“Dunkle Hellsicht in der Theologie”
Über den handlungsentlasteten Tiefblick von Reimarus, Overbeck
und anderen Außenseitern
von Ralf Bomhauer und Dieter Hattrup
Kurzinhalt - Summary:
Samuel Reimarus entdeckte im 18. Jahrhundert die große Bedeutung
der Eschatologie für das Christentum, Franz Overbeck im 19. Jahrhundert
die große Bedeutung des Mönchtums. Persönlich hielten beide weder etwas von
Eschatologie noch vom Mönchtum. Ähnlich in einer Anzahl von Fällen: Wo es
um die Identität des Lebens geht, kann der Außenseiter eine Hellsicht
entwickeln, die den Hauptakteuren fehlt. Der Außenseiter muß nicht glauben,
was er als wesentlich für den Glauben erkennt. Die handlungsentlastete Hellsicht
ist zugleich dunkel, weil sie keine Verantwortung zu übernehmen hat. Behandelt
werden weiter F. Winkelmann, C. F. von Weizsäcker und M. Horkheimer.
In the 18th century
Samuel Reimarus discovered the importance of eschatology for Christianity, in
the 19th century Franz Overbeck discovered the importance of monasticism. Personally,
neither of them appreciated eschatology or monasticism. And so in several
similar cases: Where the identity of life is at stake, the outsider often shows
a clear sight, wich those acting inside lack. The outsider is under no
obligation to believe in what he considers an essential part of faith. On the
other hand, clear sight dispensed from action proves to be dark for it does not
take any responsibility. The
paper also treats of F. Winkelmann, C.
F. von Weizsäcker, and M. Horkheimer.
„Was siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber
den Balken in deinem Auge siehst du nicht?“ (Mt 7, 3; Lk 6, 41) Zwischen dem
Balken im eigenen Auge und dem Splitter im Auge des Bruders gibt es einen nie
endenden Widerstreit. Der Widerstreit ist so alt, wie der Mensch alt ist auf
der Erde, nur das Wort über den Widerstreit ist jünger und zählt in der
gegenwärtigen Fassung zweitausend Jahre. Von der äußeren Wirklichkeit zur
inneren Erkenntnis der Wirklichkeit führt ein weiter Weg, aber viel weiter ist
der Weg von der inneren Erkenntnis zur äußeren Anerkenntnis der Wirklichkeit
im Handeln. Den Splitter im Auge des anderen erkenne ich leicht, aber nur mit
Mühe vollbringe ich die gleiche Erkenntnis bei mir selbst, denn die Selbstwahrnehmung
ist anders als die Fremdwahrnehmung nicht nur Erkenntnis, sondern Anerkenntnis,
die ein Handeln erfordert. Diese Forderung bedroht meine Identität. Jeder
erkannte eigene Mangel enthält den Ruf: Du mußt dein Leben ändern!
Im folgenden Essay versuchen wir, den Widerstreit
zwischen hellsichtiger Wahrnehmung beim anderen und dunkler Sorge um die
eigene Identität unter zwei Gesichtspunkten zu betrachten. Zum einen führen
wir einige Beispiele der Geistesgeschichte der letzten zwei Jahrhunderte an,
die diesen Vorgang beleuchten (I.); zum anderen werden wir einen Vorschlag
machen, wie dieser Vorgang zu deuten ist (II.). Welche Anwendung sich von der
Erkenntnis gewinnen läßt, kümmert uns weniger, denn die Beschwörung der Praxis
bleibt allzu leicht Theorie. Durch Wissen allein kommt der Mensch nicht zur
Tat, und woher der Funke kommt, der von der Erkenntnis zur Anerkenntnis führt,
bleibt bei dem Versuch ganz unerörtert. Der Funke ist das Geheimnis, das den
Gegensatz von Theorie und Praxis, von Subjekt und Objekt beilegt, der Funke ist
wie von göttlicher Qualität, da er Gott und Mensch im Handeln verbindet.
Unmittelbar preisen wir nur eine einzige Tat aus der Erkenntnis, diese
praktische Anwendung trauen wir uns zu geben, daß uns selbst die Erkenntnis
von der dunklen Hellsicht einen tiefen Frieden gebracht hat: Wir haben
von neuem die Schmerzen verstehen gelernt, die mit der Sorge um das eigene
Dasein verbunden sind.
Im ersten Teil schildern wir fünf Beispiele, an denen uns
die dunkle Hellsicht aufgefallen ist. Mit dunkler Hellsicht meinen wir
eine Erkenntnis ohne Anerkenntnis, eine Einsicht ohne Handeln, denn das Handeln
ist in der Erkenntnis allein noch nicht angelegt. Allerdings gibt es auch die
andere Erscheinung, daß ohne Erkenntnis gehandelt wird, so daß auch hier ein
Mangel auftritt, der das Leben in Mitleidenschaft zieht. Man versteht nur, was
man tut, aber man tut auch nur, was man versteht! Ein geflügeltes Wort, das
nicht dadurch unwahr wird, daß zwischen Ursache und Wirkung Jahre oder
Jahrzehnte liegen können!
Ob wir unsere Beobachtung zur Theologie rechnen sollen
und zu welchem Fach sie dort gehört, ist nicht ganz klar. Vielleicht hat sie
etwas mit Psychologie zu tun, weil sie von Blindheit und Hellsicht handelt.
Aber da das Sehen die Identität des Menschen betrifft, die sein ganzes Leben
umfaßt und nicht nur Teilaspekte, weil sich diese Identität oder
Nicht-Identität nur auf dem Hintergrund des Unendlichen erkennen läßt, deshalb
rechnen wir sie zur Theologie, die auch die Grenzen von Raum und Zeit bedenkt
und mit Vernunft von jenseits der Vernunft redet.
Die fünf markanten Beispiele, die uns aufgefallen sind,
tragen das Gepräge des Widerstreites zwischen Wahrnehmung und Handeln.
Hellsicht geschieht in diesen Fällen immer durch Dispens von der ausführenden
Tat. Wenn nach einem geflügelten Wort des französischen Literaten Antoine de
Saint-Exupéry der Mensch nur mit dem Herzen gut sieht,[1]
so gilt hier umgekehrt: Der Mensch sieht nur mit dem Verstande gut, unter
Stillstand des Herzens. Ein Beispiel für das bekannte Wort des Physikers
Niels Bohr!
„Das Gegenteil einer richtigen Behauptung ist eine
falsche Behauptung. Aber das Gegenteil einer tiefen Wahrheit kann wieder eine
tiefe Wahrheit sein.“[2]
Alle fünf
Beispiele kommen aus dem Bereich der Eschatologie. Einmal aufmerksam
geworden, treten immer weitere hinzu. Auch der Leser kann es sich zur Übungsaufgabe
machen, weitere Beispiele zu suchen; er lasse gegebenenfalls die Autoren davon
wissen. Dem Theologen und Urwaldarzt Albert Schweitzer († 1965) war es
aufgefallen, daß der Kern der jesuanischen Lehre im 18. Jahrhundert von einem
Manne neu entdeckt und neu benannt worden war, der sich persönlich höchst
ablehnend, ja spottend darüber geäußert hat. Denn Hermann S. Reimarus († 1768)
hat in der Mitte des 18. Jahrhunderts als den Kern des Lehrens und Lebens Jesu
die Eschatologie bezeichnet. Jesus hat wirklich gemeint, sagte er, daß das
Reich Gottes nahe ist, so absurd dem aufgeklärten Deisten Reimarus solche
Apokalyptik auch erscheinen wollte. Noch 150 Jahre später steht Albert Schweitzer
staunend vor dieser schlichten Entdeckertatsache. Wie konnte dieser spöttische
Deist oder Atheist Reimarus den Kern der Botschaft Jesu so schlagend benennen?
Die anderen Beispiele betreffen die Anwendung der Eschatologie
im Leben der Kirche, eine oftmals, wie noch zu sehen sein wird, recht mangelnde
Anwendung in der Theorie, die in der Praxis besser geahnt und vollzogen wurde.
Die praktische Anwendung der Eschatologie ist das Mönchtum, das sich als
eschatologische Gestalt gegen die weltlichen Strukturen der Kirche ausbildete.
Die große Bedeutung des Mönchtums für die menschliche Gesellschaft können die
Außenstehenden oft besser sehen als die Christen selbst, weil sie nicht unter
der Forderung stehen, selbst in dieser Weise zu leben.
Der liberale oder auch antiliberale Baseler Theologe und
Kirchenhistoriker Franz Overbeck († 1905) hat die enorme Bedeutung des Mönchtums für die Kirche des 4.
Jahrhunderts und für die Kirche der folgenden Jahrhunderte erkannt, ohne daß er
sich dieser Lebensweise auch nur von Ferne verpflichtet fühlte. Gerade durch
den Abstand von den liberalen Positionen des Kulturprotestantismus und zugleich
von denen der Orthodoxie wurde er empfänglich und hellsichtig für die ihm ganz
fern liegenden strengsten Formen religiösen Lebens. Eigenartiger Vorgang:
Hellsicht durch Abstandnahme, Erkenntnis durch Nicht-Handeln!
Die beiden nächsten Beispiele sind mehr von der Sache,
als von den handelnden Personen interessant, weil der persönliche Gegensatz zum
Glaubensthema nicht so scharf betont wird. Auf der einen Seite haben wir bei
dem Byzantinisten Friedhelm Winkelmann die heiter-sorglose Beseitigung eines
Hauptargumentes in der Zölibatsdiskussion des 19. und 20. Jahrhunderts. Weil er
durch kein Pro oder Contra seines Lebens gehindert ist, kann er eine Legende
als Legende nachweisen, die bisher dem Nachweis vom apostolischen Ursprung der
geistlichen Lebensform im Wege stand. Andererseits erkennt der Physiker und
Philosoph Carl Friedrich von Weizsäcker bei der Untersuchung der
Lebensbedingungen der modernen Welt den einzigartigen Wert des Mönchtums und
seiner absichtsvollen Absichtslosigkeit, die sich in den Evangelischen Räten
ausdrückt. Auch er ist weit davon entfernt, sein Leben nach Art der Mönche zu
führen.
Schließlich lobt Max Horkheimer, ein Vertreter der Kritischen
Theorie, die unmodernste aller christlichen Lehren, die Erbsündenlehre, die so
quer zum Identitätsverlangen des modernen Bewußtseins steht wie das Mönchtum.
I.
Fünf Beispiele
1. Reimarus und die Entdeckung der Eschatologie
Das erste und schlagende Beispiel, an dem uns das
Phänomen von der dunklen Hellsicht aufgegangen ist, stellt Hermann
Samuel Reimarus, der Hamburger Orientalist des 18. Jahrhunderts, dar. Vor
allem die Bemerkung Albert Schweitzers war zündend:
"Reimarus war der erste, der nach achtzehn
Jahrhunderten wieder ahnte, was Eschatologie sei."[3]
Eine einzige Fackel kann einen ganzen Landstrich, der im
Dunklen liegt, beleuchten. Das Seltsame an dieser Entdeckung des Reimarus ist,
daß er sie selbst gegen den Sinn der Eschatologie verstand. Die Eschatologie
Jesu heißt nach Mk 1, 15: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe.
