Riskantes Zeugnis.
Zur Identität kirchlicher Verkündigung
von Herbert Haslinger
Kurzinhalt - Summary:
Herbert Haslinger befaßt sich mit der Identität kirchlicher
Verkündigung und umschreibt sie als riskantes Zeugnis. Nach der
eindringlichen Klärung des Zeugnisbegriffes, den er mit aktuellen, biblischen
und philosophischen (Levinas) Zugängen erhellt, zieht er dann homiletische
Konsequenzen. Predigt ist keine Manipulation der Hörenden, sondern eine
qualifizierte Gottrede, so daß sich etwas ändern kann (Rolf Zerfaß). Der
Prediger muß sich stets der Differenz von Menschen- und Gotteswort bewußt
bleiben.
Herbert Haslinger
describes the identity of Christian preaching by referring to the concept of
'risky witness'. An elaboration of the notion of witness by means of current
experience as well as biblical and philosophical (Lévinas) reflection makes him
ready to draw some homiletic conclusions. Homily is no manipulation of the
hearers, but a qualified speaking of God, so that something may change (Rolf
Zerfaß). The preacher should always be aware of the difference between human
words and God's word.
„Wir müssen lernen, daß Glaube und Martyria
zusammengehören. Glaube ohne Risiko gibt es nicht.“ Diese Aufforderung des
ungarischen Pastoraltheologen András Máte-Tóth[1]
läßt aufhorchen: Was veranlaßt ihn dazu, die Zusammengehörigkeit von Glaube
und Martyria einzufordern? Handelt es sich dabei nicht um eine Tautologie, da
doch die Martyria in sich als der Inbegriff der Glaubensvermittlung zu
verstehen sei? Der zweite Teil seiner Aussage gibt Antwort: "Glaube ohne
Risiko gibt es nicht." Als jemand, der unter den Bedingungen eines
kommunistischen Systems den christlichen Glauben als ein Leben im Untergrund
kennengelernt hat, weiß er darum, daß die Martyria, das Zeugnis des
christlichen Glaubens, will es authentisches Zeugnis sein, nicht einfach die
Thematisierung des Glaubens ist; Zeugnis bedeutet Risiko – und zwar kein
theoretisch behauptetes, sondern ein existentiell erfahrenes Risiko. Unter den
Bedingungen der etablierten, staatlich gestützten und geschützten Kirchen des
deutschen Sprachraums ist uns dieser Charakter der Martyria als "riskantes
Zeugnis" offenkundig fremd geworden. Mit ungebrochener Selbstverständlichkeit
verwenden wir das Theorem der kirchlichen Grundvollzüge Liturgie, Verkündigung,
Diakonie und Koinonia als Systematisierungsraster kirchlicher Praxis, sprechen
dabei auch wohlfeil in der griechischen Diktion des Neuen Testaments von
„Martyria“ und meinen damit unsere Verkündigungspraxis, welche zudem im
durchschnittlichen Bewußtsein einseitig mit verbal bzw. rational ausgelegten
Formen der Thematisierung von Glaubensinhalten assoziiert wird. Für die
Identität kirchlicher Verkündigung ist der Anspruch, daß diese Martyria, also
Zeugnis zu sein habe, konstitutiv. Die Verkündigung ist christliche
Verkündigung, wenn sie „diesen Gott zum Vorschein kommen läßt“[2]
, wenn sie „Bezeugung der letzten heilshaften Zuwendung Gottes an die Welt in
Jesus Christus“[3] ist.
Gleichwohl bleibt die Frage: Wie soll Verkündigung geschehen, wenn sie Zeugnis
sein will?
1 Was
bedeutet „Zeugnis“?
1.1 Ein
Beispiel „aus dem Leben gegriffen“
In seinem Lied „Zeugnistag“ erzählt Reinhard Mey von
einem Schüler, der im Zeugnis schlechte Zensuren erhält. Da er Angst davor hat,
das Zeugnis seinen Eltern zu zeigen, unterschreibt er dieses selbst. Der
Schwindel fliegt auf, woraufhin die Eltern zu einem Gespräch an die Schule
zitiert werden. Der Lehrer empört sich über den mißratenen Sohn und erwartet
selbstsicher, daß nun die Eltern, ihm beipflichtend, dem Sohn die gerechte
Strafe erteilen. Es kommt jedoch anders. Die Eltern beteuern, daß die Unterschriften
durchaus von ihnen stammen würden, und erklären die wackelige Schrift mit
treuherzigen Ausreden. Den pickierten Lehrer zurücklassend stehen die Eltern
auf und sagen: „Komm, Junge, laß uns geh'n.“ Die Angst des Sohnes ist
verflogen. Er habe, so singt Reinhard Mey weiter, noch viele Jahre auf Schulen
verbracht und viel Unnützes gelernt. Die Lektion aber, die ihm damals seine
Eltern erteilt hätten, habe er sich gemerkt und sie sei ihm in seinem Leben
noch oft eine Hilfe gewesen.
Hier ist wahrlich von einem „Zeugnistag“ die Rede. Die
Lektion der Eltern war eine Lektion darüber, wie Menschen zueinander stehen
und füreinander einstehen. Die Eltern legten Zeugnis ab über die Treue zu
ihrem Sohn. So bietet dieses Lied Anhaltspunkte für die spezifische Qualität
eines Zeugnisses:
Das Zeugnis ist etwas anderes als Information oder
Belehrung über einen Sachverhalt. Die Treue der Eltern wäre wohl weniger
evident, wenn sie diese lediglich in Form einer nüchternen Sachaussage
konstatieren würden. Erst dadurch, daß sie sich persönlich einsetzen und sich
mit ihrer Person dem Geschehen aussetzen, wird ihr Reden und Tun für den Sohn
zum Zeugnis. Ihre offenkundige Lüge ist nicht der entscheidende Punkt. Vielmehr
kommt hier zum Ausdruck, daß die Wahrheit des Zeugnisses jenseits der Wahrheit
liegt, die sich objektiv feststellen läßt. Die Wahrheit des Zeugnisses läßt
sich nicht erfassen und nicht hinreichend zum Ausdruck bringen durch „wahre“
Aussagen über das Bezeugte. Der Inhalt des Zeugnisses braucht, um als wahr akzeptiert
werden zu können, eine Entsprechung im Handeln der bezeugenden Person. Für das
Zeugnis ist also eine orthopraktische Struktur konstitutiv.
