Dahingesagt?
Über intellektuelle Redlichkeit im Dienst der
Verkündigung
von Klaus Müller
Kurzinhalt - Summary:
Klaus Müller setzt sich in seinem Aufsatz Dahingesagt?
Über intellektuelle Redlichkeit im Dienst der Verkündigung mit der
Spannung von Theologie und Verkündigung auseinander. Intellektuelle
Redlichkeit ist mehr als subjektives Ehrlichsein; sie umfaßt im wesentlichen
zwei Dimensionen: zum einen steckt dahinter die Anstrengung, die theologischen
Diskurse ins existentielle zu übersetzen, zum anderen aber achtet sie auch
darauf, daß die christliche Gottrede nicht von den großen wissenschaftlichen
und philosophischen Erkenntnissen der Gegenwart abgekoppelt wird.
Dealing with the
relationship between theology and Christian proclamation, Klaus Müller lays
stress on the idea of intellectual sincerity. More than subjective honesty, it
implies both the endeavour to transform theological reflection into one's very
own existence and attention as far as any separation of Christian proclamation
from the current knowledge of philosophy, humanities, and science is
concerned.
1. Ein
interessantes Reaktionsmuster
Wie sich die Szenen gleichen! Als vor ziemlich genau zehn
Jahren der Konflikt mit und um Eugen Drewermann seinen ersten Höhepunkt
erreichte, befleißigte sich ein Teil seiner Kollegenschaft des mehr oder minder
direkten Hinweises, daß da im Grunde ein ziemlich konservativer Theologe zu
Gange sei, der mit Dingen Furore mache, die in der professionellen Zunft schon
seit ein paar Jahrzehnten zum common sense gehörten; sozusagen „alter Käse“,
„kalter Kaffee“ sei darum, was er zu bieten habe.[1]
Als sich 1998 der vier Jahre zuvor durch eine Neuauflage der Osterdebatte
bekannt gewordene evangelische Neutestamentler Gerd Lüdemann spektakulär vom
christlichen Glauben verabschiedete[2]
- dito: „Klar, daß auch Lüdemann in seinen Büchern nichts einschneidend Neues
aufzuweisen hat. In den Grundzügen sind diese Erkenntnisse ja auch bald
zweihundert Jahre alt.“[3]
„Der große Betrug“, betitelte Lüdemann sein Abschiedsschreiben in Buchformat.
Dennoch: „Nichts einschneidend Neues“? Also Betrug seit bald 200 Jahren, seit
dem man es besser wissen könnte?
Lüdemanns persönlicher Entscheidung (wenn sie denn nichts
anderes als dies war) zolle ich Respekt, denn wer von uns - und zumal die
Theologietreibenden - kann die Hand dafür ins Feuer legen, daß sein Glaube
immer bleiben werde![4]
Die Repliken jedoch mit dem „nichts Neues“ muten mich zynisch an. Da wird, was
man offiziell so sagt über Inkarnation und Jungfrauengeburt, Wunder und
Auferstehung und schließlich über den lieben Gott höchstselbst, für den
öffentlichen Dienstgebrauch als Kunde buchstäblichen Sinnes behandelt,
gegenüber einer „aufgeklärten“ Hörerschaft augenzwinkernd allegorisiert, im
Kreis der Zunftbrüder (und wenigen -schwestern) schließlich als überkommen
genommen. Wer je einen Prediger in privatem Kreise über das spotten hörte, was
selbiger sonntags gehobenen Ernstes am Ambo von sich gibt, dem vergeht das
Lachen. Und dann denen, die sich mit diesem Auseinanderklaffen von Theologie
und Verkündigung nicht abfinden wollen, aber nicht das Handtuch werfen, sondern
das Theologische in eine mit den Zeichen der Zeit kompatible Predigtsprache
umzusetzen suchen, aus ebendieser Dissoziation den (lehramtlichen) Strick zu
drehen, heißt schlichtweg, dem Faß die Krone ins Gesicht zu schlagen![5]
Formal gewendet: Das beschriebene Reaktionsmuster schert sich nichts um die
intellektuelle Redlichkeit der Geltungsansprüche, auf die es sich bezieht. Im Kontext
einer Informations-, Wissens- und Kritikgesellschaft wie der gegenwärtigen des
westlichen, zum Teil auch schon des östlichen Lebenskreises, läßt sich ein
gefährlicherer, weil vernutzenderer Umgang mit Traditionen kaum mehr denken.
Dabei ist das Problem selbst alles andere als neu.
2. Eine
Herausforderung mit langer Vergangenheit
Praktische Redlichkeit beim Verkündigen ist bereits Thema
der Verkündigung Jesu selbst: Ein Gutteil der in den Evangelien fixierten
Auseinandersetzungen mit den Schriftgelehrten und Pharisäern drehen sich um
sie: paradigmatisch fokussiert in der Kritik derer, die den Menschen schwere
Lasten aufbürden, doch selbst keinen Finger zu rühren bereit sind (vgl. Lk
11,46). Eine Art frühgemeindlicher Schleifspur zieht dieses Redlichkeitsproblem
mehrfach im Jakobus-Brief mit seiner Betonung der unverzichtbaren Verknüpfung
von Rede und Gesinnung einerseits und Tat andererseits (vgl. z. B. Jak
1,23-27; 2,14-18) - wie aller Anlaß besteht, dieses Problem bleibend und bis
heute gerade in homiletischer Perspektive als brennend zu bezeichnen: Es sind
und bleiben Menschen, die Gottes Wort verkündigen. Die Vermittlung von Rede und
Tat wird allemal nur in prekärer Balance zu gewinnen sein, die nie erledigt
ist, sondern nur aus einem lebenslangen Bemühen erwächst.[6]
Einzig daraus resultiert, was gemeinhin Wahrhaftigkeit heißt. Diese
sachbezogene Wahrhaftigkeit wiederum setzt als Bedingung ihrer Möglichkeit
voraus, daß jemand entschlossen ist, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu sein.