Kehrt um, und glaubt an das Evangelium!“ In der Schultheologie wird das so verstanden,
als ob mit der Nähe die Ankunft Jesu gemeint ist oder auch die Herabkunft des
Heiligen Geistes in der Kirche, Ereignisse ohne Probleme, weil sie wirklich
nahe waren und dann eingetroffen sind. Die Parusieverzögerung wird nach
einigem anfänglichen Stutzen von jedem Theologen durch Gewohnheit akzeptiert.
Die grelle Stimme des Reimarus aber ruft: Jesus hat es wirklich so gemeint,
wie er sagt, auch in einem chronologischen Sinn! Die Zeit bis zur
entscheidenden Umwandlung, in der das Reich Gottes erscheint, ist so kurz,
daß er seine Jünger nicht einmal mehr von der Missionsreise zurückerwartet!
(vgl. Mt 10, 23)
Wieso kann Reimarus nach 18 Jahrhunderten die Eschatologie
neu entdecken? Wir meinen: Weil er sie nicht glaubte! Weil er seine Identität
nicht auf die Person Jesu gegründet hatte! In anderen Schriften tut er kund,
daß er Anhänger des Deismus ist, also einen fernen Vernunftgott verehrt, den
man auch wohl als Nicht-Gott bezeichnen kann. Jedenfalls sind Wunder,
Handlung, Gnade, Erscheinung Gottes für Reimarus unmögliche Vorstellungen,
weshalb er sich auch für keinen Christen gehalten hat. Um so mehr konnte er
die kuriose Besonderheit des Glaubens herausstellen, daß die Christen etwas
glauben, was sie dann doch nicht glauben, daß Jesus mit dem baldigen Ende der
Welt gerechnet hat. Die Einzelheiten seiner Theorie brauchen uns nicht
aufzuhalten, denn sein zynisches Erklärungsmodell ist von Äußerlichkeiten und
Materialismus geprägt. Mit Zynismus erklärt er die Fortsetzung des Jünger- und
Kirchenlebens nach dem Tode Jesu:
"Es wagt es aber bald einer oder andere
auszuschlüpfen; sie hören, daß weiter keine gerichtliche Nachfrage nach ihnen
geschiehet: sie merken, daß die Obrigkeit, nach der Hinrichtung Jesu, als der
Hauptperson, seinen Anhang nicht groß achtet, oder auch für Pilatum nicht
weiter gehen kann: sie schöpfen bald Mut, und denken nunmehr nach überstandener
Gefahr auf ihr künftiges Glücke. Was sollten sie nun weiter beginnen? Wollten
sie zu ihrer vorigen Handtierung wieder greifen, so wartete lauter Dürftigkeit
und Beschimpfung auf sie."[4]
Albert Schweitzer nimmt diese Darstellung in
distanzierter Form auf und läßt Reimarus über die Jünger räsonieren, denn die
Motive der Jünger dachte er sich anders als die Motive Jesu. Dieser hatte ein
baldiges Ende der Welt erwartet und deshalb das Reich Gottes gepredigt. Die
Jünger predigten das Reich Gottes nur mehr, weil sie es bequem fanden und
erfahren hatten, daß sich von solcher Predigt wohl leben läßt. Schweitzer läßt
Reimarus die Gedanken der Jünger sinnieren:
"Nun überlegen sie miteinander, was geschehen solle.
Zur alten Hantierung zurückzukehren, war ihnen zu sauer; die Freunde des
Messias hatten auf ihren Reisen das Arbeiten verlernt. Sie hatten gesehen, daß
die Predigt des Gottesreichs ihren Mann wohl nährt; auch als er sie ohne
Tasche und Geld aussandte, hatten sie nicht gedarbt."[5]
Für Albert Schweitzer ist diese Sicht des Reimarus der
Schlüssel zur Botschaft Jesu. Ohne Zynismus bewirkt die dunkle Hellsicht des
Reimarus bei Albert Schweitzer eine liebende Erkenntnis, eine handelnde
Hellsicht, die ihn zur säkularen Ikone der Nächstenliebe im 20. Jahrhundert
werden ließ. Wir haben hier den Fall vorliegen, daß sich Erkennen und Handeln
gänzlich umdrehen. Schweitzer sieht deutlich, daß die Quelle der Nächstenliebe
Jesu durch die Eschatologie gespeist ist. Seine Überlegung ist einfach: Wenn
ich die Sorge für den morgigen Tag aufgeben kann, weil es wegen der Nähe des
Reiches Gottes keinen morgigen Tag mit seinen Sorgen gibt, dann endlich kann
meine unter den Sorgen des Tages erkaltete Liebe wieder erglühen: „Euch aber
muß es zuerst um sein Reich und um seine Gerechtigkeit gehen; dann wird euch
alles andere dazugegeben.“ (Mt 6, 33)
"Die spätjüdisch-messianische Weltanschauung ist der
Krater, aus dem die Flamme der ewigen Religion der Liebe hervorbricht."[6]
Reimarus und Schweitzer sind Gegengestalten, bei denen Erkenntnis
und Handeln, Theorie und Praxis kreuzweise gegenüber stehen. Wessen Schuld das
ist und was wir hundert oder zweihundert Jahre später von dem einen oder
anderen zu fordern haben, kann hier auf sich beruhen bleiben. Alle Forderungen
an die Vorfahren enthalten zuviel eigene Entlastung und Heuchelei. Reimarus
ist ganz auf dem Punkte der theoretischen, ja zynischen Erkenntnis
stehengeblieben und konstatiert den Widerspruch menschlichen Handelns im Christentum.
Bei Albert Schweitzer ist der Zynismus des Reimarus umgekehrt zur reinen Liebe
geworden, weil er auf die Erkenntnis verzichtet und den Impuls Jesu ohne den
Genuß der Erkenntnis aufgenommen und weiter getragen hat:
"Die Vergeistigung der Vorstellung des Reiches
Gottes und die des Messias nehmen ihren Anfang mit Jesus. Er hat in die spätjüdische
Vorstellung vom Reiche Gottes seine gewaltige Ethik der Liebe hineingestellt,
indem er die Zugehörigkeit zum Reiche Gottes von dem Erfülltsein von der Liebe
und seiner Betätigung abhängig macht."[7]
Vermutlich hat Albert Schweitzer seine Karriere als Theologe
aufgegeben, um Urwaldarzt in Lambaréné zu werden, weil er die universale Liebe
Jesu unwiderstehlich fand, ihr allerdings theoretisch vor der neuzeitlichen Erkenntniskritik
keine Chancen gab.
"Wir haben noch keinen Ausgleich zwischen modernem
Denken und Geschichte, sondern immer nur zwischen halbem Denken und halber
Geschichte. Was es sein wird, dieses Definitive, das kommenden Jahrhunderten
neues Leben und neue Regeln bringt, wissen wir nicht. Wir ahnen nur, daß es
die Tat eines einzigartigen gewalttätigen Geistes sein wird."[8]
Rätselhafte Überkreuzwirkung der gleichen Eschatologie!
Vom Zynismus des Orientalisten in Hamburg zur Nächstenliebe des Urwaldarztes
in Lambaréné! Vermutlich sind Zynismus und reine Liebe die Kehrseite der
gleichen Münze, die den Menschen eine Identität gewährt: Auf der einen Seite
Unsicherheit im Endlichen und ein auf Sachen ausgerichteter Versuch, diese
Identität zu halten, was zu einem starken Motor neuzeitlicher Wissenschaft
geworden ist, ohne daß der Mensch sich doch in dieser projizierten immanenten
Ewigkeit als Person wiederfinden konnte; andererseits das Loslassen immanenter
Sicherheit, auch wenn nicht gewußt wird, wie die neue Gewißheit möglich ist,
und dabei die Erfahrung einer personalen Geborgenheit und Liebe, die das
explizite Bekenntnis nicht unbedingt braucht, die aber nicht aus Zynismus
daran gehindert ist. Das Licht der Ethik erstrahlt über einer wüsten Erde und
läßt über ihr das Antlitz leuchten!
2. Franz Overbeck und die Entdeckung der Mönche
Als weitere Gestalt mit merkwürdig dunkler Hellsicht
erscheint uns Franz Overbeck. Wenn er es nicht strikt abgelehnt hätte, ein
religiöser Erwecker zu sein, müßten wir ihn berufen nennen. Denn er hat mit
seinem einzig zu Lebzeiten veröffentlichten Hauptwerk Über die Christlichkeit
unserer heutigen Theologie[9]
die Fremdheit des Christentums in der Welt gezeigt und damit ihr
eschatologisches Gewicht neu in die Waagschale geworfen:
"'Bedenke ich', notiert er am 21. 4. 1902, 'was ich
jetzt weiß und zum Theil auch in meinen Papieren aufgespeichert, so komme ich
mir bisweilen nicht viel anders als die Jungfrau von Orleans zur Befreiung
Frankreichs, so zur Stürzung des Ansehens der ,modernen Theologie‘ und in ihr
insbesondere ihres Meisters Harnack berufen vor'."[10]
Er wollte die Fremdheit des Christentums in der Welt
zeigen und es zugleich damit abtun, aber er hat auch das Gegenteil bewirkt. In
der Eschatologie bewirkt der Wille das Gegenteil dessen, was er will. Der
religiöse Wille bewirkt die Säkularisierung, der säkulare die Religion. Für
diese Erkenntnis muß man sich nur davon überzeugen, daß die Andersheit zur
Welt die Quelle des Lebens in der Welt ist.
Martin Heidegger und Karl Barth haben auf verschiedene
Weise ihre Dankbarkeit gegenüber Overbeck und seinem erweckenden Büchlein
ausgedrückt, weil sie von ihm zum Bewußtsein ihrer eigenen Existenz gebracht
wurden. Von Heidegger berichtet Gadamer aus den 20er Jahren in Marburg:
Er „sagte nämlich, nachdem er die christliche Skepsis
Franz Overbecks beschworen hatte, es sei die wahre Aufgabe der Theologie, zu
der sie wieder finden müsse, das Wort zu suchen, das imstande sei, zum Glauben
zu rufen und im Glauben zu bewahren.“[11]
Wenn Christentum tatsächlich „ganz und gar und restlos
Eschatologie ist“[12],
wie Barth in berühmten Versen hämmerte und wie er die Eschatologie als Schwert
vom Himmel begrüßte, dann hat Overbeck auf der anderen Seite des Abgrundes
gestanden und ebenfalls gerufen: Christentum und Welt passen in keinen gemeinsamen
Topf. Als Fortsetzung dann aber: Die Welt tut recht daran, sich des
Christentums zu entledigen! Barth und Overbeck sind strikte Gegner der
liberalen protestantisch-bürgerlichen Vermittlungstheologie, was sich in
beider Abneigung gegenüber Adolf von Harnack († 1930) ausdrückte, der
Christentum und Kulturbewußtsein harmonisch verbinden wollte. Aber Barth und
Overbeck sind es auf denkbar gegensätzliche Weise.