Das Zeugnis setzt als seine Basis die Authentizität
der bezeugenden Person voraus. Das Zeugnis der Eltern wäre für den Sohn wenig
überzeugend gewesen, wenn sie ihm genau im Akt des Zeugnisses fremd erschienen
wären. Gelingensbedingung des Zeugnisses ist das Vertrauen der angesprochenen
Person.[4] Das Zeugnis wirkt also erst überzeugend,
wenn es als echtes Element der Identität des Bezeugenden erkennbar ist.
Das Zeugnis geht in die Beziehung der betroffenen
Personen ein und verändert diese Beziehung. Der Sohn hat erfahren, was
seiner Beziehung zu den Eltern Tragfähigkeit verleiht. An die Stelle von Angst
trat Zuversicht und Erleichterung. Wenn der Bezeugende sich in der Beziehung
zum Zeugnisadressaten mit seiner Person engagiert, dann geht dieses Bezeugen
weder an ihm selbst noch am Adressaten spurlos vorüber. Es entsteht eine andere
Qualität der Beziehung.
Das Zeugnis ermöglicht und eröffnet Leben. Die
Angst des Sohnes war keine Grundlage für das gemeinsame Leben mit den Eltern.
Erst deren Zeugnis hat dieses wieder ermöglicht. Im späteren Leben mußte er
noch oft an diese „Lektion der Eltern“ denken. Das Zeugnis der Eltern hat ihm
Lebensperspektiven eröffnet.
Das Zeugnis will beim Adressaten ankommen und etwas
bewirken, es will ihn aber nicht angleichen. Das Zeugnis ist Zeugnis, wenn es
nicht eine „alte“ Lebensvorstellung durchsetzen, sondern zu neuen
Lebensmöglichkeiten freisetzen will. Gerade diese Selbstlosigkeit ermöglicht es
der angesprochenen Person, die Wahrheit des Zeugnisses als Wahrheit der
eigenen Existenz anzunehmen.
Der Blick auf diese Begebenheit aus dem Alltag des Lebens
hat konstitutive Elemente des Zeugnisses erkennbar gemacht – die Authentizität
der bezeugenden Person, die orthopraktische Struktur, die Veränderung der
Beziehung, die Eröffnung von Lebensmöglichkeiten und die existentielle Übernahme
– und erweist sich somit bereits als Reflexion auf die theologische Bedeutung
des Zeugnisses. Das einschlägige Apostolische Schreiben „Evangelii nuntiandi“
ist ja mit dem vielzitierten Hinweis auf das „Zeugnis ohne Worte“ (EN 21) nicht
nur Beleg für die orthopraktische Struktur und fordert von der Kirche nicht
nur Authentizität durch eigene Bekehrung und Erneuerung (EN 15). Es formuliert
auch die anderen Konstitutiva des Zeugnisses: „Evangelisieren besagt für die
Kirche, die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie
durch deren Einfluß von innen her umzuwandeln und die Menschheit selbst zu
erneuern. . . . Die Verkündigung erhält in der Tat ihre volle Dimension nur,
wenn sie gehört, aufgenommen und angeeignet wird und in dem, der sie so
annimmt, die Zustimmung des Herzens bewirkt . . . Zustimmung zu dem Reich, d.
h. zur 'neuen Welt', zum neuen Zustand der Dinge, zur neuen Weise des Seins,
des Lebens, des Zusammenlebens, die das Evangelium eröffnet.“ (EN 18/23)
1.2 Die
Bedeutung des Zeugnisses in der und für die Kirche
Es muß das Zeugnis in der Kirche geben, weil es die
Kirche als Kirche gibt. Diese Aussage ist nur scheinbar tautologisch. Der Kern
des Zeugnisses in der Kirche ist die Auferstehung Christi.[5]
Die Auferstehung als solche erklärt aber noch nicht das kirchliche Phänomen des
Zeugnisses. Dieses verdankt sich dem mit der Auferstehung verbundenen Wandel im
Selbstverständnis der Jüngergemeinschaft. Der Tod Jesu am Kreuz ließ die
Jünger, wie es in der Emmaus-Erzählung heißt, traurig stehen bleiben, wirkte
lähmend (vgl. Lk 24, 17b). Die Auferstehung jedoch bedeutete ihnen: Die in
Jesu Botschaft zugesagte Erlösung hat Gültigkeit, eine Gültigkeit, welche ihrem
irdischen Dasein neuen Sinn verleiht. Sie sollten – so heißt es in Lk 24, 48 –
Zeugen sein für das, was sie erlebt haben, d. h. Zeugen „des nach der Schrift
erfolgten Leidens Jesu, seiner Auferstehung und der zu verkündenden
Vergebungsbotschaft“[6].
Das Zeugnis gibt es, weil es die Kirche als Kirche gibt,
d. h. weil mit Tod und Auferstehung Jesu nicht einfach Schluß war. Die
Nachfolgegemeinschaft Jesu mußte sich auf ihren geschichtlichen Weg einstellen
und als Kirche konstituieren. Um für die Menschen bzw. die Gesellschaft einschätzbar
und identifizierbar zu werden, brauchte die entstehende Kirche Vergewisserung
durch einen authentischen, unmittelbaren Rückbezug auf ihren Identitätsgrund,
auf Jesus Christus. Die Zwölf als Augenzeugen waren die ersten Gewährspersonen
der authentischen Überlieferung und somit der Identitätskonstitution der
Kirche.