Klaus Demmer beschreibt diese erstpersönliche[7]
- also einzig in (grammatisch gesprochen) erster Person Singular zu gewinnende
Einstellung - so:
„Man muß sich vorurteilslos und demütig eingestehen
können, wo im eigenen Leben jene Orte sind, an denen still gekämpft wird, an
denen unauffällige Bewährung verlangt ist, soll schleichende Unwahrhaftigkeit
nicht die Folge sein. Man muß den Mut aufbringen, über sich selbst
nachzudenken, die eigene Lebensgeschichte nicht nur als immerwährende
Lerngeschichte, sondern als eine Bekehrungsgeschichte anzusehen und beherzt
alle sich dazu bietenden Gelegenheiten aufzugreifen.“[8]
Das scheint mir über die praktische Wahrhaftigkeitsfrage
hinaus zugleich präzis die Koordinaten zu markieren, innerhalb deren auch
jener intellektuellen Redlichkeit Genüge getan werden kann, ohne die es keine
stimmige Predigt gibt. Das demütige Eingestehen der Orte stillen Kämpfens und
unauffälliger Bewährung und die eigene Biographie als Bekehrungsgeschichte gibt
es ja nicht nur im Praktisch-Sittlichen, sondern genauso und für Predigende
vielleicht noch herausfordernder durch den Auftrag, in Augenhöhe mit den
Zeichen der Zeit und unter Bezug auf das reflexive Niveau der Theologie dieser
Zeit die christlich geglaubte Selbstmitteilung Gottes glaubwürdig von neuem zu
Wort zu bringen.
Bei diesem Gebot intellektueller Redlichkeit handelt es
sich keineswegs um eine Erfindung kritisch-moderner Zeiten. Statt dessen ist es
seinerseits bereits neutestamentlich festgeschrieben: in der Passage 1 Petr
3,15, die dazu auffordert, jedem, der danach fragt, über die Gründe der
christlichen Glaubenshoffnung Rede und Antwort zu stehen.[9]
Diese Verpflichtung auf Rechenschaftsgabe warf wie von selbst die Frage nach
dem Verhältnis der Verkündigung und soeben anhebenden Theologie qua
reflektierter Gottrede zu derjenigen Instanz auf, die unter anderem für so
etwas wie die Gültigkeit von Begründungen zuständig ist - also die Philosophie.
Seit Anfang und bis heute gibt es diesbezüglich zwei Optionen: Die erste - von
einem gewissermaßen johanneischem Hintergrund inspiriert (Stichwort λoγoς;
vgl. Joh 1) - traut der Philosophie für die eigenen theologischen Belange große
Erhellungskraft zu, faßt das christliche Theologisieren nachgerade als das
bessere Philosophieren (im Vergleich zur vorhergehenden Philosophie) auf. Die
zweite Option - deutlich von der paulinisch-deuteropaulinischen Aversion gegen
die Gnosis dirigiert (Stichwort σwφια; vgl. 1 Kor 1,20b-25;
Kol 2,8) - zerschneidet sozusagen das Tischtuch, begnügt sich mit den eigenen
Ressourcen, will von philosophischen Argumenten nichts wissen - und tut dies,
weil sie gar nicht anders kann, mit geltungsheischenden kritischen Argumenten,
also dem Instrumentar der verbal zurückgewiesenen Gegenseite. Das macht das
Ringen um das Verhältnis von Theologie und Philosophie von seinem durch Justin
den Märtyrer und Origenes einerseits, Tertullian andererseits markierten Anfang
bis heute so prekär[10]
- und in es unmittelbar eingeschrieben die Frage der intellektuellen Redlichkeit
beim Predigen. Oder anders gefragt: Wieviel Vernunft braucht der Glaube[11]
- und was folgt daraus für das Predigen?
Tertullian macht in Gestalt des ihm seit je
zugeschriebenen, verbaliter nirgends zu belegenden, aber gleichwohl seine Intention
treffenden „Credo quia absurdum“ kurzen Prozeß; desgleichen Spätere mit der
(von bestimmten Kreisen bis heute beanspruchten) Formel, der christliche Glaube
sei nicht aristotelice, sondern piscatorie[12]
- will sagen: Die wirkliche Kompetenz für ihn liege nicht bei den Philosophen
und Intellektuellen, sondern den Fischern (vom See Genesaret), also den
einfachen Leuten. Für die alternative Option - was die intellektuelle
Redlichkeit betrifft - steht in der Zeit des Anfangs mehr als jeder andere
Origenes (ca. 185-252), und zwar aus einem philosophischen wie einem
pastoralen Motiv.[13]
Er sagte sich (ähnlich wie Philo von Alexandrien): Gibt es so etwas wie
Wahrheit überhaupt, dann kann es nur eine geben. Klar auch: Zwei
Wahrheiten wären soviel wie gar keine! Ist aber nun die Bibel das Buch der
Wahrheit, wie Christen glauben, dann beinhaltet es diese eine Wahrheit als
ganze. Ein Teil von ihr findet sich darin verbaliter niedergeschrieben; das,
was zu fehlen scheint, verbirgt sich hinter den banalen, kontingenten oder dunklen
Sätzen der Schrift. Das ist - systematisch gesehen - der Ausgangspunkt der
durch Origenes grundgelegten und später ausdifferenzierten Lehre vom
mehrfachen Schriftsinn, der als das Leitparadigma der Hermeneutik bis zur
Reformation gelten muß. Um der Wahrheit willen, die sein Selbstverständnis als
Mensch und Christ anleitet, hat der Bibelleser und haben die Predigenden neben
dem Literalsinn auch auf den geistlichen (mystischen) Sinn des Wortlauts zu
achten, den Origenes bezeichnenderweise voητoς nennt, um dessen
Vernunftgemäßheit und damit sein eigenes Bedachtsein auf intellektuelle
Redlichkeit zu unterstreichen. Origenes hat also seine Hermeneutik und sein
Verständnis von Predigt aus einem durch und durch pastoralen - vielleicht
besser noch: mystagogischen - Anliegen entwickelt: Es geht ihm um den einzelnen
auf seinem Weg zur Wahrheit, der zu einer Existenz in der
Wahrheit führen soll - also dazu, daß etwas ganz und gar Objektives subjektiv
Gestalt und Ausdruck gewinnt.
