Jesus, der ewige Sohn Gottes?
Zur gegenwärtigen theologischen
Reflexion
über die Präexistenz Christi
von Manfred Gerwing
Kurzinhalt - Summary:
Die evangelische liberale Theologie
hatte im 19. Jahrhundert die These von der Hellenisierung der biblischen
Botschaft hervorgebracht. Das christologische Dogma der frühen Konzilien sei
eine Verzerrung der ursprünglichen Offenbarung. Die katholische Theologie hat
nur im späten 20. Jahrhundert in diese Richtung einige Proben gemacht. Die
genaue Analyse hier zeigt, dass die von den Konzilien verurteilten Häretiker
wie Arius die Hellenisten waren, die das Kerygma der hl. Schrift
dem damaligen Geist der Zeit anpassen wollten.
During
the 19th century, liberal Protestant theology developed the thesis of the Hellenization
of the biblical kerygma.The christological dogma of the early councils was
maintained to be a distortion of the original revelation. Catholic theology
made some attempts towards this direction only in the late 20th century. The
precise analysis shows however, that the heretics like Arius, who were
condemned by the councils, were those Hellenists who were willing to accomodate
the kerygma of the Gospel to the spirit of their time.
1. Worum geht es?
Die Kirche steht und fällt mit dem
ihr aufgegebenen Christuszeugnis. An diese Wahrheit erinnert nachdrücklich
„Dominus Iesus“, also jene von der Glaubenskongregation herausgegebene
Erklärung, die bereits wenige Stunde nach ihrer Publikation am 05. September
2000 vielfach (ver-)öffentlich(t)e Empörung hervorrief. Doch diese Empörung,
wie unterschiedlich sie auch artikuliert und wie differenziert sie zweifellos
zu betrachten ist, darf nicht vom Eigentlichen ablenken. Es geht um das
kirchliche Christuszeugnis. Dieses ist allenthalben in die Krise geraten. Wer
sich ihr in aller Redlichkeit stellt, verdient nicht Tadel, sondern Respekt.
Ist doch die Konzentration auf das Christusbekenntnis für die Kirche selbst von
existentieller und für den Dialog mit den anderen Religionen sowie für den
ökumenischen Prozess insgesamt von exzeptioneller Bedeutung. Da sich ein
sorgfältiges Besinnen auf das kirchliche Christusbekenntnis um das unterscheidend
Christliche bemüht, führt es nicht vom ökumenischen Ziel einer Versöhnung in
der Wurzel (reconciliatio in radice) ab, sondern im Gegenteil allererst zu ihr
hin.
In
diesem Rahmen einer sorgfältigen Besinnung auf das kirchliche
Christusbekenntnis gehört auch die gegenwärtig theologisch geführte Auseinandersetzung
über die „Präexistenz Christi“. Karl-Josef Kuschel hat dieses kritische
Gespräch erneut angeregt; und zwar mit seiner Publikation „Geboren vor aller
Zeit? Der Streit um Christi Ursprung.“[1]
Wer diese in Tübingen eingereichte 834 Seiten umfassende Habilitationsschrift
geduldig geprüft hat, und zwar nicht, um das Werk zu „verreißen“, sondern um
es im wahrsten Sinne des Wortes „kollegial“ d.h. mitlesend und nachdenkend zu
behandeln, der weiß: Das Fragezeichen am Ende des Obertitels wird im Verlauf
der Untersuchung nicht etwa in einen Punkt umgewandelt, sondern eher bestätigt
und bekräftigt.
Dieses
Fragezeichen möchte ich im Folgenden selbst wiederum mit einem Fragezeichen
versehen. Dabei sollte aber vornherein keinerlei Missverständnis darüber
bestehen, um was es bei der Frage nach der Präexistenz Christi letztlich geht:
um die Frage nach Gottes ewigem Sohn. Was zur Rede steht, ist keine bloße und
blasse Quisquilie, sondern eine komplex-komplizierte theologische Quaestio,
die die Substanz des christlichen Glaubens selbst betrifft. Und dort, wo es um
die Substanz des christlichen Glaubens geht, kann die Dogmatik nicht schweigen.
Im Gegenteil: Sie hat ihre kritische Aufgabe zu erfüllen und ihre Reflexionen
deutlich vernehmbar zu artikulieren.
Um
den vorgegebenen Rahmen dieser Publikation nicht zu sprengen, setze ich im
Folgenden erstens die wichtigsten Präexistenzaussagen der Schrift und
der großen Konzilien als bekannt voraus und konzentriere mich auf das
dogmatische Argument.[2]
Dieses soll in einer ersten Sichtung der gegenwärtigen Interpretationsmuster
(2.) und sodann auf dem Hintergrund der gegenwärtigen Krise der
Präexistenztheologie (3.) vorgestellt und näherhin analysiert werden (4.). Erst
dann vermag meinem Fragezeichen am Fragezeichen Kuschels Kontur verliehen zu
werden (5).
2. Eine erste Sichtung
Wer heute einen ersten Einblick in
die gegenwärtigen Interpretationsmuster der Präexistenztheologie gewinnen will,
dem sei die aufmerksame Lektüre der Beiträge empfohlen, die im für unseren
Zusammenhang kaum zu überschätzenden Sammelband „Gottes ewiger Sohn. Die Präexistenz
Christi“, herausgegeben von Rudolf Laufen, erschienen sind.[3]
Dabei ist festzustellen, dass sich, cum grano salis gesprochen, inzwischen zwei
Gruppen gebildet haben:
Die
Vertreterinnen und Vertreter der einen scheinen die Frage nach der Präexistenz
nur noch zu artikulieren, um den vermeintlichen Anachronismus des mit diesem
Thema korrespondierenden Paradigmas deutlich zu konturieren. Sie suchen die
kritische Theologie davon zu überzeugen, sich so schnell wie möglich von der
Thematik zu verabschieden. Paul M. Müller formulierte dieses Bestreben ohne Umschweife
und in Anspielung auf Apg 17,32 („darüber wollen wir dich ein andermal hören“):
„In einer Zeit, in der die christliche Verkündigung sich weithin auf Ethos
reduziert, um die Zeitgenossenschaft mit dem modernen Menschen nicht zu
verlieren, deutet es sich an: solche Fragen stellt man 'an diesem Ort' nicht.“[4]
Andere
wiederum sehen sich durch die Tatsache, dass „man solche Fragen 'an diesem
Ort', gemeint ist am Übergang zum nächsten Jahrtausend in unserer Gesellschaft,
nicht stellt, geradezu provoziert, die Frage nach dem ewigen Sohn Gottes erneut
zu reflektieren, nicht um von ihr so schnell wie möglich loszukommen, sondern
um sie auch künftig wissenschaftlich verantworten zu können. So meinte jüngst
noch Arno Schilson, dass dort, wo es um den „schwierige[n] theologische[n]
Fachbegriff 'Präexistenz' gehe, stets und auch künftig „grundlegende Untersuchungen
und eindringliche Überlegungen angebracht“ seien; denn schließlich gehe es bei
der Frage nach der Präexistenz um nichts Geringeres als „um das Bei-Gott-Sein,
das Mit-Gott-Sein, vor allem aber um das aller Zeit vorausliegende
Gott-Gleich-Sein und wahrhaft Gott-Sein Jesu Christi.“[5]
Doch
bei näherem Hinsehen, müssen diese beiden Gruppen je für sich noch einmal
differenziert werden. Dabei hilft zunächst jenes Ordnungsmuster weiter, das
Werner Löser bereits vor mehr als zwanzig Jahren geltend machte. Er vermochte
„die Vielzahl der Auffassungen über den Sinn der Präexistenzaussagen“ dreifach
zu gliedern:
Die
erste Gruppe bezeichnet Löser als Gruppe der katholischen Schultheologie.