Christentum ist weder eine Revolution noch eine
Konservation der Zeit. Die chronologische Vorstellung eines Paradieses am
Anfang und eines neuen Himmels am Ende der Welt sind nur Teilwahrheiten
gegenüber dem Einbruch des Reiches Gottes in die Zeit. Die Revolutionäre der
Neuzeit wollten nur eine bessere Welt in der Zeit, während die Konservativen
die Welt auch in der Zeit erhalten wollten, wie sie ist. Overbeck hat das
Unmögliche gesehen, das gefordert ist, um aus der unerlösten Zeit heraus zu
treten, und er hat es für sich entschieden zurückgewiesen: Christus hält
weder auf die revolutionäre, noch auf die konservative Weise am Leben fest. Mit
dieser Haltung, die seine Grundsicht ermöglichte, konnte er den historisch
gewachsenen Gestalten des eschatologischen Lebens im Christentum mit einer
Offenheit begegnen, die den Anhängern von bloß kirchlicher oder bloß weltlicher
Gesinnung verschlossen bleiben.
Was Reimarus auf exegetischem Gebiet begonnen hat, das
hat Overbeck auf historischem Gebiet fortgesetzt. Die Lehre Jesu von der Nähe des Reiches Gottes geht über
in das mönchische Leben, das zum bestimmenden Herzschlag der Kirche wird.
Berühmt und oft nachgesprochen bis zum geflügelten Wort hin ist Overbecks
Gedanke geworden, daß die Mönche die Kirche gerettet haben.[13]
Genauer sagt er,
"dass wir ... heutzutage vom Christenthume schwerlich
anders wüssten, als vom griechisch‑römischen Heidenthum, Parsismus,
Brahmanismus und anderen Religionen, wenn die alte Kirche nicht das Mönchthum
erzeugt hätte."[14]
Auch hier sehen wir, wie eine religiöse Gestalt, die tief
in das innere der Identität eindringt, von demjenigen leichter in ihrer
geschichtlichen Kraft erkannt werden kann, der nicht selbst unter diesem
Anspruch steht, also nicht persönlich die Schmerzen einer solchen Umwandlung
der Existenz tragen muß.
Der Außenseiter ist zu einer tieferen Einsicht befähigt,
die ihn wiederum zur seltenen Erscheinung, zum Außenseiter macht. Deshalb brauchen
wir diese nicht als Helden oder Märtyrer zu verehren, besonders nicht
Overbeck, dem man bei geschärfter Sicht sogar ein beträchtliches Maß an Heuchelei
vorwerfen kann. Theologie zu treiben und sie gleichzeitig für unmöglich zu
halten, also davon zu leben und sein Gehalt davon zu beziehen, was nach eigener Überzeugung üble Verwerfungen in der
Geschichte erzeugt hat, was eigentlich schon überholt ist, keine negative
Konversion zu vollziehen, das zeigt keinen sehr edlen Charakter. Aber darauf
kommt es hier nicht an. Schließlich ist niemand von dem blinden Fleck frei,
ohne den das Auge nicht sehen kann. Indem wir uns hier mit Außenseitern der
Theologie beschäftigen, sehen wir, die Berufstheologen, was uns durch unsere
eigene Lebensweise leicht verstellt werden kann.
Wir haben auf einer ersten Stufe von Franz Overbeck
gelernt, daß das Christentum nicht in die Welt paßt. Auf welche Weise es nicht
in die Welt paßt, auf welche Weise diese Nicht-Anpassung das Angebot der Erlösung
ist, darüber kann er nicht mehr viel sagen, denn er ist Historiker, der die
Quellen auf ihre Meinungen hin liest, aber nicht die Meinungen auf ihre
Wahrheit untersucht. Er mag weder Mönche noch Nonnen leiden, weder Eschatologie
noch Christologie, aber er sieht, daß Eschatologie und Mönchtum tief miteinander
verwandt sind, daß sie das Christentum vor früher Entartung bewahrt haben.
Denn ab dem 4. Jahrhundert war es in vielen Bündnissen an staatliche oder
gesellschaftliche Kräfte gekettet. Er war weit davon entfernt, einer dieser
Gestalten auch nur den geringsten Einlaß in sein Leben zu lassen, aber als
Historiker konnte er sehen, was andere nicht sehen können und abzuschwächen
suchen, weil sie sich mit dem Namen Christi schmücken, aber nicht das Opfer
Christi der Identität bringen wollen. Auf der zweiten Stufe können wir bei
Overbeck nichts mehr lernen. Deshalb kommen die Interpreten zu ganz entgegengesetzten
und dennoch passenden Bemerkungen über seine Art von Theologie. Die einen
nehmen Overbeck als Zeugen dafür, daß er das Christentum vor den Zumutungen
der modernen Kultur schützen wollte, und andere sagen, daß er die Kultur vor
den Zumutungen des Christentums schützen wollte.[15]
Das macht auf eine Schwierigkeit aufmerksam, die dem Thema von der dunklen
Hellsicht innewohnt. Erkenntnis scheint, wenn sie wesentlich ist, immer
Bestätigung und zugleich Verwerfung der eigenen Identität zu sein. In der
Bestätigung mache ich mir die Erkenntnis zu meinem weiteren Handeln oder
Sprechen zunutze, aber auf der Seite der Verwerfung nötigt mich jede
wesentliche Erkenntnis zur Änderung in meinem Denken und Tun. Was wir als
Gegnerschaft in wissenschaftlicher oder philosophischer Polemik erleben, ist
dann die nach außen gebrachte Gestalt dieser Spannung zwischen Ich und
Nicht-Ich. Overbeck war prädestiniert für die Außenseiter-Rolle, vor allem in
psychologischer Hinsicht, so daß er in seinem Hauptgegner Harnack das
verkörpert sah, was er selbst nicht vermochte oder wollte. Harnack glaubte an
die mögliche Harmonie zwischen Christentum und Kultur, was Overbeck nicht
glaubte. Harnack hielt das Mönchtum für eine ephemere Erscheinung, was
Overbeck nicht tat, und Harnack brachte jedes wissenschaftliche Werk zu Ende,
was Overbeck in keinem Fall gelang.
So zeigt das Beispiel von Franz Overbeck, daß Erkenntnis
und Handeln in abgründiger Weise verbunden sind. Erkenntnis gibt es nicht ohne
Handeln, und Handeln gibt es nicht ohne Erkenntnis, was keineswegs heißen muß,
das Erkenntnis und Handeln nach logischen Gesetzen übereinstimmen. Jede
Konstellation ist denkbar und läßt sich mit einiger Mühe auch in der Historie
finden. Erkenntnis statt Handeln, Handeln an Stelle von Erkenntnis, Handeln
gegen bessere Erkenntnis und der seltene Fall, daß Erkenntnis aus Handeln und
Handeln aus Erkenntnis vollzogen wird. Aber diese glückliche Hamonie scheint
nicht von der Welt zu sein, die Identität von Erkennen und Handeln scheint
erst in einem vollkommeneren Raum auffindbar zu sein.
3. Friedrich Winkelmann und die Entdeckung des
apostolischen Zölibats
Einmal aufmerksam geworden, findet sich die Hellsicht
durch Handlungsentlastung an den erstaunlichsten Stellen. Es gilt hier, wie so
oft im Leben: Man findet nur, was man schon weiß. Aber natürlich verändert
jeder Fund auch wieder das Vorwissen, so daß man auch nur weiß, was man schon
gefunden hat.
Ein kleines Beispiel dieses handlungsentlasteten
Erkennens gibt es auf dem Felde der Zölibatsdiskussion, was wiederum nicht
verwunderlich ist, da auch der Zölibat für die, die ihn unmittelbar leben und
für diejenigen, die ihn mittelbar als Gläubige in der Kirche mittragen,
widerwillig oder freiwillig, eine Kritik am innerweltlichen Streben nach
natürlicher Identität bedeutet. Der Patrologe und Byzantinist Friedhelm Winkelmann
hat im Jahre 1968 eine kleine Beobachtung über ein Vorkommnis auf dem ersten
Ökumenischen Konzil von Nikaia im Jahre 325 angestellt, die geeignet ist,
gewisse, „als historisch zuverlässig“[16]
geltende Säulen der Diskussion einzureißen und ganz andere aufzurichten. Was
für ihn selbst nur ein philologisches oder historisches Puzzlespiel war, kann
für die Theologie und Kirche zu einer umwälzenden Erkenntnis werden. Denn wenn
der Zölibat als Lebensgestalt des kirchlichen Amtes bis in die apostolische
Zeit reicht, dann ist der Zölibat nicht mehr nur eine Regel der Disziplin,
sondern ein Element der Offenbarung, etwa in der Form: Priester heiraten
nicht, aber Verheiratete können Priester werden, unter Umwandlung ihrer Ehe.
In dieser Gestalt ist die Regel allgemeines Glaubensgut und kann als Dogma
formuliert werden. In dieser Gestalt ist Petrus der erste zölibatäre
Amtsträger. Vor dem Ruf Jesu war er verheiratet (Mk 1, 30), nachher bekennt er
sich dazu, alles verlassen zu haben, auch Haus und Hof (Mk 10, 28f).
Winkelmann hat 1968 beobachtet und 1985 bekräftigt, daß
das Auftreten eines gewissen Bischofs und Mönches Paphnutios auf dem Konzil
von Nikaia wahrscheinlich eine interessengeleitete Legende ist.[17]
Sie stellte bisher ein unüberwindliches Hindernis dar, den Zölibat wirklich
theologisch, christologisch und spirituell in der Tiefe zu verstehen. Deshalb
wurde bisher, bei Freund und Feind, der Zölibat als eine mit dem Priestertum
nur äußerlich verbundene Lebensform angesehen, als disziplinarische Regel,
selbst beim Präfekten der Glaubenskongregation.
„Ja, ein Dogma ist es sicher nicht. Es ist eine Lebensgewohnheit,
die sich aus guten biblischen Gründen in der Kirche sehr früh herausgebildet
hat.“[18]
Wie schmerzhaft und hellsichtig eine Erkenntnis sein
kann, zeigt die einhellige äußere Zustimmung zu dem Ergebnis, daß es den Paphnutios
des nizänischen Konzils nicht gegeben haben kann, wiederum bei Freund und
Feind. Nur in den Folgerungen gehen die Wege auseinander. So kann ein
Historiker, der die Legitimität des Zölibates bestreiten und ihn als eine
historische Fehlentwicklung sehen möchte, das philologische Ergebnis
akzeptieren, ohne in seiner Meinung irre zu werden.
