Realität - Utopie - Idealität.
Anmerkungen zu 150 Jahren Kommunistisches Manifest
von Peter Schallenberg
Kurzinhalt - Summary:
Das Kommunistische Manifest von 1848 verschärft die
Leitlinie des Westfälischen Friedens von 1648, das "Etsi Deus non
daretur". Diese wird bei Karl Marx zu einer anthropologischen Maxime, mit
welcher der Mensch seine Hoffnungen total an die Erde binden soll. Jede
Differenz zur Realität der Welt wird unmöglich gemacht. Der gigantische Versuch,
die christliche Hoffnung in Zeit und Ort greifbar werden zu lassen, landete
in der Unmenschlichkeit des Totalitarismus. Erst die Idealität Gottes über
der Realität hält die Spannung zwischen Zeit und Nicht-Zeit aufrecht. Sie läßt
den Menschen nicht in Zeit und Welt aufgehen.
The Communist Manifesto
published in 1848 intensifies the directing principle of the Peace of
Westphalia (1648), i. e. "Etsi Deus non daretur". Karl Marx develops
this guideline so forming it into an anthropological maxim that entitles man to
fix all his hope entirely on earth. Any difference to the realities of world is
made impossible. The gigantic endeavour, however, to make Christian hope
tangible in time and space eventually led to the inhumanity of totalitarism. It
is the ideal status of God above all reality that keeps up the tension between
time and non-time thereby protecting humanity from fading away in time and
world.
„Wir wissen von der Zukunft nichts und sollen auch nicht
nach mehrerem forschen, als was mit den Triebfedern der Sittlichkeit und dem
Zwecke derselben in vernunftgemäßer Verbindung steht.“[1]
Was freilich in vernunftgemäßer Verbindung zur
Sittlichkeit steht, ist durchaus nicht genügend geklärt, und daher löst auch
Immanuel Kants Verdikt nicht das grundsätzliche Problem einer säkularen Eschatologie,
es unterstreicht aber immerhin das Wort „säkular“, macht also darauf
aufmerksam, neuzeitlich sei eine Utopie nur noch als politisch-ethische zu
denken und zu entwerfen. Diese ethische Suspendierung der Eschatologie
zugunsten innerweltlicher Gesellschaftsentwürfe verdankt sich einer Vielzahl
von Traditionssträngen, durchaus auch christlicher Herkunft, etwa der
augustinischen Unterscheidung von „civitas dei“ und „terrena civitas“. Die
markanteste Zäsur der Neuzeit bildet jedoch der Westfälische Friede 1648 und
seine säkulare Umsetzung der Eschatologie in die Form realitätsnaher
Friedensfindung. Den Kontrapunkt bietet 200 Jahre später Karl Marx´
„Kommunistisches Manifest“ mit dem bitteren Fazit des Scheiterns jedweder
Realpolitik und der revolutionären Einforderung der säkular-politischen Utopie.
Beide, die resignative Realität von 1648 und die revolutionäre Utopie von
1848, sind Kinder des neuzeitlichen „etsi deus non daretur“. Erst die Preisgabe
des Gedankens der Idealität über der Realität, des "Gott in und über der
Welt", ermöglicht den Verzicht auf den Gottesgedanken im Raum der Ethik
und der Politik.
Dennoch bleibt der neuzeitliche Blick gebannt von der
utopischen Möglichkeit einer stetigen Verbesserung von Mensch und Gesellschaft
und - Kehrseite der Medaille, deren eine Seite „Utopie“ heißt - von der Frage
nach dem Ursprung, wenn denn jede Utopie letztlich nichts anderes ist als
Rückkehr oder gar Überbietung des Anfangs. Die Preisfrage der Akademie von
Dijon lautete 1749: „Hat der Fortschritt der Wissenschaft und der Künste die
Menschheit verbessert?“ und 1755 formuliert diese Akademie die Preisfrage
konsequent ergänzend: „Welches ist der Ursprung der Ungleichheit unter den Menschen
und ist diese vom Naturgesetz gerechtfertigt?“ Der Fortschritt der Wissenschaften
schien Karl Marx ein Jahrhundert später endgültig desavouiert und umgekehrt
schien ihm die Frage nach der Ungleichheit beantwortbar und damit lösbar zu
sein. Immanuel Kants Urteil scheint überwunden: Wir wissen vom Ursprung der
Ungleichheit und daher auch von der Realisierung der Zukunft alles! 150 Jahre
später ist auch die kommunistische Utopie nicht mehr lebensfähig -
möglicherweise ein Anlaß, neu die Frage nach der allzuschnell verabschiedeten
Idealität zu stellen. Es ist zugleich und immer aktuell die Frage nach dem
leitenden Menschenbild, das Staat und Gesellschaft zugrunde liegt.
