Erzählung - Erzähler - Erzählprozeß.
Bilanz und Perspektiven für eine narrative
Religionspädagogik[1]
von Elisabeth Reil
Kurzinhalt - Summary:
Die Religionspädagogin Elisabeth Reil zeigt in ihrer
Bilanz einer narrativen Religionspädagogik zugleich deren Perspektiven, indem
sie den Erzählbegriff noch einmal für diesen Verkündigungskontext qualifiziert.
Der Schriftsteller Wolfdietrich Schnurre stellte einmal die Frage, warum
Christen schlechte Erzähler seien. Er beantwortete sie folgendermaßen:
"Glaubenspointen sind schlagend im doppelten Sinn. Immer hört man zugleich
auch den Hammer hindurch, der das Gleichnis ans Tennentor nagelt."
Elisabeth Reil fordert die Kompetenz des Erzählens für den Religionsunterricht
ein.
Elisabeth Reil gives a
survey of narrative religious pedagogics and reveals its prospects by
describing the concept of narration within the frame of this special field of
Christian proclamation. The author Wolfdietrich Schnurre once asked the
question why Christians are fairly bad story-tellers. He gave the answer:
"The punch-line of faith is striking in a double meaning. You always hear
the hammer driving the parable into the barn gate". Elisabeth Reil pleads
for narrative competence in religious education.
Das Medienzeitalter hat längst Einkehr gehalten in unsere
Schulen, nicht erst, seitdem das Wort "Multimedia" 1995 zum Wort des
Jahres kreiert worden ist. Hinkt man da nicht heillos hinter den großen
Entwicklungen unseres Zeitalters her, wenn man heute noch einer narrativen
Religionspädagogik, bzw. ‑didaktik das Wort redet? Ist Erzählen nicht
Botschaft aus zweiter Hand? Wir wollen doch Botschaften aus erster Hand,
sozusagen "in der ersten Reihe sitzen". Wir wollen mitten drin sein
in den großen Szenarien aus aller Welt. Wenn Öffentliches und Intimes,
Nachricht und Unterhaltung, Atemberaubendes und Fürchterliches, Glanzvolles und
Skandalöses ins Bild gesetzt werden ‑ sind wir dann im Bilde über die
Wirklichkeit der Welt? Tatsache ist, daß für viele Menschen, besonders die
Heranwachsenden, die mediale und die reale Welt zu einer kaum noch
unterscheidbaren Einheit verschmelzen.[2]
Das Thema "Erzählung" liegt jedoch dem Thema
"Medien" näher als es auf den ersten Blick scheinen mag, denn erzählt
wird auch in den Medien ‑ pausenlos. Nur wird dieses Erzählen durch die
mediale Einbettung anders wahrgenommen. Mediale Rezeptionsforschung kann
nachweisen,[3] daß ab
einer bestimmten Bild/Wort‑Rasanz die innere Verbalisierung beim
Rezipienten verstummt: die Autonomie des Rezipienten geht dadurch verloren.
Wirkliches Erzählen hat diese mediale Rasanz nicht nötig.
Somit steht das scheinbar altmodische Erzählen nicht einmal mit schlechten
Karten da.
Was der Pädagoge Hartmut von Hentig darüber in seinem
Buch Die Schule neu denken äußert, kann dies bestätigen: "Die
Apparate haben in den heutigen Kindern einen gesteigerten Hunger nach 'Person'
erzeugt. Wenn ich im Unterricht etwas erzähle, lauschen sie mit Lust, obwohl
ich meine Geschichte ‑ im Vergleich zum Fernsehen ‑ herzlich
unvollkommen darbiete. Sie genießen das Wunder, daß sie gemeint sind und nicht
Millionen anderer Kinder."[4]
Im Erzählen kommt also etwas in Gang, was von den Medien bisher nicht
eingeholt werden konnte: ein dialogischer Prozeß.
Eigenschaften der Erzählung
Bedeutende Autoren aus nahezu allen Epochen haben die
Erzählung als hervorragendes Mittel menschlicher und lebensdienlicher
Verständigung gesehen, das sich sowohl für die Weitergabe von Erkenntnis und
Wissen, als auch für die Mitteilung von Weisheit und Lebenserfahrung hervorragend
eignet und dabei den Zuhörer, die Zuhörerin aktiv in die Entdeckung von Sinn
mit einbindet. Erzählung ‑ das ist sowohl eine literarische Gattung, eine
Textart, als auch ein produktiver, kommunikativer Prozeß.