„Die Tatsache der Ehe selbst bedeutete keine
Schwierigkeit für den Priesterdienst. Damit ist der von dem Kirchenhistoriker
Sokrates so ergreifend geschilderte Auftritt eines Märtyrerbischofs Paphnutius
bereits als Legende erwiesen. ... Gegen die Ehe der Priester aber hatte das
Konzil nichts einzuwenden.“[19]
Daß das Konzil eine Menge gegen das eheliche oder
eheartige Zusammenleben der Priester einzuwenden hatte, dokumentiert der
offizielle Kanon 3, der mit aller Schärfe allen Mitgliedern des Klerus
verbietet, „eine Person anderen
Geschlechts (bei sich) zu haben, ausgenommen Mutter, Schwester oder Tante
oder aber Frauen, bei denen jegliche Verdächtigung gegenstandslos ist.“[20]
Dieser Vorgang zeigt, wie schmerzlich dem Autor der Blick auf eine Tatsache
fällt, die seinem Selbstverständnis widersteht und wie langsam eine solche
Tatsache ins Bewußtsein eingefügt wird. Es ist so menschlich: Angenehme und
bestätigende Erkenntnisse nehme ich sofort in meine Argumentation auf, solche,
die mich in Frage stellen, können selbst bei objektivem Nachweis, nur langsam,
wenn überhaupt, nach jahrelanger Verzögerung und mit immer neuen Versuchen zur
Neutralisierung mit Anerkennung rechnen.
Die Legende, die es bisher verhindert hat, den
apostolischen Ursprung des Zölibates zu sehen, findet sich in voller Gestalt in
der Kirchengeschichte des Socrates, der etwa um das Jahr 400 geschrieben hat.[21]
Danach soll Paphnutios der Bischof einer Stadt im oberen Ägypten gewesen sein,
zugleich ein Gottesmann, ein Mönch und Wundertäter. In der Verfolgung des
Diokletian soll ihm ein Auge ausgestochen worden sein. Aus Verehrung für diesen
Märtyrer, aber noch mehr aus Bewunderung für den Kaiser, läßt Socrates auf dem
Konzil von Nikaia den Kaiser Konstantin diesen Märtyrer voll Rührung das durchstochene
Auge küssen. Pahnutius selbst sollte von klösterlicher Herkunft sein seit
Kindestagen, deshalb redete er nicht in eigener Sache, denn er hatte mit der
Ehe keine Erfahrung. Für Socrates war Paphnutius der geeignete Mann, als Zeuge
vor einer Neuerung zu warnen. Denn als eine solche Neuerung stellt Socrates
die Zölibatsregel dar, daß Verheiratete, wenn sie zu Priestern geweiht sind,
nicht mehr ihren Ehefrauen beiwohnen sollen. Wörtlich schreibt er:
"Es gefiel den Bischöfen, ein neues Gesetz in der
Kirche einzuführen, daß die Kleriker, nämlich die Bischöfe, Presbyter und
Diakone, nicht mehr ihren Frauen, die sie noch als Laien geheiratet hatten,
beiwohnen. Und als man darüber beratschlagte, stand Paphnutios inmitten der
Bischofsversammlung auf und setzte sich vehement dafür ein, den Klerikern
keine zu schweren Lasten aufzubürden. Ehrbar sei das Ehebett und die Ehe
makellos."[22]
Dieses Auftreten war durch die Jahrhunderte der Neuzeit
das Bollwerk, von dem aus zwar nicht die Zölibatsdisziplin in der lateinischen
Kirche bezwungen wurde, das aber doch die Kraft hatte, den Zweifel an dieser
Lebensform immer von neuem zu nähren, ob sie denn wohl apostolisch, biblisch
oder jesuanisch sei.
In detailreichen Vergleichen kommt Winkelmann zu dem
Schluß, daß ein solcher Paphnutios nicht existiert haben und nicht in Nikaia
aufgetreten sein kann. Für die Einzelheiten sei der Leser auf die Literatur
verwiesen.[23] Seine
wichtigsten Gründe seien genannt: Erstens erwähnt Athanasius niemals diesen
Vater der Orthodoxie, obwohl er sonst jeden Mitstreiter im arianischen Kampf
zu nennen pflegt. Das spricht gegen eine Teilnahme eines Paphnutios als Bischof
in Nikaia. Zweitens scheint in Ägypten bis zum Tod des Athanasius im Jahre 373
keine Paphnutius-Legende umgelaufen zu sein, jedenfalls erwähnt Athanasius sie
nicht, was sehr verwunderlich ist, wenn das Ereignis auf dem Konzil 325
stattgefunden hätte. Die Paphnutios-Legende entsteht erst gegen Ende des 4.
Jahrhunderts als Mischung von historischen und legendarischen Zügen. Drittens
scheint das Umfeld, aus dem die Legende hervorgeht, ein Interesse an einer
tendenziösen Erfindung zu haben, um damit eine mit dem apostolischen Ursprung
nicht mehr übereinstimmende, spätere Praxis des priesterlichen Ehelebens zu
rechtfertigen. Winkelmann vermutet novatianische Kreise.
Wenn die Beobachtung in den Hauptlinien zutrifft, und wir
sehen nicht, daß es eine ernsthafte Bestreitung dieser Beobachtung gibt, dann
kann man aus der Paphnutios-Legende die apostolische Zölibatsregel extrahieren:
Die Negation ihrer Absicht ist die Regel! Diese lautet, "daß die Kleriker,
nämlich die Bischöfe, Presbyter und Diakone, nicht mehr ihren Frauen, die sie
noch als Laien geheiratet hatten, beiwohnen."[24]
Um so mehr gilt für Nicht-Verheiratete, die Priester geworden sind, daß sie
keine Ehe schließen. Die apostolische Regel in ihrer Urgestalt müßte dann also
lauten: Priester heiraten nicht, aber Verheiratete können Priester werden,
unter Umwandlung ihrer Ehe.
Daß diese Ideal- und Urgestalt nicht durch Einzelzüge
widerlegt werden kann, leuchtet ein, denn nicht jedes legale und illegale
Abweichen von dieser Urgestalt begründet eine Norm. Aber soviel sollte die
historische Forschung nachzuweisen in der Lage sein, und hat sie in neueren
Untersuchungen auch getan, daß der Hauptstrom des Lebens nach dem Evangelium
in der Kirche für ihre Diener und Vorsteher diese Lebensform als angemessen,
ja notwendig empfunden hat. Alles, was wir an Splittern in der Ost- oder
Westkirche von heute vorfinden, ist nur zu erklären aus dieser Urregel. Die
verbreitete ostkirchliche Praxis, vor der Weihe zu heiraten, aber nach der
Weihe keine Ehe mehr einzugehen, entspricht der Urregel und der
Paphnutios-Legende. Selbst die ganz formal gehandhabte Zölibatsregel für
ständige Diakone in der Westkirche zeigt noch die Spuren der Urregel, denn die
verheirateten Diakone müssen versprechen, nach dem Tod ihrer Ehefrau nicht
wieder zu heiraten. Ja, die völlige Freigabe des Zölibates in den
protestantischen Kirchen kann sich auf eine sehr oberflächlich gelesene Urregel
stützen, nämlich daß in der frühesten Kirche ein Großteil des Klerus
verheiratet war, wobei man nur übersehen hat, wann die Heirat stattgefunden
hat.
4. Carl Friedrich von Weizsäcker und die Entdeckung der
Evangelischen Räte
Zu den Kernstücken des religiösen Lebens in den
Hochreligionen gehört das Mönchtum. Es ist kennzeichnend für das Christentum,
aber auch für den Buddhismus, für den Hinduismus und selbst für den Islam, wo
es vom Ursprung her kaum einen Platz findet, einen solchen sich aber in den
Sufi- und Derwischorden geschaffen hat.[25]
Zwar bestreitet die europäische Aufklärung das mönchische Leben als sinnvoll
für das Christentum oder als sinnvoll für das Leben überhaupt, denn mit dem
Kernstück des mönchischen Lebens, der bewußten Opferung des Ich, konnten die
optimistischen Aufklärer wenig anfangen. Ich bin Ich, dachten sie,
verantwortlich in Freud und Leid, aber wieso soll ich das Ich opfern und für
welchen Zweck?
Neue Blicke durch alte Löcher geben neue Einsichten! Eine
Aufklärung über die Aufklärung sollte also dort am hellsichtigsten sein, wo sie
die schlichte Gegebenheit des Ich, sein problemloses Dasein mit den anderen
Ichs, die alle Ich sagen in der Welt, auf ihre Voraussetzungen hin prüft. Ist
das Ich ein Ich? Bleibt das Ich ein Ich? Welche Wirkungen setzt das Ich in die
Welt, wenn es Ich bleiben will? Diese Fragen finden Platz in den Untersuchungen
des Philosophen und Physikers Carl Friedrich von Weizsäcker, der sich um
Aufklärung über die Aufklärung bemüht. Überraschenderweise, aber im Rückblick
auch wieder nicht verwunderlich, entdeckte er Sinn und Wert des mönchischen
Lebens wieder, nicht als Form religiöser Selbstbehauptung, sondern als
menschliche Selbstentäußerung angesichts des gar nicht selbstgewissen Ich, das
seine Identität nicht in den von der Aufklärung geförderten Disziplinen von
Wissenschaft und Technik erlangt. Beeindruckend legt er 1978 in einem großen
Aufsatz Gehen wir einer asketischen Weltkultur entgegen?[26]
die Zusammenhänge zwischen Religion, persönlicher Lebensform und Ökologie
dar. Daß in der ökologischen Diskussion diese Dimension nur von wenigen
bemerkt wird, muß nicht verwundern, denn weder die religiösen, soweit sie an
traditionellen Formen festhalten, noch die fortschrittlich gesonnenen
Ökologen, die nach neuen Lebensformen ausschauen, können so leicht diese tiefliegenden
Einsichten übernehmen. Denn sie bereiten dem Ich schreckliche Schmerzen.
Ein erster Blick schon zeigt, daß zwischen säkularer
Ökologie und mönchischer Ökonomie ein Zusammenhang besteht. In der Askese, im
bewußten Verzicht auf erreichbare Güter, haben beide einen gleichartigen
ethischen Grundsatz. Vordergründig unterscheiden sie sich zwar, weil die
ökologische Askese die Erhaltung der Lebenswelt, also ein endliches Ziel im
Auge hat, und die mönchische Lebensweise nach einem himmlischen, also nach
einem unendlichen Ziel ausschaut, aber bei tieferer Betrachtung müssen sich
diese Unterschiede nicht als schwerwiegend erweisen. Denn faktisch etwa haben
die Mönche des Mittelalters eine enorme ökologische und ökonomische Bedeutung
in den damaligen Gesellschaften erfüllt, und auch heutige ökologische
Umweltschützer wissen wohl in ihren letzten Zielen bei der Bewahrung der
Schöpfung nicht um ihren wirklichen Antrieb, der weit über das eigene
Interesse hinaus führt.
Das Problem der Askese ist der Umgang mit reichlich
vorhandenen Gütern. Askese gibt es zwar auch in armen Gesellschaften, aber nur
in den reichen Schichten dieser Gesellschaften. Sozialgeschichtlich ist die
asketische Lebensform an den Reichtum der Oberschichten gebunden. Nur
derjenige kann den Wert des freiwilligen Verzichtes erkennen, der den Unwert
des grenzenlosen Gebrauchs erfahren hat. Der zündende Funke in der
Weizsäckerschen Formulierung liegt in dem Wort demokratisch, es stehen
sich demokratische Askese und demokratische Konsumgesellschaft
gegenüber. Wie allgemein bekannt, ist das Mönchtum in seinen geistigen Formen
ein Produkt der Hochkultur und der Oberschichten, es ist nicht real armen und
unterentwickelten Gesellschaften entsprungen. Da nun für einen Teil der Welt
im Jahr 2000, die westliche Welt, der Reichtum so allgemein geworden ist wie
zu früheren Zeiten nur in ganz dünnen Oberschichten, so stehen heute ganze
Gesellschaften vor den Widersprüchen überfließenden Reichtums, vor denen
früher nur dünne Oberschichten gestanden haben.