1. Realität der Utopie: 1648
Jean-Jacques Rousseau urteilte 1761, „daß der
Westfälische Friede vielleicht auf immer zwischen uns die Basis des politischen
Systems sein wird“,[2] und
für Friedrich Schiller war er das „interessanteste und charaktervollste Werk
der menschlichen Weisheit und Leidenschaft“.[3]
Beide Urteile kommen nicht von ungefähr: Zu grausam waren die
Auseinandersetzungen des dreißigjährigen Krieges, zu erschütternd auch die
Eindrücke der Zeitgenossen von der entfesselten Aggression, und dies
ausgerechnet im Namen von Religion und Konfession. Freilich war auch der
dreißigjährige Krieg nicht einfach vom Himmel gefallen: Vorausgegangen war mit
der Geburt der Neuzeit auch die Geburt des neuzeitlichen Menschen im Zeichen
neu begründeter Menschenrechte.[4]
1.1 Die endgültige Geburt des modernen Menschen: etsi
deus non daretur!
An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit, mit der
Entdeckung der Neuen Welt (1492) und dem Durchbruch der Reformation in weiten
Teilen Europas, steht die Wende von Naturrecht und Menschenrecht. Das
klassisch-scholastische Naturrecht[5]
- als Schöpfungsrecht von Anfang an theologisch verfaßt - wird mit der
Entdeckung von Menschen, die bisher nicht zur bekannten Schöpfung gehörten, und
unter dem Einfluß der Dominikanerschule von Salamanca zum Recht des Menschen
von Natur aus - und nicht von seinem wenigstens potentiellen Glauben aus. Dies
ist mit der bekannten Formulierung des niederländischen Gelehrten Hugo
Grotius gemeint: Der Mensch hat Recht und Würde, selbst wenn - als reine
Hypothese! - es Gott nicht gäbe. Aus der philosophischen Suspendierung des
Gottesgedankens wird unter dem verheerenden Eindruck der blutigen
Religionskriege in Frankreich ansatzweise zuerst im Edikt von Nantes (1598) die
politisch-ethische Suspendierung. Obgleich die katholische Konfession
Staatsreligion bleibt, erhalten die Hugenotten Gewissens- und
Religionsfreiheit, wenn auch nur epochenweise bis zur Aufhebung durch Ludwig
XIV. im Jahre 1685. Für Deutschland markiert erst der Westfälische Frieden
einen ähnlichen Durchbruch. Auch hier wird die religiöse Frage um der höheren
Einheit des Friedens willen zurückgestellt.[6]
Damit aber vollendet sich die vom Nominalismus vorbereitete Preisgabe der Metaphysik
und der Spannungseinheit von Idealität und Realität, die immerhin noch Martin
Luthers Zwei-Reiche-Lehre bewegt hatte. Politischer Friede und menschliche
Gesellschaft scheint nur im Verzicht auf den Gedanken der Idealität möglich zu
sein. Das Ideal des guten Lebens weicht unmerklich der Realität bloßer Lebenserhaltung:
„Die Neuzeit verabschiedet sich zunächst von der Aussicht
auf sinnerfüllte Praxis, um an die Stelle eines unfaßbar gewordenen guten
Lebens das sicher feststellbare Minimum der Selbsterhaltung zu setzen.“[7]
1.2 Die endgültige Geburt des modernen Staates: etsi deus
non daretur!