Bereits Platon hat empfohlen, die zukünftigen Wächter des
Staates, die Regierenden, durch das Erzählen von Geschichten zu erziehen, denn
in ihnen, den Mythen, stecke, wenn sie sich auch insgesamt nicht mit der
vorfindbaren Wirklichkeit decken, doch etwas Wahres, das die Seele der Kinder
bildet.[5]
Bei Aristoteles ist die Erzählung (dih1ghsi_) mit
Bedeutungsinhalten ausgestattet, die über das hinausweisen, was wir im
allgemeinen unter "Erzählung" verstehen, nämlich eine epische
Gattung, die aus einer Reihung von tatsächlichen oder erfundenen Geschehnissen
besteht. Erzählung erschöpft sich gerade nicht im Inventar der erzählten
Geschichte. Sie ist darüber hinaus ein Kommunikationsakt, ein sog.
performativer Akt, der nicht nur informiert, sondern etwas bewirkt. Schon bei
Aristoteles[6], aber
dann besonders in der römischen Rhetorik, erhält die Erzählung als "narratio"
in der Gerichtsrede einen hohen Rang. Daß es bei Gericht nicht um
unterhaltsames Geschichtenerzählen geht, versteht sich von selbst. Hier ist
das rhetorische Geschick des Anwalts gefragt, dem Richter den Sachverhalt so
darzulegen, daß dieser seiner Darstellung Glauben schenkt. Das erreicht man, so
der römische Rhetor Quintilian (35‑96), durch Angaben über Personen, Ort
und Zeit, sowie über die Gründe, die zu dem vorliegenden Fall geführt haben.
Eine gute narratio zeichnet sich dadurch aus, daß sie die Gründe benennt, die
zu dem Ereignis geführt haben ‑ seine Vorgeschichte, seine Entwicklung,
bis zu dem betreffenden Vorkommnis. Dadurch erreicht man, so Quintilian, eine
Wirkungssteigerung, denn: "Die Erzählung ist ja nicht dazu erfunden, daß
der Richter eine Sache nur kennenlernt, sondern weit mehr dazu, daß er ihr
zustimmt." Er sagt es noch deutlicher: Sie ist "eine zum Überreden
nützliche Darstellung eines tatsächlichen oder scheinbar tatsächlichen
Vorgangs."[7]
In christlicher Zeit findet die narratio Eingang in den
katechetischen Unterricht. Nachdrücklich wird sie von Augustinus in seiner
Schrift De catechizandis rudibus als Mittel katechetischer Unterweisung
empfohlen. Für ihn ist sie das am besten geeignete Redestück, um bei den
Zuhörern größt mögliches Interesse für die Ereignisse der Heils‑ und
Kirchengeschichte hervorzurufen und sie in unmittelbare Berührung mit der Sache
selbst zu bringen. Um das zu verdeutlichen, greift Augustin zu einem Gleichnis:
Es ist so, als nähme man eine Schriftrolle aus ihrer Umhüllung (involucrum)
heraus und böte sie den Zuhörern zum eigenen Betrachten und Bestaunen an, damit
sie sich selbst von ihrem Inhalt überzeugen können. Auf diese Weise bleibt
ihre Motivation erhalten.[8]
Augustins Vorstellung ist von den Ergebnissen der
heutigen Sprachwissenschaft nicht weit entfernt.
Erfassungsakte des Textes
Was ist es denn eigentlich, was die Erzählung für den
Zuhörer interessant macht?
Es sind nach Wolfgang Iser die Erfassungsakte des Textes.[9]
Sie sind auf Interaktion zwischen Text und Leser angelegt. Erzählungen gehören
in der Regel zu jenen Textarten, die keine genaue Gegenstandsentsprechung in
der Lebenswelt der Hörer haben, wie etwa Tatsachenberichte und ‑beschreibungen.
Daher sind sie nicht deckungsgleich mit der empirischen Wirklichkeit des
Hörers. Sie lassen sich auf keine lebensweltliche Situation soweit
zurückführen, daß sie in ihr aufgingen, bzw. mit ihr identisch würden.
