Das Psalmenbuch des Mosche Stendal­

Ein Zeugnis jüdisch-deutscher Psalmenfrömmigkeit

aus dem 16. Jahrhundert

 

von Siegfried Risse

 

 

Kurzinhalt - Summary:


Im Jahr 1586 gab Rösel Fischel ein Psalmenbuch in jiddischer Sprache heraus, übersetzt von Rabbi Mosche Stendal. Es ist eine Nachdichtung aller 150 Psalmen in Strophenform. Sprache und poetische Form werden kurz besprochen. Ausführlicher untersucht wird, wie Stendal durch Einfügung wichtiger Schlüsselwörter als auch durch drei längere midraschartige Erzählungen seine theologischen Schwerpunkte setzt. Daran läßt sich in wichtigen Punkten erkennen, wie Stendal die Psalmen deutet und zu beten empfiehlt.


In the year 1586 Rösel Fischel published the Book of Psalmx translated into Yiddish by Rabbi Moshe Stendal. Language and form of this poetic translation are briefly explained. A more detailed examination deals with the way how Stendal interprets the psalms by inserting certain theological keywords and in three places by inserting longer midrashic tales. Through this interpretation one can perceive some important aspects of Jewish understanding and reciting the psalms in the 16th century.


 

 

 

 

1

„Denn es ist ein jeder die Schrifft liebender kluger Christ so geartet / daß / wenn er einen schönen nachdencklichen Spruch / [...] sonderlich in denen Psalmen lieset / [...] er gerne wissen möchte / wie doch die Juden solche Schrifft-Stelle verstehen / und was sie denen Wörtern für eine Deutung geben.“ Dies ist  e i n e r  der Gründe, aus denen Johann Christoph Wagenseil 1705 eine ältere Psalmenübersetzung in „Jüdisch-Teutscher Red-Art“ dem „nahen Untergang [...] entrissen“ und neu herausgegeben hat.[1] Damit ist auch das leitende Interesse der vorliegenden Untersuchung angedeutet: Zu erfahren, wie Juden im 16. Jh. die Psalmen verstanden und gebetet haben und was Christen daraus heute für ihr eigenes Psalmbeten entnehmen können.

 

 

2


Die jüdisch-deutsche[2] Psalmenübersetzung, die von Wagenseil neu herausgegeben wurde, war 1586 in Krakau von Rösel Fischel, Witwe eines Rabbis, in Druck gegeben worden.[3] In einem in Reimen gefaßten Vorwort teilt sie mit, sie habe diese Psalmenübertragung in der jüdischen Gemeinde in Hannover gefunden und mit eigener Hand abgeschrieben, die Übersetzung sei von Rabbi Mosche Stendal.[4]

Die Psalmen sind in Strophen gefaßt von je vier verschieden langen Versen, die sich paar­weise reimen.[5] Für diese Strophenform war das „Schmuel-Buch“ Vorbild gewesen. Dieses ist ein alt­jiddisches Epos aus dem 15. Jh., geschrieben in der Strophenform des Nibelungenliedes. In der ersten Druckausgabe des Schmuel-Buches von 1544 schrieb der Herausgeber, daß die Melodie zu den Strophen des Schmuel-Epos allen Juden bekannt sei.[6] Offensichtlich war das Psalmenbuch Stendals also zum Singen gedacht, nicht in der Synagoge, sondern zu Hause, vor allem für Frauen und Mädchen, die des Hebräischen nicht kundig waren.[7]

Wagenseil hat den in hebräischen Buchstaben gedruckten Text in deutsche Buchstaben umgesetzt und der Orthographie seiner Zeit angepaßt. Zu der Sprache dieser Psalmendichtung bemerkt er, sie sei eher „Kauderwelsch als Teutsch zu nennen“. Die ungewöhnlichen Wörter und seltsame Syntax lassen sich erklären aus der Tradition jüdischer Übersetzungen aus der Bibel.[8] Solche Übersetzungen sollten nicht die hebräische Bibel ersetzen, sondern nur helfen, den hebräischen Text zu verstehen. Sie waren wort-wörtliche Übertragungen, bisweilen sogar silben­getreu.

Das Ziel, eine wortgetreue Übersetzung der hebräischen Psalmen zu bringen, ist bei Stendal ersetzt durch das Ziel, eine strophische (sangbare) Nachdichtung zu schaffen. Das zwang ihn, freier mit dem Text umzugehen. Die eigenartige Sprache der jüdisch-deutschen Bibelüber­setzungen war dem Rabbi Mosche Stendal jedoch so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, daß er die Eigenheiten dieser Sprache auch bei seiner Nachdichtung gebrauchte, wenn auch nicht so konsequent wie die wörtlichen Übersetzungen.[9]  


Um einen Eindruck zu bekommen von der Sprache und der Strophengestaltung dieser Psalmdichtung, sei hier Ps 121 wiedergegeben. Die Transkription soll als Lesehilfe für den Originaltext dienen bzw. eine Vorstellung vom Originaltext vermitteln. Sie erhebt nicht den Anspruch phonetischer Genauigkeit. An dritter Stelle ist der Text angepaßt an die Orthographie und Grammatik des heutigen Hochdeutsch.[10]

 

 

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ich hib oif meini oign zu den bergn,     fun wenn si kumt, mein hilf, di werdn.

mein hilf kumt fun got,     bischefr himel un erdn.

er lost nit gleitn deini fiß,     er a(n)tschlumnt nit, der hitr dein.

nun er schlumt oder schloft nit,    der Jisraels hitr sol sein.

 

got sol dich bihitn, got sol dich bischirmn,     er sol dir stin zu der rechtn hant mit grosr acht.

di sun sol dir bei tag nit zu schadn sein     odr der mon bei nacht.

got sol dich bihitn vr aln bisn.     er sol bihitn deinn leib.

got sol bihitn dein ois gng un dein ein kumn     fun izundr an bis zu iwigr zeit.

 

 

Ich hebe auf meine Augen zu den Bergen - von wo sie kommt, meine Hilfe - die werten.

Meine Hilfe kommt von Gott, Erschaffer [des] Himmels und [der] Erden.

Er läßt nicht gleiten deine Füße. Er entschlummert nicht, der Hüter dein,

nun er schlummert oder schläft nicht, der Jisraels Hüter soll sein.

 

Gott soll dich behüten. Gott soll dich beschirmen. Er soll dir stehen zu der rechten Hand mit großer Acht.

Die Sonne soll dir bei Tag nicht zu Schaden sein oder der Mond bei Nacht.

Gott soll dich behüten vor allem Bösen. Er soll behüten deinen Leib.

Gott soll behüten deinen Ausgang und dein [Hin]einkommen von jetzt an bis zu ewiger Zeit.


 

3

Wie an diesem Beispiel zu sehen, hat sich Mosche Stendal nah an den biblischen Psalmentext gehalten. Das war ihm natürlich nur in begrenztem Maße möglich, da er die Psalmen in eine bestimmte Strophenform bringen wollte. Die Strophenform mit ihren paarweise gereimten Versen brachte es mit sich, daß er den Text verändern und auch erweitern mußte. Seine Verse sind sehr variabel.[11] Sie ließen ihm große Freiheit, auch Worte und Sätze einzufügen, die ihm für die Deutung wichtig waren.

Viele seiner Erweiterungen sind einfach Füllwörter oder Wörter, die wegen des Reims hinzugefügt wurden. Andere sind theologisch bedeutsamer. An ihnen zeigt sich, wie Stendal die Psalmen gedeutet und gebetet hat. Die wichtigen Schlüsselwörter sind meistens unübersetzt aus dem Hebräischen übernommen und zeigen schon dadurch ihren besonderen Rang.