Das aber heißt: Die intellektuelle Redlichkeit der
Predigenden fungiert als eine (freilich nicht einzige) Bedingung der
Möglichkeit dafür, daß die Hörenden zu einer wahrhaftigen Glaubensexistenz zu
kommen vermögen.[14]
Insofern handelt es sich bei der intellektuellen Redlichkeit im homiletischen
Bereich nicht nur um ein subjektives Ehrlichmeinen, sondern um einen Grundzug
von Kommunikationsethik: In dem Maß, in dem ich bei meiner Verkündigung meine
intellektuelle Redlichkeit schuldig bleibe, verbaue ich meiner Hörerschaft die
Wegbahnung zur Wahrheit, die ihnen dadurch versprochen ist, daß ich ihnen als
bevollmächtigter Verkünder entgegentrete. Das Ehrlichmeinen im Sinne guter
Absicht, das wir gewöhnlich mit dem Begriff der Redlichkeit assoziieren,
greift insofern viel zu kurz.[15]
Mitlaufend zur Geschichte des spannungsvollen
Verhältnisses von Theologie und Philosophie, anhebend von seinen eben
markierten Anfängen über die großen Streitfälle Lanfranc versus Berengar,
Bernhard von Clairvaux versus Abaelard, Bonaventura versus aristotelisierende
Theologen (u. a. Thomas von Aquin)[16],
Pascal versus Descartes und bis heute weiter - sagen wir: in einer Konfrontation
von Martin Heidegger und Josef Pieper[17]
-, ließe sich auch so etwas wie eine Geschichte homiletischer intellektueller
Redlichkeit schreiben. Mehr noch: Mir keimt die Vermutung auf, letztere
repräsentiere den wirklich heißen Kern des Verhältnisses von Theologie und Philosophie,
weil in der Predigt das Verhältnis von Vernunft und Glaube sozusagen mit
hochgeklapptem Visier und auf offener Bühne - also völlig ungeschützt -
ausgetragen werden muß - egal, ob eine(r) rationalistisch, fideistisch oder im
Sinn einer Vermittlungsfigur optiert. Wenn man bedenkt, wie systematisch
verflochten Philosophie und Verkündigung bei Albert dem Großen[18]
und bei Meister Eckhart[19]
waren, daß die ersten erhaltenen Denkspuren Johann Gottlieb Fichtes
Predigtenproben sind[20]
und Probe-Predigten zu den frühesten intellektuellen Dokumenten Georg W. F.
Hegels gehören (und selbst sein spätes System als konsequente Ausfaltung des in
jener Anfangszeit imaginierten Programms einer neuen Volksreligion gelesen werden muß)[21],
dann stellt sich eine allererste Ahnung ein, was intellektuelle Redlichkeit
eigentlich heißt und welche Potentiale in der vorderhand harmlos klingenden
Frage nach ihr stecken. Natürlich kann all dem an dieser Stelle nicht einmal im
Ansatz nachgegangen werden. Darum beschränke ich mich auf eine weitere systematische
Beobachtung zur intellektuellen Redlichkeit bei der Predigt und suche wiederum
ein wenig anzudeuten, was sich an Herausforderungen hinter ihr verbirgt.
3. Die Balance
intellektuell redlicher Predigt
Das Problem intellektueller Redlichkeit im Homiletischen
stellt sich nicht nur in dem Sinn, daß den Predigenden die Pflicht obliegt,
ihre Verkündigung einigermaßen in Tuchfühlung zu halten mit dem, was
theologisch als seriös erarbeitet gelten kann. Redlichkeit verlangt ist auch in
dem gewissermaßen umgekehrten Sinn, daß sich, wer im Dienst des Wortes steht,
beim Predigen nicht einfach auf die Wiedergabe theologischer Diskurse und
Versatzstücke zurückziehen kann. Diese Balance zwischen dem strengen
Vernunftbezug und dem lebendigen Kerygma, das befreit, tröstet, richtet, zu
finden, das macht die Predigt zum kleinen Kunstwerk - und jedes wirkliche (auch
noch so kleine) Kunstwerk, zeichnet sich dadurch aus, authentisch zu sein, und
das heißt mit einem anderen Wort: redlich.
Die eine Seite dieser Balance - daß es nicht reicht,
richtige theologische Formeln zu repetieren - ist in diesem Jahrhundert schon
einmal auf einigermaßen heftige Weise Thema gewesen: Stichwort „Kerygmatische
Theologie“ oder „Theologie der Verkündigung“. In der zweiten Hälfte der 30er
Jahre dieses Jahrhunderts hatten ein paar sensible Theologen in Innsbruck -
Josef Andreas Jungmann, Hugo Rahner und Franz Lakner - ein Gespür dafür
entwickelt, wie wenig sich die Aufgabe der Verkündigung am Leitfaden des
neoscholastischen Formelkanons adäquat erfüllen läßt. Sie stellten sich die
Frage, ob nicht eine Verkündigungsform gefunden werden müsse, die - verbunden
mit dem dafür nötigen Mut zur Lücke - das Ganze des Glaubensgeheimnisses, seine
innere Organik und seine "Heilswertigkeit"[22],
wie H. Rahner gerne sagte, also seine subjektive Relevanz zur Geltung, ja: und
einfach in seiner Schönheit[23]
auch zum Strahlen bringt. Und: Ob dafür nicht eine Sprache entwickelt werden
müsse, die sich um eben dieses Zieles willen in gewiß nicht willkürlicher,
aber doch markanter Abweichung von den Formelkanones der Handbücher aus der
inneren Ergriffenheit des Menschen speist. Es gab Stimmen, die sich gegen
dieses Programm aussprachen, ja sein Scheitern geradezu guthießen, weil sie
durch es den prinzipiellen Status von Theologie als solcher verunklart sahen.
Kein Geringerer als Karl Rahner schrieb 1961 in der zweiten Auflage des „LThK“:
„(A)lle Theologie muß Heilstheologie sein, eine
grundsätzlich nur ‘theoretische’, nicht engagierte Theologie kann u. darf es
nicht geben.“ [24]
Unbeschadet seines Vorbehalts gegen ein Unterfangen, das
K. Rahner auf ein ruinöses Auseinanderdriften von Verkündigung und
wissenschaftlicher Theologie hinauslaufen sieht, teilt er gleichwohl die
Sorgen der Verkündigungstheologen und sieht auch zur Zeit seiner kritischen
Stellungnahme noch immer den Befund gegeben,
„daß ein guter Teil der heutigen schol. Theologie zuwenig
deutlich im Dienst einer wirklich aktuellen Verkündigung steht, die den
heutigen Menschen u. seine Glaubensnot findet; daß der heutige theol.
