Theologie­ als Bezugswissenschaft des Religionsunterrichts

 

von Karl-Heinz Menke

 

Kurzinhalt - Summary:

 


Das Brandenburgische Schulfach Lebenskunde - Ethik - Religion 'LER' ist stark um­stritten. Als universitären Bezug kann es zwar auf die Reli­gionswissenschaft verweisen, diese aber ist von der Relativität alles Seienden überzeugt. Eine vor der fideistischen Versu­chung ge­sicherte Theologie kann erkennen, daß es keinen An­spruch der Vernunft auf unbedingte Welt­deutung geben kann. Das persönliche Zeugnis ist unverzichtbar. Damit aber fällt auch der staat­liche An­­­spruch dahin, Lebenskunde geben zu können.


The Brandenburg school subject "conduct of life - ethics - religion" (LER) is controversially discussed. It may refer to the studies of comparative religion as its university background. Thereby, however, it presupposes the option of general relativity. Theology, as far as it is secured against the temptation of fideism, realizes that no claim of reason may give unconditional interpretation of human existence. Personal witness is undispensable. Therefore any claim of governmental institutions to teach LER proves to lack justification.


 

Wer sich von seiten der Politik oder unmittelbar in der Schule mit dem Religions­unterricht befaßt, konzentriert sich in der Regel auf praktische Fragen: Wie kann man möglichst viele Schüler errei­chen? Wie muß man anset­zen, damit man nicht nur Inhalte, sondern auch Werte ver­mittelt? Wie kann man über das Diskutieren von unterschiedlichen Posi­tio­nen hinaus Orientierung bieten?

Wer den unter das Kür­zel LER gefaßten Be­mühungen des Landes Bran­den­burg um ein alle Schü­ler erfassendes "Ersatz­fach" nicht von vornherein an­tiklerikale bzw. ideolo­gische Motive unter­stel­lt, kann zu­mindest aner­kennen: Hier wird in einer Gesell­schaft, die weitgehend entchristlicht ist, ver­sucht, nicht nur den Weni­gen, die sich für den konfessionel­len Religionsunterricht entschei­den, sondern allen Schülern und Schü­lerinnen einen Werte (Lebens­orientierung) ver­mit­­telnden Unterricht zu er­teilen.

Aber: Welche Werte werden vermittelt? Wer bestimmt diese Werte? Und vor allem: Wo­durch sind sie begründet? Pragmati­sches Denken und Handeln setzt die Lösung grundsätzlicher Fragen voraus; an­dern­falls kann Pragmatismus zum Alibi poli­tischer Interessen oder Ideo­logien verkommen.

Auch wenn das Traktieren grundsätzlicher Fragen die bren­nenden Probleme der Gestaltung eines Werte bzw. Orientierung vermittelnden Unterrichtes für möglichst alle Schüler und Schülerinnen nicht löst, soll im folgenden deut­lich werden, warum alle konkreten An­strengungen von der Unter­scheidung zwischen Denken und Sein, von der Diffe­renzierung zwischen wissenschaftlicher und nichtwis­sen­­schaftlicher Deutung der Wirklichkeit und schließlich auch von der sauberen Trennung  zwischen philosophi­scher, theolo­gischer und religions­wissen­schaftlicher Interpretation abhängen.

 

1. Unterscheidungen: Zwischen Denken und Sein; zwi­schen wis­sen­­schaft­licher und nicht­wissenschaftlicher Deutung von Wirklichkeit

 


Das Papier der Würzburger Synode zum Religionsunterricht definiert Religion als Deutung des Ganzen der Wirklich­keit durch Tran­szendenzbezug.[1] Diese Definition distanziert sich von jeder dezisionisti­schen Gleichsetzung von Sinn und Deu­tung. Der Sinn[2] des Ganzen von Welt und Geschichte ist das jeder Deutung gegenüber Transzendente; und keine Deutung kann den Sinn, auf den sie bezo­gen ist, aus­loten. Denn sie ist immer die Deutung eines oder mehrerer Subjekte und damit sprach-, raum- und zeitgebunden. Allerdings ist die Deutung von Sinn niemals zu trennen von der Suche nach Wahrheit. Denn es geht ja nicht um ir­gendeinen Sinn; es geht um den wah­ren Sinn - eine Tatsache übrigens, die nicht erst da zum Aus­druck kommt, wo philoso­phisch nach der Definition oder den Kriterien von Wahrheit gefragt wird, sondern viel ur­sprüng­licher dort, wo Menschen nach dem wahren Weg, der wahren Freundschaft, dem wahren Leben verlangen. Das philo­sophische Wahrheitsproblem ist eine Konsequenz des mensch­lichen Ur­interesses am Verläßli­chen. Und verläßlich ist eine Orien­tierung des Menschen in dem Maße, als seine Deutung der Wirklichkeit mit der Wirk­lich­keit überein­stimmt. Wo zum Beispiel in der Schule Orien­tierung gegeben werden soll, wo Werte vermittelt werden, kann die Wahr­heitsfrage nicht aus­ge­klammert werden.

Die These, alle Suche nach Sinn impliziere auch die Suche nach Wahrheit, ist schon lange nicht mehr unstrit­tig. Bemer­kenswert ist aber, daß Armin Kreiner in seiner umfassenden Analyse aller wichtigen Wahrheitstheorien[3] zu dem Ergebnis gelangt, daß jedes der von ihm vorgestellten Konzepte nach der Korrespondenz von Deutung und Wirklichkeit strebt und sich erst durch die Bestimmung der Krite­rien  dieser Korre­spondenz (z. B. Konsens und Kohärenz) von anderen Konzepten unter­scheidet.

Allerdings beurteilen Wissenschaften, die sich auf einen relativ kleinen Aus­schnitt der Wirklichkeit bezie­hen, die eigenen Hypothesen nicht selten nach dem pragmatischen Kri­terium der Effi­zienz bzw. Bewäh­rung. Dies scheint ziem­lich unbedenk­lich, solange es nur um die bessere Methode der Bewältigung von Problemen geht. Ein Zahnmedizi­ner muß nicht darüber reflektieren, ob seine zur Bewältigung eines Zahn­problems entworfene Methode der Wirk­lichkeit des Problems entspricht, wenn sich seine Methode in der Praxis be­währt. Nur: Ist das, was der praktischen Welt­be­wältigung dient, Wis­senschaft? Oder anders gefragt: Was unterscheidet die besagte Methode des Zahnmedi­ziners in wissenschaftlicher Hinsicht von reli­­giösen Ritua­len, die sich als Mittel oder Methoden der Kon­tingenzbewäl­tigung hervorragend bewähren?


Jeder wissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit setzt die Unterscheidung von Denken (Deuten) und Sein (Wirklich­keit) voraus. Eine aus gepreßtem Milchpulver bestehende Tablette -"Placebo" genannt - mag sich gegen schwerste Krankheiten als erstaunlich hilfreich bewähren. Doch mit einem wissen­schaft­lichen Zugang zum Pro­blem einer Krankheit hat die Verabrei­chung eines "Place­bos" nichts zu tun. Sie ist zwar ein effi­zientes Mittel der Pro­blembewälti­gung. Aber auf wissen­schaftlichen Untersuchungen beruht die Verabreichung eines Arzneimittels erst dann, wenn ein Zu­sammenhang zwischen dem Arz­neimittel (= Deutung von Wirklichkeit) und der durch es be­kämpften Krank­heit (= gedeutete Wirk­lichkeit) benannt werden kann. Und nicht nur das: Wissen­schaft setzt einen univer­salen Zusammenhang voraus, in den jede einzelne Er­kenntnis oder Deutung dialogisch - im Kon­takt mit möglichst vielen kom­petenten Gesprächspartnern[4] - mög­lichst umfassend (wider­spruchsfrei und kohä­rent) ein­zufü­gen ist. Kein Arzt wird eine Krankheit isoliert betrachten; er wird nie nur deren Symptom, sondern auch deren Ursachen ins Auge fassen; er wird immer weiter und immer umfassender nach Zusammen­hängen forschen.