An drei Stellen sind nicht nur wenige Worte oder ein Vers eingefügt, um die Strophen­form auszufüllen, sondern jeweils eine Reihe von zusätzlichen Versen. An diesen Stellen sind midraschartige Erzählungen eingeschaltet.

Indem diese Nachdichtung wichtige Wörter, erklärende Sätze oder ganze Erzählungen hinzufügt, zeigt sie uns deutlicher als eine wortgetreue Übersetzung, mit welchen Vorstellungen die Psalmen gebetet wurden. Wie die gelehrten Beter die Psalmen verstanden, kann man in den Kommentaren lesen. Stendals Nachdichtung war vor allem für die ungelehrten Beter bestimmt, nämlich besonders „für Weiber und für Maidlich (= Mädchen)“,  wie es auf der Titelseite heißt.[12] Diese Psalmendichtung zeigt, welche Gebetsinhalte der Rabbi Mosche Stendal seinen Glaubens­schwestern und -brüdern besonders nahe legen wollte.

Im folgenden sollen die bedeutsamsten Hinzufügungen[13] besprochen werden. Dabei wird jeweils mit der jüdisch-deutschen Psalmenübersetzung des Elia Levita[14] verglichen. Diese dient hier als Maßstab für eine wortgetreue Übersetzung in die jüdisch-deutsche Sprache.[15] Durch den Vergleich soll der erklärende Charakter der Hinzufügungen deutlicher werden.[16]


Zum Vergleich werden auch andere jüdischen Psalmdeutungen herangezogen, besonders der Psalmenkommentar von Raschi.[17] Mosche Stendal steht ja mit seinem Psalmenverständnis in einer langen Tradition. In seinem Psalmenbuch sehen wir - wie auf einer Momentaufnahme - eine Stelle des großen Stromes jüdischen Betens. Von welchen Quellen Stendals Psalmenverständnis geprägt ist, soll wenigstens in einigen Punkten aufgezeigt werden.

 

 

4

a

Ein wichtiges Wort in Stendals Psalmennachdichtung ist galut (= Wegführung, Vertreibung).[18] Im hebräischen Psalmenbuch kommt das Wort nicht vor. Stendal fügte es an neun Stellen ein.[19] Elia Levita hat es an keiner dieser Stellen.

Das hebräische galut drückt die Vertreibung und die Bedrängnis des jüdischen Volkes aus. Durch dieses Wort werden die Psalmen aktualisiert und auf die geschichtliche Gegenwart bezogen. Die Beter finden dadurch sich und die gegenwärtige Lage ihres Volkes in den Psalmen angesprochen. In dieser Hinsicht ist es das grundlegende Schlüsselwort in Stendals Psalmennach­dichtung. Die anderen Schlüsselwörter lassen sich alle auf das galut beziehen.

Wie Psalmen auf die gegenwärtige Situation des galut bezogen werden, zeigt sich deutlich beim Psalm 42. Durch eine Erweiterung der Überschrift wird dieser Psalm zu einem prophe­tischen Lied auf das galut: Die Kinder Korachs „sangen nebiot (= Prophezeiungen) auf das galut.“ Außer in der Überschrift ist das Wort galut auch noch im ersten Vers hinzugefügt:

„Wie eine Hinde, die da ruft in der Wüstenei, darum daß sie kein Wasser hat,

so tut mein Leib schreien im galut und rufen zu Gott.“

Das galut ist eine Not, die die Lebenskraft verzehrt. So heißt es in Ps 102 zu Vers 24:

„Er hat gepeinigt mit dem Weg des galut meine Kraft. Er hat gekürzt meine Tage.“

Zu den Nöten des galut gehören auch Erfahrungen mit Christen. Stendal nennt in seiner Psalmendichtung zweimal die Christen mit Namen. Wagenseil hat sich daran gestoßen; denn er bemängelt nachdrücklich, „daß sich der Urheber ein und anderes mahl [hat] unterstehen dürffen / der Christen mit Nahmen zu gedencken / und auff sie einiges / was David von den ehemaligen Feinden des Jüdischen Volcks ausgesprochen / zu ziehen.“ Es handelt sich um folgende Stellen.

„Du hast mich beschützt vor dem Christen-Volk.“ (zu Ps 18,44a)

Du sollst behüten sie vor richilot (= Verleumdungen)-Treiber,[20] vor Christen-Zungen.“ (zu Ps 31,21b)

 

 

b

Für das Ausharren im galut ist die Vorstellung der schechinah (= Einwohnung) sehr wichtig. Gemeint ist damit die Gottesherrlichkeit, die in der Welt einwohnt. Sie ist besonders eng verbunden mit Israel und nimmt an seinem galut teil.[21]


Wie das Wort galut kommt auch schechinah neunmal in Stendals Psalmenbuch vor. Es ist immer Übersetzung für „Angesicht (Gottes)“ und zwar an Stellen, wo der biblische Text vom Aufleuchten des göttlichen Antlitzes spricht.[22] Auch Elia Levita übersetzt an sieben dieser Stellen „Angesicht“ mit schechinah.

„Gott, erhebe auf (= über) uns dein schechinah Licht.“ (zu Ps 4,7b)

„Sein schechinah soll erleuchten (mit) uns allewegen.“ (zu Ps 67,2b)[23]

 

 

c

Im Gegensatz zu galut und schechinah ist torah schon für das hebräische Psalmenbuch ein Schlüsselwort.[24] In Ps 119 geht es in jedem seiner 176 Verse um die Weisung Gottes. In diesem Psalm steht das Wort torah 25mal. Nur an drei Stellen hat Stendal es nicht übernommen.[25] In den übrigen Psalmen kommt torah im hebräischen Text noch 11mal vor. Stendal hat diese 11 Vorkommen nur einmal nicht mit torah wiedergegeben.[26] Aber darüber hinaus hat Stendal an 16 Stellen das Wort torah hinzugefügt.[27] Im galut gehört es zu den wichtigsten Schlüsselwörtern. Im galut gibt es keinen Tempel mehr, keine Opfer; Jerusalem ist fern. Doch die torah besteht auch im galut und ist ganz nahe.

An mehreren Stellen, an denen Stendal das Wort torah einfügt, geht es um die gewaltigen Zeichen, die geschahen, als die torah gegeben wurde. Diese Zeichen weisen hin auf die Bedeutung der torah.

„Die Erde ließ er stürmen bei mattan torah (= Gabe der torah)

und Erdbeben regten der Berge Grundfesten gar.

Sie zitterten und erschraken. Sein Zorn war offenbar.“ (zu Ps 18,8)

 

„Die ummot haolam (= die Völker der Welt) meinten, da Gott die torah gab,

er würde das mabbul (= die Flut) wieder bringen, ihnen schaffen großes Leid.

Er sitzt, Gott, der König, in Ewigkeit

Aber aller Sturm geschah darum, daß Gott seinem Volk die torah tat geben.“ (zu Ps 29,10)

 

„Da du die torah tatst geben, du mach[te]st stürmen die Erde.“ (zu Ps 68,9)

 

„Vom Himmel hast du [ge]geben das Recht der torah,

die Erde forcht sich, war schütteln hinten und vorn.“ (zu Ps 76,9)[28]

 

An anderen Stellen, an denen Stendal das Wort torah einfügt,[29] stellt er die biblische Über­zeugung heraus, daß Heil und Unheil davon abhängen, ob Israel bzw. der einzelne Mensch nach der torah lebt.