Die Vertreter dieser Gruppe halten an den „biblischen und konziliaren
Präexistenzaussagen fest, ohne sich von den modernen Infragestellungen berühren
zu lassen.“[6] Zu
dieser Gruppe zählt Löser namentlich nicht nur Ludwig Ott, in dessen auch heute
noch (wieder) gelesenem „Grundriss der katholischen Dogmatik“[7]
der Terminus „Präexistenz“ allerdings überhaupt nicht vorkommt, zählt er nicht
nur die Darstellungen der katholischen Dogmatik von Pohle/Gierens/Gummersbach,
von Diekamp/Jüssen, sowie von Premm, sondern auch das damals neue Handbuch
katholischer Dogmatik von Michael Schmaus „Der Glaube der Kirche“.[8]
Eine
zweite Gruppe bilden jene Theologen, die die Präexistenzlehre insgesamt
„mehr oder weniger konsequent ablehnen. Sie beschränken sich darauf, das
Eindringen der Präexistenzvorstellungen in die neutestamentliche und
altkirchliche Christologie historisch-kritisch zu erklären, dabei aber ihre
Geltung für eine heutige Christologie zu bestreiten. So werden die
Präexistenzaussagen zu zeitgebundenen und durch die Geschichte inzwischen
überholten Interpretationsmodellen.“[9]
Zu den namhaften Vertretern dieses Argumentationstyps zählt Löser nicht ohne
Grund u. a. Hans Küng und Edward Schillebeeckx.[10]
Die
dritte Gruppe setzt sich nach Löser zusammen aus jenen Theologen, die nach
der genuin christlichen Begründung der Aussagen über Christi Präexistenz fragen
und dabei die Christologie und die Trinitätslehre so miteinander verbinden,
dass „der ermöglichende Grund der Christologie“ die Trinitätslehre ist; diese
aber „nur über jene zugänglich“ wird. Namentlich werden in diesem Zusammenhang
Karl Rahner, Hans Urs von Balthasar und Wolfhart Pannenberg aufgeführt.[11]
Und, um es vorweg zu sagen: Ich halte die damit initiierte Denkbewegung für den
„einzig gangbare[n] Weg, sowohl die Geltung der biblischen und konziliaren
Präexistenzaussagen unangetastet zu lassen als auch eine begründete Antwort auf
die mehrfachen Ablehnungen der Präexistenzaussagen zu finden.“[12]
Da
sich aber inzwischen die theologischen Akzente verschoben und die
Auseinandersetzungen insgesamt verschärft haben, schlage ich vor, ad
experimentum die dreifache Differenzierung Lösers einerseits beizubehalten,
andererseits seine zweite Position noch einmal zu differenzieren. Thesenartig
formuliert, ergibt sich daraus folgender Überblick:
Gegenwärtige Positionen zur
Präexistenzchristologie - Ein thesenartiger Überblick
1. Ohne auf moderne Fragestellungen
und Infragestellungen einzugehen, wird die Präexistenz Christi „mit dem Leben
des Sohnes in der Ewigkeit des dreieinigen Gottes“ identifiziert. Sie bleibt
„von der Geschichte des menschgewordenen Sohnes, Jesu von Nazaret, weitgehend
unberührt“ (Löser 1977, 35).
2. Die neutestamentlichen und
altkirchlichen Präexistenzaussagen werden historisch-kritisch relativiert, als
zeitbedingte und keineswegs unproblematische, durch die Geschichte inzwischen überholte
Interpretationsmodelle dargestellt und mehr oder weniger konsequent abgelehnt.
a) Als Metapher, Bildwort und Poesie
akzeptiert, wird die Rede von der Präexistenz Christi so reflektiert, dass sie
als durchaus fragwürdiger Nachsatz des Ostergeschehens in Sicht kommt. Jesus
Christus stehe „immer schon an der 'Seite' Gottes“; sei „von Ewigkeit her“ bei
Gott - „vor aller Zeit, aller Schöpfung voraus“ (Kuschel 1990, 643). Der
Wahrheitskern der Rede von der Präexistenz Christi wird in nichts anderem als
darin gesehen, dass Jesus Christus „als Geist und im Geist - aller Zeit
gegenwärtig, aller Zeit gleichzeitig, aller Zeit gegenüber frei“ sei (Kuschel
1990, 644). Eine metaphysische Wesenseinheit Jesu mit Gott, ein ontisches
Gottsein Jesu oder gar eine immanente Trinität könne und dürfe daraus nicht
gefolgert werden.
b) Dort, wo die „Auferweckung Jesu“
als zu entmythologisierender „mythischer Rest“ zu Gesicht kommt, wird auch der
Rede von der Präexistenz Christi keinerlei ontologischer Aussagewert mehr über
das Verhältnis Jesu zu Gott beigemessen, sondern selbst noch einmal als Mythos
entlarvt. Die Rede von der Präexistenz Christi wird dabei nur als Teilaspekt
eines großangelegten Versuchs gedeutet, durch Hypostasierung (Trinitätstheologie)
nicht nur die „von Anfang an“ bestehende Bedeutung Jesu zu akzentuieren,
sondern auch seine präsentische Wirksamkeit und teleologisch/eschatologische
Relevanz zu fundieren (Ohlig 1997, 199).
3. Gefragt wird nach der genuin
christlichen Begründung der Aussagen über Christi Präexistenz, wobei die
Christologie und die Trinitätslehre so miteinander verbunden werden, dass die
Trinitätstheologie als der ermöglichende Grund der Christologie geltend
gemacht, jene aber nur über diese erschlossen wird. Dabei gerät mit
„Präexistenz“ das von Ewigkeit her als „Sohn“ des „Vaters“ bestehende Gottsein
Jesu in den Blick. Die damit zu Wort kommende Relation des „Vaters“ zum „Sohn“
besteht ontologisch im voraus zur Schöpfung, die in das Gegenüber des Sohnes
zum Vater hineingenommen ist. Das Heil des Menschen und der Welt ist letztlich
nicht Ertrag der Menschen oder Frucht weltgeschichtlicher Prozesse, sondern gründet
im ewigen Gott selbst.
3. Zur gegenwärtigen Krise der
Präexistenzchristologie
Besonders die unter Nummer zwei
artikulierten Positionen machen deutlich, dass wir es inzwischen „mit einer
schwerwiegenden Plausibilität- und Akzeptanzkrise“ zu tun haben, die nicht nur
eine isolierte Präexistensaussage betrifft, sondern - unlöslich damit verbunden
-“ auch abzielt auf „den Glauben an das wahre Gottsein Jesu und damit an Gott,
den dreifaltig Einen.“[13]
Werfen wir z. B. einen Blick auf die sogenannte Pluralistische
Religionstheologie (= PRTh). Sie blieb bislang aus dem zur Diskussion stehenden
Fragekomplex zu Unrecht außen vor. Dabei machte John Hick, zweifellos einer der
führenden Köpfe und eigentlicher Vordenker der PRTh, bereits in den siebziger
Jahren programmatisch darauf aufmerksam, dass vor allem die klassische Präexistenzchristologie
entschärft werden müsse. Zunächst in „Christ and Incarnation“, sodann -
deutlicher - 1977 in „Jesus and the World Religions“, erschienen in dem von
Hick herausgegebenen Sammelband, der bezeichnenderweise den Titel „The Myth of
God Incarnate“[14]
trägt, versuchte John Hick das „mysterium incarnationis“ so umzudeuten, „dass
es einer pluralistischen Religionsauffassung nicht mehr im Wege steht.“[15]
In pointierter Sprache fasst Hick seine der PRTh angepasste und eingeformte
Christologie in seinem Ende der achtziger Jahre erschienenen Werk „An
Interpretation of Religion. Human Responses to the Transcendent“[16]
zusammen, um schließlich 1993 mit „Metaphor of God Incarnate. Christology in a
Pluralistic Age“ einen eigenen christologischen Entwurf vorzulegen. Hier wird
noch einmal die traditionelle Christologie umfassend kritisiert und dabei nicht
zuletzt auch auf die Präexistenzaussage eingegangen. Die namentlich von Paul F.
Knitter und Reinhold Bernhardt erhobene Forderung nach, so wörtlich
„christologischer Abrüstung“ und „Deabsolutierung“[17]
gewinnt hier bereits ihr Gesicht:
Damit
das Christentum in einen konkreten Dialog mit den großen Weltreligionen treten
könne, müsse es, so John Hick, seinen Superioritätsanspruch gegenüber den
anderen Religionen aufgeben. Dieser Superioritätsanspruch stehe und falle aber
mit der Rede von der Präexistenz Christi, die es schließlich verhindere, von
den ontologischen Implikationen der Zwei-Naturen-Lehre abzusehen und eine
„metaphorische Christologie“ zu entwerfen. Erst wenn die theologische Rede von
„Inkarnation“ als Metapher, als Bildwort, nicht aber als Sachaussage, als
„literal truth“, verstanden werde, sei der den Religionsfrieden störende, ja
verhindernde Absolutheitsanspruch des Christentums überwunden und der Weg frei
zum Arrangement eines pluralismusfreundlichen Glaubens an Jesus Christus.[18]
Obgleich Kuschel sich ausdrücklich gegen die PRTh ausspricht,[19]
stimmt er John Hick zumindest in der Forderung zu, dass sich der Christ, -
nicht zuletzt aus ökumenischen Gründen „in Sachen Präexistenz Christi [...]