Schulbetrieb an den Universitäten zuwenig den jungen Seelsorgeklerus für seine
Aufgaben schult; daß das Kerygma selbst nicht einfach nur vereinfachte
Schultheologie sein kann, auch wenn diese richtig ist.“[25]
Das Programm dieser "kerygmatischen Theologie"
oder "Theologie der Verkündigung" war seinerzeit aber schon in
geschichtliche Umstände (gewaltsame Aufhebung der Innsbrucker Fakultät durch
die Nationalsozialisten; die Verdächtigung durch das „Freiburger Memorandum“
des Erzbischofs Conrad Gröber[26])
verstrickt, die seine wirkliche Entfaltung unmöglich machten; ein Neuansatz
scheiterte im wesentlichen an innerkirchlichen Ränkespielen.[27]
Das Tragische daran: Der dringlichen Herausforderung, die Jungmann, H. Rahner,
Lakner und andere erkannt hatten, wurde nicht umfassend Rechnung getragen,
auch wenn es K. Rahner gelang, mit einigen seiner seelsorglich orientierten
Werke etwas von dem ursprünglichen Motiv der Innsbrucker auf seine Weise zu
retten.[28]
Wenn wichtige Probleme nicht gelöst, nicht einmal
ausdiskutiert, sondern einfach abgebrochen werden, kehren sie unausweichlich
nach einiger Zeit meist verschärft wieder. Beweis: Der von den
Verkündigungstheologen gesehene Problembestand machte - unbeschadet anderer
Zusammenhänge, die mit hereinspielten - den Kern des Kasus Drewermann aus. Die
einstige Frage nach dem Recht einer sprachlichen Abweichung von den
Lehrbuchformeln kehrt in seinem Kontext wieder in der Diskussion um die
Legitimität des Einbezugs tiefenpsychologischen Instrumentars in die Methoden
der Schriftauslegung. Denn Drewermann sucht mit diesem Instrumentar eben jene
von H. Rahner schon angemahnte Verbindung von Bedeutung des Verkündigungswortes
und innerer Ergriffenheit des Hörers herzustellen. Ob man das so tun muß oder
auch nur kann, wie das bei Drewermann geschieht, ist dabei eine ganz andere
Frage.[29]
Das Anliegen jedenfalls steht nach wie vor im Raum.[30]
Seltsamerweise hat sich - wenn ich recht sehe - das
Problem dadurch verdoppelt, daß es mittlerweile gleichzeitig auch noch spiegelverkehrt auftritt: War es den Verkündigungstheologen
und auch Drewermann darum gegangen, Theologisch-Doktrinäres zu
existenzialisieren - man könnte auch sagen: zu erden -, so scheint mir die
heute fast noch brisantere Herausforderung intellektueller Redlichkeit darin zu
bestehen, die durchschnittliche christliche Gottrede und alles, was mit ihr
zusammenhängt, vor einer Abkoppelung von den großen wissenschaftlichen und
philosophischen Diskursen der Gegenwart zu bewahren. Nicht nur um ein - gewiß
immer wieder nötiges - Herabmoderieren theologischer Binnensprache geht es,
die es durchaus braucht, sofern sich Theologie wie jede andere Wissenschaft
auch im Gang ihrer Entwicklung (und aufgrund ihres Alters vielleicht mehr als
andere) ausdifferenziert hat und das auch tun mußte. Aber mindestens genauso
relevant für die intellektuelle Redlichkeit ist, ob und wie in der Verkündigung
an die Wissens- und Wissenschaftsbereiche Anschluß gehalten wird, die wie von
selbst ins Theologisch-Homiletische hineinragen.
4. Ein
einschlägiges Beispiel: Schöpfung
Ich meine z. B. dies: Es kann ja für meine Rede von Gott,
dem Schöpfer und damit von Gott als Gott nicht folgenlos bleiben, was
Astronomie und Mikrophysik im Gang der letzten Jahre an atemberaubenden
Entdeckungen zu vermelden hatten (und was ungleich schneller als früher in den
durchschnittlichen Bildungsstandard Eingang findet). Bald Monat um Monat stoßen
Astronomen mittels neuer technischer Beobachtungsmöglichkeiten zu Entdeckungen
vor, die gewiß machen, daß sich das bisher bekannte Universum ungleich
gigantischer, unglaublicher ausnimmt, als bislang ohnehin schon unterstellt.
So war man bis vor kurzem der Meinung, es gäbe - grob geschätzt - zehn
Trilliarden Sonnen, die sich (jeweils in Milliardenzahl) innerhalb von Galaxien
befänden. Die Entdeckung besonders hell leuchtender verglühter Sonnen
(„Planetarische Nebel“) in den riesigen Leerräumen zwischen den Galaxien aber
zwingt zu dem Schluß, daß es auch dort Gestirne geben muß - und zwar gemäß
Hochrechnung näher untersuchter kosmischer Regionen in etwa so viele wie
innerhalb der Galaxien, wobei völlig unklar ist, wie das überhaupt möglich sein
soll, weil man bisher annahm, daß sich so etwas wie Sterne nur auf der Basis
innergalaktischer Gaswolken herauszubilden vermag.[31]
Ähnliche Rätsel stellen sich beim forschenden Gang in den physikalischen
Mikrobereich. Was folgt daraus, daß es im Genfer Teilchenlabor CERN gelungen
ist, Antimaterie herzustellen? Gibt es darum so etwas wie ein Gegen-Universum?
Oder ist - so ein völlig unverdächtiger Wissenschaftsjournalist - unter dem
Vorzeichen der Antimaterie-Diskussion in jenem Gegen-Universum auch mit einer
Anti-Nichtexistenz Gottes - also seiner Existenz - zu rechnen, gerade im
Ausgang von der selbstverständlichen Annahme seiner Nicht-Existenz in der Welt,
die die unsere ist?[32]
Es sind am ehesten diese Fragezusammenhänge, innerhalb deren außertheologisch
erstaunlich häufig der Terminus „Gott“ auftaucht (ich sage das bewußt so
formal, um in keinem dieser Fälle inhaltlich-theologische Implikationen
christlicher Couleur zu unterstellen und mich damit dem Verdacht der
Vereinnahmung auszusetzen).[33]
Was bedeutet es nun aber, angesichts solcher
Wissensbestände und der durch sie vergegenwärtigten Dimensionen von einem
personalen Schöpfergott zu sprechen, wie christliche Verkündigung das tut? Und
wie kann das geschehen? Genau vor solche Fragen stellt die Predigenden die
intellektuelle Redlichkeit der zweiten Art, wie man sie derjenigen der
Übersetzung theologischer Diskurse ins Existentielle gegenüber nennen könnte.