„Du wirst gelobt von [dem] Mund der jungen und säugdigen Kinder.

Die torah hast du mit starken Grund fest anberei[te]t.


Wenn sie die torah halten, so können sie jeden Feind verstören.“ (zu Ps 8,3)

 

„Gott du verkündest ihnen die torah [...],

wenn sie hüten die torah, so sollten sie haben kein Not.“ (zu Ps 68,12)

 

„So wir die torah nicht würden halten, so sollten wir sein unter seinem Joch.

Darum sind wir unter Edom in galut noch.“ (in dem Midrasch nach Ps 80,6)[30]

 

In Psalm 127 hat Stendal nicht nur das Wort torah hinzugesetzt, sondern der ganze Psalm ist bei ihm eine Preisung des torah-Studiums. Diese Deutung des Psalms 127 findet sich auch bei Raschi.

„Ein[en] rechten Lohn gibt er seinen Freunden, die da verwageln (= vertreiben) ihren Schlaf,

zu lernen torah am frühen Morgen.[31]

Dieselbigen läßt Gott erben talmidej chachami[m]’ (= Schüler der Weisen, hier: weise Schüler)

gleich als die Kinder von ihrem Leib geboren.

Als (= wie) die Pfeile(r) in [der] Hand des Starken,

so tun sie ihre junge talmidim (= Schüler) bewahren.“ (zu Ps 127,2b-4)

 

 

d

Unter den hinzugefügten bzw. bevorzugten Schlüsselwörtern ist besonders auffallend eine Gruppe von Ausdrücken, die sich auf das Leben nach dem Tod bzw. auf die Endzeit beziehen.[32] Sie sind in Stendals Psalmenbuch so häufig, daß man von einen Eschatologisierung der Psalmen sprechen kann. Die eschatologische Hoffnung ist eine der großen Kraftquellen im galut.

Das Wort maschiach, mit dem in den Psalmen an neun Stellen[33] der davidische König bezeichnet wird, übersetzt Stendal immer mit „Gesalbter“.[34] Das hebräische maschiach steht bei ihm zweimal, beide Male in der Bedeutung „Messias“. Dieser wird das galut beenden und die Zerstreuten Israels sammeln.

Am Ende des Psalms 72, in dem für den Friedenskönig und sein Reich gebetet wird, fügt Stendal eine Bitte hinzu:

„Damit haben die tefillot (= Gebete) ein End.

hkbh[35]  (= der Heilige, gepriesen sei er) soll maschiach geben diese [!] Herrschaft behend.“ (zu  Ps 72,19)

In Psalm 82 wird Gott als Richter angerufen, Gerechtigkeit für die Unterdrückten zu schaffen. Hier fügt Stendal einen erklärenden Satz an:

„Erzeige dich, Gott! Richte die Erde nach deinem Wohlgefallen!


Du wirst erben die Völker allgemein.

Das geschieht leatid lawo (= in der zukünftigen Zeit), wenn maschiach wird kommen, so werden sie dir allein untertänig sein.“ (zu  Ps 82,8)

Der Kolophon am Ende des Buches endet mit der Bitte, daß Gott den Messias sende:

„Damit hat das tehillim ein End,

daß uns Gott maschiach send.“

Eine solche Bitte am Ende eines biblischen Buches[36] wird man als Hinweis verstehen dürfen, das ganzen Buch in Erwartung des Messias zu lesen bzw. zu beten.

Einmal erwähnt Stendal die Auferstehung der Toten (techijjat hammetim), allerdings nur in einem Vergleich. In Ps 68,9 f sieht Stendal die Übergabe der Torah dargestellt. Als Gott seinem Volk die Torah gab, war das so überwältigend, daß die Israeliten ihr Leben aushauchten. Stendal übersetzt hier sehr frei, indem er ganze Verse hinzufügt: 

„Da Israel sahen das Blitzen und hörten das Donnern so groß,

ihr Seel und Leben ganz von ihnen schoß.

Den Regen von techijjat hammetim (= Auferstehung der Toten), darmit tätst du sie erquicken, Gott,

welche dein Erb sind und lagen müd, er sie wieder bereitet hat.“

Die Stelle ist so schon im Talmud gedeutet: „Ferner sagte R. Jehosua b. Levi: Bei jedem einzelnen Satze, der aus dem Mund des Heiligen, gepriesen sei er, hervorkam, hauchte Jisrael die Seele aus [...] Er ließ einen Tau niedersteigen, mit dem er dereinst die Toten beleben wird, und belebte sie wieder, wie es heißt: mit reichlichem Regen besprengtest du, o Gott, dein Erbtum, und was ermattet war, stelltest du her.[37]

 

An zwei Stellen deutet Stendal „Gericht“ als das Endgericht und übersetzt „Jüngstes Gericht“:

„Sie (die Frevler) werden auch nicht socheh (= würdig, schuldlos) sein,

aufzustehen am Jüngsten Gericht.“ (zu Ps 1,5)[38]

 

„Gott, wenn du wirst aufstehn zum Jüngsten Gericht,

so wirst du helfen allen Frommen auf Erden allewegen.“ (zu Ps 76,10)

 

An sieben Stellen, wo der Psalmtext von „Leben“ spricht, verdeutlicht Stendal und schreibt „ewiges Leben“.

„Du läßt mich wissen die Steig (= den Pfad) des ewigen Leben,

eine Freude deines Antlitzes tust du mir geben.“ (zu Ps 16,11)

 

„Welcher Mann hat lieb das ewige Leben und begehrt, gute Tage zu sehen?

Der hüte seine Zunge, nicht bös [zu] reden,

und seine Leffzen (= Lippen), nach keiner Listigkeit [zu] spähen.“ (zu Ps 34,13 f.)

 

„Denn mit dir ist der Ursprung des ewigen Lebens zugericht[et].

In deinem Licht es wird gesehen Licht.“ (zu Ps 36,10)

 

„Ich schreie zu dir, Gott. Ich sage: Du bist mein Beschützer.


Gib mir einen Teil im ewigen Leben.“ (zu Ps 142,6)[39]

 

Einmal fügt Stendal auch zu dem Wort „Tod“ ein erklärendes „ewig“ hinzu.

Der Gott ist unsere Hilfe, zu Gott da wollen wir fliehen.

Der Herr Gott soll uns vom ewigen Tod [her]ausziehen.“ (zu Ps 68,21)[40]                                   

Als negativ besetztes Wort ist hier gehinnom zu nennen, der Straf- bzw. Reinigungsort für die Sünder nach dem Tod. Es kommt bei Stendal 19mal vor. Es ist kein zusätzlich eingefügtes Schlüsselwort, sondern steht bis auf zwei Ausnahmen als Übersetzung für ein Wort des biblischen Textes. An neun Stellen[41] steht es bei Stendal für das biblische scheol, das in den Psalmen 16mal vorkommt und allgemein das Schattenreich der Toten bezeichnet.[42] Zweimal übersetzt Stendal scheol mit „Hölle“.[43] Gehinnom steht bei Stendal noch weitere acht Mal für andere Ausdrücke, zweimal hat er es zum biblischen Psalmtext hinzugefügt.[44] Indem Stendal so häufig das Wort gehinnom setzt und nicht andere Übersetzungen wählt,[45] betont er nachdrücklich, daß das Schicksal von reschaim und zadikim (= Sündern und Gerechten) nach dem Tod verschieden ist.