Zwar hatte die Aufklärung gemeint, daß die Ethik des
Herrschens und Dienens in den feudalen Gesellschaften das Dienen ebenso wie
das Mönchtum abschaffen würde, aber die heutige demokratische Ethik der Freiheit
und Gleichheit zeigt den inneren Widerspruch einer demokratischen Ethik, in der
alle herrschen können. Es zeigt sich, daß das Problem des Reichtums nicht in
seiner ungleichen Verteilung, sondern im Begehren nach Reichtum liegt. Und das
Begehren schafft die Demokratie gerade nicht ab.
Die Ethik des Herrschens und Dienens kann ebenso wie die
Ethik von Freiheit und Gleichheit mißbraucht werden. Es ist ein Fehler der
modernen Ideologiekritik, die feudale Moral des Herrschens und Dienens als
Beschönigung einer herrscherlichen Ideologie darzustellen. Die Ethik des
Herrschens und Dienens entsteht zwangsläufig in Mangelgesellschaften, die
Ethik von Freiheit und Gleichheit in hochentwickelten Gesellschaften. Beide
Ethiken bedürfen einiger Anstrengung, um sich vor Entartung zu schützen, die
heutige nicht weniger als die frühere. Denn wenn das sittliche Ich des Herrschenden
sein begehrliches Ich allein herrschen läßt, ist es bald um das Ich und die
Herrschaft geschehen, ob feudal oder demokratisch. Oben wurde die Askese als
Verzicht auf erreichbare Güter definiert: Keine Versuchung ist für den Herrn
größer, als den Dienenden auszubeuten, womit er allerdings auf Dauer sich
selbst ausbeutet. Deshalb hat die Selbstbeherrschung eine elitäre Funktion in
herrschenden Schichten. Der Krieger, der den Adelsstand begründet, kann wie
heute der Sportler die erforderliche Überlegenheit nur durch ständiges
Training aufrechterhalten. Training heißt auf Griechisch _σκησις,
Askese. Der Adel war vielleicht geschichtlich die erste Bevölkerungsschicht,
welche die Wichtigkeit der Askese erkannt hat. Die Triebhaftigkeit des Menschen
ist einem Leben in Knappheit und Gefahr angepaßt. Einer Oberschicht konnte
nicht verborgen bleiben, daß Reichtum und Wohlleben die aus der Knappheit
geborene Vernunft ins Chaos der Gefühle stürzen mußte. Es war für den Adel eine
Vorbedingung des Überlebens, daß er nicht glücksorientiert lebte, weil
er sonst die Triebe der Trägheit, des Hungers, der Sexualität weit über ihre
sinnvolle Funktion hinaus befriedigt hätte.
In solcher Umgebung wurde das mönchische Ideal geboren,
natürlich nur bei einer winzigen Minderheit in dieser Schicht, aber mit
weitreichenden Auswirkungen auf die geistige und ökonomische Lebensart dieser
Schichten und der ganzen Gesellschaft. Im Idealfall wurde der Bruder des
Fürsten Mönch und verzichtete auf die irdischen Güter um des Himmelreiches
willen, der verantwortungsvolle Fürst verzichtete auf viele irdische, ihm
erreichbare Güter um der Stabilisierung seiner Herrschaft willen.
Diese tiefe Durchdringung zwischen religiöser und
kultureller Lebensweise konnte Weizsäcker erkennen, weil er nicht auf der einen
Seite einer einfachen konservativen Reaktion verbunden ist, die liebgewordene
Gestalten der Vergangenheit aus Gewohnheit beibehalten möchte, um die eigene Lebensidentität
zu sichern. Andererseits ist er auch nicht mehr durch das Vorurteil der
Aufklärung gebunden, das Ich könne sich durch philosophische oder ökonomische
Selbstbestätigung aus den Zwängen befreien, die ihm von der Religion auferlegt
und ihn sich selbst entfremden würden.
Um das schwankende Ich zwischen den grenzenlosen Trieben
und den Forderungen aus Natur und Gesellschaft in der Balance zu halten,
bedarf es einer strengen Zügelung der unmittelbaren Regungen des Ich. Diese
Disziplinierung des Ich findet sich mit zahllosen kulturellen Schattierungen in
allen bekannten gesellschaftlichen Lebensformen. Die hellsichtige Erkenntnis
und Diagnose Weizsäckers lautet:
"Unserer konsumtiven Gesellschaft blieb es
vorbehalten, diese Erfahrung zu vergessen."[27]
Das Vergessen einer Grunderfahrung erfaßt den Menschen,
wie die Lethe ihn erfaßt: Sie zieht von der Seite ins Gehirn und bewirkt, daß
man sogar vergißt, daß man etwas vergessen hat. Die Formen dieses Vergessens
sind vielfältig. So hat man zum einen in der neueren Zeit die Askese mit einer
kulturell-bedingten Lebensgestalt verwechselt und sie für das Mißverständnis
eines leibfeindlichen religiösen Glaubens gehalten. Zum anderen erzeugt eine
vergessene Wahrheit immer neue unverstandene Tabubrüche. Im Niederlegen einer
das Ich bindenden kulturellen Grenze wird für einen kurzen Augenblick eine
Freiheit erfahren, weil man den Wert der Bindung vergessen hat, die das Ich vor
dem Ich selbst schützen soll. Der bloße Tabubruch aber hat keine neue Freiheit
zur Folge, sondern läßt den Kurs der Wahrheit des Ich über das Ich noch einmal
von vorn beginnen. Es muß genau das wieder gelernt werden, was in der Lust des
Tabubruchs verzehrt wurde.
Der Adelige wie der Mönch können nicht das irdische Glück
als Ziel ihres Lebens wählen. Beide handeln aus Einsicht, der eine mit bedingtem,
der andere mit unbedingtem Verzicht. Denn das Glück ist zumeist eine Täuschung
über die wirkliche Lage des Ich in der Welt, das heißt, es ist für einen
Augenblick wahr, täuscht aber durch sein Verlangen nach Wiederholung über die
wirkliche Lage hinweg. Glücksorientierte Ethiken sind deshalb instabil. Eher
gilt umgekehrt, daß das Leiden ein zuverlässiger Maßstab der notwendigen Anstrengung
ist. Glück macht dumpf, Leiden hellsichtig! Um zwischen den beiden Indikatoren
von Glück und Leid sicher informiert zu sein, muß der Mensch mit langer
Einübung, Askese genannt, eine Sicherheit des Verhaltens gewinnen, die ihn
über den ursprünglichen Impuls des positiven oder negativen Gefühls hinweg
blicken läßt. Ein Künstler, ein Sportler, ein Soldat wie auch ein Mönch, sie
alle dürfen sich nicht unmittelbar durch Lust oder Unlust lenken lassen. Diese
Gestalten stellt schon die Hl. Schrift dem Gläubigen als Vorbild vor Augen.
(vgl. Lk 14, 28ff.; 1 Kor 9, 24ff.)
Die weite Verbreitung der religiösen Askese in allen
höheren Kulturen spricht dafür, daß diese Gesellschaften nur stabil sein
konnten, weil mit den selbstbeherrschten Eliten, die das Ich zügeln und in
Grenzen halten, zugleich noch höhere Symbole der Selbstbeherrschung sichtbar
waren, in denen die Zügelung des Ich keinen innerweltlichen Zweck mehr
verfolgte. Das Entsagen des Ich über funktionale Zwecke hinaus nimmt Gestalt an
in den Religiosen. Das Mönchtum symbolisiert die Verwerfung der
Begehrlichkeit und hält damit eine gemäßigte Form von Begehrlichkeit stabil.
Die kontemplative Askese erscheint wie die Radikalisierung eines adeligen
Ideals.
Das entscheidende
Glied in der Kette, das Weizsäcker in der Zusammengehörigkeit von Mönchtum,
Adel und Stabilität der alten Gesellschaften sieht, drückt er in dem Satz aus:
"Die Bedürfnisverzichte, symbolisiert in den Mönchsgelübden
der Armut, der Keuschheit, des Gehorsams, sind Mittel der Bewußtwerdung, der
Distanzierung von sich selbst und damit der Entdeckung seiner selbst."[28]
Nun erbringt dieser Blick auf Adel und Mönchtum zwar
eine tiefe Einsicht in die Geschichte, aber zur Hellsicht für die Gegenwart
wird der Blick erst durch die Selbstwahrnehmung. Die Schwierigkeit, die Weizsäcker
sieht und mit Recht betont, besteht darin, die Erfahrungen der Vergangenheit,
die in einer Gesellschaft von Herrschenden und Dienenden gemacht und gedeutet
wurden, auch in der westlich bestimmten Welt deutbar zu machen, die sich als
eine Gesellschaft der Gleichheit versteht. Die Formen der alten Erfahrung sind
alt, aber ihr Inhalt ist frisch, weil die Endlichkeit auch heute eine Erfahrung
ist, denn ihre Grenzen treten im 20. Jahrhundert nicht weniger deutlich in
Erscheinung als in früheren Jahrhunderten.
Weder fortschrittliches noch konservatives Denken wird
dieser Erfahrung gerecht, weil die widerstreitenden feindlichen Brüder
zwischen Form und Inhalt schwanken und sie verwechseln. Wie diese alt-neue
Erfahrung ihre feudale Gestalt ablegen und demokratisch gelebt werden kann,
hat unserer Ansicht nach auch Weizsäcker nicht ganz klar gesehen. Es ist
leichter, abgeschlossene Zeiträume und gegliederte Epochen der Vergangenheit
zu überblicken, als die Mittel zu bezeichnen, mit denen das alt-neue Problem in
der heutigen Zeit gelöst werden könnte. Sehr richtig aber hat er wohl als
einziger erkannt, daß das Problem der Askese sich auch in den demokratischen
Gesellschaften stellt:
"Der Übergang vom Herrschen und Dienen zur Freiheit
und Gleichheit als ethischen Prinzipien hat sein ökonomisches Korrelat im Übergang
von der privilegierten Verfügung über knappe Güter zu einem allgemeinen
Wohlstand. Der ökonomische Übergang erklärt zwar nicht die ethische Substanz
der einander ablösenden ethischen Prinzipien, aber er erklärt vermutlich die
Gründe der Möglichkeit der gesellschaftlichen Durchsetzung des egalitären
Prinzips."[29]
Die ökologische Bewegung, auch ihre christliche Variante
in der konziliaren Bewegung zur Bewahrung von Schöpfung, Gerechtigkeit und
Frieden hat den Dämonen der Begehrlichkeit in der technischen Konsumgesellschaft
bisher wenig Widerstand entgegensetzen können.