Der moderne Mensch am Beginn der Neuzeit verbindet sich
in Vertrag und Toleranz mit anderen Menschen zum Staat, der zur Förderung von
Frieden, Wohlfahrt und persönlicher Selbstentfaltung dient. Bis dahin ist es
freilich noch ein weiter Weg. Aber der Grundgedanke taucht ebenfalls am Beginn
der Neuzeit auf. Die augustinische „civitas terrena“ mit der deutlichen
Bezugnahme auf die Idealität der „civitas dei“ und das mittelalterliche
Zwei-Schwerter-Modell[8]
wird zunächst umgeformt zur Zwei-Reiche-Lehre Martin Luthers, und sodann über
den absolutistischen Territorialstaat zum Nationalstaat des 19. Jahrhunderts,
wiederum mit allmählicher Suspendierung des Gottesgedankens. Ähnlich verläuft
die Entwicklungslinie im Bereich des Toleranzbegriffes: Aus der
traditionell-augustinischen Intoleranz gegenüber dem Irrtum als Feind von
„civitas dei“ und „terrena civitas“ wird die Toleranz gegenüber dem Menschen
und sodann die liberalistische Toleranz gegenüber Meinungen - der Suspendierung
der Idealität Gottes folgt die Suspendierung der idealen Wahrheit. Leitende
Frage der politischen Ethik ist dann nicht mehr „Was ist wahr?“, sondern „Was
ist verbindlich?“[9]
1.3 Die endgültige Geburt des modernen Europa: etsi deus
non daretur!
Die Resultate der doppelten Friedenskonferenz von
Osnabrück und Münster, die vom 4. Dezember 1644 bis zum 24. Oktober 1648
dauerte, sind bis heute für Europa von entscheidender Bedeutung. Im wesentlichen
sind es vier Punkte, die eine Wiedergeburt des griechisch-römischen Europa
ermöglichte: die Schaffung religiöser Toleranz unter Verzicht auf ein
kirchlich-theologisches Fundament des Staates und gefolgt von einer ersten
zaghaften Entflechtung von Staat und Kirche; der erste gesamteuropäische
Frieden; die Entstehung neuer national geprägter Staaten; die erste Verfassung
für einen Verbund souveräner Staaten im Reich. So entsteht ein Friedensraum
individualisierter Autonomie im Zeichen der Aufklärung[10]
und der Trennung von Politik und Religion[11],
auch wenn der privat-ethische Bereich im Gegensatz zum politisch-ethischen Raum
noch lange deutliche religiöse Bezüge beibehält.[12]
2. Revolution der Utopie: 1848
Gleich zwei Revolutionen treten vor 150 Jahren mit dem
Willen zur realisierten Utopie auf: die Frankfurter Paulskirche wagt den
revolutionären Schritt hin zur Demokratie - und erstarrt im deutschen Nationalstaat.
Das „Kommunistische Manifest“ überwindet die neuzeitliche Klassengesellschaft
- und erstarrt im Totalitarismus. Beide Bewegungen sind ein spätes Echo auf die
Realität des Westfälischen Friedens. An die Stelle restaurativer oder
bourgeoiser teuer erkaufter Friedhofsruhe soll die Utopie der befreienden
Revolution treten. Karl Marx wählt den radikaleren Weg einer radikalen Neubestimmung von Mensch und
Gesellschaft.