An den fünf Stellen, an denen Stendal scheol nicht mit gehinnom, sondern mit „Grube“ übersetzt,[46] ist das darin begründet, daß an diesen Stellen scheol eher den Tod allgemein bezeichnet und kaum den Strafort der Sünder meinen kann.

 

Bei den Ausdrücken „jüngstes Gericht“, „ewiges Leben“ und gehinnom knüpft Stendal an vorgegebene Worte des biblischen Textes an.[47] Dagegen beziehen sich die Ausdrücke „jene Welt“, „olam habba“ (= die kommende Welt), und „atid lawo“ (= die zukünftige Zeit),[48] nicht auf ein vorgegebenes Wort, sondern sind deutende Zusätze. Nur in der Nachdichtung zu Ps 49,15 bezieht sich leatid lawo auf „am Morgen“, das als Morgen der Auferstehung verstanden wird.

In der kommenden Welt werden Toren und Sünder die Konsequenz ihres Handelns erfahren:

„Sie sollen wiederkehren zum gehinnom, die reschaim (= die Frevler), leatid lawo,


die von hakabah (= der Heilige, gepriesen sei er) sind abgewichen.“ (zu Ps 9,18)[49]

 

„Wie die Schafe zu der Grube, sie werden in das gehinnom getan und hineinkommen.

Der malach hammawet (= Engel des Todes) wird sie weisen.

Sie werden gewältigen an (= Gewalt üben, herrschen über) sie leatid lawo, die Frommen.

Ihre Gestalt wird werden verschlissen.

Vonwegen (= weil) das gehinnom ist gewesen ihre Herberge, die Würmer haben sie zerbissen.“

(zu Ps 49,15) 

 

„Der Mensch - wenn er ist schon in großer Würdigkeit -

wenn er keinen Verstand hat, das bringt ihm Leid.

Seine Seele fährt darhin wie das Vieh ohne Heil.

An jener Welt hat er noch (= auch nicht) Erbe oder Teil.“ (zu Ps 49,21)

 

Die Frommen und Gerechten werden dann das volle Heil erlangen:

„Viele von Jisrael sagen aus Übermut:

‘Wollte Gott, wir es hätten wie die ummot haolam (= Völker der Welt) auch so gut.’

 

Aber ich sage: Es deucht mich alles sein nicht.

Gott, erhebe auf (über) uns dein schechina-Licht.

Es hat mein Herz große Freude, ohne Maß und Ziel,

wenn ich sehe, daß die ummot haolam haben Korn und Most so viel.

 

Ich gedenke leolam habba ( = der kommenden Welt).

Gegen uns werden sie (die Völker der Welt) sich nicht tun gleichen.

Du wirst mit uns teilen deine Gaben, [die] so reichen.“ (zu Ps 4,7 f)[50]

 

„Mit Gnade laß mich dein Antlitz sehen, so bin ich satt,

wenn ich leatid lawo erwache und sehe die Gleichnisse der Deinen.“ (zu Ps 17,15)[51]

 

„Deine Gnade ist besser in jener Welt als hier das Leben.

Meine Leffzen (= Lippen) sollen loben dich sehr.“ (zu Ps 63,4)

 

Wie oben schon zitiert, wird nach einem erklärenden Zusatz zu Ps 82,8 leatid lawo der maschiach kommen und Gottes Herrschaft offenbar werden:

„Erzeige dich, Gott! Richte die Erde nach deinem Wohlgefallen!


Du wirst erben die Völker allgemein.

Das geschieht leatid lawo, wenn maschiach wird kommen, so werden sie dir allein untertänig sein.“

 

 

5

An drei Stellen hat Stendal midrasch-artige Erzählungen in den Psalmtext eingefügt. In allen drei Erzählungen geht es um die Bedrängnisse des galut: Warum ist dieses Schicksal über Israel gekommen? Wie kann Israel im galut seine Würde und Selbstachtung bewahren? Wie kann es trotz aller Bedrohung bestehen bleiben?

In dem ersten dieser Midraschim geht es um die Frage: Warum ist Israel im galut? Warum läßt Gott die Völker über Israel herrschen?

Psalm 80 ist ein Psalm im galut. In dem dreimal wiederholten Kehrvers heißt es: „bring uns heim!“[52] Der Midrasch ist nach dem 6. Vers eingefügt. Das letzte Wort dieses Verses bietet Verständnisschwierigkeiten. Man kann den zweiten Teil des Verses übersetzen mit: „Du hast sie getränkt mit Tränen drei.“ Im Psalmenmidrasch werden diese Tränen als Tränen Esaus verstan­den, die er vergoß, als er hörte, daß Jakob ihn durch Betrug um den Segen des Vaters gebracht hatte (Gen 27,38). Nach dem Psalmenmidrasch hat Gott um dieser drei Tränen willen Esau Weltherrschaft und Reichtum gegeben.[53] Esau und Edom, als dessen Ahnherr er gilt, werden zur Zeit der römischen Herrschaft zum Typus für Rom. Im Mittelalter werden sie auch im Sinne von Christen und Christentum gebraucht.

Stendal greift diese Deutung auf.[54] Um der Tränen Esaus willen ist Israel in dessen Hand gegeben. Der eigentliche Grund jedoch - auch für die Fortdauer des galut - besteht darin, daß die torah nicht gehalten wird.[55]

 

„Du hast machen essen sie mit Tränen ihr Brot.

Du hast getränkt sie mit Bitterkeit und Not.

Du hast machen herrschen über uns Esaw, der da ist von allen mizwot (= Gebote) frei.

Du hast uns in seine Hand [ge]geben um willen Tränen drei.

 

Davon will ich sagen mehn,

daß ihr den passuk (= Absatz, Vers) auch möchtet verstehn.

Da Jizchak Jaakob mit den berachot (= Segnungen)

von wejitten lecha (= „Er gebe dir“ Gen 27,28) hat tun begaben,

da kam Esaw vom Feld und gedachte die berachot (= Segnungen) zu haben.

 

Und da er nun hört und seines Vaters Rede hat vernommen,

daß ihm Jaakob war [zu]vorgekommen,

das tat ihm sehr bang und [er] weinte Tränen drei.


Damit war er socheh (= würdig). Wenn wir aberot (= Sünden) täten, so sollte er sein vor uns frei.[56]

 

So wir die torah nicht würden halten, so sollten wir sein unter seinem Joch.

Darum sind wir unter Edom in galut noch.

Du hast uns getan Krieg zu unseren Nachbarn. Unsere Feinde spotten unser sehr.

Gott, der geherrscht, wiederkehr uns (= laß uns zurückkehren)!

Erleuchte uns deine schechinah und hilf uns mehr!“

 

Die längste Einfügung (etwa 23 Verse) hat Stendal im Psalm 81. Der eingefügte Midrasch erzählt zwar aus der Zeit des Exodus, aktuell läßt er sich aber beziehen auf die jeweilige Gegenwart während des galut. Sein Thema ist: Wie kann das jüdische Volk Würde und Selbstachtung bewahren angesichts der Verachtung durch die stolzen und mächtigen Völker, unter denen es wohnt? Der Midrasch sagt: Gott selbst bezeugt Israels Würde und gibt ihm den Grund zu seiner Selbstachtung.