Die Schwierigkeit scheint vor allem darin zu liegen, die
Grenze des konsumtiven Verhaltens in eine Lebensform zu integrieren, für die
in früheren Gesellschaften ein elitäres Bewußtsein vorhanden war. Der Mönch und
der Adelige kämpften für ein außerordentliches Ziel und wurden schon weit vor
dem Erreichen des Ziels mit der Überzeugung der Auserwählung getröstet, das
heißt mit einer elitären Berufung. Elite und Demokratie scheinen sich aber zu
widersprechen, weshalb alle Ansätze zu Reformen in den westlichen
Gesellschaften nur unter dem Vorzeichen der Gleichheit durchgesetzt werden
können, diese aber die elitäre Motivation eher lähmt als anspornt.
Es scheint nicht leicht möglich zu sein, die adelig
geprägte mönchische Tradition, die aus der Fülle endlicher Güter in einigen
wenigen Individuen dieser Klasse zur Entsagung schreitet, auf die heutigen
demokratischen Gesellschaften anzuwenden. Denn die auf Markt und Demokratie
bauenden Gesellschaften haben von innen her keinen Ansatzpunkt, um auf
erreichbare Güter zu verzichten. Wer die Knappheit der ökonomischen Güter und
die Sorge um diese Knappheit in interne seelische Antriebe übernimmt und aus dieser
erfahrenen Endlichkeit ein Leben gestaltet, ist heute unerkennbar, weil es
dafür keinen Platz im öffentlichen Bewußtsein gibt. Der Mönch gilt als
überlebt, weil es ihn schon in früheren Zeiten gegeben hat. Es wird ihn als
anerkannte Gestalt unter diesem oder einem anderen Namen erst wieder geben,
wenn die Endlichkeitserfahrung stark genug ist, um im öffentlichen
Bewußtsein zugelassen zu sein. Ohne ein Umfeld von Zustimmung wird sich kein
neuer Stand der Entsagenden bilden können, da sowohl das personale wie das
geistige Reservoir dieser Lebensform aus eben dieser Umwelt kommen muß. Hier
scheint auch Weizsäcker nicht mehr weiter zu wissen oder weiter zu wollen. Der
Blick in die Geschichte des Mönchtums zeigt ihm, wie es gewesen ist, nicht wie
es zukünftig sein kann, auch wenn der große Wert eines gelebten, auf
Beschränkung oder Entsagung angelegten Lebens erkannt ist.
Wer auf die Geschichte und den Historiker dieser Geschichte
blickt, kann nüchtern feststellen, daß gemäß der Hauptthese unseres Essays der
Wissende und von einer unerleuchteten Tradition nicht Belastete am ehesten den
Wert dieser Tradition und ihrer Schätze erkennen kann. Denn er ist ihren
Schmerzen fern oder braucht sie bloß theoretisch zu ertragen, oder, wenn er
sie praktisch zu tragen bereit ist, hat er sie aus voller Erkenntnis gewählt.
Das stellt der kühle Chronist der historischen Betrachtung fest. Als Theologen
können wir sagen: Die Gnade ist nicht machbar, also erwarten und erbitten wir
sie. In welcher Richtung sich Gedanke und Tat bewegen sollten, kann
trotzdem klar geworden sein.
5. Max Horkheimer und die Entdeckung der Erbsünde
Aus der Philosophie der neueren Zeit führen wir ein
Beispiel an, das die Lehre von der Erbsünde als tiefen Einblick in die Lage des
Menschen preist, nämlich Max Horkheimer, der neben Theodor W. Adorno als der
Begründer der Frankfurter Schule und ihrer Kritischen Theorie gilt. Diese
Schule hatte sich zu Anfang an die Marxsche Theorie der Entfremdung des
Menschen durch die ökonomische Ausbeutung gehalten, war aber schon bald über
diesen Aspekt hinaus geschritten und hatte den Menschen als Gesamtproduzenten
seiner historischen Lebensformen zu betrachten gesucht. Die grundlegende
Kritik am gesellschaftlichen System führte die beiden zum umfassenden Versuch,
den Menschen als Subjekt seiner
Geschichte zu bestimmen mit dem Ziel einer universalen Emanzipation durch die
Beseitigung von Herrschaft und Unterdrückung.
Diese universale Perspektive setzte Horkheimer angesichts
der historischen Ereignisse der vierziger Jahre, die er als Verfolgter im
amerikanischen Exil beobachtete, in den Stand, sich mehr und mehr vom Marxismus
zu lösen. Die behauptete Universalität konnte der Marxismus je länger, je
weniger einlösen. Horkheimer hatte am Beispiel des Hiltler-Stalin-Paktes
erkannt, daß die Anhänger der Marxschen Lehre die freie Entfaltung der
Persönlichkeit unterbinden mußten. So neigte er sich einem Individualismus zu,
der den Menschen aus dem antlitzlosen Kollektiv befreien sollte, er forderte
die verantwortliche Person als Grundelement einer freien Gesellschaft.[30]
Die 1944 gemeinsam mit Adorno ausgearbeitete Aufklärung über die Aufklärung
mit dem zum geflügelten Wort aufgestiegenen Titel Dialektik der Aufklärung
ging auf deutliche Distanz gegenüber dem bisherigen angeblichen Fortschritt,
den die Aufklärung gebracht haben sollte. Dialektisch ist jede Ausübung der
Macht, sowohl die Macht über die Natur wie die Macht über den Menschen. Selbst
der Versuch zur Abschaffung der Macht zeigt sich als Kampf um die Macht, wie
die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelehrt haben. Denn auch die Abschaffung
von Macht und Herrschaft ist eine Machtausübung; ebenso hat der Versuch, den
Menschen als Herren über die Natur einzusetzen, die Etablierung des Machtprinzips
zur Folge. Damit geht die Entfremdung von dem, worüber der Mensch Macht ausübt,
einher.[31]
Nachdem Horkheimer 1949 nach Deutschland zurückgekehrt
war, gelang es ihm, die Frankfurter Schule erneut als Zentrum der
Sozialphilosophie in Deutschland zu etablieren. Immer mehr fanden auch theologische
Gedanken Eingang in sein Denken. So kritisierte er die moderne protestantische
und katholische Theologie, weil sie sich dem Zeitgeist zu sehr angepaßt und
dabei die Orientierung verloren haben. Unter Orientierung verstand er
"die Sehnsucht nach dem ganz Anderen", für die eine angepaßte Theologie
kein Gespür hat. Als Folge sah er die Verweltlichung von Glaube, Theologie und
Kirche am Werke, in der die Widersprüche der Welt nur noch einmal wiederholt
werden. Obwohl er niemals die Existenz eines transzendenten Gottes geleugnet
oder behauptet hat, ist er von der gesellschaftlichen Bedeutung der Religion
als Sehnsucht des Menschen nach Gerechtigkeit, Frieden und Vollendung
überzeugt.[32]
Anläßlich seines 75. Geburtstages im Jahr 1970 gab er ein
Interview, das noch im gleichen Jahr unter dem Titel Die Sehnsucht nach dem
ganz Anderen[33]
veröffentlicht wurde. Horkheimer ist zwar angesichts der Frage nach dem Leiden
nicht einverstanden mit der Lehre der christlichen Religion über die Versöhnung
zwischen Gott und Mensch, angesichts des grenzenlosen Leidens vermag er die
Versöhnung nicht zu erkennen. Aber die Frage, wer der Mensch ist und was er tun
soll, sieht er intensiv in der Theologie gestellt.[34]
Theologie nennt er das Bewußtsein davon, „daß die Welt Erscheinung ist, daß
sie nicht die absolute Wahrheit, das Letzte ist.“ Moral läßt sich nach
Horkheimer nicht durch endliche Erfahrungen begründen, sondern durch die Sehnsucht
danach, "daß der Mörder nicht über das unschuldige Opfer triumphieren
möge."[35]
An dieser Stelle findet Horkheimer ein überraschendes Lob
für die Erbsündenlehre. Nach jüdischer und christlicher Lehre ist Gott zwar
der Gute, und von ihm kommt auch das Gute, aber auch die Möglichkeit zum Bösen,
insofern der Mensch das Ebenbild Gottes und mit einem freien Willen
ausgestattet ist, er also das Gute wie das Böse tun kann. Die doppeldeutige
Herkunft des Bösen aus dem Guten spiegelt nach Horkheimer die Erbsündenlehre
wider, der er mit Hochschätzung begegnet:
"Die großartigste Lehre in beiden Religionen, der
jüdischen wie der christlichen, ist - ich berufe mich hier auf ein Wort Schopenhauers
- die Lehre von der Erbsünde. Sie hat die bisherige Geschichte bestimmt und bestimmt heute für den
Denkenden die Welt."[36]
Horkheimer nennt Schopenhauer, der seiner Ansicht nach in
der Bejahung des eigenen Selbst und der Verneinung der Anderen die
eigentliche Erbsünde sieht.[37]
Wie sehr aber auch Horkheimer unter der unerkannten
Wirkung der Gestaltwerdung von Religion steht, zeigen seine Bemerkungen zur
konkreten Erscheinungsform von Religion und Kirche. Bedrängend ist die
Vorstellung von Lohn und Strafe, die auf eine gute oder böse Tat folgt. Genau
diese Kausalität lehnt jede liberale Theologie ab, um es sich mit dem modernen
Menschen nicht zu verderben. Mit sicherem Blick erkennt Horkheimer das Elend
dieser Anschmiegsamkeit:
"Die moderne Liberalisierung der Religion führt,
wie mir scheint, zum Ende der Religion."[38]
Vollständig kann auch Horkheimer das Dilemma zwischen
Wahrheit und endlichem Auftritt der Wahrheit nicht erkennen oder jedenfalls
nicht darstellen, denn die simple Formel 'Wenn Du das Schlechte tust, wenn Du
sündigst, wirst Du bestraft werden, dann wartet die Hölle auf Dich', weist er
zurück, um dann mit Schopenhauer in der Form der indischen Karma-Lehre
dasselbe zu sagen: Wer das Schlechte tut, wird zur Strafe wiedergeboren, wer
das Gute tut, darf zur erlösenden Seligkeit kommen.[39]
Die schillernde Ambivalenz dieses Urteils hat ihren
Ursprung in der schillernden Undeutlichkeit zwischen Wahrheit und dem Aussprechen
von Wahrheit. Worin es in der christlichen Froh- und Drohbotschaft geht, ist
die Entäußerung des Ich. Wird sie aber ausgesprochen in einer Glaubensformel,
scheint sie der erhöhten Sicherung des Ich zu dienen, denn wenn ich das Richtige,
das heißt das Gute tue, bleibe ich erhalten. In der Gestalt irdischer
Verfremdung können nun Horkheimer oder auch Schopenhauer, auf den er sich
beruft, diese Wahrheit ohne den Druck des Ausgesprochenseins erkennen und
würden nach Jahrhunderten doch auch hiervon Gegner sein müssen, wenn diese
Wahrheit als gesprochene und nicht vollzogene erscheint.