2.1 Homo lupus: Der Mensch als reines Klassenwesen
„Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die
Geschichte von Klassenkämpfen.“[13]
Ohne Zweifel wird der Mensch auf dem Hintergrund des
saint-simonistischen Geschichtsverständnisses und des damit verbundenen
utopischen Sozialismus interpretiert; menschliche Gattung und menschliches
Individuum werden in ihrer Entwicklung parallel gesehen. Die Menschheit als Kollektivwesen
entwickelt sich über die Generationen so, wie das Individuum durch die
Lebensstadien. Dabei werden in der durch Revolution herbeigeführten
realisierten Utopie die unterschiedlichen Klassen ersetzt durch die eine einzige
industrielle Klasse. Dieser
„zentrale Begriff der „classe industrielle“ als
Gemeinschaft aller in planender oder ausführender Funktion produktiv Tätigen
ist zunächst als Kampfbegriff gegen die parasitären Schichten der feudalen
Reaktion zu verstehen, gewinnt aber darüber hinaus positive Bedeutung in der
weitgefaßten Konzeption einer verwalteten Industriegesellschaft. Nach der
Beseitigung der parasitären Elemente und der Abschaffung des Erbrechts bleibt
eine Gemeinschaft gleichberechtigter Produzenten, die jedoch nach den
verschiedenen Fähigkeiten, Funktionen und Leistungen vielfältig differenziert
ist.“[14]
Dieses Geschichts- und Menschenbild wird bei Karl Marx
noch schärfer gefaßt: Alle Geschichte ist Klassenkampf[15]
und zugleich Kampf der Individuen untereinander. Deutlich schimmert im
Hintergrund die Deutung „homo homini lupus est“ des Thomas Hobbes durch, dessen
Menschenbild übrigens auch der parallel zu Karl Marx beginnende Liberalismus
zum Teil übernimmt![16]
Freilich ist die Folgerung bei Karl Marx genau entgegengesetzt: Nicht die
Entfesselung der freien Kräfte und Interessen des Individuums, sondern die
Fesselung durch einen revolutionär produzierten radikal neuen Gesellschaftsvertrag
im Zeichen absoluter Gleichheit aller Menschen. Damit wird die klassische
Spannungseinheit Gleichheit-Freiheit aufgelöst zuungunsten der von der
Bourgeoisie mißbrauchten Freiheit. Zugleich wird die religiöse Eschatologie als
jenseitige Aufhebung aller Gegensätze verwandelt in eine säkulare Utopie der
diesseitigen Aufhebung aller Ungleichheit. Indem Unterschied und Gegensatz der
Individuen identifiziert werden, und zugleich jedwede theologische Eschatologie
zur bloß bourgoisen, leicht durchschaubaren Chimäre herabgesunken ist, ist der
Mensch als reduziertes Klassenwesen nur heilbar durch die Aufhebung aller
Klassen in der realisierten Utopie der neuen Gesellschaft.
2.2 Homo laborans: Der Mensch durch Arbeit
„Die Bourgeoisie hat (...) kein anderes Band zwischen
Mensch und Mensch übriggelassen, als das nackte Interesse, als die gefühllose
bare Zahlung. Sie hat die heiligen Schauer der frommen Schwärmerei, der
ritterlichen Begeisterung, der spießbürgerlichen Wehmut in dem eiskalten Wasser
egoistischer Berechnung ertränkt. Sie hat die persönliche Würde in den
Tauschwert aufgelöst. (...) Sie hat an die Stelle der mit religiösen und
politischen Illusionen verhüllten Ausbeutung die offene unverschämte direkte
dürre Ausbeutung gesetzt.“[17]
Dies hat Karl Marx in der Tat fein beobachtet: Die
Neuzeit führt unmerklich zu einer radikalen Umwertung der Werte[18]
innerhalb von Staat und Gesellschaft, die sich explizit nicht mehr als Abbild
der „civitas dei“ verstehen, sondern als Friedens- und Freiheitsraum
miteinander konkurrierender Individuen. Diese kopernikanische Wende innerhalb
der sich entwickelnden bürgerlichen Ethik steht auch Pate bei der Geburt des
neuzeitlichen Kapitalismus, so daß ohne diesen „ideologischen Umwertungsprozeß“
sich der „Sieg des Kapitalismus nicht erklären“ läßt.[19]
So entsteht eine utilitaristisch verkürzte Sicht des Menschen, der nicht mehr
als Wertträger der Idealität, sondern als Funktionsträger der Realität
erscheint. Karl Marx sieht die Folge, verbleibt aber grundsätzlich auf dem
Boden dieses Menschenbildes: Nach Abschaffung der Ausbeutung verbleibt nur die
Arbeit als Sinn und Funktion des Menschen. Die bare Zahlung ist durch die
Utopie gleicher Bedürfnisbefriedigung ersetzt, darunter an erster Stelle die
Arbeit als Form technisch diktierter Selbstverwirklichung.