Erzählungen gehören daher in die Kategorie der fiktionalen Texte und erweisen
sich quasi als eine "Konkurrenzwelt"[10]
zur Welt der wirklichen Gegenstände. Doch gerade das ist es, was den Hörer
veranlaßt, zwischen seiner Welt und der erzählten Welt zu vermitteln. Der Text
fordert ihn zur Beteiligung auf. In dieser Vermittlung gewinnt die Fiktion ihre
Funktion, nämlich Kommunikation herzustellen zwischen Text und Hörer, bzw.
Leser. Die mangelnde Deckung zwischen Welt und Text macht den
"Unbestimmtheitsgrad" des Textes aus, der wiederum als Kommunikationsantrieb
funktioniert. Unbestimmtheitsgrade, sog. Leerstellen, stellen für den Hörer ein
Beteiligungsangebot dar, das sich als seine Erwartung an den Text manifestiert.
Da der Leser nun die Leerstellen mit dem Wissen aus seiner bisherigen Erfahrungswelt
auffüllen will, kombiniert er seine Welt mit der Welt des Textes. So entsteht
für ihn die Bedeutung des Textes. Das ist selbst für das Erzählen in der
Geschichtswissenschaft bedeutsam, wie Siegfried Quandt zeigt: "Die
Produktion einer Erzählung hängt in aktuellen Interaktionstexten von Erzähler
und Hörer ab. Der Hörer konstituiert durch sein Verhalten, sein Interesse,
Nachfragen, Bestätigungen, Mißbilligungen und dgl. den Text des Erzählers und
seine Intentionen mit."[11]
Konstitutiv für die Bedeutungsfindung ist es geradezu, daß der Hörer an der
Erzeugung der Bedeutung beteiligt ist, diese also nicht vom Text allein
hergestellt wird. Nur so erklärt sich, warum verschiedene Hörer ein und
demselben Text unterschiedliche Bedeutungen beimessen können.
Eine Erzählung ist eo ipso eine Textart, in der weder von
oben ‑ aus höherer Warte ‑
oder von außen Bedeutungen dekretiert werden können. Weil sich durch die
Leerstellen in den fiktionalen Texten, W. Iser zufolge, eine
"Entautomatisierung der habituellen Erwartungen des Lesers"[12]
vollzieht, erscheint ihm der Text als interessant.
Dabei spielt es für die Akzeptanz einer Erzählung beim
Hörer kaum eine Rolle, ob ihr Repertoire der Gegenwartswelt oder der Historie
entnommen ist, auch nicht, ob sie eine Kunde ist, die aus der Ferne kommt[13],
der geographischen oder der zeitlichen, wie es Walter Benjamin schon in den
dreißiger Jahren in seinem Essay Der Erzähler formuliert hat. Durch die
während des Hör‑, bzw. Lesevorganges geweckten Erwartungen tritt der
Hörer aus seiner eigenen Gegenwart heraus und wird in die Gegenwart des Textes
gleichsam "verstrickt".[14]
Zur religionspädagogischen Dimension des Erzählprozesses
Wenn nun schon die Erzählung in ihrer Textform auf
Kommunikation mit dem Hörer/Leser angelegt ist, so ist es erst recht das
Erzählen, der Erzählvorgang selbst. Er ist kommunikatives Handeln par
excellence.
Das Erzählen hat dort seinen besonderen Ort, wo durch
Sprechen ein Verständnis von Welt, Mensch und Gott angebahnt werden soll: im
Religionsunterricht.
Auch wenn auf die Sprache der Argumentation im Gesamten
der Theologie nicht verzichtet werden kann, so sind es doch gerade die
entscheidenden Themen des Religionsunterrichts, die anders nicht adäquat zur
Sprache gebracht werden können als durch Erzählen: Leiden und Hoffnung oder ‑
theologisch ausgedrückt ‑ Passion und Ostern.[15]
Zu den zentrale Aufgaben des heutigen
Religionsunterrichts gehört es, dafür eine Sprache zu finden. Insofern sind
Sprachbildung und Ausdrucksschulung konstitutive Elemente des Religionsunterrichts
im Sinne einer religiösen Alphabetisierung, sie sind nicht nur methodische
Konzepte oder Transportmittel für Sachinhalte. Die "Muttersprache des Glaubens"[16]
ist Inhalt des Religionsunterrichts.