Die uralte Lehre von der Erbsünde kann Schopenhauer sogar
als unerhört neu bezeichnen, nämlich als mit der Philosophie übereinstimmend.
Dem ausgesprochenen Gestalt nach hat sie schon ein paar Jahrhunderte auf dem
Buckel, ihrem zu sagenden Gehalt nach ist sie immer so neu, wie ein Einbruch in
die Zeit nur sein kann:
"Ich habe diese Dogmen der christlichen Glaubenslehre,
welche an sich der Philosophie fremd sind, nur deshalb hier herbeigezogen, um
zu zeigen, daß die aus unserer ganzen Betrachtung hervorgehende und mit allen
Teilen derselben genau übereinstimmende und zusammenhängende Ethik, wenn sie
auch dem Ausdruck nach neu und unerhört wäre, dem Wesen nach es keineswegs ist,
sondern völlig übereinstimmt mit den ganz eigentlich christlichen Dogmen und
sogar in diesen selbst dem Wesentlichen nach enthalten und vorhanden
war."[40]
Nicht gebunden an theologische oder kirchliche
Lehrmeinung kann Schopenhauer sehen, was zu sehen ist, und da ihm eine gütige
Vorsehung auch das Schmerzliche zu erblicken ermöglicht hat, sieht er, daß
in der Freiheit des Menschen ein Abgrund steckt, der den Menschen gegen sich
selbst zu leben zwingt, obwohl dieser Mensch an der Oberfläche nichts als
leben will. Es ist bekannt, daß Schopenhauer eine große Nähe, ja eine Vorliebe
für den Buddhismus und dessen Verneinung des trieb- und leidgeplagten Lebens
hat. Für diese Verneinung der Welt ist er besonders hellhörig, was ihn zu
einem Außenseiter im optimistischen 19. Jahrhundert gemacht hat, da jene Epoche
an die wachsende Identität im Fortschreiten von Wissenschaft, Technik und
Ökonomie geglaubt hatte:
"Wirklich ist die Lehre von der Erbsünde (Bejahung
des Willens) und von der Erlösung (Verneinung des Willens) die große Wahrheit,
welche den Kern des Christentums ausmacht; während das übrige meistens nur
Einkleidung und Hülle oder Beiwerk ist."[41]
Daß er mit dieser Meinung nicht auf der Hauptlinie der
Theologie lag, wußte er damals so gut, wie man es heute wissen kann:
"Daß in neuerer Zeit das Christentum seine wahre
Bedeutung vergessen hat und in platten Optimismus ausgeartet ist, geht uns hier
nicht an."[42]
Was das nun ist, oder was das möglich macht, daß ein
Mensch nicht den Optimismus, sondern den Pessimismus als seine primäre
Überzeugung wählt, ist nicht leicht zu bestimmen. Die großen Verneiner der
menschlichen Kräfte im Christentum, Paulus, Augustinus, Luther, sind zugleich
auch Giganten der menschlichen Kraft, scheinen also durch die Verneinung eine
noch größere Bejahung errungen zu haben, eine Kraft, die bei diesen dreien
üblicherweise Gnade heißt. Wenn wir Buddha oder seinen Anhänger Schopenhauer
damit vergleichen, so realisieren sie ein Moment in der Gnade, das bei der
kirchlichen Realisierung immer in Gefahr ist, ausgeblendet zu werden. Denn der
Verkünder Paulus und seine Nachfolger müssen der Gnade eine Gestalt in
menschlichen Worten und Werken geben. Aber wie kann sie dann noch eine
Verneinung oder, wie Paulus sagt, das Gericht über die menschlichen Werke sein?
(vgl. Röm 5, 16) Die Gestaltlosigkeit, der sich Schopenhauer in buddhistischer
Weise verschreibt, ist von Vorteil, wenn auch nicht in letzter Hinsicht wahr.
Wahr wäre die völlige Verneinung der Welt nur, wenn das Endliche vor dem
Unendlichen nichts wäre; aber insofern sie etwas ist und nicht nichts, haben
eben auch der verneinte Optimismus des 19. Jahrhunderts oder die christliche
Schöpfungslehre ihr Recht: „Gott sah alles an, was er gemacht hatte: es war
sehr gut.“ (Gen 1, 31) Nur wo der Optimismus des menschlichen Selbermachens
die Oberhand gewinnt, wird er blind und gefährlich. Gegen diese Blindheit macht
die Ekloge Schopenhauers auf den verneinten Willen sehend.
II.
Deutung
Wir haben keinen Grund, in grenzenlose Bewunderung zu fallen.
Es gehört nicht viel Mut dazu, den blinden Fleck im Augen des anderen zu sehen,
ein etwas versatiler Verstand reicht schon aus. Der allerdings findet sich in
jedem der fünf Beispiele. Schwieriger wird es für den Christen, den eigenen
blinden Fleck als Wille zum Leben in der Welt wahrzunehmen. Die Wahrheit, die
hier ausgesprochen wird, ist immer eine, die von einem zum anderen geht, die
der eine ausspricht und die den anderen betrifft. Wer vermag Reden anzuhören,
mit denen die eigene Existenz in der Welt bedroht wird? Oder wer vermag solche
Reden zu führen und auf sich selbst anzuwenden?
Wir bewegen uns im Zwielicht zwischen Erkennen und
Handeln, zwischen Schmerz und Befreiung. In unseren Beispielen führt die
Handlungsentlastung zu einer neuen Erkenntnis, sie bleibt aber in zwei Fällen
ganz entschieden an der Stelle der bloßen Erkenntnis stehen und erzeugt
keinen Impuls für ein neues Handeln. Jedenfalls führt der tiefe Blick bei
Reimarus und Overbeck im wesentlichen zur Skepsis und zu einer Philosophie des
Verdachtes, in der jedes Handeln aus Wahrheit verdächtigt wird, religiöses wie
säkulares. In wenigstens zwei Fällen (Weizsäcker, Horkheimer) soll die handlungsentlastete
Erkenntnis wieder zurück zu einer neuen Praxis lenken, wenn auch die Gestalt
des Weges unbestimmt ist. Den kräftigsten Schritt aus einer
handlungsentlasteten Erkenntnis in ein neues Handeln hat Albert Schweitzer
getan, wobei er durch sein säkulares Heiligenleben den für die moderne Zeit
unlösbaren Gegensatz zwischen Selbsterhaltung und Selbstverleugnung deutlich
macht.
Im Gegensatz zu diesen dreien sehen Christen liberaler
Gesinnung in jenen Lehren, also in konsequenter Eschatologie,
Erbsündenlehre, Evangelischen Räten
und Mönchtum eine äußerste Härte und Zumutung für ihr Empfinden, weshalb sie
bestrebt sind, diese Lehren- und Lebensformen zu lockern und abzubauen. Zwischen
Erkennen und Handeln wird sich in einem solchen liberal gesinnten Denken eine Begegnung
zwischen zwei Welten abspielen. Zum einen lebt der liberale Christ aus einer
christlichen Tradition, der er mehr skeptisch als zustimmend gegenüber steht,
der er aber doch eine gewisse Achtung nicht versagen will. Andererseits stimmt
er, ob er will oder nicht, der modernen, neuzeitlichen, wissenschaftlich und
technischen Welt zu, deren Kennzeichen das Selbstvertrauen des Ich ist.
Alle die angeführten eschatologischen Lehren demütigen das Ich, indem sie
bestreiten, daß in der endlichen Welt der Weg zu sich selbst jemals beim Ich
endet. Wer diesen Widerspruch zwischen Christentum und moderner Welt auf
einfache Weise lösen will, wird die liberale Lösung bevorzugen und dabei vor
allen Dingen auf die wissensmäßigen, also theoretischen Schwierigkeiten beispielsweise
der Erbsündenlehre hinweisen. Wie soll man sich heute noch einen Mechanismus
der Sündenübertragung vorstellen? So lautet dann die leicht angespannte oder
auch empörte Frage. Der scharfe Ton solcher Bestreitung zeigt aber, daß das Problem
auf diese Weise nur uneigentlich wahrgenommen wird. In der Widersprüchlichkeit
des Handelns, also im eigenen Ich, und nicht im Objekt, von dem die Lehre
handelt, liegt der Widerspruch des endlichen Lebens. Die Theorie bietet dann
nur das entlastende Spielfeld, um sich in der Praxis des Lebens nicht selbst
anschauen zu müssen.
Das Feld zwischen den beiden Polen von Erkennen und
Handeln ist außerordentlich reich, ja überreich angefüllt bis zur
Unübersichtlichkeit von Wirkung und Gegenwirkung. Nicht nur ist es schwer,
einen Primat des einen vor dem anderen zu behaupten, da eine einfache Überlegung
zeigt, daß jedem Erkennen ein Handeln vorausgegangen ist wie auch jedem
Handeln ein Erkennen. Es ist schwierig, dieses Feld historisch richtig zu
verstehen, denn es gibt zwar den oftmals emphatisch betonten Weisheitsspruch:
"Was ich nicht verstehe, kann ich nicht tun, und was ich nicht tue, kann
ich nicht verstehen", aber unter dem Titel der dunklen Hellsicht haben
wir hier einige Beispiele des glatten Gegenteils versammelt: "Erst was ich
nicht tun muß, verstehe ich." Erst die Handlungsentlastung bringt das
Erkennen. Gerade weil ich nicht unter dem Zwang stehe, die Schwere des
Verzichtes leisten zu müssen, kann ich erkennen, was der Sinn des Verzichtes
ist.
Wir sind aufmerksam geworden, daß es Bereiche des Lebens
gibt, wo das Gegenteil einer wahren Aussage wieder eine wahre Aussage sein
kann. Wie verhält sich das bei der dunklen Hellsicht so vieler Philosophen,
wenn sie auf die Theologie blicken? Der Schlüssel zu diesem reichen Feld ist
vermutlich die Identität, das Einssein des Denkenden oder Handelnden mit
sich selbst. Hier bietet sich dem Auge, das einmal geweckt und aufgetan ist,
ein großes Feld von Wirkungen und Gegenwirkungen dar. Die philosophischen
Kritiker der Theologie, wenn wir sie einmal unter einem Blick zusammen nehmen,
erkennen ein Element der Identität im Gläubigen, das diesem selbst oftmals
verborgen ist. Dieses Element erkennt der Philosoph in seiner Außenseite, etwa
bei den Evangelischen Räten, dem Mönchtum, bei der Erbsündenlehre, und kann
diese Elemente als zum Innenbereich des Christentums zugehörig annehmen. Der
Gläubige steht im Innenbereich, mehr oder weniger diesen Stücken zustimmend.
Er sucht auch eine Identität, denn ohne diese ist kein Leben möglich. Er hat
diese Identität auf den ersten Blick in Gott gesetzt, also in das Unendliche.