Man darf sich die Aufgabe wahrlich nicht zu einfach vorstellen: Klar ist gewiß
ziemlich schnell, daß vom personalen Schöpfergott nicht auf eine Weise geredet
werden kann, die mehr oder weniger direkt ausgesprochen so etwas wie ein Hyper-Subjekt
unterstellt. Der Feuerbachsche Projektionsverdacht folgte auf dem Fuße.[34]
Was aber meint dann „personal“ eigentlich, wenn die Dimension der Subjektivität
ausgeklammert werden muß? Wird dann mit
dem Prädikat „personal“ im letzten nicht etwas insinuiert, das mit dem,
was im gewöhnlichen Sprachgebrauch so heißt, nichts mehr zu tun hat - also
eine Äquivokation erzeugt?[35]
5. Eine
paradigmatische Parallele
Diese Fragen sind alles andere als neu. Als Johann G.
Fichte an sie rührte, indem er die durch Immanuel Kant erfolgte Neubestimmung
der Gottesfrage mit Kantischen Mitteln (und zugleich kantkritisch) klärend
fortschreiben wollte, löste er mit seiner einschlägigen Wortmeldung „Über den
Glauben an eine göttliche Weltregierung“ den sogenannten „Atheismusstreit“ aus
- ein Vorgang, wie er nicht paradigmatischer sein könnte für das Problem
intellektuell redlicher Gottrede. Als im "Philosophische(n) Journal"
ein Aufsatz Friedrich Karl Forbergs über die "Entwickelung des Begriffs
der Religion"[36]
erschien, ergriff Fichte als Mitherausgeber der Zeitschrift die Gelegenheit,
diesem Beitrag, der ihm sehr entsprach, einen eigenen voranzustellen, der die
Thematik noch radikaler - seiner Meinung nach: vollständiger - traktierte.
Gleich eingangs lehnt Fichte jeglichen Gottesbeweis qua Beweis als unnötig und
unmöglich ab: Als unnötig deswegen, weil der Glaube nicht erst durch
Beweisverfahren in den Menschen hineingebracht werden müsse; und als unmöglich,
sofern diejenigen, die Gottesbeweise führen, ja selbst nur Menschen sind -
woher sollten sie dann an Übermenschlichem nehmen, was sie kraft Beweis
weitergeben möchten? Und selbst wenn sie Wesen höherer Natur wären, wie könnte
ihnen gelingen, etwas von jenem Übermenschlichen anderen mitzuteilen, wenn in
diesen nicht etwas Analoges gegeben wäre?[37]
Der Glaube findet sich als vorreflexe Gewißheit in Gestalt der Überzeugung,
moralisch bestimmt zu sein, immer schon im Menschen vor und macht als
solcher den Zweck der Freiheit aus, wie ihn sie sich selber setzt.[38]
Der kategorische Imperativ, Kantisch gesprochen, macht den wahren Glauben aus
und - jetzt wörtlich Fichte -
"... ist das Göttliche, das wir
annehmen."[39]
Daraus folgert Fichte durchaus zurecht:
"Jene lebendige und wirkende moralische Ordnung ist
selbst Gott; wir bedürfen keines andern Gottes und können keinen andern
fassen..."[40]
Darum bedarf es außerhalb dieser Perspektive keines
zwangsläufig äußerlich bleibenden Schlusses vom Begründeten auf ein besonderes
Wesen, das als Grund fungiert. Wollte man einen solchen Schluß zulassen, so
endete dieser theologisch gesprochen bei einem Götzen, philosophisch gewendet
in einer Projektion:
"Dieses Wesen soll von euch und der Welt
unterschieden sein, es soll in der letztern nach Begriffen wirken, es soll
sonach der Begriffe fähig sein, Persönlichkeit haben und Bewußtsein. Was nennt
ihr denn nun Persönlichkeit und Bewußtsein? Doch wohl dasjenige, was ihr in
euch selbst gefunden, an euch selbst kennengelernt und mit diesem Namen
bezeichnet habt? Daß ihr aber dieses ohne Beschränkung und Endlichkeit
schlechterdings nicht denkt noch denken könnt, kann euch die geringste
Aufmerksamkeit auf eure Konstruktion dieses Begriffs lehren. Ihr macht sonach
dieses Wesen durch die Beilegung jenes Prädikats zu einem Endlichen, zu einem
Wesen euresgleichen, und ihr habt nicht, wie ihr wolltet, Gott gedacht,
sondern nur euch selbst im Denken vervielfältigt."[41]
Das war der Skandal, der den heißen Kern des
Atheismusstreits ausmachte: Gott als etwas anderes als eine im Bezug auf das
Subjekt besondere Substanz und überdies als etwas, dem sich weder Persönlichkeit
noch Bewußtsein zuschreiben lassen. Gottesbegriff wie Gottesbild der Tradition
verfallen im Horizont ihres Kantischen Transfers in den Raum der praktischen
Vernunft und der damit einhergehenden Verinwendigung nicht faktisch, sondern
aus begrifflicher Notwendigkeit der Kritik. Ebendeswegen konnte Fichte den
Atheismusvorwurf in ehrlicher Gesinnung zurückweisen. Er hatte Personalität und
Bewußtsein als Charakteristika Gottes nicht aus kritischen Gründen gegen diese
Prädikate selbst aufgegeben, sondern im Gefolge einer Konzeption, die nach dem
Zusammenbruch des traditionellen Gottesdiskurses den Gottesgedanken sicherte.
In der "Appellation an das Publikum"[42]
von 1799, einer Verteidigungsschrift gegen die im Anschluß an den
"Journal"-Artikel erhobenen Vorwürfe, und 1800 in "Die
Bestimmung des Menschen"[43]
suchte Fichte das darzutun[44],
und in jeder dieser Schriften schwingt so eine Art homiletisches basso continuo
mit - was in angesichts des oben über Fichtes eigene Anfänge Vermerkten kaum
überraschen kann.