Für einen Natur­wissenschaftler ist es ganz selbstver­ständ­lich, daß alles, was ihm in Welt und Geschich­te begeg­net, erklär­bar ist - vielleicht zum gegenwärtigen Zeitpunkt und mit den ihm gegenwärtig zur Verfügung stehenden Instru­menta­rien oder Methoden noch nicht, aber prinzipiell schon. Ein Naturwis­senschaftler würde aufhören, Wissenschaftler zu sein, wenn er auch nur den geringsten Aus­schnitt der Wirk­lichkeit für prinzipiell unerklärbar hielte. Was aber heißt für einen Naturwissen­schaftler "etwas er­klären"? Doch nichts anderes als dies: ein bisher unbe­kann­tes oder nicht hinrei­chend erforschtes Phänomen mög­lichst wi­derspruchsfrei und kohärent in Bezie­hung setzen zu dem schon Erklärbaren oder Gewußten.

Auch diejenigen, die im Unterschied zu jedem Wissen­schaftler ihre Interpretation nicht als Suche nach dem wah­ren Sinn bzw. Zusammenhang des Wirklichen, sondern als Schl­üssel - womöglich als alleinigen Zugang - zum Sinn von Sein betrach­ten, sehen sich zur Einordnung ihrer einzel­nen Urteile, Praktiken und Methoden in eine Art Uni­versal­theorie gezwun­gen. So rechtfertigt jeder Astrologe seine Auskünfte mit einer Theorie über den Zu­sammenhang der Sterne und ihrer Bahnen mit dem menschlichen Schicksal. Wie der Natur­wis­sen­schaftler, so setzt auch der Astrologe einen Zusammenhang alles Seienden voraus. Aber im Unterschied zum Naturwissen­schaftler erforscht er diesen Zusammenhang nicht durch den endlosen Pro­zeß der immer neuen Befragung der Kohärenz des einzelnen Phänomens mit anderen Phänomenen, son­dern der Astro­lo­ge weiß immer­ schon, was die Welt im Inner­sten zu­sammen­hält; er sucht nicht erst noch nach diesem Zusammen­hang, sondern sieht überall Bestätigungen seiner vermeint­lich unumstößlichen Weltanschauung.

Fassen wir zusammen: Jeder wissenschaftliche Zugang zur Wirklichkeit geht von einer doppelten Voraussetzung aus: er­stens von der Un­­ter­scheidung zwischen Denken und Sein, zwi­schen Deu­tung und Wirklichkeit; und zweitens davon, daß das Sein bzw. die Wirklichkeit einen Zusammenhang alles Vielen dar­stellt, auf den die theoretische und praktische Vernunft des Men­schen immer schon verwiesen ist. Dieser Zusammenhang wird - so­fern er jedem Denken und jeder Deutung von seiten des Men­schen vorausliegt - auch "Sinn" genannt.[5]

 

2. Das christliche Credo: nicht Hindernis, sondern Ermögli­chung einer methodisch autonomen Deutung von Wirklichkeit (Wissenschaft)

 


Da die christliche Theologie nicht zuletzt in den Debatten um das Unterrichtsfach "LER" als eine Deutung der Welt (Weltan­schauung) verdächtigt wird,[6] welche die eigene Deu­tung ver­absolutiert oder zwischen Deutung und Faktum gar nicht un­terschei­det, kann es nütz­lich sein, einen Blick auf das vom Chri­stentum geprägte Entstehen des Wissenschafts­begriffs und der Insti­tution "Universität" zu werfen.

Augustinus hat uns die von Panaitios stammende und von Varro modifizierte Unter­schei­dung zwischen der theologia mythica der Dich­ter, der theo­logia civilis der Gesetzgeber und der theo­logia physica der Philosophen übermittelt.[7] In allen drei genann­ten For­men der Theolo­gie geht es um den mit dem Begriff "Sinn" bezeichneten Zu­sammenhang alles Seien­den.

Der Dichter erfaßt den Sinn des Seins unmittelbar (in­tui­tiv); daher die Bezeichnung seiner Theologie als theolo­gia mythica; denn in der Welt des Mythos gibt es keine Ge­schie­denheit von Sein und Denken; oder besser gesagt, in der Welt des Mythos steht das Ganze bzw. der Sinn des Seins dem den­kenden und deutenden Subjekt nicht gegenüber; viel­mehr kommt das Ganze bzw. der Sinn des Seins z. B. im Dich­ten des Dich­ters zum Aus­druck.

Entsprechend versteht der antike Staat seine Ordnung bzw. den Kosmos seiner Gesetze als Ausdruck der göttlichen Welt­seele. Von den Römern wird die Staatsordnung als theolo­gia civi­lis bezeich­net, weil sie als Erscheinung bzw. als Mani­fe­stierung des ewig Gültigen, des "Sinns an sich", ver­stan­den wird.

Und wie der antike Dichter oder Staatsmann, so tritt auch der antike Philosoph dem Zusammenhang des Seienden - auch "Sinn" oder "Weltseele" genannt - keinesfalls wie ein Sub­jekt dem von ihm real verschiedenen Objekt gegenüber. Denn sobald er den Zusam­men­hang des vielen Ein­zelnen denkt, so­bald er sich von der Ebene der δόξα auf die Ebene der _πιστ­ήμη, von der Ebene der empirischen Wahrneh­mung[8] auf die Ebe­ne des Verstehens begibt, zeigt sich das Sein bzw. der be­schriebene Zusammenhang alles Seienden (der Sinn des Seins) in seinem Denken. In der griechischen Philo­sophie ist das Denken nicht das Gegenüber, sondern das Medi­um der Er­schei­nung des Seins. Abstrakter formuliert: Inner­halb der grie­chischen Philo­sophie - ange­fangen bei den Vor­sokratikern bis hin zu Ari­stoteles und den Stoikern - sind Denken und Sein bzw. Deutung und Wirklichkeit zwar logisch, aber nicht onto­logisch ver­schieden. Und weil für den grie­chischen Phi­lo­sophen die Erscheinung des Seins (des Zusam­menhangs alles Seienden) im Denken immer auch die Erschei­nung des Gött­lichen im Denken ist, gibt es keinen Unter­schied zwi­schen Philo­sophie und Theo­lo­gie.