Das Problem der Ursprungstreue des Zeugnisses stellte
sich in seiner eigentlichen Schärfe aber erst, als es die Zwölf, die
„Prototypen“ der Zeugenschaft, nicht mehr gab. Was die Augenzeugen in persona,
gleichsam „automatisch“, eben durch ihre Augenzeugenschaft bewirkt hatten, nämlich
eine tragfähige Wahrhaftigkeit des Überlieferten, mußte die in der Geschichte
werdende und fortbestehende Kirche in ihrem eigenen Selbstvollzug erfüllen.
Seither ist es ihr Bemühen, der eigenen Praxis eine Gestalt zu verleihen, in
der die Botschaft Jesu so bewahrt wird, daß sie die Menschen unmittelbar
angeht, daß sie nicht nur behauptet, sondern existentiell angeeignet wird, daß
sie der Beziehung zwischen Menschen neue Qualität verleiht und daß sie sich im
Leben der Menschen spürbar auswirkt. Das ist der Anspruch, der mit dem Begriff
Zeugnis für die Kirche verbunden ist.
2 Zeugnis
vom Gott Jesu Christi
2.1 Die
theologische Grundlage und Norm: Jesus, der Christus
Mit der Glaubenserfahrung der Auferstehung ist das
Christusbekenntnis der neu formierten Jüngergemeinschaft verbunden: Dieser
Jesus, mit dem sie beisammen waren, ist von Gott, seinem Vater als „der Sohn“
bestätigt; er ist der Herr, der Messias, der Christus.[7]
Fatalerweise hat die Verknüpfung des Prädikats „Christus“
mit der Auferstehung zu einer gewissen „christologischen Schizophrenie“
geführt. „Jesus“ und „Christus“ wurden nicht selten als zwei verschiedene
Gestalten oder zumindest als zwei verschiedene, aufeinanderfolgende Identitäten
betrachtet.[8]
Folglich kam es bei der Frage nach dem Inhalt des christlichen Zeugnisses
tendenziell zu einer Fixierung auf die so separierte Gestalt des
auferstandenen Christus und zu einer Ausblendung des irdischen Jesus von
Nazaret.
Eine theologische Reflexion auf die Bedeutung des
Zeugnisses für die christliche Praxis muß dem gegensteuern. Die Auferstehung
macht diesen als Mensch lebenden Jesus nicht obsolet, sondern bestätigt ihn
mitsamt seiner Praxis. Er wird zum
„universale concretum“, zu jemanden, der in seiner konkreten irdischen Existenz
als Mensch universale Gültigkeit als von Gott zugesagtes Heil erlangt.
Dementsprechend gilt es auch, einer schizophrenen Spaltung zwischen einem Zeugnis
von Jesus und einem Zeugnis von Christus zu wehren. Aus Jesus ist nicht später
Christus geworden, sondern durch die Auferstehung ist Jesus als der Christus
identifiziert. Hier handelt es sich um ein „Bekenntnis, das besagt: Jesus ist
der Christus. . . . Dieser einmalige, unvertauschbare Jesus von Nazareth ist
zugleich der von Gott gesandte Christus“.[9]
In diesem Jesus, in seiner Praxis und in der darin erkennbaren Botschaft vom
Reich Gottes findet das christliche Zeugnis seine theologische Norm und es ist
christliches Zeugnis in dem Maß, wie der Mensch den Lebensmodus Jesu in die
eigene Existenz übernimmt.[10]
2.2 Die
Sendung Jesu und die diakonische
Praxisgestalt des Zeugnisses
Jesus, der Christus ist Inhalt und Norm des christlichen
Zeugnisses. Diese grundlegende Bestimmung muß eingelöst werden, wenn es darum
geht, wie sich das Zeugnis im je konkreten Existenzvollzug
ausgestaltet. Jesus verstand sich seinerseits als ein Gesandter, der in seiner
Existenz selbst Zeugnis gibt von der Zusage des Reiches Gottes und der diese
als Wirklichkeit für die Menschen erfahrbar machen will. Die Art, wie Jesus
seine Sendung ausfüllte, ist Kriterium dafür, welche Praxisgestalt das Zeugnis
der Kirche anzunehmen hat. Exemplarisch läßt sich das „Programm“ Jesu kenntlich
machen anhand des sogenannten „Nazaret-Manifests“:
„So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und
ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der
Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug
das Buch auf und fand die Stelle, wo es heißt: Der Geist des Herrn ruht auf
mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen
eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde
und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze
und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe. Dann schloß er das Buch, gab es dem Synagogendiener
und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da
begann er, ihnen darzulegen: heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben
gehört habt, erfüllt.“ (Lk 4, 16-21)
Jesus versteht sich dazu gesandt, eine gute Nachricht zu
bringen. Deren erste Bestimmung lautet: Sie gilt den Armen. Die gute Nachricht
ist gut, insofern sie für Arme gut ist. Wichtig ist die unscheinbare
Nebensatzeinleitung „damit“: Sie zeigt an, daß es hier in einem finalen Sinn
darum geht, daß in Jesu Sendung die genannten Anliegen in erfahrbare
Wirklichkeiten umgesetzt – und nicht nur im konstativen Sinn als Inhalt der
Nachricht behauptet – werden. Deshalb kann Jesus gerade angesichts der auf ihn
gerichteten Augen das „heute“ dieser guten Nachricht behaupten. Er
identifiziert sich in seiner Existenz so sehr mit deren Inhalt, daß im Hier und
Jetzt des Zusammenseins mit ihm auch der Ort der Verwirklichung der guten
Nachricht gegeben ist. Inhaltlich sieht Jesus die Botschaft vom Reich Gottes
dort verwirklicht, wo Menschen aus ihren vielfältigen Nöten befreit sind.
Jesus als Inhalt und Norm des christlichen Zeugnisses zu veranschlagen hat also
eine bestimmte Spezifizierung der Praxisgestalt des Zeugnisses zur Konsequenz.