6. Andenken einer
Lösung
Strukturell verblüffend ähnlich stellt sich heute die
Frage der intellektuellen Redlichkeit im Fall des Schöpfungsgedankens - gewiß
nicht nur in diesem Fall, so doch aber besonders markant und dringlich.[45]
Will ein(e) Predigende(r) intellektuell redlich vom personalen Schöpfergott des
christlichen Glaubens sprechen, so kann die Botschaft weder einfach
beziehungslos neben alle anderen Diskurse über die Welt und ihren Hervorgang
gestellt oder gar quer zu diesen behauptet werden (das funktioniert äußerlich
gesehen allenfalls in Bundesstaaten des „Bible Belt“, in denen
fundamentalistische Kreise per politischer Mehrheit entsprechende öffentliche
Interpretationsmonopole - etwa in Gestalt von Schulbuch-Inhalten -
herzustellen wissen); noch darf das Prädikat „personal“ mehr oder weniger
stillschweigend ausgehöhlt oder marginalisiert werden. Wie aber können beide
Bedingungen erfüllt werden? Drei Gedanken scheinen mir dafür hilfreich:
(a) Man muß sich zunächst den epistemischen Status des
Begriffs „Schöpfung“ klarmachen: „Schöpfung“ ist keine Deskription, sondern
eine Metapher. Letztere zeichnet (traut man den einschlägigen Analysen
Aristoteles’)[46] aus,
daß sie Fremdes und Vertrautes so gelungen mischt, daß sie bezüglich dessen,
worauf sie sich bezieht, Einsichtsgewinn einspielt. D. h.: Es handelt sich bei
„Schöpfung“ um eine hermeneutisch-poetische Kategorie der Weltbeschreibung - um
eine Stellungnahme zum Weltganzen und seinem Hervorgang angesichts der Daten,
die sich darüber (wissenschaftlich) ausmachen lassen (eine alternative Option,
die in neoplatonisch-monistischen Kontexten vertreten wurde und wird, heißt
„Emanation“). Jemandem, der ein ordentliches Theologiestudium (ordentlich)
persolviert hat, sollte nicht allzu schwerfallen, homiletisch - gerade anhand
der hochpoetischen biblischen Schöpfungsberichte und -psalmen - dieses
Charakteristikum des Schöpfungsgedankens zu vermitteln.
(b) Was die Personalität des Schöpfergottes betrifft, so
wird an die notwendige Christozentrik aller christlichen Verkündigung zu
erinnern sein.[47] Was
christlich über Gott gesagt wird, muß buchstäblich durch ein christologisches
Nadelöhr getrieben werden: Wir können von Gott nichts anderes sagen, als das,
was uns durch den Menschen Jesus von Nazaret, seine Geschichte (einschließlich
der ihr zugehörigen Glaubenstraditionen) und sein Geschick von Gott bezeugt
wird - und seinerseits dazu führt, daß wir ihn als „den Sohn“ dessen bekennen,
den er da bezeugt. In der Perspektive homiletisch-intellektueller Redlichkeit
wird darum die Personalität des Schöpfergottes („des Vaters“) vom
real-geschichtlichen Personsein Jesu her in Blick genommen werden - etwa
dergestalt, daß in der einzigartigen Gottesbeziehung Jesu, von Origenes αυτoβασιλεια[48]
(Gottes Reich in Person) genannt, im Medium seiner personalen Existenz etwas
davon aufscheint, daß jenes Woraufhin seines Bezogenseins nicht einfach ein
Prinzip oder eine anonyme Macht sein kann, folglich andeutungsweise Züge dessen
ins Spiel kommen müssen, was gemeinhin einer Person zugeschrieben wird.
(c) Die soeben gepflegte Vorsicht der Formulierung weist
wie von selbst auf einen dritten Normgedanken intellektueller Redlichkeit am
Ambo nicht nur im Fall des Schöpfungsgedankens, sondern der Verkündigung
prinzipiell: die Analogie und die von ihr implizierte theologia negativa.
Nichts braucht diese Redlichkeit mehr als die ständige Vergegenwärtigung des
vom Vierten Laterankonzil am 30.11.1215 gegen problematische
trinitätstheologische Ansichten Joachim von Fiores formulierten Prinzips:
"... zwischen dem Schöpfer und dem Geschöpf kann man
keine so große Ähnlichkeit feststellen, daß zwischen ihnen keine noch größere
Unähnlichkeit festzustellen wäre."[49]
Homiletisch intellektuelle Redlichkeit muß um dieses
Prinzip nicht nur wissen. Sie muß es immer wieder auch (auf angemessene Weise)
ausdrücklich sagen, also seinerseits zum Gehalt der Verkündigung machen - und
durch Verstummen (im Sinn beredten Schweigens) performativ bezeugen. Wo
Predigende dieses Prinzip vergessen, kann ihre Verkündigung nur noch redselig
werden und muß sie im gleichen Maß Redlichkeit einbüßen: Darum ist Analogie
nichts anderes als die Grundform der Vernunft, welche den Anspruch letzterer,
auch im Theologischen Maß zu sein, nicht beschneidet, sondern sichert.
Wie weit aber reicht dieses Maß? In der
Eröffnungsgeschichte von Gilbert K. Chestertons „The Innocence of Father Brown“[50]
von 1911 verkleidet sich der berüchtigte Gauner Flambeau als Priester, um
anläßlich eines eucharistischen Kongresses dem (scheinbar) tolpatschigen
Dorfpfarrer Father Brown ein diesem zum Transport anvertrautes kostbares
Reliquiar abzuluchsen. Im Zuge vertrauensbildender Maßnahmen des ersteren kommt
es zwischen den beiden „Confratres“ natürlich auch zu theologischen
Gesprächen. Angesichts eines strahlenden Sternenhimmels meint der falsche
Mitbruder unter anderem: „’Ach ja, diese modernen Ungläubigen rufen ihre
Vernunft an; wer aber kann diese Millionen von Welten anschauen und nicht
empfinden, daß es über uns wunderbare Universen geben mag, in denen Vernunft
vollkommen unvernünftig ist?’ ‘Nein’, sagte der andere Priester; ‘Vernunft ist
immer vernünftig, selbst in der letzten Vorhölle, jenem verlorenen Grenzland
der Dinge. Ich weiß, daß viele der Kirche vorwerfen, sie setze die Vernunft
herab, aber es ist genau umgekehrt. Auf Erden räumt nur die Kirche allein der
Vernunft ihre wahre Hoheit ein. Auf Erden bekräftigt nur die Kirche allein, daß
Gott selbst durch die Vernunft gebunden ist.’“[51]
Solches Vertrauen in die Vernunft, dem intellektuelle Redlichkeit wie von
selbst Verpflichtung war, nimmt sich heute geradezu surreal aus. Aber
vielleicht sagt das mehr über die Gegenwart, als über den (rationalistischer
Umtriebe mehr als unverdächtigen) Erzähler und seinen Helden.
Übrigens, am Ende der Geschichte, nachdem Father Brown
Flambeau enttarnt hat, wird er von diesem gefragt, woran er denn erkannt habe,
daß es sich bei ihm um einen falschen Priester handle. „’Sie haben die Vernunft
angegriffen’, sagte Father Brown. ‘Das ist schlechte Theologie.’“[52]
[1] Vgl. paradigmatisch: Gerhard Lohfink; Rudolf Pesch: Tiefenpsychologie und keine Exegese. Eine
Auseinandersetzung mit Eugen Drewermann. Stuttgart, 1987 (SBS; 129), 15.