Der Midrasch schließt sich an den Halbvers 6b. Dieser heißt im Psalmenbuch: „Ein Zeugnis setzte er in Jehoseph“. Es ist das einzige Mal, daß der masoretische Text „Joseph“ mit einem zusätzlichen „h“ schreibt. Nach dem Talmud hat Gott diesen Buchstaben aus seinem eigenen Namen JHWH dem Namen „Joseph“ hinzugefügt. Im Namen „Jehudah“ (JHWDH) sind sogar alle Buchstaben des göttlichen Namens.[57] Stendal meint hier vielleicht den Namen „Jehudah“.

Die üble Nachrede, um die es in den eingefügten Versen geht, wird auch im Midrasch Tehillim 114,4 angesprochen. Dort heißt es, Gott selbst bezeugt, daß nach dem Auszug aus Ägypten kein Kind der Unzucht in Israel war außer einem einzigen.[58]

 

„Ein Gezeugnis hat Gott den Kindern Jisrael[s] [ge]geben,

damit sie mit Ehren möchten leben.

Denn da sie aus mizrajim (= Ägypten) gingen und Gott hat sie zum Volk tun erwählen,

da tat etliches Geschlecht in Sonderheit seinen (d.i. Israels) Adel zählen.

 

Da sprachen die anderen Völker zwar:

‘Sie haben keinen Adel unter ihnen als um ein Haar,


wenn sie sind gewesen der mizrim (= Ägypter) Knecht.

Darum kann ihr Adel nicht sein recht.

 

Denn so wohl als die mizrim haben gewältigt (= Gewalt gehabt) über ihren Leib,

so haben sie auch einem jeden geschlafen bei seinem Weib.

Und sind eitel Hurenkinder gemein,

und ist nicht recht unter ihnen gemein.’

 

‘Denhalben daß sie nicht sollten haben diese Nachsag,’

sagt unser Herr Gott, ‘so will ich bringen an den Tag,

daß sie alle echt und recht geboren sein (= sind),

weil ich bezeuge mit dem Namen dein.

 

Und will ihnen von meinem Namen zwei Buchstaben geben,

damit sie sollen weiter mit Ehren leben.’

Und gab ihm ein He vorn und ein Jod hinten,[59]

damit sie sich verantworten könnten.

 

Damit gab ihm hkbh (= der Heilige, gelobt sei er) edut (= Zeugnis):

Ob sie schon wären gewesen der mizrim Knecht,

noch gleichwohl waren sie geboren echt und recht;

und wer anderes sagt, der tät lügen,

das tät er mit seinem herrlichen Namen bezeugen.“

 

Der Midrasch läßt sich auch verstehen als eine erzählende Ausdeutung des Hauptanliegens dieses Psalms. In Psalm 81 geht es um das enge Verhältnis zwischen Gott und seinem Volk („Ich bin JHWH, dein Gott“ und dreimal „mein Volk“). Die Gabe der beiden Buchstaben aus dem Namen Gottes bringt diese Zusammengehörigkeit zum Ausdruck.

 

Im Psalm 129 geht es um die Erfahrung von Unterdrückung und Errettung. Der Midrasch, den Stendal in diesen Psalm einfügt, veranschaulicht dieses Thema. Er zeigt: Gott sichert den Fortbestand seines Volkes auch in höchster Bedrohung. So kann die Erzählung Mut und Zuversicht stärken.


Stendal fügt den Midrasch[60] nach Vers 3 ein, und zwar mit der Formel: „[Das] will ich dir bedeuten“.

 

„‘Viel Leid habe ich gelitten von meiner Jugend an’, tut Jisrael sagen.

‘Viele haben mich beleidigt von meiner Jugend an. Nach ihrer Lust haben sie mich nicht können plagen.

Auf meinem Rücken sie haben geackert, sie haben gemacht ihre Furchen lang.’

Will ich dir bedeuten: Da unseren Eltern in mizrajim (= Ägypten) war bang,

 

da sie waren in mizrajim in schwerer Arbeit und großen Nöten,

da hat paroh (= Pharao) geboten, man solle ihnen alle ihre Söhne töten. [61]

Sie konnten sie nirgends verbergen in der Stadt oder in ihrem Gezelt.

Sie trugen sie heimlich hinaus und vergruben sie in das Feld.

 

Sie gaben ihnen in ihre Hände zwei kleine Stein.

Aus den einen saugten sie Honig, aus den anderen Milch so rein.

Die mizrim (= Ägypter) wurden solches inne und gewahr.

Sie ackerten auf dem Feld über ihren Rücken und machten lange Furchen hin und dar.

 

Sie meinten, sie zu finden, und suchten nach ihnen geschwind(en).

hkbh (= der Heilige, gelobt sei er) machte, daß sie die Erde tät tief einschlinden.

Der gerechte Gott ließ den reschaim (= Frevlern) abschneiden und zerreißen ihre dicke Seil.

Sie wurden des Ackern und Pflügen müd. Dadurch gewannen wir Glück und Heil.“

 

Die „Seile“ in Ps 129,4 werden bei Stendal als Zugseile verstanden, mit denen die Zugtiere den Pflug ziehen. Indem Gott die Stricke zerreißen läßt, rettet er die Kinder Israels.

 

 

6

Bei dieser Untersuchung der Psalmennachdichtung von Mosche Stendal sollte nicht nur ein historisches Zeugnis analysiert werden. Es ging nicht nur um die Frage: Wie haben deutsche Juden im 16. Jahrhundert die Psalmen verstanden und gebetet? Im Hintergrund stand auch die Frage: Kann diese Psalmennachdichtung auch Anregungen geben für das Beten und Verstehen der Psalmen heute?

Die Midraschim muten den heutigen christlichen Leser wohl sehr fremd an. Sehen wir davon einmal ab und konzentrieren uns mehr auf das Psalmenverständnis, wie es in den genannten Schlüsselwörtern zum Ausdruck kommt. Können christliche Beter mit dem Psalmen­ver­ständnis dieser Nachdichtung etwas anfangen? Können sie die Psalmen auch so beten?


Im Philipperbrief (3,20) heißt es: „Unsere Heimat ist im Himmel.“ Wir leben also auch in einer Art galut. Auch wir dürfen darum bitten und darauf vertrauen, daß Gott mit seinem Licht uns in diesem Leben nahe ist. Seine torah vom Sinai und von dem Berg in Galiläa ist  d i e  Weisung, damit schon in dieser Welt menschliches Leben gelingt. Und auch christliche Beter warten auf das (zweite) Kommen des Messias, wenn sie beten: „... bis du kommst in Herrlichkeit.“

Die Beschäftigung mit Stendals Psalmennachdichtung kann uns bewußt machen, wie groß die Gemeinsamkeit ist im jüdischen und christlichen Psalmenbeten, und zu einem tieferen Verständnis der Psalmen anregen.

 

 

 

 



[1] Mose Rabbi Stendels nach Jüdisch-Teutscher Red-Art vorlängst in Reimen gebrachte Psalmen Davids / welche / dem ihnen nahen Untergang / aus wichtigen und in der Vorrede enthaltenen Ursachen entrissen Johann Christoph Wagenseil / D. In: Johann Christof Wagenseils Benachrichtigung Wegen einiger die gemeine Jüdischheit betreffenden wichtigen Sachen. Leipzig, 1705. - Ich danke der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel für eine Mikrofichekopie des Buches.

[2] Für „jüdisch-deutsch“ wird heute meistens die Bezeichnung „jiddisch“ vorgezogen.