Zurückhaltung“ aufzuerlegen habe. Es gehe darum, „ein Gespräch über
Christologie“ zu ermöglichen, „das die drei großen monotheistischen, prophetischen
Religionen nicht länger auseinander-, sondern stärker zusammenbringt.“[20]
Karl-Heinz
Ohlig meint indes, Kuschel gehe dabei nicht konsequent genug vor. Zwar entlarve
er, Kuschel, die theologische Rede von der Präexistenz als Mythos, wage aber
nicht, den „mythologischen Rest“ aufzuheben. Dieser „mythologische Rest“
bestehe in der Rede von der „Auferweckung Jesu“, die Kuschel zu Recht als Ausgangspunkt
aller christologischen Überlegungen erkenne. So fragt Ohlig schließlich:
„Warum kann nur die Rede von der Präexistenz, nicht aber auch die über
Eschatologie als 'bildliche', 'poetische' Sprache aufgefasst werden?“[21]
Ohligs
Frage zielt übrigens nicht darauf ab, Kuschels Versuch, die Präexistenz Christi
metaphorisch-poetisch zu verstehen, kritisch in Frage zu stellen. Im Gegenteil:
Er wirft ihm vor, diese, so wörtlich, „unumgängliche Entmythologisierung“ nicht
„weit genug vorangetrieben“ zu haben.[22]
(Vgl. dazu Position 2b innerhalb der drei skizzierten Positionen zur
Präexistenzchristologie). Ohlig sieht in der Rede von der Präexistenz Christi
nichts weiter als den Teilaspekt eines inzwischen überholten kulturellen
Transformationsprozesses, durch Hypostasierung nicht nur die „von Anfang an“
bestehende Bedeutung Jesu zu akzentuieren, sondern auch seine präsentische
Wirksamkeit und teleologisch-eschatologische Relevanz zu fundieren. „Die
äußerste soteriologische Hoffnung (hier: Vergöttlichung) wird im Prädikat
(hier: Sohn Gottes, Logos) unaufhebbar an Jesus gebunden.“[23]
Da
Ohlig um die systematischen Zusammenhänge zwischen der Präexistenzlehre und der
Trinitätstheologie weiß, in dieser den größeren Rahmen für jene erkennt, wendet
er sich in seinem neuesten Beitrag zur Präexistenztheologie der
Trinitätstheologie direkt zu. Er sucht sich ihrer zu entledigen, indem er, ein
berühmtes Diktum Adolf von Harnacks variierend, die Entwicklungsgeschichte des
Trinitätsdogmas zu erzählen sucht. Sein neuestes Buch, „Ein Gott in drei Personen?“[24]
legt von diesem m. E. insgesamt missglückten Versuch beredtes Zeugnis ab.[25]
Der
ebenfalls in Saarbrücken lehrende Gotthold Hasenhüttl geht noch einen Schritt
weiter. Er kritisiert das „begründende Denken des Menschen“ insgesamt, das
„nach einem Heilsbringer aus der eindeutig positiven jenseitigen Welt“
verlange und dabei doch nur neue Mythen schaffe. Hasenhüttl geht es um die Abschaffung
einer ontologisch argumentierenden Christologie; denn diese versuche das
Unbegründete in der Transzendenz zu begründen und das Unsichere im Metaphysischen
zu sichern.[26] Paul
Hoffmann spricht noch 1994 von der fragwürdigen „christologischen Karriere des
Jesus von Nazaret“ und einer hellenistischen „Divinisierung“.[27]
Dabei ist exegetisch heute weitgehend unbestritten, dass es schon sehr frühe
Äußerungen wie z.B. 1 Kor 8,6 gibt, wonach „Jesus vor aller Welt und als
Schöpfungsmittler existierte“,[28]
Äußerungen übrigens, die Paulus bereits rezipierte und die, wie etwa Klaus
Berger formuliert, „die Annahme des 19. Jahrhunderts geradezu auf den Kopf“
stellen, wonach der christliche Glaube sich „zielgerichtet so entwickelt“ habe,
„dass Jesus fortschreitend immer stärker, 'vergottet' wurde.“[29]
Doch trotz dieses exegetisch eindeutigen Befundes, wirft Paul Hoffmann der
gegenwärtigen Dogmatik, so wörtlich „ideologische Eiertänze“ vor, sofern sie
im Rekurs auf das Neue Testament eine trinitarische Christologie zu entwerfen
versuche.
Auffälligerweise
geraten gerade jene Theologen als „Abrüstungsexperten“ in puncto „Präexistenzchristologie“
in Sicht, die nach wie vor fasziniert zu sein scheinen von der Hellenisierungsthese,
die Adolf von Harnack 1885 in klassischer Form vorgetragen hat: „Die Entwicklungsgeschichte
der Präexistenzvorstellung ist zugleich ihre Kritik, so dass man den Recurs auf
unsere heutige Erkenntnistheorie, die dergleichen Spekulationen nicht mehr
zulässt, entbehren kann. Erst durch den Hellenismus ist die Problemstellung
hervorgebracht, die Bedeutung Christi durch eine Spekulation über seine
Naturen festzustellen und an diese die konkreten Züge des geschichtlichen
Jesus zu heften.“[30]
Angeregt
durch diese Hellenisierungsthese meint Hans Küng noch in seinem 1994
publizierten Buch „Das Christentum. Wesen und Geschichte“ die Frage stellen zu
müssen: „Nachdem weder der Jesus der Geschichte...seine eigene Präexistenz
verkündet hat, noch die judenchristliche Gemeinde...eine Trinitätslehre
aufkommen ließ: Woher stammt diese Lehre von der Trinität eigentlich? Antwort:
Sie ist das Produkt des großen Paradigmenwechsels vom
apokalyptisch-vorchristlichen zum hellenistisch-altkirchlichen Paradigma.“[31]
Küng vertritt die Ansicht, weder die Präexistenzchristologie noch die
Trinitätstheologie seien biblischer Provenienz, sondern Ergebnis eines
Hellenisierungsprozesses, der die neutestamentliche Botschaft gleichsam eingekerkert
und um seine Lebendigkeit gebracht habe. Unbestreitbar sei es, „dass das Konzil
ganz und gar in hellenistischen Begriffen, Vorstellungen und Denkmotiven
gefangen blieb, die dem Juden Jesus von Nazaret und der Urgemeinde völlig fremd
gewesen wären.“[32] Es
sei heute an der Zeit, sich von diesen „alten hellenistischen Dogmen“ endgültig
zu befreien, sich „neu auf die neutestamentliche Botschaft selbst zu
konzentrieren und sie für zeitgenössische Christen auch wieder neu auszulegen.“[33]
4. Zu den Argumenten
Doch schauen wir uns die
Argumentation noch ein wenig genauer an. Ich konzentriere mich dabei auf die
Habilitationsschrift von Karl-Josef Kuschel; und zwar aus zwei Gründen:
Erstens
vermögen die dort angeführten Argumentationen und Begründungen am ehesten der
von mir artikulierten „Position 2“ (vgl. „Ein thesenartiger Überblick“) zu
entsprechen, genauer: Sie scheinen mir die „Position 2a“ geltend zu machen,
aber auch der „Position 2b“ Raum zu geben.
Zweitens
bietet mir der Argumentationsgang Kuschels gute Gelegenheit, seine Position in
Frage zu stellen und schließlich die von mir favorisierte „Position 3“ zu
artikulieren. Doch zurück zu Kuschel. Kuschel fokussiert inhaltlich seine
Untersuchung auf zwei Forschungsfelder: einerseits auf die Exegese der
einschlägigen alt-, zwischen- und neutestamentlichen Texte, andererseits auf
die Christologie unseres zu Ende gehenden Jahrhunderts.
Die
Frage aber, wie er, Kuschel, denn angesichts des von ihm in aller Breite
dargelegten exegetischen Befundes, angesichts seiner kritischen hermeneutischen
Überlegungen und dogmatischen Reflexionen von der Präexistenz Christi denkt,
findet erst auf den letzten Seiten, im „Epilog“ der Arbeit, ihre Antwort. Dabei
ist sein Verständnis der Präexistenzaussage dreidimensional konzipiert und
rekurriert primär nicht auf die traditionell-dogmatische „Hilfssprache“,
sondern auf die „eigentliche Referenzsprache“ des Neuen Testamentes.