46. - Albert Görres; Walter Kasper (Hrsg.): Tiefenpsychologische
Deutung des Glaubens? Anfragen an Eugen Drewermann. Freiburg u. a., 1988
(QD; 113), 22. 169-170. - Helmut Raguse:
Psychoanalyse und biblische Interpretation. Eine Auseinandersetzung mit
Eugen Drewermanns Auslegung der Johannes-Apokalypse. Stuttgart u. a.,
1993, 251-255.
[2] Vgl. Gerd Lüdemann: Der große Betrug - und was Jesus wirklich sagte
und tat. Lüneburg, 1998.
[3] Vgl. Peter Rosien: Welche Brücken tragen? Der
Graben zwischen „Jesus“ und „Christus“ ist tief. Lüdemann: Verbindungen
sind Illusionen. Publik-Forum Nr. 6/1998, 29.
[4] Nicht umsonst meinte schon Thomas
von Aquin, die Wissenden in den göttlichen Dingen seien den Märtyrern zu
vergleichen: „... martyres maius fidei meritum habuerunt non recedentes a fide
propter consecutiones; et etiam sapientes maius meritum fidei habent non
recedentes a fide propter rationes philosophorum vel haereticorum contra fidem
inductas.“ So in : Summa theologiae II-II 2, 10 ad 3. Ich danke Herrn
Kollegen J. Splett für den Hinweis auf die Stelle.
[5] Ich wähle an dieser Stelle bewußt
den Tropos des Zeugmas, um die Absurdität der Situation performativ zur Geltung
zu bringen.
[6] Vgl. dazu Manfred Entrich; Herbert Schlögel; Benedikta Hintersberger: Wahrheit und
Wahrhaftigkeit. Zum Ethos dominikanischer Verkündigung. In: Thomas Eggensberger; Ulrich Engel (Hrsg.): Wahrheit. Recherchen
zwischen Hochscholastik und Postmoderne. Mainz, 1995 (Walberberger Studien:
Phil. Reihe; 9), 323-351, hier bes. 336.
[7] Vgl. dazu Klaus Müller: Die konstitutive
„Erste-Person-Struktur“ von Glauben und Denken. Die protreptische Dimension der
Katechese. In: Franz-Peter Tebartz-van
Elst (Hrsg.): Katechese im Umbruch. Positionen und Perspektiven /
Dieter Emeis (Festschrift für).
Freiburg u. a., 1998, 222-230.
[8] Klaus Demmer: Die Wahrheit leben. Theorie des Handelns.
Freiburg i. Br. u. a., 1991, 151. Vgl. 151-155.
[9] Zum systematischen Gehalt dieser
Passage vgl. Hansjürgen Verweyen:
Gottes letztes Wort. Grundriß der Fundamentaltheologie. 2. Aufl.
Düsseldorf, 1991, 48-50.
[10] Vgl. dazu Wolfhart Pannenberg: Theologie und
Philosophie. Ihr Verhältnis im Lichte ihrer gemeinsamen Geschichte.
Göttingen, 1996 (UTB; 1925). - Demnächst auch Klaus Müller: Philosophische Grundfragen der Theologie. Eine
enzyklopädische Propädeutik mit Quellentexten. Unter Mitarbeit von Saskia Wendel. Münster, 1999, Kap. 1.
[11] Vgl. dazu Klaus Müller: Wieviel Vernunft braucht der
Glaube? Erwägungen zum Begründungsproblem. In: Klaus Müller (Hrsg.): Fundamentaltheologie
- Fluchtlinien und gegenwärtige Herausforderungen. Unter konzeptioneller
Mitarbeit v. Gerhard Larcher.
Regensburg, 1998, 77-100.
[12] So etwa Petrus Damiani in: Historisches Wörterbuch
der Philosophie. Bd. 7, Sp. 635.
[13] Vgl. zum folgenden Klaus Müller: Homiletik. Ein Handbuch für
kritische Zeiten. Regensburg, 1994, 59-63 .
[14] Vgl. dazu Entrich u. a. (s. Anm.
6), 334-341, bes. 336.
[15] „Gut gemeint“ ist ja auch das
Gegenteil von „gut gemacht“, wie der Graphiker Horst Janssen einmal mit Blick
auf einen Teil der Werke Käthe Kollwitz’ gehöhnt haben soll.
[16] Zu letzterem Streitfall vgl.
Klaus Müller: Wissen und
Glauben: Christlicher Aristotelismus im Mittelalter. In: Franz Gniffke; Norbert Herold (Hrsg.): Klassische Frage der
Philosophiegeschichte. Münster, 1998 (Münsteraner Einführungen -
Philosophie; 3). [Im Erscheinen].
[17] Während Heidegger von einem
unausweichlich atheistischen Charakter authentischen Philosophierens spricht
(vgl. Martin Heidegger: Phänomenologie
und Theologie. In: Wegmarken [GA 9]. 66), gibt es für Pieper ein
solches nur unter konstitutivem Einbezug eines Glaubensaktes gegenüber
religiöser Offenbarung. Zu Pieper vgl. diesbezüglich Klaus Müller: Über das rechte Verhältnis
von Philosophie und Theologie. Josef Pieper im Kontext einer neu entfachten
Debatte. In: Hermann Fechtrup;
Friedbert Schulze; Thomas Sternberg (Hrsg.): Mystischer
Realismus. Josef Pieper zum Gedenken. Münster, 1998. [Im Erscheinen].
[18] Vgl. dazu Loris Sturlese: Die deutsche Philosophie
im Mittelalter. Von Bonifatius bis zu Albert dem Großen 748-1280. Aus dem
Ital. übers. v. Johanna Baumann.
München, 1993. - Manfred Entrich:
Ins Wort genommen. Ein Leitfaden für Prediger. Graz u. a., 1997, 42-92.
[19] Vgl. dazu Kurt Ruh: Geschichte der abendländischen
Mystik. 3. Bd.: Die Mystik des deutschen Predigerordens und ihre
Grundlegung durch die Hochscholastik. München, 1996, 216-353.
[20] Vgl. dazu Fichte.
Ausgewählt und vorgestellt v. Günter Schulte.
München, 1996 (Philosophie jetzt!), 75-97, dazu aus der Einleitung des Hrsg.,
25-29.