[3] Sefer tehillim. Das tehillim Buch wohl verteutscht in teutscher Sprach, gar schön und bescheidlich und gar kurzweilig darinnen zu leien (= lesen) für Weiber und für Maidlich (= Mädchen), gedruckt im Jahr das wir zählen drei hundert und sechs und vierzig Jahr unter dem gewaltigen mächtigen König Stefan jr’h (jarum hodo = seine Hoheit möge sich mehren) in der Hauptstadt Krakau. (Titel und Buch in hebräischen Buchstaben. Das Jahr 5346 jüdischer Zeitrechnung entspricht dem Jahr 1586 n. Chr.) - Ich danke der Bodleian Library in Oxford und der Bayerischen Staatsbibliothek in München, die beide ein Exemplar dieses seltenen Buches besitzen, daß sie mir einen Mikrofilm ihres jeweiligen Exemplars zur Verfügung gestellt haben.

[4] Über Mosche (von) Stendal berichtet Rotraud Ries: Mosche Stendal kam um 1572 nach Hannover und gehörte zur jüdischen Gemeinde in der Neustadt. Im Zusammenhang mit undurchsichtigen Geldgeschäften wurde er im Sommer 1574 in strenge Haft genommen. Die Haftbedingungen waren menschenunwürdig und lebensbedrohend. Die von Verwandten und anderen Juden angebotene Kaution und eine Überstellung in Bürgenhand lehnte der hannoversche Rat wiederholt ab, indem er offiziell die Kautionsangebote leugnete. Nach einer Absprache zwischen dem Kläger und dem hannoverschen Rat war seinen Angehörigen und anderen Hannoveraner Juden jeglicher Kontakt mit ihm verboten, „so daß sie gezwungen waren, Briefe hin und her zu schmuggeln, die sie in Lebensmitteln, z. B. in Kuchen, versteckten. Diese jiddisch verfaßten Kassiber wurden aber z. T. abgefangen. Sie zeigen über das Bemühen um Hilfestellung hinaus auch, in welch große Not die Frau des Mosche durch die Verhaftung ihres Mannes geriet, so daß sie keinen Ausweg mehr sah und ihren Lebensunterhalt nicht mehr finanzieren konnte.“ Vgl. Rotraud Ries: Jüdisches Leben in Niedersachsen im 15. und 16. Jahrhundert. Hannover: Hahnsche Buchhandlung, 1994, 471. Als Mosche nach dreieinhalb Jahren Haft Ende 1577 freigelassen wurde, war das Prozeßende immer noch offen. Mosche Stendal dürfte nach 1577/78 Hannover verlassen haben, zumindest wird er nicht mehr erwähnt. Er starb vor 1587. - Ries erwähnt nicht, daß Mosche Stendal Rabbi war. Sie bemerkt aber: Rabbiner lebten „nicht von diesem Amt, sondern trieben Handel und Geldhandel.“ (S. 486)

[5] Für die Zeit bis 1800 wird Stendals Übertragung als die einzige gereimte Nachdichtung des ganzen Psalmenbuches in jüdisch-deutscher Sprache angegeben. - Wilhelm Staerk; Albert Leitzmann: Die Jüdisch-Deutschen Bibelübersetzungen von den Anfängen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts. Frankfurt a. M.: J. Kauffmann, 1923, 207-213.  Meyer Waxman: A History of Jewish Literature. 2. Aufl. New York u. a.: Thomas Yoseloff, 1960, II, 630 f. Israel Zinberg: A History of Jewish Literature. Cincinnati u. a.: Hebrew Union College Press, 1975, 242. Helmut Dinse; Sol Liptzin: Einführung in die jiddische Literatur. Stuttgart: J. B. Metzler, 1978, 39. Jean Baumgarten: Introduction à la littérature yiddish ancienne. Paris: du Cerf, 1993, 83.

[6] Encyclopaedia Judaica 14, 1426-1427.

[7] Die Psalmen sind nach den Wochentagen aufgeteilt: 1. Tag Ps 1-29, 2.Tag 30-41, 3.Tag 42-72, 4.Tag 73-89, 5. Tag 90-106, 6.Tag 107-134, schabbat 135-150.

[8] Siehe dazu Nechama Leibowitz: Die Übersetzungstechnik der jüdisch-deutschen Bibelübersetzungen des XV. und XVI. Jahrhunderts dargestellt an den Psalmen. In: Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 55 (1931) 377-463.

[9] Über die sprachlichen Eigenheiten der jiddischen Bibelübersetzungen in Stendals Zeit vgl. Leibowitz (s. Anm. 8).

[10] Im folgenden werden Zitate aus Stendals Psalmenbuch in dieser dritten Weise wiedergegeben, damit die Zitate leichter zu lesen sind. - Die Stellenangaben für diese Zitate müßten nach der Psalmnummer eigentlich die (in der Druckausgabe von 1586 nicht angegebenen) Nummern der Strophen und/oder Verszeilen nennen. Aus praktischen Gründen werden hier die entsprechenden Verse des biblischen Psalmenbuches angegeben, und zwar mit dem Hinweis „zu“. - Kursiv gedruckt sind hebräische Namen und Wörter.

[11] Die Verse in Stendals Psalmendichtung sind von sehr verschiedener Länge. Wagenseil kritisiert, daß Stendal „keine Zahl der Syllben beobachtet“.

[12] Die Titelseite stammt allerdings von der Herausgeberin oder dem Drucker. In der Vorrede sagt die Herausgeberin, sie habe das Buch in Druck gegeben

„in Erwarten, daß jedermann soll Gott jt (= gepriesen sei er) loben und preisen,

es sei Frau oder Mann,

wie David hammelech a’’h (=David, der König, auf ihm der Friede) hat getan.

Bifrat (= im besonderen) wenn man es wird verstehen,

wird es jeglichem zu Herzen gehen.“

Später in der Vorrede sagt sie noch, Rabbi Stendal habe das Psalmenbuch übersetzt „in Erwarten, es solle sein, lieblich zu leien (= lesen), Mannen und Frauen und die frommen Maidlich (= Mädchen).“

[13] Bei schechinah und gehinnom handelt es sich nicht um Wörter, die dem Psalmentext hinzugefügt sind. Vielmehr gibt Stendal damit Wörter des hebräischen Psalmentextes wieder und gibt dadurch dem Text eine neue Deutung.

[14] Elijah Bachur Aschkenasi ha-Lewi: Sefer Tehillim. Venedig, 1545.

[15] Elia Levita, 1469-1549, hebräischer Grammatiker, gilt als Vater der christlichen Hebraistik, katholische und protestantische Gelehrte waren seine Schüler.

[16] Wünschenswert wäre auch ein Vergleich mit anderen älteren jiddischen Psalmenübersetzungen, besonders solchen, die öfter exegetische Bemerkungen einflechten. Dadurch könnte deutlicher werden, wie weit Stendal in seinen Hinzufügungen von der Tradition bestimmt ist bzw. eigenständig formuliert. Ein solcher Vergleich konnte hier nicht durchgeführt werden.

[17] R. Salomonis Jarchi,       dicti: Commentarius Hebraicus in Prophetas Maiores et Minores, ut et in Hiobum et Psalmos, Latine versus ... a Joh. Friderico Breithaupto. Gothae, 1713.

[18] Wird im Jiddischen gólus gesprochen.

[19] Außer an den im Haupttext zitierten Stellen auch zu Ps 6,7; 68,23; 79,11; 80 (Einschub zwischen 6 und 7); 81,8; 84,7.

[20] Wagenseil hat hier irrtümlich  richilot-Weiber“ (statt „richilot-Treiber“).

