Das Magnificat (Lk 1, 46b-55) als Lesehilfe im
Lukasevangelium*
von Beate Kowalski
Kurzinhalt - Summary:
Das Magnificat ist in der lk
Kindheitsgeschichte an zentraler Stelle angeordnet, als Deutung der Begegnung
zwischen Maria und Elisabet. Es enthält eine Fülle theologischer Motive, die im
narrativen Hauptteil des Lk weiter entfaltet werden. Die Leser/-innen des
Magnificat werden so bereits zu Beginn der Lektüre des Lk auf zentrale Themen
lk Theologie aufmerksam gemacht. Diese Bezüge zwischen Magnificat und
narrativem Hauptteil sowie die Funktion dieses Hymnus' stehen im Vordergrund
der folgenden Untersuchung.
The Magnificat has an important place in the
,childhood history‘ of Luke; it es an interpretation of the event between Mary
and Elizabeth. Many theological motives are also found in the narrative part of
Luke. The reader of the Magnificat should be aware of central themes of Lukian
theology already present at the beginning of the gospel. The following essay is
focused on the connections between the Magnificat and the central narrative
part of Luke and the question of the function of the magnifical hymn.
Einführung
Das Magnificat als Lesehilfe im Lukasevangelium - welche Fragestellung
verbirgt sich hinter dieser Themenformulierung?
Vielfach ist das Magnificat in der Exegese bearbeitet
worden, wobei zahlreiche Fragen der Entstehungsgeschichte und der historischen
Verortung weiterhin ungelöst sind bzw. nicht zu einem Konsens in der Forschung
geführt haben.1 Immer ist
aber festgestellt worden, daß dieses Lied Mariens an zentraler Stelle der
Kindheitsgeschichte in hymnisch dichtester Form zentrale Anliegen lukanischer
Theologie offenlegt.2
Es ist lexemisch nicht eng mit dem unmittelbaren Erzählkontext verwoben3; die Verkettung mit den
übrigen Hymnen der Kindheitsgeschichte4
und dem narrativen Hauptteil5
sind weitaus enger, so daß die Hermeneutik hier ansetzen darf und muß. Der
letzte Aspekt, die Bezüge zwischen Magnificat und narrativem Hauptteil des Lk,
sind in der Forschung bislang nur punktuell beachtet worden. Jeder Hymnus6 deutet jedoch nicht nur
seinen unmittelbaren Kontext, sondern ist auch Teil eines umfassenden
Deutungssystems, in unserem Fall des gesamten Lk. "Hier kann die weitere
Sinnstiftung durch kreative Leserbeteiligung einsetzen."7 Das Magnificat will bereits
am Anfang des Evangeliums seinen Lesern/-innen den eigentlichen Hauptakteur
der Handlung vorstellen und die großen Zusammenhänge zwischen irdischem und
himmlischen Geschehen entschlüsseln.8
Es geht demnach bei den folgenden Ausführungen nicht um
eine literar- oder traditionsgeschichtliche Untersuchung, sondern vor allem um
Fragen der Leserlenkung9
durch das Magnificat auf zentrale Anliegen lukanischer Theologie. Das Lk wird
bei dieser rezeptionsorientierten Exegese synchron als literarische Einheit
betrachtet.10
In einem ersten Teil wird zu fragen sein, auf welche
Themen das Magnificat seine Leser/-innen aufmerksam machen will. Dies wird mit
Hilfe einer näheren form- und motivkritischen Analyse herausgearbeitet. Ein
zweiter Teil wird die immer neue Relecture dieser Aspekte im umfassenden
Deutungssystem, dem Lk, aufzeigen. Eine Zusammenfassung hält komprimierend die
Aspekte der Fragestellung fest und sichert kritisch den methodischen Ertrag.
1. Form und Thema des Magnificat
1.1. Zur Form
Von den formkritischen Versuchen, das Magnificat sinnvoll zu gliedern, soll
nachfolgend einer vorgestellt werden, der den kunstvollen Aufbau erkennen läßt.
Das Magnificat ist ein Psalm, genauer ein Hymnus, der
nach den Regeln der hebräischen Poesie geformt ist. Es läßt sich leicht in zwei
Strophen gliedern: V. 46b-50, den persönlichen Lobpreis Mariens11, und in den universalen Lobpreis
V. 51-55.12
Die erste Strophe beginnt mit einem synonymen
Parallelismus membrorum, einer hymnischen Aufforderung, der sich zwei (hymnische)
Begründungen (V. 48a.49a) anschließen. Der erste Grund des Lobpreises ist
zunächst das Schauen Gottes auf die Niedrigkeit seiner Magd (V. 48a), das
zukünftig zu einer Seligpreisung der Sängerin führen wird. In ihr, der von Gott
bereits Erlösten, wird der Erlöser selbst gepriesen. Die zweite Begründung
preist Gott dann für seine großen Taten an ihr (V. 49a). Fast doxologisch wird
abschließend die Heiligkeit seines Namens und das göttliche Erbarmen in der
Vergangenheit gepriesen.
Die zweite Strophe des Magnificat besteht aus
sieben Verbalsätzen (V. 51-54a) und einem doxologischen Abschluß (V. 54b.55).
Die sieben Verbalsätze - "sieben" ist die Zahl der Fülle und Vollkommenheit
- führen das Handeln Gottes in der Vergangenheit aus: Gott hat vollbracht (V.
51a), zerstreut (V. 51b), gestürzt (V. 52a), erhöht (V. 52b), beschenkt (V.
53a), weggeschickt (V. 53b), angenommen (V. 54a). Im Zentrum der sieben Sätze
steht die zentrale Aussage V. 52b: "und hat erhöht Niedrige."13 Die sieben Aoriste, die hier
durchgängig gebraucht werden, müssen in jedem Fall vergangenheitlich übersetzt
werden.14
Dieser zweite Teil besteht aus drei antithetisch
formulierten Parallelismen (V. 51-53), die die Umkehrung der gesellschaftlichen
Verhältnisse durch Gott formulieren. Die beiden Schlußverse, die synthetisch
(V. 54) bzw. synonym (V. 55) geformt sind, bilden den (doxologischen) Abschluß,
der parallel zum Abschluß der ersten Strophe das Erbarmen Gottes preist, nun
jedoch nicht nur für die Vergangenheit, sondern auch für die Zukunft (in
Ewigkeit).
Beide Strophen des Magnificat stehen nicht unverbunden
nebeneinander, sondern sind durch Stichwortverbindungen vernetzt:
Maria bezeichnet sich als Magd Gottes und Niedrige (V.
48a); ebenso wird das ganze Volk Israel als Knecht Gottes (V. 54a)15 bezeichnet, das die Erhöhung
Niedriger (V. 52b) als zentrale Erfahrung gemacht hat. Diese
Stichwortverbindung (Magd/Niedrige - Knecht/Niedrige) läßt darauf schließen,
daß Maria sich mit den Armen Israels identifiziert und ihre Erhöhung in die
Erfahrungen dieses Volkes einreiht.
Eine weitere Stichwortverbindung ist die
Gottesbezeichnung dunato1_ in der ersten Strophe (V. 49a), die mit dem
sinnverwandten Wort kra1to_ (V. 51a) aufgenommen wird; zudem erweist der Sturz
der Mächtigen in der Welt (V. 52a) den wahren Mächtigen: Gott.
Das Geschlechter übergreifende Handeln Gottes wird
dreifach genannt (V. 48b.50a.55b). Der Hinweis auf sein Erbarmen beschließt
beide Strophen (V. 50.54b f), zunächst mit dem Rückbezug auf die Vergangenheit,
am Ende des Liedes rückbezüglich und vorausweisend auf das zukünftige Handeln
Gottes.16
1.2. Zum Thema: Armenfrömmigkeit im Magnificat
Es ist nun in einem zweiten Schritt nach der Bedeutung der Motive im
Magnificat zu fragen: Was ist das Thema dieses Lobpreises? Aus den Beobachtungen
zur Struktur und den Stichwortverbindungen lassen sich deutliche Hinweise zur
Beantwortung dieser Frage entnehmen.
1.2.1. Eine Arme als Sprecherin des Gotteslobes
Die Sprecherin des Liedes ist Maria; sie versteht sich als Magd und
bezeichnet sich als Niedrige, eine Selbstbezeichnung der Armen in Israel. Sie
reiht sich damit in die Geschichte der Armen ihres Volkes Israel ein, das als
Knecht Gottes benannt wird; an die Erhöhung Niedriger aus diesem Volk wurde
erinnert.