Erstens:
Die Präexistenzaussage habe bei der konkreten Gestalt des Jesus von Nazaret
anzusetzen. Denn schließlich habe nichts anderes und kein anderer „am Anfang“
ihrer Glaubensgeschichte gestanden als dieser Mann aus Galiläa. Deswegen
gelte: „Keine Aussage über die Präexistenz Christi an der Gestalt des
geschichtlichen Jesus vorbei.“[34]
Zweitens:
Die Präexistenzaussage basiert auf der österlichen Erfahrung der universalen
Präsenz des von Gott „im Geist und als Geist“ Auferweckten und Erhöhten. „Christologie
und Pneumatologie gehören zusammen. Das Nachdenken über Vater, Sohn und Geist,
ihre Unterschiedenheit und Einheit, hat hier seinen legitimen biblischen
Grund.“[35]
Drittens:
Die Präexistenzaussage muss sich in ein genuin biblisches Gottesverständnis
integrieren lassen. Sie hat zu verdeutlichen, dass Jesus zeigt, „wes Grundes
und Wesens“ der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs ist: „die Bewegungsdynamik der
Liebe zu den Menschen selbst.“[36]
Gerade
diese Integrationskompetenz der Präexistenzaussage setzt aber voraus, dass sich
Gott tatsächlich in Jesus von Nazaret vorbehaltlos und uneingeschränkt,
unüberbietbar und analogielos geoffenbart hat. Und tatsächlich will Kuschel
keineswegs in Abrede stellen, sondern ausdrücklich festgehalten wissen, dass,
„ - dem Grundgedanken aller neutestamentlichen Schriften zufolge - Gott selbst
sich ohne Rückhalt in der Person Jesu Christi geoffenbart hat“.[37]
Wenn sich aber das „ewige Wesen Gottes“ in der „Person des Gekreuzigten und
Auferweckten“ geoffenbart hat, dann, so Kuschel, muss es erlaubt sein, sagen zu
dürfen: „die Person Jesu Christi“ gehört notwendig und untrennbar „zur
Wesensbestimmung Gottes“ hinzu.[38]
Und nichts anderes bedeute Präexistenz Christi: „Jesus Christus ist „- als
Geist und im Geist - aller Zeit gegenwärtig, aller Zeit gleichzeitig, aller
Zeit gegenüber frei.“[39]
Kuschels
Bemühen, die theologische Achtung und Aufmerksamkeit wieder auf die Zentralfrage
nach der endgültigen Offenbarung Gottes in Jesus Christus zu lenken und, wie
Otto Knoch konstatiert, „Wege zu besserem, bibelgemäßerem Verständnis des
Geheimnisses 'des Sohnes Gottes'“ zu öffnen, ist in der Tat anerkennenswert.[40]
Seine Absicht, der weitverbreiteten Haltung, wie Beinert formuliert, „Jesus ja
- Christologie nein danke“ entgegenzuwirken, ist zweifellos zu loben.[41]
Sein Vermögen, wie Gerhard Ludwig Müller feststellt, „auch schwierige theologische
Probleme vor einem interessierten, aber nicht fachgelehrten Publikum
allgemeinverständlich“ darzustellen, steht außer Frage.[42]
Wolfhart Pannenberg quittiert der Arbeit Kuschels sogar, „der
Präexistenzproblematik erstmals seit Barth in einem neuen christologischen
Entwurf breite Behandlung eingeräumt“ zu haben, ja in dieser Frage „das
wichtigste Buch“ seit der Theologengeneration nach Karl Barth verfasst zu
haben.[43]
Dabei
hatte sich Kuschel gerade mit der Präexistenzchristologie Pannenbergs kritisch
auseinander gesetzt, ja ihm, Pannenberg, vorgeworfen, er benutze die Geschichte
Jesu „zwar nicht einfach zur Demonstrationsbühne einer von vornherein
feststehenden metaphysischen Zweiheit von Vater und Sohn, wohl aber zum Absprungbrett
zur Erreichung dieser in jedem Fall transzendental immer schon gegebenen
metaphysischen Verbindung“.[44]
Pannenberg biete, so Kuschel weiter, „nicht eigentlich eine Alternative zur
klassischen Christologie vom Neuen Testament her, sondern deren Bestätigung mit
anderen Mitteln.“[45]
Kuschel wirft systematischen Theologen wie Pannenberg und - namentlich - auch
Walter Kasper vor, sie schössen mit ihren theologischen-logischen Folgerungen
weit über das vom Neuen Testament her gesetzte Ziel hinaus, sofern sie,
ausgehend von jener biblisch bezeugten Gemeinschaft zwischen Gott und Jesus,
auf eine „von Ewigkeit bestehende 'Zweiheit', eine 'Spannung', ein 'Gegenüber'
in Gott“ schlössen.[46]
Vom Neuen Testament her sei es keineswegs erlaubt, „Aussagen über Vorgänge 'in
Gott' zu machen“ oder gar von „einem von Ewigkeit her gegebenen
'innergöttlichen Gegenüber von Vater und Sohn'“ zu sprechen. Kuschel bestreitet
schlichtweg, dass man aus der bibeltheologischen Erkenntnis, „dass wir die
Gottheit Gottes nicht mehr abgesehen von Jesus denken können“, folgern dürften,
geschweige denn, müssten, dass Jesus „nach der Seite seiner Einheit mit Gott,
als Sohn, schon gewesen“ sei, „bevor er als Mensch wurde, vor seiner
menschlichen Geburt.“[47]
Vom Neuen Testament her ließen sich, so Kuschel, folgende theologische
Überlegungen nun tatsächlich nicht mehr verantworten, Überlegungen und
theologische Aussagen, die sich aber bei Pannenberg finden lassen: „Wenn nun
die Geschichte Jesu und seine Person zum Wesen, zur Gottheit Gottes gehört, so
gehört auch der Unterschied, den Jesus zwischen sich und dem Vater festgehalten
hat, zur Gottheit Gottes. Die Beziehung Jesu als des Sohnes zum Vater, die mit
der Urchristenheit als 'Gehorsam' zusammengefasst werden darf, ist deshalb eine
Relation, die dem Wesen Gottes selbst eignet. Gott ist nicht nur 'Vater',
sondern er ist als der durch die Auferweckung Jesu offenbare Gott in seinem
ewigen Wesen auch 'Sohn'.“[48]
Spätestens
diese Kritik Kuschels an Pannenberg und anderen macht deutlich, dass Kuschel
das „Geboren vor aller Zeit“ doch letztlich wieder in Frage stellt. Was immer
Kuschel auch unter „realer, personaler Präexistenz“ versteht: Im Sinne der
klassischen Christologie will er all das nicht verstanden wissen. Den Gedanken
an ein ewiges Gegenüber in Gott, das zu der einen göttlichen
Wirklichkeit - etwa im Sinne eines in seinem ewigen Wesen bini- oder gar
trinitarisch differenzierten Gottes - selbst gehört, und der somit einer
immanenten Trinitätslehre Vorschub leistet, lehnt Kuschel klarerweise ab.[49]
Pannenberg
weist im zweiten Band seiner „Systematischen Theologie“ Kuschels Kritik entschieden
zurück.[50]
Zunächst wirft er ihm vor, das Verfahren der systematischen Theologie zu
verkennen, wenn er es „auf die Implikationen neutestamentlicher Aussagen für
die Sachzusammenhänge der Christusbotschaft“ reduziere.[51]
Überdies bleibe er, Kuschel, doch die Antwort auf die Frage schuldig, die sich
logischerweise aus der von Kuschel bejahten „untrennbaren Zugehörigkeit Jesu
als Person zu Gott in seiner Ewigkeit“ ergibt, auf die Frage nämlich, wie unter
dieser Affirmation der Folgerung zu entgehen sei, dass Jesus an der Ewigkeit
Gottes teilhabe. Nichts anderes artikuliere aber die Präexistenzaussage. „Die
Annahme einer Präexistenz des Gottessohnes, der in Jesu Verhältnis zum Vater
geschichtlich in Erscheinung trat, ist unausweichlich, wenn nicht nur die
Gemeinschaft Jesu mit dem ewigen Gott behauptet, sondern auch an der Bindung
der ewigen Identität des von Jesus verkündeten Vatergottes an die Beziehung zu
Jesus als seinem Sohn festgehalten werden soll. Ansonsten mögen Menschen nach
Gottes Erwählung Gemeinschaft mit dem ewigen Gott empfangen, ohne dass ihnen
deshalb Präexistenz zugeschrieben werden müsste. Wenn aber die Beziehung zu
einem Menschen konstitutiv sein soll für die ewige Identität Gottes selbst,
dann muss das Korrelat dieser Beziehung selber ewig sein, und daraus ergibt
sich die Präexistenz des Sohnes.“[52]
Diese
von Pannenberg artikulierte, von Kuschel aber übersehene innere Logik betont
übrigens exegetischerseits bereits Martin Hengel und wurde jüngst von Thomas
Söding, Knut Backhaus und Jürgen Habermann bestätigt: „Je mehr die
christologische Reflexion fortschritt, desto mehr drängte sie notwendig zur
trinitarischen Fragestellung hin [...]. Die Einführung des Präexistenzgedankens
in die Christologie geschah so aus innerer Notwendigkeit.“[53]
Dabei
konvergiert Kuschels exegetischer Befund insgesamt durchaus mit jenen
Ergebnissen, zu denen auch Jürgen Habermann, in seiner ebenfalls 1990
erschienenen, voluminösen und fundierten Studie mit dem Titel
„Präexistenzaussagen im Neuen Testament“ gelangt ist. Im Wesentlichen lassen
sich drei Übereinstimmung zwischen den Forschungsergebnissen Habermanns und
Kuschels feststellen:
Erstens:
Die präexistenztheologisch zu interpretierenden Hinweise, Andeutungen und
Aussagen des Neuen Testaments sind insgesamt von einer auffälligen spekulativen
Zurückhaltung geprägt. Sie stehen - bei aller unterschiedlichen Akzentuierung -
im Kontext soteriologischer Bekundung und haben ihren „Sitz im Leben“ im
Gottesdienst.
Zweitens:
Die im Neuen Testament artikulierte Präexistenz Christi kann nicht im Sinne
einer bloß idealen, sondern muss - in Orientierung an die seit der Mitte des 3.