Von dieser Auffassung ist das Denken der christlichen Väter noch weit­gehend geprägt. Die Apologeten des 2. und 3. Jhs. bezeichnen den christlichen Glauben als jene Stufe des phi­losophischen (!) Den­kens, auf der sich der Zusammenhang alles Seienden (der Sinn des Seins) erst eigentlich lichtet. Deshalb nennt Ju­stin Jesus Christus den wahren Sokrates und die christliche Offenbarung "die wahre Philosophie".[9]

Eigentlich hätte der biblische Schöpfungsgedanke von Anfang an eine radikale Korrektur der griechischen Gleich­setzung des Seins mit dem Denken verlangt. Denn unter Vor­ausset­zung des jüdisch-christ­li­chen Schöp­fungsgedankens ist das Kontingente, das Einzelne und Faktische nicht das Un­eigentliche gegenüber dem Allgemeinen und Notwendigen der Ideen, sondern im Gegenteil das Wirkliche im Unterschied zu den künstlichen Abstraktionen des Denkens. Aber erst als man den biblischen Schöpfungsgedanken im Lichte der aristoteli­schen These von der Inhärenz des Allgemeinen im Einzelnen (im Besonderen) betrachtet, kommt es zu einer grundlegend neuen Zuordnung von Denken und Sein und in der Kon­sequenz auch von Philosophie und Theologie.

Die im Frühmittelalter selbstverständliche These, ein in der christ­lichen Tradition wurzelndes Denken sei durch kein anderes Denken übertreff­bar, war in der Kon­fron­tation mit der um 1150 ein­setzenden Rezeption des Ari­stote­les und sei­ner ara­bischen Kommentato­ren Avicenna und Aver­roes nicht zu halten. Ohnehin hatte sich in der als "wahre Philosophie" bezeichne­ten Theologie die Tendenz zu einer Glaubensbegrün­dung ver­stärkt, welche zumindest metho­disch von der Prämisse des christlichen Credo absieht, um die Ver­wie­senheit der ge­schöpf­lichen Vernunft auf ihren Schöpfer zu erweisen (vgl. das "unum argumentum" des Anselm von Can­ter­bury). In dem von Peter Abaelard aufgestellten Programm einer durch "Dia­lek­tik" (durch eine methodisch autonome Argumentation) be­trie­benen Glau­bensbegründung ist der Schr­itt von einer Theo­logie im Sinne der augustinischen Weisheit (sapientia) durch Erleuchtung hin zu ei­ner Theolo­gie als Wissen­schaft (scien­tia) vollzogen. Allerdings führ­te die Rezeption des aristo­telischen Denkens nicht mit einem Schlag zur Beseiti­gung der überkom­menen Auffassung der Theo­logie als der "wah­ren Philo­sophie". Bonaventura (und der "Neo-Augustinismus" des späten 13. Jhs.) unterscheidet zwar zwischen Theolo­gie und Philoso­phie, bezeichnet aber die Philosophie als "Dienerin" der Theologie; wohingegen die von der theologischen Fakultät eman­zipierte Artistenfakultät (z. B. Siger von Bra­bant) die Philosophie als "au­tonom" versteht. Nicht von ungefähr ent­stehen um 1200 die ersten Uni­versitäten als Orte mehrerer Fakultä­ten, und das heißt, unterschiedlicher (methodisch autono­mer) Zugän­ge zur Wirklich­keit.[10]

Zusammenfassend läßt sich festhal­ten: Da alle Wis­sen­schaft die nicht nur logi­sche, son­dern auch bewußtseinsunab­hängige Tren­nung von Sein (Wirklichkeit) und Denken (Deu­tung) vor­aus­setzt, kann man erst da von einem wissenschaft­lichen Zugang zur Wirk­lichkeit (spe­ziell auch von einer wissen­schaft­lichen Philo­sophie und einer wis­sen­schaftlichen Theo­logie) sprechen, wo man sich in keiner Weise - weder durch intuitives Ergrif­fensein, noch durch das unmittelbare Ein­leuchten der "Welt­seele", noch auf Grund der biblischen Of­fen­barung - im Besitz eines das Sein apriori erfassenden Den­kens dünkt.

 

3. Philoso­phie, Theologie und Religionswissenschaft

 


Die Universität zerfällt in viele Einzelwissenschaf­ten, wenn sie nur die äußere institutionelle Klammer, gleichsam das gemeinsame Dach, der verschiedenen Fakultäten ist. Diese Gefahr ist nicht so jung wie man vordergründig meinen könn­te. Schon im Gefolge des spät­mit­tel­alterli­chen Nomina­lismus degenerierte die Philosophie zur Met­ho­­dologie. Sie zog sich weitgehend auf die Frage zurück, mit welchen nomina - mit welchen spra­chlichen und praktischen Mitteln - das Vielerlei der sinn­lich wahrgenommenen Wirklichkeit am effizientesten zu bewäl­tigen sei.

Theologie muß in einer Universität als Fremdkörper er­scheinen, wenn sie als einzige Disziplin die Wirklich­keit nicht bewältigen will, sondern auf deren wahren Zusammenhang (Sinn) bezogen ist. Nur wenn die Philosophie dieses Unter­fangen der Theo­logie als der Vernunft gemäß ausweist, ist die Theo­logie innerhalb einer Universität nicht iso­liert.

Mit dieser Feststellung plädiere ich natürlich nicht für die Rückkehr zu einer Philoso­phie, die meint, sie könne die Wahrheit an sich, den Zusam­menhang bzw. Sinn alles Seienden an sich, erfassen. Im Gegenteil: Unter der Voraussetzung, daß das, was in allen Wissenschaften befragt, gesucht, er­forscht wird, das der eigenen Ver­nunft gegenüber Andere, Vorgegebene, Faktische,[11] theologisch "von Gott Geschaffene" und also nicht von uns selbst Gemachte ist, muß auch die Philosophie fragende, suchende, forschende Wissenschaft sein. Aber weil Philosophie sich nicht mit einem Ausschnitt der Wirk­lichkeit beschäftigen soll, sondern nach dem Zusam­menhang, dem Sinn, dem Sein des Seienden fragt, unterschei­det sie sich von allen Einzelwissenschaften. Philosophie hat den Einzelwissenschaften gegenüber eine kritische Funktion. Sie muß den Abstand zwi­schen Denken und Sein, zwischen In­terpreta­tion und Wirklich­keit, zwischen Methode bzw. Zweck und Wahrheit bewußt ma­chen. Und außerdem kommt ihr eine posi­tive Aufgabe zu: Denn nur die Philosophie kann erklären, warum der Mensch als Geistwesen sich selber aufgibt oder verleug­net, wenn er die theoreti­sche und praktische (ethi­sche) Frage nach dem wahren Sinn des Gan­zen nicht mehr stellt.


Die Philosophie ist nicht eigentlich Philosophie, wenn sie sich wie andere Wissenschaften auf einen bloßen Ausschnitt der Wirklichkeit, z. B. auf die Reflexion der Spra­che, be­schränkt. Sie kann aber im Unterschied zur Theologie nicht voraussetzen, daß es einen alles umfassenden Sinn gibt, und daß sich dieser Sinn in Welt und Ge­schichte ver­nehmbar macht. Sie kann religiöse Traditionen wie Hypo­thesen betrachten und in der hypotheti­schen Annahme, daß ein Kon­sens Wahr­heit bekundet,[12] verschiedene Antwor­ten auf die Frage nach dem Sinn des Ganzen diskutieren.[13] Die (christ­liche) Theolo­gie hingegen gibt - gestützt auf eine be­stimm­te, inter­sub­jek­tiv (durch die Kirche) tradierte und be­zeugte Offen­ba­rung - Antwort auf die Frage nach dem Grund der Ver­wiesen­heit auf das Gan­ze und nach dem Grund eines uni­ver­salen Zusam­menhangs.