2.3 Homo privativus: Der Mensch als Konkurrent
„An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit
ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie
Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist.“[20]
Das klassische Gegensatzpaar Gemeinschaft und Freiheit
sollen in der revolutionär herbeigeführten Utopie einer klassenlosen
Gesellschaft einander neu zugeordnet werden. Der alte Antagonismus scheint
versöhnbar zu sein, und die Lösung erblickt Karl Marx in der Abschaffung des
Privateigentums und der Umwälzung der Produktionsweise. Aber es bleibt dann nur
der hypostasierte Leviathan der „Assoziation“, des Staates oder der
Gesellschaft, die allein entscheidet, welcher Freiheitsraum dem Individuum
zugestanden werden kann. Da der Mensch grundlegend als Konkurrent des
Mitmenschen verstanden wird, bleibt nach dem Scheitern
aufklärerisch-individualistischer Friedenskonzepte nurmehr die revolutionäre
Befriedung vermittels „despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die
bürgerlichen Produktionsverhältnisse“.[21]
Der „homo privativus“ ist der seines Eigentums beraubte Mensch, der auf die
Grundbedürfnisse reduzierte Mensch, der Mensch des „factum brutum“.[22]
Wiederum sieht Karl Marx die Folgen des Abschiedes von der Idealität, ohne doch
eine echte Idealität wiedergewinnen zu können. Es bleibt als Ausweg die
revolutionäre Flucht zur säkularen Schwester der Idealität, zur Utopie, und
dies durchaus in Bewußtsein und Anlehnung an die Frühformen humanistischer
Utopie seit der Renaissance.[23]
Das Spezifikum der Utopie des Karl Marx liegt gerade in einem dreifach
gefächerten Verzicht auf die Idealität: in der Annahme einer „etsi deus non
daretur“ zu vervollkommnenden menschlichen Natur, die ihren Maßstab nicht
findet in der jenseitigen Idealität, sondern in der Realität der Geschichte; im
Verzicht auf die Lenkung der Menschen vermittels der Ideale, und statt dessen
auf die Veränderung der Verhältnisse setzt; im Verzicht auf klassische
Wesenheiten wie Freiheit, Mensch, Staat. Diese Ausblendung der Idealität bei
gleichzeitiger Erkenntnis der Mängel neuzeitlicher Realität auf dem Boden des
Westfälischen Friedens kennzeichnet die Utopie der Praxis bei Karl Marx. So
bleibt diese Utopie revolutionär, also vom Primat der Praxis bestimmt. Es ist
eine
„Philosophie der Praxis, in der das Proletariat, ein sich
von seiner Vormundschaft befreiendes Handlungssubjekt, als Negationsprinzip
fungiert, das immer wieder den Emanzipationsprozeß antreibt.“[24]
3. Idealität der Utopie: 1998
Es bleibt auch 150 Jahre nach dem Kommunistischen
Manifest die uralte Menschheitsfrage nach der Zuordnung von Paradies und
Utopie. Der Mensch erfährt sich als als Mängelwesen und darin zugleich als
Wesen der Sehnsucht nach dem verlorenen Ursprung und dem Wiedergewinn des
geglückten Anfangs. Der christliche Name für jenen u-topischen, innerweltlich
ortlosen Zustand des Paradieses ist Idealität. Die Idealität weiß um die
Konkupiszenz als Folge des verlorenen Ursprungs und weiß um den notwendigen
Verzicht auf die Bedürfnisbefriedigung; die Utopie leugnet die Konkupiszenz und
sieht den Menschen durch die Bedürfnisbefriedigung zur Vollkommenheit