Jahrhunderts v. Chr. zunehmend hypostasierten „sophia“ - als reale und
personale Präexistenz ausgelegt werden.
Drittens:
Die Präexistenzaussagen im Neuen Testament bilden eine gewisse Spannungseinheit
mit der vermutlich ursprünglicheren Erhöhungschristologie. Die Jesus aufgrund
seines geschichtlichen Handelns von Gott geschenkte göttliche Postexistenz
begründet mit innerer Folgerichtigkeit seine göttliche Präexistenz; denn, so
der schon von Schenke ausgesprochene und von Habermann zitierte mutmaßliche
Gedankengang: „Ein himmlisches Wesen kann man eigentlich nicht werden, sondern
man muss es immer schon sein.“[54]
So antworten die allesamt aus dem hellenistischen Judenchristentum stammenden
neutestamentlichen Präexistenztexte auf die Frage, ob „das von Jesus gebrachte
Heil „allein seine Ursache innerhalb der Welt“ habe und somit „der Erhöhte zur
Rechten Gottes jemals nur einfach ein Mensch sein“ konnte, schlichtweg mit
Nein.[55]
Allerdings:
Es gibt einen wesentlichen Punkt, in dem Habermann und Kuschel
voneinander abweichen. Habermann legt überzeugend dar, dass „die Vorstellung
von der Präexistenz Christi erheblich weiter verbreitet war, als es die relativ
geringe Anzahl der einschlägigen Stellen in den neutestamentlichen Schriften
vermuten lässt, und zwar deshalb, weil präexistenzchristologische Aussagen nie
kommentierend eingeführt oder erläutert werden, so dass auf eine Vertrautheit
bei den Lesern zu schließen ist. 'Wir haben folglich zwischen einer geringeren
Anzahl an Texten und einer größeren Bekanntheit der Sache zu differenzieren.'“[56]
Diese Einschätzung teilt Kuschel ganz und gar nicht. Er hält die Vorstellung
von der Präexistenz Christi eher für unbiblisch, insgesamt für eine
Vorstellung, die den Damaligen noch weitgehend unbekannt und ihnen sachlich wie
sprachlich gerade erst in den Sinn kam.[57]
Doch
zurück zur Kritik Pannenbergs, auf die Kuschel in seinem jüngst erschienenen
Beitrag über das Verhältnis von Exegese und Dogmatik noch einmal eingeht.[58]
Kuschel meint, Pannenberg ein „zutiefst problematisches“ Verhältnis dieser
beiden theologischen Disziplinen vorwerfen zu müssen; denn Pannenberg suche, so
Kuschel, „im Neuen Testament nur nach 'hinführenden Ansatzpunkten' für seine
von vornherein feststehende dogmatische Christologie“. Pannenberg reiche es,
„daß bei Paulus der 'Präexistenzgedanke' vorkommt, um ihn für seine eigene Dogmatik
zu funktionalisieren. So vermischt man, was zwei Vorstellungswelten angehört,
die durch einen Paradigmenwechsel getrennt sind.“[59]
Überhaupt dürfe die Dogmatik nicht länger mit der Schrift wie mit einem
Steinbruch umgehen, aus dem sie sich nur jene Stücke herausnehme, die sich
problemlos ins selbstgebastelte System einfügen lassen. Auch ein
„organologisches Entwicklungsmodell“, ausgedrückt im Bildschema „Knospe und
Baum“ werde der „geschichtlichen Komplexität nicht gerecht. Die dogmatischen
Aussagen entfalten nicht einfach harmonisch die neutestamentlichen 'Ansätze'.
Es ist damit zu rechnen, dass es zwischen der neutestamentlichen und
dogmatischen Christologie Spannungen, Kategorienwechsel, neue Transformationen
gegeben hat.“ Dogmatik müsse vielmehr so betrieben werden, dass sie „ihre
Begrifflichkeit immer wieder“ öffnet „auf den Befund der neutestamentlichen
Ur-Kunde hin“. Dabei gehe es nicht darum, „neutestamentliche Aussagen zu paraphrasieren
oder gar nur exegetische Ergebnisse zu referieren“. Vielmehr müsse es der
Dogmatik darum zu tun sein, den exegetischen Befund zum Maßstab ihrer
Interpretation, im vorliegenden Fall, jener der Präexistenzaussagen zu machen.
Und
genau darin kommt Kuschels eigentliches Anliegen zur Sprache, das ihn, wie er
selbst formuliert, ebenso eine „Lanze“ brechen läßt für v. Harnack wie für Hans
Küng: anhand der theologischen Rede von der Präexistenz Christi will er den
tiefgreifenden „Hiatus zwischen dem biblischen Befund und der klassischen
Dogmatik“ bloßlegen und die dadurch entstandene „Lebensfremdheit“,
„Kompliziertheit“ und allgemeine „Unverständlichkeit“ der Dogmatik durch eine
„konsequent betriebene Exegese“ überwinden. Dogmatik müsse heute der doppelten
Aufgabe gerecht werden: Sie habe so schrift- wie zeitgemäß zu sein, sie müsse
also auf die Bibel schauen und zugleich in die Gegenwart blicken.[60]
Doch
- spätestens an diesem Punkt - stellen sich etliche Fragen und ergeben sich
einige Folgerungen, die allesamt meinem Fragezeichen am Fragezeichen Kuschels
fokussieren.
Wie Kuschel die Präexistenzaussage
nicht verstehen will
Kuschel will die Rede von der
Präexistenz Christi nicht als Rede von der Präexistenz des Sohnes im
klassischen Sinne verstanden wissen, also nicht als Rede von der Ewigkeit des
Sohnes Gottes. Ausdrücklich lehnt Kuschel es ab, von „einem von Ewigkeit her
gegebenen 'innergöttlichen Gegenüber von Vater und Sohn'“ zu sprechen (Kuschel
1990, 528).
Kritik Wolfhart Pannenbergs an
Karl-Josef Kuschel
Kuschels Argumentation ist nicht
schlüssig:
· Wer die Zugehörigkeit Jesu als Person als notwendig für die
Wesensbestimmung des ewigen Gottes bejaht,
· muss auch Jesus als Person in die Ewigkeit Gottes hineinnehmen.
„Wenn die Beziehung zu einem Menschen
konstitutiv sein soll für die ewige Identität Gottes selbst, dann muss das
Korrelat dieser Beziehung selber ewig sein, und daraus ergibt sich die Präexistenz
des Sohnes“ (Pannenberg, Systematische Theologie II, 1991, 413).
5. Fragen und Folgerungen oder:
Fokussierung des Fragezeichens
Genügt dieser von Kuschel
programmatisch ausgerufene methodisch-hermeneutische Ansatz, den er
exemplarisch an der traditionellen Präexistenzaussage zu verdeutlichen sucht?
Reicht es aus, die Dogmatik auf das Programm einer 'konsequenten Exegese' zu
verpflichten, sofern man, und darin möchte ich Kuschel ausdrücklich zustimmen,
daran festhält, das die Aufgabe der Theologie nicht zuletzt darin besteht,
nach dem zu fragen, was die historisch begegnende christliche Botschaft
wirklich sagt und was sie für uns heute bedeutet? Ich habe schon vor einigen Jahren
am Beispiel der Mediävistik klarzumachen versucht, was die Dogmengeschichte für
die Dogmatik darstellt.[61]
Die Dogmengeschichte kann nicht einfach nur als Zitat aus der Sekundärliteratur
zur Sprache gebracht, noch weniger darf sie vollkommen ausgeblendet werden. Im
Gegenteil: Es kommt heute mehr denn je darauf an, mit ihr ins Gespräch zu
kommen, sich von ihr immer wieder anregen zu lassen und sich - womöglich - auch
an ihr zu reiben. Die Dogmengeschichte ist das kritische Gewissen der
systematischen Theologie. Ernsthaft betrieben, sorgt sie mit dafür, dass wir
die oft erschreckende Eindimensionalität heutigen Denkens durch Perspektivenreichtum
aufzusprengen und zur kritischen Überprüfung eingefahrener zeitgenössischer Positionen
und sich selbst gegenüber allzu unkritisch gewordener Kritiken zu gelangen
vermögen. Insgesamt geht es dabei keineswegs darum, die Antworten von gestern
aufzuwärmen, um womöglich den drängenden Fragen der Gegenwart auszuweichen. Es
gilt vielmehr im Sinne von Röm 12,2 sich nicht „dieser Welt konform“ zu machen,
sondern unser Denken immer wieder „zu erneuern“ (metamorfou=sqe).[62]
Auch
der keineswegs nur von Kuschel erhobene Vorwurf an die Dogmatik, sie gehe mit
der Schrift um wie mit einem Steinbruch, aus dem sie sich einzelne, ihr passend
erscheinende Stücke herausbreche, mag, wie Wilhelm Breuning, konstatiert, „in
manchen Fällen zutreffen. Der Sache nach“ sei das aber, so Breuning mit Recht, „ein
Angriff auf ein informationstheoretisches Offenbarungsverständnis, vielfach
allerdings von einer Basis aus, die selbst noch - bewusst oder unbewusst -
einem solchen Verständnis verhaftet“ sei. Damit spricht Breuning das aus, was
meines Erachtens tatsächlich vielfach zu beobachten ist: eine Sichtweise, die
folgendermaßen umschrieben werden kann: „gerechtfertigt durch die Schrift sei
eine Lehre, wenn sie zumindest ansatzweise schon als Lehre in der
Schrift feststellbar sei.“[63]
Solch
eine Sichtweise ist offensichtlich nach wie vor einer traditionell, einseitig
verstandenen Identitätsthese verhaftet, die erkenntnistheoretisch von der
Identität zwischen intellectus und intelligibile im Akt des Erkennens ausgeht.