1.2.2. Gott als Retter der Armen
Der Handelnde im Hymnus ist - mit Ausnahme von V. 48b - ausschließlich
Gott selbst. Das Magnificat preist ihn in zweifacher Weise für sein rettendes
Handeln: es stellt zum einen seine Eigenschaften bzw. Namen17 vor, zum anderen zählt es seine
Taten18 auf.
1.2.2.1. Eigenschaften und Namen Gottes
Eigenschaften bzw. Namen Gottes werden fast ausschließlich in der ersten
Strophe des Magnificat erwähnt: Gott ist der ku1rio_ (V. 46b), der swth1r (V.
47a), der dunato1_ (V. 49a), er hat einen a_gion to! o3noma (V. 49b) und von
seinem Erbarmen ist in beiden Strophen die Rede (e3leo_; V. 50.54b). Nur zwei
Taten kommen hier zur Sprache: sein Schauen (V. 48a) und sein wirkmächtiges Tun
(V. 49a).
Diese Charakterisierungen Gottes ergänzen sich zu einem
vielfältigen Gottesbild: Gott wird als Herr erfahren, der seine Macht und sein
Erbarmen zur Rettung der Menschen anwendet; sein heiliger Name JHWH (vgl. Ps
111,9; Ex 20,7) kündet von diesem Da-sein für die Menschen.
1.2.2.2. Taten Gottes
Die Sprecherin des Liedes preist Gott aber auch für seine rettende Tat an
ihr und den Armen in der Geschichte Israels. Von diesem Handeln Gottes ist
überwiegend in der zweiten Strophe des Magnificat die Rede. Diese liegen auf
einer Ebene mit den beiden Begründungen in der ersten Strophe (V. 48a.49a), in
der vom Schauen Gottes auf die Niedrige und seinem wirkmächtigen Tun die Rede
ist.
In Form einer hymnischen Erzählung werden durch
Anspielungen und Zitate aus dem AT19
die Großtaten Gottes in der Geschichte mit seinem Volk vergegenwärtigt: so wird
dem Exodusereignis mit dem Umsturz der Verhältnisse gedacht (V. 51 f; vgl. Ps
89,11; 107,9); die Speisung der Hungernden erinnert an das Mannawunder in der
Wüste (vgl. Ex 16; Ps 107,9), aber auch an das Mehl- und Ölwunder des Elija (1
Kön 17,8-16) und das Ölwunder des Elischa (2 Kön 4,1-7); die immer wieder neue
Annahme seines Volkes, das sich seit Deutero-Jesaja (Jes 41,8 f) als
Gottesknecht versteht, ist ein Thema, das die ganze Heilsgeschichte Israels
durchzieht, man denke an die Bundesschlüsse20.
1.2.3. Israel-Dimension
Das Magnificat enthält eine deutliche Israel-Dimension, die sich explizit
zum Schluß VV. 54 f zeigt. Dort wird an Gottes Verheißungen und sein
erbarmendes Handeln an seinem Volk seit den Zeiten Abrahams erinnert. Aber auch
durch die Anspielungen auf die Geschichte Gottes mit seinem Volk in der zweiten
Strophe des Magnificat kommt die Israel-Dimension zum Tragen. Besonders wird
sie auch durch das Motiv des heiligen Namens Gottes (V. 49b) im ersten Teil
angedeutet; hier wird die dem im Babylonischen Exil verbannten Israel
zugesprochene prophetische Botschaft aus Ez 20,41-44; 36,16-38 aufgenommen:
durch die Herausführung und Sammlung des zerstreuten Israel wird die Kunde von
der Andersartigkeit und der Heiligkeit des Namens Gottes bei allen Völkern
bekannt werden. Ein/e kundige/r Leser/-in des AT wird bei der Erwähnung des
Heiligen Namens Gottes an die Sammlung und Herausführung Israels im
babylonischen Exil erinnert.
Zusammenfassung
Das Magnificat entspringt der atl.-jüdischen Armenfrömmigkeit21, die sich im Wesentlichen durch
die aufgezeigten Aspekte kennzeichnet. Die Armen sind Sprecher des Lobpreises
Gottes; sie klagen nicht, sondern preisen Gott für sein rettendes Handeln an
ihnen. Die Armenfrömmigkeit geht von Glück und Gerechtigkeit aus, Armut wird
nicht idealisiert oder spiritualisiert.22
Und schließlich ist auf eine deutliche Israel-Dimension hinzuweisen.
Armenfrömmigkeit meint demnach keine spirituelle Haltung der Demut und
Bescheidenheit, sondern ist ein göttliches Programm zur Bekämpfung der Armut.
Das Magnificat ist auf dieser ersten textimmanenten Ebene
zunächst ein jüdisches Lied, das die atl. Armenfrömmigkeit aufgreift. Im
unmittelbaren Kontext, als Lied bei der Begegnung zwischen Maria und Elisabet,
steht es an einer Nahtstelle zwischen vergangenem Heilshandeln Gottes und der
messianischen Zukunft. Es vergegenwärtigt dem/den Leser/-innen das Handeln
Gottes an Israel in der Vergangenheit und öffnet den Blick auf sein zukünftiges
Erbarmen.
Das Magnificat beinhaltet eine deutliche Leserlenkung.
Die Leser/-innen des Lk sollen die Jesus-Geschichte aus dem Blickwinkel der
vergangenen Heilstaten Gottes an seinem Volk Israel lesen und in der Person und
Botschaft Jesu die Fortsetzung des göttlichen Handelns an den Armen Israels
erkennen. Im folgenden zweiten Teil wird daher näher aufgezeigt werden, in
welcher Weise das Lk eine immer neue Relecture der im Magnificat erstmals in
verdichteter Form erkennbaren Armenfrömmigkeit ist.
2. Das Magnificat als Lesehilfe zur Armenfrömmigkeit im Lukasevangelium
2.1. Arme als Sprecher des Gotteslobes im Lk
Der Lobpreis Gottes wird im Lk sowohl in der Kindheitsgeschichte als auch
im narrativen Hauptteil ausschließlich von den Armen, den im Leben
Zukurzgekommenen gesungen. In der Kindheitsgeschichte sind es Zacharias
(1,64.67-79), die Hirten23
(2,20), Simeon (2,28.29-31) - der sich ebenfalls als Knecht bezeichnet ‑ ,
die Witwe Hanna (2,38), aber auch die Engel (2,13.14), die mit ihrem Lobpreis
den Armen die Erlösung verkünden. Im Hauptteil des Evangeliums sind es überwiegend
von Jesus Geheilte (insgesamt vier: der Gelähmte 5,25; die gekrümmte Frau
13,13; einer der zehn Aussätzigen 17,15; der Blinde bei Jericho 18,43) oder
auch bei den Heilungen Anwesende (Anwesende bei der Heilung des Gelähmten 5,26
und des Blinden bei Jericho 18,43), weiter die ganze Menge der Jünger beim
messianischen Einzug Jesu nahe am Abhang des Ölbergs (19,37), der heidnische
Hauptmann nach dem Tod Jesu am Kreuz (23,47) sowie im Schlußvers des Lk alle in
Jerusalem anwesenden Christen (24,53). Sie alle haben das Heil Gottes durch
ihre Begegnung mit Jesus erfahren und singen als Erlöste das Gotteslob.
Auch Maria erfährt Segen und Lobpreis, wie die
Prophezeiung im Magnificat (1,48b) angekündigt hat: zunächst erfährt sie Segen
durch den Verkündigungsengel (1,28) und durch den Gruß Elisabets (1,42), dann
durch die Prophezeiung des Simeon (2,34)24
und schließlich wird sie durch eine namentlich nicht genannte Frau aus dem Volk
seliggepriesen (makar<a 11,27).25
Im Segen, der ihr zuteil wird, wird letztlich Gott, der an ihr gewirkt hat, gepriesen.
Auf die Seite der Armen stellt sich Jesus mit seinem
Lobpreis des Vaters (10,21; 11,2b-4). Auch er ist einer der Armen, der ihr
Schicksal teilt und sein Kreuz auf sich nimmt.