Der Synodenbeschluß von 1974 über den Religionsunterricht[17]
ging mit seiner Empfehlung des Korrelationsprinzips von der Vorstellung aus,
daß Glauben und Leben sich gegenseitig erschließen sollen. Dem ist auch heute
noch uneingeschränkt zuzustimmen; allerdings lag damals noch die Erfahrung
zugrunde, daß beide ‑ Glauben und Leben ‑ als Grundphänomene allen
zugänglich seien, so daß man sie nur miteinander zu korrelieren brauche. Heute
nach fast 25 Jahren stehen wir vor dem Problem, daß das Grundphänomen des
christlichen Glaubens in der Gesellschaft nahezu unsichtbar geworden ist und
daher auch eine Sprache dafür fehlt. Ist Korrelation unter dieser Voraussetzung
eigentlich noch möglich? Womit soll das Leben denn korreliert werden?
Konnte die Symboldidaktik seit Beginn der 80er Jahre noch
empfehlen, im Religionsunterricht Symbole zu erschließen, so ist heute viel
elementarer anzusetzen, nämlich Symbole überhaupt erst wieder neu zu bilden.
Dies muß trotz Einbeziehung der unterschiedlichsten audivisuellen Medien und
trotz Handlungsorientierung letztlich doch wieder durch die Sprache geschehen:
ich muß aussprechen können, was etwas ‑ für mich ‑ bedeutet.
Symbolbildung gelingt nur, wenn das tägliche Leben überhaupt wieder als etwas
gefaßt wird, das es zu deuten gilt. Zur Deutung aber ist Sprache nötig.
Die Aufgabe des Erzählers
Im Erzählvorgang werden nun dem Schüler Deutungen aus
Situationen und Ereignissen angeboten. Die Geschichten, die er hört, sind
Angebote zum Verständnis von Situationen. Diese können seinen eigenen
Lebenssituationen ähnlich sein oder nicht; niemals treten sie ihm jedoch in
einer Erzählung moralisierend entgegen. Erzählungen sind so beschaffen, daß
sie Raum lassen zwischen sich und dem Hörer; niemals treten sie ihm so nahe,
daß sie seine Schwächen bloßstellen und anprangern, wie moralische Appelle es
tun. Die Erzählung tritt nicht im Habitus von Belehrung, Moralisierung und
Missionierung auf.[18]
Sie ist nicht die, die es am Ende besser weiß; sie liefert nicht die einzige
und endgültige Antwort.
Einem gewieften Rhetor wie Augustin war das stets bewußt,
deshalb warnt er davor, die Erzählungen mit Belehrungen anzureichern und
dadurch in die Länge zu ziehen. Dafür hat er eine sehr lapidare und doch
gewichtige Begründung: weil das den Zuhörern lästig ist.[19]
Obwohl W. Benjamin diese Meinung vermutlich nicht gekannt
haben dürfte, äußerte er sich ähnlich: "Es ist nämlich schon die halbe
Kunst des Erzählens, eine Geschichte, indem man sie widergibt, von Erklärungen
freizuhalten . . . Damit erreicht das Erzählte eine Schwingungsbreite, die der
Information fehlt."[20]
Mit anderen Worten: Hüte dich davor, "die Moral von der Geschicht" zu
Markte zu tragen. Laß das Weiße zwischen den Worten stehen.[21]
Ich denke in diesem Zusammenhang an so manche
Unterrichtsstunde, die ich entweder selber gehalten oder, wie in den
vergangenen Jahren, bei anderen gesehen habe. So z. B. beim Thema
"Weihnachten" in einer 9. Hauptschulklasse in einem sozial
schwierigen Wohngebiet in Augsburg. Da wurde in der Religionsstunde darüber
debattiert, argumentiert und moralisiert, wie Weihnachten zu sein habe und wie
nicht. Dann wurden die Schülerinnen und Schüler gebeten, ihre eigenen
Erfahrungen mit Weihnachten zuhause zu schildern. Die betreffende Lehrperson
war am Ende ihrer Stunde bitter enttäuscht, weil die Schüler teils mit
Desinteresse und Achselzucken, teils mit zynischen Bemerkungen und Störungen
reagiert hatten. ‑ Was war geschehen? Die Schüler witterten die Moral
aus dem, was ihnen da vorgetragen wurde. Sollten sie sich offenbaren, vielleicht
vor der ganzen Klasse bloßstellen, mit ihren defizitären und beschämenden
Weihnachtserlebnissen, die so ganz anders waren, als daß sie zu den Ansprüchen
dieser Religionsstunde gepaßt hätten?
