosophischer Sicht. Teil 2: Die jahwistische Urgeschichte in psycho­analytischer Sicht. 1977, 7. Auflage 1995. - 679 Seiten. Erster Teil der Habilitationsschrift im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr. 6:    Eugen Drewermann: Strukturen des Bösen. Die jahwistische Urgeschichte in exegetischer, psychoanalytischer und philosophischer Sicht. Teil 3: Die jahwistische Urgeschichte in philoso­phischer Sicht. 1978, 8. Auflage 1996. - 656 Seiten. Zweiter Teil der Habilitationsschrift im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr. 7:     Georg Föllinger: Corvey ‑ Von der Reichsabtei zum Fürstbistum. Die Säkularisation der exemten reichsunmittelbaren Benediktiner‑Abtei Corvey und die Gründung des Bistums 1786‑1794. 1978. - 194 Seiten. Freiburger Dissertation im Fach Kirchengeschichte. Remigi­us Bäumer.

 

Nr. 8: Ludger Winner: Sühne im interpersonalen Vollzug. 1978. - 178 Seiten. Dissertation im Fach Moraltheologie. Bernhard Fraling.

 

Nr. 9: Josef Brinkmann: Toleranz in der Kirche. Eine moraltheologische Untersuchung über in­stitutionelle Aspekte innerkirchlicher Toleranz. 1980. - 358 Seiten. Dissertation im Fach Moraltheologie. Bernhard Fraling.

 

Nr. 10:   Franz Georg Untergaßmair: Kreuzweg und Kreuzigung Jesu. Ein Beitrag zur lukanischen Redaktionsgeschichte und zur Frage nach der lukanischen "Kreuzestheologie". 1980. - 237 Sei­ten. Habilitationsschrift im Fach Exegese des Neuen Testaments. Josef Ernst.

 


Nr. 11:   Arnulf Vagedes: Das Konzil über dem Papst? Die Stellungnahmen des Nikolaus von Kues und des Panormitanus zum Streit zwischen dem Konzil von Basel und Eugen IV. 1981. Teil 1: Text, 451 Seiten. Teil 2: Anmerkungen, 423 Seiten. Dissertation im Fach Kirchen­geschichte. Remigius Bäumer, Fritz Normann.

 

Nr. 12:   Thomas Freyer: Pneumatologie als Strukturprinzip der Dogmatik. Überlegungen im An­schluß an die Lehre von der "Geisttaufe" bei Karl Barth. 1982. - 437 Seiten. Dissertation im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr.  13:  Lucida Schmieder OSB: Geisttaufe. Ein Beitrag zur neuen Glaubensgeschichte. 1982. - 486 Seiten. Dissertation im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr. 14:   Georg Föllinger: Das Bistum Paderborn im Spannungsfeld von Staat und Kirche in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 1986. - 224 Seiten. Freiburger Habilitationsschrift im Fach Kirchengeschichte. Remigius Bäumer.

 

Nr. 15:   Petra Kurten: Umkehr zum lebendigen Gott. Die Bekenntnistheologie August Hermann Franckes als Beitrag zur Erneuerung des Glaubens. 1985. - 298 Seiten. Dissertation im Fach Dogmatik. Heribert Mühlen.

 

Nr. 16:   Franz‑Josef Bode: Gemeinschaft mit dem lebendigen Gott. Die Lehre von der Eucharistie bei Matthias Joseph Scheeben. 1986. - 522 Seiten. Bonner Dissertation im Fach Dogmatik. Wil­helm Breuning.

 

Nr. 17:   Gabriele Meier: Die Bischöfe von Paderborn und ihr Bistum im Hochmittelalter. 1987. - 370  Seiten. Kölner Dissertation im Fach Kirchengeschichte. Odilo Engels.

 

Nr. 18:   Karl‑Heinz Drobner: Johann Valentin Heimes (1741 ‑ 1806), Weihbischof in Worms und Mainz. Politiker und Seelsorger am Ausgang des Alten Reiches. 1988. - 268 Seiten. Disserta­tion im Fach Kirchengeschichte. Karl Hengst.

 

Nr. 19:   Knut Backhaus: Die "Jüngerkreise" des Täufers Johannes. Eine Studie zu den religions­ge­schichtlichen Ursprüngen des Christentums. 1991. - 405 Seiten. Dissertation im Fach Exegese des Neuen Testaments. Josef Ernst.