[21] Im Talmud heißt es: „R. Šimón b. Johaj sagte: Komm und sieh, wie beliebt die Jisraeliten sind beim Heiligen, gepriesen sei er, denn wohin sie auch verbannt wurden, war die Göttlichkeit immer bei ihnen, [...] Und auch wenn sie dereinst erlöst werden, wird die Göttlichkeit bei ihnen sein“ (Meg. 29a). - schechinah ist hier mit „Göttlichkeit“ übersetzt. - Den Talmud zitiere ich nach: Der Babylonische Talmud / Neu übertragen von Lazarus Goldschmidt. 3. Aufl. Königstein /Ts.: Jüdischer Verlag, 1980-1981.

[22] Nur an einer Stelle ist nicht vom Licht des Antlitzes die Rede: zu Ps 31,21a  „Du sollst verbergen sie in Geheimnis der schechinah dein.“

[23] Ferner zu Ps 44,4b; 80,4,8 und 20; 89,16; 119,135.

[24] Das wird schon deutlich im 2. Vers des 1. Psalms, der als Anweisung für das Beten des Psalters anzusehen ist.

[25] In Vers 72 übersetzt er es mit „Lernung“ (= Belehrung), in den Versen 85 und 126 mit „Recht“.

[26] In Ps 37,31 übersetzt er wie in Ps 119,72 mit „Lernung“ (= Belehrung).

[27] Elia Levita hat an keiner dieser 16 Stellen das Wort torah. Er hält sich jeweils an den biblischen Text.

[28] Die Furcht der Erde wird im Talmud so begründet: „Weshalb erschrak sie [die Erde]? [...] der Heilige, gepriesen sei er, mit dem Schöpfungswerke eine Vereinbarung traf und zu ihm sprach: Nehmen die Jisraeliten die Tora an, so sollt ihr bestehen, wenn aber nicht, so verwandele ich euch wieder in Öde und Leere.“ (Schabbat 88a; ebenso Aboda Zara 3a; 5a)

[29] Außer an den zitierten Stellen, hat Stendal das Wort torah noch hinzugefügt zu Ps 57,5; 68,16 und 19; 81,6b; 82,6 (mattan torah = Gabe der torah).

[30] Siehe unten Abschnitt 4.

[31] Vgl. die Deutung im Talmud zu Ps 17,15: „Was heißt: werde mich beim Erwachen an deiner Gestalt sättigen. - R. Nahman b. Jiçhaq erwiderte: Dies bezieht sich auf die Schriftgelehrten (hebr. talmidej chachamim), die auf dieser Welt den Schlaf von ihren Augen verscheuchen (Fußnote der Übersetzers: „Sie befassen sich die Nächte mit dem Studium der Gesetzeskunde.“); der Heilige, gepriesen sei er, wird sie aber in der zukünftigen Welt mit dem Glanze der Göttlichkeit sättigen.“ (Baba Bathra 10a)

[32] Bis auf ganz wenige Ausnahmen übersetzt Elia Levita an all diesen Stellen den hebräischen Text wortgetreu. Er fügt keine deutende Wörter hinzu, außer in Ps 17,14 und 56,14, wo auch er „e w i g e s  Leben“ hat. Zum Gebrauch von gehinnom bei Elia Levita siehe Anm. 45.

[33] An einer weiteren Psalmstelle  (Ps 105,15) bezieht es sich auf die Erzväter.

[34] Bzw. „den er zum König gesalbt hat“ (zu Ps 2,2); „deines gesalbten Held[en]“ (zu Ps 84,9).

[35] h[a]k[odesch] b[aruch] h[u] = „der Heilige, gepriesen [sei] er“; an anderen Stellen auch mit Vokalzeichen versehen: hakabah (z. B. zu Ps 9,18).

[36] Eine ähnlich formulierte Bitte steht z. B. auch am Ende der Megillat Ester aus derselben Druckerei in Krakau.

[37] Schabbat 88b.

[38] Vgl. Synhedrin 108a.

[39] Weitere Interpretationen von „Leben“ als „ewiges Leben“ zu Ps 17,14; 56,14; 69,29. Zu 106,30 f (ohne Stichwort „Leben“ im Hebräischen) fügt Stendal hinzu: „Unser Herr Gott gab ihm die kehonah (= Priestertum) und seinen Kindern den ewigen Leben Segen.“ - Auch als Adverb hat Stendal „ewiglich“ eingefügt, z. B. zu Ps 37,27: „Kehr von [dem] Bösen und tu gut, so währst (= bleibst) du ewiglich.“

[40] Ähnlich hat Stendal auch zu Ps 1,6b ein „ewig“ hinzugesetzt: „aber [der] Weg der reschaim (= Frevler) ist ewig verloren.“

[41] Zu Ps 9,18; 16,10; 18,6; 30,4; 49,15 (2x); 49,16; 55,16; 86,13.

[42] Zu scheol und gehinnom siehe Encyclopaedia Judaica 12, 996-998 („Netherworld“), 13, 83-84; Jüdisches Lexikon II, 937-939; IV/2, 192. - Über gehinnom im Psalmentargum siehe Luis Diez Merino: Targum de Salmos. Madrid: Consejo Superior de Investigaciones Cientificas, 1982, 348 f. und 382 f. - Vom gehinnom (gräzisiert: geenna) spricht auch das Neue Testament (ThWNT I, 655-656).

[43] Zu Ps 6,6 und 31,18b. - In Ps 88,19b übersetzt Stendal  machschach (= Finsternis) mit „Höll[e]“.

[44] Ps 16,10 schachat (= Grube, Grab); 55,24 beer schachat (= Brunnen der Grube); 68,15 zalmon (verstanden als zalmawet = Finsternis); 69,16b beer (= Loch, Brunnen); 88,11 Zusatz; 88,12 abaddon (= Abgrund); 90,3 dabba (= Staub); 94,17 dumah (= Schweigen); 103,4 schachat; 123,4 Zusatz. - Nach dem Talmud (Erubin 19a) gibt es für das gehinnom sieben Namen. Außer scheol werden dort auch beer schachat, zalmawet und abaddon genannt.

[45] Elia Levita hat gehinnom für scheol bzw. andere Ausdrücke nur an vier der genannten Stellen. Meistens übersetzt er mit „Grube“.

[46] Zu Ps 88,4; 89,49; 116,3; 139,8; 141,7.

[47] An wenigen Stellen hat Stendal diese Ausdrücke zusätzlich zum biblischen Text eingefügt (siehe Anm. 39 und 44).

[48] Zu diesen Ausdrücken siehe Encyclopaedia Judaica 12, 1355-1357. - Die Präposition „le“ kann mit „in“ o. ä. übersetzt werden.

[49] Raschi deutet den Ausdruck „zurückkehren“ (= Stendals „wiederkehren“) folgendermaßen: Die Frevler kommen aus dem gehinnom, um vor dem Endgericht zu stehen. Sie werden verurteilt und dann zurückkehren zum tiefsten Ort des gehinnom.