Von der Philosophie unterscheidet sich christliche Theo­logie vor allem darin, daß sie nicht nur auf das Ganze der Wirklich­keit verweist, sondern unter der Voraus­setzung, daß es Gott gibt und daß Gott sich in Schöpfung und Geschichte mitgeteilt hat, auch positiv Auskunft gibt über den Grund des Ganzen. Ohne diese positive Aus­kunft kann es keine ver­bindliche Orientierung des menschlichen Handelns geben.

Fragen wir zum Beispiel: Wie kann begründet werden, daß der Mensch etwas qualitativ anderes als ein Tier ist? Wie kann begrün­det werden, daß keine Wis­sen­schaft auch nur einen einzigen Menschen zum Mit­tel ihrer Zwecke degradieren darf? Wie kann begründet wer­den, daß die fundamentalen Menschen­rechte nicht als zu veri­fizierende oder zu falsifizierende Hypothesen zur Dispo­si­tion stehen?


Da ein Philosoph nur mit der Möglichkeit bzw. Idee "Gott" ar­bei­ten darf, kann er nur einen Begriff letztgültigen Sinns kon­zipieren und also die genannten Fragen nur auf der Basis eines Postulates beantworten. Anders der christliche Theo­loge: Er setzt die Wirk­lich­keit des einen Schöpfers voraus, kann daraus die Wirklichkeit eines alles Sei­ende umgreifen­den Sinnes fol­gern und deshalb Fragen wie die nach dem Un­ter­schied zwischen Mensch und Tier zwar nie er­schöp­fend, aber doch verbindlich beantworten. Dabei entgeht die Theolo­gie nur dann der Ge­fahr des fun­damentalistischen Posi­tivis­mus oder Dezisio­nis­mus, wenn sie die methodische Auto­nomie der phi­losophisch argumentierenden Vernunft wahrt. Denn die Annahme von etwas, was die Ver­nunft sich selbst nicht sagen kann, die Annahme des sie selbst Übersteigenden, die Annahme z. B. des Dogmas von der Schöpfung alles Seien­den durch den einen Schöpfer, unter­scheidet sich nur dann von der Willkür fid­eistischer Ent­scheidungen, wenn sie hin­rei­chend be­gründet ist und also aus Überzeugung (autonom) er­folgt. Die Offenba­rung kann nur vor einer Vernunft, die selbst nicht "crea­tura revelationis" ist, als das sie [die Ver­nunft] Übersteigende ausgewie­sen werden. Jede Einschrän­kung der Vernunft zugun­sten des Glaubens als einer "Weisheit im Geheimnis" (1 Kor 2,7) kann ja nicht anders geschehen als in Form einer Selbstkritik der Vernunft.[14] Klaus Hemmerle hat das so aus­ge­drückt: "Theologie ohne Philosophie ist keine Theolo­gie. [...] Philosophie muß die Theologie [...] aus allem Getto der bloßen Pragmatik, der bloßen Positivität, heraus­reißen [...], indem sie hart und boh­rend ihre Fragen an die Theo­logie stellt und die Unstruktur einer unphi­loso­phischen Theologie aufweist. Umge­kehrt hat aber auch Theolo­gie die Chance und Aufgabe, eine Philoso­phie, die sich vor dem Phi­losophischen, die sich vor der Frage nach dem Ganzen zurück­zieht, zu sich selbst her­auszu­fordern. Und wenn einmal Theo­logie in der ihr gegen­wärtigen Philosophie keinen Part­ner mehr fände oder sofern sie diese Partnerschaft vermißt, ist sie gehalten, aus ihrem eigenen, theologischen Impuls Philo­sophie wach- und hervor­zurufen."[15]

"Die Philosophie", so formuliert Bernhard Casper, "hat kein anderes Maß als dies, daß sie jeweils das Äußerste thematisiert. Als solche Thematisierung des jeweils äußer­sten Weltverständ­nisses des Menschen hat die Philosophie ihren Platz aber nicht nur vor dem Studium der Theologie, sondern mitten in ihrer Arbeit."[16] Jede große Theologie st­ützt sich auf eine große Phi­loso­phie; und jede große Phi­loso­phie eröffnet einen neuen Zugang zu der Frage nach dem Sinn des Ganzen.

Da ist zum Bei­spiel Wolfhart Pan­nenberg, der in seinem gro­ßen Werk "Wis­sen­schaftstheorie und Theologie" in Ausein­andersetzung mit Schleiermacher, Dilt­hey, Troeltsch und anderen den Nachweis führt, daß jede Erfahrung von Wirklich­keit (eines "Gegen"-standes) eine zu­mindest subjektive bzw. hypothetische Antizipation der Sinn­totalität der Wirklich­keit impliziert. Oder da ist Karl Rahner mit seiner von Maréchal inspirierten These, daß Er­kennen Urteilen ist, und daß jedes Urteil den unthematischen Vorgriff auf das Ganze (auf das Sein des Seienden) impli­ziert. Oder Hans Urs von Balthasar: Er gründet seine Theo­logie auf eine philosophi­sche Ästhetik, die zum Beispiel im Akt des Staunens (in der Schau der Gestalt) einen Zugang der endlichen Vernunft zum Sinn des Seins sieht. Oder Walter Kasper: Seine Theologie und die seines Schü­lers Tho­mas Pröp­per beziehen sich auf die phi­loso­phi­sche Freiheitsanalyse von Hermann Krings: auf die im Kern schon von Fichte geschilder­te Be­obachtung, daß jedes Ich in der Begegnung mit dem Du des Anderen ein unbe­dingtes Sollen erfährt, dem die im Er­kennen und Tun realisierte Freiheit (die "konkrete Frei­heit") allenfalls partiell­ ent­spricht. Und da sind Johann Baptist Metz und Helmut Peu­kert, die ihre Theologie auf Jürgen Habermas' Uni­versal­prag­matik und Karl Otto Apels Transzen­dentalpragma­tik stützen; näherhin auf die Annahme, daß die Sprache die Klam­mer zwi­schen Denken und Sein bildet und deshalb in einem gewalt­freien Kontext und unter bestimm­ten Bedingungen den Sinn des Seins entbirgt.

Zahllose Untersuchungen haben gezeigt, daß die genannten Philo­sophien und Theologien ihre Licht- und Schattenseiten haben. Den­noch ist jede Philosophie, die nach dem Zugang der end­lichen Vernunft zum Ganzen der Wahrheit fragt, dem eige­nen Auftrag treu. Und jede Theologie, die - gestützt auf einen solchen philosophischen Entwurf - das Christusereig­nis als Ant­wort auf die Frage nach dem Sinn des Einzelnen und des Ganzen expliziert, trotz aller Einsei­tigkeit und Ergän­zungsbedürftigkeit echte Orientierung des menschlichen Da­seins.