„In der inwendigen und verinnerlichenden, formalen und formalisierenden Kraft
der Erkenntnis wird der Gegenstand im Akt des Erkennens mit dem Intellekt eins.
Weil der Inhalt der Erkenntnis zugleich Gegenstand des Erkennens ist, muss der
Denkinhalt im Urteil vom Gegenstand ausgesagt werden.“[64]
Das, was aber Thomas von Aquin noch wusste und festgehalten wissen wollte, vgl.
De veritate q.1 a. 1-3, geriet in der Folgezeit zunehmend in Vergessenheit: Die
Wahrheit hat ihren genuinen Ort nicht im menschlichen Urteil, in der
menschlichen Aussage, sondern im göttlichen Wort, im verbum divinum. Der
intellectus divinus habe, wie Thomas formuliert, die Geist-Seele erkennend, die
Dinge aber erkennbar gemacht und beide so aufeinander bezogen, dass sie nun
„von Natur aus“, d. h. von schöpfungswegen aufeinander bezogen seien.[65]
In der zeitgenössischen Philosophie war es übrigens Martin Heidegger, der
nachdrücklich betonte, dass es eine „Verkennung der Wahrheitsstruktur“ darstelle,
wolle man das „Wesen der Wahrheit“ im menschlichen Urteil „beheimaten“.[66]
Ihm lag daran, die Satzwahrheit zunächst auf die Sachwahrheit zurückzuführen
und diese als die ursprünglichere Gestalt von Wahrheit vorzustellen: „Die
Satzwahrheit ist in einer ursprünglicheren Wahrheit [...] in der
vorprädikativen Offenbarkeit von Seiendem gewurzelt, die ontische Wahrheit
genannt sei.“[67] Doch
auch mit dieser ontischen Wahrheit ist ihm noch nicht „das ursprünglichste Phänomen“
von Wahrheit vor den Blick geraten. Dieses scheint ihm „erst mit der Erschlossenheit
des Daseins“ gegeben;[68]
denn Wahrheit gebe es nur, wie es in „Sein und Zeit“ heißt, „sofern und
solange Dasein ist.“[69]
Bekanntlich ist für Heidegger aber Dasein menschliches Sein.[70]
Dieses menschliche Sein, das Dasein, unterscheide sich von dem
„nicht-daseinsmäßigen Seienden“ gerade dadurch, dass es sich nicht nur
„inmitten von Seiendem“ befindet, sondern sich auch „Sein-verstehend zu
Seiendem“ verhält.[71]
Und genau in diesem Sein-verstehen-können, dieses „Entdeckend-sein“ des Daseins
nennt Heidegger „die Entschlossenheit oder die Wahrheit des Daseins, in ihr
gründe die ontische Wahrheit, die Offenbarkeit der seienden Dinge.“[72]
Die
philosophische Hermeneutik zwang und zwingt auch die Theologie zu einer
kritischen Überprüfung ihrer Sätze. Sie fordert auf, etwa zwischen invariabler
Offenbarungswahrheit, gültiger theologischer Erkenntnis und kirchlicher Aussage
zu unterscheiden und „die Differenz von Wirklichkeit, Deuteform und Aussage“ so
zu reflektieren, dass „die deutende Begrifflichkeit als gültige und
zeitlich-bestimmte, zeitbedingte gesehen und die Aussage als
irreversibel-unaufhebbar und überholbar erkannt wird.“[73]
Überdies wird das, was „Offenbarung“ im christlichen Sinne meint, spätestens
seit dem II. Vatikanischen Konzil, seit „Dei verbum“, weniger mittels des
instruktionstheoretischen, als vielmehr dank des kommunikationstheoretischen
Modells verdeutlicht. „Unter den methodischen Grundvoraussetzungen eines
kommunikationstheoretischen Offenbarungsverständnisses“ aber wird rasch
„einsichtig, dass die Christologie nicht mit dem beginnt, was Jesus 'lehrhaft'
über sich gesagt [...], sondern eben in der Wahrnehmung dessen, was er als
seine Sendung vollbracht hat.“ In der Tat hat Jesus „seine Person nicht zum Gegenstand
einer belehrenden Dogmatik gemacht. 'Dank sei Gott, dem Herrn'“ möchte man mit
Wilhelm Breuning ausrufen.[74]
Doch diese Tatsache als Argument dafür zu benutzen, das gesamte christologisch-trinitarische
Bekenntnis fallen zu lassen, weil es sich „in Spekulationen“ versteige, „von
denen Jesus selbst nichts gewusst habe“, verkennt, dass „die Mitteilung Jesu
durch Jesus selbst“ geschieht. D. h.: „auf der Ebene des Geschehens“ ist auch
„die Bedeutung des Geschehens schon vorgegeben [...]. Was Jesus Christus 'für
uns' ist, bestimmt nicht ein nachfolgender Glaube, und die Theologie verleiht
ihm nicht durch ihr Nachdenken darüber erst seinen Sinn.“ Vielmehr kommt
theologisch alles darauf an, „aufzunehmen, was Jesus Christus von Gott und von
sich her ist.“[75]
Und
genau das versuchten die Konzilsentscheidungen der alten Kirche. Die
Hellenisierungsthese, aufgestellt von Adolf von Harnack, der Küng wie Kuschel
nach wie vor das Wort reden, hält einer kritischen dogmengeschichtlichen Prüfung
nicht stand. Das, was Adolf Martin Ritter, im konkreten Blick auf das
Chalcedonense formulierte, gilt mutatis mutandis auch für Nikaia. Das dort
artikulierte Credo entfalte seine „volle Aussagekraft“ gerade nicht in seiner
Aneignung, sondern allererst dank seines prinzipiellen Abstands „zum
Zeitgeist“.[76] Es
versuchte die biblische Aussage festzuhalten, dass Gott und Jesus in einem
einzigartigen Verhältnis zueinander stehen und sich in Jesus Gott selbst
geoffenbart hat. „Der Sohn gehört als aus dem Vater 'gezeugt' und mit ihm
'wesensgleich' eindeutig zur göttlichen Sphäre und zu dem einen göttlichen
Sein.“ Und genau darin ist, wie Grillmeier zu Recht betont „das genuin
Christliche zu sehen, dass Nikaia nicht der hellenistischen Konzeption des
Arius recht gab, sondern die biblisch-christliche Überlieferung aufrechterhielt
und weiter deutete. Es ereignete sich also tatsächlich mit Nikaia eine
Enthellenisierung (= Ausschaltung einer hellenistischen Theologie), nicht eine
Hellenisierung des christlichen Kerygmas.“[77]
Doch
warum ließ Nikaia sich auf diese Hellenisierung nicht ein? Warum setzt es sich,
indem es Sohn und Geist eigene Hypostasen zuerkannte, eher dem Vorwurf aus, wie
Ohlig feststellen zu müssen meint, „zwei (bzw. drei) Gottheiten“ zu lehren, als
sich der Plausibilität eines vorgefundenen philosophischen Konzepts anzupassen?