Neben dem ausdrücklichen Lobpreis Gottes durch Arme, die
das Heil gesehen und leibhaftig erfahren haben, hat Lk stärker als die
Synoptiker eine Theologie des Gebets entwickelt: er betont die Kraft des Gebets
(11,5-8.9-13), empfiehlt das immerwährende Gebet (21,36), das sich
vertrauensvoll an den Vater wendet (11,2-4) und vor Versuchungen bewahrt
(22,39-46). Jesus selbst wird den Lesern immer wieder als betendes Vorbild
vorgestellt, der sich vor wichtigen Schritten in die Einsamkeit zum Gebet
zurückzieht.26
2.2. Jesus als Retter der Armen im Lk
Lk stellt seinen Lesern/-innen Jesus - ebenso wie Gott - in zweifacher
Weise vor: zum einen durch christologische Hoheitstitel und zum anderen durch
die Erzählung seines Lebens und Wirkens.
2.2.1. Eigenschaften und Namen Jesu
Es soll und kann hier nicht um eine Diskussion der christologischen
Hoheitstitel im Lk gehen, vielmehr soll aufgezeigt werden, daß die im
Magnificat vorkommenden Eigenschaften bzw. Namen Gottes (Herr, Gott, Retter,
Mächtiger, Heiliger Name, Erbarmen) im Lk auf seinen Sohn Jesus Christus
übertragen werden.
Die Prädikation als ku1rio_ findet sich als Anrede
des irdischen Jesus bei Lk häufiger als in den anderen Evangelien27; der Titel wird fast zum Namen.
Typisch für Lk ist die Kombination der Hoheitstitel "Herr" und
"Messias", die zudem an zentraler Stelle in der Geburtserzählung
(2,11) das Wesen und Programm Jesu deutet.28
Jesus wird im Lk nicht nur als Mensch vorgestellt,
sondern einige Hoheitstitel bezeichnen ihn explizit als jeo1_: er ist
der Sohn des Höchsten (1,32), der Sohn Gottes29
und der Heilige Gottes (4,34).
Als swth1r wird Jesus nur einmal, dort aber an
zentraler Stelle, nämlich im Zentrum seiner Geburtserzählung durch die Verkündigung
der Engel (2,11), vorgestellt. Der Name "Jesus", der übersetzt
"Gott rettet" bedeutet, drückt aber ebenso wie swth1r das Wesen und
Lebensprogramm Jesu aus.30
Die Erweckung eines Retters erhofft auch das Benedictus (swthr<a
1,69.71.77). Simeon preist dankbar, daß seine Augen in dem Kind Jesus das Heil
für Israel und die Heiden gesehen haben (swth1rion 2,30), das zu sehen der
Täufer allen Menschen mit dem Zitat aus D-Jesaja (Lk 3,6; Jes 40,3-5)
ankündigt.31 Dem Haus des
Zachäus widerfährt durch den Besuch Jesu das Heil (swthr<a 19,9)32. Als Retter tritt Jesus vor allem
im Zusammenhang seiner Heilungen und Exorzismen auf und nicht zuletzt durch
seinen erlösenden Tod am Kreuz.
Lk verbindet diese beiden Titel, "Retter" und
"Herr" (2,11), miteinander33;
er zeigt damit sein heidenchristliches Interesse, das gegen die Herrscher der
hellenistisch-römischen Antike, die sich als Götter und Retter verstanden,
verkündet, wer der wirkliche Retter ist. An dieser Kombination
christologischer Titel wird ein Aspekt der politischen Theologie34 des Lk deutlich.
Die Bezeichnung Gottes als dunato1_ wird an vielen
Stellen auf Jesu wirkmächtiges Tun übertragen. Jesus handelt nach der Versuchung
in der Macht des Geistes (e2n t)5 duna1mei tou5 pneu1mato_ 4,14), er treibt mit
Vollmacht und Macht Dämonen aus (e2xous<a / du1nami_ 4,36), er hat die Macht
Gottes, um einen Gelähmten zu heilen (du1nami_ kur<ou h4n e__ to! _a5sjai
5,17), von ihm geht eine Macht aus, die heilt (du1nami_ par 6 au2tou5
e2xh1rceto ka> _a5to pa1nta_ 6,19; 8,46); Kranke hoffen auf diese heilende
Macht Jesu (5,12/Aussätziger), während Schriftgelehrte und Pharisäer an seiner
Macht der Sündenvergebung (5,21/Gelähmter) zweifeln. Seine Macht überträgt
Jesus auf die Zwölf, damit auch sie Dämonen austreiben und Kranke heilen können
(du1nami_ / e2xous<a 9,1); er gibt den Zweiundsiebzig die Macht (e2xous<a
/ du1nami_ 10,19), über die Feinde zu siegen. Er spricht Weherufe über
Betsaida, weil seine Machttaten (duna1mei_ 10,13) keine Umkehr bewirkt haben.
Die Menge der Jünger stimmt aufgrund der Machttaten (du1nami_ 19,37) Jesu das
Gotteslob an. Das Kommen des Menschensohnes wird mit Herrlichkeit und Macht
geschehen (do1xa / du1nami_ 21,27), er wird zur Rechten der Macht Gottes sitzen
(e2k dexiw5n th5_ duna1mew_ tou5 jeou5 22,69). Und in der Emmausgeschichte
wird Jesus als Prophet, der mächtig (dunato1_ 24,19) in Wort und Tat war,
charakterisiert.35
Die Heiligkeit des Namens Gottes im Magnificat
wird im Lk auf Jesus übertragen. Der Verkündigungsengel verheißt Maria (1,35),
daß ihr Kind heilig genannt wird. Diese Verheißung erfüllt sich durch das
Bekenntnis des Besessenen in der Synagoge von Kafarnaum, der Jesus als
Heiligen Gottes (4,34) bezeichnet. Zudem wird die Erfüllung Jesu mit Heiligem
Geist bei seiner Taufe (3,22) und vor der Versuchung (4,1) erwähnt; schließlich
spricht er den Lobpreis des Vaters aus der Freude im hl. Geist (10,21).36
Die Heiligkeit des Namens Gottes ist bei Ez mit der
Sammlung Israels und der Kunde davon verbunden - dieser Gedanke wird nicht nur
im Magnificat aufgenommen, sondern auch auf das Wirken Jesu übertragen. Die
Ausbreitung der Kunde von Jesus in Israel, die explizit an vier Stellen erwähnt
wird (4,14.37; 5,15; 7,17) und an der im Erzählverlauf immer mehr Menschen
mitwirken37, ist auch bei Lk
mit der Sammlung Israels durch Jesus verbunden.
Das Erbarmen (e3leo_) Gottes verkündet Jesus
besonders in den drei Gleichnissen vom Verlorenen (15,3-7.8-10.11-32; splagcn<zomai
15,20), er praktiziert es in seiner Zuwendung zu den Armen38, er gibt es schließlich als
Auftrag an seine Jünger in der Feldrede weiter (o_ktirmo1_: 6,36-38) und
entfaltet es narrativ in unübertroffener Weise im Gleichnis vom barmherzigen
Samariter (10,30-37; splagcn<zomai V. 33; e3leo_ V. 37!).
Die im Magnificat auf Gott bezogenen Eigenschaften bzw.
Namen werden alle im Lk auf die Person und das Wirken Jesu bezogen. Die lk
Christologie ist u. a. dadurch stark theozentrisch ausgerichtet. Damit lenkt
Lk seine Leser/-innen zu der Einsicht, daß der Ursprung Jesu, der Sohn Gottes,
in Gott ist39, der mit den
gleichen Eigenschaften und Namen ausgezeichnet wird wie sein Vater. Sein Wirken
setzt die Heilsgeschichte Gottes mit seinem Volk fort.