Im Unterschied zur Philosophie und zur Theolo­gie geht es der Religionswissenschaft[17] nicht um den "wahren Sinn" des Einzelnen oder Ganzen, sondern um das Unterscheiden und Vergleichen von Phänomenen. Sie verzichtet ausdrücklich auf den Anspruch, den Wahrheitsgehalt der einzelnen Reli­gionen zu prüfen oder zu ent­scheiden, ob sie tatsächlich auf dem Ereignis einer Offenbarung beruhen. Sie beschränkt sich darauf, den subjektiven Glaubensgehalt, der sich in Mythos, Tradition oder Kult ausdrückt, zu erfassen und auf Verbin­dungslinien, Zusammenhänge und Abhängigkeiten hinzuweisen. Nicht selten wird dabei ohne Begründung vor­ausgesetzt, daß es eine Selbstoffenbarung des Absoluten und deshalb das Phänomen der Einzigkeit in Welt und Ge­schichte gar ­nicht geben kann. Dem religionswissenschaftlichen Hin­weis auf Parallelen und ideelle oder literarische Ab­hängig­keiten liegt bewußt oder unbewußt die historistische Überzeu­gung von der Relativität alles Seienden zu­grunde. Von daher kann die Religionswissenschaft nicht die Bezugswissenschaft eines Schulunterrichtes sein, der über Informationen und hypothe­tische Vergleiche hinaus Werte bzw. ethische Orientierung vermitteln will. Auf Grund ihres eigenen Selbstverständnis­ses will und kann die Religionswissenschaft weder Werte begründen, noch falsche von wahren Sinn­ange­boten unterscheiden.

 

4. Theologie als Bezugswissenschaft des Religionsunterrich­tes

 

Vor dem Hintergrund unserer Ausführun­gen über die Grundvor­aussetzungen eines wissenschaft­lichen Zugangs zur Wirklich­keit ist klar: Ein Reli­gions­unter­richt, der seine Deutungen der Wirklichkeit nicht mit der Wirklichkeit selbst verwech­selt, wird der Versuchung zur Indok­trina­tion widerstehen. Er wird ausgehen von der nicht nur logischen, sondern auch onto­logi­schen Geschie­denheit von Denken und Sein, von Deu­tung und Wirk­lichkeit. Das heißt: Er ist zunächst einmal eine Frage- und Suchbewegung - nicht in Gestalt eines blo­ßen Sammelns von Informationen und Thesen (Religionswis­sen­schaf­t), sondern in der Aus­richtung auf den wahren Sinn des Einzelnen und des Gan­zen. Doch auch dort, wo ein Lehrer die philosophi­sche Frage nach dem Sinn des Gan­zen stellt und diese mit dem theolo­gisch explizierten Selbs­tver­ständnis des in Schrift und Dogma "kristal­lin gewordenen" Glaubens einer christli­chen Konfes­sionsge­mein­schaft konfron­tiert, wird er bewußt machen, daß die Selbst­offenbarung der Wahrheit (die Person Jesus Chri­stus) weder mit der Schrift noch mit der Tradi­tion der Kirche und erst recht nicht mit einer Ausle­gung des Glaubens der Kirche (mit einer Theologie) identisch ist; daß also auch eine durch Jahrhunderte von einer Welt­kirche tradierte Deutung nicht identisch ist mit der von ihr angezielten Wirklichkeit.

Im einzelnen lassen sich daraus folgen­de Kon­sequenzen ziehen:

1. Religionsunterricht muß in der Erkenntnis gründen, daß jede Ant­­wort auf die Frage nach Sinn (Le­bensorientierung) nur dann frei von Ideologie (= Identifizierung der eigenen Deutung mit der Wirk­lichkeit) ist, wenn die besagte Un­ter­schei­dung zwischen Sein und Denken, zwi­schen Wirk­lich­keit und Deutung, zwischen Sinn und Zweck gewahrt wird.

2. Die Unterscheidung zwischen Denken und Sein setzt den Glauben an eine vom eigenen Deuten unabhängi­ge Wirklichkeit voraus. Daß die Wirk­lichkeit nicht erst Produkt unseres Deutens und Denkens ist, und daß wir den Sinn dieser Wirk­lichkeit nicht machen, sondern vorfinden, drücken Juden und Christen mit ihrem Glau­ben an den einen Schöpfergott aus.

3. Jeder Religionsunterricht sollte seinen Adressaten ver­mit­teln, daß die Frage nach dem Sinn des Ganzen der Wirk­lich­keit (speziell des eigenen Daseins) nicht nur die Gei­stes- und Kulturgeschichte der Menschheit prägt, sondern zum Men­schen als einem seiner Endlichkeit bewußten und also auf das Nicht-Endliche verwiesenen Ge­schöpf wesentlich dazuge­hört.


4. Religionsunterricht muß sich des Un­terschieds zwi­schen Philosophie bzw. philosophischer Ethik und Theolo­gie be­wußt sein. Philosophie kann durchaus orien­tie­rend wir­ken durch ihre Fragen. Man denke beispielsweise an eine Diskus­sion über Kants Fragen: "Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch?" Aber jede Antwort auf diese Fragen gründet in der Postu­lie­­rung oder in der Bezeugung des Unbedingten. Theologie ist die Verantwor­tung einer be­stimmten Bezeugung des Unbeding­ten (Tradition) vor dem Forum der historischen und philosophi­schen Vernunft. Die Theologie ist mit der Philosophie nicht identisch;[18] aber ohne Philo­sophie ver­kommt sie zur positivi­sti­schen Be­schrei­bung von Fak­ten. Ein Religionsunterricht, der in der Theolo­gie qua Wissenschaft gründet, verpflichtet sich, die gebo­tenen In­halte so zu ver­mit­teln, daß die Schü­lerinnen und Schüler zu einer vor dem Forum der historischen und philoso­phi­schen Vernunft ver­antworte­ten ­An­eignung (oder Ablehnung) befähigt werden.[19]

5. Es gibt keine weltan­schaulich neu­trale Orientierung des menschlichen Handelns. Und es ist in bezug auf das "Branden­burger Modell" gesprochen eine fatale Situation, wenn der Staat weltanschaulich neu­tral die in der Verfassung des Landes verankerten Werte ver­mit­teln will. Wenn ein Lehrer seinen Schülern Werte vermittelt, muß er deren Geltung  begründen. Und diese Begründung kann nicht seinem Belie­ben oder gar der Ideologie eines selbstgebastelten Weltbildes ausgeliefert werden. Der Staat selbst muß ein In­ter­esse daran haben, daß seinen Schü­lerin­nen und Schülern nur solche Antworten auf die Fra­gen nach dem Grund von Sinn (von Wer­ten) gegeben werden, die eine an der Universität vertre­tene Be­zugswissen­schaft haben. Denn Wissenschaft bedeutet, wie gesagt, zu­mindest dies: unter­scheiden zwischen Wirklich­keit und Deutung, zwischen Sinn und Zweck.


6. Es ist eine Illusion, zu glauben, man könne durch Reli­gionswissenschaft eine objektive, wissen­schaftliche Kenntnis von Religion, einen Standpunkt über den Standpunkten, errei­chen und dadurch welt­anschauliche Konflikte abbauen. Wer gegen die Theo­logie und für die Religions­wissen­schaft als Bezugswissenschaft des Religionsunterrichtes plädiert, hat Partei ergriffen, und zwar "für die Auffassung, daß das Be­kenntnis zu einer Religion unzeitgemäß oder gar schädlich, jedenfalls für Ethik oder Lebensgestaltung eher unerheblich und sozusagen unter Folklore einzuordnen sei".[20] Toleranz ohne Standpunkt verneint den Glauben an den unverfügbaren Grund unbedingten Sollens. Sie äußert sich nicht in der Anerkennung der Andersheit des Anderen, sondern in Gleich­gültig­keit.[21]Da­mit ist nichts gesagt gegen die Zusam­men­arbeit zweier Wissenschaften, nämlich der Theologie und der Reli­gionswissen­schaft. Aber die Befragung der Religions­wis­sen­schaft von seiten der Theologie (und des auf sie ge­stütz­ten Religionsunterrichtes) kann nicht absehen von den her­meneu­tischen Prämissen des Reli­gionswissenschaft­lers.