Wir können als Lehrer im Religionsunterricht nicht sensibel
genug umgehen mit den Biographien unserer Schülerinnen und Schüler. Statt
darin herumzurühren, sollten wir ihnen lieber Geschichten, Situationen,
Vorkommnisse anbieten ‑ Erzählungen vom Gelingen und Versagen, von der
ganzen Bandbreite menschlicher Geschicke, zu denen man sich dann auf
verschiedene Weise verhalten kann: staunen und zustimmen, sie akzeptieren oder
ablehnen.
Wieder findet sich in Augustin dafür ein hervorragender
Anwalt: "Wir können die Aufmerksamkeit bei den Zuhörern wecken, . . . indem
wir etwas erzählen, was großes Erstaunen und Verblüffung oder aber Schmerz und
Klage hervorruft."[22]
Von der Rezeptionsästhetik her läßt sich das mit Gert Otto folgendermaßen
begründen: "Weil der Hörer keine Hörmaschine ist, hört er selektiv, also
in subjektiv begründeter und gesteuerter Auswahl . . . Er akzentuiert das eine
und läßt anderes in den Hintergrund treten; das eine kann ihn in Gedanken so
stark beschäftigen ‑ in Zustimmung oder Widerspruch ‑, daß er dabei
hängen bleibt, anderes schiebt er beiseite."[23]
Indem Schülerinnen und Schüler zu Geschichten Stellung nehmen, werden sie
mitsamt ihren eigenen Erfahrungen verstrickt in die Vorkommnisse und Personen
dieser Geschichte, mehr noch: sie werden dadurch oft ihrer eigenen Erfahrungen
erst gewahr.
Horizonterweiterung
Es entsteht dann jene Anschließbarkeit ‑ applicatio
‑ zwischen Text und Hörer, bei der die oben vorgestellte
Bedeutungsproduktion in Gang kommt. Geschichten, mit denen in dieser Weise verfahren
wird, nehmen sich dann wie Stellproben für das eigene Leben aus. Möglicherweise
bildet sich sogar ein Mehrwert heraus gegenüber dem, was man bisher seine
eigene Erfahrung nannte. Vielleicht ließe sich statt "Mehrwert" auch
sagen: es ereignet sich ein Transzendieren auf eine Ebene, die mir bisher noch
nicht bewußt war. Insofern wird die Sprache der Erzählung zur medialen Sprache
für etwas, was außerhalb des Selbsterlebten und Selbsterfahrenen liegt.
Wiederum läßt sich mit W. Benjamin sagen, daß die Erzählung, offen oder
versteckt, ihren Nutzen von selbst mit sich führt, denn der Erzähler nimmt das,
was er erzählt, aus der Erfahrung, entweder der eigenen oder der berichteten,
und er macht es wieder zur Erfahrung derer, die seiner Geschichte zuhören. So
kommt die epische Seite der Wahrheit, nämlich die Weisheit zum Ausdruck.[24]
Wenn die Stellprobe gelingt, dann ereignet sich so etwas
wie "Horizontverschmelzung" im Sinne H.‑G. Gadamers.[25]
Zunächst einmal lebt jeder Mensch in seiner Situation mit seinem mehr oder
weniger begrenzten Horizont. Wenn er nun mit den Horizonten anderer in
Berührung kommt, so treffen gleichsam die Peripherien beider Horizonte
aufeinander, es kommt zu einer Verschmelzung. Durch die Erfahrung des anderen
findet für mich eine Horizonterweiterung statt. Ich verstehe nun auch dieses
andere in seinem So‑Sein. Ich integriere es in mein bisheriges Verstehen.
Solches geschieht auch, wenn wir fremden, neuen, unerhörten, merk‑würdigen
Geschichten begegnen.