2.2.2. Taten Jesu
"Er hat geschaut auf die Niedrigkeit seiner Magd" (1,48a)
Das Schauen Gottes auf die Niedrigen meint in der Kindheitsgeschichte sein
rettendes Eingreifen, das er konkret an Elisabet (1,25) und Maria (1,48a)
erwiesen hat. Dieses Hinschauen auf die Not der Menschen wird auch von Jesus
fortgesetzt. In einzigartiger Weise veranschaulicht Lk dies an der Erzählung
vom reichen Zöllner Zachäus (19,1-10), der auf Grund seiner kleinen Körpergröße
auf einen Maulbeerfeigenbaum klettert, um Jesus zu sehen (V. 4). Sein Blick
wird durch den Blick Jesu zu ihm hoch (V. 5) erwidert und bewirkt, daß dieser
von seiner Erhöhung heruntersteigt, zu seiner Niedrigkeit steht und zu einem
Leben nach den Maßstäben des Reiches Gottes umkehrt. Das Schauen Jesu bewirkt
Umkehr, Heil und Rettung (V. 9 f). Ebenso ergeht es auch dem Zöllner Levi
(5,27-32), der nach einem Blick und einem Wort Jesu alles verläßt und ihm
nachfolgt. Jesus richtet seinen Blick in gleicher Weise auch auf die arme
Witwe, die ihre Gaben in den Opferkasten des Tempels wirft (21,1 f) und erkennt
mit seinen Worten die Großherzigkeit ihrer Tat an (V. 3 f). Der Blick Jesu kann
heilsam sein - auch für einige Kranke gilt dies (13,12: gekrümmte
Frau, 17,14: zehn Aussätzige). Jesus sieht die Not der Menschen, ein einziger
Blick von ihm kann ihr Leben völlig verändern.40
"Er hat zerstreut in ihrem Herzen Hochmütige, er hat gestürzt Mächtige
von Thronen" (1,51) - "Er hat erhöht Niedrige" (1,52)
Die Umkehr der gesellschaftlichen Verhältnisse, die sich in der Abkehr von
den Mächtigen und der Zuwendung zu den Kleinen ausdrückt, wird in der
Täuferpredigt bildhaft angekündigt (3,5; Zitat aus D-Jes 40,4) und in der
Botschaft Jesu aufgenommen, der dieses Ziel programmatisch in seiner
Nazaretrede41 (4,18-19;
Zitat aus Jes 61,1 f) und wieder aufnehmend bei der Anfrage des Täufers (7,22)
nennt.
Zweimal verheißt er die Erhöhung derer, die sich selbst
erniedrigen (tapeino1w / u"qo1w 14,11; 18,14; vgl. 1,48a.52b). Daher werden
im Reich Gottes die Kleinen42,
Armen, Gefangenen, Kranken43
und Besessenen (8,26-39; 9,37-43), Zerschlagenen, Kinder, Sünder
(5,17-26.27-32; 7,36-50; 22,21-23), Zöllner (5,27-32; 19,1-10), Heiden (2,32;
7,1-10; 23,47) - unter diesen Genannten sind viele Frauen44 -, die an Jesus glauben, groß sein
(9,46-48; 22,24-27), wenn sie einander in Demut dienen.
Die Erhöhung der Niedrigen ist aber auch und nicht
zuletzt Tat Gottes an Jesus, der seinen unschuldig zum Tod verurteilten Sohn
auferweckt (24,1-8.9-11.12.13-35.36-43). In den drei Leidensankündigungen
(9,22.43b-45; 18,31-34) weist Jesus seine Jünger im Voraus auf das auch in der
Zukunft zu erwartende Heilshandeln seines Vaters hin.
Die Macht der Mächtigen in der Welt wird durch die Kritik
Jesu an ihnen (Herodes, Pharisäer, Schriftgelehrte) als Ohnmacht entlarvt. Sie
sind unfähig, das Heil in Jesus zu erkennen (10,23 f)45. Den Aposteln wird dagegen beim
letzten Abendmahl vor Jesu Tod verheißen, daß sie auf Thronen sitzen werden und
die zwölf Stämme Israels richten werden (22,30). Die gesellschaftlichen
Verhältnisse werden umgekehrt: die Glaubenden werden die Mächtigen in der Welt
sein.
Gerade die Vielzahl der vorgestellten Personen mit
unterschiedlichen Mängeln wollen den Lesern/-innen des Lk eine Identifikationshilfe
zum Erkennen der eigenen Armut und Erlösungsbedürftigkeit geben; ihnen werden
scheinbar Mächtige, die Jesus ablehnen, als Kontrastfiguren beigestellt.46
"Er hat Hungernde beschenkt mit Gutem" (1,53a)
Die Thematik des Hungers nimmt im Lk breiten Raum ein. In seiner
programmatischen ersten Predigt in der Synagoge von Nazaret erinnert Jesus
zunächst an die Hungersnot in Israel zur Zeit des Elija (4,25 f)47 und stellt sein Handeln in
Kontinuität zum Propheten Elija. Seinen Jüngern erlaubt er das Ährenraufen am
Sabbat (6,1-5), das ein Armenrecht (vgl. Dtn 23,26)48 ist, und erinnert dabei an den
Hunger, den König David und seine Begleiter mit den Schaubroten im Tempel
gestillt haben. Die Sättigung der Hungernden und nicht die Einhaltung
vermeintlich heiliger kultischer Gesetze wird durch diese Einstellung Jesu zur
Heiligung des Sabbats und letztlich zur Verehrung Gottes selbst.
In den Seligpreisungen der Feldrede (6,21) werden die
Hungernden gepriesen49 und
gegenüber den Satten in den anschließenden Weherufen (6,25) vorgezogen. Am
Gleichnis vom armen und hungernden Lazarus (16,19-31) veranschaulicht Lk die
Bedeutung des Weherufes gegen die Satten: während der hungernde Lazarus gerettet
wird, muß der Reiche leiden, weil er im Leben das Gute nur für sich behalten
hat. Das Gleichnis vom barmherzigen Vater (15,11-32) zeigt die Vatersorge
Gottes für alle zu ihm Heimkehrenden und Hungernden auf. Daher sind bei den
Gastmählern vor allem die Armen in die Tischgemeinschaft mit Jesus eingeschlossen.50
Die Speisung der Fünftausend (9,10-17) ist eine Relecture
des Mannawunders, bei dem JHWH das hungernde Israel in der Wüste gespeist hat
(Ex 16,1-36); der Israel-Bezug wird zudem durch die zwölf vollen Körbe am Ende
der Perikope deutlich.51
Die Speise ist aber auch Sinnbild der eschatologischen Freude, derer sich die
Jünger Jesu erfreuen dürfen; daher müssen sie nicht fasten (5,53-35).
Die Sorge für die Hungernden, die Gottes Heilswirken in
der Vergangenheit auf den Plan gerufen hat, wird mit Jesus fortgesetzt. Er ist
es nun, der die "Hungernden mit Gutem beschenkt" (1,53a). Die in der
Nachfolge Jesu stehenden Leser/-innen des Lk erhalten durch das Vorbild Jesu
einen konkreten Auftrag zur Armenversorgung in ihrer Gemeinde.
"Und Reiche hat er leer weggeschickt" (1,53b)
Dem solidarischen Handeln an den Armen entspricht eine radikale Kritik der
Reichen im Lk. Diese wird an den äußerst harten Nachfolgeworten gegen den
Reichtum52 und exemplarisch an
der Erzählung von der Begegnung des reichen Jünglings mit Jesus (18,18-27)
deutlich. Die Aufforderung Jesu an den nachfolgebereiten Mann, zunächst alles53 zu verkaufen und das Geld den
Armen zu schenken, dann ihm nachzufolgen, löst Traurigkeit (V. 23) aus.54 Reichtum wird bei Lk zu einem
großen Hindernis für die Nachfolge Jesu. Reiche Leser/-innen des Lk werden
durch die Kritik am Reichtum aufgefordert, ihre Haltung zum Besitz und den
Armen in der Gemeinde zu bedenken und das Programm Gottes und seines Sohnes zur
Bekämpfung der Armut fortzusetzen.
2.3. Israel-Dimension im Lk
"Er hat sich angenommen Israels, seines Knechtes" (1,54a)
Im AT hat sich Gott durch die Sammlung und Herausführung seines Volkes
angenommen, im NT geschieht dies durch Jesus. So ist die Sammlung Israels das
durchgängige ekklesiologische Ziel im Lk, von deren Anfängen die Kindheitsgeschichte
(vgl. Lk 1-2) erzählt und deren Fortsetzung durch den Täufer und dann durch
Jesus berichtet wird. Sammlung ist auch bei Lk mit Scheidung55 verbunden: während die Führer des
Volkes, die Schriftgelehrten, Pharisäer, Gesetzeslehrer und die politisch
Verantwortlichen Jesus ablehnen, sammelt sich eine große Jüngergemeinde um
Jesus und ein Großteil des Volkes.56
Die Zuwendung zu Israel schließt nach dem Lk die Heiden jedoch nicht aus (vgl.