7. Unter der Voraussetzung, daß der Lehrer eines konfes­sionellen Religionsunter­richtes den Unterschied zwischen Offenbarung (Christus selb­st) und Bezeugung der Offenba­rung[22] bewußt macht, ist sein eigenes Zeugnis nicht Manipu­la­tion der Schü­ler, sondern Ausdruck der Tatsa­che, daß der genuine Ort für die Erkennt­nis und Weiter­gabe eines Ereig­nisses mit Gel­tungsanspruch an die sittliche Ver­nunft das Zeugnis (mar­tyria) ist.[23] Dabei versteht sich von selbst, daß die Bezeu­gung dessen, den die christliche Tradition als Fleisch gewordene Liebe be­schreibt, sich in der unbedingten Anerkennung der Andersheit (der transzendentalen Freiheit) des Anderen ausweist.

8. Weil die Selbstoffenbarung Gottes in Jesus Christus nicht In­struktion, sondern Person ist, ist nicht der Konsens der Theologen, sondern der Konsens derer, die Jesus Christus personal bezeu­gen (die Kirche), das Krite­rium aller Wahr­heitssuche. Die Wissen­schaft "Theo­logie" wird durch den gelebten Glauben der Kirche davor bewahrt, ihre Deutungen mit der Realität zu verwechseln, die sie deutet. Das heißt für den christlichen Religions­unterricht, daß er auf eine konkret erlebbare Wirk­lichkeit bezogen ist.[24]



[1]               "Inhaltlich geht es dabei [beim Religionsunterricht] um die Fragen nach dem Woher und Wohin, dem Wozu und Warum, nach dem Sinn und Wert oder der Sinnlosigkeit und Wertlosig­keit des Ganzen und des ein­zelnen in der Welt. [...] Aber nicht nur der private Bereich ist davon betroffen. Im Be­ruflichen, Sozialen, Politischen gibt es ebenso Situationen und Programme, in denen es um das Verstehen des Ganzen und das Einordnen in das Ganze geht, [...]. Wer nach dem Sinn fragt, kann sich nicht mit dem Hin­weis auf Zwecke zufrieden geben."  Vgl. Synodenbeschluß Reli­gionsunterricht. In: Ludwig Bertsch (Hrsg.): Gemein­same Synode der Bistümer in der Bundesrepublik Deutsch­land. Offizielle Gesamtausgabe. Frei­burg, 1976, 123 - 152; hier: 133 f.

[2]               Mit dem Begriff "Sinn" wird im folgenden der Zusammen­hang alles Wirklichen bezeichnet. Jede Deutung dieses Sinns ist eine durch die Perspektive und geschichtliche Situierung des deutenden Subjekts oder der deutenden Sprachgemeinschaft bedingte Interpretation. Anders gesagt: Jede Deutung setzt einen für die menschliche Vernunft einsehbaren Zusammenhang alles Wirklichen voraus, ohne die Diastase zwischen dem "Sinn an sich" (dem bewußtseinsunabhängigen Zusammenhang alles Wirk­lichen) und der stets unvollkommenen Erklärung dieses Zu­sammenhangs überwin­den zu können.

[3]               Armin Kreiner: Ende der Wahrheit? Zum Wahrheitsverständ­nis in Philosophie und Theologie. Freiburg, 1992; Kreiner diskutiert die Positionen von Popper, Habermas, Heidegger, James oder Rescher ebenso wie die theologisch bestimmten Theorien von Kierkegaard, Brunner, Rahner oder Hick. Dabei wird immer wieder deutlich, daß Konsens- und Kohärenz­theorien die Kor­respondenz-These voraussetzen und keineswegs ersetzen.

[4]               Für den wissenschaftlichen Dialog gelten die von Ha­bermas und Apel formulierten Bedingungen des idealen Kom­munikationsprozesses. Vgl. Helmut Peukert: Wissenschaftstheorie, Handlungstheorie, Fundamentale Theologie. Analysen zu An­satz und Status theologischer Theoriebildung. 2. Auflage Frankfurt, 1988, 252-310.

[5]               Weil dieser alles umfassende "Sinn" als solcher (an sich) dem endlichen Erkennen des Menschen nicht zugänglich ist, kann es Metaphysik bzw. Ontologie nicht als Theorie des Transzenden­ten, sondern nur als Frage nach den Bedingungen der Möglich­keit eines alles umfassenden Sinns (als Transzen­dentalwis­senschaft) geben. Dazu: Ludger Honnefelder: Transzen­dent oder transzendental: Über die Möglichkeit von Metaphy­sik. In: PhJ 92 (1985) 273-290; Ders.: Metaphysik. In: LThK3 VII (1998) 190-192.

[6]               In der "Gemeinsamen Stellungnahme der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg und des Erzbistums Berlin zur Absicht der Landesregierung Brandenburg, LER als ordentli­ches Lehrfach einzuführen" heißt es: "Die Landesregierung behaup­tet, daß LER weltanschaulich neutral ist, [...]. Sie sieht zugleich vor, daß Schülerinnen und Schüler vom Unter­richt im Fach LER zu befreien sind, die oder deren Eltern dennoch erklären, daß die Teilnahme am Unterricht im Fach LER mit ihrer religiösen Überzeugung unvereinbar ist. Darin offenbart sich die innere Wider­sprüchlichkeit dieses Modells: Wäre dieses Fach dem eigenen Anspruch gemäß tatsäch­lich weltan­schaulich neutral, dann wäre es in vollem Umfang als ordent­liches Lehrfach vom schulischen Bildungsauftrag umfaßt; eine Abmeldemöglichkeit wäre ebenso wenig begründbar wie eine Abmeldemöglichkeit von anderen ordentlichen Lehrfä­chern wie Deutsch oder Mathematik. Hier muß allerdings auf die unhalt­bare Voraussetzung hingewiesen werden, es gäbe bei wert­orientiertem Unterricht insbesondere über Religionen, einen "Standpunkt über den Standpunkten". Nichts anderes gilt für die Lehrerbildung für ein Schulfach LER, wenn die Bezugs­wissenschaft ausschließlich die Religionswissenschaft sein soll und die Theologie bestenfalls zu einer Hilfswis­sen­schaft der Religionswissenschaft degradiert wird."  Vgl. Politische Akademie: Religionsunterricht in den Schulen. Der Streit um das Fach LER in Brandenburg - ein Beispiel für die Auseinandersetzun­gen um das Verhältnis von Staat und Religion. 2. Auflage St. Augustin, 1998 (Dokumentation der Konrad-Adenauer-Stiftung, Bereich Forschung und Beratung), 165-166; hier: 165.

[7]               Augustinus: De civitate Dei VI,8. In: Corpus Chri­stia­norum. Ser. lat., XLVII, 176. - Dazu: Peter Hünermann: Ort und Wesen theologischen Denkens. In: Bernhard Casper; Klaus Hemmerle; Peter Hünermann (Hrsg.): Theologie als Wis­sen­schaft.­­ Freiburg, 1969 (QD 45), 73-123; bes. 86-89.

[8]               Das einzelne Seiende in seiner jewei­ligen Einmaligkeit ist in der grie­chischen Metaphysik immer das Un­eigentliche, in Platons Höhlengleichnis sogar bloßer Schein.