Die Antwort auf diese Frage scheint mir gerade im Blick auf die gegenwärtige
Diskussion um die Präexistenz Christi und auf die eingangs erwähnte
theologische Herausforderung der Christologie durch die PRTh zu wenig bedacht
zu werden. Sie verdient eine eingehende Untersuchung. Ich kann sie hier nur
insofern skizzieren, als dass noch einmal deutlich wird, warum ich der eingangs
genannten dritten Gruppe in der Frage nach der Präexistenz Christi zustimmen:
Es
ging - damals in Nikaia und heute - um nichts weniger als darum, die
soteriologische Perspektive des christlichen Kerygmas zu verdeutlichen.[78]
Sofern der in Jesus inkarnierte Logos-Sohn lediglich Geschöpf, wenn auch das
erste von allen, ist, vermag die unendliche Kluft zwischen Schöpfer und
Geschöpf, zwischen Gott und Welt durchaus nicht überbrückt zu werden. Darin
liegt ja gerade das Heil: Teilzuhaben an der Leben und Sterben überdauernden
Gemeinschaft mit Gott. Doch diese Gemeinschaft vermag nicht aufgrund eines
Geschöpfes oder gar bestimmter Leistungen von Geschöpfen, und seien sie noch so
hervorragend, zustande gebracht, sondern allein von Gott her eröffnet zu
werden.[79]
Die
christologische Präexistenzaussage spricht also keineswegs davon, dass der
Mensch Jesus oder seine Seele in jenseitiger Seinsweise bereits vor seinem
irdischen Dasein als Mensch existierte. Die Rede von der „Präexistenz Christi“
bezieht sich überhaupt nicht auf das Mensch-, sondern auf das Gottsein Jesu. Insofern
steht hier auch keineswegs die „ideale Präexistenz“ Jesu zur Debatte (in mente
divina praeexistens), sondern das inkarnierte Wort Gottes, das im Selbstsein
Gottes subsistiert. Der mehrfach erhobene Verdacht, die Präexistenzchristologie
rede jener mythologischen Vorstellungsweise das Wort, in der das Unweltliche,
Jenseitige und Göttliche als Weltliches, Diesseitiges und Menschliches
erscheint, verkennt, dass die Rede von der „Präexistenz Christi“ sich gerade
gegen ein Wirklichkeitsverständnis sperrt, das Gott und Welt, Schöpfer und Geschöpf,
Diesseits und Jenseits - womöglich mittels eines sie umfassenden Seinsbegriffs
- „subsumiert und somit vermischt“.[80]
Die präexistierende Hypostase des Logos stellt den Seinsgrund der menschlichen
Natur Jesu dar, darf aber nicht mit dieser verwechselt oder gar identifiziert
werden.[81]
Weil
sich die christologischen Aussagen zur Präexistenz gar nicht auf das Menschsein
Jesu beziehen, sind sie auch zu differenzieren von theologischen Aussagen,
welche die Postexistenz des Menschen Jesu betreffen und auf sein Gehaltensein
von Gott, seine Erhöhung „zur Rechten Gottes, des Vaters“ abzielen. Die
dogmatische Präexistenzchristologie tritt nicht in - womöglich noch
entwertender - Konkurrenz zur theologischen Rede vom irdisch-menschlichen
Jesus, sondern verleiht ihr allererst soteriologische Kontur. Nikaia erinnert
uns daran, dass der Sohn, der in Jesus Mensch geworden ist, kein Geschöpf,
sondern „eines Wesens mit dem Vater“ ist: „aus dem Vater gezeugt“ (gennhqe/nta)
bzw. „geboren“ (wie es in der lateinischen Fassung heißt „ex patre natum“); und
zwar - wie das Symbolum von Konstantinopel (381) erklärt - „vor aller Zeit“,
was nichts anderes heißt als in der Ewigkeit Gottes selbst.[82]
Mit
anderen Worten: Nicht im Geschöpflichen findet nach christlicher Botschaft
Gottes Liebe zur Welt ihren Grund, sondern in jener Liebe, mit der Gott von
Ewigkeit her seinen Sohn liebt. In Jesus von Nazaret als dem inkarnierten Sohn
Gottes kommt diese Liebe zu Wort und in Tod und Auferstehung zur Geltung. Jesus
ist der Christus, d. h. der mit dem Heiligen Geist Gesalbte. Seine Sendung
besteht darin, die Menschen anzusprechen, in Anspruch zu nehmen und an seinem
Geist teilhaben zu lassen (vgl. Lk 4,18). Erst in diesem Angesprochensein durch
den gekreuzigt Auferstandenen wissen wir uns im Glauben liebend angenommen von
Gott. Die Präexistenz des Sohnes ist die Präexistenz Christi. Mit jener wird
auf das Gottsein Jesu verwiesen, das von Ewigkeit her als zweite göttliche
Person besteht. Mit dieser kommt in Sicht, dass das im Glauben angenommene
„Wort Gottes“ als inkarniertes eine Beziehung Gottes auf die Schöpfung aussagt,
die von Anfang an in Christus besteht: die Welt, Gottes Schöpfung, von Beginn
an aufgenommen in die Liebe des Vaters zum Sohn, die der Heilige Geist ist.
Dieser belebt die Kirche und eint in ihr Menschen, die sich zu Christus
bekennen und so, mit Christus und untereinander verbunden, den Weg zum Vater
gehen.[83]
[1]Karl-Josef Kuschel:
Geboren vor aller Zeit? Der Streit um
Christi Ursprung. München u.a.: Piper, 1990.
[2] Neutestamentliche Aussagen von
präexistenzchristologischer Relevanz sind u.a.: 1 Kor 8,6; Phil 2,6-11; Kol
1,15-20; 1 Tim 3,16; Hebr. 1,2 f; Joh 1,1-6. Dazu auch die ausgezeichnete
Übersicht bei Rudolf Laufen: Der anfanglose Sohn. Eine christologische Problemanzeige.
In: Gottes ewiger Sohn. Die Präexistenz Christi. Hrsg. von Dems. Paderborn u.a.: Schöningh, 1997,
12. Zu den Aussagen der Konzilien vgl. vor allem DH 125 (Nizänisches
Glaubensbekenntnis), DH 150 (Konstantinopolitanisches Glaubensbekenntnis) und
DH 300-303 (Konzil von Chalkedon: Glaubensbekenntnis).
[3] Dazu meine Rezension in: MThZ 50 (1999) 1081 - 183.
[4] Paul M. Müller:
Was heißt das: Gottes ewiger Sohn? Rez. Laufen, Rudolf, Gottes ewiger Sohn.
Die Präexistenz Christi. Paderborn, 1997. In: Imprimatur Nr. 2,
1998, 1 - 3.
[5] Arno Schilson:
Rez. Laufen, Rudolf, Gottes ewiger Sohn. Die Präexistenz Christi. Paderborn,
1997. In: RHS 41 (1998) 58f.
[6] Werner Löser:
Jesus Christus - Gottes Sohn, aus dem Vater, geboren vor aller Zeit. Zur
Deutung der Präexistenzaussagen in der gegenwärtigen Theologie. In: Internationale
katholische Zeitschrift. Communio 6 (1977) 31 - 45, hier 34.
[7] Ludwig Ott:
Grundriss der katholischen Dogmatik. Freiburg u.a.: Herder, 101981.
[8] Michael Schmaus:
Der Glaube der Kirche. Handbuch katholischer Dogmatik. 2 Bde.
München: Hueber, 1969 - 1970.
[9] Löser (s. Anm. 6), 36.
[10] Hans Küng:
Christ sein. München: Piper, 1974; Edward Schillebeeckx: Jesus - die Geschichte von einem Lebenden.
Freiburg u.a.: Herder, 1975.
[11] Vgl. etwa Karl Rahner: Grundkurs des Glaubens.
Einführung in den Begriff des Christentums. Freiburg u.a.: Herder, 41976,
296f.; Wolfhart Pannenberg: Grundzüge
der Christologie. Gütersloh: Mohn, 21966; Ders.: Das Glaubensbekenntnis,
ausgelegt und verantwortet vor den Fragen der Gegenwart. Hamburg:
Siebenstern-Taschenbuch-Verl. 1972 (TB 165), 52 - 77 sowie die weiter unten
angeführten Arbeiten von ihm; Hans Urs von Balthasar:
Mysterium paschale. In: Mysterium Salutis III/2. Hrsg. von
Johannes Feiner u.a. Einsiedeln
u.a.: Benziger, 1969, 133 - 326, hier 147; Ders.:
Theodramatik Bd. 2/2: Die Personen des Spiels. Die Personen in
Christus. Einsiedeln: Johannes, 21998, 233 - 237; James Naduvilekut: Christus er Heilsweg.
Soteria als Theodrama im Werk Hans Urs von Balthasars. St. Ottilien: Eos,
1987 (Dissertationen Theologische Reihe, Bd. 22).
[12] Löser (s. Anm. 6), 39.
[13] Laufen (s. Anm. 2), 10.
[14] Deutscher Titel: Wurde Gott Mensch? Der Mythos vom
fleischgewordenen Gott. Gütersloh: Mohn, 1979 (Siebenstern Tb 315).
[15] Gerhard Gäde:
Viele Religionen. Ein Wort Gottes. Einspruch gegen John Hicks pluralistische
Religionstheologie. Gütersloh: Chr. Kaiser/Gütersloher Verlagshaus, 1998,
191.
[16] John Hick: An
Interpretation of Religion. Human Responses to the Transcendent. Basingstoke u.a.: Macmillan, 1989, 2. Auflage 1992;
deutscher Titel: Religion. Die menschliche Antwort auf die Frage nach Leben
und Tod. München: Diederichs, 1996.
[17] Paul F. Knitter:
Ein Gott - viele Religionen. Gegen den Absolutheitsanspruch des
Christentums. Gegen den Absolutheitsanspruch des Christentums.
München: Kösel, 1986; John Hick;
Paul F. Knitter: The Myth of
Christian Uniqueness. Maryknoll, New York: Orbis Books, 1987; Leonard Swidler (Hrsg.): The uniqueness of
Jesus. A dialogue with Paul F. Knitter. Maryknoll, New York: Orbis Books,
1997; Reinhold Bernhardt: Deabsolutierung
der Christologie? In: Der einzige
Weg zum Heil? Die Herausforderung des christlichen Absolutheitsanspruchs durch
pluralistische Religionstheologien. Hrsg. von Michael von Brück; Jürgen Werbick. Freiburg u.a.: Herder, 1993 (QD 143), 144 - 200.