Das Zeugnis muß von einer Art sein, daß es Menschen hilft, ihre Armut zu
überwinden, sich von unterdrückenden Mächten zu befreien, sich von
ideologischen Verblendungen zu lösen und Lebenseinschränkungen auf ein
eigendefiniertes Subjektsein hin zu überschreiten. All das bedeutet: Das
Zeugnis findet seine Identität darin, Diakonie zu sein, im Dienst am Menschen
und seinem menschenwürdigen Mensch-Sein zu stehen.
2.3 Zeugnis
von Gott, dem Unendlichen
Jesus ist der bezeugte Zeuge. Er legt in seiner Existenz
selbst Zeugnis ab von Gott und dessen heilsamer Zuwendung zur Welt. Das
christliche Zeugnis ist damit seinem Wesen nach Zeugnis von Gott. Allerdings
ist zu fragen, ob im gängigen Zeugnisverständnis und in der gängigen Verkündigungspraxis
wirklich konsequent ernstgenommen wird, daß dieser Gott der Unendliche ist, der
unfaßbare, dem menschlichen Verfügungswillen entzogene Gott. Von welcher Art
das Zeugnis von Gott sein muß, wenn es die Unendlichkeit Gottes nicht verdecken
und nicht verletzen will, hat der jüdische Philosoph Emmanuel Levinas
aufgezeigt.[11]
Sein Ausgangspunkt ist eine fundamentale Kritik des
(konventionellen) Humanismus. Er setzt sich ab vom abendländischen
Selbstverständnis des Menschen, in dem dieser sich zum selbstherrlichen
Subjekt der Welt aufschwingt, in seinem Denken Zugriff auf die ihn umgebende
Welt nimmt und die Welt seinen Vorstellungen angleicht, zu seiner Welt
macht. Diese Art von Humanismus, in der sich der Mensch zum Mittelpunkt und
Maß seiner Welt macht, kann dialektisch umschlagen und zur extremen Inhumanität
entarten. Das ist dann der Fall, wenn der Zugriff des Menschen auf die Welt,
das Sich-die-Welt-verfügbar-Machen gegen andere Menschen gerichtet ist. Der
Mensch begegnet anderen Menschen mit der Maßgabe, diese auf sich selbst
hinzuordnen und den eigenen Vorstellungen anzupassen. Dadurch wird der andere
Mensch in seinem Anders-Sein, letztlich als anderer Mensch verneint.
Dem setzt Levinas seinen „Humanismus des anderen
Menschen“ entgegen. Grundlage dafür ist die Beobachtung, daß in der
Begegnung mit dem anderen Menschen das Ich durch das unausweichliche
Anders-Sein des Anderen in seinem Selbstbehauptungsstreben irritiert wird. Der
andere Mensch begegnet zunächst immer als Anderer, der sich in seinem
ursprünglichen Anders-Sein gegen eine Angleichung sperrt.
Eine wirklich humane Begegnung zwischen Menschen ist erst
dann gegeben, wenn sie ihre gegenseitige Anerkennung konsequent bis in das
Anders-Sein des Anderen durchhalten, wenn also das Ich auf die Einpassung des
Anderen in die eigenen Interessen verzichtet und den Anderen in seinem
Anders-Sein, d. h. als anderen Menschen sein läßt. Das ist gleichsam der
„humanere Humanismus“, der Humanismus des anderen Menschen, in dem der Mensch
einsteht dafür, daß der Andere als Anderer existieren kann. Die Begegnung und
Beziehung zwischen Menschen ist folglich als Verantwortung für den Anderen
zu gestalten.
Diese Verantwortung für den Anderen ist unendlich,
unendlich in dem Sinn, daß es keinen Punkt gibt, an dem hinter die
Verantwortungsbeziehung zum Anderen zurückgegangen bzw. die Verantwortung für
den Anderen relativiert, anderen Zwecken untergeordnet werden könnte.
Aufgrund der Unendlichkeit der Verantwortung wird
schließlich der Andere zum Ort, an dem das bzw. der Unendliche erahnt wird, d.
h. wo die „Immanenz“, das Auf-sich-selbst-bezogen-Sein des Menschen
aufgebrochen wird. Der Andere ist der Ort wirklicher Transzendenz, weil
in der Beziehung zum Anderen der Mensch sich selbst überschreiten muß. Levinas
redet hier, spürbar geleitet von seiner jüdischen Tradition, sehr diskret,
jedes definitorische Bestimmen, wer „der Unendliche“ sei, vermeidend. Im
Anderen, im Angesicht des Anderen ist die Spur Gottes wahrnehmbar. Spur
ist eine Metapher, die Widersprüchliches vereint: Präsenz und Entzogenheit. Die
Spur zeigt mir an, daß es etwas gibt, und gleichzeitig, daß es für mich nicht
vorhanden ist. Das ist die Weise, in der der Andere Ort der Erfahrung Gottes
ist. Im Anderen ist Gott für den Menschen nicht vorhanden; Gott ist nicht
verfügbar. Aber weil die Verantwortung für den Anderen „unendlich“ ist, erahne
ich im Angesicht des Anderen, daß es den Unendlichen gibt.