[9]               Was bis ins 13. Jh. als "intellectus fidei" bezeichnet wird, ist zunächst eine durch die Inhalte der christlichen Tradition vermittelte Erkenntnis. Weil diese Erkenntnis alle aus anderen Quellen gespeiste Einsicht übertrifft, wird sie von Justin als "die wahre Philosophie" und von Klemens von Alexandrien als "die wahre Gnosis" bezeichnet. Augustinus spricht von der christlichen Weisheit, die deshalb die höch­ste ist, weil sie alle Weisheit der Heiden überbietend inte­griert.

[10]             Während Thomas von Aquin noch selbstverständ­lich vor­aus­setzt, der Schöpfergott habe seinen Adressaten, den Men­sc­hen, so geschaffen, daß der - sofern guten Willens - den Sinn des Einzelnen und des Ganzen (also das, was Gott ge­dacht und gewollt hat) mit Leichtigkeit erkennen kann, be­tont das Spätmittelalter den Abstand zwischen dem ganz ande­ren Gott und der Schöpfung so sehr, daß der Mensch in der Schöpfung nur ein Vielerlei von Einzelnem wahr­nimmt, welches er selbst ordnen (in einen Zusammenhang brin­gen) muß - die Geburts­stunde der experimen­tierenden Naturwis­senschaft.

[11]             Besonders Peter Henrici hat gezeigt, daß die Erfas­sung des Grundes aller Gründe uns nicht nur wegen des un­überbrück­baren Abstandes zwischen Endlichkeit und Unend­lichkeit, sondern auch auf Grund der Uneinholbarkeit jedes einzelnen Faktums durch jedwede Deutung unmöglich ist: "Ein Faktum ist immer ein Ganzes und auf das Ganze bezogen. Es kann nicht bloß zur Hälfte oder unvollkommen der Fall sein; es ist der Fall oder es ist nicht der Fall. Wenn es aber der Fall ist, dann ist die ganze Reihe seiner Vorbedingungen vollständig durchlaufen. Darum läßt sich ein Faktum nicht aus-denken, durch Denken und Rechnen nachkonstruieren. Was dabei herauskäme, wäre immer nur ein Modell des Faktums, das abstrakt und daher bis zu einem gewissen Grade allgemeingül­tig bleibt, während das Faktum letzt-konkret und höchst einzeln ist. In dieser seiner konkreten Einzelheit ("dies und nichts anderes ist der Fall") ist das Faktum nicht iso­liert. Das Weltganze ist nicht ohne dieses eine Faktum, und dies eine Faktum ist nur im Weltganzen. Dadurch, daß es der Fall ist, steht es nicht nur gleich zu gleich zu allem ande­ren, was auch der Fall ist und war und sein wird; es drängt sich auch durch sein bloßes Der-Fall-sein allem anderen, was der Fall sein will, zur Berücksichtigung auf." Vgl. Peter Henrici: Die metaphysische Dimension des Faktums. In: Ders.: Aufbrü­ch­e christlichen Denkens. Einsiedeln, 1978 (Kriterien; 48), 27-35; hier: 27 f.

[12]             Wenn alle mit einer bestimmten Frage befaßten Gruppen einer Gesellschaft sich de facto auf die Bedingungen ver­ständigen, die Habermas und Apel als ideale Bedingungen für das Zustandekommen eines gewaltfrei bzw. dialogisch ermit­telten Konsenses bezeichnen, dann mag das Ergebnis von allen akzeptiert werden; doch aus der so erreichten Einigkeit läßt sich nicht deren Wahrheit deduzieren. Von daher bemerkt  Gerhard Sauter: "Ein­heit im Sinne der Ge­mein­samkeit zwi­schen Men­schen (Ein­ver­ständnis und Allge­mein­heit) kann [...] nur aus der Wahr­heit folgen. Zu Beginn des 5. Jh. heißt es bei Se­verian von Gaba­la: 'Ubi namque veritas sese prodit, omnia consenti­unt' - 'Wenn die Wahrheit sich zeigt, stimmt alles überein.' Wird diese Se­quenz jedoch umgekehrt, wird sie irreführend, ja fatal: Konsensdruck läßt die Wahr­heits­frage verkümmern. Die Stimmen zählen, nicht mehr die Argu­mente. Nach dem Kon­zil von Nicäa (325) begann die Beru­fung auf den consensus omnium eine immer größere Rolle zu spie­len: ver­ständlicher­weise, sofern die größtmög­liche Über­ein­stimmung erzielt werden sollte, problematisch jedoch, weil der An­schein er­weckt wurde, diese Allgemeinheit sei bereits ein theologi­sches Argument! Muß aber nicht im Blick behalten werden, daß die Wahrheit der Theologie im Grenzfall auch von einem ein­zelnen gegen alle anderen vertreten werden kann?" Vgl. Gerhard Sau­ter: Was ist Wahrheit in der Theologie? Wahrheits­findung und Konsens der Kirche. In: Ders.: In der Freiheit des Geistes. Theologische Studien. Göttingen, 1988, 57-82; hier: 62.

[13]             Die Tran­szen­den­talphiloso­phie thema­tisiert die Ver­wiesenheit des mensch­lichen Erken­nens und Handelns (des menschlichen Da­seins) auf den Zusam­men­hang bzw. Sinn alles Wirklichen; die Religions­philosophie be­trachtet die Inhalte verschiede­ner religiöser Traditionen als Hypothesen, um in deren Licht den Zusammen­hang des Wirk­lich­en zu erfas­sen; und die philosophi­sche Ethik dient dem Phänomen des Sollens, kann aber den Grund für dieses Sollen nicht selbst liefern.

[14]             In diesem Zusammenhang weise ich die von Joseph Rat­zinger gegen mich vorgetragene Kritik (Zur Lage des Glau­bens und der Theologie heute. In: IKaZ 25 [1996] 359-372) mit denselben Argumenten zurück, mit denen mich Klaus Müller verteidigt. Wenn Ratzin­ger auf der einen Seite wie ich selbst den Rela­tivismus der sogenannten "Pluralistischen Religionstheolo­gie" zurück­weist, zugleich aber betont, es gebe keine Auto­nomie der philosophischen Vernunft, dann unterläuft ihm ein eklatanter S­elbstwiderspruch. "Ohne Zwei­fel tritt Vernunft allemal geschichtlich auf. [...] In kei­ner Weise aber ist von daher vorgegeben, daß von vornherein und prinzipiell alle Äuße­rungsformen von Vernunft fallibel sein müßten: Auch ge­schichtlich aufgekommene Gedanken können - einmal aufge­kom­men - zumindest in dem Sinn unhinter­gehbar sein, daß das Denken die durch sie ergehende Herausforderung nicht mehr los wird: Das gilt so gut von Augustinus' 'Si enim fallor, sum' (Wenn ich mich täusche, bin ich) und Descartes' 'Je pense, donc je suis' wie von Immanuel Kants kopernikanischer Wende in der Erkenntnistheorie oder - para­dox geradezu - auch noch von Friedrich Nietzsche, der jegli­che Artikulation eines Geltungs­anspruchs zu einer Metapher erklärt, von der vergessen worden sei, daß es sich um eine solche handle. Und wenn Vernunft tatsächlich nicht aus eige­ner Kraft auf die Beine kommt, sondern - wie Ratzin­ger for­muliert - geschicht­licher Hilfe bedarf, um aus ihren geschichtlich bedingten Verblendungen freizu­kommen: Woran wird dann auf überprüfbare - also begründete - Weise er­sichtlich, daß durch die christ­liche oder gar katholische Option (wie von Ratzinger zwei­felsfrei unterstellt) der Vernunft jene Freiheit vermittelt wird, die diese wirklich zu sich selbst kommen läßt? Kon­stativ gewendet: Der ver­nunftkritisch moti­vierte Vorbehalt gegen einen starken Be­gründungsgedanken im theologischen Diskurs mündet in einen subtilen fideistischen Zirkel." Vgl. Klaus Müller: Wieviel Vernunft braucht der Glaube? Erwägungen zur Begründungsproblematik. In: Ders. (Hrsg.): Fun­damentaltheologie - Flucht­linien und gegenwärtige Heraus­forderungen. Regens­burg, 1998, 77-100; hier: 82.