[21] Vgl. dazu Marco de Angelis: Die Rolle des Einflusses
von J. J. Rousseau auf die Herausbildung von Hegels Jugendideal. Ein Versuch,
die „dunklen Jahre“ (1789-1792) der Jugendentwicklung Hegels zu erhellen.
Frankfurt a. M. u. a., 1995 (Hegeliana; 4).
[22] Hugo Rahner: Eine Theologie der Verkündigung. 3., unv.
Aufl. Darmstadt, 1970, 5.
[23] Bemerkenswerterweise findet sich
ein knapp 50 Seiten langer Traktat über die Schönheit Gottes auch - auffällig
zeitnah zur „Kerygmatischen Theologie“ - in Karl Barth: Die kirchliche Dogmatik. Bd. II, 1. (1940).
Studienausg. Bd. 9. Zürich, 1987, 722-764.
[24] Karl Rahner: Art. Kerygmatische Theologie. In: Lexikon
für Theologie und Kirche. Bd. 6. Freiburg, 1961, Sp. 126.
[25] Ebd.
[26] Vgl. dazu die gegen das
Memorandum formulierte Verteidigung der „Kerygmatischen Theologie“ durch K. Rahner
(!) in Karl Rahner: Theologische
und philosophische Zeitfragen im katholischen deutschen Raum (1943). Hrsg.,
eingel. u. komm. v. Hubert Wolf.
Ostfildern, 1994, hier 116-122.
[27] Vgl. dazu Karl H. Neufeld: Theologiegeschichtliches
zur Innsbrucker „Verkündigungstheologie“. In: ZKTh 115 (1993) 13-26.
[28] Neufeld (s. Anm. 27) rechnet dazu
vor allem Sendung und Gnade (1959), das unter Rahners Federführung
konzipierte und realisierte Handbuch der Pastoraltheologie (1964-1972),
aber auch den Grundkurs des Glaubens (1976).
[29] Vgl. dazu ausführlicher Müller
(s. Anm. 13), 48. 61-62.
[30] Vgl. dazu die Versuche in Klaus Müller; Bertram Stubenrauch: Geglaubt-bedacht-verkündet. Theologisches zum
Predigen. Regensburg, 1997.
[31] Vgl. dazu: Grablichter der
Sonnen. In: Der Spiegel. 14 / 1998, 193-196. - Ich beziehe mich mit
Absicht auf einen populärwissenschaftlichen Report, weil gerade dieses Genus
das Problembewußtsein eines nicht unbeträchtlichen Teils einer möglichen
Predigt-Hörerschaft bestimmen dürfte.
[32] Vgl. Urs Willmann: Wo ist Gott? Ein Versuch über die Wissenschaft
vom höchsten Wesen. In: Die Zeit. Nr. 13 / 19.3.1998, 55.
[33] Was ich damit auch sagen will:
Der unübersehbare Boom von Publikationen zum Verhältnis „Theologie und Naturwissenschaften“
in den letzten Jahren ist alles andere als unproblematisch und verlangt seitens
der Leserschaft ein gerütteltes Maß an Unterscheidung der Geister. Vgl. dazu
beispielsweise die Sonderbeilage Bücher der Gegenwart zu: CiG 50 (1998),
Heft 14.
[34] Vgl. dazu Wolfhart Pannenberg: Religion und Metaphysik.
In: Dieter Henrich; Rolf-Peter Horstmann (Hrsg.): Metaphysik nach
Kant? Stuttgarter Hegel-Kongress 1987. Stuttgart, 1988 (Veröffentlichungen
der Internationalen Hegel-Vereinigung; 17), 728-741, hier 736.
[35] Das dahinterstehende Problem läßt
sich sehr gut an den Wandlungen der diesbezüglichen Position W. Pannenbergs
studieren. Vgl. dazu Klaus Müller:
Wenn ich „ich“ sage. Studien zur fundamentaltheologischen Relevanz
selbstbewußter Subjektivität. Regensburg u. a., 1994 (RST; 46), 109-116.
[36] Vgl. Friedrich Karl Forberg: Entwickelung des Begriffs
der Religion. In: Werner Röhr
(Hrsg.): Appellation an das
Publikum...: Dokumente zum Atheismusstreit um Fichte, Forberg, Niethammer; Jena
1798/99. 2., korr. Aufl. Leipzig, 1991 (Reclam-Bibliothek; 1179), 23-38.
[37] Vgl. Johann Gottlieb Fichte: Über den Grund unseres
Glaubens an eine göttliche Weltregierung. In: Röhr (s. Anm. 36), 11-22,
hier 11-12.
[38] Ebd., 15-16.
[39] Ebd., 18.
[40] Ebd., 19.
[41] Ebd., 20.
[42] Vgl. Johann Gottlieb Fichte: Appellation an das Publikum
über die durch ein Kurfürstlich Sächsisches Konfiskationsreskript ihm
beigemessenen atheistischen Äußerungen. In: Röhr (s. Anm. 36), 84-126.
[43] Johann Gottlieb Fichte: Die Bestimmung des Menschen.
(GA 1, 6), 145-309.
[44] Vgl. dazu Ingo Kauttlis: Von "Antinomien der
Überzeugung" und Aporien des modernen Theismus. In: Walter Jaeschke (Hrsg.): Religionsphilosophie
und spekulative Theologie. Der Streit um die Göttlichen Dinge (1799-1812).
Hamburg, 1994 (Philosophisch-literarische Streitsachen; 3), 1-34. - Philip Clayton: Das Gottesproblem. Bd.
1: Gott und Unendlichkeit in der neuzeitlichen Philosophie. Paderborn u.
a., 1996, 391-408.
[45] Vgl. etwa Lüdemann (s. Anm. 2),
14-15.
[46] Vgl. dazu Müller (s. Anm. 13),
84-90.
[47] Vgl. dazu Joseph Ratzinger: Christozentrik in der
Verkündigung. In: Ders.: Dogma
und Verkündigung. München u. a., 1973, 43-64. - Vgl. Müller (s. Anm. 13),
229-230.
[48] So in: Origines: Matthäuserklärung XIV, 7 (GCS 10. 289).
[49] DH 806.
[50] Als deutsche Übersetzung vgl.
Gilbert K. Chesterton: Father
Browns Einfalt. Zwölf Geschichten. Deutsch v. Hanswilhelm Haefs. Zürich, 1991.
[51] Ebd., 24-25.
[52] Ebd., 30.