Folglich ist die Beziehung zum Anderen der Ort, an dem
sich die Beziehung des Menschen zu Gott bewähren muß. Mit der
Unverfügbarkeit Gottes ist auch der Andere dem Verfügungswillen des Menschen
entzogen. Jede Verzweckung des Anderen zugunsten eigener Interessen wäre eine
Nicht-Ernstnahme des im Anderen begegnenden Unendlichen, wäre Blasphemie,
Beleidigung Gottes. In dieser spannungsreichen Bedeutung, in der der Unendliche
den Menschen zur unendlichen Verantwortung für den Anderen beansprucht und in
der er sich zugleich der Verfügungsmacht des Menschen entzieht, erweist sich
die Herrlichkeit Gottes. Die dieser Herrlichkeit angemessene Antwort des
Menschen ist kein selbstherrliches „Hier bin ich!“ oder „Ich will!“, sondern
ein der Verantwortung unterworfenes „Hier, sieh mich!“. Die Unterwerfung unter
die Verantwortung für den Anderen, das Einstehen dafür, daß der Andere als
dieser Andere existieren kann, ist die einzig angemessene Weise der
Verherrlichung Gottes, ist authentisches Zeugnis vom Unendlichen, weil es als
die unbedingte Annäherung an den Nächsten die Unendlichkeit des Unendlichen
bewahrt.[12]
Das Wesen des Zeugnisses ist nicht das Reden über Gott,
ist nicht die Enthüllung eines Inhalts oder die Behauptung einer Lehre über
Gott. Das wäre eine Wahrheit, mit der lediglich die Bestätigung der je eigenen
Vorstellungen gesucht würde. Im Zeugnis von Gott geht es um eine Wahrheit, die
sich nicht in der Richtigkeit einer Rede über Gott, sondern in der
Aufrichtigkeit der Beziehung zum Anderen bewährt. Das Zeugnis ist kein
Sich-Zeigen, keine Vergegenwärtigung, keine Vor-Stellung Gottes; in ihm kann
Gott nicht zum Thema gemacht, d. h. nicht in die Vorstellungsmuster des
Menschen eingepaßt werden. Die Unbedingtheit der Verantwortung gebietet
geradezu, daß die bezeugende Person die Rede von Gott nicht selbstsicher wie
eine Trophäe vor sich her trägt. Zeugnis von Gott ablegen heißt nicht,
möglichst oft das Wort „Gott“ auszusprechen, sondern es heißt, sich aufrichtig,
frei vom Kalkül der Vereinnahmung dem Anderen zu nähern und sich der
Verantwortung für ihn zu unterstellen. „'Hier, sieh mich'! In dem Satz, in dem
Gott sich erstmals unter die Worte mischt, fehlt noch das Wort Gott. Auf keinen
Fall lautet dieser Satz: 'Ich glaube an Gott'. Gott bezeugen heißt gerade nicht
dieses außer-ordentliche Wort aussprechen, als könnte die Herrlichkeit
einziehen in ein Thema und sich als These darstellen . . .“[13] Zwar ist es notwendig, das Zeugnis zu
thematisieren und darüber zu kommunizieren. Aber dieses Thematisieren, dieses
Theologie-Treiben ist ein sekundärer Akt nach dem primären Akt des
Zeugnisses.
Wenn der Mensch im Zeugnis derart für den Anderen und
sein Anders-Sein in Dienst genommen ist, dann zeichnet sich hier eine neue
fundamentalere Sicht der Zusammengehörigkeit von Diakonie und Martyria ab.
Deren Zuordnung wird gängigerweise nach dem Muster vorgenommen, daß gegenüber
dem in der Diakonie realisierten Bezug zum anderen Menschen in der Martyria der
Bezug zu Gott vergegenwärtigt werden müsse. Genau dieses Muster wird in dem dargestellten
Verständnis des Zeugnisses von Gott als Zeugnis vom Unendlichen aufgebrochen.
Die diakonische Struktur des Zeugnisses ergibt sich gerade aus dessen Bezug zu
Gott und ist nicht die sekundäre Ableitung oder gar Antipode eines
„eigentlichen“ Zeugnisses. Gerade wenn das Zeugnis Gott als den Unendlichen
bezeugen will, kann es nur die Gestalt der Verantwortung für den Anderen
annehmen, muß es in sich Diakonie sein.[14]
Auf diesem Hintergrund bekommt die eingangs erwähnte
Identifizierung der Martyria als Risiko eine neue Evidenz. Das Zeugnis muß sich
von der Sicherheit einer definitorischen Rede von Gott lösen. Es muß verzichten
auf die beruhigende Eindeutigkeit des Wissens, wer Gott und was der Wille
Gottes sei. Im Zeugnis muß sich der Mensch sich selbst verlassend auf den
Anderen hin ver-ändern. Die Verantwortung für den Anderen bedeutet, daß sich
der Mensch im Zeugnis-Geben den Unwägbarkeiten der anstrengenden Beziehung zum
Anderen aussetzt und von dessen Anders-Sein in der eigenen Existenzform in
Frage gestellt oder sogar erschüttert wird. Auch so gesehen ist das Zeugnis vom Unendlichen ein riskantes Zeugnis.
3 Homiletische
Herausforderungen
Predigt ist Rede. So stellt sich die Frage, ob das
Predigen überhaupt im Sinne des dargestellten Zeugnisverständnisses konzipiert
werden kann, wonach das Reden eben nicht das Wesen des Zeugnisses ist. Diese
scheinbare Paradoxie löst sich auf, wenn man die in der Predigtlehre sattsam
bekannte, aber unvermindert relevante Erkenntnis der Sprechakttheorie in
Anschlag bringt: Die Predigt ist nicht nur Artikulation von Wörtern, nicht bloße
informierende Rede, sondern Sprachhandlung. Predigen ist ein Akt des
Sprechens, der von Anfang an auf die Hörenden bezogen ist und auf eine Wirkung
abzielt.[15] Im
Predigen entsteht Beziehung und werden bestehende Beziehungen gestaltet. Es
ist ein Handeln, in dem sich die predigende Person in ihrer Verantwortung für
den Anderen bewährt oder eben nicht bewährt. Somit besteht das Kriterium der
Predigtkonzeption durchaus in der Frage: Wie kann die Predigt Zeugnis sein?