2,32; 7,5; 21,24 f; 23,47; 24,47). Die lk Christen durften sich als wahres
Israel verstehen, an dem Gott sein Heilswirken fortsetzt.
Zusammenfassung
Es ist deutlich geworden, daß das Magnificat mit seiner Armenfrömmigkeit
die großen theologischen Anliegen des Lk, seine Theologie des Gebets, der Armut
und der kleinen Leute sowie die Betonung der heilsgeschichtlichen Kontinuität
zum Judentum57, beinhaltet.
Das im Lobpreis Mariens von Gott ausgesagte Handeln und Wesen wird Schritt für
Schritt auf Jesus übertragen58;
die lk Christologie ist daher theozentrisch geprägt und das Gottesbild des Lk
erweist vor allem dessen ungebrochene Treue in Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft zu seinem Volk.
Das Magnificat hat sich daher als Lesehilfe im
Lukasevangelium erwiesen. Seine Motive sollen wie ein Ostinato das Evangelium
durchziehen. Bei der Erstlektüre des Lk fordert der Lobpreis Mariens von seinen
Lesern, die Jesus-Geschichte in Verbindung mit dem im Magnificat gepriesenen
Heilshandeln Gottes in der Vergangenheit zu bringen und aus dieser Perspektive
die Jesus-Geschichte zu lesen; dabei sollen die Leser/-innen die Fortsetzung
des göttlichen Handelns durch seinen Sohn entdecken. Bei einer zweiten Lektüre
des Lk, bei der die Geschehnisse aus der nachösterlichen Perspektive verstanden
werden können, will das Magnificat das Heilshandeln Jesu proleptisch
zusammenfassen. Es bekommt dann eine deutlich christologisch-messianische
Perspektive und hat die Funktion einer vorausweisenden Ouvertüre, deren Motive
im Lk weiter entfaltet werden59
und die Leser/-innen des Lk zur Nachfolge Jesu auffordern sollen.
Die rechte Leseweise des Lk wird den
Adressaten - damals wie heute - in der Haltung Mariens
vorgestellt, die "alles in ihrem Herzen bewahrte" (Lk 2,19.51), damit
ihnen bei der Lektüre des Magnificat und der narrativen Entfaltung der
Botschaft Jesu die Augen aufgehen (Lk 24,31.45) und ihnen wie den Emmausjüngern
bei der Auseinandersetzung um die Schrift das Herz brennt (Lk 24,32) und sie
schlußendlich das von Lk in seinem Evangelium anvisierte Ziel erreichen: das
immerwährende Gotteslob, das in großer Freude angesichts des handelnden Gottes
verrichtet wird (Lk 24,53).
* Probevorlesung am 22.1.1998 an der
Katholisch-Theologischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität
Münster.
1 Vgl. zum Stand der Forschung bzw. zur Forschungsgeschichte besonders
Thomas Kaut: Befreier und
befreites Volk. Traditions- und redaktionsgeschichtliche Untersuchung zu
Magnificat und Benedictus im Kontext der vorlukanischen Kindheitsgeschichte.
Frankfurt, 1990 (BBB 77), 266-286. Viele der von ihm aufgezeigten Probleme
werden im folgenden nur gestreift werden, sofern dies für unsere Fragestellung
notwendig ist. Zu traditionsgeschichtlichen Fragen der lk Kindheitsgeschichte
vgl. besonders Walter Radl: Der
Ursprung Jesu. Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zu Lukas 1-2.
Freiburg, 1996 (HBS 7).
2 Vgl. besonders François Bovon:
Das Evangelium nach Lukas (Lk 1,1-9,50). Zürich/Neukirchen-Vluyn, 1989 (EKK 3/1), 80 f, der Lk 1,39-56 als
"Gattung der Begegnung" bezeichnen möchte.
3 Vgl. dazu Kaut (s. Anm. 1),
287-293. Berührungen zwischen Magnificat und der Geburtsankündigung Jesu finden
sich nur VV. 46b-49: VV. 8b.32b.38a.43: ku1rio_; VV. 45b.46b: a2gall#asi_ / a2gallia5n; VV. 44b.47a: dou1lh; VV. 38a.48a: ou2k
a2dunath1sei / dunato1_; VV. 37.49a: me1ga_; VV. 26a.30b.32b.35c.37.47: jeo1_; VV. 26a.30b.32b.35c.37.47: maka1rio_ / makar#zein.
Die lexemische Verbindung zur
Täufererzählung ist hingegen enger (vgl. u. a. die Selbstbezeichnung Elisabets
als tape#nwsi_).
Norbert Lohfink: Psalmen im Neuen Testament.
Die Lieder in der Kindheitsgeschichte bei Lukas. In: Klaus Seybold; Erich Zenger (Hrsg.): Neue Wege der Psalmenforschung. 2.
Aufl. Freiburg u. a., 1994 (HBS 1), 105-125, hier 114-119, weist ebenfalls auf
die schwache lexemische Verbindung zum unmittelbaren Kontext hin. Der Hymnus
habe jedoch nicht die Aufgabe, die Handlung voranzutreiben, sondern den
Hauptaktanten der ganzen Erzählung zu charakterisieren: Gott. Eine rein
lexemische Untersuchung (wie sie Kaut [s. Anm. 1], 286-293, neben weiteren
Textbeobachtungen vorlegt) würde der Intention des Magnificat daher nicht
gerecht.
4 Auf diesen Aspekt hat Norbert Lohfink besonders hingewiesen. Aus der Sicht
der modernen Psalmenforschung untersucht er die Hymnen der lk
Kindheitsgeschichte besonders unter der synchronen Fragestellung der
Psalmenverkettung. Vgl. dazu Lohfink (s. Anm. 3), 105-125.
5 Bezüge zwischen Magnificat und den Seligpreisungen der Feldrede werden
verschiedentlich aufgezeigt. Auf das erbarmende Handeln Gottes, das sich wie
ein roter Faden durch das Lk zieht, weist Josef Ernst: Das Evangelium nach Lukas. Regensburg, 1977
(RNT), 86, hin. Der Aspekt des Machtverzichtes zugunsten der Diakonia findet
sich ausführlich auch in Lk 22,24-30, vgl. ders., 87. Gerhard Lohfink: Die Sammlung Israels. Eine
Untersuchung zur lukanischen Ekklesiologie. München, 1975 (StANT 39), 26,
betont die nachösterliche Perspektive des Magnificat besonders in den V. 51
ff, die auf das für Lk bereits vergangene Handeln Gottes, die Auferstehung und
Erhöhung Jesu, Bezug nehmen. Friedrich Wilhelm Horn: Glaube und Handeln in der Theologie des Lukas.
Göttingen, 1983 (GTA 26), 150-154, geht sogar von einem
traditionsgeschichtlichen Zusammenhang von Magnificat, Seligpreisungen und
Weherufen der Feldrede Lk 6,20-26 sowie dem Gleichnis vom armen Lazarus und
reichen Prasser Lk 16,19-26 aus. Eine traditionsgeschichtliche Abhängigkeit
soll unsere Methode jedoch nicht behaupten.
6 Dies gilt für das Psalmenbuch (Verkettung von Psalmen) ebenso wie für die
Einbettung von Psalmen in narrativen Kontexten. Auf atl. Vergleiche zum letzten
(Meerlied Ex 15; Debora-Lied Ri 5; Danklied der Hanna 1 Sam 2; Danklied Davids
2 Sam 22,2-51; Lied des Jona Jon 2,3-10; vgl. aber auch das Lied des Mose Dtn
32,1-43, das als Testament den Pentateuch abschließt) weist v. a. Lohfink (s.
Anm. 3), 109, hin.
7 Lohfink (s. Anm. 3), 123.
8 Heinz Schürmann: Das
Lukasevangelium. Erster Teil: Kommentar zu Kap. 1,1-9,50. Freiburg
u. a., 1969 (HThK 3/1), 79 f, betont, daß das Magnificat die geschichtliche
Stunde übersteigt und den Sinn des Offenbarungsgeschehens pneumatisch
ausdrückt. Eine Charakterisierung der Sängerin/des Sängers ist bei Hymnen in
narrativen Kontexten nicht intendiert. Sie bringen auch die Handlung nicht
voran, sondern sind Ruhepunkte. Lohfink (s. Anm. 3), 109, bezeichnet sie nach
einer Anregung von J. W. Watts daher als "show-stopper".