[50] Ähnliche Deutung bei Raschi: „Viele unter den Israeliten sagen, wenn sie die Völker dieser Welt in Reichtum und Ruhe sehen: Wer läßt uns Gutes sehen, auf daß wir reich sind und unsere Wünsche erfüllen können wie jene? [...] Aber ich (sagt David,) bin nicht neidisch auf sie, denn meinem Herzen ist eine größere Freude gegeben, als zu der Zeit da die Völker Korn und Wein in Fülle bekommen, (denn) ich hoffe, wenn jenen, die ihn (Gott) zum Zorn reizten, (solche Güter zuteil werden;) um so mehr werden dann jene, die seinen Willen tun, (Gutes erlangen) in der kommenden Weltzeit, denn das ist der Tag, an dem (die Gerechten) ihren Lohn erhalten.“

[51] „Gleichnisse der Deinen“ meint die auferstandenen Gerechten. Vgl. Raschi  zu Ps 17,15: „Ich werde mich sättigen an der Erscheinung deiner [d. h. Gottes] Gestalt, wenn die Toten erwachen aus ihrem Schlaf. Eine andere Erklärung: Ich werde mich sättigen an der Erscheinung deines Antlitzes, wenn die Toten erwachen aus ihrem Schlaf, die deinem Bilde ähnlich sein werden. Es heißt nämlich: Nach dem Bilde Gottes schuf er den Menschen.“ - Vgl. zu Ps 17,15 auch Baba Bathra 10a (siehe Anm. 31).

[52] Die Heilige Schrift / Ins Deutsche übertragen von Naftali Herz Tur-Sinai. 2. Aufl. Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1995. - Buber übersetzt: „laß uns wiederkehren“. Vgl. Martin Buber: Die Schrift. 7. Aufl. Gerlingen: Lambert Schneider, 1994. - Stendal gebraucht das Verb transitiv: „wiederkehr uns!“

[53] Im Psalmenmidrasch heißt es zu Vers Ps 80,6: „R. Albin taught - some say, in the name of R. Simlai - that the congregation of Israel said to the Holy One, blessed be He: ‘Master of the universe! Because of three tears which Esau shed, Thou madest him ruler from one end of the earth to the other and gavest him prosperity in this world. How much more, then, wilt Thou do for us when Thou comest to see that we are humiliated and that we pour out our very souls in weeping!’“ The Midrash on Psalms / Translated ... by William G. Braude. New Haven u. a.: Yale University Press, 1987, II, 50.

[54] Raschi führt u. a. auch diese Deutung für Ps 80,6 an.

[55] Das galut hat im Laufe der Geschichte verschiedene Deutungen erfahren. Siehe dazu Encyclopaedia Judaica 7, 275-294.

[56] Vgl. Raschis Erklärung zu Gen 27,40: „... wenn Jisrael die Thora übertritt und du Grund hast, dich über die Segnungen zu grämen, die es erhalten hat, dann wirst du sein Joch abwerfen.“ Raschis Pentateuchkommentar. Vollständig ins Deutsche übertragen ... von Rabbiner Dr. Selig Bamberger. 3. Aufl. Basel: Victor Goldschmidt, 1962, 74.

[57] Sota 10b: „Joseph heiligte den Namen des Himmels im Verborgenen, und es war ihm beschieden, daß man ihm einen Buchstaben vom Namen des Heiligen, gepriesen sei er, hinzugefügt hat, denn es heißt: als Zeugnis in Jehoseph setzte er es ein [Ps 81,6]. Jehuda heiligte den Namen des Himmels öffentlich, und es war ihm beschieden, daß er ganz nach dem Namen des Heiligen, gepriesen sei er, benannt wurde.“ - Siehe auch Sota 36b.

[58] „There was only one loose woman among them, and the Holy One, blessed be He, made her name known, as is written And the son of an Israelitish woman, whose father was an Egyptian . . . and whose mother’s name was Shelomit, the daughter of Dibri, of the tribe of Dan (Lev 24:10-11). That is, He who spoke and the world came into being, He Himself testifies that in Israel there was no other child of wantonness except this one.“ Braude (s. Anm. 53), II, 217. - Im Midrasch Schemot Rabba 2,11 wird der im Midrasch Tehillim 114,4 erwähnte Einzelfall erzählt: „Eines Tages kam ein [...] aegyptischer Treiber zu einem israelitischen Vogt, erblickte dessen Weib und fand, dass sie sehr schön und ohne Fehler war. Am andern Tage zu derselben Stunde trieb er den Mann mit [= beim] Hahnenruf aus seinem Hause, kehrte wieder um und ging zu dessen Weibe. Sie meinte, es wäre ihr Mann und ward von ihm schwanger. Allein auch ihr Mann kehrte um und fand den Aegypter aus seinem Hause kommen. Er fragte seine Frau: Hat er dich vielleicht berührt? Ja, antwortete sie, ich dachte, du wärst es. Als der Treiber erkannte, dass er von dem Manne bemerkt worden war, trieb er ihn zu der schwersten Arbeit und schlug ihn und wollte ihn umbringen.“ August Wünsche: Bibliotheca Rabbinica. Leipzig 1880, Nachdruck Hildesheim u. a.: Georg Olms, 1993, 10. - Die gleiche Geschichte auch im Midrasch Wajikra Rabba 24,10. An beiden Stellen wird ebenfalls betont, daß dies ein Einzelfall gewesen sei.

[59] Bei „Jehudah“ ist allerdings das Jod vorn und das He hinten. Geschieht diese Umdrehung aus Ehrfurcht vor dem heiligen Namen Gottes, dem der Name „Jehudah“ doch nicht zu nahe gerückt werden soll? Vielleicht ist diese Formulierung auch beeinflußt von Midrasch Tehillim 114,3. Dort heißt es, Gott habe  d i e s e  Welt mit dem Buchstaben He erschaffen, die kommende Welt mit dem Buchstaben Jod. - Auf eine andere Erklärung hat mich Beni Warshawsky, Los Angeles, hingewiesen: Nach Gen 17,15 gibt Gott Sarai den Namen Sarah, fügt ihrem Namen ein He hinzu an Stelle des Jod. (Nach Gen 17,5 gibt Gott auch Abram einen neuen Namen, nämlich Abraham, fügt also auch seinem Namen ein He hinzu.) Als Abraham, wie später Jakob, wegen Hungersnot nach Ägypten zog, war Sarai in den Palast des Pharao geholt worden (Gen 12,10-20). Dieser Aufenthalt Abrams und Sarais in Ägypten ist ein Vorausbild für die Knechtschaft Israels in Ägypten. Nach Bereschit Rabba 17,15 wurde das Jod aus dem Namen Sarai später dem Josua gegeben. Siehe Num 13,16: „Mose nannte den Hoschea, Sohn des Nun, Jehoschua.“ Die Angabe „Und gab ihm ein He vorn und ein Jod hinten“ bezieht sich nach dieser Deutung auf „vorn“ und „hinten“ im Pentateuch oder auf die Zeit vor und nach der Knechtschaft in Ägypten; und Josua steht ebenso wie die Stammeltern für das ganze Volk Israel.

[60] Im Talmud (Sota 11b) wird ähnliches erzählt: „Er (der Heilige, gepriesen sei er) besorgte ihnen (den Neugeborenen) dann zwei Kugeln, eine aus Öl und eine aus Honig, wie es heißt: er ließ ihn Honig saugen aus einem Felsen und Öl etc.(Dt 32,13). Sobald die Miçrijim sie bemerkten und sie töten wollten, geschah ihnen ein Wunder, und die Erde verschlang sie, worauf jene Rinder holten und [die Erde] über ihnen pflügten, wie es heißt: auf meinem Rücken haben die Pflüger gepflügt etc. (Ps 129,3). Nachdem jene fortgegangen waren, schossen sie heraus und kamen hervor, wie das Kraut des Feldes, wie es heißt: zu Myriaden, wie die Sprößlinge des Feldes, machte ich dich (Ez 16,7).“ - Diese Erzählung auch im Midrasch Schemot Rabba 1,14.

[61] Vgl. Ex 1,15-22.