3.1 „Gott so
zu Wort kommen lassen, daß sich etwas ändern kann“
Rolf Zerfaß hat darauf hingewiesen, daß die Verkündigung
des Evangeliums bei den Hörenden Wirkungen auslöst und daß von diesen
Wirkungen zurückgeschlossen wird auf Gott und darauf, wie die Herrschaft Gottes
unter den Menschen Gestalt gewinnt. „Darum darf auch nur das als christliche
Verkündigung bezeichnet werden, was diesen Gott zum Vorschein kommen läßt.“[16]
Mit der Verkündigungspraxis ist folglich eine nicht zu unterschätzende
Verantwortung verbunden. Wer verkündigt, wer etwa in einer Predigt vor
mehreren Menschen ohne faktische Möglichkeit des Widerspruchs reden kann, hat
eine Machtposition inne. Mit dieser darf die predigende Person nicht beliebig
umgehen. Ihre erste Frage lautet: Welche Wirkung zeitigt der Inhalt und Stil
meiner Verkündigung bei den Hörenden? Maßgabe dafür ist der Stil der
Verkündigung Jesu, die nach Zerfaß folgende Kennzeichnungen aufweist:
Aufmerksamkeit für den einzelnen Menschen, Sympathie für das einfache Volk,
Solidarität mit den Schuldbeladenen und Unbedeutenden, Kritik gegenüber allem
Ideologischen, Interesse an den Lebenserfahrungen der Menschen, Freude am
Zusammensein mit Menschen, Verzicht auf Gewalt und Manipulation.[17]
Die verkündigende Person muß demnach vom Leben etwas
verstehen und zu einem gelingenden Leben beitragen können. Ihre Verkündigung
darf nicht wie eine hemmende Last das Leben bedrücken, sondern muß Leben
aufrichten. Sie muß eine Ahnung von dem Gott vermitteln, der nicht knechtet und
ängstigt, sondern der den Unterdrückten Leben, den Niedergeschlagenen Trost und
den Notleidenden Heilung zusagt. So trifft die Definition von Rolf Zerfaß den
Kern der Verkündigung: „Verkündigen . . . heißt, Gott so zu Wort kommen lassen,
daß sich etwas ändern kann.“[18]
3.2 Predigt
als „generatives Wort“
Kirchliche Verkündigung findet im biblischen Erzählen ihr
Vorbild. Biblische Erzählungen sind ein Blick auf die alltäglichen
Lebenswirklichkeiten. Menschen treten in ihrer individuellen Gestalt in
Erscheinung und füllen die Erzählung mit dem Gewicht ihrer eigenen
Lebensgeschichte. Von Gott wird so erzählt, daß er im Alltag aufscheint.
Biblische Erzählungen ziehen Erfahrungen und Geschichten aus dem alltäglichen
Leben der Menschen an; sie helfen, diese zur Sprache zu bringen; und sie
wirken mit ihrer umgestaltenden Kraft auf die Lebensgeschichten der Hörenden
ein.[19]
Demnach gehört es als integraler Bestandteil zur
Verkündigung, daß darin die Lebensgeschichten der Hörenden zum Klingen
gebracht werden. Dies wiederum bedeutet, daß die Verkündigungsinhalte
prinzipiell unabschließbar sind. Paulo Freire hat das in seinem Bildungskonzept
zum Ausdruck gebracht mit dem Motiv der „generativen Themen“[20].
Die Lebensgeschichten der Hörenden bilden einen Horizont, der die jeweils
konkrete Verkündigungssituation unbegrenzbar übersteigt und mit dem – zumindest
potentiell – ein „Universum“ an Themen ins Spiel kommt. Daraus ergibt sich die
Frage, wie die Lebensthemen in der Verkündigung zur Sprache kommen
sollen. Freire führt dafür die Kategorie „generativ“ ein, die einen doppelten
Bedeutungsgehalt aufweist.
Generativ sollen die Verkündigungsinhalte insofern sein,
als die Verkündigung die Hörenden immer wieder neue Themen aus dem Horizont
ihrer Lebenswirklichkeiten entdecken läßt und immer wieder zu neuen
Wahrnehmungen von Wirklichkeiten führt. Die Verkündigung verfehlt ihr Ziel,
wenn sie Lebensthemen vordefinieren und „abschließend“ behandeln will. Sie soll
Leben nicht abschließen, sondern eröffnen. Generativ ist die Verkündigung, wenn
sie es den hörenden Menschen ermöglicht, ein Bewußtsein für die Relevanz ihrer
Themen auszubilden, diese ihre Lebensinhalte zur Sprache zu bringen oder auch
zu einer veränderten, perspektiveneröffnenden Sicht der Wirklichkeit zu
gelangen.
„Generativ“ soll die Verkündigung aber auch noch in
Hinblick auf die Spannung zwischen den real gegebenen Situationen und den
idealen Lebensentwürfen der Menschen sein. Der Wunsch, die je gegebenen Grenzen
auf die unerprobten Möglichkeiten hin zu überschreiten, d. h. die eigene
Situation zu verändern, gehört zum existentiellen Impetus des Menschen.
Generativ zu sein bedeutet dann für die Verkündigung den Anspruch, bei den
Hörenden ein handlungsleitendes Bewußtsein entstehen zu lassen, welches dazu
motiviert, die eigene Lebenssituation auf menschengerechtere Möglichkeiten hin
zu verändern. Mit letzterem ist gleichzeitig das Kriterium einer solchen
„Generativität“ angegeben: Es geht nicht um irgendeine Veränderung und auch
nicht um die Veränderung als solche, sondern darum, daß der Mensch in der
Veränderung sich selbst, seinen Mitmenschen und seiner Umwelt gerecht wird.