9 Zur lk Weise der Leserlenkung vgl. auch Rainer Dillmann: Das Lukasevangelium als Tendenzschrift.
Leserlenkung und Leseintention in Lk 1,1-4. In: BZ.NF 38 (1994) 86-93.
Leserlenkung ist auch durch die Nennung der Gottesfürchtigen 1,50b deutlich;
die betenden Leser sollen zum gleichen Verhalten aufgefordert werden, vgl. Schürmann
(s. Anm. 8), 75. Zur leserorientierten Auslegung des Lk vgl. Karl Löning: Das Geschichtswerk des
Lukas. Bd. 1: Israels Hoffnung und Gottes Geheimnisse. Stuttgart u.
a., 1997 (UB 455).
10 Zu Fragen der Leserlenkung und ihrer methodischen Grundlegung vgl. Hubert Frankemölle: Die Tora Gottes für
Israel, die Jünger Jesu und die Völker nach dem Matthäusevangelium. In:
Erich Zenger (Hrsg.): Die Tora
als Kanon für Juden und Christen. Freiburg, 1996, 379-419, besonders
379-382. Die Frage der Leserlenkung wird auch als "interaktionale
Bibelauslegung" (Begriff von Detlev Dormeyer) verstanden; zur methodischen
Reflexion und Anwendung vgl. Rainer Dillmann:
Ermutigung zum Glauben. Interaktionale Bibelauslegung am Beispiel des
Hebräerbriefes. In: Hubert Frankemölle
(Hrsg.): Die Bibel. Das bekannte Buch - das fremde Buch. Paderborn,
1994, 201-215. Vgl. auch Ders.: Autor
- Text - Leser. Grundfragen der Pragmatik und ihre Relevanz für die Interpretation
biblischer Texte. In: ThGl 87 (1997) 81-96, der hier nach der Relevanz der
pragmatischen Methode im Kontext einer umfassenden Texttheorie fragt. In Anm.
2 wird dort eine Fülle weiterführender Literatur zur Methode der Pragmatik
aufgeführt.
11 V. 46b: h" quch1 mou, V. 46b: to! pneu5ma mou, V. 48a: e2p' th!n tape#nwsin th5_ dou1lh_
au2tou5, V. 48b: makariou5s#n
me, V. 49a: e2po#hse1n
moi.
12 Diese Gliederung wird auch von Gerhard Schneider:
Das Evangelium nach Lukas. Kapitel 1-10. 3. Aufl. Gütersloh u. a., 1992
(ÖTBK 3/1), 57, vertreten.
13 Dieser Vers ist lexemisch mit dem persönlichen Lobpreis Mariens V. 48a
durch die Wiederaufnahme von tape#nwsi_ / tapeino1_ verbunden, inhaltlich aber auch mit dem zweiten Teil, der die Armen näher
präzisiert: V. 53a: die Hungernden; V. 54a: Knecht Israel.
14 Die Mehrzahl der Exegeten
übersetzt die Aoriste im Magnificat unterschiedlich: im persönlichen Lobpreis
werden sie vergangenheitlich, im zweiten Teil als gnomische Aoriste, die das
überzeitliche Handeln Gottes ausdrücken, verstanden (so auch Schneider [s.
Anm. 12], 57 f). Ich schließe mich hier Norbert Lohfink: Lobgesänge der Armen. Studien zum Magnificat,
den Hodajot von Qumran und einigen späten Psalmen. Stuttgart, 1990 (SBS
143), 18 f, an, der die Aussagen über Gottes Handeln im Magnificat zu Recht als
Nacherzählung der Geschichte Israels deutet und das Lied als anthologische
Dichtung versteht.
Die Aoriste müssen
auch in jedem Fall vergangenheitlich übersetzt werden, wenn man die
nachösterliche Perspektive des Liedes ernstnimmt und darin eine Zusammenfassung
des Handelns Gottes durch seinen Sohn Jesus Christus an seinem Volk versteht.
Schürmann (s. Anm. 8), 75, weist auf die anfängliche Erfüllung des
eschatologischen Heilshandelns hin, dessen endzeitliche Vollendung aussteht.
15 Diese Bezeichnung des Volkes Israel geht auf ein kollektives Verständnis
der Gottesknechtlieder des Deuterojesaja (Jes 42,1-9; 49,1-6; 50,4-11;
52,13-53,12) zurück, der diese Lieder der Hoffnung an das im Babylonischen Exil
befindliche Israel richtet.
16 Darauf weist auch Schneider (s. Anm. 12), 57, hin.
17 Die Nennung von Eigenschaften Gottes gehört zur Gattung Hymnus, vgl.
Bovon (s. Anm. 2), 81.
18 Vgl. Bovon (s. Anm. 2), 81.
19 Dabei liefert das Loblied der
Prophetin Hanna 1 Sam 2,1-10 die Hintergrundfolie zum Magnificat (vgl. die
Gemeinsamkeit der Motive: 1 Sam 2,2/Lk 1,49b: Heiligkeit des Herrn; 1 Sam
2,5b/Lk 1,53a.52b.53b: Sättigung der Hungernden, Erhöhung der Armen,
Erniedrigung der Reichen; 1 Sam 2,7 f/Lk 1,50b: Behüten der Gottesfürchtigen).
Kaut (s. Anm. 1),
312-315, hat Parallelen zwischen Magnificat und den PsSal herausgearbeitet und
kommt dabei zu der Erkenntnis, daß das Magnificat (ebenso wie PsSal) in einer
pharisäischem Denken nahestehenden Gruppe entstanden ist, die "im Horizont
des Väterbundes und der Verheißungen Deuterojesajas Erlösung als Befreiung von
Unterdrückung, Elend und hochmütiger Willkür theologisch thematisiert, d. h.
als ein bereits von Gott vollzogenes, zumindest aber in Gang gesetztes
Heilsgeschehen lobpreist." (ebd., 315.). Er verortet es zeitgeschichtlich
daher in die Anfangserfolge des ersten jüdischen Krieges (vgl. ebd., 322). Dies
kann ein erster historischer Sitz im Leben des Magnificat gewesen sein, im
Kontext des Lk ist das mit Jesus Christus begonnene Heilsgeschehen der
Befreiung und Erlösung gemeint.
20 Vgl. zur Bundestheologie besonders Norbert Lohfink; Erich Zenger:
Der Gott Israels und die Völker. Untersuchungen zum Jesajabuch und den
Psalmen. Stuttgart, 1994 (SBS 154).
21 Vgl. Ernst (s. Anm. 5), 88; Lohfink (s. Anm. 14), 13-22.
22 Reichtum galt nach dem Tun-Ergehen-Zusammenhang als Zeichen göttlichen
Segens, Armut demnach als Entzug dieses Segens. Armut als asketische Lebensform
war daher unbekannt. Sie wird deshalb vor allem in der prophetischen
Verkündigung bekämpft (vgl. besonders Amos, der gegen soziale Ungerechtigkeit
predigt). Das Gesetz Israels enthält daher auch Bestimmungen zum Schutz der
Armen (Zinsverbot, Brachjahr, Halleljahr, Schulderlaß). Vgl. Hans-Joachim Degenhardt: Lukas - Evangelist der
Armen. Besitz und Besitzverzicht in den lukanischen Schriften. Eine
traditions- und redaktionsgeschichtliche Untersuchung. Stuttgart, 1965,
19-23.
23 Zum Beruf des Hirten vgl. Erich Beyreuther:
Hirte. In: TBLNT II, 697-701, 699, und weiter P.-R. Berger: Hirte und Mietling Joh 10.
In: Theokratia. Jahrbuch des Institutum Judaicum Delitzschianum 3
(1973-1975). (FS H. Koch).
Leiden, 1979, 60-67.
24 An allen drei Stellen mit eu2loge1w ausgedrückt, das "segnen" und
"preisen" bedeuten kann.
25 Auf diesen Zusammenhang weist auch Martin Hasitschka hin, in: Georg Fischer; Martin Hasitschka: Auf dein Wort hin. Berufung und Nachfolge in
der Bibel. Innsbruck u. a., 1995, 119 f. Jesus präzisiert und interpretiert
diese Seligpreisung im folgenden Vers (11,28); die Seligpreisung gilt Maria,
da sie als vorbildlich Glaubende das Wort Gottes gehört und bewahrt hat (vgl.
1,19.51).