[15]             Klaus Hemmerle: Das problematische Verhältnis von Philo­sophie und Theologie. Theologische Perspektiven. In: Ders.: Ausgewählte Schriften. Bd. I: Auf den göttlichen Gott zuden­ken. Schriften zur Religionsphilosophie und Fundamentaltheo­logie 1 / Reinhard Feiter (Hrsg.). Freiburg, 1996, 31- 49; hier: 46-48.

[16]             Bernhard Casper: Die Bedeutung der Lehre vom Verstehen für die Theologie. In: Ders. u. a. (s. Anm. 7), 9-72; hier: 45.

[17]             Dazu: Hans G. Kippenberg: Die Entdeckung der Religions­geschichte. Religionswissenschaft und Moderne. München, 1997, bes. 13-43.218-258.

[18]             Vgl. die obigen Ausführungen über die Entwick­lung von einer als "wahre Philosophie" bezeichneten Theolo­gie hin zur Unterscheidung der Philosophie von der Theolo­gie.

[19]             In diesem Sinne fordert Gottfried Bitter im Anschluß an die Würzburger Synode von 1974 eine diakonische Ausrich­tung des Religionsunterrichtes auf die Schüler. Nicht das Erlernen bestimmter Inhalte, nicht die Anbindung an die Kirche oder die katechetische Hinfüh­rung zu den Sakramenten, sondern die Entscheidungsbefähigung muß sein Ziel sein. In einem "die gängigen Selbst­verständlich­keiten unterbre­chenden Fra­gen und Antworten erschließenden Religionsunter­richt wird der jungen Genera­tion tatsächlich eine Plattform der Ausein­andersetzung ange­boten als erste Voraussetzung, internali­sierte Wertungs- und Handlungsmu­ster, die sie sel­ber über­nommen haben oder die ihnen empfoh­len werden, zu prüfen, zu bestätigen, zu ver­ändern, im Pro­zeß wachsender Identitäts­findung zu sagen: 'Ja, das bin ich!' oder 'Nein, das kann ich so nicht anneh­men!' In dieser Unternehmung besorgt der Religionsunterricht humanisierende Aufgaben zugunsten der Entscheidungsbefähi­gung der Schüler/innen - im Ensemble der Ziele unserer Schulen insgesamt. Vielleicht dürfen wir als Christen sagen: In dieser Unternehmung des Aufbrechens, des Befragens, des Durchleuchtens erfüllt der Religionsunter­richt seine aufklärende, seine hermeneutische, seine diako­nische Pflicht; hier wird der Religionsunterricht - sehr leise - zum Lernort des Lebens." Vgl. Gottfried Bitter: Religionsunter­richt zugunsten der Schüler. Umrisse eines diakonischen Religionsunterrichtes. In: Pädagogische Rundschau 43 (1989) 639-658; hier: 648 f.

[20]             Richard Schröder in seinem Brief vom 25. 9. 95 an die SPD-Abgeordneten des Bran­denburger Landtags. Vgl.  Politische Akademie (s. Anm. 6), 228-229; hier: 229.

[21]             Die Stellungnahme der Jüdischen Gemeinde des Lan­des Brandenburg zum "Modellversuch LER" vom 19.9.1995 spricht von der "Ver­wandlung der Inhalte der Religion in eine Metho­de. So soll die Religion in der Schule als Religionsge­schichte, Religionssprache [...] und vieles mehr erscheinen. Bei dieser Betrachtungsweise wird weder ein Wissen über die Besonderheit oder Allgemeinheit irgendeiner Religion ver­mittelt, noch ein Vergleich mit anderen Religionen oder Wertsystemen ermöglicht, denn vergleichen und beurteilen kann man nur begriffene Gegenstände. Durch diesen methodi­schen Umgang mit der Religion wird, überspitzt formuliert, die Vielfalt an sich zum einzigen der Toleranz genügenden Inhalt der Religion. Zu einem Bekenntnis darf und braucht man nach dieser vorgestellten Begrifflichkeit weder in reli­giöser noch in allgemein ethischer Weise nicht gelangen. Es gibt eine Kritik am LER-Konzept, die darauf hinweist, daß es eine multikulturelle interkonfessionelle Persönlichkeit nicht gebe; - wir befürchten Schlimmeres: Die besagte Per­sönlichkeit gibt es durchaus, sie zeichnet sich aus durch ein überhebliches Selbstbewußtsein [...]" Vgl. Politische Akademie (s. Anm. 6)­, 163-164; hier: 164.

[22]             Ein schuli­scher Reli­gionsunterricht - selbst wenn er das Etikett eines Lei­stungskurses trägt - kann nicht die fun­da­mentaltheologischen und exegetisch-hermeneu­tischen Fragen des Verhältnisses von Historie und Geschich­te, Keryg­ma und Dog­ma, Schrift, Tradi­tion und Kirche auf­arbeiten. Aber unter Voraussetzung der Bezugswissenschaft "Theologie"  kann man auch auf einfache Weise vermit­teln, daß die Bindung des Religionsunterrichtes an die ge­lebte Christus­deutung einer Konfes­sions­gemeinschaft die oben beschriebene Wis­sen­schaft­lich­keit nicht behindert, sondern er­möglicht.

[23]             Das Zeugnis "macht ein 'Vergangenes', besser (inso­fern es sich um ein Ereignis mit Aufforderungscharakter handelt): Ergangenes in dem Maße gegenwärtig, wie sich der Zeuge in einem zweifachen Sinn in Anspruch nehmen läßt; zum einen auf das hin, woher er sich zum Zeugnis berufen weiß, zum anderen auf die hin, die dieser Ruf erreichen soll. [...] Es gibt nur einen 'Ort' in der Unüberschaubarkeit geschichtlicher Kontingenz, an dem erkennbar wird, daß sich ein Unbedingtes wirklich realisiert: ein Zeugnis, in dem der Zeuge sein eigenes Leben als völlig irrelevant betrachtet demgegenüber, was ihn unbedingt in Anspruch nimmt." Vgl. Hansjürgen Ver­weyen: Botschaft eines Toten? Den Glauben rational verant­worten. Regensburg, 1997, 131 f.

[24]             "Eine allgemeine Religion zum Unterrichtsinhalt zu machen hieße nur, ein weiteres Mal die Gegebenheiten des Lebens aus der Schule heraushalten. Der Religionsunterricht in der Schule hat nicht eine Religion zu traktieren, die es nur in der Schule gibt, sondern die im Alltag gelebte Reli­gion. Und die ist nicht nur im Christentum konfessionell geprägt." Vgl. Franz Kamphaus: Es gibt kein kirchenloses Christen­tum. Plädoyer für einen konfessionellen Religionsunterricht in der Schule. In: FAZ 1996/2­28 (30.9.1996) 10.