 

Nr. 20:   Werner Sosna: Die Selbstmitteilung Gottes in Jesus Christus, Grundlagen und dogmatische Explikation der Christologie Herman Schells. 1991. - 319 Seiten. Dissertation im Fach Fun­damentaltheologie. Wendelin Knoch.

 

Nr. 21:   Gabriele Mietke: Die Bautätigkeit Bischof Meinwerks von Paderborn und die frühchristliche und byzantinische Architektur. 1991. - 255 Seiten, 44 Zeichnungen und 161 Abbildungen. Freiburger philosophische Dissertation. Otto Feld.

 

Nr. 22:   Richard Geisen: Anthroposophie und Gnostizismus. Darstellung, Vergleich und theologische Kritik. 1992. - 584 Seiten. Dissertation im Fach Fundamentaltheologie. Wendelin Knoch.

 

Nr. 23:   Dieter Hattrup: Ekstatik und Geschichte. Die Entwicklung der christologischen Erkenntnis­theorie Bonaventuras. 1993. - 341 Seiten. Tübinger Habilitationsschrift im Fach Dogmatik. Peter Hünermaun.

 

Nr. 24:   Klaus Scholtissek: Vollmacht im Alten Testament und Judentum. Begriffs‑ und motivge­schichtliche Studien zu einem bibeltheologischen Thema (mit einem Ausblick auf das Neue Te­stament). 1993. - 186 Seiten. 2. Teil der Münsteraner Dissertation im Fach Exegese des Neuen Testaments, Karl Kertelge. .

 

Nr. 25:   Jörg Ernesti: Princeps christianus und Kaiser aller Römer. Theodosius der Grosse im Lichte zeitgenössischer Quellen. 1998. - 507 Seiten. Dissertation im Fach Historia Ecclesiastica der Pontificia Universitas Gregoriana, Rom. Bernhard Kriegbaum SJ.


 

Die bisherigen Herausgeber Remigius Bäumer, Josef Ernst und Heribert Mühlen legen nach fünfundzwanzig Jahren die Hochschulreihe mit guten Wünschen in jüngere Hände. Ein Wort des Dankes gilt dem Verlag Ferdinand Schöningh, der das Unternehmen Paderborner Theologische Studien mit viel Verständnis und zielstrebiger Tatkraft begleitet und gefördert hat. Das Zusammen­spiel von Autoren, Herausgebern und dem Verlag findet seinen konkreten Niederschlag im Buch, das im Rahmen der wissenschaftlichen Reihe dann doch sein eigenes Profil hat und sich in der Kritik der fachkundigen Öffentlichkeit bewähren muß. "Pro captu lectoris habent sua fata libelli" (Terentianus Maurus).

 



[1]  Die Konzilskonstitution Dei Verbum Art. 12 hat mit Nachdruck auf die literarischen Redegattungen der Evangelien, welche die Erklärer zu erforschen und zu durchleuchten haben, verwiesen. Für die historisch‑kritische Exegese eröffnete sich hier ein weites Feld; vgl. den Kommentar von Joseph Ratzinger in: LThK2, Das Zweite Vatikanische Konzil II, 556, über die angemessenen hermeneutischen Regeln: "Das Konzil vertritt ... eine Verbindung von fachexegetischer Hermeneutik und gesamttheologischer Methodik und lebendig‑kirchlichem Glaubensverständnis, die jedem die notwendi­ge Besonderheit läßt (Hervorhebung von mir), allen aber das gemeinsame Ziel weist: die immer vollere Erfassung und Aneignung der Offenbarungswirklichkeit."

[2]  Gottlieb Söhngen in: Mysterium Salutis I. Einsiedeln u. a.: Benziger, 1965, 947: "Und wo stehen ... Theologie und Theologische Fakultät im Ganzen der Universität, in der universitas litterarum, im Kreis der Fakultäten und Wissen­schaften?" Die Antwort von G. Söhngen lautet: Die Theologie argumentiert unter der Voraussetzung der Offenbarung, aber: Die ihr zukommende Sonderstellung kann und darf nicht relativiert werden. Kooperation mit den Prinzipien der rationalen Forschung ist geboten, vgl. a. a. O., 948: "In 'Theologie und Wissenschaft' und so auch in 'Theologie und Philosophie' haben wir es mit einem der großen Dualismen zu tun, wie sie uns allenthalben in den Wissenschaften begegnen. Und in der dihairetischen und synagogischen Dialektik ... vermögen beide, Theologie und Philosophie, je ganz zu sich selbst zu kommen."

[3]  Volker Eid in: Rheinischer Merkur / Christ und Welt 29 (1998) 27.