Zur theologischen Dimension des Erzählens
Unvermittelt sind wir hier bei der theologischen
Dimension der Erzählung angelangt. Christlicher Glaube hat seinen Ursprung im
Erzählen.[26] Das
unerhört Neue von der Gottesherrschaft unter den Menschen konnte zuerst nicht
anders als in Geschichten erzählt werden: "Und er lehrte sie vieles in
Gleichnissen" (Mk 4,2). Edmund Arens hat herausgearbeitet, daß den
Erzählschichten des Christentums eine theologische Dimension innewohnt.[27]
Zuerst war da Jesus selber, der Geschichten erzählt hat. In einem zweiten
Schritt werden in vielfältiger Weise Geschichten über Jesus erzählt. In einem
dritten Schritt wird von ihrem Ende her Jesu Geschichte erzählt, die die
Erfahrung der Jünger artikuliert, daß der Gekreuzigte lebt. Schließlich geht ‑
viertens ‑ Jesu Geschichte weiter: in seiner Gemeinde, in der Kirche und
auch außerhalb. Seine Geschichte wird tradiert und aktualisiert, d. h. in
neuen Situationen fortgeschrieben. Schließlich kommt sie auch auf uns, und wir
sind eingeladen, unsere eigenen Geschichten in sie einzuschreiben, unsere
großen und kleinen Stories, unsere Stories des Scheiterns und des Gelingens,
der Enttäuschung und der Hoffnung. Vielleicht kann es dann geschehen, daß auch
da Horizonte ineinander verschmelzen.
Schlußbemerkung
Meine Ausführungen beschränkten sich auf die Erzählung
als mitgeteilte Geschichte. Eine weitere Dimension, die hier unberücksichtigt
bleiben mußte und die ebenfalls für den Religionsunterricht von Bedeutung wäre,
ist das autobiographische Erzählen.[28]
Ich verstehe
Erzählen als eine zentrale Aufgabe des Religionsunterrichts, weil es ein
hervorragender Weg des kommunikativen Handelns ist. Durch die Begegnung mit
Menschen und deren Erfahrungen in den erzählten Geschichten erhalten Schüler
und Schülerinnen die Möglichkeit zur Identifikation, aber auch zur Projektion
ihrer eigenen Erfahrungen. Erzählungen helfen ihnen, sich eigenständig Urteile
zu bilden. Diese werden freilich durch die Gedankenwelt der Erzählung in eine
bestimmte Richtung gelenkt. Doch das ist religionspädagogische Absicht.
Deswegen halte ich die narrative Religionspädagogik nicht
für eine modische Erscheinung, die mit dem Ende der Diskussion um die narrative
Theologie ebenfalls beendet wäre, weshalb ich E. Feifel nicht zustimmen möchte,
der in der 1995 erschienenen Bilanz der Religionspädagogik die Meinung
äußerte, daß der narrativen Religionspädagogik deswegen die Resonanz versagt
geblieben ist, weil sie sich zu stark an biblische Erzählungen rückbindet.[29]
Gegenwärtig erlebt das Erzählen im Religionsunterricht geradezu eine
Renaissance. Schließlich gibt es dort nicht nur biblisches Erzählen; der
Religionsunterricht ist der geeignete Ort für jegliches Erzählen von
Begebenheiten und Erfahrungen, von denen weitaus die meisten auf existentielle
und religiöse Fragestellungen hin transparent werden können.
Angeregt durch den antiken Erzählbegriff verstehe ich
unter Erzählen nicht nur das Präsentieren von Erzählungen, sondern die
rhetorische Kunst, geronnenes Wissen oder in Bekenntnissen kondensierte
Sprachformeln zu zerlegen, bzw. aufzuschmelzen und an Situationen, Personen,
Ort und Zeit lebendig werden zu lassen. Wenn es mir gelingt, mit meiner Sprache
gleichsam eine Bühne zu eröffnen, auf der Personen, Gegenstände, Situationen
sich selbst zeigen, dann ist mir ein wesentlicher Schritt hin zu einer
narrativen Religionspädagogik gelungen. Vielleicht könnte man damit überwinden,
was S. Kierkegaard das "Grundunglück der Welt" genannt hat: das
"unselige Dozieren".[30]
[1] Vortrag
an der Universität Koblenz-Landau; der Stil der mündlichen Rede wurde
beibehalten.
[2] Hubertus
Halbfas hat bereits vor 15 Jahren das Zuviel von Film, Bild, Ton im
Religionsunterricht als "Konsummethodik" gebrandmarkt. Vgl. Hubertus
Halbfas: Die geistigen
Defizite. In: KatBl 106 (1981) 256-260.
[3] Hertha
Sturm: Fernsehdiktate. Die
Veränderung von Gedanken und Gefühlen. Gütersloh, 1991.
[4] Hartmut
von Hentig: Die Schule neu
denken. München, 1993, 32.
[5] Vgl.