aufsteigen. Damit wird deutlich, daß jeder Versuch, das Paradies zu
verzeitlichen, die Ortlosigkeit der Vollendung machbar werden zu lassen, in der
Unmenschlichkeit enden muß. Die Idealität hält die Spannung zwischen Zeit und
Nicht-Zeit, also Ewigkeit. Sie sieht den Menschen nicht in Zeit und Welt
aufgehen, sie versteht ihn in christlich-theologischer Sicht als Ebenbild
Gottes, als Wesen des in und über.[25]
Es ist die klassische Denkform der Analogie als „Beziehung gegenseitigen
Andersseins“,[26] als
Identität und Differenz von Idealität und Realität. Genau dieses Denken
kennzeichnet die typisch christliche Spannung zwischen Idealität und Realität
im Zeichen der Realutopie, die jede Form totalitärer Herrschaft von Menschen
über Menschen vermeidet. Nichts anderes meint der Gedanke des Thomas von Aquin,
ein Grund für übergroße Härte oder Mitleidslosigkeit sei im Mangel an Hoffnung
für das Selbst zu suchen. Der Auftrag der Kirche am Ende der Neuzeit scheint wesentlich
in dieser Vermittlung von Zeit und Ewigkeit zu liegen:
"Der erste und grundlegende Beitrag der Kirchen zur
Gesellschaft heißt deshalb: an das Andere der Weltzeit glauben können.“[27]
Erst eine solche Sicht von Mensch, Kirche und Staat
scheint eine gespannte Zuordnung von Individuum und Gemeinschaft am Ende der
Neuzeit wiederzugewinnen. Es ist eine durchaus neuzeitliche Erkenntnis,
zwischen der Genese von Wertvorstellungen und Idealen ohne Religion und der
Geltung der Ideale nur auf der Grundlage von Religion zu unterscheiden, und
zugleich den Wahrheitsanspruch Gottes sich in pluralen und tolerierten
Lebensentwürfen auffächern zu sehen. Und es ist zugleich eine neuer und doch
theologisch-klassischer Versuch, das zu gewinnen, was der Westfälische Friede
resignativ ersehnte und Karl Marx revolutionär verneinte: eine Spannungseinheit
von Wahrheit der Person und Toleranz der Gemeinschaft.
[1] Immanuel
Kant: Die Religion innerhalb
der Grenzen der bloßen Vernunft. Köln: Könemann, 1995, 192 = Akad.-A. 6,
161 f; B 224.
[2] Zit.
nach Georg Schmidt: Der
Dreißigjährige Krieg. München: Beck, 1996, 94.
[3] Friedrich
Schiller: Der Dreißigjährige
Krieg. München: Kindler, 1975, 313.
[4] Zur
Geschichte vgl. Norbert Brieskorn:
Menschenrechte. Eine historisch-philosophische Grundlegung. Stuttgart: Kohlhammer,
1997, 75-101.
[5] Vgl. Aldo Vendemiati:
La legge naturale nella Summa Theologiae di S. Tommaso d'Aquino. Roma:
Edizioni Dehoniane, 1995.
[6] Vgl.
Leopold von Ranke: Die
römischen Päpste in den letzten vier Jahrhunderten. Hamburg o. J., Bd. II,
120: „Hierdurch sind nun aber dem Katholizismus auf ewig Schranken gesetzt. Er
ist in bestimmte Schranken gewiesen; an eine Welteroberung, wie er sie
vorhatte, kann er niemals wieder im Ernste denken. Ja, die geistige Entwicklung
selbst hat eine Wendung genommen, die dies unmöglich macht. Jene höhere Einheit
gefährdenden Triebe haben das Übergewicht bekommen; das religiöse Element ist
zurückgetreten; die politischen Rücksichten beherrschen die Welt.“
[7] Rüdiger
Bubner: Welche Rationalität bekommt
die Gesellschaft? Vier Kapitel aus dem Naturrecht. Frankfurt: Suhrkamp,
1996, 16.
[8] Vgl.
Christian Ruby: Einführung in
die politische Philosophie. Berlin: Wagenbach, 1997, 37-63.
[9] Vgl.