[18] Gäde (s. Anm. 15), 212.
[19] Karl-Josef Kuschel:
Christologie und Pluralistische Religionstheologie. Die
Herausforderung John Hicks und eine theologische Antwort. In: Wege der
Theologie: an der Schwelle zum dritten Jahrtausend. Hrsg. von Günter Risse. Paderborn: Bonifatius, 1996, 481
- 493.
[20] Kuschel (s. Anm. 1), 510.
[21] Karl-Heinz Ohlig:
Wie von Jesus reden? In: Orientierung. Katholische Blätter für
weltanschauliche Information. Zürich, 15. April 1991.
[22] Ebd.
[23] Ebd.; Ders.: Fundamentalchristologie.
Im Spannungsfeld von Christentum und Kultur. München: Kösel, 1986, 630.
[24] Karl-Heinz Ohlig:
Ein Gott in drei Personen? Vom Vater Jesu zum 'Mysterium' der
Trinität. Mainz: Matthias-Grünewald-Verlag, Luzern: Ed. Exodus 1999.
[25] Dazu meine Rezension in ThGl (im Druck).
[26] Gotthold Hasenhüttl:
Von der Menschlichkeit Gottes. In: Laufen (s. Anm. 2), 227 - 237,
bes. 227.
[27] Paul Hoffmann: Zur
Problematik der christologischen Karriere des Jesus von Nazareth. In: Studien
zur Frühgeschichte der Jesus-Bewegung. Hrsg. von Dems. Stuttgart: Verl. Kath. Bibelwerk, 1994 (Stuttgarter
bibl. Aufsatzbände 17: NT), 257 - 272.
[28] Klaus Berger: Wer
war Jesus wirklich? Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1999 (Gütersloher
Tb 1448), 15.
[29] Ebd. 16.
[30] Adolf von Harnack: Lehrbuch der
Dogmengeschichte. Bd. I, Tübingen: J. C. B. Mohr, 41985, 806.
[31] Hans Küng: Das
Christentum. Wesen und Geschichte. München u.a.: Piper, 1994, 129.
[32] Ebd. 224.
[33] Ebd. 238.
[34] Kuschel (s. Anm. 1), 640.
[35] Ebd. 641.
[36] Ebd. 642.
[37] Ebd. 643.
[38] Ebd.
[39] Ebd. 644.
[40] Otto Knoch: Rezension.
In: BiKi 46 (1991) 200f, hier 201.
[41] Wolfgang Beinert:
Rezension. In: ThGl 80 (1990) 525.
[42] Gerhard Ludwig Müller:
Rezension. In: MThZ 44 (1993) 129 - 134, hier 130. Vgl. auch die
dichte Darstellung von DEMS.: Präexistenz Christi. In: LThK Bd. 8, 31999,
489 - 491.
[43] Zur Rezeption der Studie Kuschels vgl. Laufen (s. Anm.
2), 23 - 26.
[44] Kuschel (s. Anm. 1), 517 f.
[45] Ebd. 528.
[46] Ebd. 524, zur Kritik Kuschels an W. Kasper vgl. ebd.
591 - 594.
[47] Ebd. 528.
[48] Ebd. 523 f.; zitiert wird Pannenberg 1966 (s. Anm.
11), 159.
[49] Kuschel scheint durch die Differenz der Personen die
Einheit Gottes gefährdet zu sehen. Dass diese Gefährdung keineswegs notwendig
gegeben sein muss, zeigt deutlich Gisbert Greshake:
Der dreieine Gott. Eine trinitarische Theologie. Freiburg u.a.: Herder,
1997, 196f. Ohlig hält Greshakes beeindruckenden Entwurf allerdings für
„Spekulation ohne historische Basis“. In: Imprimatur 30 (1997) 18-21.
[50] Wolfhart Pannenberg:
Systematische Theologie. Bd. 2, Göttingen: Vandenhoeck &.
Ruprecht, 1991, 410, Anm. 126 und 413, Anm. 134.
[51] Ebd. 413, Anm. 134.
[52] Ebd. 413 f.
[53]Martin Hengel: Der
Sohn Gottes. Die Entstehung der Christologie und die jüdisch-hellenistische
Religionsgeschichte. Tübingen: Mohr, 21977, 109 - 112.
[54] Jürgen Habermann:
Präexistenzaussagen im Neuen Testament. Frankfurt a. M. u.a.:
Lang, 1990, 421.
[55] Ebd. 429.
[56] Laufen (s. Anm. 2), 20; zitiert wird Habermann (s.
Anm. 54), 415.
[57] Kuschel (s. Anm. 1), 509.
[58] Karl-Josef Kuschel:
Exegese und Dogmatik - Harmonie oder Konflikt. Die Frage nach einer
Präexistenzchristologie bei Paulus als Testfall. In: Laufen (s. Anm. 2),
143 - 161.
[59] Ebd. 158.
[60] Ebd. 160 f.
[61] Manfred
Gerwing: Zur Bedeutung der Mediävistik für die systematische
Theologie. In: FZPhTh 43 (1996) 65 - 83.
[62] Röm 12,2: „Auch macht euch nicht dieser Welt konform,
sondern wandelt euch um durch Erneuerung eures Denkens.“
[63] Wilhelm Breuning:
Die trinitarische Christologie der frühen Konzilien. Plädoyer für
ihre Verwurzelung im Christusereignis selbst. In: Laufen (s. Anm. 2), 179 -
198, hier 187.
[64] Ludwig Hödl: Neuansätze
in der dogmatischen Christologie. In: Welt-Wissen und Gottes-Glaube in
Geschichte und Gegenwart. Hrsg. von Manfred Gerwing. St. Ottilien: Eos, 1990, 123 - 140, hier 127.
[65] Thomas von
Aquin: Quaestiones disputatae. De veritate q. 1 a 2.
[66] Martin Heidegger:
Vom Wesen der Wahrheit. Frankfurt a.M.: Klostermann, 81997,
12; Ders.: Sein und Zeit.
Tübingen: Niemeyer, 121972, 226.
[67] Martin Heidegger:
Wesen des Grundes. In: Festschrift für Edmund Husserl zum 70.
Geburtstag gewidmet. Halle a d. S.: Niemeyer, 1929 (Ebd. z. Jahrb. für Philosophie
u. phänom. Forschung), 78f.
[68] Heidegger 1972 (s. Anm. 66), 220.
[69] Ebd. 226.
[70] Ebd. 11: „Dieses Seiende (Mensch) [...] fassen wir
terminologisch als Dasein.“
[71] Heidegger (s. Anm. 67), 105.
[72] Josef Pieper: Heideggers
Wahrheitsbegriff. In: Ders., Schriften zum Philosophiebegriff. Hrsg.
von Berthold Wald. Hamburg 1995
(Werke in acht Bänden Bd. 3), 192; dazu auch die Rezension von mir in: WiWei 59
(1996) 154 - 158.
[73] Hödl (s. Anm. 64), 1990, 128; Manfred Gerwing: Theologie im Mittelalter.
Personen und Stationen theologisch-spiritueller Suchbewegungen im
mittelalterlichen Deutschland. Paderborn u.a.: Schöningh, 2000, 153 - 157.
[74] Breuning (s. Anm. 63), 187.
[75] Ebd.
[76] Carl Andresen; Adolf
M. Ritter: Geschichte des
Christentums I,1: Altertum. Stuttgart: Kohlhammer, 1993 (Theol.
Wissenschaft Bd. 6,1), 92f.
[77] Alois Grillmeier:
Mit ihm und in ihm. Christologische Forschungen und Perspektiven.
Freiburg u.a.: Herder, 1975, 536.
[78] Peter Hünermann:
Jesus Christus. Gottes Wort in der Zeit. Eine systematische
Christologie. Münster: Aschendorff, 21997, 153.
[79] Vgl. dazu auch die am 31. Oktober 1999 unterzeichnete
„Gemeinsame Erklärung über die Rechtfertigungslehre“.
[80] Peter Knauer: Der
Glaube kommt vom Hören. Ökumenische Fundamentaltheologie. Freiburg u.a.:
Herder, 61991, 140 f., Anm. 181.
[81] Nur sofern klar ist, dass Jesus als Bezeichnung für
diese Hypostase der gott-menschlichen Union fungiert, darf im Sinne der
Idiomenkommunikation dann auch von der Präexistenz Jesu die Rede sein.
[82] Lothar Ullrich:
Präexistenz Jesu Christi. In: Lexikon der katholischen
Dogmatik. Hrsg. von Wolfgang Beinert.
Freiburg u.a.: Herder, 1997 (akzente) 420ff.
[83] Vgl. II. Vaticanum, LG 4,1.