Auf der ersten Stufe also ist der Gegensatz zwischen Philosophie und Theologie
ein Gegensatz zwischen Endlichkeit und Unendlichkeit, aber er ist es wirklich
nur auf der ersten Stufe. Auf der zweiten Stufe kehrt sich alles um, denn der
Gläubige, der seine Identität im Unendlichen sucht, versucht sie auch auf
endliche Weise zu erlangen, er will auch in der Zeit leben, denn er möchte
Gott als sein Leben, das heißt als seine Identität besitzen. Dies ist nicht
ohne Beimischung des Wunsches nach endlicher Identität möglich. Andererseits
sucht der sich bescheiden gebende Philosoph und Wissenschaftler auch eine Identität
im Unendlichen, weshalb der Pantheismus in der Neuzeit eine beständige Versuchung
war. Er glaubt dann an den Fortschritt in der Wissenschaft, an die Materie, an
die Gesellschaft oder sonst eine Endlichkeit, die sich zur Unendlichkeit
erweitern soll. Faust ruft: "Wo fasse ich Dich, unendliche Natur?"[43]
Dennoch verhalten sich der Gläubige und der Ungläubige,
wenn wir sie einmal so kurz bezeichnen, nicht symmetrisch. Es bleibt ein Kampf
auf Leben und Tod, ob das Unendliche sich als Verlängerung des Endlichen zeigt
oder nicht. Denn real ist die menschliche Hoffnung auf Endloses noch niemals
erfüllt worden, niemandem ist der Sprung vom Endlichen zum Unendlichen
gelungen. Alles war bisher Hoffen, Sehnen, Wünschen, Versichern. Aber auf
der anderen Seite gilt: Wer hat schon wirklich den Einbruch des Unendlichen in
die endliche Welt zeigen und beweisen können! Jede kritische Rückfrage läßt
die Offenbarung des Unendlichen in endliche Einzelstücke zersplittern, die
nicht mehr Offenbarung sind. Die größten Offenbarungen zeigen bei scharfem
Hinsehen nur brennendes Gestrüpp (Ex 3, 3) oder gebleichte Kleider (Mk 9, 3).
Hier stoßen zwei Bereiche aufeinander, die mit den Begriffen Endlichkeit und
Unendlichkeit nicht hinreichend bezeichnet sind. Die endliche Welt, die es
nicht unterlassen kann, sich zur unendlichen erweitern zu wollen, ist der
sachhafte Bereich des Seins, sie ist der Bereich des Dazwischenseins oder des
Interesses. Der andere Bereich ist das Unendliche, er kann das Personale
genannt werden, nur als solches kann das eine im anderen und auch mitten in der
Zeit schon gegenwärtig sein. Warum aber das Unendliche die Außenseite des
Endlichen hat und warum zugleich das Endliche nicht loslassen kann, nach dem
Unendlichen zu streben, scheint uns ein tiefes Rätsel zu sein. Dieses Rätsel
schlägt sich in dem Kampf zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Theologie
und Philosophie, vielleicht auch in dem Kampf der Philosophen oder Theologen
untereinander nieder, bis hin zur Rabies theologorum, in der es um die
Frage geht: "Wer bin ich? Was ist meine Identität?"
Eine auf den Begriff gebrachte Antwort können wir nicht
geben, nur eben konnten wir darauf hinweisen, wie die dunkle Hellsicht selbst
auf die Frage der Identität verweist: Ich bin in der Welt, aber nicht von der
Welt, ich möchte mehr sein in der Welt und kann am Ende doch nicht sein in der
Welt. Die Identität ist der Spielball zwischen Endlichkeit und
Unendlichkeit. Solange ich mit der transitorischen Existenz keinen Frieden geschlossen
habe, habe ich Frieden weder mit Gott, noch mit der Welt, noch mit mir selbst
gefunden.
[1] Vgl. Antoine de Saint-Exupéry: Le Petit Prince. Paris: Gallimard, 11946.
„On ne voit bien qu‘avec le coeur.“ (XXI)
[2] Werner Heisenberg: Der Teil und das Ganze.
Gespräche im Umkreis der Atomphysik. München: Piper, 1969.‑ 334 S.,
143.
[3] Albert Schweitzer:
Geschichte der Leben-Jesu-Forschung. Tübingen: Mohr, (11906) 91984
(Uni-Taschenbücher; 1302).- 651 S., 65.
[4] Hermann S. Reimarus: Von dem Zwecke Jesu und
seiner Jünger. Noch ein Fragment des Wolfenbüttelschen Ungenannten. Hrsg. von Gotthold Ephraim Lessing. In: Klaus Bohnen; Arno Schilson (Hrsg.): Gotthold Ephraim Lessing. Werke 1778 - 1780.
Frankfurt: Deutscher Klassiker Verlag, 1993 (Bibliothek deutscher Klassiker;
94), 217 - 340, 322f.
[5] Schweitzer (s.
Anm. 3), 63.
[6] Albert Schweitzer: Aus meinem Leben und
Denken. Hamburg: Richard Meiner, (1931) 1951.‑ 224 S., 53.
[7] Schweitzer (s.
Anm. 3), 41.
[8] Schweitzer (s.
Anm. 3), 45.
[9] Franz Overbeck:
Über die Christlichkeit unserer heutigen Theologie. Leipzig: Fritzsch, (11873)
21903. Repogr. Nachdruck. Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 1974.‑
218 S.
[10] Arnold Pfeiffer: Franz Overbecks Kritik des
Christentums. Göttingen: Vandenhoeck, 1975 (Studien zur Theologie und
Geistesgeschichte des neunzehnten Jahrhunderts; 15).- 231 S., 11; Nachlaß
Franz Overbeck, Universitätsbibliothek Basel, A 218 Berufsmoral (Allgemeines),
S. 3f.
[11] Hans-Georg Gadamer: Martin Heidegger und die
Marburger Theologie. In: Otto Pöggeler
(Hrsg.): Heidegger. Perspektiven zur Deutung seines Werkes. Köln u.a.:
Kiepenheuer, 1969, 169 - 178, 169.
[12] Karl Barth:
Der Römerbrief. Zürich: TVZ, (11918; 21922) 1978.‑
528 S., 298.
[13] Vgl. Tiemo Rainer Peters: Evangelische Räte - therapeutische Räte. In:
Johann Baptist Metz; Tiemo Rainer
Peters: Gottespassion. Zur
Ordensexistenz heute. Freiburg u.a.: Herder, 1991, 63 - 103, 78; Nachlaß
Franz Overbeck, Universitätsbibliothek Basel, A 77.
[14] Overbeck (s.
Anm. 9), 83.
[15] Vgl. Pfeiffer (s. Anm. 10), 83f.
[16] Georg Denzler:
Das Papsttum und der Amtszölibat. 1. Die Zeit bis zur Reformation.
Stuttgart: Hiersemann, 1973.‑ 180 S., 9.
[17] Vgl. Friedhelm Winkelmann: Paphnutios, der Bekenner und Bischof. In:
P. Nagel (Hrsg): Probleme der
koptischen Literatur. Halle: Martin-Luther-Universität, 1968, 145 -
153; Ders.:
Die Problematik der Entstehung der Paphnutioslegende. In: Joachim Herrmann: Griechenland - Byzanz -
Europa. Berlin: Akademie-Verlag, 1985 (Berliner Byzantinische Arbeiten;
52), 32-42.
[18] Joseph Ratzinger: Salz der Erde.
Christentum und katholische Kirche an der Jahrtausendwende. Ein Gespräch
mit Peter Seewald. Stuttgart: DVA, 1996.‑ 302 S., 208.
[19] Georg Denzler: Die Geschichte des
Zölibats. Freiburg u.a.: Herder, 1992.‑ 218 S., 30f.
[20] Ignacio Ortiz
de Urbania: Nizäa und Konstantinopel. Mainz: Matthias-Grünewald,
(frz. 1962) 1964 (Geschichte der ökumenischen Konzilien; I).- 343 S., 289.
[21] Vgl.
Socrates scholasticus: Historia ecclesiastica I, 11. PG 67, 101 -
104.
[22] Socrates
Scholasticus (s. Anm. 21); vgl. Stefan Heid:
Zölibat in der frühen Kirche. Die Anfänge einer Enthaltsamkeitspflicht für
Kleriker in Ost und West. Paderborn: Schöningh, 1997.- 339 S.., 13f.
[23] Vgl. Winkelmann 1968 (s. Anm. 17); Winkelmann
1985 (s. Anm. 17); Christian Cochini:
Apostolic Origins of Priestly Celibacy. San Francisco: Ignatius Press,
1990.- 469 S.
[24] Heid (s. Anm. 22), 13f.; vgl. Socrates
scholasticus (s. Anm. 21).
[25] Vgl. Annemarie Schimmel: Mystische Dimensionen des Islam. Die Geschichte
des Sufismus. Frankfurt: Insel, (engl. 1975) 1995 (insel taschenbuch;
1715).‑ 728 S.
[26] Carl Friedrich von Weizsäcker: Gehen wir einer asketischen Weltkultur
entgegen? In: Ders.: Deutlichkeit. Beiträge zu politischen und
religiösen Gegenwartsfragen. München: Hanser, 1978, 73 - 113.
[27] Weizsäcker (s. Anm. 26), 86.
[28] Weizsäcker (s. Anm. 26), 89.
[29] Weizsäcker (s. Anm. 26), 92.
[30] Vgl. Max Horkheimer:
Zur Kritik der instrumentellen Vernunft. Aus den Vorträgen und
Aufzeichnungen seit Kriegsende. Hrsg. von Alfred Schmidt. Frankfurt:
Fischer Taschenbuch, (engl. 1947) 1974.- 355 S., 130.
[31] Vgl. Max Horkheimer;
Theodor W. Adorno: Dialektik
der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt: Fischer, (1944)
Neuausgabe 1969.- 275 S., 15.
[32] Vgl. Helmut Gumnior:
Zur Vorgeschichte und aktuellen Situation des Interviews. In: Max Horkheimer: Die Sehnsucht nach dem
ganz Anderen. Ein Interview mit Kommentar von Helmut Gumnior. Hamburg:
Furche, 1970, 9 - 53, 42 - 45.
[33] Max Horkheimer:
Das Interview. In: Max Horkheimer:
Die Sehnsucht nach dem ganz Anderen. Ein Interview mit Kommentar von Helmut
Gumnior. Hamburg: Furche, 1970, 54 - 89.
[34] Vgl. Horkheimer (s. Anm. 33), 59 - 61.
[35] Horkheimer (s. Anm. 33), 61f.
[36] Horkheimer (s. Anm.
33), 64f.
[37] Vgl. Horkheimer (s. Anm. 33), 64 - 66.
[38] Horkheimer (s. Anm. 33), 66.
[39] Vgl. Horkheimer (s. Anm. 33), 65f.
[40] Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und
Vorstellung I. Textkritisch berarb. und hrsg. von Wolfgang Frhr. von Löhneysen.
Stuttgart: Cotta; Frankfurt a. M.: Insel, 1965. Reprograf. Nachdruck.
Darmstadt: Wiss. Buchgesellschaft, 21968 (Sämtliche Werke; 1).- 735
S., 554.
[41] Schopenhauer (s. Anm. 40), 550.
[42] Schopenhauer (s. Anm. 40), 551.
[43] Johann Wolfgang Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil. Nacht.