Berthold Wald: Moralische
Verbindlichkeit und menschliches Richtigsein. Zur Rehabilitierung der Tugend.
In: ThPh 72 (1997) 553-564, hier 554: „Moralische Verbindlichkeit und nicht
menschliches Richtigsein ist darum die Grundkategorie der neuzeitlichen
Ethik.“
[10] Vgl.
Hans-Ludwig Schreiber: Menschenrechte
nach der Aufklärung. In: Krzystof Michalski
(Hrsg.): Aufklärung heute. Castelgandolfo-Gespräche 1996. Stuttgart:
Klett-Cotta, 1997, 107-121.
[11] Vgl.
Ulrich ImHof: Das Europa der
Aufklärung. München: Beck, 1993.
[12] Vgl.
Werner Schneiders: Das
Zeitalter der Aufklärung. München: Beck, 1997, 101: „Gott ist, auch wenn
der religiöse bzw. konfessionelle Eifer durch eine Art Tugendfrömmigkeit
ersetzt wird, immer noch der letzte Bezugspunkt; er ist wie in der
Naturerfahrung so auch in der Tugendproblematik präsent.“
[13] Karl
Marx: Manifest der
Kommunistischen Partei: Berlin. Dietz, 1958, 6.
[14] Karl
Meschede: Art. Saint-Simonismus.
In: HWP 8, 1126-1128.
[15] Vgl.
Heinz Dieter Kittsteiner: Geschichtsphilosophie
und politische Ökonomie. Zur Konstruktion der historischen Zeit bei Karl Marx.
In: Ders.: Listen der
Vernunft. Motive geschichtsphilosophischen Denkens. Frankfurt: Fischer,
1998, 110-131.
[16] Vgl.
Otfried Höffe: Vernunft und
Recht. Bausteine zu einem interkulturellen Rechtsdiskurs. Frankfurt/M.:
Suhrkamp, 1996, 161: „Der Liberalismus geht davon aus, daß im Zusammenleben der
Menschen Konkurrenz und Konflikt vorkommen.“
[17] Marx (s. Anm. 13), 9.
[18] Vgl.
Otfried Höffe: Moral als Preis
der Moderne. Ein Versuch über Wissenschaft, Technik und Umwelt.
Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1993, 164: „Im Laufe des 17. und 18. Jahrhunderts
findet nun eine folgenreiche Umwertung der Werte, eine radikale
Mentalitätsveränderung statt. Aus den der Illegitimität verdächtigten Leidenschaften
und den per se illegitimen Lastern werden Antriebskräfte, die ihrem Begriff
nach von allem Verdacht auf Illegitimität befreit, normativ rundum neutral
sind. Oft werden sie sogar positiv beurteilt; das Laster des 'Neides' etwa wird
zur 'wirtschaftlichen Kompetenz', die 'Habsucht' zum lobenswerten
'Geschäftssinn'.“
[19] Ebd.
[20] Marx
(s. Anm. 13), 35.
[21] Ebd.,
32.
[22] Vgl.
Erich Fromm: Das Menschenbild
bei Marx. Frankfurt/M.: Europäische Verlagsanstalt, 1963; Thieß Petersen: Anthropologie und
Ökonomie. Das Menschenbild bei Marx und dessen Bedeutung für seine Kritik an
der politischen Ökonomie. Frankfurt/M.: Peter Lang, 1997.
[23] Vgl.
erhellend Beate Gabriele Lüsse: Formen
der humanistischen Utopie. Vorstellungen vom idealen Staat im englischen und
kontinentalen Schrifttum des Humanismus 1516-1669. Paderborn: Schöningh, 1998.
[24] Ruby
(s. Anm. 8), 121.
[25] Vgl.
klassisch Erich Przywara: Analogia
Entis. Einsiedeln: Johannes, 1962, 186.
[26] Vgl.
ebd., 187.
[27] Richard
Schenk: Redimentes tempus. Der
Beitrag der Kirchen zur europäischen Einigung. In: IKZ Communio 24 (1995)
543-557, hier 549.