Platon: Politeia II 376 d
- 377 c. In: Werke. Bd. 4. Darmstadt, 1990, 153-157.
[6] Vgl. Aristoteles:
Ars rhetorica III 13, 1414 a, 37 f.
[7] Marcus Fabius Quintilianus:
De Institutione oratoria IV 2, 21. 31.
[8] Vgl. Augustinus: De catechizandis rudibus
5.
[9] Vgl.
Wolfgang Iser: Der Akt des
Lesens. 4. Aufl. München, 1994 (1976), 175.
[10] Ebd.,
282.
[11] Siegfried
Quandt: Die historische
Erzählung in der Perspektive prozeßorientierter Geschichtsdidaktik. In:
Siegfried Quandt; H. Süssmuth (Hrsg.): Historisches
Erzählen. Göttingen, 1982, 10-28, 13.
[12] Vgl.
Iser (s. Anm. 9), 287.
[13] Vgl.
Walter Benjamin: Illuminationen.
Frankfurt, 1977, 385-410, 390.
[14] Vgl.
Wilhelm Schapp: In Geschichten
verstrickt. 2. Aufl. Hamburg, 1976 (1953), 143.
[15] Vgl.
Klaus Müller: Homiletik.
Regenburg, 1994, 197.
[16] Vgl.
Gottfried Adam: Erzählen -
eine notwendige Sprachform des Glaubens. In: Ulrich Becker; Christoph Th. Scheilke (Hrsg.): Aneignung und
Vermittlung. Gütersloh, 1995, 231-238.
[17] Gemeinsame Synode der Bistümer in der BRD:
Beschluß: Der Religionsunterricht in der Schule. Freiburg, 1976,
123-152.
[18] Vgl.
Hubertus Halbfas: Religionsunterricht
in der Grundschule. Lehrerhandbuch 2. Düsseldorf u. a., 1984, 45.
[19] Vgl. Augustinus: De doctrina christiana IV 10, 25.
[20] Vgl.
Benjamin (s. Anm. 13), 391.
[21] Vgl.
Müller (s. Anm. 15), 201.
[22] Vgl.
Augustinus (s. Anm. 8), 19.
[23] Gert
Otto: Die Kunst,
verantwortlich zu reden. Gütersloh, 1994, 95.
[24] Vgl.
Benjamin (s. Anm. 13), 388. 389.
[25] Hans-Georg
Gadamer: Wahrheit und Methode.
5. Aufl. Tübingen, 1986, 307-310.
[26] Zu
dieser Grundaussage der sog. "Narrativen Theologie" vgl. Harald Weinrich: Narrative Theologie.
In: Conc 9 (1973) 329-334 und Johann Baptist Metz:
Zur Apologie des Erzählens. Ebd., 334-341.
[27] Edmund
Arens: "Wer kann die
großen Taten des Herrn erzählen?" (Ps 106, 2). Die Erzählstruktur
christlichen Glaubens in systematischer Perspektive. In: Rolf Zerfaß: Erzählter Glaube -
erzählende Kirche. Freiburg, 1988, 13-27.
[28] Vgl.
auf sprachwissenschaftlicher Seite die Arbeiten von Uta Quasthoff, vor allem:
Uta Quasthoff: Erzählen in
Gesprächen. Linguistische Untersuchungen zu Strukturen und Funktionen am
Beispiel einer Kommunikationsform des Alltags. Tübingen, 1980; auf
pastoraltheologischer Seite: Henning Luther:
Religion und Alltag. Bausteine zu einer Praktischen Theologie des Subjekts.
Stuttgart, 1992, darin vor allem die Abschnitte Der fiktive Andere.
Mutmaßungen über das Religiöse an Biographie und Das unruhige Herz. Über
implizite Zusammenhänge zwischen Autobiographie, Subjektivität und Religion.
Über die therapeutische Funktion des Erzählens vgl. Lorenz Wachinger: Der Mensch ist ein
Geschichtenerzähler. In: Zerfaß (s. Anm. 27), 127-141.
[29] Vgl.
Hans-Georg Ziebertz; W. Simon (Hrsg.): Bilanz der
Religionspädagogik. Düsseldorf, 1995, 101.
[30] Sören
Kierkegaard: Die Tagebücher. Ausgewählt
und übersetzt von Hayo Gerdes.
Düsseldorf u. a., 1962-74, Bd. 3, 155.