26 Vgl. vor seiner Taufe (3,21),
vor/nach Heilungen, vor der Jüngeraussendung (6,12), bei der Brotvermehrung,
vor dem Messiasbekenntnis des Petrus (9,18), vor der Verklärung (9,29), vor
der Festnahme (22,39-46), für Simon (22,32), am Kreuz (23,46).
Zur Gebetstheologie
des Lk vgl. Ernst (s. Anm. 5), 368-371; Gerhard Lohfink: Der Lobpreis als Antwort auf Gottes Taten.
In: Ders. (Hrsg.): Gottes
Taten gehen weiter. Geschichtstheologie als Grundvollzug neutestamentlicher
Gemeinden. Freiburg, 1985, 79‑90; Gottfried Schille: Grundzüge des Gebetes nach Lukas. In: Claus Bußmann; Walter Radl (Hrsg.): Der
Treue Gottes trauen. Beiträge zum Werk des Lukas / Gerhard Schneider (Festschrift für). Freiburg
u. a., 1991, 215‑228.
27 Lk gebraucht ku1rio_ am häufigsten unter den ntl. Schriften (104mal im Lk, 197mal in der Apg);
er bezeichnet damit nicht erst den Auferstandenen, sondern bereits den
irdischen Jesus (7,13.19; 10,1.39.41; 11,39; 12,42a; 13,15; 17,5 f; 18,6;
19,8a.31.34; 22,61), bereits vor (1,43) und bei seiner Geburt (2,11). Der
nachösterliche Titel ist bei ihm zum Namen geworden. Vgl. Joseph A. Fitzmyer: ku1rio_. In: EWNT 2II,
811-820, 818.
28 Diese Kombination ist auch in der Pfingstpredigt des Petrus zu beobachten
(Apg 2,36); sie ist ebenfalls eine Relecture der im Magnificat vorkommenden
Motive der Armenfrömmigkeit (es ist vom Handeln Gottes die Rede Apg 2,22/Lk
1,48a.49a.51-55; der Erfüllung der Verheißungen Gottes Apg 2,25-31/Lk 1,54b f,
der Erhöhung Jesu Apg 2,33 f/Lk 1,52b). Auch der Sprecher der Rede ist in die
Reihe der Armen Israels einzureihen (sein früherer Beruf war der eines
Fischers, auch seine Verleugnung könnte als Armut im Sinne der
Erlösungsbedürftigkeit gedeutet werden).
29 Der Sohn-Gottes-Titel kommt bei Lk seltener vor als bei Mt und Mk und ist
daher keine zentrale Aussage der lk Christologie (vgl. Ferdinand Hahn: u__o_. In: EWNT 2III,
912-937, 919). Alfons Weiser: Theologie
des Neuen Testaments II. Die Theologie der Evangelien. Stuttgart u. a.,
1993 (KStTh 8), 136 f, weist auf das Nebeneinander von "Sohn Gottes"
und "Messias" hin, die Gottessohnschaft werde dadurch im Sinne der
atl. Verheißungen und nicht im Kontext heidnischer Mythologie verstanden. Zum
Sohn-Gottes-Titel bei Lk vgl. weiter Jacob Kremer:
"Dieser ist der Sohn Gottes (Apg 9,20). Bibeltheologische Erwägungen
zur Bedeutung von "Sohn Gottes" im lukanischen Doppelwerk. In:
Bußmann; Radl (s. Anm. 26), 137‑158.
30 Vgl. Ernst (s. Anm. 5), 85, der vermutet, daß der Jesusname im Magnificat
(V. 47) mit anklingen kann.
31 Auffällig ist, daß das Heil immer
als Sichtbares beschrieben wird: den Hirten wird verheißen, daß sie den
Retter sehen (2,12), Simeon lobpreist Gott, weil er die Rettung gesehen
(2,30) hat. Der Täufer kündigt an, das alle Menschen das Heil sehen
(3,6) werden; dies geschieht erstmals bei der Taufe Jesu, wo der Hl. Geist sichtbar
in Gestalt einer Taube auf ihn herabkommt. Zachäus stellt alles an, den Retter
Jesus zu sehen (19,3), bis dieser ihn anschaut (19,5); ebenso ist
das Schauen Gottes auf Elisabet (1,25) und Maria (1,48a) als heilendes
Wirken Gottes zu verstehen.
Die Jünger Jesu werden
seliggepriesen für das, was sie sehen (10,23), während die Emmausjünger
zunächst mit Blindheit geschlagen sind (24,16), bis ihnen beim Brotbrechen die
Augen aufgehen (24,31). Den Jerusalemer Christen öffnet der
Auferstandene die Augen für das Verständnis der Schrift (24,45).
Die Blindenheilung
bei Jericho (18,35-43) ist ein Schlüsseltext für die Sichtbarkeit des Heils
bei Lk. Der Blinde bekennt Jesus, solange er blind ist, als Sohn Davids (V. 38
f), als Sehender preist er Gott für die heilende Tat Jesu. Glaube hat
etwas mit dem Sehen des Heils zu tun; dieser Glaube, der heilt, hat dem Blinden
die Augen geöffnet (V. 42b).
32 Auf diesen Zusammenhang hat auch Schneider (s. Anm. 12), 79, hingewiesen.
33 Vgl. dazu auch Weiser (s. Anm. 29), 138.
34 Die politische Dimension wird in
der Kindheitsgeschichte besonders deutlich; die Ereignisse um den Täufer und
Jesus werden jeweils in den größeren Kontext der politischen Ereignisse
gestellt (1,5; 2,1 f; vgl. auch 3,1 f). Auch das Magnificat, das von einem
Umsturz der gesellschaftlichen und politischen (Macht-)Verhältnisse durch das
Handeln Gottes spricht, enthält eine deutliche politische Implikation.
Zur politischen
Dimension der Kindheitsgeschichte vgl. Rudolf Pesch:
Das Weihnachtsevangelium (Lk 2,1‑21). Literarische Kunst ‑ Politische
Implikationen. In: Rudolf Pesch (Hrsg.): Zur Theologie der Kindheitsgeschichten.
Der heutige Stand der Exegese. München, 1981, 97‑118.
35 Gottes Macht (dunato1_) wird noch in 1,35 erwähnt.
36 Die Heiligkeit des Namens Gottes, wird in der ersten Vaterunser-Bitte
wieder aufgenommen; auch der messianische Einzug Jesu wird mit dem Hosianna
begrüßt, das auf dessen Sendung im Namen des Herrn an zwei Stellen hinweist.
37 Maria 1,39-56; Engel 2,10; Hanna 2,38; Täufer 3,1-18; große Schar Jünger,
Menschen aus Judäa, Jerusalem, Küstengebiete von Tyrus und Sidon 6,17;
Besessener von Gerasa 8,39; die Zwölf 9,6; die Zweiundsiebzig 10,1-16; Tausende
von Menschen 21,1; das ganze Volk 13,17;19,48; 21,38; alle Zöllner und Sünder
15,1; der heidnische Hauptmann 23,47; Frauen bei der Auferstehung 24,9;
Emmausjünger 24,35.
38 Vom Mitleid Jesu (splagcn#zomai) ist ausdrücklich bei der Auferweckung des Jünglings von
Naïn (7,13) die Rede.
39 Vgl. auch Schneider (s. Anm. 12), 78.
40 Der Blick Jesu auf seine Jünger (6,20) bei der Verkündigung der Feldrede
unterstreicht seine Leben verändernde Botschaft.
41 Lohfink (s. Anm. 5), 46, hat zu Recht darauf hingewiesen, daß die
Nazaretperikope (ebenso wie die Pfingstpredigt des Petrus in Apg 2)
programmatisch längere Geschichtsabschnitte reflektiert und zusammenfaßt.
Annahme und Ablehnung Jesu werden hier gleichsam summarisch nebeneinander gestellt.
Diese und einige weitere Perikopen (4,25-29; 6,22 f; 7,9.31 f; 8,10; 9,41;
10,13-15; 11,29-32.49-51; 12,54-56; 13,26-29.34 f; 20,16) stehen daher in
großer Spannung zu dem ansonsten äußerst positiven Bild des Volkes Israel; Lk
differenziert ansonsten deutlich zwischen den Führern des Volkes und dem Volk
selbst.
42 Auch die von Jesus berufenen Jünger (5,1-11) gehören zu den Kleinen: sie
werden als erfolglose Fischer vorgestellt.