Eine Predigt diesen Charakters wird als „wirkliches Wort“[21]
erfahrbar, als eine Rede, die bereits einen Teil jenes Prozesses darstellt, in
dem die befreiende Zuwendung Gottes in Form realer Befreiung zu einer
„wirklichen Wirklichkeit“ im Leben der Menschen wird. Die Predigt muß selbst in
Stil und Wirkung dem von ihr verkündigten Inhalt gerecht werden. Das impliziert
vor allem, daß sie dem hörenden Menschen nicht die Rolle des Objekts der
Intentionen des Predigenden, sondern diejenige des Subjekts eines von ihm
selbst zu gestaltenden Prozesses zuschreibt. Die Predigt hat die Freiheit des
Hörenden zu respektieren. Ihre Sache ist es nicht einmal, den Hörenden auf
bestimmte Dispositionen, etwa Gefühle, Interessen oder Handlungsmotivationen,
hinzulenken. Nur allzu leicht würde sie dabei in den Modus der Suggestion und
Manipulation umkippen.[22]
Zur Predigt gehört die Kultur der Diskretion, des Verzichts auf das
bedrängende, vereinnahmende Eindringen in die Lebenssphäre der Hörenden. Die
Intention der Predigt kann einzig darin bestehen, ihren Verkündigungsinhalt so
authentisch darzulegen, daß die Hörenden ihn als unbedingt angehende Wahrheit
für sich selbst übernehmen und in eine erneuerte Lebenspraxis umsetzen können.
Bei der Wirkung der Predigt liegt also der aktive Part auf der Seite der Hörenden.
Sie sind die Subjekte des generativen Prozesses der Artikulation und der
Veränderung ihrer Lebenswirklichkeiten.
3.3 Die
homiletische Paradoxie: Authentizität in Selbstlosigkeit
Der Zeugnischarakter der Verkündigung verlangt von der
predigenden Person Authentizität als Voraussetzung dafür, daß dem Zeugnis
Evidenz eignet. Es gehört zur Kompetenz der predigenden Person, sich mit der
eigenen Biographie zu zeigen[23]
und in dieser Echtheit glaubwürdig spüren zu lassen, daß nicht sie selbst,
sondern die Hörenden das Anliegen ihrer Predigt sind. In einer paradoxen
Verknüpfung verlangt das Sich-Zeigen zugleich das Sich-Zurücknehmen. Die
Authentizität des Predigens verlangt die Selbstlosigkeit der predigenden
Person. Wenn die Homiletik aus der „dialektischen Theologie“ eines Karl Barth
eine Lehre zu ziehen hat, dann die: Die predigende Person muß sich der
fundamentalen Differenz bewußt sein zwischen dem Wort, welches sie aus sich
heraus als Menschenwort hervorbringt, und dem Wort, daß Gott den Menschen
zuspricht. Ihre Erfahrungen sind noch nicht selbst das Evangelium. Ihre Aufgabe
ist es, das vorgültige Gotteswort zu Gehör zu bringen und selbstlos auf die
Durchsetzung des eigenen Wortes zu verzichten.[24]
Weil sie nicht selbst Maßstab, Inhalt und Ziel ihrer Verkündigung ist, darf sie
sich z. B. nicht anmaßen, für die Predigt nur die Bibeltexte auszuwählen, die
den eigenen Vorstellungen entsprechen bzw. als Bestätigung der eigenen
Anliegen dienlich sind. Predigt ist nicht mehr Zeugnis, wenn sie dazu
mißbraucht wird, eigene Vorstellungen als Norm für andere Menschen durchzusetzen.
Sie hat vielmehr bewußt und positiv damit zu rechnen, daß das in ihr gegebene
Zeugnis bei den Hörenden eine Umsetzung in ein Lebenskonzept erfährt, das deren
Anderssein und Subjektsein mit eigenständiger Legitimität zur Geltung kommen
läßt. Konkret wird mit dem Postulat der Selbstlosigkeit ein weitverbreitetes
Handlungsmuster kirchlicher Verkündigung in Frage gestellt, nämlich die
Selbstthematisierung der verkündigenden Personen bzw. der Kirche als
Institution. Predigten werden nicht selten als Gelegenheiten wahrgenommen, um
etwa in Form einer Krisenklage binnenkirchlichen Akzeptanzverlust abzuwehren
oder mit werbender bzw. apologetischer Rede die eigene Position zu untermauern.
In einer Predigt, die Zeugnis sein soll, ist eine solche Selbstthematisierung
unverträglich. Mit ihr würde die Predigt zur Propaganda entarten, in der der
Prediger nur die „Duplizierung seiner selbst“[25]
betriebe und das Zeugnis verdunkelt wäre. Die Predigt als Zeugnis zu
konzipieren verlangt der predigenden Person ab, auf die Stabilisierung des eigenen
Selbst, auf die Absicherung eigener Interessen, auf die beruhigende Bestätigung
der gewohnten Denk- und Handlungsmuster zu verzichten. Predigt, die Zeugnis
sein soll, verlangt das Sich-Aussetzen, die Konfrontation mit den
Unwägbarkeiten der Lebensgeschichten. Deshalb nochmals: Das Zeugnis des
christlichen Glaubens ist ein riskantes Zeugnis.
[1] Mündliche Aussage bei der Sitzung
des Beirats der Konferenz der deutschsprachigen Pastoraltheologen und Pastoraltheologinnen
vom 18. bis 20. Juni 1998 in Weingarten.
[2] Rolf Zerfaß: Grundkurs Predigt 1: Spruchpredigt. Unter
Mitarbeit von Klaus Roos. 3.
Aufl. Düsseldorf: Patmos, 1991, 18.
[3] Klaus Egger; Herlinde Pissarek-Hudelist:
Öffentlichkeit und Verkündigung. In: CGG 28, 61-83, hier: 64.
[4] Vgl. Karl-Fritz Daiber: Predigt als religiöse Rede.
Homiletische Überlegungen im Anschluß an eine empirische Untersuchung.
München: Kaiser, 1991 (Predigen und Hören; 3), 250 f.
[5] Vgl. dazu 1 Kor 15, 3-5 - eine
der wohl ältesten Glaubensformeln der Christenheit.
[6] Johannes Beutler: Art. martys. In: EWNT II, 969-973, hier: 972.
[7] Vgl. Bernd Jochen Hilberath: Jesus Christus. In:
HRGF, 184-188, hier: 185.