43 Aussätzige 5,12-14; 17,11-18, eine Fieberkranke 4,38 f, ein Gelähmter
5,17-26; Todkranke 7,1-10.11-17; 8,40-42a.49-56; eine Blutflüssige 8,42b-48;
eine Gekrümmte 13,10-17; ein Wassersüchtiger 14,1-6; ein Blinder 18,35-43; ein
Mensch mit verdorrter Hand 6,6-11. Vgl. auch die Summarien über die
Heilungstätigkeit Jesu (4,40 f; 6,18 f).
44 Schwiegermutter des Petrus 4,38
f; Witwe in Naïn 7,11-17; Sünderin 7,36-50; Maria Magdalena, Johanna, Susanna
8,1-3; todkrankes Mädchen und blutflüssige Frau 8,40-56; Marta und Maria
10,38-42; verkrümmte Frau 13,10-17; Witwen: Hanna 2,36-38, die Witwe in Naïn 7,11-17
und eine opfernde Witwe 21,1-4.
Zu den Frauen im Lk
vgl. S. Demel: Jesu Umgang mit
Frauen nach dem Lukasevangelium. In: BN 57 (1991) 41‑95 und kritisch
dazu: Andreas Angerstorfer: Wovon
befreite Jesus die jüdische Frau? Rückfrage an neutestamentliche Exegese,
Befreiungstheologie und feministische Theologie. In: KuI 8 (1993) 161‑173.
45 Jesus stellt den sehenden = glaubenden Jüngern das mangelnde Sehvermögen =
Unglauben der Propheten und Könige gegenüber (10,23 f). Im konkreten Kontext
wird Herodes, der Jesus sehen will (9,9; 23,8), als Ungläubiger entlarvt. Auch
die Pharisäer, Schriftgelehrten und Gesetzeslehrer (vgl. besonders 11,37-54)
werden von ihrer vermeintlichen Machtstellung erniedrigt.
46 Dies wird besonders auch an Lk 18,9-14 deutlich: der scheinbar ohnmächtige
Zöllner, der sich seiner Sünden bewußt ist, wird erhöht werden, während der
selbstgerechte Pharisäer erniedrigt wird.
47 Das Magnificat erinnert nicht nur an das Mannawunder beim Exodus, sondern
auch an die Hungersnot zur Zeit des Elija. Das Lk greift beide
heilsgeschichtlichen Ereignisse auf und bringt sie mit dem Handeln Jesu in
Zusammenhang.
48 Vgl. dagegen Schürmann (s. Anm. 8), 302, der darauf hinweist, daß Lk von
keiner Notlage erzählt. Diese Notlage ergab sich aber durch die Lebensform der
Jünger als Wandercharismatiker und mußte von Lk nicht eigens erwähnt werden,
vgl. zu sozioökonomischen Faktoren der Jesusbewegung Gerd Theißen: Soziologie der Jesusbewegung.
Ein Beitrag zur Entstehungsgeschichte des Urchristentums. 6. Aufl.
München, 1991 (KT 35), 34-36.
49 Dies bedeutet keine Verherrlichung der Armut; die Armen werden deshalb
seliggepriesen, weil sie in Jesus das Heil erfahren haben und glauben. Vgl.
auch die Seligpreisung im Magnificat (1,48b), die Maria nicht in ihrer Armut
seligpreist, sondern aufgrund ihres von Gott geschenkten Heils (1,48a.49a). Die
Armen werden wegen ihres Glaubens seliggepriesen (vgl. auch 1,45; 7,23; 11,28).
Die Seligpreisungen stellen ein Lebensmodell vor und wollen ihre Hörer für den
vorgeschlagenen Weg gewinnen, vgl. dazu auch Klaus Berger: Formgeschichte des Neuen Testaments. Heidelberg,
1984, 188.
50 Programmatisch ist dabei Lk
14,7-11.12-14.15-24, wo Jesus in einem Gleichnis die Armen, Krüppel, Lahmen und
Blinden als Tischgäste im Reich Gottes vorstellt. Besondere Tischgemeinschaft
pflegt Jesus mit den Zöllnern (Levi: 5,27-32; Zachäus: 19,1-10), mit Sündern
(5,27-32; 7,36-50 [Sünderin!]), die auch bei seinem letzten Paschamahl anwesend
sind (22,14-23: der Verräter Judas und Petrus, der Jesus verleugnet). Das
gemeinsame Mahlhalten war so charakteristisch für Jesus, daß die zweifelnden
Emmausjünger ihn beim Brotbrechen erkennen (24,28-32).
Bei einem Gastmahl
mit einem Pharisäer spricht er dagegen heftige Weheworte gegen die Pharisäer
und Gesetzeslehrer (11,37-54).
51 Lk verzichtet vielleicht bewußt auf eine zweite Brotvermehrungserzählung,
die bei den beiden Synoptikern (vgl. Mt 15,32-39; Mk 8,1-10) durch die
Zahlensymbolik der sieben vollen Körbe (Mt 15,37; Mk 8,8) einen
heidenchristlichen Bezug hat.
52 Während der Jüngerunterweisung auf dem Weg nach Jerusalem finden sich die
schärfsten Worte gegen den Reichtum; er ist ein Hindernis in der Nachfolge
Jesu: 12,15.16-21 (Gleichnis vom reichen Mann und der Ernte); 12,33 f (Verkauf
der Habe; Schatz im Himmel); 14,28-33 (radikaler Besitzverzicht als
Voraussetzung des Jüngerseins); 16,9-13 (rechter Gebrauch des Reichtums: Gott
oder Mammon); 16,19-31 (Gleichnis vom reichen Prasser und armen Lazarus).
53 Lk radikalisiert im Vergleich zu den beiden Seitenreferenten die Forderung
Jesu.
54 Ein Rückbezug zur Kindheitsgeschichte (1,37) ist am Ende dieser Perikope
durch den Satz: "für Gott ist nichts unmöglich" (18,27) gegeben. Er
ist ein Trost für den reichen Mann, der in Bezug auf seine Rettung auf die
größeren Möglichkeiten Gottes hoffen darf.
55 Vgl. dazu im AT besonders Ez 34,1-31 und dazu die Untersuchung von Bernd Willmes: Die sogenannte Hirtenallegorie
Ex 34. Studien zum Bild des Hirten im Alten Testament. Frankfurt u. a.,
1984 (BET 19).
56 Vgl. Lohfink (s. Anm. 5), 93 f.
57 Die heilsgeschichtliche
Kontinuität wird im Evangelium zum einen durch die bleibende Bedeutung des
Tempels ausgesagt (es ist das rahmende Motiv des Lk: die Kindheitsgeschichte
beginnt im Tempel 1,5-25 und endet in ihm 2,22-38.41-50; vgl. auch den
Schlußvers 24,53, der das Gebet der Christen im Tempel in Jerusalem erwähnt).
Desweiteren ist auf
die Fülle der atl. Gestalten zu verweisen, die im Lk erwähnt werden: aus der
Urgeschichte Israels werden Abel, Noach, Lot und seine Frau erwähnt; aus der
Patriarchenzeit wird an Abraham, Isaak und Jakob erinnert; aus der Exoduszeit
werden Mose, die Priesterklasse Abija und das Geschlecht Penuël genannt;
besondere Bedeutung haben die Propheten, mit denen Johannes der Täufer und
Jesus verglichen werden: Elija und Elischa werden ebenso wie Jona namentlich
erwähnt, aus Jesaja und Ezechiel wird zitiert; die Könige David und Salomo
sowie die Königin des Südens werden genannt. Es sei zudem auf die Fülle der
Namen im Stammbaum Jesu hingewiesen. Vgl. zur christologischen Bedeutung Ernst Lerle: Die Ahnenverzeichnisse Jesu.
Versuch einer christologischen Interpretation. In: ZNW 72 (1981) 112‑117.
58 Ähnlich betont J. E. Cook: The Magnificat. Program for a
New Era in the Spirit of the Song of Hannah. In: Proceedings 15 (1995) 35-43, daß Lk Elemente
der Samuelerzählung benutzt, um das von Jesus verkündigte Reich Gottes auf die
Geschichte und Tradition Israels zu beziehen.
59 Das Magnificat paßt daher in die jüdische Tradition wie in die christliche
Interpretation. Vgl. Bovon (s. Anm. 2), 9.