[8] Die bekannte kerygmatische Formel
„vom verkündigenden Jesus zum verkündigten Christus“ ist nicht ganz unschuldig
daran. – Zur „Kerygmatheologie“ Rudolf Bultmanns und der davon provozierten
exegetischen Diskussion um die Unterscheidung zwischen dem „historischen
Jesus“ und dem „kerygmatischen Christus“ vgl. die kontroversen Beiträge in:
Helmut Ristow; Karl Matthiae (Hrsg.): Der historische
Jesus und der kerygmatische Christus. Beiträge zum Christusverständnis in
Forschung und Verkündigung. Berlin: Evang. Verlagsanstalt, 1960.
[9] Walter Kasper: Jesus der Christus. 9. Aufl. Mainz: Grünewald,
1984, 14; vgl. Hilberath (s. Anm. 7), 184.
[10] Vgl. Edmund Arens: Partizipation und Zeugnis.
Was heißt Tod und Leben in Jesus Christus heute? In: Concilium 33 (1997)
102-109, hier: 104 f.
[11] In der folgenden Skizze der
philosophisch-theologischen Grundgedanken Levinas' verzichte ich auf die
Einzelangabe der Belegstellen und verweise generell auf seine Werke: Emmanuel Levinas: Jenseits des Seins oder anders als Sein geschieht.
Freiburg u. a.: Alber, 1992; Ders.: Ethik
und Unendliches. Gespräche mit Philippe Nemo / Peter Engelmann (Hrsg.). Wien: Passagen,
1992; Ders.: Humanismus des
anderen Menschen. Hamburg: Felix Meiner, 1989; Ders.: Die Spur des Anderen. Untersuchungen zur
Phänomenologie und Sozialphilosophie. 2. Aufl. Freiburg u. a.: Alber,
1987; Ders.: Gott, der Tod und
die Zeit / Peter Engelmann
(Hrsg.). Wien: Passagen, 1996. Eine
ausführlichere Darstellung mit detaillierten Nachweisen findet sich in:
Herbert Haslinger: Diakonie
zwischen Mensch, Kirche und Gesellschaft. Eine praktisch-theologische
Untersuchung der diakonischen Praxis unter dem Kriterium des Subjektseins des
Menschen. Würzburg: Echter, 1996, 534-618.
[12] Es ist bemerkenswert, daß Levinas
zur Veranschaulichung dieses Zusammenhangs von Herrlichkeit Gottes und Verantwortung
für den Anderen auf die Gerichtsrede Mt 25, 31-40 verweist. – Vgl. Levinas:
Gott, der Tod und die Zeit (s. Anm. 11), 211.
[13] Levinas: Jenseits des Seins oder
anders als Sein geschieht (s. Anm. 11), 327; vgl. Ders.: Gott, der Tod und die
Zeit (s. Anm. 11), 212.
[14] Nichts anderes ist auch der Grund
und Bedeutungsgehalt meiner eigenen Rede vom „Primat der Diakonie“ (vgl.
Haslinger [s. Anm. 11], 742-783). Sie zielt nicht auf eine Relativierung des
Gottesbezugs christlichen Handelns, sondern auf dessen radikale Ernstnahme.
Auch ist dabei die grundlegend gnadenhafte Struktur der Beziehung Gottes zum
Menschen nicht verneint. Denn die Diakonie als Verantwortung für den Anderen
ist eben nicht die Leistung oder Bedingung auf seiten des Menschen, mit der die
Beziehung Gottes erst ermöglicht oder verdient würde. Gott als derjenige, der
im Angesicht des Anderen seine „Spur“ hinterläßt, ist der anfanglose Anfang,
der Ursprung. Die Wahrnehmung der Verantwortung für den Anderen ist ein von
diesem Ursprung ermöglichtes Handeln. Als solches ist es freilich auch ein gefordertes
Handeln. Aber dies in Abrede zu stellen hieße, jeglichen Zusammenhang von
gnadenhaftem Zuspruch und ethischem Anspruch aufzugeben.
[15] Vgl. Henning Luther: Predigt als Handlung.
Überlegungen zur Pragmatik des Predigens. In: Albrecht Beutel; Volker Drehsen; Hans Martin Müller
(Hrsg.): Homiletisches Lesebuch. Texte zur heutigen Predigtlehre.
Tübingen: Katzmann, 1986, 222-239, hier: 222-228.
[16] Vgl. Zerfaß (s. Anm. 2), 18.
[17] Ebd., 19.
[18] Ebd., 14.
[19] Vgl. Hermann Pius Siller: Das Evangelium in eigener
Erfahrung sagen und in der Erfahrung anderer hören. Zum biographischen
Erzählen des Zeugen. In: Rolf Zerfaß
(Hrsg.): Erzählter Glaube - erzählende Kirche. Freiburg i. Br.: Herder,
1988, 159-170, hier: 159 f. – Zu beachten sind in diesem Zusammenhang auch die
Implikationen, die sich aus der Interpretation der Gleichnisse als Metaphern
ergeben. Vgl. Hans Weder: Die
Gleichnisse Jesu als Metaphern. Traditions- und redaktionsgeschichtliche
Analysen und Interpretationen. 4. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck &
Ruprecht, 1990, bes. 58-98.
[20] Vgl. Paulo Freire: Pädagogik der Unterdrückten.
Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch,
1973, 81-85.
[21] Freire (s. Anm. 20), 71.
[22] Vgl. Luther (s. Anm. 15), 230 f.
[23] Vgl. Erich Garhammer: Verkündigung als Last und
Lust. Eine praktische Homiletik. Regensburg: Pustet, 1997, 35.
[24] Vgl. Karl Barth: Die kirchliche Dogmatik. Bd. I/2.
Zollikon-Zürich: Evangelischer Verlag, 1948, 854 f.
[25] Vgl. Daiber (s. Anm. 4), 103.